Die Pumpernella

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 50/2025 vom 10. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
meine in Oberösterreich geborene Mutter erzählte mir unlängst, dass keine der Damen aus ihrem Englischkurs das Wort Pumpernella als Bezeichnung einer nicht gerade erotischen – eventuell sogar langen – Unterhose gekannt hätte. Eine kurze Umfrage meinerseits in der Hochsteiermark ergab, dass sich gerade einmal einer an den lange zurückliegenden Gebrauch durch Wiener Feriengäste erinnerte. Woher kommt dieser schöne Ausdruck denn?
Liebe Grüße,
Beate Mayer, per Email

Liebe Beate,

die praktischen, aber weitgehend unerotischen Dessous sind dem Publikum älterer Semesterkohorten auch als Liebestöter bekannt. In der Regel wurden die ballonartigen, oft bis ans Knie reichenden Hosen nicht aus Gründen der Sexualattraktion angezogen. Frühere Zeiten sahen das übrigens anders, wie zahlreiche erotische Darstellungen beweisen. Im Englischen wird die besagte Hose als Bloomers bezeichnet. Das Mehrzahlwort reflektiert die Tatsache, dass Hosen immer als Paar bezeichnet verstanden wurden.

Die Etymologie der Pumpernelle (Wienerisch Bumpanölla) ist noch nicht hinreichend geklärt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit haben sich Wörtlichkeiten vermischt, die das Thema tabureich umzukreisen. Die Botanik kennt den Kleinen Wiesenknopf (Sanguisorba minor), eine Pflanzenart aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Die Bauchigkeit seiner Blütenstände erinnert an jene der besagten Hosen. Diese Blume wird Pimpinelle oder Pimpernell genannt. Das „u“ kam wohl in die Pumpernelle, weil das Wienerische und seine provinziellen Ableger mit der bauchigen Hose das lautmalerische Pumpern (oder Bumpan) verband, das Geräusch undezent abgehender Winde. Anbumpan bedeutet in Wien überdies soviel wie anklopfen. Die glockenartge Form kennen die Wiener·innen auch von der Pummerin, der legendären Riesenglocke im
Nordturm des Wiener Stephansdoms.

Die winters wärmende, dicke Flanellhose, stets unter bauschigen Röcken getragen, ist mit dem Modeeinzug enger Jeans fast verschwunden. Manche kennen sie auch unter dem Namen Pumpinger. Ein Schelm, der dabei Assoziationen erfährt.


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Weisat und Wäschpaket

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 49/2025 vom 3. Dezember 2025

Liebe Frau Andrea,
eine liebe Nachbarin im Salzkammergut weiht mich Zugezogene laufend in oberösterreichische Mundart ein. Letztens beim Kaffee hat sie zur Einkaufsliste dazu geschrieben: Waiset kaufen. Meine ratlosen Blicke haben sie erklären lassen, dass ein Kind geboren wurde und es Brauch ist ein „Waiset“ zu bringen. Kinderlos kenne ich mich mit Brauchtum bei Neugeborenen nicht wirklich aus. Gibt es ein österreichisches Brauchtum bei Geburten? Hat ein „Waise“’ mit Waisenkinder zu tun? Haben Sie eine Erklärung dazu?
Ganz liebe Grüße aus Ohlsdorf,
Helga Komposch, per Email

Liebe Helga,

das Weisat oder Weisert ist ein Geschenk bei besonderen Anlässen. Das Wort hat sich in der heutigen Schriftsprache nicht erhalten. Es kommt vom althochdeutschen wisod, abgeleitet vom Zeitwort wison (weisen), soviel wie besuchen (und dabei ein Geschenk machen). Nach anderer Deutung soll es vom lateinischen „visitare“ (besuchen) kommen. Im Mittelalter war das wisat, wisot, wisoede ein freiwilliges Feiertags-Geschenk für Kirche oder Grundherrn – zu Ostern Eier, zu Pfingsten und Weihnachten Käse. Ab dem 19. Jahrhundert entwickelte sich das Wisat, Weisat vor allem in Süddeutschland und Österreich zum Brauch für Pat·innen, Müttern und ihrem Neugeborenen in den ersten Tagen nach der Geburt stärkende Speisen mitzubringen. Huhn für eine kräftige Suppe, Eier, Brot, Kaffee, Zucker, Wein. Sublim schwingt dabei die biblische Weihnachtserzählung mit, in der die drei Weisen aus dem Morgenland Geschenke für das neugeborene Jesuskind mitbringen, Gold, Weihrauch und Myrrhe. So schön es auch wäre, die Weisen aus den Evangelien haben keinen sprachlichen Einfluss auf die Bezeichnung Weisat genommen.

Wiener Mütter erinnern sich an das legendäre Wäsch(e)paket, 1927 vom sozialdemokratischen Gesundheitsstadtrat Julius Tandler als kostenlose „Erstausstattung“ für Neugeborene eingeführt. Es wurde 1934 von den Austrofaschisten abgeschafft und erst nach dem Krieg wieder etabliert. Heute überreicht die Stadt Wien bei Vorlage des Eltern-Kind-Passes die weisatartige Säuglingsausstattung in Form eines Wickelrucksacks für werdende oder junge Eltern.


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Darf ich mitreden?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 48/2025 vom 26. November 2025

Liebe Frau Andrea,
in der Bim, im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße. Manchmal im Cafè. Im Zug sowieso. Es passiert so oft, dass ich ungewollt Mithörerin fremder Handy-Gespräche werde. Darf ich dem Impuls nachgeben, mitzureden?
Liebe Grüße,
Fiona Elffencamp, Leopoldstadt, per Email

Liebe Fiona,

in der Frage telefonischer Öffentlichkeit gibt es noch keine endgültigen Normen. Der Knigge und andere Benimmratgeber würden Ähnlichkeiten mit Tischgesprächen in Restaurants sehen und empfehlen, die Konversation und seinen Umfang auf die Teilnehmenden an der gemeinsamen Tafel zu beschränken. Mit dem Personal spreche man leise, wenn auch deutlich, mit den Sitznachbar·innen in angenehmer Lautstärke. Toast und Ansprachen gestalte man für alle hörbar. Das wären auch die einzigen Momente, wo die Diskretion in Maßen verletzt werden dürfe.

Öffentliche Telefonie mit Handapparaten zerrt die Benimmregeln ihrer jeweiligen Anwendenden ins Gemeine. Das gefällt nicht allen. Telefonierende aus Balkanländern, österreichischen Fremdenverkehrsgegenden und afrikanischen Nationen tendieren zu Gesprächen in großer Lautstärke. Dem schließen sich Panelteilnehmer·innen, Kommunikationsfuzzis und Immobilienhenrietten an, um es einmal ungegendert und salopp auszudrücken. Wie also verfahren? Comandantina empfiehlt das Mitsprechen in gleicher Lautstärke, notabene wir durch die Eingebundenheit in die Gesprächsverläufe ungewollt zu Mitwisserinnen und Mitfragenden werden. Von da zum Mitsprechen ist es nur ein kleiner, inividueller Schritt. Das Teilnehmen an fremden Lautgesprächen löst innere Konflikte und bringt sie nach außen. Manchmal verstummen die laut Telefonierenden, oft aber mäßigen sie ihre Lautstärke. In Liften und engen Stehungen in Öffis kann das auch anderen, weniger Mutigen unerwartete Hilfe stellen, Unmut dämpfen und Linderung verschaffen.

Die sehr ähnlichen Fälle der Vergesellschaftung von Gerüchen durch mitgebrachte Speisen müssen in einer anderen Kolumne erörtern werden. Vielleicht erwachsen hiezu Fragen aus der Leser·innenschaft!


