Das Peckerl im Magnet

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 32/2026 vom 5. August 2026

Liebe Frau Andrea,
unlängst musste ich ein MRT machen lassen. Der nette Assistent hat mich gefragt, ob ich tätowiert bin. Ich habe bejaht (auf meinem linken Handgelenk befindet sich ein kleines Tattoo, das ich seit meinem 20. Lebensjahr stolz trage). Der Assistent mußte sehr lachen, als er mein kleines Tattoo sah, er meinte, das sei kein Problem. Problematisch wären sehr große flächige Tätowierungen. Blöderweise habe ich mich nicht getraut, zu fragen, woran das liegen könnte? Beeinflussen Tätowierungen eine Magnetresonanztomographie? Und was würde passieren, wenn ich tatsächlich den ganzen Rücken tätowiert hätte?
Herzliche Grüße aus Penzing sendet
Katharina Fratella, per WhatsApp-DM

Liebe Katharina,

der klassische Magnetresonanztomograph (MRT) ist ein Gerät mit einer tunnelartigen Röhre, in der ein konstantes, extrem starkes Magnetfeld erzeugt wird. Die Patient·innen liegen auf einem Schiebetisch, der für die Messung automatisch durch die Röhre gezogen wird. Die im Körper reichlich vorhandenen Wasserstoffatome richten sich im Magnetfeld wie winzige Kompassnadeln parallel aus. Radiofrequenzimpulse, in den Körper gesendet, bringen die Atome kurzzeitig aus dem Takt. Spezielle Spulen im MRT messen nun die elektromagnetischen Signale, die die ausgelenkten Atome aussenden, wenn sie in ihre ursprüngliche Position zurückkehren. Weil die verschiedenen Gewebearten unterschiedlich viel Wasser enthalten, klingen diese Signale unterschiedlich schnell ab, ein Computer errechnet daraus präzise Schnittbilder.

Im ultrastarken Magnetfeld können sich bestimmte Metalle gefährlich erhitzen oder zu Projektilen werden. Während einer MRT-Untersuchung können in einem tätowierten Bereich zudem Irritationen, Ödeme, Brennen auftreten. Sechs Wochen sollte ein Tattoo mindestens alt sein, um zu verhindern, dass ferromagnetische Partikel in manchen Tinten von den starken Magneten bewegt werden. Wenn ein Tattoo frisch ist und vom Gewebe noch nicht unverrückbar fixiert, kann, wie ein kompetenter Radiologe erzählt, die Dame mit den neuen Augenbrauen nach dem MRT anders aussehen als vorher, das schöne Tribal Tattoo zu abstraktem Farbbrei verschmolzen sein.


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Ober, Unter, Alter

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 31/2026 vom 29. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
meine bundesdeutsche Kollegin hat mich unlängst auf die widersprüchliche Aussprache der Wiener „Laas“ aufmerksam gemacht, die ihr nach ihrer Übersiedlung nach Österreich Probleme bereitet haben. Warum sagt man Alt-Erlaa, aber nicht Unt-Erlaa bzw. Ober-Laa, aber nicht Alter-Laa? Und was ist eigentlich ein Laa oder Erlaa? Vielleicht können Sie Licht in die Sache bringen.
Beste Grüße, Therese Thaler, per Email

Liebe Therese,

gehen wir die Sache gemütlich an. In „Landtmann’s Original Café & Tortenshop“ im Center Alterlaa im 23. Bezirz laaben wir uns an einer Erdbeer-Pistazien Torte, einem Orangen Guglhupf oder einer Marvella, der extrafeinen Torte für Menschen mit Schluckstörung. Unsere etymolgische Reise geht nun 10 Kilometer nach Osten, wo wir in der „Kurkonditorei Oberlaa“ von der Schweizer Apfel Torte naschen, von der Schoko-Mousse Torte oder der Schwarze Ribisel Torte.

So nahe die beiden Orte patisserietechnisch liegen, so wenig haben sie sprachgeschichtlich gemein. Oberlaa, im Süden Favoritens gelegen, ist ein ehemaliges niederösterreichisches Dorf, heute Teil des 10. Bezirks. Ursprünglich bildete der Ort mit dem flussabwärts der Liesing liegenden Unterlaa eine Einheit unter dem Namen „Laa“, in Aufzeichnungen erstmals 1140 erwähnt. Der Heurigenort Oberlaa, aus einem Zeilendorf hervorgegangen, wurde erstmals 1324 urkundlich genannt. 1969 wurde dort eine Schwefel-Thermalquelle in Betrieb genommen. Seit 2017 mit der U1 erreichbar, firmiert sie heute als „Therme Wien“.

Die Satellitenstadt „Alterlaa“ ist eine der größten Wohnanlagen Österreichs, eine Stadt in der Stadt. Der Komplex liegt nicht im ehemaligen Dorf „Erlaa“, ist aber nach dem nahe gelegenen Schloss „Alt-Erlaa“ benannt.

Klären wir die Aussprache der Orte. „Laa“ leitet sich vom althochdeutschen „lâ“ oder „lō“ ab, soviel wie Lache, Sumpf, feuchte Niederung oder Sumpfwiese. Ganz anders „Erlaa“, das erstmals um 1114 als „Erila“ genannt wird, um 1170 als „Erlahe“, soviel wie Erlen-Ache, also Erlengewässer. Wir sprechen die Orte Óberlaa, Únterlaa und Láá aus, aber Érlaa und Ált-Érlaa.


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Band, Scheibe, Vorfall

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2026 vom 22. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
als ein Team, in dem die meisten zwischen 25 und 40 Jahre alt sind, war das Thema in der Mittagspause kürzlich der in diesem Alter erstmals auftretende Bandscheibenvorfall. Dabei haben wir gemutmaßt, ob das Wort vom Vorfall als Ereignis kommt, oder der Vor-Fall die geometrische Verschiebung der Bandscheibe beschreibt. Können Sie uns da helfen?
Liebe Grüße, Simon Klausecker
Von meinem/meiner Galaxy gesendet

Lieber Klaus,

in der Medizin ist die einzelne Bandscheibe als „Intervertebralscheibe“, „Zwischenwirbelscheibe“, lateinisch „Discus intervertebralis“ bekannt. Papers, Studien und Fachbücher kennen sie englisch als „intervertebral ligament“, „intervertebral disk,“ „intervertebral cartilage“, oder schlicht „disk“, „disc“. Die Wirbelsäule des Menschen hat 23 Bandscheiben, deren Dimensionen zum Kreuzbein hin zunehmen und insgesamt ein Viertel der Gesamtlänge der Wirbelsäule ausmachen. Die einzelne, zwischen drei und zehn Millimeter hohe Bandscheibe ist eine knorpelige Verbindung (daher der Wortbestandteil „Band“) zwischen zwei Wirbelkörpern der Wirbelsäule. Sie besteht aus dem faserknorpeligen Ring (Anulus fibrosus) und dem inneren Gallertkern (Nucleus pulposus). Beide werden makroskopisch als Scheibe wahrgenommen, daher der zweite Wortbestandteil. Im Zusammenspiel mit den Wirbelgelenken gewährleisten die Bandscheiben die Bewegungen zwischen den Wirbelkörpern und damit der Wirbelsäule insgesamt. Durch die Elastizität ihrer Gallertmasse wirken sie als Puffer, dämpfen Stöße und Biegungen der Wirbelsäule.

Der unbeliebte „Bandscheibenvorfall“, englisch „intervertebral disc prolapse“ ist eine Verlagerung (Vorfall) beziehungsweise der Austritt von Gewebe des Gallertkerns der Bandscheibe. Der resultierende Druck auf Nerven oder das Rückenmark führt zu plötzlichen, in Arme oder Beine ausstrahlenden Schmerzen, Kribbeln, Taubheitsgefühlen, Muskelschwäche. Die Symptome sind davon abhängig, welcher Teil der Wirbelsäule, und welche Nervenbündel betroffen sind.

In Zusammenschau des Gesagten ist der Vorfall also nicht das anekdotische Ereignis, sondern die anatomische Mechanik des krankhaften Geschehens.


