Neues Jahr – Neue Werkzeuge

Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Der Gebrauch von Werkzeugen. Die Ansicht war lange und weit verbreitet, bis die Biologie intelligenten Gebrauch von Hilfsmitteln auch bei diversen Säugetieren, bei Krähen und anderen Vögeln studierten. Stimmt nicht, ich habe zwei linke Hände, entgegnen jetzt Betroffene aus dem Publikum, sie könnten jederzeit den Gegenbeweis erbringen. Auch die Unfallchirurgien landauf landab sprechen dem Menschen, meist dem männlichen, den intelligenten Gebrauch von Werkzeugen ab. Das ist ganz und gar ungerecht, denn die Heerschar der Unbeholfen, österreichisch der „Patscherten“ trägt keine Schuld am falschen Gebrauch von Geräten, Instrumenten und Utensilien. Die Werkzeuge selbst sind es, die fehlerhaft funktionieren. Apparate und Maschinen versagen, nicht der bedienende Mensch! Geschicklichkeit und Behändigkeit werden überbewertet.

Wie in der Computer-Industrie muss auch beim Anwenden von Schraubenziehern, Zangen, Sägen und Hämmern, erst recht in der Bedienung von Bohrmaschinen, Stichsägen und Winkelschleifern vom DAU ausgegangen werden, vom Dümmsten Anzunehmenden User. Dass diesem der DAK, der Dümmste Anzunehmende Konstrukteur, und in allen Fragen der Software der DAP, der Dümmste Anzunehmende Programmierer gegenüberstehen, darf und muss an dieser Stelle in Evidenz gerufen werden. Alle, die je versucht haben, sich für das Verzweiflungsspiel „ID Austria“ anzumelden, Österreichs elektronischem Identitätsnachweis für den digitalen Zugang zu Behörden, werden dem vorbehaltlos zustimmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Jänner 2026.

Silvester

Der Jahreswechsel naht im Sauseschritt und mit ihm das Runterzählen der Tage, Stunden, Minuten und Sekunden. Sobald das große Krachen und der Raketenregen beginnen, jaulen die Hunde auf und verstecken sich unter den Tischen und Sofas. Die Traumatisierten aus realen Bombennächten halten sich Ohren, Augen und Herzen zu. Der Rest, die große feiernde Mehrheit aber schmeißt sich mit großem und gut geübtem Elan dem Neuen Jahr entgegen, wiegt sich und allfällige Anwesende im Donauwalzer, köpft die Sektflaschen und sprudelt die Glaskelche voll. 2026 wird dann noch unschuldig sein, ohne neue Erlebnisse, schwanger mit den alten. Die Luft in den ersten Minuten des Neuen Jahrs aber wird schon bald sehr würzig riechen, nach bengalischem Schwefelrauch aus Raketen und Funkenspritzern.

Tatsächlich dauert der Einzug des Neuen Jahres ganze 24 Stunden. Seit nunmehr dreissig Jahren beginnt er in der Zeitzone UTC+14, bereits am 31. Dezember elf Uhr unserer Zeit – auf den 33 Korallenatollen Kiribatis. Wer es also den Einwohnern der zentralpazifischen Inselrepublik gleichtun möchte, begeht den Jahreswechsel schon mit einem spätmorgendlichen Palmweinfrühstück. Feinspitze nehmen dazu Palusami zu sich, mit Kokoscreme gebackene Taroblätter, das Nationalgericht von Kiribati. Oder Beachside Fish Fry, marinierten und frittierten Mahi-Mahi, hierzulande als Große Goldmakrele beannt.

Der Klimawandel, fern von Kiribati, hier bei uns erzeugt, wird dem Paradies übrigens bis zum Ende des Jahrhunderts den Untergang bescheren. Zeit für gute Vorsätze also.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Dezember 2025.

Arnulf Rainer +

1985. Seit einem halben Jahr amtierte Erich Wonder als Professor der Meisterschule für Bühnenbild. Sein Lehrer Lois Egg, der auch mich aufgenommen hatte, der mich liebte und förderte, und dessen Assistentin ich seit einigen Jahren war, war in Pension gegangen. Wonder mochte mich nicht, er mochte niemand von Lois Eggs Schülerinnen. Und er wollte uns kein Diplom geben. Entgegen der Zusagen, die er Lois Egg noch vor kurzem gegeben hatte. Niemandem von uns. Mir besonders nicht. Es wäre mein aus gewesen nach vier Jahren Studium. Das sei kein Bühnenbild, maulte er über meine 15 Faust-Bilder. Das sei Illustration. Bei der Diplombegehung des Meisterkollegiums redete er auf die anderen Professoren ein, sie mögen das nicht ernst nehmen, was da zu sehen sei, das sei alles Schund, wertlose Unkunst. Es war Arnulf Rainer, der vor meinen Sachen verträumt stehen blieb. Und widersprach. Das sei doch sehr gut, sagte er, sehr gut. Es war Arnulf Rainer, der mein künstlerisches Leben rettete. Danke, Meister Arnulf, danke Dir!