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Mehr von den Häuten

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 47/2025 vom 19. November 2025

Vor zwei Wochen behandelte diese Kolumne eine Frage von Leser Wilhelm Ockermüller, in der es um den abwertenden Ausdruck „Heita“ für junge und freche Mädchen und Frauen ging. Frau Andrea antwortete im Sinne einer wienerischen Etymologie des Begriffs, wonach eine sprachliche Nähe zu „Haut“ als Begriff für die Prostituierte und eine Verwandtschaft mit „heidln“ für schlafen, beischlafen vorläge. Das war indes nur ein Teil einer Möglichkeit, den Begriff zu deuten. Es erreichten die Comandantina Zuschriften aufmerksamer Leser aus dem Westen des Landes. Leser Peter Koerner führt ins Treffen, dass „Heita“ im Pinzgauerischen einen bedauernswerten Menschen bezeichnet. Leser Hans-Peter Kircher berichtet aus einem Beitrag in der aktuellen Tiroler Jagdzeitung, der für den Begriff des „Häuters“ eine alternative Entstehungsversion anführt. Demnach komme „Häuter, (…) der geläufige Ausdruck des Mitleids von den Bärenhäutern unserer Vorfahren, welche sich gerne auf den Hauten erlegter Bären ausruhten“. Leser Armin Staffler aus Tirol schließlich hat den, stets männlich gebrauchten Ausdruck „armer Heita“ oft gehört, auch in der Kombination „Heitabua“. Vom „Heia gehen“ (zu Bett gehen) könne das wohl nicht kommen. Käme es, wie Leser Kircher meint, vom „Häuter“ (Abdecker)? Oder vom Hüter und dem Hütebub?

Das Bairische, in allen Fragen österreichischer Dialekte eine gute Adresse, kennt den Heiter, Haidda, Häuter als Begriff für das alterschwache, ausgemergelte Pferd, die Schindmähre, die nur mehr zur Verwertung durch den Abdecker taugt (und Knochen für die Leimsieder liefert). Es wäre dann der „ame Heiter“ synonym mit dem armen geschunden, an die Ketten der Knechtschaft Gefesselten.

Noch nicht aus dem Fokus der spezifischen Beschau unseres Begriffs ist die „Haut“ für die arme Frauensperson, kennen es doch ältere Lexika des Kärntnerischen (die sprachlich auch die nahen steirische Gegenden erfassen) als „Scheltwort für Weiber“. Hauta ist dort die Bezeichnung „für den weiblichen Cretin“, Häutar, Häutarin für die blutarme Person. In eine andere, nicht uninteressante Richtung weist der pinzgauerische Ausdruck Heut für die steile Hutweide. Ist der arme Heita vielleicht doch der bettelarme Steilwiesen-Cowboy? Wir forschen weiter.


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Der Bart zum Moped

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 46/2025 vom 12. November 2025

Liebe Frau Andrea,
letztens stolperte ich über einen Song von Hubbabubbaklubb aus Norwegen mit dem Titel „Mopedbart“. Gemeint ist mit dem norwegischen Lehnwort offensichtlich das dünne Oberlippengewächs jener jungen Burschen, die als fahrbaren Untersatz ein 50ccm Zweirad ihr Eigen nennen. Ich las, dass man diesen Flaum in Deutschland als Rapperbart und 50ccm-Bart nennt. Aber in Österreich? Mir fehlt hier ein Wort. Wissen Sie Rat?
Ergebenst von der oberen Wieden grüßend,
Franz Ablinger, per Email

Lieber Franz,

Hubbabubbaklubb, ein Happy-Funk-Pop-Kollektiv aus Oslo ist norwegenweit für seine ausufernden DJ-Sets und experimentellen Musik-Performances bekannt. Ihre Debüt-Single „Mopedbart“, eine Hymne auf Fahrtwind und Freiheit katapultierte 2013 ihre Beliebt- und Bekanntheit bis in unsere Aufmerksamkeitsräume. Das Wort „Mopedbart“ ist ein norwegisches Synonym für den 16jährigen mit Erlaubnis zur Pilotierung eines 50cm2-Zweitakters. Aus dem Deutschen ist das Wort nicht ausgebüxt, bezeichnet norwegisch „bart“ doch den Oberlippenbart (skjegg ist der Bart als Oberbegriff). Ein Lehnwort aus der Nachbarsprache ist dafür „Moped“, die Wortkreuzung aus schwedisch motor (mo) und pedaler (ped). Mopedbart ist damit ein fast genuin norwegisches Wort.

Im Wienerischen heißt der Milch- oder Flaumbart wenig kreativ Schnauzbart oder Schnaudsa. Völlig untergegangen ist die Bezeichnung Radsnboad, Radsiboad, (Raizenbart), für die Oberlippenzierde des griechisch-orthodoxen serbischen Volksstammes der südostungarischen Raizen. Im Deutschen zirkulieren, je nach Ausdehnung die wenig schmeichelhaften Bezeichnungen Bröselbesen, Hippielippe, Krillfilter, Mundgardine, Muschiputzer, Oliba, Rotzbremse, Schenkelbesen, Schnutenbart und Suppensieb. Angloamerika kennt neuerdings die Mode des Dirtbag Moustache oder Trash Stache. Im Rahmen von Kleinstverschiebungen von Gendergrenzen hatte der Fingerstache (finger moustache tattoo) bei jungen Frauen Konjunktur, eine Tätowierung, die an der, dem Mittelfinger zugewandten Seite des Zeigefingers gestochen wurde und zur überraschenden Auflockerung von Gesprächen über die Oberlippe gelegt wurde.


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Vom Heidln und von den Häuten

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 45/2025 vom 5. November 2025

Liebe Frau Andrea,
vor ein paar Tagen hörte ich einen Ausdruck, den ich zuletzt in meiner Jugend hörte, und die ist schon lange her. Von zwei älteren Damen schnappte ich diese Worte auf: „soiche Heita“. Es war niemand in der Nähe deshalb weiß ich auch nicht worauf sich diese Worte bezogen. In meiner Jugend war das ein abwertender Ausdruck für junge/freche Mädchen/Frauen. Woher kommt das „Heita“? Von Haut/Häuten oder von heiter (fröhlich)?
Mit freundlichen Grüßen,
Wilhelm Ockermüller, per Email

Lieber Wilhelm,

ich darf Sie in Ihrer Erinnerung bestärken, dass sich das Gehörte auf selbstbestimmte junge Frauen und Mädchen bezieht. „Soiche Heita“ (solche Häute, in der wienerischen Mehrzahlform: Häuter) dürfen wir richtigerweise als „Heida“ transkribieren. Das Wienerische, und hier insbesonders seine benennungsreiche gaunersprachliche Variante kennt neben Baa (Bein, Mehrzahl Baana, Beine) den Ausdruck Haud (Haut), oft auch sein Diminuitiv Heidl (Häutchen) für die Arbeiterin am Felde der käuflichen Liebe. Die Myriade an anderen, meist entwürdigenden Bezeichnungen für Frauen und Mädchen wollen in der heutigen Beantwortung unbeachtet bleiben. Trotz der patriarchalen Umstände, in denen die Begriffe Haud, Heidl, Heidln, Heida zirkulierten, ist nicht an das geschlechtsspezifische Hymen oder Jungfernhäutchen zu denken, und auch nicht an die Haut als sensitives Organ und Körperoberfläche, sondern an ein spezifisch wienerisch-österreichisches Verb, das „heidln“, soviel wie schlafen. Oftmals wird es in die Kindersprache gestellt, wo „Heia“ das Bett und den Schlaf bezeichnen, und das in dem Wiegen- und Einschlaflied „Heidschi Bumbeidschi Bumbum“ berühmt wurde. Gehen doch zärtliche Wiener·innen mit Schlaf- und Ruhebedürfnis „heidi“ oder „heidschi“ machen. Dass vor dem Einschlafen das Beischlafen erfolgt, zumindest in Fällen partnerschaftlicher Möglichkeiten, ist indes kein Wiener Spezifikum. Woher aber kommt die „Heia“? Ihr Wortursprung ist noch nicht hinreichend verstanden. Aus dem Dunkel unserer Sprachgeschichte leuchtet entfernt die indoeuropäisch erschlossene Silbe *kei-, ‘soviel wie liegen, schlafen. Gelte es noch, das „Bumbum“ aus dem Wiegenlied zu deuten.


