Dinge, die genau dann ausgehen, wenn man sie gerade braucht

„Die Arbeit geht aus, wer geht mit?“ Der Spruch war in die Pulte von Gymnasialtischen geritzt, in die Bankreihen des Audimax, er wurde mit Kugelschreiber auf Mädchenjeans gemalt und prangte von den Klotüren der Studenten-Lokale. Irgendwann titelte Doppeldoktor, Club-Zwei-Moderator und Journalisten-Gewerkschafter Günther Nenning damit, in seinem Hausorgan, der legendären Diskursgazette FORVM. Vielleicht war es auch umgekehrt, so genau weiß man das nicht mehr. Die Mikrogedichte (heute würde man sie „Meme“ nennen) zirkulierten in den Siebziger- und Achtzigerjahren, einer Zeit poetischer Zügellosigkeit. Dem, was der kalifornische „Summer of Love“ des Jahres 1967, der Höhepunkt der Hippiebewegung ins graue Österreich gespült hatte. Der Scherzspruch reihte sich ein in ein ganzes Universum an launigen Einzeilern, die da kalauerten: „Lieber arm dran als Arm ab“, „Keine Macht für Niemand!“, „Lieber krank feiern als gesund arbeiten.“ Mit der beliebtsten Feriendestination der Zeit spielte „Ouzo statt Juso.“ Die Studentensprüche stammten aus der linken und autonomen Szene der sogenannten „Spontis“. Die hielten die „Spontaneität der Massen“ für das legitime revolutionäre Element der Geschichte.

Als ältester und weitest verbreiteter Spruch darf der Antikriegsslogan „Make love, not war“ gelten, Anfang 1965 von radikalen Aktivisten in Berkeley, Kalifornien in die Welt gesetzt, wahrscheinlich aber nur vom politischen Theoretiker Herbert Marcuse geklaut. Wer den dazu passende Spontispruch „Schreiben ist Silber, kupfern ist Gold“ ersann, harrt noch der Erforschung.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 8. August 2026.

Der österreichische Schmerz

Die Freunde dunkler Pädaogik gefielen sich zuletzt in der Affirmation der „gesunden Watsche“, einem pädagogischen Relikt aus unschönen Zeiten. Schmerz als Strafe möge motivierend wirken, ist der falsche Gedanke dahinter. Der Gitarrelehrer der Autorin war noch in den Siebzigerjahren stolz darauf, als Volksschulkind vom Philosophen Ludwig Wittgenstein persönliche eine Ohrfeige erhalten zu haben. Schmerz und Demütigung tauschte er gegen die anektdotische Prominenz der Tortur ein. Die Vermischung von Schmerz und Erinnerung reicht weit in die Geschichte zurück. Dorfgrenzen wurden noch in jüngster Vergangenheit mit Milchbärten begangen. An den Grenzsteinen wurden den Knaben feste Maulschellen verpasst. Die Erinnerung an den Ort des Schmerzes sollten sie ihr Lebtag nicht vergessen.

Das Wort Zeuge, unverdächtig jeder Schmerzerfahrung kommt direkt aus dem Mittelalter. Der Brauch der sogenannten „Zeugenziehung“ ist unter anderem im bairischen Recht, der Lex Baiwariorum aus dem 8. Jahrhundert belegt. Etymologisch leitet sich der Rechtsbegriff „Zeuge“ vom Verb „ziehen“ ab. Wer wurde gezogen? Und wohin? Der meist männliche Zeuge vor Gericht, und zwar schmerzhaft, am Ohr.

Auch wenn den Befürwortern der österreichischen Ohrfeige diese Zusammenhänge weitgehend unbekannt sind, stellen sie sich doch in eine Tradition, die Schmerz mit Erkenntnis verbinden wollen. Die Medizin im Land tut sich schwer mit Schmerzvermeidung. Wohl und Weh werden für Geschwister gehalten. „Au Backe“, würden die Floskeljongleure sagen, die beiden sind nur in Österreichs Hinterzimmern noch innige Verwandte.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 26. Juli 2026.

Sommer 2026

Wenn alle Stricke reißen, häng’ ich mich auf, hören wir aus der Tiefe der Sprachwitzkiste den großen Österreich-Versteher Johann Nestroy sagen. Es kann also nichts passieren, wenn was passiert. In Sachen Apokalypse hat die österreichische Seele eine erprobte Befindlichkeit entwickelt, die der wohlwollenden Ignoranz. Tritt das Unvermeidliche ein, hat man es immer schon gewusst. Ereignet sich nichts vom Prognostizierten, Befürchteten, in Kassasandrarufen Angekündigten, fühlen sich die gelernten Österreich bestärkt im gültigen Geheimnis: „Guad is ‘gangen, nix is g’schehn“.

Dem widerspricht die Vorsicht. Sie meldet sich im Österreichfall sogleich zu Wort und rät dazu, die Dinge nicht zu verschreien (die Sportkommentaristik hält sich nicht daran), und statt zu verzagen, vorzudenken, nachzudenken, oder überhaupt zu denken, lieber den „Sand in den Kopf zu stecken“. Wenn das auch nicht hilft, ist Binnen-Migration ein Mittel der Wahl, denn „wenn die Welt untergeht, dann gehe man nach Wien. Dort passiert alles zehn Jahre später.“ Dieser alte Witz wird, wie der verdiente Zitateforscher Gerald Krieghofer belegte, irrtümlich Karl Kraus, Gustav Mahler und in einigen Varianten auch Bismarck, Hegel, Heinrich Heine, Abraham Lincoln und Mark Twain zugeschrieben. Dass indes auch falsche Zitate richtige Weisheiten transportieren, wurde schon von Konfuzius, Kaiser Barbarossa und dem Graf von Saint Germain erkannt. Wenn es heiß ist, und das ist es in diesem Sommer, wenn die Durstlöschung prioritär ist, dann gilt jedenfalls Edmund „Mundl“ Sackbauers ewige Erkenntnis: „Mei Bier is ned deppat!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 11. Juli 2026.

