Das gute alte Wienern

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 41/2026 vom 7. Oktober 2026

Liebe Frau Andrea,
gerade haben wir in kleinerer Runde das Verb „wienern“ im Sinne von putzen, polieren und so weiter diskutiert. Es stellte sich die Frage, ob es eine Beziehung zu Wien gibt und wie diese aussehen könnte.
Bitte um Ihre Hilfe. Vielen Dank vorab. Liebe Grüße,
Hermann Tophof, Wien 18, Gymnasiumviertel, per Email

Lieber Hermann,

das Wort „wienern“ stammt aus der deutschen Soldatensprache des späten 19. Jahrhunderts und leitet sich vom Reinigungsmittel „Wiener Kalk“ ab. Kasernierte Soldaten nutzten ihn, um ihr weißes Lederzeug und ihre Riemen einzufärben und zu reinigen. Aus der Tätigkeit „mit Wiener Kalk putzen“ etablierte sich bald der Barras-Ausdruck „wienern“. Aus dem rein mechanischen Säubern von weißem Leder mit diesem speziellen Putzmittel wurde eine allgemeine umgangssprachliche Bezeichnung für intensives Putzen, Schrubben oder Polieren, um Dinge auf Hochglanz zu bringen – den Fußboden, die Schuhe, die Fenster. Die ursprüngliche Bezeichnung des Produkts und der militärische Zweck wurden vergessen.

Ältere Lexika bezeichnen „Wiener Kalk“ als „Schlämmkreide in Stücken“. Damit konnte auch gebrannter, sandfreier Kalk für Metallpolitur gemeint sein. Heute bezeichnet „Wiener Kalk“ meist fein gemahlen Dolomit (Calcium-Magnesium-Carbonat), oder gebrannten Dolomit (überwiegend Calcium- und Magnesiumoxid). Schlämmkreide dagegen ist im engeren technischen Sinn feinst gemahlenes und geschlämmtes Calciumcarbonat (CaCO₃), also im Wesentlichen gereinigte Kreide bzw. Kalkspat (gemahlener Calcit).

Eine Publikation des Instituts für Angewandte Geologie der BOKU Wien beschreibt die historische Herstellung von „Wiener Kalk“, im Fernhandel auch als „Vienna Limestone“ bekannt. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde dieser als Poliermittel für Metalle verwendet. Als ursprüngliche Vorkommen werden Triasdolomite in niederösterreichischen Gaaden, nahe Mödling bei Wien genannt. „Wiener Kalk“ und damit das „Wienern“ haben also tatsächlich einen handelstechnischen und damit etymologischen Bezug zur Donaumetropole.


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Das herzige Bagschierlichsein

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 40/2026 vom 30. September 2026

Liebe Frau Andrea,
heutzutage scheint es ausgestorben: Das lautmalerische „bagschierlich“, die Beschreibung eines Mädchens, einer jungen Frau mit einer Zwirnspulerlfigur (Busen und Hüften weiblich ausgeprägt, dazwischen eine deutliche Taille), die mit beiden Beinen im Leben steht. Eine Sopherl vom Naschmarkt könnte so gewesen sein. Können Sie das Wort „übersetzen“, die Bedeutung erklären? Vielen Dank, auch für Ihre Texte, ich liebe sie!
Mit herzlichen Grüßen,
Elfi Jirsa, Hetzendorf, per Bernsteinfunkennachricht

Liebe Elfi,

als „Sopherl vom Naschmarkt“ zirkuliert im Wiener Mythenkosmos eine Kunstfigur des Feuilletonisten Vinzenz Chiavacci (1847-1916). In seinen Essays in der Österreichischen Volkszeitung nahm die Wiener Marktfrau „Sophie Pimpernuß“, kurz „Sopherl“ regelmäßig zu Wiener Angelegenheiten Stellung. Chiavacci beschrieb die resolute Obst-Standlerin als robuste, wohlgerundete Gestalt mit warmherzigem, von Gesundheit strotzendem Gesicht. Sopherls kluge, muntere Augen und ihr energischer Mund waren in ewiger Bewegung, braunes Haar, von Silberfäden durchzogen, lugte unter einem buntgeblümten Kopftuch hervor. Das Amalgam aus Reschheit und Gutmütigkeit sprach derbes Wienerisch und den volkstümlichen „Spruch“. Insoferne ist die Sopherl nicht typisch für das „bagschierliche Mäderl“.

Unser Begriff wurde „bagschíali(ch)“ ausgesprochen und bedeutete bei kleinen Kindern „possierlich“, „niedlich“, „drollig“. In der Fernbekundung von weiblichen Wesen transportierte es die Genderqualitäten „herzig“, “anmutig“, „schön anzusehen“. Die Sprachforschung leitet das Wort von „patschen“ (dem kindlichen Klatschen) ab, weshalb es in manchen Dialekten „patschierlich“ lautet. Nach anderer Etymologie kommt es vom Eigenschaftswort „beigeschirrig“, das ein zusätzlich eingespanntes, kleineres Zugtier im „Geschirr“ eines Wagens bezeichnete.

Ein weiteres „bagschialich“ in der Bedeutung „streitsüchtig“, “grob“ entspricht der „Sopherl“ eher, kommt es doch von mittelhochdeutsch *bâgesgiric, zusammengesetzt aus „bagen“ (schreien, streiten) und dem Vorläufer von gierig, fordernd.


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Wie Du darf es sein?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 39/2026 vom 23. September 2026

Liebe Frau Andrea,
in Lokalen und Geschäften, immer öfter passiert es. Unbekannte sind per du mit mir. Manchmal ist das okay, manchmal aber auch verstörend, bisweilen sogar unangenehm. Was kann man da machen? Kann man was machen?
Vielen Dank für Ihren wertvollen Rat,
Maja Ennser, Meidling, per Insta-DM

Liebe Maja,

in österreichischen Geschäften und Lokalen galt bis in die Sechzigerjahre gegenüber fremden Erwachsenen das grundsätzliche „Sie“. Das traditionelle „Du“ existierte zwar, besonders auf dem Land, im Wirtshaus, unter Bekannten und in bestimmten Milieus, war aber an persönliche oder soziale Nähe gebunden. Mit der Studenten-, Jugend- und Gegenkultur veränderte sich die Bedeutung des „Du“. Es stand zunehmend für Gleichheit, Ungezwungenheit und die Erosion von Hierarchien. In alternativen Buchläden, Plattengeschäften, Studentenlokalen, Jugendzentren, Szenebeisln, WGs- und auf Demos wurde das Du ganz normal. In politischen Parteien war es längst etabliert. Wurden die so Angesprochenen doch als mutmaßliche Mitglieder desselben Milieus behandelt. Ähnliches galt seit jeher in der Aristokratie, deren Mitglieder zudem auch noch eng oder zumindest weitschichtig miteinander verwandt waren.

Als eigentliche Zäsur gilt der 1. September 1977. IKEA flutete Österreichs Wohnräume. In Schweden, dem Mutterland des Selbtbaumöbelkonzerns war das allgemeine Duzen bereits gesellschaftliche Norm geworden. Schon Jahre zuvor hatte meine schwedische Großmutter über Ihre Verwunderung berichtet, dass der Stockholmer Taxifahrer mit ihr, alter Dame, per Du war und den König im Cab-Talk gar flapsig als „killen“ (der Kerl) bezeichnete. Das legendär moderne IKEA-Du etablierte jedenfalls eine neue, bewusst informelle Begegnungskultur. In den 90ern wurde das Marketing-Du schließlich endültig als Signal für Jugendlichkeit, Modernität und Kundennähe entdeckt.

Wie gehen wir damit um, wenn uns das Du zu nahe kommt? Comandantina empfiehlt die siezende Distanzfrage: „Ähm, verzeihen Sie, woher kennen wir einander?“. Im akuten Wienfall wird das kaum nutzen. Stechen Sie die Nähe ab. Als Waffen der Wahl empfehle ich die kostbaren Dolche „Oida“ und „Heast!“


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Die Sieben Zwetschgen

Liebe Frau Andrea,
meine Frau meinte neulich: „bis die J. kommt, dauert’s noch ein bisserl, muss erst ihre Sieben Zwetschgen einpacken!“ Wieso „Zwetschgen“ und warum „sieben“?