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Wie geht’s?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 44/2025 vom 29. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
auf der Spazierrunde für meinen Podcast „AgehWIRKLICH“ im Gespräch mit Ihnen kam eine Frage auf: Warum fragen wir einander „Wie geht es Dir?“ und nicht „Wie sitzt es Dir?“. Wie und warum hängt das mit dem Wort „gehen“ zusammen, und hat es etymologisch/generisch überhaupt etwas mit „gehen“ als Bezeichnung der menschlichen Grundfortbewegungsart zu tun? Ich bitte um Aufklärung und freue mich auf Ihre Antwort!
Beste Grüße,
Lisa Sophie Steiner, per Email

Liebe Lisa Sophie,

Spitalserfahrene kennen die paternalistische Frage: „Na, wie geht’s uns denn heute?“ Gestellt wird sie in aller Regel von Primarien und Oberärzt·innen im Beisein der klinischen Entourage. Größer könnte der Gegensatz zwischen liegenden Patient·innen und der hochmobilen Morgenvisite nicht sein. Und dennoch steckt in der Floskel die Hoffnung auf körperliches, nicht selten auch seelisches Wohlergehen. „Es geht“, antwortetet dann der eine, die andere, im Falle fortschreitender Genesung mit „Es geht schon besser“. Auch in der lapidar-distanziert entbotenen Alltagsfrage „Wie geht’s?“ steckt die unverhohlene Glücksaussicht, der, die Befragte sei bestens auf den Beinen, wiesle geradezu leichten Fusses durch die Gegend, das Schaffen, die Besorgung, den Problemäther.

Das Gehen hat sich (zumindest im Deutschen) in einer Vielzahl von Wendungen sedimentiert. Ab dem vierzigsten Geburtstag gehen wir auf die Fünfzig zu, Schulden gehen in die Milliarden, weil Manipulationen daneben gingen. Vorher gingen die Dinge drunter und drüber, verbunden mit der trügerischen Forderung, dies und das „müsse gehen“. Selten gehen Sachen klar, meist von statten und oft verloren, manchmal und schließlich auch kaputt. Im Komplikationsfall fragen Zweifelnde, ob sie recht gingen in der Annahme, Planende gehen schwanger mit einer Idee, Abziehende gehen von dannen, Flatulente lassen einen gehen. Eine geradezu groteske Wörtlichkeit beschreibt den Zustand innerer oder äußerer Verwahrlosung –  das Sichgehenlassen. Wir schließen mit einem luziden Wiener Witz. „Wie geht’s?“ fragt der Schasaugerte den Hatscherten. „Siechst eh!“.


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Schwammerls Name

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 43/2025 vom 22. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
der Herbst ist da, und damit auch die Pilze. Besonders wohlschmeckend sind die Eierschwammerl, die (zumindest) bei uns im Burgenland auch „Rehling“ genannt werden und in Deutschland unter Pfifferling bekannt sind. Uns würde interessieren woher das Wort „Rehling“ kommt, und auch, warum gerade dieser Pilz so viele verschiedene Namen hat.
Liebe Grüße,
Marc Schuh und Eva Gsertz, per Email

Liebe Eva, lieber Marc,

Cantharellus cibarius, der Echte Pfifferling ist den meisten Österreicher·innen als Eierschwammerl bekannt. Die lateinische Bezeichnung (und damit die in vielen romanischen Sprachen) ist die Verkleinerungsform zu „cantharus“, dem urprünglich griechischen „kántharos“, Becher, und nimmt Bezug auf die Form des Fruchtkörpers, das, was wir gemeinhin als Hütchen bezeichnen. Alleine im deutschen Sprachraum zirkulieren dutzende verschiedene Bezeichnungen für den beliebten und häufig zu findenden Speisepilz. Die Gründe für diese Vielfalt sind noch nicht hinreichend erforscht. Auf die Farbe nehmen die Namen Dotterpilz, Eierleistling, Eierpilz, und wie schon erwähnt Eierschwamm, Eierschwammerl, und das schweizerische Eierschwämmli Bezug, sodann Gelchen, Gähling, Gehling, Gelbchen, Göbn, Gelberle, Gelbhänel, Gelbling, Gelbschwammerl, Gelb- und Goldöhrchen, und Marillenschwamm. Wegen seiner Form (und Farbe) heißt der dottergelbe Pilz Nagerl, Gänschen, Gänsel, Rehfüßchen und Schweinsfüßerl. Auf den angenehm pfeffrigen Geschmack beziehen sich die schon erwähnten Bezeichnungen Pfefferling und Pfifferling, Pfefferpilz und Pfefferschwamm.

Für die von Ihnen bevorzugte Benennung „Rehling“ referieren die Etymologen auf die Beobachtung, nach der an jenen Stellen, wo Eierschwammerl wachsen, häufig Rehe gesichtet werden. Das scheint der Ursprung für die Bezeichnungen Recherl, Reherl, Rilling, Rehling, Röllchen, Rehgaißl, Rehgoaß, und Goasrehling zu sein. Auch ein anderer Waldbewohner wird in der Nähe der gelben Schwammerl gesichtet, was die Bezeichnung Füchsling erzeugt hat. Im Tschechischen gibt es für beide dasselbe Wort, nämlich liška, ebenso im Slowenischen, wo Fuchs und Schwammerl Lisička heißen.


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Kramurikunde

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 42/2025 vom 15. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
gestern stand ich in meinem Keller, umgeben von Kramuri, und war etwas verzweifelt. Wie hier wieder Ordnung reinbringen, fragte ich mich. Woher kam dieser Krimskrams? Und da erinnerte ich mich an jenes charmante Wienerlied der Gebrüder Marx mit eben jenem Namen. Kramuri! Da stecke das Wort Amor drinnen, so die Autoren. Stimmt das? Hat Amor etwas mit dem Krempel in meinem Keller zu tun?
Mit freundlichem Gruß,
Oskar Kotzinger, per Email

Lieber Oskar,

Kramuri, Gramuri, die Ansammlung von brauchbaren und unbrauchbaren Dingen kann viel mit persönlicher Liebe zu tun haben, von Amor, dem pfeilschießenden Liebesgott und dem zugrundeliegenden lateinischen Zeitwort „amare“, lieben, kommt es nicht. Sprachen frühere Generationen von dem oder der Kramuri, zirkuliert das Wort heute meist im Neutrum: Das Kramuri. Manche wollen es von „rumoren“ ableiten, andere sehen in der Endsilbe „uri“ entfernte rumänische Echos. Zwei Wörter sind in Kramuri zusammengeflossen: Der Kram (wie wir ihn auch vom Verkäufer desselben, dem Krämer kennen) bezeichnete ursprünglich die Zeltdecke, die Plane, die Marktbude, unter der die Händler ihre Ware feilboten. Später erweiterte sich die Bedeutung auf das verkaufte Kleinzeug selbst. Das andere Wort in Kramuri ist der schon spezifisch Wienerische „Murer“ oder „Muara“. Dieser soll von „mualn“, „muarn“ (schimpfen) kommen, eine Entlehnung aus dem mittellateinischen „murmurare“ (murmeln, murren, brummen, knistern).