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Wenn das Tor fällt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2026 vom 15. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
bei der Fußball-WM ist mir eine Frage wieder eingefallen, die mich schon früher sehr bewegt hat: Wenn der Ball ins Tor kommt, ist ein Tor gefallen! Aber eigentlich steht das Tor noch, es ist nicht umgefallen. Und wenn das Match ohne Treffer endet, ist kein Tor gefallen – beide Tore stehen, da passt es. Ich hoffe, Sie können Flutlicht in diese Sache bringen.
Danke und liebe Grüße,
Elisabeth Hammerer, von meinem iPad gesendet

Liebe Elisabeth,

„das Runde muss in das Eckige“, heißt es in der Fußballverstehkunde, „alles andere ist primär“ (@Hans Krankl). Linguisten haben zuletzt 185 Synonyme für das Erzielen eines Tores ausgemacht. Weil kein Torerfolg dem anderen gleicht, zirkulieren für das Schießen eines Tores Synonyme wie „abstauben“, „einbunkern“, “einlochen“, „einnetzen“, „einschenken“, „einschlagen“, „einschweißen“, „erzielen“, „treffen“, „verwandeln“, „vollstrecken“, oder schlicht: „reinmachen“. Etwas lyrischer wird es, wenn „eingezuckert“ wird, „die Butter gecremt“, „die Torte gehoben“. Wenn der Ball, die Kugel, das Leder (wienerisch „die Frucht“) „im Kasten versenkt“, „in die Maschen gejagt“, „über die Linie gedrückt“ wird, wenn „das Netz ausgebeult wird“, ein „Doppelpack geschnürt“, also zwei Tore in einem Spiel erzielt werden, oder der „Hattrick erzielt“ wird (drei Goals in Folge in einer Halbzeit). Unaufholbaren Spielstand quittierte der eingangs erwähnte Goleador sehr rapidlerisch mit „der Hafer ist geschnitten.“ Traurig ist das „Markieren von Ehrentreffern“ (von Toren bei hoher Niederlage), schändlich ist das Eigentor.

Die semantische Befindlichkeit, ein Tor würde fallen, hat ihre sprachliche Herkunft in der mittelalterlichen Kriegskunst. Der Torwart, die Torwärtin ist metaphorisch der Wächter des Stadt- oder Burgtores. Sobald er überwunden ist,„fällt das Tor“ – in die Hände des angreifenden Gegners.

Legendär ist der „Torfall von Madrid“, geschehen am 1. April 1998 vor dem Anpfiff des Halbfinal-Spiels der UEFA Champions League in der Saison 1997/98 zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund im Santiago-Bernabéu-Stadion. Durch ein umgefallenes Tor verzögerte sich der Beginn des Spiels um 76 Minuten.


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Stiften gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2026 vom 8. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
viel und oft bin ich mit Jugendlichen unterwegs. In meiner Erinnerung ist der Ausdruck „stiften gehen“ ein Recht gebräuchlicher für verschwinden oder abhauen. Heute ist der Begriff aus dem Sprachgebrauch fast verschwunden.
Ich frage mich seit langem, wo dieser schöne Ausdruck wohl tatsächlich herkommen mag.

Liebe Grüße,
Florian Brandt, Gumpendorf, per elektropostalischer Depesche

Lieber Florian,

das von Ihnen erinnerte „stiften gehen“ ist ein Ausdruck aus der Soldatensprache. Synonym mit Soldatendeutsch ist damit der Jargon oder Soziolekt gemeint, der unter Soldaten gesprochen wurde (und wird). Sie dient(e) als ironische Bewältigung des harten militärischen Alltags und war stark von Abkürzungen, Zynismus und Sprachwitz geprägt. Zahlreiche Begriffe fanden den Weg in die Alltagssprache. Sehr wahrscheinlich haben sich im Stiftengehen zwei Begriffe miteinander vermischt. Das Soldatische kannte für den beliebten Kautabak das Wort „Stift“. „Stiften“ oder „priemen“ bezeichnete den Konsum des Kautabaks. Das unerlaubte Entfernen von der Stellung (oder gar der Truppe) mag sich mit der vergleichsweise harmlosen nikotinischen Kaupause vermischt haben.

Wie so oft hat unser Begriff aber eine viel wahrscheinlichere Herkunft aus dem Rotwelschen und Jiddischen. Jiddisch „schiwes“ (fort-, weg-) gehen ist verwandt mit dem rotwelschen (gaunersprachlichen) Adverb „schiebes“, ebenfalls soviel wie „weg“, „fort“. Beide Wortformen sind mit dem westjiddisch Verb „scheffen“ verwandt, es bedeutet weggehen, sich davomachen, abhauen. „Scheffen“ und „stiften“ haben sich wohl im Barras (dem Militär) miteinander vermischt.

Wo unsere deutschen Nachbarn sich verdrücken, verkrümeln oder verduften, sich dünnemachen, verpissen, ne Fliege, ne Mücke machen oder schlicht Leine ziehen, machen Wiener Fliehende “an Schuach” (einen Schuh) und hauen sich (werfen sich), “üwa d’Heisa” (über die Häuser). Den schönsten Ausdruck für den vorzeitigen Abgang hat das Wienerische aber aus der romaňi čhib, der Roma-Sprache entlehnt, aus Romani “pal” (nach, hinter) wurde “Beuli geh’n” (Päule gehen) oder “beulisian” (päulisieren).


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Proleten und Proletarier

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 27/2026 vom 1. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
ein Leserbrief monierte die Verwendung von „Prolet“ bzw. „Proletarier“ in einem Falterartikel. Die Kritik richtete sich gegen die sozial abwertende, diskriminierende Verwendung der Bezeichnung. Wann tauchte die pejorative Verwendung von „Proletarier/Prolet“ auf? Vermutlich gibt es eine ähnliche Entwicklung bei „Gsindl“ von „Gesinde“, was dem eher städtischen „Proleten/Proletarier“ zeitlich vorausgegangen sein dürfte. Die niederösterreichische Landeshauptfrau hat mit ihrer Bemerkung über das „Rote Gsindl“ wohl „Proleten“ gemeint.
Bitte um Aufklärung! Mit lieben Grüßen,
Rainer Holzfeind aus der proletarischen Donaustadt

Lieber Rainer,

das Wort „Proletarier“ hat eine lange Wanderschaft hinter sich. Karl Marx und Friedrich Engels hatten den Begriff als Terminus der Klassentheorie eingeführt und mit diesem die Klasse der abhängigen, ausgebeuteten Lohnarbeiter bezeichnet, die keine eigenen Produktionsmittel besaßen und gezwungen waren, ihre Arbeitskraft an die Bourgeoisie zu verkaufen. Das Wort „Proletariat“ war kein Neologismus, sondern eine Entlehnung des gleichbedeutenden französischen Wortes „prolétariat“. Dieses hat seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv „proletarius“, wörtlich: die Nachkommenschaft betreffend. Der Proletarier ist also ein Sprössling.

Ungeachtet der geschichtlichen und politischen Zusammenhänge versteht sich die Vokabel „Prolet“ nicht als Selbstbezeichnung, sondern zirkuliert fast ausschließlich als negative Zuschreibung. Und sie hat sich, wenn auch nicht vollständig, von der Arbeiterschaft gelöst. Gibt es doch den klassischen Arbeiter kaum noch. Der „Prolet“ ist inzwischen nur mehr Schauspieler seiner selbst. Von überhöhter (hier: erniedrigter) Sprache getragen, mit übertriebenem Gestus ausgestattet, überkostümiert und ins Karikaturhafte überzeichnet. Mit der Italianisierung Wiens hat der Prolet mediterrane Züge angenommen, schwimmen und schreiten gelernt, hat Goldketterln und Spiegelbrillen angelegt und sich enorme Peckerln auf die Muckis machen lassen. Aus dem Prolet hat sich der Prolo geschält. Politisch begleitet von individuellem Klassenverrat.


