Neue Berufe

Jahrhundertelang war die Sache ganz einfach im Land der Berge. Bauernkinder wurden Knechte, Mägde oder übernahmen den Hof, der Handwerkernachwuchs erbte die Werkstatt oder ging auf die Walz, wurde Schuster, Schneider, Bäcker, Geigenbauer. Apotheken blieben in der Familie, Notariatskanzleien, Hammerwerke, Mühlen. Die Schloßbesitzer blieben im Schloßbesitzermilieu. Adel verpflichtete.

Aber irgendwann griff die Freiheit nach den Österreichern (die Österreicherin ist immer mitgemeint), Stand und Beruf wurden nicht mehr rigoros vererbt, sondern in Maßen Ziel eigener Wünsche und Talentvorgaben. Die Berufsphantasien der Nachkriegsgeneration zielten noch Richtung Lokomotivführer, Feuerwehrhauptmann, Astronaut (Buben), sowie Kindergartentante, Friseurin und Auslagendekorateurin (Mädchen). Und es hieß: Einmal Installateur, immer Installateur, einmal Lehrerin, immer Lehrerin, einmal Elektriker, immer Elektriker, Fernsehansagerin, Badewaschl, Stenotypistin. Das Bild sollte sich schon für die Boomer ändern. Die Sicherheit des Berufsweges geriet ins Taumeln.

Aus Berufen wurden Jobs, und die ändern sich mittlerweile im Monatstakt, boomen, verschwinden, kristallisieren sich neu. Branchen kommen und gehen, Lebensplanung zielt allerhöchstens auf Jahre. Laufbahnen verkürzen sich, enden in Sackgassen. Aus Kraftfahrzeugmechanikern werden Crypto-Berater, aus Verkäuferinnen Work-Life-Balance-Coaches, aus Grafikern Smoothie-Consultants, KI-Prompter, Directors of First Impressions, Mystery Shoppers, Happiness Officers, Team-Building-Managers, Food-Stylist·innen, Warm-Uppers, und ganz wichtig: Influencer.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 16. August 2025.

Austrosensor

Sprechen wir über das Gefühl. Bei den Gefühlen kennt sich Österreich aus. Es sei „Vü zvü Gfü“ (viel zuviel Gefühl), bringt es die Grundlseer Mundart-Band Die Seer auf den Punkt: „Kimm glei, sollst di beeiln“, ruft die Stimme des steirischen Herzens, „i mecht des Gfü heit mit dir teiln!“ Fühlen hat also, ganz im Gegensatz zu vielen anderen inneren Österreichvorgängen ganz viel mit Teilen, Mitteilen zu tun.

Und wie alles im Getriebe des Miteinander ist es die Schule, die unseren Blick für das Wesentliche weitet. Ein wichtiges Instrument zur Übermittlung von Gefühlen war lange Zeit und österreichweit das Mitteilungsheft. Hier kanalisierten Lehrkräfte ihre Gefühle zu individuellen Schulkindern. Die kleinen Botschaften an die Eltern waren Liebesbriefe ohne Liebe, aber reich an anderen Gefühlen. „Herbert schwätzt und stört den Unterricht“, „Renate hat wieder einmal den Atlas zuhause vergessen“, „Karl-Heinz stiehlt anderen das Pausenbrot“.

Die Mitteilungshefte sind aus den Schultaschen verschwunden, an ihre Stelle sind digitale Nachfolger getreten. Emails, Gruppen-Chats, warnende SMS und Alarm-Nachrichten in den diversen School-Apps. Das Gefährliche ist geblieben: Die Betroffenen sind vom Dialog weitgehend ausgeschlossenen. Früh entsteht so ein Gefühl für Macht und Ohnmacht. Hie die Verwalter, dort die Verwalteten. Und über und zwischen ihnen schriftliche Kommunikation. Nachrichten, Verlautbarungen, Eingeschriebenes. Gefahr.

Die österreichische Seele antwortet mit Gefühlen. Tiktok-Gerüchten, WhatsApp-Geraune, Twitter-Orkanen und Kommentar-Tsunamis. Vü zvü Gfü.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. August 2025.

Das Sommerloch

Als Sommerloch bezeichnet der Volksmund jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt auszudünnen scheint. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Die Deutschen, nie verlegen, die Welt anders zu sehen, kennen ihr Sommerloch als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake und eine Scheibe Brot, und die solcherart behandelt dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.  

Dass der aufmerksamkeitsüchtige Boulevard den Sommer traditionell als Herausforderung versteht, wird von Kritikern der Nachrichtenverflachung bemängelt, wenn auch weitgehend vergeblich. Die Schlagzeilenschleudern berichten also sommers von seltsamen, meist giftigen oder sonstwie auffälligen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und automobilistischer Unintelligenz.

Seriöse Zeitungen haben journalistisch andere, nämlich wirkliche Sorgen. Sind doch dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen die mitteleuropäischen Urlaubsgefühle weitgehend egal. Die internationale Politik hält sich nicht an die hiesigen Kalender. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art folgen eigenen Gesetzen.

Und seit der große Nachrichtenmacher Donald Trump die Schalthebel der US-amerikanischen (und damit der globalen) Politik bedient, gehen gesellschaftliche und Umweltkatastrophen nahtlos ineinander über. Der Sommer hat kein Loch mehr.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 19. Juli 2025.

 


Nicht erschienene Version:

Als Sommerloch bezeichnet die publizistische Welt jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt ausdünnt. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen ist das dennoch weitgehend egal, abgesehen davon gilt die Jahreszeit Sommer immer nur für die betroffene Hemisphäre. Wichtige Teile der Welt befindet sich momentan im Winter (oder Spielarten) davon.

Nennen wir diese Periode des Zeitungsgeschehens also „unser Sommerloch“, das „österreichische Sommerloch“. Die Deutschen kennen ihres als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake mit einer Scheibe Brot, und dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.