Heiß

Der Klimawandel, ob geleugnet oder nicht, hat die Temperaturgrenzen verschoben. Nach Norden. Nachhaltig, könnte man sagen, wäre das Wort nicht so positiv besetzt. Ja, frühere Zeiten kannten auch Hitzewellen, Dürren, und den flirrenden Hochsommer (wann immer er sich einstellte). Ja, in der Stadt und am flachen Land war es auch früher heißer als in den Tälern und weiter oben. Ja, Südtirol war auch damals schon wärmer als Tirol nördlich des Brenners. Dass aber Bozen als Italiens heißeste Stadt gilt, hat sich nicht in die romantische Erzählung von der guten alten Zeit des größeren Österreich eingeschrieben. Die Sommerfrische, einst den Betuchten und ihren Familien vorbehalten, war ein gängiger Modus, der Hitze der großen Städte zu entkommen. Auch damals schon, als alles noch im Lot war an der Quecksilbersäule. Ans Meer fuhr man damals der guten Luft wegen, nicht um dort in der Mittagssonne zu rösten.

Es ist heiß, darf man sagen, sehr heiß. Wieder einmal. Der menschengemachte Temperaturanstieg wird von Unwetterkatastrophen und großflächigen Bränden begleitet. Nicht im fernen Malibu, nicht im zigarettenverliebten Griechenland. Nein, hier. Bei uns. Die Debatte um die Ursache verläuft nicht entlang wissenschaftlich argumentierbarer Sachverhalte, sondern wird von moralischen Befindlichkeiten bestimmt. Von der Angst, den geliebten Benziner zu verlieren, das Wasser für den Pool nicht mehr einlassen zu dürfen, oder die Wintersaison an die Mountainbiker zu verlieren.

„Jedermann“ schallt es aus der Höhe ob Salzburg. „Jederhitze“ möchte das Publikum antworten.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Juni 2026.

Stifte von Welt

Stift Admont hat die größte Bibliothek, Stift Klosterneuburg die schönste Gründungslegende (die mit dem Schleier), Stift Heiligenkreuz beherbergt die Grablege der Babenberger, und das Wiener Schottenstift hat die prominentesten Maturanten. Das Stift Kremsmünster hat 1817 in Sichtweite der Brüder den Vermessungs-Nullpunkt für Oberösterreich und Salzburg festgelegt, und das Stift Sankt Peter (die Archiabbatia sancti Petri Salisburgensis) ist überhaupt das älteste bestehende Kloster im deutschen Sprachraum, 696 vom heiligen Rupert gegründet. Da schrieben Lateinschüler, Scholaren und die Mönche in den Schreibstuben noch mit Gänsekiel und selbergemachter Tinte. Potentaten waren des Schreibens und Lesens unkundig. Für Vertragshermeneutik waren Mönche zuständig, und falls sie Profane waren, Kanzlisten und Schreiber. Die Dorfgrenzen wurden regelmäßig mit jungen Burschen abgegangen. An den Grenzsteinen wurden ihnen feste Watschen runtergehauen, damit sie ihr Lebtag Ort und Lage im Gedächtnis behielten.

Lebendige Erinnerung verbindet sich mit unseren ersten schulischen Schreibversuchen. Das Alphabet, die Großbuchstaben, die Kleinbuchstaben. Die ersten Worte – vier Buchstaben hatten sie: MIMI, MAMA, SUSI, TIMI. Ältere Semster erinnern sich noch an Tintenkleckse, Löschblätter, den verbotenen, nach Chlor riechenden Tintentod, und die Verteufelung des Kugelschreibers.

Die „Digital Natives“ der Generatuoin Z, mit Smartphones, Internet und Social Media aufgewachsen, werden sich einst weniger an Stifte und ihre Besonderheiten erinnern, als an Handymodelle, Ladezeiten und Apps.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Juni 2026.

Eiskarte 2026

Österreich hatte es niemals leicht. Nicht einmal sehr leicht. In allen Belangen der Vorbildlichkeit war es immer auf andere angewiesen. Schönbrunn war das kleinere Versailles, Groß-Deutschland die braunere Nation, die Schweizer hatten die bessere Neutralität. In kulturellen Belangen hat sich Nachkriegs-Amerika als Vorbild etabliert. Rock und Pop trällern auf US-Englisch, Business wird in der Lingo der Wallstreet betrieben, statt Direktoren sitzen CEOs in den Chefetagen, Bürohengste heißen längst Project Manager. Nur der Dompfarrer heißt noch so, wenngleich seine Attitude eher auf dem Felde der Californication grast.

Die letzte Bastion der Einheimischkeit war lange Zeit das Wetter. Mit den Ubers (früher sagte man Taxi) kommen die PAXe (früher sagte man Fluggäste) in die Airbnbs (früher sagte man Urlaubsquartier). Ihr erste Griff gilt der Remote Control der Air Condition (früher machte man das Fenster auf). Eine Klimaanlage ist längst kein Unique Selling Point mehr, sondern Imperative Must-Have in der Hospitality Industry (früher sagte man Gastgewerbe). Eisgekühltes wohnt jetzt nicht mehr in der Eistruhe beim Schnitzelwirt, sondern springt uns aus den Menus der Lokale entgegen (früher sagte man Getränkekarten). Statt Eiskaffee bestellen wir Frappuccino, Matcha Iced Latte, Mocktail on the rocks, Iced Americano, Cold Brew. Hinter den Tresen der Bars klunkern die Cubes aus den Ice-Makers.