Vielen Dank,
Christian Breyer, Währing

Lieber Christian,

die Siebenzahl ist eine überaus beliebte semantische Formel, um eine hinreichend große, aber notwendig kleine Anzahl zu bezeichnen. Die Sieben gilt als Zahl mit wirkmächtigem Nimbus. Aus dem Märchen kennen wir die Sieben Zwerge hinter den Sieben Bergen, die Zauberkraft der Siebenmeilenstiefel, und das Verwünschen von Sieben Söhne zu Sieben Raben. Das tapfere Schneiderlein erschlägt gleich Sieben auf einen Streich.

Die Antike kannte Sieben Weltwunder, Sieben Weltmeere, und die Sieben Hügel Roms. Die christliche Tradition warnt vor Sieben Todsünden und spricht Sieben Sakramenten Heiligkeit zu. Der Hinduismus überliefert die Lehre von den Sieben Chakren, der Islam heiligt den Tawāf, das siebenmalige Umrunden der Kaaba in Mekka (den zentralen Ritus der islamischen Pilgerfahrt Hadsch). Die Freimaurerei schließlich fordert die Siebenzahl als die Mindestanzahl an Meistern, die eine Loge „vollkommen und gerecht“ machen. Abgeleitet von den sieben biblischen Schöpfungstagen haben sich die sieben Wochentage etabliert, die tatsächlich den historisch sieben beobachtbaren Himmelskörpern der Antike zugeordnet wurden, praktischerweise auch gleich die Mondphasen und den damit verbundenen weiblichen Zyklus strukturierten.

Dass wir beim Zusammenpacken von Kind und Kegel von unseren „Sieben Sachen“ sprechen, wundert also nicht. Wieso aber nennt das Österreichische Mitzunehmendes „Sieben Zwetschgen?“ Die Antwort ist banal. Ein altes Wort für „Zwetschge“ ist „Quetsche“. In anderer Bedeutung ist Quetsche – das Gequetschte – das Zusammengepackte der Händler, und Reisenden. Das Wienerische kennt für das kleine Geschäft, die mobile Bude, das Gaunerquartier noch das Wort „Quetschen“. Irgendwann auf der österreichischen Sprichwortreise wurde aus den ursprünglichen „Sieben Quetschen“, den „Sieben Sachen“ der Deutschen unsere „Sieben Zwetschgen“.


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Wie abgedreht ist bummerwitzig?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2026 vom 9. September 2026

Liebe Frau Andrea,
als Jahrgang 1944 Geborener sind mir aus Gesprächen mit Großeltern und anderen älteren Verwandten noch viele frühere Wörter und Redensarten geläufig. Ich lese daher gerne mit Interesse Ihre Kolumne, der ich viele wertvolle Hinweise verdanke. Unlängst fiel in einem Gespräch der Satz „da wirst du ja „bummerwitzig“. Ich interpretiere dieses Wort im Sinne von verwirrt, unsicher, unrund, durcheinander u.ä. Ich bitte Sie um Ihre Meinung zu Sinn und Herkunft dieses Wortes.
Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen,
Dr. Gerhard Lindemann, Währing, von meinem iPhone gesendet

Lieber Herr Doktor,

unser Begriff zirkuliert(e) in heimischen Breiten für eine breite Palette an Gemütszuständen. Seine Aussprache changierte zwischen „bumawitssi“ und „pummerwitzig“, und nahm Bedeutungen zwischen „dasig“ und „benommen“ an, „verkatert“ und „schlofgrodn“ (übernachtig). Bummerwitzig konnte aber auch das schnippische, naseweise, abweisende oder hoppertatschige Verhalten junger Mädchen bezeichnen, nicht selten das aberwitzige, vorlaute, bisweilen auch zornmütige. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nennt als alte bairisch-österreichische Bedeutung explizit „mutwillig“ und „übertönt albern“.

In der Form „bummelwitzig“ kennen es die norddeutsch-mittelelbischen Mundarten (insbesondere die Altmärkischen Mundart im heutigen Sachsen-Anhalt und Brandenburg). Dort wird es allerdings eher für „verrückt“, „geistesgestört“ oder „dusselig“ benutzt, im Mittelelbischen für die „scherzhafte oder trügerische Verführung“, die jemanden „verrückt“ und geradezu „schwindelig vor Freude und Sinnlichkeit“ mache.

Im Wienerischen dürfen wir auf verwandte, wenn auch weitgehend anderslautende Zuschreibungen der akuten psychischen Devianz ausweichen, etwa „deppat“, „guggi“ und „narrisch“. Die mutwillig Übermütigen, überdreht Lebhaften, die mit einem „Huscher“ oder „Poscher“ kennt das Wienerische auch als „aufzuckert“, „odraht“, oder schlicht „durchanand“. Wer sich manisch zerfahren und verstört hyperaktiv geriert, „schurlt umandand wia gstochn“, ist in liebevoll-spöttischer Zuschreibung „A gschossans Afferl“.


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Stanniol und so

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 36/2026 vom 6. September 2026

Liebe Frau Andrea,
unsere jüngere Generation wußte letztens nicht, wovon wir reden. Woher kommt eigentlich der Ausdruck „Stanniol-Papier“? Und ist da wirklich die Alufolie gemeint?
Herzlichen Dank,
Monika Steiner, per Elektrofunkennachrich

Liebe Monika,

um Schokolade, Butter, Tabak oder Kaugummi bruchsicher zu verpacken, klebte die Industrie früher hauchdünne Metallfolien auf Trägerschichten aus dünnem Papier. Dieses echte Verbundmaterial nannte man Stanniolpapier. Stanniol selbst hat aber nichts mit Papier zu tun, und unterscheidet sich signifikant von der Aluminiumfolie. Seine Bezeichnung kommt über das italienische “stagnolum” vom lateinischen stannum (Zinn), und wurde aus reinem Zinn hergestellt. Echtes Stanniol, das zu Weihnachten auch an den heimischen Jahresend-Tannen hing, wurde aus Kostengründen fast vollständig durch Aluminiumfolie ersetzt. Dennoch zirkuliert in unseren Breiten noch immer der Begriff Stanniol, auch wenn wir damit normale Alufolie meinen. Stanniol und Alufolie lassen sich leicht unterscheiden, weil sich die Metalle physikalisch und chemisch völlig anders verhalten. Alufolie knittert laut, hell und metallisch. Sie behält nach dem Zerknüllen scharfe Kanten, und reißt sehr leicht in scharfen, geraden Linien ein. Stanniol dagegen war zäher, klang weich und dumpf. Beim Einreißen dehnte es sich ein wenig und hinterließ eine weichere, faserige Abrisskante. Zinn ist überdies dreimal so schwer wie Aluminium.

Der Umstieg von Stanniol auf Aluminiumfolie hatte wirtschaftliche und geschmackliche Gründe. Als häufigstes Metall in der Erdkruste ist Aluminium wesentlich günstiger als das relativ teure Zinn. Seine Massenproduktion wurde ab der Mitte des 20. Jahrhunderts durch moderne Herstellungsverfahren extrem billig. Für Verpackungen von Schokolade oder Butter wurde Stanniol also bald zu unwirtschaftlich. Weil es empfindlich auf Säure und Feuchtigkeit reagierte, schmeckten Schokolade oder Käse oft unangenehm metallisch. Aluminiumfolie hingegen wird bei der Herstellung hauchdünn beschichtet oder bildet von Natur aus eine schützende und geschmacksneutrale Oxidschicht, die zudem licht- und gasundurchlässig ist.