Nehmen wir das Synonym beim Wort. Die Gurken (die Nachrichten) reifen im Salzglas (in der unterbesetzten Redaktion) ganz von selbst. Geschichten und Vorfälle schreiben sich ohne großes Zutun. Sie handeln von seltsamen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und galoppierenden Berichten über US-präsidiale Unintelligenz. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art tun das ihrige, um den Anschein zu erwecken, es sei viel los, obwohl nichts passiert.

Neu dazugekommen in den Kanon der Sommerlochthemen sind die Nachrichten von der künstlichen Intelligenz. Mittlerweile werden die Sommerlochgeschichten über die künstliche Intelligenz selbst mit Hilfe, und immer häufiger von künstlicher Intelligenz verfasst. Sauer!

Sommer

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“, sang der holländische Showmaster Rudi Carrell 1975, „ein Sommer, wie er früher einmal war, ja, mit Sonnenschein von Juni bis September, und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr!“ Ans Jahr 1975 und den Refrain des besagten Liedes erinnern sich vereinzelt noch die Boomer unter uns, an den schlaksigen Witzemacher und seine Sendungen auch nur die. Früher war alles besser, sagen die einen, stimmt so nicht, die anderen. Angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen sommerlichen Hitzewellen möchte man Rudi Carrell die österreichische Ansicht zum Thema in die Vergangenheit hineinrufen, er habe das damals gründlich „verschrien“, die Sache mit dem Sommer.

Wie war das damals? Deutsches Fernsehen brachte deutschen Humor in die Wohnzimmer Schnitzellands und deutscher Humor war der holländische des Rudi Carrell. Der Sommer der Deutschen und der Holländer fand in besagter Zeit mit Vorliebe in hiesigen Gegenden statt, wobei sich die Deutschen in den Hotelpensionen und Frühstücksbleiben verteilten, die Holländer aber die Campingplätze besiedelten. Lückenlos. Das Bild der schwankenden Wohnwägen auf den Landstraßen, und der kochenden Kühler auf den Pässen gehört zum visuellen Erbe dieser Zeit.

Neben der saisonalen Eiskarte mit neuen und alten Tiefkühllegenden (Twinni! Piper! Brickerl!) war es der jährliche Sommerhit, der die Ferienzeit bestimmte. Man muss weder Rudi Carrell noch seinem launigen Lied nachtrauern, um festzustellen, es ist alles anders geworden. Kochende Kühler gibt es keine mehr, und sibirische Sommer nicht einmal dort.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 5. Juli 2025.

Privatsachen

Der österreichische Privatmensch ist ein Sammler. Das Ansammeln ist dem Land der Berge eingeschrieben. Schon die Landesfürsten aus dem Hause Habsburg definierten sich über ihre Kunstsammlungen, Schatzkammern und Gemäldegalerien. Im Kleinen sind wir alle Kaiser. Im weiten Feld des Feinstofflichen werden Überstunden gesammelt, Pensionsjahre, Freiminuten, Bonusmeilen. Auch in den Räumen des Stofflichen horten die Österreicher emsig, die Österreicherin ist wie immer mitgemeint, weil selbstständig sammelnd. Rabattpickerl, Autogramme, Bierdeckel, Gartenzwerge, die Kategorien des Sammelbaren kennen kaum Grenzen. Die Exponate füllen die Wohnzimmer, Dachkammern und Keller.

Eine besondere Zuneigung, ja verklärende Besitzlust kann der Fetisch entfesseln. Er beginnt beim Zweitwagen, verirrt sich in Leder, Gummi und knapp sitzender Spitze, bereist die Universen zwischen den Buchdeckeln, versteigt sich in den Levels der Computerspiele und endet in der Vergänglichkeit von Gerüchen und Geschmäcken. Größte spirituelle Verzückung kitzelt das Gefährliche hervor, der Tanz auf dem gesellschaftlichem Vulkan, das Abspulen von Triathlonkilometern, die Schönheitschirurgie, das Beklettern tödlicher Gipfel, der Flugrausch an Schirm und Drachen.

All das und indviduell noch mehr vermag der Waffenbesitz einzulösen. Er verbindet Sicherheit mit Leidenschaft, Selbstbestimmung mit Werkzeugfreude, Jagdlust mit Verteidigungsbereitschaft. In der Waffe kulminiert das Kleine mit dem Großen, das Hehre mit dem Niedrigen. Wüßte man es nicht schlechter, könnte man sagen, Österreich ist die Waffe, die alle von uns besitzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Juni 2025.

Der österreichische Handschlag

Die alten Baiern zogen einander am Ohr, Kaiser, König, Edelmann siegelten, Ämter stempelten, die Welt des Kapitals kennt die Unterschrift. Jedes Schriftl ist ein Giftl, antwortet man in Österreich, denn für Akte des Vertrauens, für Abkommen und Vereinbarungen aller Art gibt es den Handschlag. Der Handschlag ist kein Griassdi und kein Hallo – für Begrüssungen tippt man sich an den Hutrand, hebt das Krügel, reißt einen Seawas runter. Der Handschlag ist tief empfundene Landeskultur, er gilt jenseits aller Vorschriften und Gesetze als rechtsverbindlich und echt, als willkürliche Gegenwartsgeste, die in die Ewigkeit reicht.

Der österreichische Handschlag ist nicht geschüttelt, wie die bürgerlich-amerikanische Guten-Tag-Geste des höflichen Händedrucks, der hiesige Handschlag ist fest wie die Gerichtslinde am Dorfplatz und klar wie der Affirmations-Obstler im Stamperl danach. Im (stets männlichen) Handschlag verdichtet sich die Erinnerung ans Armdrücken am Kirtag, an die helfende Hand nach dem Mopedausrutscher, an die klebrige Schwurhand nach dem nächtlichen Maibaumumsägen.