Fehlt noch, dass die Temperaturen im Lande amerikanisch angesagt werden. Statt Hitzewellen werden wir von Heat Domes hören: „Temperatures für Saltcastle erreichen 100 Grad Fahrenheit. Southern Styermark stöhnt bei 110 Degrees.“ Barbecue Time!

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 30. Mai 2026.

Song-Contest-Gewinner der Herzen

Die größte Show der Welt hat bald ihren wirklichen Sieger, ihre wirkliche Siegerin. Mit größter Wahrscheinlickeit wird es nicht der Mann mit dem blauen Auge sein. Die Wahl eines chancenlosen Teilnehmers hat Gründe, die untief verborgen in der Pragmatik der Ökonomie liegen. Zwei Song-Conteste hintereinander auszutragen überstiege auch die Ressourcen des Geldspeichers Küniglberg. Gastronomie und Hotellerie des Landes würde sich nicht verweigern. Unbesehen darf die Veranstaltung trotz modernen Ambientes und genderfluider Gestion zum Genre des lupenreinen Kitsches gezählt werden, wäre nicht der Einwand zu erheben, dass Lupenreineheit und Kitsch einander ausschließen. Strass zählt noch nicht zu den Edelsteinen. Bunt wird der lange Abend gewesen sein und schrill, die beiden Hauptkomponenten jeher Kulturbefindlichkeit, die „Camp“ genannt wurde, bevor die Regenbogenfraktion die Sache übernahm. Ältere Semester wie die Autorin trauern Gigliola Cinquetti nach, die 1964 „Non ho l’età (per amarti)“ (Ich bin nicht alt genug, dich zu lieben) sang, und Udo Nazionale, der 1966 zu „Merci, Chérie“ (Danke, Liebling) klimperte. Die Schwedenkehlen ABBA eroberten 1974 sämtliche Herzen mit „Waterloo“, der wahre Italiener Salvatore „Toto“ Cutugno 1992 mit „Insieme“ (Zusammen). Die Geisterbahnrocker Lordi, 2006 mit „Hard Rock Hallelujah“ am Siegertreppchen, blieben in ewiger Erinnerung dessen, was alles geht auf dem Fest der Feste. Sie ebneten den Weg für Bartwunder Conchita und Countertenor-Bübchen Johannes „JJ“ Pietsch. Die Formel „L’Autriche, douze points, Austria, twelve points“ bewohnt seither Schnitzellands Herzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 16. Mai 2026.

Frühlingsfarben 2026

Vom Herbst sagt man überschwänglich, er sei ein Maler. Das ist eine Zuschreibung, die völlig verkennt, dass der eigentliche Künstler, der Farbenartist unter den Jahreszeiten der Frühling ist. Er ist mit dem eiermalenden Osterhasen im Bunde, den Designern von Radfahrbekleidung und mit der internationalen Schirmkappenindustrie.

Der Färbelgigant Pantone und sein selbsternanntes Farb-Institut kürt seit einem Vierteljahrundert einen Farbton zur Farbe des Jahres. Die Auswahl soll Modefirmen, Influencern und uns, dem Proletariat in der Ästehetikkette als Inspiration dienen. Bestimmt wird die Farbe von einem zehnköpfigen Team anonymer Coloristen aus der Designfuzziszene. In sogenannten „mood boards“, Paletten aus Stofffetzen, Screenshots und ausgerissenen Anzeigen aus Modemagazinen wird eine prognostische Auswahl erstellt, aus der die Farbe des Jahres (und gleich auch auch ihre Bezeichnung) gewählt wird. So kamen die Allerweltsfarben Fuchsia Rose (2001), Aqua Sky (2003), Sand Dollar (2006) in die Welt, Chili Pepper (2007), Tangerine Tango (2012) und Radiant Orchid (2014), Living Coral (2019), Ultimate Grey (2021) und Peach Fuzz (2024), und letztes Jahr: „Mocha Mousse“. Als Jahresfarbe 2026 wurde „Cloud Dancer“ verkündet, ein sanft-luftiges Cremigweiß, von dem uns der Pantone-Sowjet Ruhe, Klarheit, Leichtigkeit und einen Neuanfang verspricht. Der vielseitige Weißton soll in einer lauten Welt beruhigend wirken, und als Basis für Kreativität und emotionale Ausgeglichenheit dienen. Hossa!

Den Haushalten Österreichs ist „Cloud Dancer“ bestens bekannt. Es ist jenes fahle Hochnebelgrau, das weiße Handtücher, Tennissocken und Unterwäsche annehmen, wenn ein schwarzer Socken mitgewaschen wurde.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. Mai 2026.

Heimat essen

Ein harmloser Witz geht so: „Welches ist des Österreichers Lieblingsgericht?“ Kurze Antwort: „Das Bezirksgericht.“ Die humorbestimmende Semantik des Kalauers offenbar zwei Wahrheiten. Eine bezieht sich auf die Geheimnisse der österreichischen Zunge, sedimentiert in der lateinischen Floskel „de gustibus non est disputandum“, soviel wie „über die Geschmäcker lässt sich nicht streiten“. Der Österreichfall (er tritt immer ein) zieht nach sich, dass Speisekarten in österreichischen Wirtshäusern und Gaststätten stets die Klassiker „Wiener Schnitzel“, „Schweinsbraten mit Knödel“, und „Gulasch“ vorrätig halten, im Selbstverzwergungsfall „Würstel mit Senf“, und den Kaffeehausschlager „Schinken-Käste-Toast“. Lokale mit „Eleganzanspruch prunkten einst mit dem „Toast Hawaii“.