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Lost im Endpreis

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 35/2026 vom 26. August 2026

Liebe Frau Andrea,
hat sich schon jemand wissenschaftlich mit der Sitte/Unsitte der 99-Cent-Preise auseinandergesetzt? Haben Gegner Aufrufe zu geraden Preisen erlassen? Haßschriften verfasst, Proteste organisiert?
Ich frage natürlich für eine Freundin! Liebe Grüße,
Rudi Krock, per Insta-DM

Lieber Rudi,

wir alle kennen das. Wir stehen im Supermarkt, haben ein Produkt aus unserer Einkaufsliste gefunden. 2,99 sagt das Preisschild. Nicht viel, aber doch billiger als 3,00, der (gedachte) runde Preis. Wir nehmen das Produkt. Warum eigentlich? „Psychologie“, sagen die Experten, die Wissenschaft habe bewiesen, dass die Umsätze steigen, wenn die Preise auf die nächstkleinere 99er-Endung abgerundet werden. So erzählen es die Glaubensschulen der ökonomischen Theologie. Tatsächlich kommt die Wissenschaft zu ganz anderen Ergebnissen. Belastbare Studien zeigen, dass runde Preise weder den Umsatz über alles senken, noch, dass der Verkauf der redlich bepreisten Artikel einbricht. Ganz im Gegenteil, kommt es doch zu einem leichten Anstieg beider Parameter. 99-Cent-Preise und ihr scheinbar positiver Impakt auf die Wirtschaft gilt mittlerweile als selbsterfüllende Prophezeiung und ökonomischer Unsinn. Wie so viele populäre Wirtschafts-Märchen kommt der Mythos vom gewinnstiftenden 99er-Preis-Ende aus dem Land der Tellerwäscher und Millardäre. Und da er noch nicht gestorben ist, wird er heute noch erzählt. Proteste gibt es keine. Und wenn, verhallen sie in den Gängen der Supermärkte.

Wären runde Preise die Lösung, ein brauchbares Ideal? Keineswegs. Hat doch die Wissenschaft noch ganz andere Mechanismen zwischen Preis und Käufer entdeckt. So vertrauen wir, weil wir runde Preise zurecht als “gemacht” und willkürlich bewerten, eher unrunden Preisen, in denen die Zahl neun fehlt. Einem Preis wie 312.- also eher, als der runden Summe 300. Dabei spielt es, so die Wissenschaft, keine Rolle, dass diese Preise ebenfalls willkürlich bestimmte sind. Mehr noch: Der Trick mit den unrunden Preisen funktioniert sogar bei denen, die den psychologischen Mechanismus kennen. Auch dagegen hat sich übrigens noch keine Bürgerbewegung formiert.


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Die gute alte Pawlatschen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2026 vom 19. August 2026

Liebe Frau Andrea,
gestern waren wir mit einem deutschen Gast beim Silberwirt zum Abendessen. Der wunderbare Gastgarten ist mit alten Pawalatschen geziert. Die Frage unseres Gastes, woher das Wort kommt, konnten wir allerdings nicht beantworten. Bitte um Ihre Hilfe.Herzliche Grüße,
Stephan Pesendorfer, per Email

Lieber Stephan,

die „Pawlatschen“, bisweilen auch „Bawlátschn“ oder „Pablatschen“ geschrieben, ist nach traditionellem Usus ein Mehrzahlwort. Die einzelne „Pawlatsche“ gibt es, jedenfalls im Wienerischen so nicht. Die Pawlatschen bezeichnet den Umgang am Haus, in Altwiener Häusern die offenen, balkonartigen Gänge der Innenhöfe, aber auch die primitive Bühne, die aus zwei Fässern und einem darüber gelegten Brett bestand. Nach gängiger Etymologie kommt das Wort aus dem Tschechischen, wo „pavlač“ (Gang, Zugang) den offenen Hauseingang und auch die Zugangsbalkone (Laubengänge) im winkeligen Innenhof bezeichnet.

In Teilen Österreichs, insbesondere in Wien und Graz, aber auch in einigen anderen Städten des ehemaligen Österreich-Ungarns wird und wurde der Begriff für die umlaufenden Laubengänge der Innenhöfe benutzt. In den sogenannten Pawlatschenhäusern erfolgt der Zugang zu den Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen im Innenhof. Pawlatschenhäuser unterscheiden sich von den modernen Laubenganghäusern in Nordeuropa, den traditionellen in Lateinamerika, aber auch von den großen Loggien im Mittelmeerraum dadurch, dass hier die Zugangsbalkone zu den Mietwohnungen nicht an der Vorderseite des Hauses, sondern an der winkligen, engen Hofseite errichtet wurden, besonders vor den Wohnungen im angebauten Hinterhaus.

Durch den Bau oft mehrstöckiger Pawlatschen ersparten sich Hausherren die Anlage von Gängen und Stiegenhäusern innerhalb des Hauses. Pawlatschen waren kostengünstig und platzsparend und konnten als Balkon genutzt werden. Sie boten Schatten und Schutz bei Regen und Schnee und fungierten als Plattform für Begegnungen aller Art.

Als Konsequenz des Ringtheaterbrands am 8. Dezember 1881 wurde die Neuerrichtung von Pawlatschen verboten. Die wenige, die es noch gibt sind ein Blick in die Wiener Vergangenheit.


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Blauer Rauch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 33/2026 vom 12. August 2026

Liebe Frau Andrea,
eine Freundin hat am Wochenende über ihre Schwester gesagt: „Die geht überall hin, wo’s blau ausse raucht.“ Sie meinte natürlich, dass ihre Schwester mit einem Hintern auf vielen Kirtagen tanzen würde. Was hat es mit dem „blau ausse rauchen“ auf sich? Woher kommt das? Das habe ich noch nie gehört. Vielen Dank im Voraus für Ihre geschätzte Hilfe!
Herzliche Grüße,
Tanja Rosenberger, Landstraße, per Email

Liebe Tanja,

im wesentlichen sind es Papas Grill, der Holzofen im Wochenendhaus, und diverse Buben-Zündeleien, die Rauch erzeugen. Die Manosphere kennt Blauen Rauch aus der Automobilistik, wo er fast immer bedeutet, dass Öl im Motor mitverbrannt wird. Die Mitfahrt in schlecht gewarteten Fahrzeugen kann nicht der Ursprung der Redewendung sein, mit der Ihre Freundin das gesellschaftliche Verhalten ihrer Schwester taxiert. Forschen wir weiter. Farblich eminenten Rauch kennen wir aus dem Vatikan. Weißer Rauch (lateinisch fumus albus) und schwarzer Rauch (fumus niger) während des Konklaves kennzeichnen die Ergebnis der Wahlgänge bei einer Papstwahl. Ausgezählte Wahlzettel wurden traditionell zusammen mit Stroh beziehungsweise Werg in einem Kanonenofen verbrannt, heute sorgen chemische Zusätze für die Farbe. Für Schwarzen Rauch werden Kartuschen mit Kaliumperchlorat, Anthracen und Schwefel, für Weißen Rauch Kaliumchlorat, Lactose und Kolophonium eingesetzt. Schwarzer Rauch zeigt an, dass keine Entscheidung für einen neuen Pontifex zustande kam. Der berühmte Weiße Rauch hingegen signalisiert eine erfolgreiche Papstwahl.

Woher kommt nun unser Blauer Rauch? Ebenfalls von Männern, wenn auch nicht von solchen in scharlachroten Soutanen. Dünner Blauer Rauch gilt als die ideal zum Räuchern von Fleisch in Smokern und Barbecue-Öfen, als Blauen Dunst bezeichnen wir die gemütlichen Abgase jeder gesellige Rauchrunde.

Mit größter Wahrscheinlichkeit ist der Blaue Rauch aber älter. Als Blauen Dunst verstand früher man den falschen Schein, die lügenhafte Vorspiegelung. Wo auch immer er aufstieg versprach er den Aufenthalt in schlechter Gesellschaft.