Obschon die Handschläger mit gleicher Festigkeit zudrücken, wissen sie insgeheim, wer der Stärkere ist. Gleichheit wird nur simuliert, behauptet, sie schwindet spätestens beim Bündnisbruch. Ehrhaftigkeit (nicht Ehre), Verlässlichkeit in Männerbelangen wird daher, gerne auch von Lokalpolitikern, in die Formel von der „Handschlagqualität“ gegossen. Kaum je wurde diese einer Frau zugesprochen. In Sachen Gleichberechtigung gibt es also noch Ritualbedarf.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 6. Juni 2025.

Eiskarte 2025

Österreich ist ein Land des Verkehrs. Im Verkehr kennt es sich aus. Im Straßenverkehr, im postalischen Verkehr, im Fremdenverkehr. Das Werkzeug zur Vermittlung verkehrlicher Anliegen ist die Karte. Je nach Sparte bedient sie Wünsche und Möglichkeiten der Beteiligten.

Sehen wir uns die Karten an. Die österreichische Straßenkarte (heute die virtuelle im Navi) organisiert das friedliche Hin und Her im Land, das Ankommen und das Wegfahren, den Durchzug, den Transit. Die österreichische Wanderkarte (heute die am Handy) erschließt die Bergwelt, führt zu Hütten und Herbergen, zu Gipfeln, Graten und Gletschern. Die Fahrkarte erlaubt die Reise mit Öffis aller Art, die Eintrittskarte den Zugang zu musealen Österreichischkeiten, erschließt Burg und Schloß, Ausstellung und Erlebniswelt. Mit der Postkarte (heute dem Posting) werden Anwesenheitsbeweise, Kurznachrichten und familiär-bekanntschaftliches Allerlei übermittelt. Die Speisekarte endlich erschließt Kochkunst, Preismoral und Ästhetik des individuellen Verköstigungsbetriebs. Nach französisch-italienischem Vorbild kann sie auch mündlich vorgetragen werden, in Form eines kulinarischen Kurz-Epos. Die kürzeste Form dieser gesprochenen Karte erzählt alles über Weniges, und damit alles über Österreich: „Schnitzel hätt ma, Gulasch, und a Eierspeis“, im Kaffeehausfall „den Spezialtoast.“

Die Zusammenfassung all dieser Karten ist die Eiskarte. Die Fahrkarte in die Hitze-Stillung sommerlicher Akut-Gustos. Die Eintrittskarte ins Feriengefühl, die Wanderkarte in die Welt der transportablen Mikrogletscher.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2025.

Weltuntergang

Ein alter Witz, der fälschlicherweise Karl Kraus, Gustav Mahler und in einigen Varianten auch Bismarck, Hegel, Heinrich Heine, Abraham Lincoln und Mark Twain zugeschrieben wird, geht so: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Österreich. Dort passiert alles zehn Jahre später.“

In Maßen ist die Republik jüngst von jener Untergangs-Bewältigungs-Philosophie gestreift worden, die in US-Amerika (und verbandelten Gegenden) als Preppertum firmiert. Prepper sind Leute, die sich auf mögliche Katastrophen und Notfälle vorbereiten. Die Bezeichnung leitet sich vom englischen Ausdruck „to be prepared“ ab, was soviel „bedeutet, wie „vorbereitet zu sein“. Auf den Bürgerkrieg, den Atomkrieg, die Apokalyse. Auch die Schweizer haben jahrzehntelang gepreppert – unser westliches Nachbarland gilt als nahezu lückenlos unterbunkert. Österreich ist immerhin weitgehend unterkellert.

Minimal preppern auch Österreichs Ministerien und und andere Behörden, indem sie vor Blackouts (Stromausfällen) und Brownouts (Netzschwächeanfällen) warnen. Man möge sich für diese Fälle Getränkevorräte anlegen, Nassrasierer, Kerzen und ein Kurbelradio vorrätig halten. Dass der Notfall rituell verankert ist, manifestiert sich am Land jeden Samstagmittag in der Sirenenprobe (in Wien findet diese nur am ersten Samstag im Oktober statt.) Sinn der Testung ist es, die Bevölkerung auf die Existenz von Sirenen aufmerksam zu machen. Was im Ernstfall zu tun ist, wissen die wenigsten. Mit einer Ausnahme: Die Prepper. Sie begeben sich im Alarmfall in den gut gefüllten Bunker.

In Österreich haben sie dazu 10 Jahre Zeit.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2025.

Wien

Eine Freundin von mir lebt im Burgenland, in einer angenehm hügeligen Gegend, touristisch noch weitgehend unentdeckt. Dörfer, Wiesen, Felder, Weingärten. Die älteren Dörfler leben nebenerwerbsbäuerlich in weißgetünchten Vierseithöfen, die jungen haben sich bunte Einfamilienhäuser gebaut. Die Nahversorgung stellt das Lagerhaus zur Verfügung, und die lokale Tankstelle. Wirtshäuser gibt es keine mehr. Man trifft sich bei der Blasmusik und in der Buschenschank. Österreichische Provinz. Meine Freundin hat sich als Kräuterpädagogin ausbilden lassen, pendelt aus, heilt und berät.

Wenn wir telefonieren, gilt die erste Frage dem jeweiligen Wetter, dann wird gefragt, ob alle gesund seien und dann wird es politisch. Wie ist die Stimmung bei euch? Im Südburgenland ist sie sozial konservativ, hin und wieder gibt es Unmut. Hagel, Frost, Überschwemmungen. Von Wien hat meine Freundin ein düsteres Bild. In diesem Bild gibt es täglich Schießereien zwischen Mafia-Gangs von Balkan, in den Gassen marodieren Messerstecher und Drogendealer, kurz Wien ist gefährlich wie die Armenviertel von Caracas, über beleumundet wie Kabul, Khartum, Karachi. Ob ich mich noch auf die Straße traue? Jederzeit, antworte ich dann. Das Schlimmste was mir in den letzten Monate passiert sei? Dass die Bim 7 Minuten Verspätung hatte und ich keinen Sitzplatz mehr bekam. Die letzte Polizeisirene hätte ich 2024 gehört. Nur die Post wäre so unzuverlässig wie in einer Bananenrepublik. Das verbitte sie sich, sagte meine Freundin. Ihre Schwester lebe in Guatemala, und da käme die Post zuverlässig an.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 26. April 2025.