Die andere Obsession der Österreicher (Österreicherinnen sind immer mitgemeint) ergötzt sich im Faible für das Justizielle. Eskalationen im Nachbarschaftlichen, Familienzwist und sonstige Kalamitäten werden gerne vor Gericht ausgetragen. Egal, ob man der Rechtssprechung traut, oder nicht, gehört doch zum Streiten immer nur einer.

Beide Bestandteile des oben angeführten Witzes, der kulinarische wie der rechtliche haben sich auch in die Passivität geflüchtet. Spezifische Kochsendungen, mit oder ohne Heimaterkundung, sowie die Beobachtung von Gerichtsanhängigkeiten sind beliebte Fernsehformate.

Was noch fehlt? Eine Mischkulanz aus beiden – die Kochsendung vor Gericht. Als erstes Thema böte sich das Verbot des bereits erwähnten „Toast Hawaii“ an. Mitsamt anwaltlicher Dispute, Unmut der Gerichtskiebitze und unerwartetem Urteil.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 18. April 2026.

Ostern

Ostern ist das das höchste christliche Fest. Dabei wird der Frohbotschaft von der Auferstehung Jesu Christi, des Gottesohnes gedacht, nach biblischem Bericht am dritten Tage nach dem Kreuzestod. Ostern wird am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond begangen, lateinisch heißt der Feiertag Dominica paschæ in resurrectione Domini, frühestens schreibt er sich am 22. März in den Kalender, und spätestens am 25. April, diesmal am 5. April. Der Ostersonntag ist der ranghöchste Feiertag im Kirchenjahr, auch für Areligiöse kann er Symbol dafür dienen, wie nahe die Katastrophe und eine erlösende gute Nachricht liegen.

Weithin außerhalb des religiösen Kontextes, aber in intensiver Österreichischkeit herrscht der Brauch, Kindern kleine Geschenke zu verstecken. Als Urheber wird dabei der Osterhase genannt. Ein freundlicher Gesell, fleißig, was seine Produkte betrifft: Bunte Eier, eigenhändig bemalt, in Nester gelegt und im Frühlingsgarten verteilt. Was seine Unsichtbarkeit betrifft, ist man versucht, an den Hasen „Harvey“ zu denken, den 2,10 Meter großen immaginären Freund des liebenswert-schrulligen und zu allen unerschütterlich freundlichen Elwood P. Dowd. Im Hollywoodstreifen aus dem Jahre 1950 wird Harveys Kumpel überwirklich dargestellt vom amerikanischen Jedermann James Stewart. Stundenlang ziehen Elwood und Phatasiehase Harvey durch die Stadt, um in „Charley’s Bar“ fremde Leute auf ein Glas einzuladen.

Kindern braucht niemand die Existenz eines unsichtbaren Freundes zu erklären. Wir Erwachsene wünschen uns manchmal einen treuen Berater, der mit uns durch die Welt geht und an das Gute glaubt.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. April 2026.

Ost ern

Der Osterhase, ein Westler mit Ostbezug ist ein freundlicher Gesell. Fleißig, wenn auch nur im Lenz, farbenfroh, was seine Produkte betrifft: Bunte Eier, eigenhändig bemalt, in Nester gelegt und im Frühlingsgarten versteckt. Was seine Unsichtbarkeit betrifft, ist man versucht, an den Hasen „Harvey“ zu denken, den 2,10 Meter großen immaginären Freund des liebenswert-schrulligen und zu allen unerschütterlich freundlichen Elwood P. Dowd. Im Hollywoodstreifen aus dem Jahre 1950 wird Harveys Kumpel überwirklich dargestellt vom amerikanischen Jedermann James Stewart. Stundenlang ziehen Elwood und Phatasiehase Harvey durch die Stadt, um in „Charley’s Bar“ fremde Leute auf ein Glas einzuladen. Die Sache bleibt nicht ohne eskalierende Konsequenzen. Die Grenzen zwischen „daneben“ und „entrückt“ verschwimmen.

Als momentane Harveyfreunde amtieren ein gewisser Donald Trump, sein neurodivergenter Präsidentenbuddy Wladimir Putin und die iranischen Mullahs. Noch ist nicht klar, ob die drei den selben Harvey haben. Ob der Unsichtbare von Trump größer ist als jener von Putin, und ob der iranische Turban trägt. Ob sie die Eier selbst lackieren, oder nur lackieren lassen, wird die Geschichte klären. Wenn auch nicht jetzt, und auch nicht zu Lebzeiten der Protagonisten. Im ukrainischen Fall dauert Ostern jetzt schon ein paar Jahre. Die Menschen in Ayatollahland gewöhnen sich erst an die Eier. Die Israelis haben schon Erfahrung mit den Flugeiern. Was die unsichtbaren Harveys ihren Freunden ins Ohr flüstern, bleibt unserer Vorstellung überlassen. Vermutlich Affirmatives wie: „Karascho, Vladi“. „Leg nach, Donald!“ und „Hopp hopp, Chamenei!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. April 2026. Nicht erschienene Version.

Die österreichische Erleuchtung

Hell und klar strahlt Österreich im Abglanz seiner Geschichte. Es sonnt sich im Bild, das Fremdenverkehr und Schulbücher von seinen Möglichkeiten zeichnen. Alle lieben Österreich, das lichtdurchflutete Zauberland im Herzen Europas. Heftig lieben es die Österreicher selbst (die Österreicherinnen sind mitgemeint), die Profiteure dieser Wanderlüge. Insbesondere die Hoteliers, die Liftbesitzer, die Festbühnenbetreiber.