Die dann doch sehr wienerische Liebe zum Unbrauchbaren, Weggelegten, Angesammelten hat eine ganze Reihe von Ausdrücken und Bezeichnungen etabliert. Dínef, von hebräisch „tinūp“ Verschmutzung, und jiddisch „Dinnef“, ist die schlechte Ware. Glumpad (Gelumpe) ist ebenfalls das wertlose Zeug, verwandt mit den Lumpen. Graffe (Geräffel) ist der wertlose Kram, das funktionslose Werkzeug, Grempe (Krempel) das Gerümpel, von italienisch „comprare“, kaufen. Tschintschalweach schließlich ist das Flitterzeug, der Tandelkram, von italienisch „gingillo“ (ausgesprochen dschíndschíllo), soviel wie Nippes, und Weach, Werg, wertloses Zeug. Amors Pfeil triff auch dorthin.


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Über das Überhochmetzen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 41/2025 vom 8. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
in Klaus Nüchterns Besprechung des neuen Romans von Ian McEwan bin ich über das Wort „überhochmetzt“ gestolpert. Können Sie mir sagen was es bedeutet? Es ist wohl kein Wort der aktuellen Jugendsprache, handelt es sich vielleicht um ein altes, jetzt ungebräuchliches Wort, mit dem der Autor seine Bildung demonstrieren möchte?
Mit herzlichen Grüßen,
Paul Weber, Margareten, per Email

Lieber Paul,

Kollege Klaus Nüchtern hat Ihr Stolperwort, wie er mir offenbart hat, vor vielen Jahren aufgeschnappt. Wo, weiß er nicht mehr, insoferne ist die Vokabel kein Ausweis übertriebener Bildungsprominenz. Sehen wir uns die Sache durch die etymologische Brille an. Die Bedeutung des Wortes umfasst die Synonyme exaltiert, hochtrabend, überkandidelt, pompös, aber auch besserwisserisch, neunmalklug und oberschlau. Es darf daher als gelegen erscheinen, „überhochmetzt“ in Buchbesprechungen und Plattenrezensionen zu verwenden. Ob das, seit den Nullerjahren beliebte Adjektiv „hochgejazzt“ ein Abkömmling von „hochgemetzt“ ist, muss noch erforscht werden. Der Wortbestandteil „metzen“, soviel wie schlagen, hauen, wäre verwandt mit „meißen“ (schneiden, stückweise abtrennen) und Meißel, noch bewahrt in Steinmetz und in Metzger. Dennoch kommt „überhochmetzt“ nicht aus dem Deutschen. Zudem ist nicht klar ist, ob das Adjektiv das Partizip Perfekt von „überhochmetzen“ oder von „hochmetzen mit dem neuerdings in den USA beliebten Präfix „über“, „uber“ ist.

Seit dem biblischen Hebräisch ist das feminine Substantiv „hokmá“ (Geschicklichkeit, Kunde, Weisheit) belegt. Es wurde als chochme, chochmo ins Jiddische integriert. Kochme, meist ironisch verwendet, ist der Verstand, die Weisheit, die Kunst, die Klugheit, und der kluge Ausspruch, die kluge Tat. Kuchem indes der siebengescheite, kluge, schlaue, aber auch eingebildete Mensch. Kochmetzen, hochmetzen ist daher wohl das Klugscheißen.

Das Wienerische metzt weder hoch noch überhoch, sondern máschald auf (mascherlt auf) und schdátsd auf (von mittelhochdeutsch stärzen, steif emporragen) – im galoppierenden Klugheitsfalle ówagscheid (obergescheit).


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Larger than lasch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 40/2025 vom 1. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
in der Nachschau eines Club 2 zum Thema Lucona aus dem Jahr 1989 bin ich auf den Begriff „Laschieren“ gestoßen: Ein Privatdetektiv hat seine typischen Kundenaufträge geschildert, darunter auch das Ertappen von Arbeitnehmern beim Nichtstun (Detektiv: „Sie kennen diesen Ausdruck, Laschieren“ – Moderator nickt). Scheinbar war dieser elegante Ausdruck damals noch weitläufig in Gebrauch, ich hörte ihn aber das erste Mal. Handelt es sich dabei um die aktive Anwendung der Laschheit oder ist „largieren“ französelnd? Gilt der Ausübende dann als Largeur? Natürlich frage ich für einen Freund. Und Zusatzfrage: Gibt es eine inhaltliche Abgrenzung zum (geläufigeren) Tachinieren?
Liebe Grüße aus der Leopoldstadt,
Martin Mairinger, per Email

Lieber Martin,

unser Ausdruck ist bestes altes Österreichisch, es zirkulierte im Amtsdeutsch, wo laschieren (ausgesprochen: laschían) das zögerliche, verschleppende Agieren bezeichnete. Am Fußballplatz wurden die antriebslosen Tachnierer und Freunde des Scheiberlspiels des Laschierens bezichtigt. In der Sprache der Kartenspieler versteht man unter „laschieren“ den Verzicht auf das Stechen einer niedrigen Karte im Wissen, dass der Gegner eine höheren Karte ausspielen wird, die dann einen fetteren Stich ergibt. Einige Deuter mobilisieren unser Eigenschaftwort lasch (abgestanden, schal, flau, fad) als Herkunft, der Wienerisch-Influencer Peter Wehle hat es in seinem Wörterbuch fälschlich vom französischen „large“ (weit, offen, großzügig) abgeleitet. Andere mobilisieren das lateinische „largire“ (reichlich geben, spendieren, schenken) und das gleichbedeutende italienische Verb „largīri“.

Nach bester Prüfung aller Thesen darf als beste Herkunft des Laschierens der Jargon der Kartenspieler und die Sprache Voltaires gelten, wohnt doch dem französische Zeitwort „lâcher“ eine der Bedeutungen inne, um die es uns hier geht. „Lâcher une occasion“ bedeutet im Französischen, sich eine Gelegenheit entgehen lassen. Geklärt ist damit die Schreibweise und die Frage nach dem Lascheur, den das heutige Französisch als „lâcheur“, Drückeberger kennt.


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Tschutschalatkunde

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 39/2025 vom 24. September 2025

Liebe Frau Andrea,
im Steirischen an der Kärntner Grenze geboren und aufgewachsen interessiert mich die Herkunft des Ausdrucks „tschutschalat“. Meine Großmutter und auch jetzt noch meine 92jährige Mutter verwendeten dieses Wort für gesundheitlich nicht auf der Höhe zu sein. In etwa vergleichbar mit einen grippalen Infekt, wenig Appetit und am besten das Bett zu hüten. Auffällig erscheint mir: am besten nicht angesprochen und in Ruhe gelassen zu werden.
Meines Erachtens ist lautschriftlich „tschutschalat“ eher dem Kärntnerischen zuzuorden. Was meinen Sie?

Liebe Grüße,
Monika Köck, Wien 13, per Email

Liebe Monika,

bei vielen Wörtern aus Dialekten und Mundarten fehlen rechtschreiberische Autoritäten. Es gibt (noch) keinen Duden des Kärntnerischen, Steirischen, Wienerischen. Ungeschrieben Gehörtes unterwirft sich lokalen Ausspracheregeln, ja ändert sich, bisweilen von Tal zu Tal, Hof zu Hof.