Hass im Netz

Sie heißen Raecher0851, BauxiEins11, Seppi13 und Gemmagetscho1. Die Zahl der anonymen Internetpersönlichkeiten mit halblustigen Kurznamen und Zahlenendung geht in die Millionen. Sie verstehen sich als mutige Individueen, als Kreuzritter der Freien Rede. Vereint sind sie zur Stelle, wenn der Shitstorm aufkommt, wenn es gegen die Aufgeklärten geht, gegen die vermeintlich Mächtigen, weil öffentlich Auftretenden. Das Mächtige meinen sie schon im schieren Realnamen zu erkennen, Aufgeklärtes, wissenschaftlicher Evidenz oder schlicht Fakten Folgendes desavouieren sie als Fake-News und Lügenpropaganda. Journalistinnen erregen ihren Umut, Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen. Die Zornigen tummeln sich in den Online-Foren der Zeitungen, in den diversen (Un)sozialen Medien, vor allem aber auf X, der toxischen Verlautbarungsplattform des Elon Musk. Mistgabeln braucht es keine für ihre Krawallstürme, keine lodernden Fackeln, es genügt eine abgewetzte Tastatur und ein alter PC-Kübel. Viele rücken inzwischen am Handy aus, um Gutmenschen fertigzumachen. Es scheinen Männer mit brüchigen Biographien zu sein, gesellschaftlich marginalisiert, fremdbestimmt und verbittert. Sie schreiben keine Gedichte, keine Lieder, keine Romane, ja nicht einmal Pamphlete, um ihren ungestillten Zorn zu kanalsieren, ihnen genügt kurzzeiliger Hass. Mit zwei, drei Fingern getippt, im Stil schnellverfasster Klotüren-Polemik.

Vor Gericht gestellt, in Reportagen erforscht entpuppen sich die Hassposter als harmlos auftretene Biedermänner, Familienväter, Durchschnittsbürger. Der amtierende US-Präsident und sein südafrikanischer Berater-Buddy sind bekannte Ausnahmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 12. April 2025.

Farben der Saison

Leise und ausdrucksarme (sprich: fade) Politiker werden auch in Österreich, Traditionsgegend der Halbschatten und Zwischentöne als „farblos“ diskreditiert. Sehen wir rüber ins Weltgeschehen: Der Vorwurf der verbalen und mimischen Unbuntheit hat dem scheidenden deutschen Kanzler Scholz das Amt gekostet, auch Joe Biden und seiner Karriereverlängerung wurde lähmendblasse Grauheit zum Verhängnis. Farblosigkeit ist zwar bei Herrenanzügen, teuren Limousinen und den Dreitagesbärten der Manager gängiges Muss, auf dem Tanzparkett der Temperamente aber ist graue Zurückhaltung mittlerweile verpönt.

Man versteht, dass die amerikanische Gesellschaft Gefallen an orangen Gesichtern und knallroten Schirmmützen entwickelt hat, an kajalschwarzen Krawallaugen und pennälerhaftem Brachialgehopse. Diplomatische Besonnenheit und elegantes Auftreten sind dank Trump und Musk, und ihrem geheimen Stilberater, dem argentinischen Kettensägenonkel Millei wenig bis gar nicht mehr gefragt. Nicht ganz unschuldig daran ist das weltweite Mediennetz, das nach Aufruhr und Politikgekreische im Minutentakt verlangt. Die Castingshow läuft auf allen Kanälen und hat nur wenige Regeln: Schrill schlägt jederzeit schrullig, böse und berechnend obsiegen immer über berufen und befähigt. Die Grenzen des Möglichen wurden verschoben. Der Politikertypus Horrorclown hat die Bühne betreten und verweigert Aktwechsel, Schlussapplaus und den Gang in die Garderobe.

Man muss dem hiesigen Kanzlerduo Christian Stocker und Andi Babler geradezu dankbar sein, dass sie dem Genre „farblos“ neue Würde verleihen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. März 2025.

Trio Infernal

Wir befinden uns im Kino-Frankreich der Siebzigerjahre, blicken aber zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Ein für militärische Tapferkeit ausgezeichneter Anwalt (Michel Piccoli) und zwei von der Deportation bedrohte deutsche Schwestern (Romy Schneider und Mascha Gonska) beginnen, Lebensversicherungsgesellschaften durch kurze, stets tödliche Ehen mit betuchten alten Männern zu betrügen. Angestachelt vom Erfolg ihrer ausgeheckten Gaunereien scheuen sie schließlich auch vor Mord nicht zurück, töten einen Zufallskomplizen und seine Frau, eine reiche Wuchererin. Die Leichen lösen sie in Badewannen voller Schwefelsäure auf. Ein weiteres Unterfangen erweist sich für eine der Schwestern als tödlich. Tief verbunden durch ihr bestialische Tun heiratet der Anwalt, mittlerweile in die Politik gegangen, die Verbliebene des Trios. Eine Lebensversicherung wurde abgeschlossen. Hier endet der Film, der Ausgang ist so offen wie wahrscheinlich.

Filmisches auch heute. Mutet die US-amerikanische Politik dieser Tage, Wochen und Monate doch an wie eine Melange aus tabuloser Horrorgroteske und monumentalem James-Bond-Film. Mit einer verstörenden Ausnahme. Im laufenden Thriller im Weißen Haus gibt es nur Weltbösewichte, rettende Agenten mit Stil und Absichten sind nicht in Sicht, sie wurden erst garnicht ins Drehbuch geschrieben.

Das Publikum sieht dem Treiben mit einer Mischung aus Angstlust und Abscheu zu. Popcorn und Sportgummi sind längst ausgegangen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. März 2025.