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Graue Energie Schwarzingergasse

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 26/2026 vom 24. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
in der Schwarzingergasse im 2. Bezirk soll ein Schulgebäude abgerissen werden, ein Gründerzeitbau in einem Gründerzeitensemble. Seine Substanz scheint in durchaus gutem Zustand zu sein. An dieser Stelle soll eine neue Schule gebaut werden. Der Neubau ist abgesagt, weil der finanziell klammen Gemeinde das Geld fehlt. Wir Anrainer haben das erst jetzt erfahren, wurden vor vollendete, das heißt beschlossene Tatsachen gestellt, demnächst soll die Abrissbirne kommen. Ich lese sehr gerne Ihre sprachkritischen und sprachanalytischen Kolumnen, daher meine Fragen: Kann man noch von „politischer Vernunft“ sprechen, wenn ein gut erhaltenes Gebäude abgerissen wird, ohne eine Adaptierung des Bestands überhaupt in Erwägung zu ziehen, und bloß eine Baulücke produziert wird, weil für einen Neubau kein Geld da ist? Was bedeutet der Begriff „Nachhaltigkeit“ in diesem Fall? Und was versteht die Stadtregierung an diesem Beispiel unter dem Begriff „Transparenz“? In Hinblick auf die Bewahrung städtebaulicher Substanz ist von „Grauer Energie“ die Rede. Ist damit die Energie grauer Hintermänner gemeint?
Vielen Dank im voraus für Ihre Antwort, Herzliche Grüße
Elise Rolník, 1020 Wien, per Email

Liebe Elise,

die Stadt Wien definiert „Nachhaltigkeit“ als maximale Ressourcenschonung im Einklang mit dem Erhalt hoher Lebensqualität für alle. Der Mensch stehe im Mittelpunkt. „Transparenz“ wiederum sei der offene Zugang zu Informationen, sowie die Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit politischen und verwaltungstechnischen Handelns. Bürger·innen sollen informiert sein und aktiv am gemeinschaftlichen Leben teilhaben können. Ähnlich gut liest sich auch das Buzzwort „Graue Energie“ – die gesamte (nicht direkt sichtbare) Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produkts oder Gebäudes aufgewendet werden muss.

Als gelernte Wienerin und in meinem Fall seit 62 Jahre Anrainerin der wunderbar ruhigen Schwarzingergasse darf ich Nachhaltigkeit mit „Vorenthalt“ übersetzen, Transparanz mit „am Schmäh halten“. Mit „Grauer Energie“ darf tatsächlich die Energie unsichtbarer Hinterleute verstanden werden.

Schade, Wien, das geht besser!


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Der furchtbare Guggawaunzl

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 25/2026 vom 17. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
in der Zeit der Perchten und Krampusse fiel mir der Guggawaunzl ein. In meiner frühen Kindheit bewohnte er Räume im benachbarten Bauernhof. Räume die ich – weil gefährlich – nicht betreten sollte Keller, Tenne usw. Falls unfolgsam hätte mich der Guggawaunzl geholt und mitgenommen. Obwohl ich damals schon sehr neugierig und abenteuerlustig war, hat er mich nicht erwischt. Wer ist dieser seltsame Geselle? Ich hab nie wieder etwas von ihm gehört.
Danke für Ihre Hilfe und liebe Grüße aus der Steiermark./em>
Utz Uhl, von meinem iPhone gesendet

Lieber Utz,
mundartliche Bezeichnungen entziehen sich weitgehend einheitlicher Schreibweisen. Lexikalisch sind sie schwer zu fassen und noch schwieriger zu finden. Der Kinderschreck „Guggawaunzl“ treibt sein Unwesen nicht nur in der Steiermark. In den Regionen der Hohen Tauern ist er als „Goggewanzl“ bekannt. Ein Lehrspruch für neugierige Kinder dort lautet: „Schtille, schtille, der Goggewanzl huckt auf der Dille“ Mit „Dille“ ist nicht das Küchenkraut gemeint, sondern die hochdeutsch „Diele“ geschriebenen (Dach)-Bodenbretter. Der Goggewaunzl hockt also still hinter dem Gebälk des Dachbodens. Um Kinder zu holen, die nicht brav sind.

Der Kulturwissenschaftler Kurt Freimüller hat den sehr wahrscheinlichen Ursprung der Figur in einem luziden Privatissimum enthüllt. Demnach geht der Guggawaunzl auf die historische Gestalt des nordböhmischen Priesters Wenzel Hocke (1732–1808) zurück, der als „Hockewanzel“ überregionale Berühmtheit erlangte. Wenzel Hocke war ein sehr beliebter, volkstümlicher Dechant im böhmischen Marien-Wallfahrtsort Oberpolitz, bekannt für seine barsche Kritik am Leitmeritzer Bischof, die schlagfertigen Predigten und sein großes Herz. 1881 brachte der altkatholische Pfarrer Anton Nittel die Anekdoten über den Till Eulenspiegel im Priestergewand als „Geschichten vom Hockewanzel“ heraus. Für die Verbreitung im Österreichischen sorgte der steirische Dichter Peter Rosegger, der in seiner Monatssschrift „Heimgarten“ ( VI, 823) die Episode „Wie der Hockewanzl Erzdechant geworden ist“ publizierte. Nittels Geschichte übertrug er in die obersteirische Mundart. Aus dem Bischofschreck wurde ein Kinderschreck.


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Warm in Wien

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 24/2026 vom 10. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
Pride-Zeit ist und es wird wieder viel über Queerness gesprochen. Dabei fiel mir ein alter Begriff ein, den ich mir nicht wirklich erklären kann. Woher kommt eigentlich die Urwiener Bezeichnung „Woama“ oder „woam“ für männliche Homosexuelle?
Beste Grüße
Andreas Brunner, per Email

PS: Obwohl ich als wissenschaftlicher Leiter von Qwien quasi vom Fach bin, kann ich die Herkunft des Begriffs nicht erklären. Nachdem mich Ihre Redaktionskollegin Daniela Krenn nach einer Erklärung fragte, kam ich auf die Idee, Sie zu fragen. Vielleicht finden Sie mit ihrem umfassenden etymologischen Wissen eine Erklärung.

Lieber Andreas,

Ihre Frage hat insoferne Aktualität, als das Cover dieser Falter-Ausgabe mit dem Begriff „Warmes Wien“ titelt. Die Bezeichnungen „Woama“ für homosexuelle Männer und Jugendliche und „woam“ für deren sexuelle Orientierung sind als Geusenworte ins Vokabular der Szenesprache übergetreten – die ursprünglich als Beleidigung dienenden Begriffe sind längst positiv besetzt. „Warm“ ist synonym mit „schwul“ (drückend heiß), das Wort wurde als Antonym zu „kühl“ in „schwül“ umgewandelt. Die alte Form wurde im 19. Jahrhundert in der Berliner Mundart und im Rotwelschen in Anlehnung an „warm“ auf „homosexuell“ übertragen. Der Sexualforscher (und bekennende Schwule) Magnus Hirschfeld stellte in einem frühen Text die seltsame These auf, die Haut von Homosexuellen sei wärmer als die von Heterosexuellen. Der deutsche Kriminalist und Schriftsteller Friedrich Christian Avé-Lallemant schlägt in die selbe Kerbe und beschreibt in seinem 1862 veröffentlichten Werk „Das deutsche Gaunertum „den Schwulen“ als den „von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene(n)“.

Das Wienerische kennt weitere Synonyme aus dem sprachlichen Temperatur-Universum, so “bochn” (gebacken), „ghaadsd“ (geheizt) und „gsengd“ (gesengt). Die Lesben und sapphisch Orientierte firmier(t)en im gaunersprachlichen Wien ebenfalls als „woam“. Als „woame Chomes“ nämlich, als „woame Fladarn, „woame Gas“, „woame Hebn“, als „woams Menscherl“, „woams Röhrl“, „woame Schanettl“ und „woame Tschesn“. Warmes Wien also, wohin man schaut.