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Das Peckerl im Magnet

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 32/2026 vom 5. August 2026

Liebe Frau Andrea,
unlängst musste ich ein MRT machen lassen. Der nette Assistent hat mich gefragt, ob ich tätowiert bin. Ich habe bejaht (auf meinem linken Handgelenk befindet sich ein kleines Tattoo, das ich seit meinem 20. Lebensjahr stolz trage). Der Assistent mußte sehr lachen, als er mein kleines Tattoo sah, er meinte, das sei kein Problem. Problematisch wären sehr große flächige Tätowierungen. Blöderweise habe ich mich nicht getraut, zu fragen, woran das liegen könnte? Beeinflussen Tätowierungen eine Magnetresonanztomographie? Und was würde passieren, wenn ich tatsächlich den ganzen Rücken tätowiert hätte?
Herzliche Grüße aus Penzing sendet
Katharina Fratella, per WhatsApp-DM

Liebe Katharina,

der klassische Magnetresonanztomograph (MRT) ist ein Gerät mit einer tunnelartigen Röhre, in der ein konstantes, extrem starkes Magnetfeld erzeugt wird. Die Patient·innen liegen auf einem Schiebetisch, der für die Messung automatisch durch die Röhre gezogen wird. Die im Körper reichlich vorhandenen Wasserstoffatome richten sich im Magnetfeld wie winzige Kompassnadeln parallel aus. Radiofrequenzimpulse, in den Körper gesendet, bringen die Atome kurzzeitig aus dem Takt. Spezielle Spulen im MRT messen nun die elektromagnetischen Signale, die die ausgelenkten Atome aussenden, wenn sie in ihre ursprüngliche Position zurückkehren. Weil die verschiedenen Gewebearten unterschiedlich viel Wasser enthalten, klingen diese Signale unterschiedlich schnell ab, ein Computer errechnet daraus präzise Schnittbilder.

Im ultrastarken Magnetfeld können sich bestimmte Metalle gefährlich erhitzen oder zu Projektilen werden. Während einer MRT-Untersuchung können in einem tätowierten Bereich zudem Irritationen, Ödeme, Brennen auftreten. Sechs Wochen sollte ein Tattoo mindestens alt sein, um zu verhindern, dass ferromagnetische Partikel in manchen Tinten von den starken Magneten bewegt werden. Wenn ein Tattoo frisch ist und vom Gewebe noch nicht unverrückbar fixiert, kann, wie ein kompetenter Radiologe erzählt, die Dame mit den neuen Augenbrauen nach dem MRT anders aussehen als vorher, das schöne Tribal Tattoo zu abstraktem Farbbrei verschmolzen sein.


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Ober, Unter, Alter

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 31/2026 vom 29. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
meine bundesdeutsche Kollegin hat mich unlängst auf die widersprüchliche Aussprache der Wiener „Laas“ aufmerksam gemacht, die ihr nach ihrer Übersiedlung nach Österreich Probleme bereitet haben. Warum sagt man Alt-Erlaa, aber nicht Unt-Erlaa bzw. Ober-Laa, aber nicht Alter-Laa? Und was ist eigentlich ein Laa oder Erlaa? Vielleicht können Sie Licht in die Sache bringen.
Beste Grüße, Therese Thaler, per Email

Liebe Therese,

gehen wir die Sache gemütlich an. In „Landtmann’s Original Café & Tortenshop“ im Center Alterlaa im 23. Bezirz laaben wir uns an einer Erdbeer-Pistazien Torte, einem Orangen Guglhupf oder einer Marvella, der extrafeinen Torte für Menschen mit Schluckstörung. Unsere etymolgische Reise geht nun 10 Kilometer nach Osten, wo wir in der „Kurkonditorei Oberlaa“ von der Schweizer Apfel Torte naschen, von der Schoko-Mousse Torte oder der Schwarze Ribisel Torte.

So nahe die beiden Orte patisserietechnisch liegen, so wenig haben sie sprachgeschichtlich gemein. Oberlaa, im Süden Favoritens gelegen, ist ein ehemaliges niederösterreichisches Dorf, heute Teil des 10. Bezirks. Ursprünglich bildete der Ort mit dem flussabwärts der Liesing liegenden Unterlaa eine Einheit unter dem Namen „Laa“, in Aufzeichnungen erstmals 1140 erwähnt. Der Heurigenort Oberlaa, aus einem Zeilendorf hervorgegangen, wurde erstmals 1324 urkundlich genannt. 1969 wurde dort eine Schwefel-Thermalquelle in Betrieb genommen. Seit 2017 mit der U1 erreichbar, firmiert sie heute als „Therme Wien“.

Die Satellitenstadt „Alterlaa“ ist eine der größten Wohnanlagen Österreichs, eine Stadt in der Stadt. Der Komplex liegt nicht im ehemaligen Dorf „Erlaa“, ist aber nach dem nahe gelegenen Schloss „Alt-Erlaa“ benannt.

Klären wir die Aussprache der Orte. „Laa“ leitet sich vom althochdeutschen „lâ“ oder „lō“ ab, soviel wie Lache, Sumpf, feuchte Niederung oder Sumpfwiese. Ganz anders „Erlaa“, das erstmals um 1114 als „Erila“ genannt wird, um 1170 als „Erlahe“, soviel wie Erlen-Ache, also Erlengewässer. Wir sprechen die Orte Óberlaa, Únterlaa und Láá aus, aber Érlaa und Ált-Érlaa.


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Band, Scheibe, Vorfall

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2026 vom 22. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
als ein Team, in dem die meisten zwischen 25 und 40 Jahre alt sind, war das Thema in der Mittagspause kürzlich der in diesem Alter erstmals auftretende Bandscheibenvorfall. Dabei haben wir gemutmaßt, ob das Wort vom Vorfall als Ereignis kommt, oder der Vor-Fall die geometrische Verschiebung der Bandscheibe beschreibt. Können Sie uns da helfen?
Liebe Grüße, Simon Klausecker
Von meinem/meiner Galaxy gesendet

Lieber Klaus,

in der Medizin ist die einzelne Bandscheibe als „Intervertebralscheibe“, „Zwischenwirbelscheibe“, lateinisch „Discus intervertebralis“ bekannt. Papers, Studien und Fachbücher kennen sie englisch als „intervertebral ligament“, „intervertebral disk,“ „intervertebral cartilage“, oder schlicht „disk“, „disc“. Die Wirbelsäule des Menschen hat 23 Bandscheiben, deren Dimensionen zum Kreuzbein hin zunehmen und insgesamt ein Viertel der Gesamtlänge der Wirbelsäule ausmachen. Die einzelne, zwischen drei und zehn Millimeter hohe Bandscheibe ist eine knorpelige Verbindung (daher der Wortbestandteil „Band“) zwischen zwei Wirbelkörpern der Wirbelsäule. Sie besteht aus dem faserknorpeligen Ring (Anulus fibrosus) und dem inneren Gallertkern (Nucleus pulposus). Beide werden makroskopisch als Scheibe wahrgenommen, daher der zweite Wortbestandteil. Im Zusammenspiel mit den Wirbelgelenken gewährleisten die Bandscheiben die Bewegungen zwischen den Wirbelkörpern und damit der Wirbelsäule insgesamt. Durch die Elastizität ihrer Gallertmasse wirken sie als Puffer, dämpfen Stöße und Biegungen der Wirbelsäule.

Der unbeliebte „Bandscheibenvorfall“, englisch „intervertebral disc prolapse“ ist eine Verlagerung (Vorfall) beziehungsweise der Austritt von Gewebe des Gallertkerns der Bandscheibe. Der resultierende Druck auf Nerven oder das Rückenmark führt zu plötzlichen, in Arme oder Beine ausstrahlenden Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Muskelschwäche. Die Symptome sind davon abhängig, welcher Teil der Wirbelsäule, und welche Nervenbündel betroffen sind.

In Zusammenschau des Gesagten ist der Vorfall also nicht das anekdotische Ereignis, sondern die anatomische Mechanik des krankhaften Geschehens.