Wo Licht ist, ist auch Schatten, sagen die Auskenner, und im Österreichfall habe sie ganz und gar recht. Ungefragt und immerdar. Geschichtlich geübt im Verdunkeln und Verschleiern scheitert Schnitzelland, wann immer es gilt, Licht in eine Sache zu bringen. Die Sache ist immer eine Österreichsache. Gemäß seiner Funktion als Versuchsstation des Weltuntergangs hat das Land der Berge jedes Unglück entweder erfunden oder zur Produktionsreife gebracht. Jedes denkbare, und wie wir inzwischen wissen, sogar jedes undenkbare.

Die Optimisten sehen das naturgemäß anders, und sie schrauben ihre schwache Birne in die Lampenfassung der Erkenntnis. Die Pessimisten, erfahren im Widerspruch, erprobt im Rechtbehalten überführen ihre Diskurspartner von der Gegenseite des Irrtums, der Selbsttäuschung. Österreich ist Dunkelland, sagen sie mit leiser Stimme. Jeder Versuch, sein Innerstes zu erhellen muss scheitern. Wir erinnern an den Dunkelforscher Helmut Qualtinger, der uns den Leitfaden für diesen Befund gesponnen hat. Österreich, so der Kobuk, sei jenes Labyrinth, in dem sich alle auskennen. Die Pessimisten eindeutig besser. Sie sind die Sehenden unter den Blinden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. März 2026.

Im persischen Garten

Was geht es uns an, heißt es, wenn die Nachrichten aus dem Iran kommen, spärlich, zeitverzögert, verstörend, unglaublich. Der Iran, heißt es am Stammtisch und in der Postingmanege, ist weit weg, ganz weit weg, ist uns fremd. Wir hier in Schnitzelland haben keinen Bezug zu diesen Leuten. Gemeint sind da wohl die Bösewichte mit den Mullahbärten, die tiefverschleierten Sittenwächterinnen, die Schlägertrupps auf ihren Mopeds, die krawattenlosen Hardliner mit ihren grauen Gesichtern. Die sind uns allzu fremd. Die anderen, die Ermordeten, die Geschändeten, die von den Baukränen Hängenden, die Vergewaltigten und Hingerichteten, das sind die, uns nahe sein sollten, und vielen auch nahe sind. Ihre Verwandten und Freundinnen und Freunde leben hier. In der Diaspora, im Exil. In ständiger Angst um die Zurückgelassenen. Und in fortwährender Verstörung. Sie leben hier bei uns, weil sie Teil des Westens sind und immer Teil des Westen waren. Orientalische Westler und westliche Orientalen, wenn man das so flapsig sagen möchte.

Die Iraner·innen haben keinen Humor, jedenfalls nicht unseren, heißt es dann. Stimmt doch garnicht, antworten die Fans von Michael Niavarani und Aida Loos. Sie singen seltsam und tanzen anders. Stimmt doch garnicht, ruft uns Freddie Mercury aka Farrokh Bulsara von seinen Platten und aus seinen Videos zu.

Perserinnern und Perser, Iranerinnen und Iraner sind Leute wie wir. Sie sind nicht weit weg. Auch wenn wir das glauben sollen. Hoffen wir, dass Ihnen der Krieg des Donald Trump bessere Zeiten bringt und nicht nur neues Leid.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. März 2026.

Schön war’s

Noch schmerzen die Füße vom allerletzten Tanz, klingeln die Ohren vom Humpta der Ballkapelle. Nach dem Kehraus stieg Österreich aus den Kostümen, schüttelte den Flitter aus dem Haar, und staubte das Konfetti von den Schultern. Die fünfte Jahreszeit senkte ihr Haupt in einen Polster aus Fremdscham und Wehmut. Es vorbei und das ist gut so. Die närrischen Tage haben alles konsumiert. Die Lust auf Laune, die Unbeschwertheit der Grenzauslotung, die Eskalation des Gesamtzusammenhangs. Alles wurde gesagt. Vielleicht sogar von allen. Auch die Unkatholischen und Areligiösen finden sich in der Wirklichkeit wieder. Die Häuslwitze des Villacher Faschings, die Büttenscherze des Mainzer Karneval haben ihre Schuldigkeit getan, die da war, die jeweils beliebteste Fernsehsendung des Jahres zu besichern, Nabelschau zu sein, Innensicht, Tiefenreinigung. Nationale Gruppenverzwergung.

Stabile Beobachter wollten das alles nicht so genau wissen. Alle anderen werden sich nicht mehr erinnern können. Da war doch was! Aber was? Fasching ist der große Bruder der Firmenfeier. Was dort nicht passierte, wurde jetzt nachgeholt. Richtiges wurde von Falschem ausradiert, Falsches von Richtigem.

Denen, die Gefallen am schlichten Großspaß hatten, wägen ihn gegen das Brummen im Schädel ab. Photographische Evidenzen werden Geschehens berichten, aber keinen Zusammenhang mit der Erinnerung herstellen. Das Feld der Lustigkeit beackern wieder Comedians (Deutschland) und Kabarettisten (Österreich). Aus Spaß wurde Ernst, sagen die Zyniker·innen, denn Ernst ist jetzt wahlberechtigt.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Februar 2026.