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Tückisch – Das Togerzen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 23/2026 vom 3. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
seit zwei Wochen hab ich einen Gipsfuß, und von Zeit zu Zeit, wenn ich nicht genug Ruhe geb, „dogazt“ der. Also der Fuß pocht, wird warm und „arbeitet“. Meine Mama und ich haben gerade sehr über dieses alte Wort „dogazn“ gelacht, das uns plötzlich wieder eingefallen ist, bzw. im Mostviertel doch immer wieder verwendet wird. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns über den Wortursprung aufklären könnten!
Liebe Grüße,
Tina Hofm, Wien, per Email

Liebe Tina,

auch im alten Wien war das Zeitwort bestens bekannt und weit verbreitet. Die Schreibweise ist niemals normiert worden, weswegen es in den spezifischen Wörterbüchern (und ihren Online-Derivaten) schwer zu finden ist. „Dogatssn“, „dockatssn“, „dogetssn“ bezeichnet das pulsierende, hämmernde Schmerzen, das Fühlen des eigenen Pulses in einer Wunde, einer Geschwulst, besonders in eiternden Verletzungen oder kranken Zähnen. Bisweilen auch „togerzn“, „togazen“ geschrieben zirkulierte es in Redewendungen wie: „In mia togazd ois vua Zuan“ (in mir hämmert alles vor Zorn), „Mei Heads togazd“ (Mein Herz pocht), „Mei gschwiariga Finga fangd dsan dogazn an“ (mein eitriger Finger beginnt zu pochen.)

Nach spärlicher Expertise der Etymologen ist das Wort eine lautmalende Bildung, die entweder von italienisch „toccare“ (stoßen, drücken) kommt, oder vom sehr ähnlichen mittelhochdeutschen „tuc“, „duc“ (Schlag, Streich, Stoß, schnelle Bewegung, Gebärde, Handlungsweise, Gewohnheit, listiger Streich, Kunstgriff, Arglist). Im italienischen Herkunfstfall kommt das „togazn“ vom vulgärlateinischen *toccare, das wiederum auf die lautmalende Silbe „tok“ für den Schlag oder das Klopfen, wie beim Anschlagen einer Glocke zurückgeht.

Aus dem deutschen „Tuck“ (boshafter Streich) wurde jedenfalls dessen singularisierter Plural „Tücke“, „Dücke“. Die Tücke, petrifiziert im Sprichwort „Mit List und Tücke fängt man eine Mücke“, verwenden wir nur mehr in den Adjektiven „tückisch“ und „heimtückisch“.

In Verblendung des Gesagten könnten wir im „Togerzen“ die körperliche Hinterlist sehen, uns auch im Falle von gut heilenden Verletzungen mit pochendem Hinweisen zu bemühen.

„Heilung ist Arbeit“, sagen die Esoteriker. „Arbeit ist Heilung“ die Exoteriker.


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Das Z-Wort

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 21/2026 vom 20. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
vielleicht sind meine Fragen nicht so spannend, sie treten jedoch bei mir immer wieder auf, wenn ich „Frau Andrea“ lese. Ich hab ja nichts zu verlieren, also nehm’ ich mir ein Herz und frag’ Sie. Meine Eltern und Großeltern kommen aus Bad Aussee. Mein Vater mit Namen Peppi wurde in der Schule und auch später von Freunden der „Zurk“ genannt. Für meine Großmutter war ihre Nebenbuhlerin das ganze Leben lang nur der „Zauk“.
Mit sehr lieben Grüßen,
Grete Dickinger, per Email

Liebe Grete,

Ihre Fragen sind sehr spannend, dies vorweg! Ich bin im Aussee der Sechzigerjahre in die Volksschule gegangen. Im Rahmen dieser Disposition sind mir viele spezifische Ausseerismen bekannt, so „Odad“ und „Omam“ für die Großeltern. „Zurk“ ist indes schwerer zu deuten. Ein Verhörer mit „Zuag“ (Zug, also Eisenbahn) ist möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich. „Zurk“ ist allerdings ein südsteirischer Familienname. Vielleicht gibt es darüber Weiterführendes in Ihrer spezifischen Familiengeschichte zu erkunden. Die Deutung der Invektive Ihrer Omam, deren Nebenbuhlerin betreffend ist weniger schwierig.

Das Wort „Zauk“ ist auch im Wienerischen nicht unbekannt, hat sich aber mit einem anderen verbunden. Zauk, Zauck (Dsauk), eigentlich Zauke, Zauche ist verwandt mit der mittelhochdeutschen „zôhe“, und bezeichnete ursprünglich die Hündin. Als Schimpfwort wurde „die/der Zauck“ Synonym mit der liederlichen Frau, der/dem „Schlampen“ und galt in der Unterwelt des alten Wien (und aller ihm emotionell zugetanen Gegenden) auch als Bezeichnung für die übelbeleumundete Dirne. Ein „Zaukl“ ist in Konsequenz dieser sprachlichen Verhältnisse die Verkleinerungsform von „Zauk“. Es hat sich mit dem Gfrast zum Gfrast-Zaukl verbunden. Es bezeichnete den kleinen gefräßigen (und aus paternalistischer Sicht wohl weiblichen) Hund. Ohne Ahnung dieser Zusammenhänge wurde es zum „Gfrastsackl“, im alten Wienerisch die fast schon liebevollen Bezeichnung für das schlimme Kind.

Moderne Kehlen (von Aussee bis Wien) würden eine Nebenbuhlerin heute allerdings als „bitch“ bezeichnen.


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Die gute alte Backhendlfrage

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 20/2026 vom 13. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
in Wiener Klassiker ist das Schnitzel, vielerorts gepriesen. Jedoch habe ich den früheren Ausdruck „Backhendlfriedhof“ für wohlbeleibte Personen in Erinnerung. Auch ging man seinerzeit zu festlichen Anlässen in den „Wienerwald“ Backhendl essen. Irgendwann hat das Schnitzel das gebackene Huhn überflügelt. Das Backhendl gibt’s jetzt meist nur mehr als Salat. Wie und warum konnte das passieren?
Mit der Bitte um kulinarische Aufklärung,
Siegi Lindenmayr, Wien Alsergrund, per Email

Lieber Siegi,

wir widerstehen dem Versuch, auf die komplizierten Firmengeschichten der verschiedenen Restaurantketten und ihrer Eigentümer einzugehen, die unter dem Markennamen „Wienerwald“ ein kleines Gerichteparadies um paniertes Huhn auf die Speisekarten zauberten. Das ursprüngliche Unternehmen, gegründet von Friedrich (Hendl-) Jahn, war zeitweise die erfolgreichste europäische Restaurantkette.In den späten 1970er Jahren, aus dem auch meine vividen Erinnerungen an Wienerwaldbesuche stammen, betrieb die Wienerwald-Kette weltweit rund 1.600 Restaurants. Allein in Deutschland und Österreich gab es damals etwa 700 Standorte. Heute hält die Stellung ein einziges Wienerwald – in der Annagasse im Ersten.

Das traditionelle Wiener Backhuhn (Bochhendl) wurde in vier Teile zerlegt, als fünftes galt der Kragen samt Kopf. Auch die Innereien wurden mitserviert. Die panierten Teile wurden in Schweine- oder Butterschmalz herausgebacken. Schon im 17. Jahrhundert wird von „bachenen Hühnern“ berichtet. Um 1720 beschreibt das „Saltzburgischen Kochbuch“ das Rezept zu „Hühnlein aus abgeschlagenen Eiern gebacken“. Die berühmte Autorin Katharina Prato beschreibt in ihrem Kochbuch „Die süddeutsche Küche“ gebackene Hühnern oder Tauben, die dem späteren Backhendl schon sehr ähnlich sind. Heute scheiden sich die Geister in der Frage, ob das Backhuhn klassisch mit Haut und Knochen paniert wird, oder, wie viele Köche heute meinen, enthäutet und entbeint, im Salatbett. Letzteres ist veränderten Essgewohnheiten und der Ökonomie geschuldet. Mit dem klassischen fetten „Bochhendl“ ist auch der Ausdruck „Bochhendlfriedhof“ für die feiste Männerwampe verschwunden.