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Wenn das Tor fällt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2026 vom 15. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
bei der Fußball-WM ist mir eine Frage wieder eingefallen, die mich schon früher sehr bewegt hat: Wenn der Ball ins Tor kommt, ist ein Tor gefallen! Aber eigentlich steht das Tor noch, es ist nicht umgefallen. Und wenn das Match ohne Treffer endet, ist kein Tor gefallen – beide Tore stehen, da passt es. Ich hoffe, Sie können Flutlicht in diese Sache bringen.
Danke und liebe Grüße,
Elisabeth Hammerer, von meinem iPad gesendet

Liebe Elisabeth,

„das Runde muss in das Eckige“, heißt es in der Fußballverstehkunde, „alles andere ist primär“ (@Hans Krankl). Linguisten haben zuletzt 185 Synonyme für das Erzielen eines Tores ausgemacht. Weil kein Torerfolg dem anderen gleicht, zirkulieren für das Schießen eines Tores Synonyme wie „abstauben“, „einbunkern“, “einlochen“, „einnetzen“, „einschenken“, „einschlagen“, „einschweißen“, „erzielen“, „treffen“, „verwandeln“, „vollstrecken“, oder schlicht: „reinmachen“. Etwas lyrischer wird es, wenn „eingezuckert“ wird, „die Butter gecremt“, „die Torte gehoben“. Wenn der Ball, die Kugel, das Leder (wienerisch „die Frucht“) „im Kasten versenkt“, „in die Maschen gejagt“, „über die Linie gedrückt“ wird, wenn „das Netz ausgebeult wird“, ein „Doppelpack geschnürt“, also zwei Tore in einem Spiel erzielt werden, oder der „Hattrick erzielt“ wird (drei Goals in Folge in einer Halbzeit). Unaufholbaren Spielstand quittierte der eingangs erwähnte Goleador sehr rapidlerisch mit „der Hafer ist geschnitten.“ Traurig ist das „Markieren von Ehrentreffern“ (von Toren bei hoher Niederlage), schändlich ist das Eigentor.

Die semantische Befindlichkeit, ein Tor würde fallen, hat ihre sprachliche Herkunft in der mittelalterlichen Kriegskunst. Der Torwart, die Torwärtin ist metaphorisch der Wächter des Stadt- oder Burgtores. Sobald er überwunden ist,„fällt das Tor“ – in die Hände des angreifenden Gegners.

Legendär ist der „Torfall von Madrid“, geschehen am 1. April 1998 vor dem Anpfiff des Halbfinal-Spiels der UEFA Champions League in der Saison 1997/98 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund im Santiago-Bernabéu-Stadion. Durch ein umgefallenes Tor verzögerte sich der Beginn des Spiels um 76 Minuten.


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Stiften gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2026 vom 8. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
viel und oft bin ich mit Jugendlichen unterwegs. In meiner Erinnerung ist der Ausdruck „stiften gehen“ ein Recht gebräuchlicher für verschwinden oder abhauen. Heute ist der Begriff aus dem Sprachgebrauch fast verschwunden.
Ich frage mich seit langem, wo dieser schöne Ausdruck wohl tatsächlich herkommen mag.

Liebe Grüße,
Florian Brandt, Gumpendorf, per elektropostalischer Depesche

Lieber Florian,

das von Ihnen erinnerte „stiften gehen“ ist ein Ausdruck aus der Soldatensprache. Synonym mit Soldatendeutsch ist damit der Jargon oder Soziolekt gemeint, der unter Soldaten gesprochen wurde (und wird). Sie dient(e) als ironische Bewältigung des harten militärischen Alltags und war stark von Abkürzungen, Zynismus und Sprachwitz geprägt. Zahlreiche Begriffe fanden den Weg in die Alltagssprache. Sehr wahrscheinlich haben sich im Stiftengehen zwei Begriffe miteinander vermischt. Das Soldatische kannte für den beliebten Kautabak das Wort „Stift“. „Stiften“ oder „priemen“ bezeichnete den Konsum des Kautabaks. Das unerlaubte Entfernen von der Stellung (oder gar der Truppe) mag sich mit der vergleichsweise harmlosen nikotinischen Kaupause vermischt haben.

Wie so oft hat unser Begriff aber eine viel wahrscheinlichere Herkunft aus dem Rotwelschen und Jiddischen. Jiddisch „schiwes“ (fort-, weg-) gehen ist verwandt mit dem rotwelschen (gaunersprachlichen) Adverb „schiebes“, ebenfalls soviel wie „weg“, „fort“. Beide Wortformen sind mit dem westjiddisch Verb „scheffen“ verwandt, es bedeutet weggehen, sich davomachen, abhauen. „Scheffen“ und „stiften“ haben sich wohl im Barras (dem Militär) miteinander vermischt.

Wo unsere deutschen Nachbarn sich verdrücken, verkrümeln oder verduften, sich dünnemachen, verpissen, ne Fliege, ne Mücke machen oder schlicht Leine ziehen, machen Wiener Fliehende “an Schuach” (einen Schuh) und hauen sich (werfen sich), “üwa d’Heisa” (über die Häuser). Den schönsten Ausdruck für den vorzeitigen Abgang hat das Wienerische aber aus der romaňi čhib, der Roma-Sprache entlehnt, aus Romani “pal” (nach, hinter) wurde “Beuli geh’n” (Päule gehen) oder “beulisian” (päulisieren).


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Proleten und Proletarier

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 27/2026 vom 1. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
ein Leserbrief monierte die Verwendung von „Prolet“ bzw. „Proletarier“ in einem Falterartikel. Die Kritik richtete sich gegen die sozial abwertende, diskriminierende Verwendung der Bezeichnung. Wann tauchte die pejorative Verwendung von „Proletarier/Prolet“ auf? Vermutlich gibt es eine ähnliche Entwicklung bei „Gsindl“ von „Gesinde“, was dem eher städtischen „Proleten/Proletarier“ zeitlich vorausgegangen sein dürfte. Die niederösterreichische Landeshauptfrau hat mit ihrer Bemerkung über das „Rote Gsindl“ wohl „Proleten“ gemeint.
Bitte um Aufklärung! Mit lieben Grüßen,
Rainer Holzfeind aus der proletarischen Donaustadt

Lieber Rainer,

das Wort „Proletarier“ hat eine lange Wanderschaft hinter sich. Karl Marx und Friedrich Engels hatten den Begriff als Terminus der Klassentheorie eingeführt und mit diesem die Klasse der abhängigen, ausgebeuteten Lohnarbeiter bezeichnet, die keine eigenen Produktionsmittel besaßen und gezwungen waren, ihre Arbeitskraft an die Bourgeoisie zu verkaufen. Das Wort „Proletariat“ war kein Neologismus, sondern eine Entlehnung des gleichbedeutenden französischen Wortes „prolétariat“. Dieses hat seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv „proletarius“, wörtlich: die Nachkommenschaft betreffend. Der Proletarier ist also ein Sprössling.

Ungeachtet der geschichtlichen und politischen Zusammenhänge versteht sich die Vokabel „Prolet“ nicht als Selbstbezeichnung, sondern zirkuliert fast ausschließlich als negative Zuschreibung. Und sie hat sich, wenn auch nicht vollständig, von der Arbeiterschaft gelöst. Gibt es doch den klassischen Arbeiter kaum noch. Der „Prolet“ ist inzwischen nur mehr Schauspieler seiner selbst. Von überhöhter (hier: erniedrigter) Sprache getragen, mit übertriebenem Gestus ausgestattet, überkostümiert und ins Karikaturhafte überzeichnet. Mit der Italianisierung Wiens hat der Prolet mediterrane Züge angenommen, schwimmen und schreiten gelernt, hat Goldketterln und Spiegelbrillen angelegt und sich enorme Peckerln auf die Muckis machen lassen. Aus dem Prolet hat sich der Prolo geschält. Politisch begleitet von individuellem Klassenverrat.