Unterschungsausschüsse, die fehlen

Untersuchungsausschuss ist, wenn alle ahnen, was passiert ist, aber niemand was weiß. Mit „niemand“ ist die Öffentlicheit gemeint und ihre medialen Lieferanten. Nicht selten dient der Untersuchungsausschuss aber der Kanalisierung von politischem Unmut. Über den Gegner im gesellschaftlichen Diskurs, über den Partner in der Koalition. Dann entfalten sich sämtliche Mechanismen eines Rosenkriegs. Befragungen werden anberaumt, Dokumente und Akten herbeigeschafft. „Wer vorbereitet wen“ ist die Frage, die außerhalb der Untersuchung gestellt wird. Die Antwort dazu würde viele Rätsel lösen. Wenn aber die Vorbereiter selbst aus dem Weg fallen, durch eigenes Stolpern oder durch fremde Hand, wird der Untersuchungsgegenstand zur Möbisusschleife. Freunde der topologischen Spielereien kennen den Streifen, der an einem Ende verdreht ans andere geklebt wird. Dieser Gegenstand hat nur eine Seite. Selbst, wenn die Wahrnehmung anderes vorschlägt. Um die Öffentlichkeit vollends zu verwirren, wird den Teilnehmern des Untersuchungsausschusses Personal vorgeführt, dass zu allen Vorgängen und Zusammenhängen Wahrnehmungen hatte, nur nicht zu den relevanten. Akribische Akteure erinnern sich an nichts mehr, herbeigeschaffte Akten sind an den interessanten Stellen geschwärzt. In Summe ist das so lohnend wie die Lektüre eines fesselnden Kriminalroman, aus dem die letzten Seiten herausgerissen wurden. Im Wissen um das fehlende Ende lesen wir dennoch jede Seite mit größtem Genuss. Vielleicht steht ja zwischen den Zeilen das Eigentliche.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 7. Februar 2026.

Die österreichische Hand

Es war eisglatt, finster und schneeverweht, fast wie heute, damals in den 80erjahren. Die Autorin dieser Kolumne studierte auf der Wiener Kunstakademie. Einem Institut von blendendem Ruf, aber breiten Gehsteigen. Sie waren nicht alle und nicht immer gestreut. Wenn wir zum Würstelstand bei der Sezession rutschen, konnte es schon passieren, dass ein zu flotter Schritt in einer Wiener Schneewächte endete. „Dr Hand always helps“, sagte mein Kollege und Würstelstandgefährte dann, „Dr. Hand hilft immer.“ Er streckte mir seine Rechte entgegen, und half mir auf. Dann rochen wir beide nach Firnis, dem Duft der Akademie. Der Spruch hätte gut in einen New-Wave-Song der Zeit gepasst. Dr. Hand half, wo sie konnte. Ohne großen Genderaufwand kann die Hand als hilfreiche Dame indentifiziert werden, selbst wenn ein Männerarm sie lenkt.

Im Falle kommunaler Hilfestellungen sprechen wir von der „Öffentlichen Hand“. Damit ist der Bund gemeint, das Land oder die Gemeinde. Ist die öffentliche Hand eine Linke oder eine Rechte? Wir wissen es nicht. Und auch nicht, ob sie als Gliedmaßenpaar gibt. Niemals hat jemand von „den öffentlichen Händen gesprochen“. Die öffentliche Hand ist offenbar alleine. Und sehr österreichisch. Und trotzt ihrer Österreichischkeit existiert ihr Gegenteil nicht, jedenfalls sprachlich nicht, denn weder die „private Hand“, noch der „öffentlicher Fuß“ oder dessen privates Gegenüber finden je Erwähnung. Wieviele Finger die öffentliche Hand hat, ist auch unbekannt.

Schreiben aber kann die öffentliche Hand. Nicht selten freundliche, aber bestimmte Ablehnungen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 24. Jänner 2026.

Neues Jahr – Neue Werkzeuge

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Gebrauch von Werkzeugen. Die Ansicht war lange und weit verbreitet, bis die Biologie intelligenten Gebrauch von Hilfsmitteln auch bei diversen Säugetieren, bei Krähen und anderen Vögeln studierten. Stimmt nicht, ich habe zwei linke Hände, entgegnen jetzt Betroffene aus dem Publikum, sie könnten jederzeit den Gegenbeweis erbringen. Auch die Unfallchirurgien landauf landab sprechen dem Menschen, meist dem männlichen, den intelligenten Gebrauch von Werkzeugen ab. Das ist ganz und gar ungerecht, denn die Heerschar der Unbeholfen, österreichisch der „Patscherten“ trägt keine Schuld am falschen Gebrauch von Geräten, Instrumenten und Utensilien. Die Werkzeuge selbst sind es, die fehlerhaft funktionieren. Apparate und Maschinen versagen, nicht der bedienende Mensch! Geschicklichkeit und Behändigkeit werden überbewertet.

Wie in der Computer-Industrie muss auch beim Anwenden von Schraubenziehern, Zangen, Sägen und Hämmern, erst recht in der Bedienung von Bohrmaschinen, Stichsägen und Winkelschleifern vom DAU ausgegangen werden, vom Dümmsten Anzunehmenden User. Dass diesem der DAK, der Dümmste Anzunehmende Konstrukteur, und in allen Fragen der Software der DAP, der Dümmste Anzunehmende Programmierer gegenüberstehen, darf und muss an dieser Stelle in Evidenz gerufen werden. Alle, die je versucht haben, sich für das Verzweiflungsspiel „ID Austria“ anzumelden, Österreichs elektronischem Identitätsnachweis für den digitalen Zugang zu Behörden, werden dem vorbehaltlos zustimmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Jänner 2026.

Silvester

Der Jahreswechsel naht im Sauseschritt und mit ihm das Runterzählen der Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Sobald das große Krachen und der Raketenregen beginnen, jaulen die Hunde auf und verstecken sich unter den Tischen und Sofas. Die Traumatisierten aus realen Bombennächten halten sich Ohren, Augen und Herzen zu. Der Rest, die große feiernde Mehrheit aber schmeißt sich mit großem und gut geübtem Elan dem Neuen Jahr entgegen, wiegt sich und allfällige Anwesende im Donauwalzer, köpft die Sektflaschen und sprudelt die Glaskelche voll. 2026 wird dann noch unschuldig sein, ohne neue Erlebnisse, schwanger mit den alten. Die Luft in den ersten Minuten des Neuen Jahrs aber wird schon bald sehr würzig riechen, nach bengalischem Schwefelrauch aus Raketen und Funkenspritzern.