Das Eigenschaftswort „tschutschalat“, „dschudschalad“ findet sich in keiner der verlässlichen Publikationen. Wohl aber sehr ähnliche Wörter. Kärntnerisch „Tschouder“, „Tschùder“, in Verkleinerung „Tschöderle“, „Tschüderle“ war noch im vorvergangenen Jahrhundert das zerzauste, buschige Haar. Wer „tschoudred“, „tschûdret“ war, hatte solch unordentliches Haar. Ein „Tschàderlang“ war jemand mit zerzausten Haaren, „tschoudern“, „tschûdern“ hieß, jemand bei den Haaren zu reißen, was sich im heute noch in Kärnten gebräuchlichen Ausdruck „Tschodahex“ für die ungepflegte Frau, aber auch abwertend für die Friseurin sedimentiert hat. „Tschutten“ ist das Schütteln, schaudern. Das Allemanische schließlich kennt „ertschūdert“ für verwirrt, übel aussehend, besonders in Hinblick auf kranke Vögel, die das Gefieder sträuben. Die wenigen Sprachforscher, die sich der Sache angenommen haben, vermuten, dass die dialektale Wortfamile „tschu“, „dschu“ durch Einschiebung eines „d“ aus schauern (mittelhochdeutsch schūren) entstanden ist, und ursprünglich das Gefühl bezeichnete, das die Berührung einer rauhen, rohen, kalten Oberfäche hervorrief. Von dort zum fröstelnden Gefühl des appetitlosen Krankseins ist es sprachlich nicht mehr weit. Gesundheit!


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Die rätselhaften Tschinnäula

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 38/2025 vom 17. September 2025

Liebe Frau Andrea,
jetzt stehe ich mit 60 in dem alten Stadl, den ich sanieren möchte und bin verdutzt. In meinem Kopf ist ganz klar, wie es werden soll, doch meine Hände folgen den planerischen Vorgaben sehr selten. Seltsamerweise bin ich mit dem Alter nicht geschickter geworden und auch nicht stärker. Das Handwerk ist schwierig mit zwei linken Händen und mangelnder Kraft. Für manche Aufgaben bräuchte es richtig starke Männer, die ordentlich was weiterbringen. Richtige Tschinnäula. Aber nachdem ich nicht einmal weiß, wie man das schreibt, werde ich auch schwer welche finden. Können Sie mir bezüglich der Bedeutung des Wortes weiterhelfen?
Herzlichst und müde,
Ingo Fellinger, per Email

Lieber Ingo,

leider kann ich keine richtigen „Tschinnäula“ zur Stadlsanierung vorbeischicken, wohl aber wird es gelingen, Licht in die Herkunft und die Schreibweisen der starken Männer bringen. Aufs erste wäre man versucht, an die Wiener „Tschinelle“ zu denken, die beidseitige Watsche (oder Stereo-Ohrfeige), mit breiten Handflächen appliziert. Die Tschinelle erfährt ihre Wörtlichkeit vom gleichlautenden marschmusikalischen Schlaginstrument aus zwei tellerförmigen Beckenscheiben. Die italienischen cinèlli oder cinèlle, ursprünglich in der Janitscharenmusik verwendet, sind eine Abkürzung von bacinello, kleines bacino, Becken.

Sind die Tschinnäula also schlagbereite Marschmusikanten? In den österreichischen Industriegebieten zirkuliert neben Tschinnäula, Tschineller, Tschineuler insbesondere der Begriff Tschinagler. Damit wurden und werden die Schwerstarbeiter in der Stahlindustrie, die Bergmänner und sonstige kräftige Männer bezeichnet. Manche Wörterbücher bemühen das ungarische „csinál“ (machen, anfertigen) als Herkunft der Tschinagler. Tatsächlich kommt unser Begriff, wie so vieles, aus dem Rotwelschen, wo „Schinagole“ den Karren, Schubkarren bezeichnet. Die Etymologie vermutet das hebräische „schin“, akronymisch für schlimm, schlecht, und āgālāh (Wagen) als Urprung des Wortes. Mit „schlimmer Wagen“ wurde der Schubkarren verschlüsselt. Sein Bediener, der Schinaggier, Schinagler war der hart schuftende Karrensträfling.


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O Schreck, ein Spreck!

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2025 vom 10. September 2025

Liebe Frau Andrea,
Im Lokal „Roter Hiasl“ fiel mir ein Ausspruch meiner Großmutter im Jahr 1975 ein. Mein gerade geborener Bruder sollte einen Namen bekommen und ich schlug Matthias vor. Worauf meine Oma (Jahrgang 1908) abwehrend meinte: „Jeder Hiasl hot an Spregg“. Der Name kam also nicht infrage, kein Kind sollte so einen Namen tragen, da würde er ständig damit gehänselt werden. Mein Vorschlag war vom Tisch, er wurde Leopold genannt. Die Geschichte hat sich übrigens im nördlichen Weinviertel zugetragen. Jetzt bin ich gespannt, ob Sie dazu irgendetwas sagen können, was dieser Spreck oder Spregg (oder so ähnlich) bedeuten könnte?
Liebe Grüße,
Brigitta Beile, Wien Donaustadt, per Email

Liebe Brigitta,

viele Sprichwörter beginnen ihre Karriere lokal. Und manche bleiben auch dort, dem Ort verhaftet, und der Zeit ihrer Entstehung. Im Falle Ihrer großmütterlichen Namensangst gibt es dennoch reiche wortgeschichtliche Information. „Hiasl“ ist bekanntlich die bairisch-österreichische Kurzform des Heiligennamen Matthias, der, wie die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, nach dem Tod des Judas Iskariot zum zwölften Apostel aufrückte. Wegen der großen Verbreitung unter der bäuerlichen Bevölkerung wurde „Hiasl“ zum Spottnamen für den einfältigen, unbedarften Menschen. Die sehr ähnlich lautenden Synonyme „Hiafla“ (vom Huf der Tiere), und „Hiabla“ (jemand mit Hieb, Dachschaden) haben gewiss mitgewirkt, den Rufamen Hiasl zu diskreditieren.

Wie aber kommt der Hiasl zum Spreck? Das Wort zirkulierte schon früh als Bezeichnung für den Fleck (auf der Haut oder auf dem Fell), die Etymologen leiten es von einem indoeuropäisch erschlossenen *sper- *sprei- (soviel wie streuen, säen, sprengen, spritzen) und protogermanisch *sprekla-, Fleck ab. Das Althochdeutsche kennt fleckig als „sprehhiloht“, das Mittelhochdeutsche als „spreckeleht“. Aus dem Sprëckel, Spreck wurde später der Fehler, Makel und schließlich die kognitive Behinderung. 

Der hierorts nicht mehr geläufige Spreck ist im Englischen täglich in Gebrauch. Die anglosächsische Sprachwelt bezeichnet mit „spreckle“ noch immer den ganz normalen Fleck. Der Hiasl ist dort allerdings unbekannt.


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Über das Gebenedeite

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 36/2025 vom 3. September 2025

Liebe Frau Andrea,
ich darf Ihnen im Namen meines Vaters dieses E-Mail übermitteln: Mit meinen 83 Jahren habe ich schon oft ein „Vaterunser“ gebetet. Da gibt es den Satz: „Gebenedeit sei dein Name.“ Dieses Wort verstehe ich nicht. Meine Frage: Kann ich gebenedeit werden und was ist das eigentlich, woher stammt der Begriff?
Bis zum nächsten Gebet freundliche Grüße,
Manfred (Vater) und Thomas (Sohn) Schreiner, Felixdorf, Niederösterreich, per Email
PS: Bin durch meinen Sohn zu Ihrer Kolumne gekommen – sie ist sehr gut!