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Graue Energie Schwarzingergasse

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 26/2026 vom 24. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
in der Schwarzingergasse im 2. Bezirk soll ein Schulgebäude abgerissen werden, ein Gründerzeitbau in einem Gründerzeitensemble. Seine Substanz scheint in durchaus gutem Zustand zu sein. An dieser Stelle soll eine neue Schule gebaut werden. Der Neubau ist abgesagt, weil der finanziell klammen Gemeinde das Geld fehlt. Wir Anrainer haben das erst jetzt erfahren, wurden vor vollendete, das heißt beschlossene Tatsachen gestellt, demnächst soll die Abrissbirne kommen. Ich lese sehr gerne Ihre sprachkritischen und sprachanalytischen Kolumnen, daher meine Fragen: Kann man noch von „politischer Vernunft“ sprechen, wenn ein gut erhaltenes Gebäude abgerissen wird, ohne eine Adaptierung des Bestands überhaupt in Erwägung zu ziehen, und bloß eine Baulücke produziert wird, weil für einen Neubau kein Geld da ist? Was bedeutet der Begriff „Nachhaltigkeit“ in diesem Fall? Und was versteht die Stadtregierung an diesem Beispiel unter dem Begriff „Transparenz“? In Hinblick auf die Bewahrung städtebaulicher Substanz ist von „Grauer Energie“ die Rede. Ist damit die Energie grauer Hintermänner gemeint?
Vielen Dank im voraus für Ihre Antwort, Herzliche Grüße
Elise Rolník, 1020 Wien, per Email

Liebe Elise,

die Stadt Wien definiert „Nachhaltigkeit“ als maximale Ressourcenschonung im Einklang mit dem Erhalt hoher Lebensqualität für alle. Der Mensch stehe im Mittelpunkt. „Transparenz“ wiederum sei der offene Zugang zu Informationen, sowie die Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit politischen und verwaltungstechnischen Handelns. Bürger·innen sollen informiert sein und aktiv am gemeinschaftlichen Leben teilhaben können. Ähnlich gut liest sich auch das Buzzwort „Graue Energie“ – die gesamte (nicht direkt sichtbare) Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produkts oder Gebäudes aufgewendet werden muss.

Als gelernte Wienerin und in meinem Fall seit 62 Jahre Anrainerin der wunderbar ruhigen Schwarzingergasse darf ich Nachhaltigkeit mit „Vorenthalt“ übersetzen, Transparanz mit „am Schmäh halten“. Mit „Grauer Energie“ darf tatsächlich die Energie unsichtbarer Hinterleute verstanden werden.

Schade, Wien, das geht besser!


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Der furchtbare Guggawaunzl

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 25/2026 vom 17. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
in der Zeit der Perchten und Krampusse fiel mir der Guggawaunzl ein. In meiner frühen Kindheit bewohnte er Räume im benachbarten Bauernhof. Räume die ich – weil gefährlich – nicht betreten sollte Keller, Tenne usw. Falls unfolgsam hätte mich der Guggawaunzl geholt und mitgenommen. Obwohl ich damals schon sehr neugierig und abenteuerlustig war, hat er mich nicht erwischt. Wer ist dieser seltsame Geselle? Ich hab nie wieder etwas von ihm gehört.
Danke für Ihre Hilfe und liebe Grüße aus der Steiermark./em>
Utz Uhl, von meinem iPhone gesendet

Lieber Utz,
mundartliche Bezeichnungen entziehen sich weitgehend einheitlicher Schreibweisen. Lexikalisch sind sie schwer zu fassen und noch schwieriger zu finden. Der Kinderschreck „Guggawaunzl“ treibt sein Unwesen nicht nur in der Steiermark. In den Regionen der Hohen Tauern ist er als „Goggewanzl“ bekannt. Ein Lehrspruch für neugierige Kinder dort lautet: „Schtille, schtille, der Goggewanzl huckt auf der Dille“ Mit „Dille“ ist nicht das Küchenkraut gemeint, sondern die hochdeutsch „Diele“ geschriebenen (Dach)-Bodenbretter. Der Goggewaunzl hockt also still hinter dem Gebälk des Dachbodens. Um Kinder zu holen, die nicht brav sind.

Der Kulturwissenschaftler Kurt Freimüller hat den sehr wahrscheinlichen Ursprung der Figur in einem luziden Privatissimum enthüllt. Demnach geht der Guggawaunzl auf die historische Gestalt des nordböhmischen Priesters Wenzel Hocke (1732–1808) zurück, der als „Hockewanzel“ überregionale Berühmtheit erlangte. Wenzel Hocke war ein sehr beliebter, volkstümlicher Dechant im böhmischen Marien-Wallfahrtsort Oberpolitz, bekannt für seine barsche Kritik am Leitmeritzer Bischof, die schlagfertigen Predigten und sein großes Herz. 1881 brachte der altkatholische Pfarrer Anton Nittel die Anekdoten über den Till Eulenspiegel im Priestergewand als „Geschichten vom Hockewanzel“ heraus. Für die Verbreitung im Österreichischen sorgte der steirische Dichter Peter Rosegger, der in seiner Monatssschrift „Heimgarten“ ( VI, 823) die Episode „Wie der Hockewanzl Erzdechant geworden ist“ publizierte. Nittels Geschichte übertrug er in die obersteirische Mundart. Aus dem Bischofschreck wurde ein Kinderschreck.


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Warm in Wien

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 24/2026 vom 10. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
Pride-Zeit ist und es wird wieder viel über Queerness gesprochen. Dabei fiel mir ein alter Begriff ein, den ich mir nicht wirklich erklären kann. Woher kommt eigentlich die Urwiener Bezeichnung „Woama“ oder „woam“ für männliche Homosexuelle?
Beste Grüße
Andreas Brunner, per Email

PS: Obwohl ich als wissenschaftlicher Leiter von Qwien quasi vom Fach bin, kann ich die Herkunft des Begriffs nicht erklären. Nachdem mich Ihre Redaktionskollegin Daniela Krenn nach einer Erklärung fragte, kam ich auf die Idee, Sie zu fragen. Vielleicht finden Sie mit ihrem umfassenden etymologischen Wissen eine Erklärung.

Lieber Andreas,

Ihre Frage hat insoferne Aktualität, als das Cover dieser Falter-Ausgabe mit dem Begriff „Warmes Wien“ titelt. Die Bezeichnungen „Woama“ für homosexuelle Männer und Jugendliche und „woam“ für deren sexuelle Orientierung sind als Geusenworte ins Vokabular der Szenesprache übergetreten – die ursprünglich als Beleidigung dienenden Begriffe sind längst positiv besetzt. „Warm“ ist synonym mit „schwul“ (drückend heiß), das Wort wurde als Antonym zu „kühl“ in „schwül“ umgewandelt. Die alte Form wurde im 19. Jahrhundert in der Berliner Mundart und im Rotwelschen in Anlehnung an „warm“ auf „homosexuell“ übertragen. Der Sexualforscher (und bekennende Schwule) Magnus Hirschfeld stellte in einem frühen Text die seltsame These auf, die Haut von Homosexuellen sei wärmer als die von Heterosexuellen. Der deutsche Kriminalist und Schriftsteller Friedrich Christian Avé-Lallemant schlägt in die selbe Kerbe und beschreibt in seinem 1862 veröffentlichten Werk „Das deutsche Gaunertum „den Schwulen“ als den „von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene(n)“.

Das Wienerische kennt weitere Synonyme aus dem sprachlichen Temperatur-Universum, so “bochn” (gebacken), „ghaadsd“ (geheizt) und „gsengd“ (gesengt). Die Lesben und sapphisch Orientierte firmier(t)en im gaunersprachlichen Wien ebenfalls als „woam“. Als „woame Chomes“ nämlich, als „woame Fladarn, „woame Gas“, „woame Hebn“, als „woams Menscherl“, „woams Röhrl“, „woame Schanettl“ und „woame Tschesn“. Warmes Wien also, wohin man schaut.