Wie ist das mit den Fragen?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 10/2025 vom 5. März 2025

Liebe Frau Andrea,
Immer wieder werde ich, meist von Freundinnen und Freunden, zur Metabene dieser Kolumne befragt. „Wann denkst du dir die Fragen für deine Kolumne aus?“ heißt es dann, und „Das sind echte Fragen, von echten Leuten? Nein, komm!“ Stellvertretend für diese wiederkehrenden Erörterungen stelle ich also wieder die eine alte Frage an mich: „Beantwortest Du hier echte Fragen?“Beste Grüße, Andrea Maria Dusl (ich),
Upper Westside Leopoldstadt,
in kolumnistischer Introspektionspermanenz

Liebe Andrea,

eingedenk einer legendären Kabarett-Nummer Fritz Grünbaums, in der dieser sich in vorgegebener Doppelfunktion als Kabarett-Direktor und kabarettistischer Conférencier in einem fiktiven Vorstellungs-Gespräch mit sich selbst verzettelt, versuche ich mich also wieder einmal in kolumnistischer Persönlichkeitsspaltung.

Ja, lautet die kurze Antwort, hier werden echte Fragen von realen Menschen beantwortet. Nichts ist ausgedacht. Die Fragen kommen auf verschiedenen Kanälen zu mir, meist per Email, manchmal als Direktnachricht auf Facebook oder Bluesky, und auch Postkarten trudeln ein. Fragen anonymer Individuen, herangetragen von „@Trollmeister42“, „@Elfenheil7“ oder „@Halligallitrude“ erfahren keine Behandlung, sie verletzen den Anspruch auf Augenhöhe.

Das Beantworten echter Fragen realer Menschen hat einen sinnstiftenden Aspekt. Niemand könnte sich all die vielen, aus so unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnissen gespeisten Fragen ausdenken. Schnell würde den Lesenden (und auch mir) fad werden. Der bittere Geschmack der Fake-Dichterei würde das Geschriebene vergiften, die Kolumne würde in Schwurbelei und Ratgeberkitsch ersticken. Mahnt doch das Beispiel der berühmten Antwortonkel Dr. Sommer und Dr. Korff aus der Teenie-Illustrierten BRAVO. Die vielen verschiedenen Autor·innen der legendären Kolumnen schmissen regelmäßig hin. Ging ihnen doch schnell die Themenluft aus.

Schließen wir mit einer Zusatzfrage. Woher weiß ich das alles? Ich weiß nicht alles, nicht einmal einen Bruchteil davon. Ich mache mich schlau. Womit? Mit der guten alten Methode Recherche.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Oscar-Nominierungen

Österreich gilt, so Hymne und Tatsachensubstrat, als Land der Berge. Besungen werden der Donaustrom, dann Äcker, Dome, Hämmer, und schließlich: Große Töchter, große Söhne. Nach heutigen Prominenzkriterien wäre dies das Seitenblickepersonal, die Fernsehmenschen und der Schauspieladel. Allesamt Leute mit großem darstellerischem Talent. Die Forderung nach mimischer Leistung übersteigt daher auch in der Politik jene nach fachlicher Kompetenz. Umfragekaiser müssen nichts können, aber jederzeit den Nachweis erbringen, das sie etwas laut sagen können. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn, wie das am Theater und im Film üblich ist, bei den handelnden Figuren nach der Kraft der „Erzählung“ gefragt wird, die sie mittelbar über die Rampe zu bringen im Stande sind. Pressekonferenzen und politische Reden müssen überzeugen, Faktentreue oder Wahrhaftigkeit sind nebensächlich, wenn nicht gar störend. Geschliffene Sprache wir bevorzugt, selbst wenn sie aus Stehsätzen und Telepompterlektüre besteht. Reden werden von Marketingpersonen geschrieben, oder von ChatGPT.

In der Vergangenheit hat das sattsam bekannte Schaupolitiker in höchste Ämter gespült, Auftrittssicherheit war ihr größte Stärke, slim waren ihre Anzüge, lackiert der Teint, geföhnt und gelegt das Haar. Das Lächeln konnte so gut überzeugen wie die ernste Miene, die Lüge geriet zur Message. Die Message wurde Wirklichkeit. Die Medien wurden massiert.

Das Land von Burg und Oper ist stabil mimisch. Auch wenn die Pressekonferenzen jetzt Doorstep heißen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 1. März 2025.

Wissenschaft in Österreich

„Wissen ist Macht“, sagt die Kalenderspruchdichtung, Österreich antwortet: „Nichtwissen macht auch nichts.“ Im Einklang mit diesem Befund wird Bildung als Einbildung diskreditiert, dem Können das Auskennen vorgezogen. Der Hättiwari konkurriert mit dem Diafensoiti und dem Kennantati.

Das will nicht heißen, dass es im Land der Berge nicht auch Experten gäbe, ganz im Gegenteil, sie sitzen aber lieber auf Traktorsitzen als auf Lehrstühlen. Statt Praxen und Kanzleien aufzusuchen, vertrauen die gelernten Österreicher Dr. Google, Professor ChatGPT und wie immer schon: Dem Wirtshaustisch. Dort weiß man, was man wissen muss – Bücher und Broschüren verwirren, Anleitungen und Beschreibungen irren. Gedrucktes ist Druck, und Druck schmerzt. Also gilt das gesprochene Wort, das Posting, und die Instanzen Hausverstand und Bauchgefühl. Die Politik des kleinen Mannes (die kleine Frau ist immer mitgemeint) hat diese Mechanismen verinnerlicht und zu stabilen Verhältnissen geformt.

Jüngst zirkulierte in Verhandlerkreisen die Forderung, Englisch (die lingua franca der Wisssenschaft) zu verbieten, Studien, Thesen und Disserationen nur mehr auf Deutsch zuzulassen. Dem liegt die bauchgefühlte Angst zugrunde, hiesige Nachdenker könnten sich im Ausland wichtig machen, und schlimmer (weil umgekehrt), nachdenkliche Ausländer bei uns.