Lieber Manfred, lieber Thomas,

das Vaterunser (lateinisch Pater noster) ist einer der bekanntesten Texte der Bibel, es gehört mit den Zehn Geboten zum Grundwissen der christlichen Religionen. Das Neue Testament überliefert es in zwei nahezu identischen Fassungen, eine im Evangelium des Matthäus, die andere in jenem des Lukas. Im Erinnungsschatz katholisch sozialisierter Menschen ist das Gebet schon durch die Kultur der mechanischen Wiederholung in der Messe tief verankert. „Gebenedeit“ kommt allerdings nicht vor. Über das seltsame Wort stolpern Katholiken in einem anderen Gebet, dem Ave Maria oder „Gegrüsset seist du Maria“. Der erste Teil dieses Gebets stammt ebenfalls aus dem Lukasevangelium. Dort (Lk 1,28) verkündet der Erzengel Gabriel Marien, dass sie den Sohn Gottes gebären werde: „Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“. Kurze Zeit später (Lk 1,41f) besucht Maria ihre ebenfalls schwangere Verwandte Elisabeth. Die wird vom Heiligen Geist erfüllt und ruft Marien zu: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Das Gebet hat, anders als die Bibelübersetzung Luthers, in der Passage „benedicta inter mulieres“ (gesegnet bist du unter den Frauen) das viel ähnlichere „gebenedeit“ bewahrt. Ist doch das mittelhochdeutsche „gebenedeit“ nichts anderes als die lautliche Übertragung von „benedicta“, soviel wie „man spricht gut über sie“.

„Gebenedeit“ ist außerhalb des Gebets nicht mehr in Gebrauch. Nicht so sein Gegenteil, das Schlechtbesprochene. Es zirkuliert noch immer als „vermaledeit“. Fixlaudon!


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Über die Schwärmerei

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 35/2025 vom 27. August 2025

Liebe Frau Andrea,
mein Schwärmen für Ihre Kolumne hat sich inzwischen so weit herumgesprochen, dass ich schon mitleidig gefragt werde, ob ich denn überhaupt wüsste, woher der Begriff „schwärmen“ komme, was er bedeute, und wie man ihn korrekt verwende. Meine ehrliche Antwort: natürlich nicht. Aber ich tröste mich, im Schwarm der Fragenden ist es um die Kenntnis nicht besser bestellt. Also wende ich mich vertrauensvoll an Sie. Ich ahne schon, dass Ihre Erklärung nicht etwa meine Schwärmerei bremst, sondern ihr fröhlich frische Flügel verleiht.Vielen Dank und freundliche Grüße,
Erich R. Hoffmann, Liesing, per Email

Lieber Erich,

mentalitätsgeschichtlich führt Sie Ihre Leidenschaft in die Zeit des Sturms und Drangs. Dort möchte ich Sie mit einer zeitgenössischen Reflexion abholen. So schreibt der passionierte Melancholiker und Kantschüler Daniel Jenisch 1787 im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, der ersten psychologische Zeitschrift in Deutschlands den luziden Beitrag „Über die Schwärmerey und ihre Quelle in unseren Zeiten“. Die aufklärerische Erfahrung der kalten Vernunft, so Jenisch,  habe zu einem Übergewicht der „untern Seelenkräfte“ geführt, die „wie eine Art von Verschwörung wider die obern, wider Vernunft und Urtheilskraft angesehen werden“ könnten. Den Schwärmer benennt Jenisch als gesteigerte Variante des unkritischen Metaphysikers. Mit Hilfe seiner Einbildungskraft versinnlichte dieser die Vernunftideen.

Die Konjunktur der Schwärmerei in der Spätaufklärung darf als Reaktion auf ein menschliches Grundbedürfnis verstanden werden, das die Philosophie der Zeit nicht mehr befriedigen konnte. Befriedigt werden kann hier allerdings das Bedürfnis nach dem etymolgischen Aspekt des Schwärmens. Das Althochdeutsche kannte noch den lautmalerischen „swarm“, aus germanisch *swarma, der den Taumel, aber insbesondere den summenden Bienenschwarm bezeichnete. Als verwandtes Schallwort gilt das Schwirren, anordisch sverra, wirbeln. In der Reformationszeit werden die Sektierer abschätzig als Schwärmer, Schwarmgeister bezeichnet. Das Wort erfährt erst später die positive Bedeutung des glücklichen Fans und fernörtlichen Verehrers.

Die Autorin dankt!


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Woher der Rauml kommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2025 vom 20. August 2025

Liebe Frau Andrea,
meine Mutter verwendete immer das Wort raumlig („du bist raumlig um den Mund“), wenn ich nach dem Essen oder generell keinen ganz sauberen Mund hatte bzw. rund um den Mund also raumlig war. Meine Kinder lachen mich aus, das Wort gibt es nicht. Können Sie mir weiterhelfen?
Lieben Gruß,
Manuela Gutmeyr,  Graz, per Email

Liebe Manuela,

in einem erstens Verstehensversuch läge es für Hochdeutsch Sprechende nahe, das Adjektiv „raumlig“ mit dem „Raum“, dem „Räumlichen“ in Verbindung zu bringen. Was aber hätte die Bezeichnung für eine örtliche Ausdehnung mit Essensresten zu tun? Hat es womöglich mit dem Mundraum zutun?

Auf die richtige Fährte bringt uns die Stadt, aus der Sie schreiben. In der Steiermark wird nicht gefallen, sondern gefaullen, im Gausthaus wird nach dem Essen gezauhlt, am grünen Rausen rollt der Baull, die Laterne steht am Straußenraund. Außerhalb der grünen Mark wären Kinder nach dem Essen demnach nicht raumlig, sondern ramlig, rammlig. Das Bild wird klarer, denn den Rammel kennen die Wienerinnen und Wiener und manche dazwischen als das getrocknete Nasensekret, bundesdeutsch den Popel. Dies oder das habe nur einen Nasenrammel gekostet, sagt der Volksmund, wenn etwas günstig erworben wurde. Wie aber kommt der Rammel an den Mund? Und wieso beim Essen?

Noch Anfang des letzten Jahrhunderts kannte man als „Raml“ auch die in den Kochgeschirren angetrockneten Speiseteile. Ältere Lexika schreiben das Wort noch Rame (ganz wie Rammel im Bairisch-Österreichischen ausgesprochen wird), kommt es doch vom mittelhochdeutschen „rām“, Schmutz, Ruß, und dieses vom gleichbedeutenden germanischen *rēmi-, *rēmiz. Das Wort hat sich in unserem Rahm (bundesdeutsch: Sahne) erhalten, wurde der fettreiche Teil der Milch doch ebenfalls als sich ansetzende Schmutzkruste verstanden.

Der Bedeutungsinhalt rußig, schwarz hat sich in anderen Begriffen sedimentert. So hieß der Hofhund mit schwarzem Maul „Rammel“. Desgleichen das schwarze Schaf und ganz unwoke das dunkelhaarige Mädchen oder die vagante Dame von feurigem Temperament und rabenschwarzem Haar: „A liaba Ramme“ oder „a wüüda Ramme“.