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Tückisch – Das Togerzen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 23/2026 vom 3. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
seit zwei Wochen hab ich einen Gipsfuß, und von Zeit zu Zeit, wenn ich nicht genug Ruhe geb, „dogazt“ der. Also der Fuß pocht, wird warm und „arbeitet“. Meine Mama und ich haben gerade sehr über dieses alte Wort „dogazn“ gelacht, das uns plötzlich wieder eingefallen ist, bzw. im Mostviertel doch immer wieder verwendet wird. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns über den Wortursprung aufklären könnten!
Liebe Grüße,
Tina Hofm, Wien, per Email

Liebe Tina,

auch im alten Wien war das Zeitwort bestens bekannt und weit verbreitet. Die Schreibweise ist niemals normiert worden, weswegen es in den spezifischen Wörterbüchern (und ihren Online-Derivaten) schwer zu finden ist. „Dogatssn“, „dockatssn“, „dogetssn“ bezeichnet das pulsierende, hämmernde Schmerzen, das Fühlen des eigenen Pulses in einer Wunde, einer Geschwulst, besonders in eiternden Verletzungen oder kranken Zähnen. Bisweilen auch „togerzn“, „togazen“ geschrieben zirkulierte es in Redewendungen wie: „In mia togazd ois vua Zuan“ (in mir hämmert alles vor Zorn), „Mei Heads togazd“ (Mein Herz pocht), „Mei gschwiariga Finga fangd dsan dogazn an“ (mein eitriger Finger beginnt zu pochen.)

Nach spärlicher Expertise der Etymologen ist das Wort eine lautmalende Bildung, die entweder von italienisch „toccare“ (stoßen, drücken) kommt, oder vom sehr ähnlichen mittelhochdeutschen „tuc“, „duc“ (Schlag, Streich, Stoß, schnelle Bewegung, Gebärde, Handlungsweise, Gewohnheit, listiger Streich, Kunstgriff, Arglist). Im italienischen Herkunfstfall kommt das „togazn“ vom vulgärlateinischen *toccare, das wiederum auf die lautmalende Silbe „tok“ für den Schlag oder das Klopfen, wie beim Anschlagen einer Glocke zurückgeht.

Aus dem deutschen „Tuck“ (boshafter Streich) wurde jedenfalls dessen singularisierter Plural „Tücke“, „Dücke“. Die Tücke, petrifiziert im Sprichwort „Mit List und Tücke fängt man eine Mücke“, verwenden wir nur mehr in den Adjektiven „tückisch“ und „heimtückisch“.

In Verblendung des Gesagten könnten wir im „Togerzen“ die körperliche Hinterlist sehen, uns auch im Falle von gut heilenden Verletzungen mit pochendem Hinweisen zu bemühen.

„Heilung ist Arbeit“, sagen die Esoteriker. „Arbeit ist Heilung“ die Exoteriker.


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Das Z-Wort

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 21/2026 vom 20. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
vielleicht sind meine Fragen nicht so spannend, sie treten jedoch bei mir immer wieder auf, wenn ich „Frau Andrea“ lese. Ich hab ja nichts zu verlieren, also nehm’ ich mir ein Herz und frag’ Sie. Meine Eltern und Großeltern kommen aus Bad Aussee. Mein Vater mit Namen Peppi wurde in der Schule und auch später von Freunden der „Zurk“ genannt. Für meine Großmutter war ihre Nebenbuhlerin das ganze Leben lang nur der „Zauk“.
Mit sehr lieben Grüßen,
Grete Dickinger, per Email

Liebe Grete,

Ihre Fragen sind sehr spannend, dies vorweg! Ich bin im Aussee der Sechzigerjahre in die Volksschule gegangen. Im Rahmen dieser Disposition sind mir viele spezifische Ausseerismen bekannt, so „Odad“ und „Omam“ für die Großeltern. „Zurk“ ist indes schwerer zu deuten. Ein Verhörer mit „Zuag“ (Zug, also Eisenbahn) ist möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich. „Zurk“ ist allerdings ein südsteirischer Familienname. Vielleicht gibt es darüber Weiterführendes in Ihrer spezifischen Familiengeschichte zu erkunden. Die Deutung der Invektive Ihrer Omam, deren Nebenbuhlerin betreffend ist weniger schwierig.

Das Wort „Zauk“ ist auch im Wienerischen nicht unbekannt, hat sich aber mit einem anderen verbunden. Zauk, Zauck (Dsauk), eigentlich Zauke, Zauche ist verwandt mit der mittelhochdeutschen „zôhe“, und bezeichnete ursprünglich die Hündin. Als Schimpfwort wurde „die/der Zauck“ Synonym mit der liederlichen Frau, der/dem „Schlampen“ und galt in der Unterwelt des alten Wien (und aller ihm emotionell zugetanen Gegenden) auch als Bezeichnung für die übelbeleumundete Dirne. Ein „Zaukl“ ist in Konsequenz dieser sprachlichen Verhältnisse die Verkleinerungsform von „Zauk“. Es hat sich mit dem Gfrast zum Gfrast-Zaukl verbunden. Es bezeichnete den kleinen gefräßigen (und aus paternalistischer Sicht wohl weiblichen) Hund. Ohne Ahnung dieser Zusammenhänge wurde es zum „Gfrastsackl“, im alten Wienerisch die fast schon liebevollen Bezeichnung für das schlimme Kind.

Moderne Kehlen (von Aussee bis Wien) würden eine Nebenbuhlerin heute allerdings als „bitch“ bezeichnen.


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Die gute alte Backhendlfrage

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 20/2026 vom 13. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
in Wiener Klassiker ist das Schnitzel, vielerorts gepriesen. Jedoch habe ich den früheren Ausdruck „Backhendlfriedhof“ für wohlbeleibte Personen in Erinnerung. Auch ging man seinerzeit zu festlichen Anlässen in den „Wienerwald“ Backhendl essen. Irgendwann hat das Schnitzel das gebackene Huhn überflügelt. Das Backhendl gibt’s jetzt meist nur mehr als Salat. Wie und warum konnte das passieren?
Mit der Bitte um kulinarische Aufklärung,
Siegi Lindenmayr, Wien Alsergrund, per Email

Lieber Siegi,

wir widerstehen dem Versuch, auf die komplizierten Firmengeschichten der verschiedenen Restaurantketten und ihrer Eigentümer einzugehen, die unter dem Markennamen „Wienerwald“ ein kleines Gerichteparadies um paniertes Huhn auf die Speisekarten zauberten. Das ursprüngliche Unternehmen, gegründet von Friedrich (Hendl-) Jahn, war zeitweise die erfolgreichste europäische Restaurantkette.In den späten 1970er Jahren, aus dem auch meine vividen Erinnerungen an Wienerwaldbesuche stammen, betrieb die Wienerwald-Kette weltweit rund 1.600 Restaurants. Allein in Deutschland und Österreich gab es damals etwa 700 Standorte. Heute hält die Stellung ein einziges Wienerwald – in der Annagasse im Ersten.

Das traditionelle Wiener Backhuhn (Bochhendl) wurde in vier Teile zerlegt, als fünftes galt der Kragen samt Kopf. Auch die Innereien wurden mitserviert. Die panierten Teile wurden in Schweine- oder Butterschmalz herausgebacken. Schon im 17. Jahrhundert wird von „bachenen Hühnern“ berichtet. Um 1720 beschreibt das „Saltzburgischen Kochbuch“ das Rezept zu „Hühnlein aus abgeschlagenen Eiern gebacken“. Die berühmte Autorin Katharina Prato beschreibt in ihrem Kochbuch „Die süddeutsche Küche“ gebackene Hühnern oder Tauben, die dem späteren Backhendl schon sehr ähnlich sind. Heute scheiden sich die Geister in der Frage, ob das Backhuhn klassisch mit Haut und Knochen paniert wird, oder, wie viele Köche heute meinen, enthäutet und entbeint, im Salatbett. Letzteres ist veränderten Essgewohnheiten und der Ökonomie geschuldet. Mit dem klassischen fetten „Bochhendl“ ist auch der Ausdruck „Bochhendlfriedhof“ für die feiste Männerwampe verschwunden.