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Reklamescham

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 19/2026 vom 6. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
Sie werden ja oft zur Bedeutung von Ausdrücken gefragt. Ich habe das umgekehrte Problem. Mir fehlt ein Wort für folgendes Phänomen: In der Werbung wird häufig dick aufgetragen. Wenn Schokolade, Bankkonten oder Telefonverträge mit Neugeborenen und tränenaufgelösten Menschen zu schmachtender Musik propagiert werden, löst das bei mir oft mehr emotionale Reaktion aus, als mir lieb ist. Fast kommt mir selbst das Schluchzen! Gleichzeitig stösst mich dieser ungenierte Zugriff auf meinen Gefühlshaushalt ab und wenn es auch noch so reingeht, ekelt mich fast vor mir selbst. Gibt es einen Namen für diese komplexe Gemengelage? Irgendeinen Neologismus, so wie Fremdscham oder Mansplaining, der gefehlt hat, bis ihn dann jemand erfunden hat? Wenn nein, können Sie bitte einen erfinden?
Vielen Dank im Voraus,
Johanna Schober, per Email

Liebe Johanna,

gerne bin ich Ihnen dabei behilflich, die lexikalische Lücke zu schließen. In einem ersten Herangehen wollen wir die zwei von Ihnen reportierten Gefühle von einander trennen – jenes der empathischen Rührung und das der reflektierende Beschämung über diesen Emotionsübergriff. Sodann werden wir den Versuch unternehmen, die beiden miteinander verbundenen Regungen in eine neu komponierte Wörtlichkeit zu fassen.

Einen einzelnen, fest etablierten Begriff für die Gemengelage aus emotionaler Manipulation, parasozialem Mitfühl und kognitiver Abwehr gibt es noch nicht. Also basteln wir an einer kleinen Liste mit möglichen Neuschöpfungen für den Cluster aus Rührungsabwehr, Schmachtwiderwillen und reklamebasierter Mitfühl-Scham.

Aus der Psychotantenecke könnten kommen: Ambirührung (ein Kofferwort aus Ambivalenz und Rührung) und Manipathie (zusammengebaut aus Manipulation und Empathie). Wissenschaftlich klingen „reaktive Affektambivalenz“, „PR-induzierte Empathiedissonanz“ und „parasoziale Emotionsspaltung“. Etwas salopper traben die Neologismen „Gefühlsabzocke“, „Rührungsnepp“, und „Herzschleim-Overload“.

Meine Favoriten wären „manipulative Rührscham“, „gegenimpulsiver Marketingekel“, „Heulschauder“ und „Kitschkater“.


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Steif wie ein Bleistift

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2026 vom 29. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als angelernter Wiener wende ich mich mit einer alkohollastigen Frage an Sie, die im Spruch „Steif wiar a Bleistift hadsch i durch Neistift“ wurzelt. Warum wird in Wien der Zustand der Berauschung mit so unterschiedlichen Adjektiven wie (blunzn)fett, braad, (bladl)waach, ölig oder eben steif beschrieben? Die Wirkung von C2H6O in den Synapsen ist doch nicht so vielfältig, dass man sich nicht auf ein präziseres Eigenschaftswort einigen könnte, oder doch?
Vielen Dank für Ihre Mühewaltung, und mit lieben Grüßen aus Wien-West,
Hans C. Fux, per Email

Lieber Hans,

für die Vielfalt der chronischen oder akuten Ethanol-Entrückungen hat Wien einen ganzen Katalog von Bezeichnungen etabliert. Für die Ergebnisse der Intoxikationen mit „Äukahoi“ (Alkohol), kurz „Äuk“ genannt, kennt das Wienerische „in Bemsdl“ (den Pinsel), „es Damen“ (das Taumeln), „in Dippe“ oder „Diwe“ (den Dübel), „in Dampas“ („Dampus“, den studentisch latinisierten Dampf), „in Fettsn“ (den Fetzen), „die Fettn“ (den Drall, vom „Effet“ beim Billard), „die Gluad“ (Glut), „in Newe“ (den Nebel). Sodann haben Tschecheranten und Drangler gerne „an Schbids“ (Spitz) und „an Schdich“ (Stich). Rauschate (Berauschte) haben „a Schweigl“ (von Schwelgen), „an Schwibs“ (von schwippen, schwappen), oder sind „im Ö“ (im Öl). Heißer als der „Schwü“ (die Schwüle) ist der „Schwas“ (Schweiß). Er hat sich mit der Metallverbindungstechnik Schweißen zum wienerischen „zuagschwasd“ (zugeschweißt) sein verbunden. Beliebte Zustände sind „augflaschld“ (angeflaschelt), „autschechad“ (angetschechert, verwandt mit angeschickert), „bedopped“ (bedoppelt, betäubt vom Konsum eines Dopplers, einer Doppelliterflasche Wein), sind „betoniert“, „blunznwaach“ (weich wie eine Blunzn, eine Blutwurst), „eidrangld“ (eingetränkt), „eigschbridsd“ (eingespritzt), sind „fett wiara Radierer“ (fett wie ein Radiergummi) oder nur „zuagleschd“ (zugeklescht, vom Klescher, dem Schlag, von jiddisch chaleschen, schwach werden, ohnmächtig werden). „Steif wiara Bleistift“ haben der Wienerlieder-Komponist Ferry Wunsch und die Textdichter Albin Ronnert und Leopold Nowotny eingebracht. Oisdaun, Prost!


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Hinten höher als vorn

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 17/2026 vom 22. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als große Freundin diverser Eigenartigkeiten der deutschen Sprache bin ich letztens über eine bayerische Redewendung gestoßen, die mich seitdem begeistert. Wenn ein Bayer sich über etwas aufregt, sagt er „jetzt wird’s aber hint höher wie vorn“. Das macht überhaupt keinen Sinn, dennoch weiß jeder, worum es geht. Gibt es vielleicht eine Erklärung, wo das Sprücherl her kommt?
Alles Liebe,
Anna-Maria Walli, per Email

Liebe Anna-Maria,

die Bayer·innen sind nicht die einzigen, die in Rage Seltsames von sich geben. Wie der Fluch arbeitet das Erstaunen mit vorformulierten Metaphern. Manchmal sind die Redewendungen schon aus der Zeit gefallen. Ihre ursprüngliche Bedeutung wird nicht mehr verstanden. Ein bundesdeutsches Synonym wäre der kalauernde Ausruf „da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“. Aus Oberösterreich kennen wird den Spruch „da hängds da voi die Kédn aus“ (da hängt es dir voll die [Moped-]Kette aus). Der gesamte deutsche Sprachraum versteht die etwas blutleere Formel „das wär ja noch schöner.“

Bairisch „Iatz werds hint héha wia vúan“ (jetzt wird es hinten höher als vorne!) drückt das Erstaunen über eine absurde, chaotische oder „völlig aus dem Ruder gelaufene“ Situation aus. Die Unverständlichkeit des Spruchs geht einher mit der Tatsache, dass das Gewerbe und die Umstände, denen er entstammt, nahezu völlig verschwunden sind. Und mit ihnen spezifische Ausdrücke und Situationen. Unsere Redewendung bezieht sich auf ein bockendes Pferd, das mit der Hinterhand hochgeht. Das kann den Reiter, in der Regel einen Standesherrn oder Kavalleristen gefährlich nach vorne abwerfen. Öfter dürfte die Gefahr nach hinten ausschlagender Pferde Gespannen zugesetzt haben. Der Ausdruck stammt wohl von Fuhrwerkern und Kutschern. 

Das Wienerische, stets im Zwiespalt zwischen Knapp- und Saftigkeit kennt die Ausrufe „Hawedere“, „Hawediena“ und „Seawasgschäft“. Metapherncharakter haben die Sprüche „do hauds da in Vogl aussa“ (da haut es dir den Vogel raus“, „do ziagds da die Bock aus“ (da zieht es dir die Stiefel aus) und „do hauds di vom Glanda“ (da wirft es dich vom Geländer). Das bewährte „Oida!“ geht natürlich immer.