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Wieviel Zunge ist in der Sprache?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 33/2025 vom 13. August 2025

Liebe Frau Andrea,
während einer Unterhaltung in unserer mehrsprachigen Verwandtschaft ist uns ein Kuriosum aufgefallen. Meines Wissens nach sagen lediglich die Deutschen als Sprachendefinition: „die deutsche Sprache“. Alle mir bekannten und verwendeten Sprachen: Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch, Italienisch, Russisch und Englisch verwenden den Ausdruck „slovensky jazyk“ für slawische, „la lingua italiana“ für romanische Sprachen und sogar die ural-altaische Sprache der Ungarn sagt: „Magyar nyelv“, was in der wortwörtlichen deutschen Übersetzung als „ungarische Zunge“ sicherlich ungewohnt, wenn nicht gerade lustig klingt. Auch die englische Mischkulanz-Sprache der keltischen, anglosächsischen und normannischen Idiome verwendet den Ausdruck „language“, Zunge. Meine Frage: Seit wann verwendet das Deutsche diesen Ausdruck? Seit Luther? In meinem philologischen Bücheregal habe ich umsonst gesucht.
Ich hoffe, Sie können Sie mir helfen. Vielen Dank,
Ladislaus Toth, per Email

Lieber Ladislaus,

die Sprache, althochdeutsch „sprāhha“, westgermanisch *sprækō ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und damit weit älter als Martin Luthers Bibelübersetzung. Es gilt als Abstraktbildung zu sprechen und ist wohl lautmalerischen Ursprungs, kannte doch das Altnordische „spraka“ noch als Bezeichnung für das Knistern und Prasseln. Immerhin hat das Englische (unter Verlust des r) das Wort in speak (sprechen) und speech (Rede) behalten.

Dass Körperteile und Sinnesorgane zu Bezeichnungen für Wahrnehmungs- und Kommunikationsvorgänge werden, gibt es auch im Deutschen. Etwa wenn wir sagen, wir hätten „ein Auge“ auf, oder eine „Nase“ für etwas. Das Lateinische (und damit die romanischen Sprachen, aber auch das Englische) verwendet(e) für Sprache nicht nur lingua, sondern (unter anderen) sermo, oratio, vox, locutio, idioma.

Das Wienerische kennt zwar die Schbrooch (die Sprache) und die Dsung (Zunge), gesprochen aber wird hier nicht, sondern gredt (geredet), blauschd (geplauscht), drodschd (getratscht) und einedruggd (reingedrückt).


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Der Batzenlippel

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 32/2025 vom 6. August 2025

Liebe Frau Andrea,
ich glaube, ich wurde in meiner Kindheit von meiner Mutter manchmal so bezeichnet, wenn ich mich beim Essen besonders ungeschickt angestellt habe. Können Sie mir sagen, welchen Ursprung die Bezeichnung „Patzenlippel“ hat und was genau damit gemeint ist?
Mit freundlichen Grüßen,
Burkhard Maier, Wilhelmsburg, Niederösterreich, per Email

Lieber Burkhard,

das Wienerische, niemals um Zuspitzung verlegen, kennt den Bodsnlippl, Batzenlippel als einfältigen, aufgeblasenen Menschen, wohl weil er sich hier mit dem Botssnjanka, Batzenjanker vermischt hat, dem eingebildeten Träger eines Uniformrocks mit goldenen Rosetten und anderen protzigen Applikationen.

Im bairisch-österreichischen Dialektraum, wo unser Wort herkommt, versteht man unter Batzenlippel, Botzenlippl, Bodsnlippö in der Regel und in meist liebevoller Absicht das kleckernde, unbeholfene Kind. In den Städten, die größeren Bedarf an Insulten haben, wird auch der ungeschickte Erwachsene so bezeichnet, der dumme Kerl, der Langweiler und Knauser, der Traumichnicht, der derbe, rohe, leichtsinnige, schlampige oder gleichgültige Mensch.

Der Batzenlippel ufert auch ins Freche, Schalkhafte aus, bezeichnet den Schlingel, scherzhaft den Bäcker, Töpfer und Maler, und schließlich den Verlierer im Kartenspiel, synonym mit dem Schwarzen Peter. Warum der doppelte Holzrechen, mit dem die Bauern, nach dem Einfahren des Getreides „das Grecharad (das liegengebliebene Getreide), das Gstaarat (das Verstreute) zusammenrechten, früher ebenfalls Batznlippl hieß, gilt es noch zu klären.

Die Wortbestandteile des Begriffs sind leicht erfasst. Batzen ist der teigig-breige, kleine Klumpen, Lipp die Koseform des Vornamens Phillipp. Es hat im Bairischen noch den Goschlippl (den frechen Schwätzer), den Kramalippl (den Kleinkrämer), den Göidsgottlippi (Geltsgottlippel, den bettelhaften Schmarotzer), das Spatznlipperl (das tapsige Kleinkind) und die Konfliktteilnehmer Streitlippi und Watschnlippi hervorgebracht. Der bürgerliche Zappel-Philipp, der nicht still bei Tische sitzen will, hat eine tragende Rolle im Struwwelpeter.


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Wer hat Angst vorm Wauker?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 31/2025 vom 30. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurde uns Kindern von den Eltern immer gedroht, dass der Wauga käme, wenn wir nicht brav seien. Gesehen haben wir ihn zwar nie, aber allein die Vorstellung war furchteinflößend genug. Wer oder was ist der Wauga eigentlich wirklich?
Danke! Liebe Grüße,
Brigitte Domittner, per Email

Liebe Brigitte,

die gesuchte Schreckgestalt ist lexikalisch schwer fassbar, denn trotz weicher Aussprache schreibt sie sich „Wauker“, „Waucker“. Zudem ist sie wegen des Vordringens angelsächsischer Bösgestalten und der Erosion der heimischen Dialekte ins Verschwinden gestellt. Wie viele Begriffe im Zauberreich der Kindheit hat der Wauker eine harmlose und eine gefährliche Bedeutung. Als Wauckerl, Waukal, Waugal kennen wird den getrockneter Nasenschleim, also den Nasenrammel, sodann den Wollabfall, die Fussel, die Staubansammlung (wienerisch den Lurch, Luach), und die Laus. „Waukserl“, „Baukserl“ sind Kosenamen für das herzige, niedliche Kleinkind, das kleine Teuferl.

Seine große, dämonische Form, der Wauker dient in der von Ihnen erfahrenen Form als Schreckgestalt. Volketymologisch wurde die Schrecksilbe „Wau“ und seine Verdoppelung „Wauwau“ mit dem Hund und seiner historischen Gefährlichkeit für kleine Kinder in Verbindung gebracht. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig, denn der Wauker ist der wahre Bösewicht, das pure Gefährliche, der Teufel selbst. Er packt, beißt, ist böse, nicht selten in Gestalt eines bösen Mannes. Als Waukerl wird schließlich der Schinderknecht bezeichnet, der Abdecker, zuständig für die Verwertung toter Tiere.

In der Silbe „Wau“ erkennt die Etymologie den germanischen Wutgott Wotan. Der lauert im Wald und auf der Wiese, des Abends und besonders in der Nacht, „bei jeder Gelegenheit“. In des Waukers Nebenform Gankerl, Gankal schlummert ebenfalls der Teufel, ist „gangari“ (der Gänger) doch der Beiname Odins, Wuotans, Wodans. Von Erwachsenen wurde er bocksfüßig, als Jäger verkleidet, am abendlichen Waldrand gesehen. Und in Hohlwegen, leichten Fußes vorüberschreitend.

Wow!