Frohe Weihnachten

Alles dreht sich um die Familie. Die Familie ist das ein und alles. Kein Fest „kann mehr Familie“, als Weihnachten. Besonders familiär geht es an den Punschständen des Landes zu. Einkaufsgestresste, von Betriebsweihnachtsfeiern und Jahresabschlüssen Gehetzte finden Trost und Einkehr an der wärmenden Mutterhütte. Es dampft der Jagatee, es knistern die Maroni, es köchelt die Gulaschsuppe. Nach eineinhalb Bechern rumgetränkter Würzmischung werden die Zufallsbekanntschaften zu Familienmitgliedern. Griassdi, i bin da Franz, seawas, i die Samantha. Gemeinsames Stehen im Lichterkettenschein macht glücklich und müde. Betroffenheit weicht Besoffenheit, der Alltag fällt vor die Füße, schmilzt dahin im salzigen Matsch. Es ist Zeit, die Geschenke zu besorgen, sie heimlich zu verpacken und unheimlich zu verstecken. Um den großen Heiligen Abend anzusteuern, an dem sich alles entlädt, was das Jahr vor sich hergeschoben hat. Mut und Unmut, Freude und Leid. Die Krippe (so es eine gibt) erzählt die ewige Geschichte von der Heiligen Familie. Sie darf und muss im Schoß der Kernfamilie erzählt werden. Als Kulisse für das Märchen von der heilen heiligen Welt dienen der kugelbehängte Lichterbaum (auch wenn die Leuchtkerzen aus China kommen), der Geschenkeberg (auch wenn er klein ist, und nachher die Hälfte umgetauscht wird). Engste Familienmitglieder erzählen einander von früher. Als alles besser war. Vater, Mutter, Kinderschar. Herkunft ist indes nicht alles. Gehören wird doch längst zu anderen Familien. Familie Google, Familie Amazon, Familie Facebook, Familie YouPorn, Familie Netflix.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Dezember 2025.

Advent

Als ich ein Kind war, im Nonneninternat der Schulschwestern verdingt, war alles katholisch. Die Gespräche, deren Inhalte, die Geschichten, die von Bestrafung, Sünden, Vergebung und Heil handelten. Sogar das Denken war unter Beobachtung gestellt. Sobald die Nächte länger wurden, die Welt dunkler, tat sich Hoffnung auf. Weihnachten! Der Geschenkeflug des Christkinds. Advent hieß die Zeit, in der wir eingestimmt wurden auf das edle Weihnachtsfest. Advent, erklärten die Schwestern, sei lateinisch und bedeute Ankunft. Und die einzige Ankunft, die es für sie gäbe, fände nicht am Bahnhof statt, sondern in den Herzen der Guten, sei die Ankunft des Herrn. Damit wir eine Vorstellung von der Länge des Wartens auf den Ankömmling hatten, ein vorfreudiges Hinsehnen, hatten sie einen riesigen Adventkranz aufgehängt. Über der Treppe des Eingangs. Alle Tannen Wiens hatte man aufgeboten, um ihn zu flechten, hieß es. Aus dem Wachs aller Bienen des Landes hatte man Kerzen gezogen. Kurz, nichts war schöner, edler, kostbarer, katholischer als der Weihnachtskranz in meiner Volksschule. Seine Lichter wurden von Engelshand entzündet. Nie sah ich sie brennen, denn Sonntags waren wir nicht in der Schule. Aber die angebrannten Dochte sahen wir, Beweis für das Fortschreiten der Ankunft! Nichts war katholischer als dieser enorme Adventkranz mit seinen drei roten Kerzen und der einen rosafarbenen.

Erst viel später sollte ich erfahren, dass der Adventkranz eine Erfindung war. 1839 in die Welt gebracht. Von einem evangelisch-lutherischen Theologen im evangelischen Hamburg. Der erste Kranz war übrigens ein Wagenrad.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. November 2025.