Österreichs galoppierende Wissenschaftsskepsis ist Legion. Der legendäre Tiroler Satiriker Otto Grünmandl hätte sie so zusammengefasst: „Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus.“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. Februar 2025.

Karrierepläne Musk

Die Welt versteht Amerika nicht mehr. In rasendem Galopp verstärkt sich dieser Befund. Präzisierend müsste man sagen, die Welt versteht die USA nicht mehr, und hier insbesondere das inaugurierte Personal, sprich: Donald Trump. Nun ist das nichts Neues, was neu ist, sind die diktatorischen, autokratischen Anwandlungen, die den Amtswiederantritt von Trump begleiten. Hätte Östereich nicht selber gerade gröbere Probleme mit frischgewähltem Personal und seinen Ideen, könnte es Amerika wertvolle Einschulungshilfe leisten. Denn mit Autokraten, Diktatoren und ja, auch seltsamen Monarchen kennt sich das Land am Strome aus. Auch im Umgang mit Kompetenzanmaßung, Selbstüberschätzung und Wahnideen haben wir große Expertise erlangt. Weniger Erfahrung haben wir mit Bösewichten aus dem Clownlager. Unsere Hofnarren, von Kasperl bis Hias waren weitgehend domestiziert und institutionalisiert. Das Kabarett bespielt Kleinkunstbühnen und ein bisschen auch das Fernsehen, seine Ambitionen auf Regierungsämter sind bescheiden, hin und wieder wird jemand mit Spaßtalent Minister, wenn auch immer nur kurz.

Mit verwundertem Staunen betrachten wir daher die Riege der Verhaltensauffälligen, die Chefnarzisst Trump um sich geschart hat, um seine Gegner und die Welt das Fürchten zu lehren. Zwischen Einfalt und Größenwahn ist für jeden Angstgeschmack etwas dabei. Für historische Dimension in dieser Riege sorgt Sehnsuchtsmarsianer und Horrornarr Elon Musk. Nicht einmal die James-Bond-Drehbuchautoren hätten sich einen Welt-Bösling wie ihn ausdenken können.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 1. Februar 2025.

Was jetzt noch hilft

„Sitzt, passt und hat Luft“ sagt das handwerkliche Österreich, wenn es fertig ist mit der Arbeit. „Sitzt nicht, passt nicht, und hat keine Luft“ lautet indes der Befund zu den politischen Installationen der letzten Tage und Wochen. Die Zangelei an der Zuckerlkoalition scheiterte nicht nur an der ungünstigen Namensgebung, sondern auch an den Zuckerln selbst. Leuchttürme waren beschworen worden, noch bevor geklärt war, ob man je das Meer sehen würde. Rote Linien waren gezogen worden, nur um zu entdecken, dass niemand solche respektieren würde. Zuletzt wusste man nicht einmal, warum man überhaupt zusammensaß. Also stand man vom Verhandlungstisch auf, in der Reihenfolge der eigenen Bedürfnisse, Schmutzwäsche zu waschen. Der Kanzler wusch sich gleich ganz weg, unter Hinterlassen einer sentimentalen Handy-Botschaft. Das hunterköpfige Medienteam am Ballhausplatz war jedenfalls nicht beteiligt an der Abtrittsrede.

Gefragt war nun der alte Herr in der Präsidentschaftskanzlei, von den Profiteuren der Entwicklungen schon auch mal „Mumie in der Hofburg“ genannt, „senil“, „der größte Demokratie- und Staatsgefährder“, jedenfalls jemand, der „des Amtes enthoben gehöre“. Einem finalen Regierungsbildungsauftrag durch den UHBP standen diese Zuschreibungen nicht im Wege.

Weil sich alles so fügte, wie sich das die Industriellen-Präsidenten wünschten, wird jetzt ohne Zuckerl verhandelt, ohne Leuchttürme, an Blauen Linien entlang.

Diese Koalition, sagen Hausverstand und Bauchgefühl, wird sitzen, auch wenn sie nicht passt. Das Salzburger Koalitionsklima jedenfalls hat noch Luft nach oben.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 18. Jänner 2025.

Das österreichische Dilemma

„Geld allein macht nicht glücklich“ lautet die Entschuldigungsformel derer, die beides haben. Sie ist all jenen zugedacht, die weder das eine haben, noch das andere sind. Der Sinnspruch wurde vom oberösterreichischen Fernsehmoderator, Selbsthilfemotivator und Texter Josef „Joki“ Kirschner werbetauglich zusammengefasst: „Geld macht glücklich, wemma rechtzeitig drauf schaut, daß mas hat, wemmas braucht.“ Der Satz war von entwaffnender Schlichtheit und entsprach dem Zeitgeist der 80erjahre, jener Epoche, in der alles in die Welt gesetzt wurde, was uns heute Probleme bereitet.

Die legendäre Fernsehsendung „Tritsch Tratsch“, in der Kirschner als Rätselonkel der Nation landesweite Prominenz erfuhr, entzückte das Publikum mit dem sogenannten „Ladlspiel“. In die sechs Laden eines Küchenkästchens waren unsichtbar Preise unterschiedlicher Qualität eingelegt. Vom Hautpreis, einem Brilliantring bis zu wertlosen Petitessen, die sich hinter halblustigen Sprachspielen versteckten. Anrufende und vorgeführte Studiogäste durften einen Tipp abgeben. „Welches Kastl hätten sie gern?“, war dabei Joki Kirschners Standardfrage.

Niemals in der Geschichte der Sendung wagte jemand „das ganze Kastl!“ zu sagen. Das österreichische Glückspublikum war fest im Irren verfangen und setzte auschließlich auf das Dilemma der Einzelladenwahl. „Die Spiele des Lebens: Wer kämpft, hat schon verloren, frei und glücklich aus eigener Kraft“ hieß denn auch einer der Bestseller aus Joki Kirschners Berater-Manufaktur.