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Wie glamourös ist clamoros?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2025 vom 23. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in Zukunft sollen „clamorose Fälle“ nicht mehr am Schreibtisch der Justizministerin oder am Laptop von Pilnaceken landen, sondern bei einer unabhängigen Bundesstaatsanwaltschaft. Das ist natürlich gut so. Woher kommt dieses seltsame Wort „clamorös“? Von „glamourös“?
Danke für Ihre stets unclamorose Aufklärung und liebe Grüße,
Bettina Zeitlhuber, Wien Meidling, per Email

Liebe Bettina,

ich darf fast mit Karl Valentin antworten: Es wurde schon von allen etwas gesagt, nur noch nicht alles. Nach Übereinkunft unter den Beforscher·innen des besagten, die österreichische Justizberichterstattung dominierenden Begriffs wird mit „clamoros“ der medial auffällige, Prominente betreffende Fall bezeichnet. Ministerium und Anklagebehörden wurde nachgesagt, eine Zweiklassenjustiz zu betreiben, die Normalos streng anzufassen, die clamorosen, meist politischen Berühmtheiten weitgehend zu schonen. „Daschlogtsas“ (erschlagt es) war die dazu kolportierte Weisung, das clamorose Verfahren zu beenden.

Eingeführt in die Alltagssprache, vor allem aber in den polit-medialen Diskurs dürfte das Wort Egmont Foregger haben, von 1987 bis 1990 parteiunabhängiger Justizminister des Kabinetts Vranitzky II. Der einstige Justizsprecher der ÖVP, Michael Graff hatte allerdings schon 1983 seiner freiheitlichen Kollegin Partik-Pable vorgeworfen, clamoros und glamourös zu verwechseln, ein Vorwurf den diese wiederum an die Parlamentsstenografie weiterreichte. „Clamor“ [lateinisch Krach, Lärm, Geschrei], so Graff in seiner Ausführung, sei früher einmal ein eigener Haftgrund gewesen. Wenn eine Strafsache besonderes Aufsehen erregt habe, dann wäre der Beschuldigte in Haft zu nehmen, um die tobende Volkswut zu besänftigen.

Sehen wir uns nun „glamourös“ an, soviel wie blendend, betörend, zauberhaft. Es kommt vom neuenglischen glamour. Das ursprünglich schottische Wort bedeutete „Zauberspruch oder Magie“, und war eine Lautform von grammar, vom griechischen Wort gramma kommend, „Buchstabe des Alphabets, Geschriebenes”.

Wie sagen die Clamorosen? „Jedes Schriftl is a Giftl“.

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Heiliges Bimbam

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2025 vom 16. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
als langjähriger Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien beschäftigt mich schon länger eine Frage: In den alten Straßenbahngarnituren hört man zwischendurch Signaltöne, die sich wie „Ding“ und „Dong“ anhören. Ich konnte bis heute nicht herausfinden, welchen Sinn diese Töne haben, da sie (zumindest für mich) willkürlich und in keinem erkennbaren Muster zu hören sind. Haben Sie eventuell nähere Informationen dazu?
Mit besten Grüßen,
Klemens Grünwald, per Email

Lieber Klemens,

die Wiener Straßenbahnen erzeug(t)en eine Vielzahl von Geräuschen, das zweitberühmteste (wenn auch meistgefürchete) war das schrille Quietschen alter Garnituren in engen Schienenkurven. Das berühmtes Geräusch war das kurze oder lange Bimmeln, das warnend Achtung gebot. Gerald Pichowetz’ Figur des Franzi Mayerhofer, genannt „Fünfer“, in der Kultserie „Kaisermühlen Blues“ war eng verbunden mit dem lautmalerischen Warnwort „Bimbim“. Zuletzt wurde „Bim“ gar zum Synonym für die, bis dahin „Tramway“ und „Elektrische“ genannten Wiener Straßenbahn-Garnituren.

Nach Konsultation eines mir nahestehenden Experten der Geschichte der Wiener Straßenbahnen wird das Hör-Bild der von Ihnen wahrgenommenen Klänge deutlicher. Sehr wahrscheinlich meinen Sie die Signale, die früher dem Fahrer meldeten, dass Beiwagen und Triebwagen abfahrtsbereit waren, also die Türen geschlossen waren. In den alten Straßenbahnen mit offenen Türen (zum Auf- und Abspringen während der Fahrt) waren in jedem Wagen Schaffner·innen zugange, die dafür sorgten, in jeder Haltestelle die Abfahrbereitschaft des Wagens zu melden. Von „hinten nach vorne“ betätigten sie an einem ledernen Glockenzug eine Glocke, zuerst der (hinterste) Beiwagen, danach der eventuell mittlere, und schließlich der Schaffner des Triebwagens. Nach Einführung elektrischer Falttüren und auf dem Schaffnerplatz sitzendem Personal wurde das Glockensignal durch Knopfdruck ausgelöst. Das des Beiwagen klang wie „Ding“, das des Triebwagens wie „Dong“.

Die akustischen Signale heutiger Garnituren sind ferne Reminiszenzen, allesamt elektronisch im Soundstudio erzeugt.


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Woher kommt der Sandler?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2025 vom 9. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
beim Besuch der Dauerausstellung des Wien Museums stieß ich auf eine Erklärung des Worts „Sandler“. Das seien jene Menschen gewesen, die in den Ziegelwerken den Sand in die Formen streuten. Der Duden, den ich zuhause hinzuzog, sagt hingegen, der Begriff käme aus dem Mittelhochdeutschen – „seine“ bedeutet langsam, träge. Was stimmt denn nun?

Ihre Anna Stibitznik, 1010 Wien, per Email

Liebe Anna,

Sandler ist einer der Begriffe im Wienerischen, denen Volksetymologie und Wörterbuchautor·innen eine Vielzahl von Ursprüngen zuspricht. Als Sandler wurde bis in die Zeiten politischer Korrektheit und woken Sprachgebrauchs der meist männliche, verwahrloste und unprofessionell bettelnde Obdachlose bezeichnet, der Faulpelz, Schnorrer und Arbeitslose. Ein bedeutungsidentes Wort im Wienerischen ist der Griaßler (nicht zu verwechseln mit dem Greißler, dem kleinen Lebensmittelhändler). Aus dem wienerischen Griaß (mittelhochdeutsch griez, griesch) für Sandkorn, Kiessand, Strand entwickelte sich um 1900 die Bezeichnung Griaßler für die, auf den Sandbänken der Donau und des Wienflusses lagernden Obdachlosen. Die häufig zirkulierende Theorie der Abkunft des Begriffs von sandstreuenden Ziegelarbeitern ist schön aber falsch, ebenso wie die, es käme von althochdeutsch „-seimi“, mittelhochdeutsch „seine“ (langsam, träge), gehört dies doch im Sinne von langsam fließend, tröpfelnd zum Substantiv Seim, das Sämige. Demnach müsste der Sandler ja Seimer heißen.

Wie so Vieles hat der Sandler seinen Ursprung im Rotwelschen, wo mit „Sand“ die Läuse bezeichnet werden. Sandig sein bedeutete Ungeziefer zu haben, angesandelt zu sein, Läuse zu haben. Zandik, Sandig bezeichnet im Neuhebräischen den Gevatter. Im Rotwelschen nahm das Wort die Bedeutung Parasit, Mitwisser an, der etwas von der Beute verlangte und erpreßte, synonym mit Blutsauger. Der Sandler ist also der von Läusen befallene, hygienisch unterversorgte Mensch.

Ist das so weit weg von uns? Nein. Die Wiener Alltagssprache kennt das Wort „ansandeln“, soviel wie anstecken für den Infektionsvorgang durch Niesen und Husten.

Gesundheit!


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