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Reklamescham

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 19/2026 vom 6. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
Sie werden ja oft zur Bedeutung von Ausdrücken gefragt. Ich habe das umgekehrte Problem. Mir fehlt ein Wort für folgendes Phänomen: In der Werbung wird häufig dick aufgetragen. Wenn Schokolade, Bankkonten oder Telefonverträge mit Neugeborenen und tränenaufgelösten Menschen zu schmachtender Musik propagiert werden, löst das bei mir oft mehr emotionale Reaktion aus, als mir lieb ist. Fast kommt mir selbst das Schluchzen! Gleichzeitig stösst mich dieser ungenierte Zugriff auf meinen Gefühlshaushalt ab und wenn es auch noch so reingeht, ekelt mich fast vor mir selbst. Gibt es einen Namen für diese komplexe Gemengelage? Irgendeinen Neologismus, so wie Fremdscham oder Mansplaining, der gefehlt hat, bis ihn dann jemand erfunden hat? Wenn nein, können Sie bitte einen erfinden?
Vielen Dank im Voraus,
Johanna Schober, per Email

Liebe Johanna,

gerne bin ich Ihnen dabei behilflich, die lexikalische Lücke zu schließen. In einem ersten Herangehen wollen wir die zwei von Ihnen reportierten Gefühle von einander trennen – jenes der empathischen Rührung und das der reflektierende Beschämung über diesen Emotionsübergriff. Sodann werden wir den Versuch unternehmen, die beiden miteinander verbundenen Regungen in eine neu komponierte Wörtlichkeit zu fassen.

Einen einzelnen, fest etablierten Begriff für die Gemengelage aus emotionaler Manipulation, parasozialem Mitfühl und kognitiver Abwehr gibt es noch nicht. Also basteln wir an einer kleinen Liste mit möglichen Neuschöpfungen für den Cluster aus Rührungsabwehr, Schmachtwiderwillen und reklamebasierter Mitfühl-Scham.

Aus der Psychotantenecke könnten kommen: Ambirührung (ein Kofferwort aus Ambivalenz und Rührung) und Manipathie (zusammengebaut aus Manipulation und Empathie). Wissenschaftlich klingen „reaktive Affektambivalenz“, „PR-induzierte Empathiedissonanz“ und „parasoziale Emotionsspaltung“. Etwas salopper traben die Neologismen „Gefühlsabzocke“, „Rührungsnepp“, und „Herzschleim-Overload“.

Meine Favoriten wären „manipulative Rührscham“, „gegenimpulsiver Marketingekel“, „Heulschauder“ und „Kitschkater“.


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Steif wie ein Bleistift

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2026 vom 29. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als angelernter Wiener wende ich mich mit einer alkohollastigen Frage an Sie, die im Spruch „Steif wiar a Bleistift hadsch i durch Neistift“ wurzelt. Warum wird in Wien der Zustand der Berauschung mit so unterschiedlichen Adjektiven wie (blunzn)fett, braad, (bladl)waach, ölig oder eben steif beschrieben? Die Wirkung von C2H6O in den Synapsen ist doch nicht so vielfältig, dass man sich nicht auf ein präziseres Eigenschaftswort einigen könnte, oder doch?
Vielen Dank für Ihre Mühewaltung, und mit lieben Grüßen aus Wien-West,
Hans C. Fux, per Email

Lieber Hans,

für die Vielfalt der chronischen oder akuten Ethanol-Entrückungen hat Wien einen ganzen Katalog von Bezeichnungen etabliert. Für die Ergebnisse der Intoxikationen mit „Äukahoi“ (Alkohol), kurz „Äuk“ genannt, kennt das Wienerische „in Bemsdl“ (den Pinsel), „es Damen“ (das Taumeln), „in Dippe“ oder „Diwe“ (den Dübel), „in Dampas“ („Dampus“, den studentisch latinisierten Dampf), „in Fettsn“ (den Fetzen), „die Fettn“ (den Drall, vom „Effet“ beim Billard), „die Gluad“ (Glut), „in Newe“ (den Nebel). Sodann haben Tschecheranten und Drangler gerne „an Schbids“ (Spitz) und „an Schdich“ (Stich). Rauschate (Berauschte) haben „a Schweigl“ (von Schwelgen), „an Schwibs“ (von schwippen, schwappen), oder sind „im Ö“ (im Öl). Heißer als der „Schwü“ (die Schwüle) ist der „Schwas“ (Schweiß). Er hat sich mit der Metallverbindungstechnik Schweißen zum wienerischen „zuagschwasd“ (zugeschweißt) sein verbunden. Beliebte Zustände sind „augflaschld“ (angeflaschelt), „autschechad“ (angetschechert, verwandt mit angeschickert), „bedopped“ (bedoppelt, betäubt vom Konsum eines Dopplers, einer Doppelliterflasche Wein), sind „betoniert“, „blunznwaach“ (weich wie eine Blunzn, eine Blutwurst), „eidrangld“ (eingetränkt), „eigschbridsd“ (eingespritzt), sind „fett wiara Radierer“ (fett wie ein Radiergummi) oder nur „zuagleschd“ (zugeklescht, vom Klescher, dem Schlag, von jiddisch chaleschen, schwach werden, ohnmächtig werden). „Steif wiara Bleistift“ haben der Wienerlieder-Komponist Ferry Wunsch und die Textdichter Albin Ronnert und Leopold Nowotny eingebracht. Oisdaun, Prost!


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Hinten höher als vorn

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 17/2026 vom 22. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als große Freundin diverser Eigenartigkeiten der deutschen Sprache bin ich letztens über eine bayerische Redewendung gestoßen, die mich seitdem begeistert. Wenn ein Bayer sich über etwas aufregt, sagt er „jetzt wird’s aber hint höher wie vorn“. Das macht überhaupt keinen Sinn, dennoch weiß jeder, worum es geht. Gibt es vielleicht eine Erklärung, wo das Sprücherl her kommt?
Alles Liebe,
Anna-Maria Walli, per Email

Liebe Anna-Maria,

die Bayer·innen sind nicht die einzigen, die in Rage Seltsames von sich geben. Wie der Fluch arbeitet das Erstaunen mit vorformulierten Metaphern. Manchmal sind die Redewendungen schon aus der Zeit gefallen. Ihre ursprüngliche Bedeutung wird nicht mehr verstanden. Ein bundesdeutsches Synonym wäre der kalauernde Ausruf „da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“. Aus Oberösterreich kennen wird den Spruch „da hängds da voi die Kédn aus“ (da hängt es dir voll die [Moped-]Kette aus). Der gesamte deutsche Sprachraum versteht die etwas blutleere Formel „das wär ja noch schöner.“

Bairisch „Iatz werds hint héha wia vúan“ (jetzt wird es hinten höher als vorne!) drückt das Erstaunen über eine absurde, chaotische oder „völlig aus dem Ruder gelaufene“ Situation aus. Die Unverständlichkeit des Spruchs geht einher mit der Tatsache, dass das Gewerbe und die Umstände, denen er entstammt, nahezu völlig verschwunden sind. Und mit ihnen spezifische Ausdrücke und Situationen. Unsere Redewendung bezieht sich auf ein bockendes Pferd, das mit der Hinterhand hochgeht. Das kann den Reiter, in der Regel einen Standesherrn oder Kavalleristen gefährlich nach vorne abwerfen. Öfter dürfte die Gefahr nach hinten ausschlagender Pferde Gespannen zugesetzt haben. Der Ausdruck stammt wohl von Fuhrwerkern und Kutschern. 

Das Wienerische, stets im Zwiespalt zwischen Knapp- und Saftigkeit kennt die Ausrufe „Hawedere“, „Hawediena“ und „Seawasgschäft“. Metapherncharakter haben die Sprüche „do hauds da in Vogl aussa“ (da haut es dir den Vogel raus“, „do ziagds da die Bock aus“ (da zieht es dir die Stiefel aus) und „do hauds di vom Glanda“ (da wirft es dich vom Geländer). Das bewährte „Oida!“ geht natürlich immer.


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