Österreichs wirkliche Kronjuwelen

Juwelen! Schon das Wort hat einen stolzen Klang. Einen schweren, wenn auch wohlklingenden Akkord aus Ehrwürdigkeit, glitzerndem Pathos und keckem Verbrechen. Fassadenkatze Cary Grant, emeritierter Juwelendieb steigt im Hitchcockkrimi über die nächtlichen Dächer von Nizza, um einen aktiven Kollegen zu überführen. Als Belohnung winkt das Herz der bestohlenen Grace Kelly, im wirklichen Leben bald wirkliche Prinzessin mit mehr Juwelen, als in allen Filmen zusammen. Weniger spektakulär, wenngleich politisch bedeutend verlief die Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November 1918. Der Oberkämmerer der allerhöchsten Majestäten öffnete die Vitrine XIII der Wiener Schatzkammer und entnahm ihr diverse Klunker und Krönchen von zweifelhafter Schönheit aber überbordenem Prunk. Sie sollten dazu dienen, der flüchtenden Familie von Österreichs letztem Monarchen das Exil zu finanzieren. Dass der legendäre, goldgelb funkelnde Florentiner, einer der größten Diamanten der Welt Teil des Ausreisegepäcks war, wird geschmälert durch die Tatsache, dass der riesige Karbontropfen in eine Hutagraffe eingearbeitet war. Man möchte den damaligen Habsburgern heute noch nachrufen: Ein Glitzerkiesel dieses Formats hat nichts in einer Hutnadel zu suchen, nur eine Krone kann sein Leuchten fassen. Im kanadischen Bankschließfach leuchtet nun nichts mehr und den Habsburgern von heute riete man gerne an, sich mit der Republik zu verständigen und die Steine zurückzubringen. Sie kämen ohnedies wieder in Vitrine XIII der Schatzkammer. Die nur einen Zweck hat: Dem Haus Habsburg zu huldigen. Das muss genügen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. November 2025.

Novembermischung

Der Nebelmonat zieht mit drei ungleichen Feiertagen in den Jahresendspurt. Erst stürmt das keltisch-amerikanische Verkleidungsfest Halloween durch Kassenregale und Schulklassen – mit Kürbisallerlei und Kostümwirrwarr, dann dämpft uns die bedrohlich-vertraute Düsternis der Friedhöfe. Allerheiligen und Allerseelen sind die vorletzten Großkampftage der Blumenhändler (die letzten sind den Adventskränzen und Mistelzweigen vorbehalten!)

Die Bäume werfen ihr leuchtendes Laub ab, farbbegeisterte zücken Skizzenhefte und Buntstifte (oder das postingbereite Handy), aber allzugerne möchte man es den Platanen, Ahornen und Buchen gleichtun und Schlechterlebtes, Bedrückendes, Verwelktes abstoßen. Der Preis, den wir für dieses Unvermögen bezahlen, ist wertvoll und heißt Erfahrung. Melancholische Begabungen kehren in die Sicherheit der Innenschau zurück, sortieren Erinnerungen und Hoffnungen, Frohnaturen sammeln sich in der Geselligkeit.

Mit einiger Berechtigung darf der November als Zeit der Verwirklichung gelten, niemand stiehlt unerlaubt Energie, keine Weihnachtsfeier wimmert nach Aufmerksamkeit, der Jahresabschluss droht erst später. Die Wirtshäuser braten Martinigansln und dämpfen zungenfärbendes Rotkraut. Die Freund·innen des Stadtspaziergangs wärmen Hände und Geschmacksknospen an heißen Esskastanien vom Maronibrater, und salzig-knirschenden Erdäpfelscheiben. Verwegene suchen schon die ersten Glühweinstände auf, um sich ins Vergessen zu stürzen. Faschingsbeginn ist ausserdem, von findigen Kalenderartisten auf den 11.11. 11 Uhr 11 gelegt. Sekundenzähler fiebern der fünften elf entgegen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 1. November 2025.

Die neuen Herbstfarben sind da

Wer „in der Wolle gefärbt“ ist, so das leicht angestaubte Sprichwort, sei „unverfälscht und überzeugungstreu, charakterlich zuverlässig“, neuerdings gar „durch und durch: echt“. Ein strammer Rechter etwa, ein unverbesserlicher Marxist, ein wirklicher Liberaler. Das klingt nach genetischer, zumindest aber nach politischer Disposition, will die Unumkehrbarkeit der persönlichen Prinzipien bezeichnen (und gelegentlich auch desavouieren). Dabei irrt das Sprichwort. „In der Wolle gefärbt“ beschrieb ursprünglich den Vorgang des Färbens der Wolle vor der Weiterverarbeitung zu Garn für den Webstuhl. Wurde die Wolle statt des fertigen Tuchs gefärbt, nahm sie die Farbe besser auf und galt als farbecht. Das Weben farblicher Muster, von Karo, Glencheck, Hahnentritt, oder der schottischen Tartanmuster wäre ohne das vorherige Färben der Wolle nicht möglich. Genausowenig wie die farbliche Opulenz orientalischer Teppiche.