Das Dilemma der falschen Wahl zieht sich als vermeintliche Glücksspur durch Österreichs Geschichte.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. Jänner 2025.

Stille Nacht

Alle Krippen sind abgestaubt oder fertiggebastelt, die Heilige Familie, Ochs und Esel, Engel und Hirten aufgestellt. Alle Kekse sind gebacken, alle Christbäume besorgt. Die Christkindlmärkte wurden leergekauft, Punsch, Jagatee und Glühwein konsumiert, als gäbe es kein Kopfweh. Die letzten Unzerstörbaren taumeln aus Firmenweihnachtsfeiern und Jahresendsitzungen. Zeitiger noch als das Christkind (oder der profanere Weihnachtsmann) brachten Amazon-Boten und Postler Pakete. Manche sogar zur Tür. Weihnachten kann kommen. KTM-Mopeds werden wenige unter dem Christbaum liegen, auch Kika-Leiner-Küchen werden zum Lichterfest (und auch danach) keine mehr verbaut. Immerhin wurde die abgebrannte Kathedrale Notre Dame de Paris rechtzeitig fertig. Wir sind bescheiden geworden.

Was wünschen sich die Österreicher·innen zu Weihnachten? Weniger vom Alten. Bekommen werden sie mehr vom Gleichen und als Bonus: Ein Sparpaket. Die Autorin dieser Zeilen hat ungachtet dieser Aussichten eine kleine, sehr persönliche Wunschliste zusammengestellt. Wissend, dass die Hoffnung auf Erfüllung gering ist.

Hier sieben Wünsche: 1. Mehr Liebe und weniger Hass. 2. Die Wiedereinführung der Zukunft, 3. Die Umverteilung von Oben nach Unten. 4. Die Trennung von Religion und Staat. 5. Die Trennung von Staat und Bosheit. 6. Ein Musikgedudelverbot in Gaststätten, Geschäftslokalen und Wartesälen. 7. Das Längerwerden der Tage.

Wunsch Nummer Sieben der Liste erfüllt uns der heimatliche Wandelstern ab heute. Zumindest das Licht kommt langsam zurück. Wie gesagt, wir sind bescheiden geworden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Dezember 2024.

Eine Koaltion malen

Obwohl sie vor kurzem ihr Leuchten und Blinken eingestellt hat, galt die bundesdeutsche Ampel als Sinnbild einer funktionierenden Dreier-Koalition. Ihren Namen bezog sie aus den Parteifarben der beteiligten Akteure: Rot für die Sozialdemokraten, gelb für die liberalen Freien Demokraten, grün für das Bündnis 90/Die Grünen.

Wie antwortet Österreich auf Fehlversuche? Mit eigenen Ideen. Das gerade aus Sondierungsgesprächen ins Stadium der Verhandlungenen übergetretene Projekt einer österreichischen Ampel hängt nicht nur politisch an anderen Pfosten, auch die Farben entsprechen nicht der Straßenverkehrsordnung. Als herausfordernd darf die NEOS-Farbe Magenta/Pink/Rosa begriffen werden. Sie kommt, anders als Schwarz (ÖVP) und Rot (SPÖ) in keiner Nationalflagge vor. Auch andere Farbkombinationen aus der Dingwelt sind rar.

Ungeachtet der Verwirklichungs-Wahrscheinlichkeit einer österreichischen Dreier-Koalition wurden schon Bezeichnungen in Stellung gebracht. Der Kärntner Kopfnüsse-Knacker Christian Nusser schlug Ömpel vor. Aus dem Publikum erwuchsen die Vorschläge Cocktail-, Konfetti-, Punschkrapferl-, Schmetterlings-, Flamingo- und Dirndl-Koalition. Mit der Anzahl der Beteiligten spielten Austria 3, Dreko, Flotter Dreier, und in Anspielung auf die drei Spitzen der Beteiligten, der Vorschlag der Synchronsprecher maschek: Neptun-Koalition.

Das Volk selbst wurde gesamtheitlich noch nicht befragt, unlautere Geheimumfragen aber zeigen Tendenzen zu Süsssauer-Mundgerechtem: Eine knappe Mehrheit spricht sich für „Zuckerl-Koalition“ aus.

Die Zahnärzte warnen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. Dezember 2024.

Österreich – Wo der Schuh drückt

In Österreich wird viel gegangen. Von der Haustüre zum Carport, vom Parkplatz zum Einkaufszentrum, dort dann noch mehr, auf der Suche nach Beratung. Diese geht ebenfalls viel, ja läuft nicht selten, immer auf der Flucht vor lästigen Fragenden. Auch am Amt wird viel gegangen, vor allem in die Irre. Eine täglich gelebte Floskel lautet „Wie geht’s?“. „Gut“ ist die trügerische Antwort, oder besser: „Es geht.“ Vor den Zeiten von MeToo und woken Korrektiven hieß es unter Stammtischsitzern gerne „a bissl was geht immer“.

Wie im Kleinen, so auch im Großen, liegt uns doch das Wandern im Blut. So lange wir kraxeln können, heißt es rauf auf den Berg, rein in die Hütte, runter vom Berg. Bundesheerabsolvent·innen erinnern sich gerne an den Gfechtler, die Gefechtsübung, und das grundwehrdienstliche Geherlebnis des Zigkilometermarsches, der Dislokation mit schwerem und schwerstem Gepäck. Das Schuhwerk für diese Körpererfahrung ist allen Ableistern als „Heeresfeldschuh leicht“ vulgo „Anserbock“ in Erinnerung. Glücklich schätzen sich jene, denen bei der Bekleidungsausgabe ein abgetragenes, weil gut eingegangenes Paar der eleganten Schnürstiefel zugeteilt wurde. Der Preis für die Eleganz eines ungetragenen Paars: Blutblasen und offene Füße, und die Lebenserfahrung vom Marschieren im Schmerz. Das Abenteuer des kilometerlangen Gehens mit Schwerstgepäck bestreitet die österreichische Frau, alleinstehend oder in der Familie, beim Wocheneinkauf mit Kleinkind.