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Schnee von gestern

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 16/2026 vom 15. April 2026

Liebe Frau Andrea,
in meinem Arbeitsumfeld wird alles, was nicht mehr ganz taufrisch ist, reflexartig als „aus dem Jahre Schnee“ bezeichnet. Woher kommt diese frostige Zeitangabe? Gab es ein besonders prägendes Schneejahr, das sich sprachlich verewigt hat? Heuer wirkt der Ausdruck fast ein bissl zu aktuell: Kaum glaubt man, der Frühling hat gewonnen, darf man die Winterjacke noch einmal ausführen – bevor ein paar Tage später wieder 20 Grad in Aussicht stehen. Vielleicht erlebt das „Jahr Schnee“ gerade ein kleines Comeback. Ich wäre dankbar für etwas sprachliche Schneeräumung.
Liebe Grüße aus einem Betrieb, in dem nicht nur sprachlich immer wieder Winter einkehrt.
Marlene Edlmayr, 32, Entwicklungschemikerin, per Email

Liebe Marlene,

die besagte Redewendung ist fest in unserem Sprachgebrauch etabliert. Obwohl sie sich auf ein Niederschlagsereignis und sein Liegenbleiben bezieht, verwenden wir sie metaphorisch. Die bundesdeutsch Sprechenden kennen einen synonymen Begriff für Altes, aus der Aktualität Gefallenes, wenn nämlich Dinge und Usancen „alter Tobak“ sind, also alter, vertrockneter Tabak. Davon abgeleitet ist ungeliebt Althergebrachtes „aus dem Jahre Tobak“, oder etwas österreichischer „aus dem Jahre Schnee“.

Tatsächlich dürfte die Redewendung aus einem Gedicht des 1431 in Paris geborenen François Villon stammen, dem bedeutendsten Dichter des französischen Spätmittelalters. Wir finden sie in der Ballade „Des dames du temps jadis“ (Ballade der Frauen von einst), und hier aus dem berühmten Refrain „Mais où sont les neiges d’antan?“ (Wo ist der Schnee vom vergangenen Jahr?). In besagtem Gedicht wird wehmütig der Stil des „Ubi-sunt?“-Genres mobilisiert. Die Frage „Ubi sunt“ (Wo sind sie (geblieben), vollständiger „Ubi sunt qui ante nos in mundo fuere?“, Wo sind sie (geblieben), die vor uns auf der Welt waren?), gilt als formelhaft wiederkehrender Topos in Predigten und Dichtungen des Mittelalters. An Beispielen vergangener Macht oder Schönheit wird die Vergänglichkeit alles Irdischen in Erinnerung gerufen, und auf das Jenseits als eigentliche Bestimmung des Menschen verwiesen.

Schnee von gestern also.


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Meister Adebar

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 15/2026 vom 8. April 2026

Liebe Frau Andrea,
mit Interesse lese regelmäßig Ihre Beiträge. Heute hätte ich selbst eine Frage. Worauf lässt sich der hartnäckige Aberglaube zurückführen, dass gerade ein Klapperstorch jeweils unsere menschlichen Nachkommen bei den leiblichen Eltern abliefert?
Liebe Grüße aus Tirol, wo ebendiese Angelegenheit weithin sichtbar mittels 2D-Exemplaren an Balkonen und anderen Fassadenelementen zur Schau gestellt wird.
Günther Rabanser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Günther,

die Usance, erfolgten Nachwuchs mit dem Storchensymbol kundzutun, ist nicht auf Tirol beschränkt. Die Gestaltungsoffensive ist in der Regel auf und vor Einfamilienhäusern und Bauernhöfen beobachtbar, sie ähnelt den Hinweisen auf die runden Geburtstage der Bewohner·innen. Bei den Geburtshinweisen handelt es sich immer um den Weißstorch, er wird, silhouettenhaft aus Holz gesägt, stehend dargestellt, seltener im Flug. Oft, wenn auch nicht immer trägt er ein geschnürtes Babybündel im Schnabel, als Hinweis auf das Geburtsgeschlecht in blau oder rosa.

Meister Adebar, wie der Storch auch genannt wird, bezieht seine Nämlichkeit und die mythologische Zuschreibung als Glücksbringer, über das Niederdeutsche kommend, vom germanisch erschlossenen *auda- (heil, Glück) und *ber-a- (tragen, bringen, gebären). Ob Adebar, in anderer Etymologie auch ein Wort für Sumpfgänger ist, läßt sich indes nicht ausreichend sichern. Der Storch gilt seit alterher als heiliges Tier, und wegen seines Zugverhaltens als Bote des Frühlings. Er soll dem Haus, auf dem er nistet, Glück bringen, es vor Blitz und Feuer bewahren. Um dem Storch den Nestbau zu erleichtern, legt(e) man ihm ein Wagenrad aufs Dach.

Der Glaube, daß der Storch die Kinder bringe, ist verhältnismäßig jung. Die mitteleruopäische Mythenforschung schreibt ihm dem Volksglauben zu, nach dem die Kinder aus dem „Brunnen“ kommen. Galt doch das Wasser nach altem Volksglauben als Symbol und Ursprung für den Beginn neuen Lebens. Die Menschen glaubten, dass im Wasser die Seelen der Kinder wohnten. Das Fröschlein, das der Storch aus dem Sumpf zieht, ist demnach der Avatar des Neugeborenen.


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Mopperl Spezial

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 13/2026 vom 25. März 2025

Liebe Frau Andrea,
der Austriazismus „Spezimopperln“ scheint aus der Mode gekommen zu sein. Selbst zwei Wiener wussten keinen Rat. Der Begriff ist mir zweimal begegnet: „Spezimopperln haben’s halt net mit mir machen können“, heißt es im Roman „Neue Zeit“ von Hermann Lenz aus dem Jahr 1975. Der Sprechende ist ein Wiener, ein Soldat im zweiten Weltkrieg, der unbeschadet von einem Verhör an die Front zurückkehrt. „Wann S‘ Ihna mit der Bruat/net spezimopperl måchen,/ erst dann gehts Ihna guad -/Des san scho solche Såchen“ heißt es im Gedicht „Der Philosoph“ des umstrittenen Dichters Josef Weinheber. Im ersten Beispiel vermute ich, der Sprecher sage, man habe dem Soldaten kein X für ein U vormachen können. Ähnlich ließe sich das zweite Beispiel übersetzen: „Wenn Sie aus Ihrer Brust keine Mördergrube machen, erst dann geht es Ihnen gut.“ Doch ich bin mir alles andere als sicher. Können Sie helfen?
Mit freundlichen Grüßen,
Dr. Gerald Koll, Berlin, per Email

Lieber Dottore,

die besagte Bezeichnung findet sich in der 1951 erschienenen Publikation „Alt-Wienerisch. Ein Wörterbuch veraltender und veralteter Wiener Ausdrücke und Redensarten der letzten 7 Jahrzehnte“ des Philologen und Gymnasiallehrers Mauriz Schuster. Wir versuchen, dessen Deutung des Begriffs zu folgen. Demnach sei „spezimopperl“ soviel wie „wohlbefreundet“. „Si mit an spezimopperl måchn (sich mit jemand spezimopperl machen) heiße laut Schuster, sich mit jemandem anzufreunden, auf guten Fuß zu stellen, sich jemandem anzubiedern. Ist doch der „Spezi„ der besondere, „spezielle“ Freund. Der Wortteil -mopperl sei schwerer zu deuten; Schuster vermutet eine Umbildung des französischen -mable (wie in aimable, estimable).

„Mopperl“ wurde kosewörtlich für die untersetzte weibliche Person gebraucht, abgeleitet von „Moppel“ und „Mops“, dem dicken, pummeligen Zierhund, der nicht nur „Möpse“ als Ausdruck für die weiblichen Brüste erzeugt hat, sondern auch die, Männern vorbehaltene Erfahrung „einen Mops“ (einen versteiften Penis) zu haben. Genau hier dürfte unser Begriff „spezimopperl“ seinen Fokus zu haben. „Spezimopperl machen“ wäre sohin die Anbahnung und Ausübung homosexueller Leidenschaft.