Tatsächlich dauert der Einzug des Neuen Jahres ganze 24 Stunden. Seit nunmehr dreissig Jahren beginnt er in der Zeitzone UTC+14, bereits am 31. Dezember elf Uhr unserer Zeit – auf den 33 Korallenatollen Kiribatis. Wer es also den Einwohnern der zentralpazifischen Inselrepublik gleichtun möchte, begeht den Jahreswechsel schon mit einem spätmorgendlichen Palmweinfrühstück. Feinspitze nehmen dazu Palusami zu sich, mit Kokoscreme gebackene Taroblätter, das Nationalgericht von Kiribati. Oder Beachside Fish Fry, marinierten und frittierten Mahi-Mahi, hierzulande als Große Goldmakrele beannt.

Der Klimawandel, fern von Kiribati, hier bei uns erzeugt, wird dem Paradies übrigens bis zum Ende des Jahrhunderts den Untergang bescheren. Zeit für gute Vorsätze also.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Dezember 2025.

Frohe Weihnachten

Alles dreht sich um die Familie. Die Familie ist das ein und alles. Kein Fest „kann mehr Familie“, als Weihnachten. Besonders familiär geht es an den Punschständen des Landes zu. Einkaufsgestresste, von Betriebsweihnachtsfeiern und Jahresabschlüssen Gehetzte finden Trost und Einkehr an der wärmenden Mutterhütte. Es dampft der Jagatee, es knistern die Maroni, es köchelt die Gulaschsuppe. Nach eineinhalb Bechern rumgetränkter Würzmischung werden die Zufallsbekanntschaften zu Familienmitgliedern. Griassdi, i bin da Franz, seawas, i die Samantha. Gemeinsames Stehen im Lichterkettenschein macht glücklich und müde. Betroffenheit weicht Besoffenheit, der Alltag fällt vor die Füße, schmilzt dahin im salzigen Matsch. Es ist Zeit, die Geschenke zu besorgen, sie heimlich zu verpacken und unheimlich zu verstecken. Um den großen Heiligen Abend anzusteuern, an dem sich alles entlädt, was das Jahr vor sich hergeschoben hat. Mut und Unmut, Freude und Leid. Die Krippe (so es eine gibt) erzählt die ewige Geschichte von der Heiligen Familie. Sie darf und muss im Schoß der Kernfamilie erzählt werden. Als Kulisse für das Märchen von der heilen heiligen Welt dienen der kugelbehängte Lichterbaum (auch wenn die Leuchtkerzen aus China kommen), der Geschenkeberg (auch wenn er klein ist, und nachher die Hälfte umgetauscht wird). Engste Familienmitglieder erzählen einander von früher. Als alles besser war. Vater, Mutter, Kinderschar. Herkunft ist indes nicht alles. Gehören wird doch längst zu anderen Familien. Familie Google, Familie Amazon, Familie Facebook, Familie YouPorn, Familie Netflix.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Dezember 2025.

Advent

Als ich ein Kind war, im Nonneninternat der Schulschwestern verdingt, war alles katholisch. Die Gespräche, deren Inhalte, die Geschichten, die von Bestrafung, Sünden, Vergebung und Heil handelten. Sogar das Denken war unter Beobachtung gestellt. Sobald die Nächte länger wurden, die Welt dunkler, tat sich Hoffnung auf. Weihnachten! Der Geschenkeflug des Christkinds. Advent hieß die Zeit, in der wir eingestimmt wurden auf das edle Weihnachtsfest. Advent, erklärten die Schwestern, sei lateinisch und bedeute Ankunft. Und die einzige Ankunft, die es für sie gäbe, fände nicht am Bahnhof statt, sondern in den Herzen der Guten, sei die Ankunft des Herrn. Damit wir eine Vorstellung von der Länge des Wartens auf den Ankömmling hatten, ein vorfreudiges Hinsehnen, hatten sie einen riesigen Adventkranz aufgehängt. Über der Treppe des Eingangs. Alle Tannen Wiens hatte man aufgeboten, um ihn zu flechten, hieß es. Aus dem Wachs aller Bienen des Landes hatte man Kerzen gezogen. Kurz, nichts war schöner, edler, kostbarer, katholischer als der Weihnachtskranz in meiner Volksschule. Seine Lichter wurden von Engelshand entzündet. Nie sah ich sie brennen, denn Sonntags waren wir nicht in der Schule. Aber die angebrannten Dochte sahen wir, Beweis für das Fortschreiten der Ankunft! Nichts war katholischer als dieser enorme Adventkranz mit seinen drei roten Kerzen und der einen rosafarbenen.

Erst viel später sollte ich erfahren, dass der Adventkranz eine Erfindung war. 1839 in die Welt gebracht. Von einem evangelisch-lutherischen Theologen im evangelischen Hamburg. Der erste Kranz war übrigens ein Wagenrad.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. November 2025.