Das Gehen ist den Österreicher·innen eingeschrieben. Der letzte Gang wird übrigens liegend absolviert, schmerzbefreit.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 23. November 2024.

Made Amerika Donald Again

Die Welt, wie wir sie kannten, ist untergegangen, sagen die einen, ganz im Gegenteil, die anderen, alles wird jetzt besser, richtiger, rechter, amerikanischer. Unzählbare Berichte, Analysen, Verstehensversuche zur Wiederwahl Donald Trumps fluten die Medien. Düstere Szenarien eines postdemokratischen Amerikas liegen längst vor. Hunderte Bücher haben Inneres und Äußeres des Mannes mit der seltsamen Frisur und dem orangen Teint beleuchtet. Der Autokrat aus Mar-a-Lago wurde so vehement befürchtet, wie er herbeigesehnt wurde. Wer je in Kentucky, Kansas, South Dakota war, in einem der tiefrepublikanischen Staaten, kann berichten, wie sich ein Trumpsches Amerika anfühlt: Ruhig. Unaufgeregt. Unbeschwert. Die Bierregale sind voll, die Zapfsäulen funktionieren, die Pritschenlaster schnurren. Die Menschen sind glücklich und zufrieden. Geborgen in kontinentalamerikanischer Idylle. Es sei denn, man gehörte einer Minderheit an, wäre ungewollt schwanger oder gerade eingewandert.

Wenn es ein einziges Bild gäbe, in dem sich die Irrationalität der eben geschlagenen Präsidentenwahl zusammenfasste, so jenes der langen Kolonne schmuckloser Pferdewägelchen der Amischen, die mit wehenden Trump-Vance-Flaggen ihr Wahllokal ansteuerten. Donald Trump muss diesen hochreligiösen Menschen, die ohne Medien und Maschinen im vorvergangenen Jahrhundert leben, etwas versprochen haben, was jenseits aller Wahrnehmungen über seinen Lebenswandel liegt. Vielleicht sehnen sich mehr Menschen nach einem absoluten Monarchen, als einer Demokratie lieb sein kann.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 9. November 2024.

Doneald

Diese Zeilen kommen aus der Vergangenheit. [Und sie sind nicht erschienen. Sie wurden] geschrieben eine Woche vor der US-amerikanischen Schicksalswahl. Alles scheint zu diesem Zeitpunkt noch möglich, alles. Alles amerikanische. Der amerikanische Traum ebenso, wie der amerikanische Alptraum. Umfragen und Einschätzungen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen von Kandidat und Kandidatin, das Wahlvolk hat noch nicht entschieden, die Swing-States noch nicht den endültigen, erwartbar unerwarteten Ausschlag gegeben. Das düstere MAGA-Imperium des abermaligen Donald Trump ist ebenso denkbar, wie sein politisches Gegenteil, Madam President Kamala Harris, die erste Frau an der Spitze der dienstältesten modernen Republik der Welt.

Darf man das überhaupt? Aus der Vergangenheit schreiben? In eine Zukunft, in der möglicherweise alles anders ist, als bisher? Wie liest sich dieser Text, da das Eintretbare eingetreten ist, das Abwendbare abgewendet wurde? Und gibt es dann überhaupt noch einen Blick zurück? In eine Zeit, als Befürchtungen und Hoffnungen einander noch die Waage hielten?

Wie wird die Welt insgesamt aussehen, wenn es MADA heißt, „Made Amerika Donald Again“? Und welchen Seufzer der Erleichterung wird es geben, wenn die Parole „We’re not going back“ eingelöst wurde? Welcher Zoll wird für das eine eingehoben werden? Und welchen Preis das andere haben? Wie werden die Tage, Wochen, Monate nach der Entscheidung verlaufen? Werden Marodierende wieder den Kapitolshügel stürmen?

Der Blick in die Glaskugel ist eingetrübt wie selten zuvor. Auch nach dem 5. November ist alles amerikanische möglich. Weltweit.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 9. November 2024.

Nationalheiligtümer

Ein Staat, der auf sich hält hat Wappen, Fahne und Hymne. Und einen Nationalfeiertag. Die Schweiz erinnert sich an ihrem an den Rütlischwur von 1291, Deutschland an seinem an die Einheit von Wessis und Ossis. In Tschechien wird der Unabhängigkeit (von uns) gedacht, in der Slowakei jener von Tschechien. Ungarn memoriert den Heiligen Stephan, die Revolution und den Volksaufstand, Slowenien feiert die Unabhängkeit von Jugo, Italien die Gründung der Republik, und Liechtenstein stimmt sich national am Tag vor dem Geburstag des 1989 verstorbenen Fürsten Franz Josef II.

Bis in die Blütezeit der Boomer-Generation hatte das moderne Östereich zwar viel zu feiern, viel zu erinnern, aber noch mehr zu vergessen, und vielleicht deshalb keinen Nationalfeiertag. 1965 schickten sich Parlament und Bundesregierung an, einen solchen zu bestimmen. Zur Auswahl standen der 12. November (die Ausrufung der Ersten Republik 1918), der 27. April (die Proklamation über die Selbständigkeit Österreichs durch SPÖ, ÖVP und KPÖ im Jahr 1945), und der 15. Mai (die Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955).

Als Kompromiss wurde ein gänzlich anderer Anlass gefunden und in Gesetzesform gegossen. Fortan galt der 26. Oktober als Nationalfeiertag, eingedenk der am 26. Oktober 1955 beschlossenen immerwährenden Neutralität Österreichs.

Im Bewusstsein der Bevölkerung zirkulieren für die Wahl des Datums dennoch andere Anlässe: Der Abzug des letzten Besatzungssoldaten, Legendenkanzler Figls Unterschrift unter den Staatsvertrag, und die Erstausstrahlung der „Zeit im Bild“.

Tu felix Austria.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 26. Oktober 2024.