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Jungfrau und Versuchung

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 12/2026 vom 18. März 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurden wir sommers zu unserer bigotten Tante Hette gebracht. Wir mussten vor jedem Essen, zum Aufstehen, und zum Schlafengehen beten. Sie hat uns Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen, etwa „Hilferufe aus dem Fegefeuer“. Sie selbst trat aus der Kirche aus, weil sie mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht einverstanden war. Ein Beispiel: Im Vaterunser wird seither gebetet „und führe uns nicht in Versuchung“ Damit unterstelle man jedoch dem lieben Gott, daß er Böses im Schilde führe und quasi der Teufel sei. Davor hieß es: „und führe uns in der Versuchung“. Setzen, fünf, alle! Womöglich ist auch irgendwann aus der „jungen Frau Maria“, die „Jungfrau Maria“ entstanden. Warum sind die Katholen so immun gegen Realität? Ich freue mich auf ihre Gedanken zu diesem andauernden Schlamassel.
Beste Grüße aus Tirol,
Karl Wienand, 51, Atheist, per Email

Lieber Karl,

ausgelöst von Weichzeichnungsversuchen des Gottesbildes während des Zweiten Vatikanisches Konzils (1962–1965) beten die französischen Katholiken seit einer Neuübersetzung der Bibel 2017: „Lass uns nicht in Versuchung geraten“ (Ne nous laisse pas entrer dans la tentation). Dem schloss sich der damalige Papst Franziskus an. Die deutschen Theologen konnten sich dafür nicht erwärmen. Die Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ stamme aus der Lutherbibel (Mt 6,13) argumentierten sie, und sei unveränderbarer Teil des Vaterunsers. Sie basiere auf dem griechischen „Kai mē eisenenkēs hēmas eis peirasmon“ (Und führe uns nicht in Versuchung).

Theologische Realität ist auch die Jungfräulichkeit Marien. Schon der Kirchenschriftsteller Origines vertrat sie um 200. Das Dogma der Immerwährenden Jungfräulichkeit wurde insbesondere am fünften ökumenischen Konzil (Konstantinopel, 553) nachdrücklich bestätigt. Unser Wort Jungfrau, ahd. jungfrouwa bezeichnete zunächst die „junge Herrin“, das Edelfräulein. Es wurde später verallgemeinert zu „junge (unverheiratete) Frau“. Im Rahmen des Marienkultes wurde das Wort bis heute eingeengt auf die unberührte Jungfrau.

Roma locuta, causa finita.


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Ghosting, Breadcrumbing, Orbiting

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 11/2026 vom 11. März 2025

Liebe Frau Andrea,
ich bin ja nicht ganz von gestern, aber immer öfter stehe ich sozialmedial auf der Leitung. Was bitte (ich ahne es!) ist „ghosting“? Muss ich mich vor „breadcrumbing“ und „orbiting“ fürchten? Und wie gehen „benching“ und „firedooring“?
Bitte um explaining!

Liebe Grüße und lieben Dank!
Pauline Watzlawick, Villach, per Postkarte

Liebe Pauline,

die Digitalisierung unserer Beziehungen hat alte Verhaltensmuster ins Groteske aufgeblasen und neue etabliert. Der Social-Media-Hegemon Amerika und seine lingua franca, das US-Englisch hat eine Vielzahl von Begriffen für moderne Umgangsformen angelegt. Wir finden sie im Rahmen von online- und RL- (real life) „dating“, dem Kennenlernen von Personen, gemeinhin in der Absicht, eine romantische Beziehung oder eine „situationship“ einzurichten. Die Liste der „ingen“ ist lang und fokussiert meist auf Schiefgelaufenes.

Unter „breadcrumbing“, der schmerzhaften Fortsetzung von „love bombing“ versteht man das unverfängliche Streuen von Brotkrümeln, kleinen Portiönchen an Aufmerksamkeit und geradezu mikroskopischer Zuneigung. „Ghosting“ bezeichnet den plötzlichen und erklärungslosen Abbruch jeglicher Kommunikation, „slow fading“ oder „soft ghosting“ das langsame Ausbluten der Beziehung. „Ghoster“ bleiben im Rahmen ihrer sozialen Deformation in Kontakt, in dem sie „orbiting“ betreiben, der geghosteten Beziehung weiterhin folgen, vielleicht sogar „haunting“ betreiben, nach Abbruch der Kommunikation Stories, Beiträge und Postings beobachten, ja manchmal sogar liken.

Verstörend kann „submarining“, sein, das toxische Auftauchen nach langen Phasen der Funkstille. Direkt und unverblümt, als ob nichts passiert wäre, und „ghosting“ „orbiting“ und „haunting“ nie stattgefunden hätten. Als Sonderform des „submarining“ gilt das „zombieing,“ der Versuch Geghosteten vorzugaukeln, das Abtauchen wäre ein Missverständnis gewesen. Verletzend kann „benching“ (das Wahrmhalten der Beziehung auf der Ersatzbank) sein, richtig böse schließlich  „firedooring“, die einseitige Beziehung, die sich nur meldet, wenn sie etwas braucht, ansonst aber unerreichbar bleibt.


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Hatte Gatte – Die ganze Wahrheit

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 10/2026 vom 4. März 2025

Liebe Frau Andrea,
wir plagen uns schon den ganzen Abend, das Schimpfwort „Hattegatte“ zu ergründen! Die Oma meiner Frau hat dieses Wort im Salzburgischen verwendet, meine Mutter aus Tirol hat eher zu „Harteguggi“ geneigt. Können Sie uns dabei etymologisch auf die Sprünge helfen?
Verbindlichsten Dank und Liebe Grüße,
Peter Haigermoser, von meinem iPhone gesendet

Lieber Peter,

der gesuchte Begriff zirkuliert vor allem im Tirolerischen, ist aber über die alpinsportlichen Aktivitäten auch in die benachbarten westlichen Bundesländer übergeschwappt. Der Kärntner Millionenshowmoderator Armin Assinger verwendet den saftigen Ausspruch regelmäßig im Hauptabendprogramm. „Hardigatti“, wie es sich am besten schriebe (und auch meist ausgesprochen wird) ist allerdings kein Schimpf-, sondern ein Fluchwort.

Die Tiroler vermeinen, in „Hardigatti!“ erstmal die „Gattihose“ genannte Unterhose und eventuell den „Herrgott“ herauszuhören. Wie alle guten Flüche hat auch „Hardigatti!“ zwar mehrere scheinbare, aber eine tatsächliche Bedeutung. Das Tiroler „Hardigatti!“ entspricht ungefähr unserem „verflixt!“. „Harschgatt!“ oder „Harsch di Gatten!“ erinnert nicht zufällig an den „Arsch“. Fluchende Pinzgauer kennen „Hardiguggi!“, ausflippende Osttiroler „Hardimizzn!“, mit der sie Marien (Mizzen) zürnen. Der liebe Gott, die Mutter seines Sohnes und die männliche Unterhose sind aber nur Masken, hinter denen sich die wahre Bedeutung von „Hardigatti!“ verbirgt. Der Fluch, den es auch im alten Wienerisch als „Hardek!“ oder „Hardex!“ gibt, kommt tatsächlich vom ungarischen „ördögatta“. Das „atta“ der Magyaren, mit heutiger Rechtschreibung „adta“, ist das Partizip Perfekt des Wortes „ad“ – „geben“ und kommt in mehreren Redewendungen vor: „Istenadta“ (gottgegeben), „ebadta“ (Kreatur eines Hundes) und „ördögadta“ (Ausgeburt des Teufels). Heute milde Schimpfworte, waren das früher mittelschwere Beleidigungen. Die schweren Kanonen „teremtette“, gar „bassza teremtette“ – „der Kreator“, das heißt Gott, „soll seine Kreatur ficken“ sind allerdings noch nicht ausgestorben.