Österreichs wirkliche Kronjuwelen

Juwelen! Schon das Wort hat einen stolzen Klang. Einen schweren, wenn auch wohlklingenden Akkord aus Ehrwürdigkeit, glitzerndem Pathos und keckem Verbrechen. Fassadenkatze Cary Grant, emeritierter Juwelendieb steigt im Hitchcockkrimi über die nächtlichen Dächer von Nizza, um einen aktiven Kollegen zu überführen. Als Belohnung winkt das Herz der bestohlenen Grace Kelly, im wirklichen Leben bald wirkliche Prinzessin mit mehr Juwelen, als in allen Filmen zusammen. Weniger spektakulär, wenngleich politisch bedeutend verlief die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1918. Der Oberkämmerer der allerhöchsten Majestäten öffnete die Vitrine XIII der Wiener Schatzkammer und entnahm ihr diverse Klunker und Krönchen von zweifelhafter Schönheit aber überbordenem Prunk. Sie sollten dazu dienen, der flüchtenden Familie von Österreichs letztem Monarchen das Exil zu finanzieren. Dass der legendäre, goldgelb funkelnde Florentiner, einer der größten Diamanten der Welt Teil des Ausreisegepäcks war, wird geschmälert durch die Tatsache, dass der riesige Karbontropfen in eine Hutagraffe eingearbeitet war. Man möchte den damaligen Habsburgern heute noch nachrufen: Ein Glitzerkiesel dieses Formats hat nichts in einer Hutnadel zu suchen, nur eine Krone kann sein Leuchten fassen. Im kanadischen Bankschließfach leuchtet nun nichts mehr und den Habsburgern von heute riete man gerne an, sich mit der Republik zu verständigen und die Steine zurückzubringen. Sie kämen ohnedies wieder in Vitrine XIII der Schatzkammer. Die nur einen Zweck hat: Dem Haus Habsburg zu huldigen. Das muss genügen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. November 2025.

Novembermischung

Der Nebelmonat zieht mit drei ungleichen Feiertagen in den Jahresendspurt. Erst stürmt das keltisch-amerikanische Verkleidungsfest Halloween durch Kassenregale und Schulklassen – mit Kürbisallerlei und Kostümwirrwarr, dann dämpft uns die bedrohlich-vertraute Düsternis der Friedhöfe. Allerheiligen und Allerseelen sind die vorletzten Großkampftage der Blumenhändler (die letzten sind den Adventskränzen und Mistelzweigen vorbehalten!)

Die Bäume werfen ihr leuchtendes Laub ab, farbbegeisterte zücken Skizzenhefte und Buntstifte (oder das postingbereite Handy), aber allzugerne möchte man es den Platanen, Ahornen und Buchen gleichtun und Schlechterlebtes, Bedrückendes, Verwelktes abstoßen. Der Preis, den wir für dieses Unvermögen bezahlen, ist wertvoll und heißt Erfahrung. Melancholische Begabungen kehren in die Sicherheit der Innenschau zurück, sortieren Erinnerungen und Hoffnungen, Frohnaturen sammeln sich in der Geselligkeit.

Mit einiger Berechtigung darf der November als Zeit der Verwirklichung gelten, niemand stiehlt unerlaubt Energie, keine Weihnachtsfeier wimmert nach Aufmerksamkeit, der Jahresabschluss droht erst später. Die Wirtshäuser braten Martinigansln und dämpfen zungenfärbendes Rotkraut. Die Freund·innen des Stadtspaziergangs wärmen Hände und Geschmacksknospen an heißen Esskastanien vom Maronibrater, und salzig-knirschenden Erdäpfelscheiben. Verwegene suchen schon die ersten Glühweinstände auf, um sich ins Vergessen zu stürzen. Faschingsbeginn ist ausserdem, von findigen Kalenderartisten auf den 11.11. 11 Uhr 11 gelegt. Sekundenzähler fiebern der fünften elf entgegen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 1. November 2025.

Es gibt noch soviel Gutes zu schreiben – Peter Gnaiger in den SN über Andrea Maria Dusl

pdf –> 2025 Gnaiger: Andrea Maria Dusl – Es gibt noch so viel Gutes zu schreiben – SN 25. Okt. 2025.pdf

Die neuen Herbstfarben sind da

Wer „in der Wolle gefärbt“ ist, so das leicht angestaubte Sprichwort, sei „unverfälscht und überzeugungstreu, charakterlich zuverlässig“, neuerdings gar „durch und durch: echt“. Ein strammer Rechter etwa, ein unverbesserlicher Marxist, ein wirklicher Liberaler. Das klingt nach genetischer, zumindest aber nach politischer Disposition, will die Unumkehrbarkeit der persönlichen Prinzipien bezeichnen (und gelegentlich auch desavouieren). Dabei irrt das Sprichwort. „In der Wolle gefärbt“ beschrieb ursprünglich den Vorgang des Färbens der Wolle vor der Weiterverarbeitung zu Garn für den Webstuhl. Wurde die Wolle statt des fertigen Tuchs gefärbt, nahm sie die Farbe besser auf und galt als farbecht. Das Weben farblicher Muster, von Karo, Glencheck, Hahnentritt, oder der schottischen Tartanmuster wäre ohne das vorherige Färben der Wolle nicht möglich. Genausowenig wie die farbliche Opulenz orientalischer Teppiche.

Zurück zum Sprichwort. Wirkliche „Färbung in der Wolle“ würde die Naturfarbe des Vlieses bezeichnen und nur die Schattierungen zwischen Weiß, Grau, Braun und Schwarz umfassen. Der Färbevorgang, der das Sprichwort ursprünglich auslöste ist ein gänzlich künstlicher, selbst wenn er mit vorindustriellen Naturfarbstoffen vorgenommen wurde. Bleiben wir in der Metapher, ist jede ideologisch-politische Färbung immer eine künstlich vorgenommene, wenn auch nachhaltige, jedenfalls keine zufällige.

In den Webstuhl der Gesellschaft eingespannt sind damit auch wollgefärbte Fäden Teil eines komplexen Ganzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 18. Oktober 2025.