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Ins Kraut gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 09/2026 vom 25. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner sprachlichen Welt kommt – noch immer – die Formulierung „låss mi im Kraud“ vor, wenn ich zum Ausdruck bringen will, Ruhe zu benötigen bzw. nicht belästigt werden zu wollen. Wieso ist davon auszugehen, dass gerade im Krautacker Ruhe herrscht? Oder stammt dieses Kraut von einem ganz anderen Wort altertümlicher oder fremdsprachlicher Herkunft ab? Ich bitte um Ihre Einschätzung und danke schon im Voraus für Ihren kundigen Ratschlag.
Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Sabella, per Email

Lieber Wolfgang,

das Wort „Kraut“ kommt nach Befund der Etymologen vom althochdeutschen „krût“. Es war ursprünglich eine spezifische Bezeichnung für nicht verholzende Blattpflanzen, im engeren Sinne für „nutzbares Gewächse“ oder „Gemüse“. Im deutschsprachigen Süden, zu dem auch wir gehören verengte es seine Bedeutung zu Kohl, aber auch zu Gartengemüse, Küchen- und Heilkräutern, und sogar zu Schießpulver. Unkraut ist bekanntlich alles Grünzeug, dass an der falschen Stelle wächst, oder nicht genutzt wird. Im Wienerischen ist mit Kraut, Graud meist das Weißkraut gemeint, aus dem auch Sauerkraut gemacht wird. Kräuter heißen in Wien hingegen „Greida“ und „Greidl“. Die Krautfischer an der Unterelbe haben ihr Kraut aus *kravet (Krabbe, Krebs) verschliffen. Hat das alles mit dem Kraut zu tun, das im altwienerischen Satz „Loss mi in Graut“ oder richtiger „Loss mi ausn Graut“ vorkommt?

Wie die Grot (die Kröte), die in Fällen von ohnmächtiger Akzeptanz geschluckt werden muss, hat das Kraut (eigentlich Graud) keinen Bezug aus der Natur. Es wurde um 1300 als „crot“ in der Bedeutung Belästigung, Beschwerde, meist als Folge einer verhängten Strafe, eines anstrengenden Weges üblich. „Sunder crot“ hieß „ohne sich beschwert zu fühlen“. Im 15. Jahrhundert war die „crot“ schließlich die Last der Verstörung, der Strafe, der Pein, des Leidens, verinnerlicht für Sorge, Betrübnis, Kummer. Nach Vergessen der ursprünglichen Bedeutung, hat sich das botanische „Kraut“ in das alte „Crot“ geschmuggelt. „Loss mi ausn Graut“ wäre demnach zu übersetzten: „Verschon mich mit Kummer und Pein.“ Oder neuwienerisch kurz: „Oida, ned!“


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Im Leo sein

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 08/2026 vom 18. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Vor- und Volksschulzeit, also etwa 1970-1977, war unsere Hauptbeschäftigung, in Ermangelung eines 24/7 Kinder-Fernsehprogrammes, das Spielen im Hof der Wohnhausanlage. Wir spielten „Völkerball“, „Der Kaiser schickt Soldaten aus“, „Versteinere mich nicht“ und „Fangerl“. In diesem Spiel gab es einen klar benannten Ort, wo man nicht „abgeklatscht“ werden durfte, sobald man ihn mit einem Körperteil berührte – das „Leo“. Nun rästseln mein Bruder Stephan und ich, woher der Ausdruck „Leo“ kommt.
Hochachtungsvoll,,
Georg Richter, per Email

Lieber Georg,

Leopoldstädter·innen kennen das Leo als kleines, aufgewecktes Café in der Leopoldsgasse, das ehemalige „Leopoldistüberl“. Die Comandantina kehrt dort gerne ein. Im deutschen Sprachraum kursieren sehr unterschiedliche Bezeichnungen für das Asyl im Fangenspiel – Aus, Bahne, Bedeut, Biet, Boot, Bord, Bude, Frei, Friede, Halu, Hamme, Haus, Heim, Hola, Horre, Inne, Kelle, Klipp, Kobi, Leo, Los, Lou, Mal, Mi, Otte, Pax, Pott, Pulle, Rome, Ruder, Stand, Wupp, und Zick. Unser „Leo“ wird traditionell als Kurzform des Namens „Leopold“ begriffen und mit dem Babenbergerherzog Leopold VI. in Verbindung gebracht. In dieser Etymologie wird wahlweise der damaligen Kirche als auch dem Landesherrn ein Asylrecht zugesprochen. Als sagenhafte Freimale werden ein Stein vor der Schottenkirche und ein Ring am Stefansdom als spezifische, asylauslösende Abklatschorte genannt. Trotz der bestechenden Evidenzen handelt es sich bei der Verbindung des Leo im Fangenspiel mit dem Babenbergerherzog um ein volksetymologisches Konstrukt. Bessere Erklärung bietet die Verwandtschaft des Leo mit dem mittelniederdeutschen „le(he)” und dem altsächsischen „hleo” (Schutz, Decke). Beide kommen vom gemeingermanischen *hlewa (schützender Ort, Obdach). Segler·innen ist das Wort freilich von „Lee“ bekannt, der dem Wind abgekehrten, (wind)geschützten Seite des Schiffs. Gendermäßig können wir auch differenzieren. So bezöge sich der Leo auf den Herzog, das Leo auf die Funktion des Obdachs. Das Uraltwort zu Leo, hleo und *hlewa war jedenfalls feminin. Die Leo also.


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Absagen, aber richtig

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 07/2026 vom 11. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
in meinem Alltag als Künstlerin gibt es viele Herausforderungen. Nun häufen sich die Anfragen, bei diesem oder jenem mitzumachen, dort oder da aufzutreten. Es werde super, heißt es dann, es wäre ein Boost für mein Werk, mein Standing als Künstlerin. Gage oder Honorar gäbe es keines, man sei selbst am Limit. Dennoch freue man sich. Wie teile ich diesen Leuten mit, dass das so nicht geht?

Freundinnenschaft,
Tina Tsornigg, Leopoldstadt, per Insta-DM

Liebe Tina,

es gibt Pfade aus dem Dilemma, die rückgratsvoll beschritten werden können – die paradoxe Intervention und die sarkastische Distanz. Wir sprechen von Arbeitsanfragen, die unsere künstlerische Seele eigentlich mit den Kurzformeln „Nein“, „sicher nicht“ und „fickt euch“  bedienen würde. Indes, es geht auch schärfer. Paradoxe Antworten auf künstlerische Gratisarbeit könnten so lauten: „Gewiss, holder Anfrager, gerne missbrauche ich mein Talent. Ich darf fordern, dass ich bei Ihnen zuhause auch den Großputz mache und die Wäscheberge wegbügle. Es wäre mir eine Ehre!“ Auch gut treffen Antworten dieses Kalibers: „Holla, die Waldfee! Ich habe noch etwas Geld auf die Seite gelegt für Notfälle. Darf ich mein Engagement bei Ihnen noch extra vergüten? Ich zahle gerne drauf. So schön, wahrgenommen zu werden!“ Nehmen die Anfragenden solches ernst und schlagen ein, erhöhen Sie den Einsatz! Interessante Mailkorrespondenzen werden sich ergeben. Sie werden einst ihren Memoiren dienlich sein, und schon jetzt Lacher und Likes auf Instagram generieren.

Weniger Aufwand, aber ebenso große Freude bereitet die sarkastische Distanz, hier dürfen Spuren von kritischer Wut und exzentrischer Gelassenheit eingestreut werden. Antworten Sie auf künstlerische Missbrauchsversuche mit dieser Formel: „Meine Therapeutin ist auf Urlaub. Ich bin zu Unsinn größter Dimension bereit. Ich liebe Folter.“ Best practice auf diesem Feld aber ist folgender Hinweis, den sie auch als Mailsignatur abspeichern wollen:

Vielen Dank für Ihre Anfrage! Ich darf mit Phoebe Buffay-Hannigan aus „Friends“ antworten: „I wish I could, but I don’t want to“ Beste Grüße,
Tina Tsornigg.


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