Zurück zum Sprichwort. Wirkliche „Färbung in der Wolle“ würde die Naturfarbe des Vlieses bezeichnen und nur die Schattierungen zwischen Weiß, Grau, Braun und Schwarz umfassen. Der Färbevorgang, der das Sprichwort ursprünglich auslöste ist ein gänzlich künstlicher, selbst wenn er mit vorindustriellen Naturfarbstoffen vorgenommen wurde. Bleiben wir in der Metapher, ist jede ideologisch-politische Färbung immer eine künstlich vorgenommene, wenn auch nachhaltige, jedenfalls keine zufällige.

In den Webstuhl der Gesellschaft eingespannt sind damit auch wollgefärbte Fäden Teil eines komplexen Ganzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 18. Oktober 2025.

Blöde Hüte bald
auch in Österreich?

Noch bis in die auslaufenden Jahre des letzten Jahrhunderts zählten Herren mit Hut zur öffentlichen Normalität. Der Insult „Hutfahrer“ war betagteren Männern aus der Kriegsgeneration zugedacht, die ihre Sonntagsausfahrt mit aufgesetztem Schmalkremper antraten. Am Land, insbesondere bei den Traktorfahrern hielt sich der österreichische Hut am längsten. Mittlerweile ist er (fast) ausgestorben, Hippster mit Haupthaarlichtung greifen zum Pork-Pie-Hut, auf Kirtagen begegnet man noch dem Trachtenhutträger, im Kulturfuzzibereich hält sich die gehäkelte Jazzmütze. DJ-Ötzi hat die seinige aber schon eingemottet.

Aus US-Amerika schwappt nun die galoppierende Verwendung der Baseball-Kappe zu uns, die erst in den 1940ern zu ihrer jetzigen, steifen Form fand, um schlappere Modelle zu ersetzen. An der richtigen Biegung des Schirms arbeiteten Baseball-Spieler und ihre Fans lange und ausgiebig. Heute machen das Maschinen in China.

Der prägende Kulturbotschafter der Baseballkappe interessierte sich im Studium für die genuin amerikanische Schlagball-Sportart, und brachte eigensportliche Trage-Erfahrungen mit. Aber Donald Trump geht es um die Baseball-Mütze als Symbol amerikanischer Werte. Dass er die Kappe für Hip-Hopper und Rapper nachhaltig desavouiert, ist ein Nebeneffekt. Wie andere Hüte kaschiert der Schirmhut Frisurprobleme und Bad-Hair-Days. Wie so oft in der Geschichte der Mode laden Potentaten ihren Stil mit Bedeutung auf. Der Siegeszug von Trumps Hut unter Politikern und Führungspersonen wird kaum aufzuhalten sein.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 4. Oktober 2025.

Die beliebtesten Österreicher aller Zeiten

Fast hätte er es in das Pantheon Österreichs geschafft, aber der Mann vom Hauslabjoch, vor etwa 5200 Jahren mit einem Pfeil im Rücken erfroren, lag bei seiner Auffindung 1991 in Südtirol, und damit auf italienischem Staatsgebiet. Wäre Ötzi 93 Meter weiter, im heutigen Österreich liegengeblieben, wäre er zum berühmtesten Österreicher geworden. Schon wegen der Kumulation der Ös in Ötzi, Ötztal und Österreich. Dass sich Berühmtheit hierorts stets mit Beliebtheit paart, wusste auch Partysänger Gerry Friedle zu nutzen. Als DJ Ötzi stieg er leichtfüßig in den Schlagersternenhimmel auf.

Historische Beliebtheiten aus den diversen Berühmtheitslisten verteilen sich regional, in Tirol wird der Nationalheilige Andreas Hofer verehrt, in der Steiermark Erzherzog Johann, in Salzburg der Wolferl und nächtlich-still abgeschlagen Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber. Kärnten laboriert noch am Nachlaß der untergegangenen Sonne, Wien setzt fremdenverkehrsbedingt auf das Kaiserpaar Franzl und Sisi, und den Walzerkönig Strauß. Die anderen Bundesländer sind zu ober, zu vorarl oder zu burgen für österreichweit bekannte Landeslieblinge. Bleiben die prägenden Größen der Politik. Staatsvertragsunterzeichner Figl und Watchlistpräsident Waldheim. Beide Niederösterreicher.

International gesehen sieht die Sache anders aus. Österreichs Beleibtheitsbotschafter kennt die Welt von der Leinwand: Die singende Großfamilie Trapp, amerikaweit weltbekannt aus dem Musikfilm „Sound of Music“. Dicht gefolgt von der Steirische Eiche, Governator Arnie, und Tarantino-Bösewicht Christoph Waltz.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 20. September 2025.

Neue Grenzen

Die Autorin dieser Kolumne verbrachte ihre Kindheit am geographischen Mittelpunkt Österreichs. Dieser befindet sich, wie die Plakette eines Gedenksteines nachzuweisen versucht, im Kurpark des idyllischen Sommerfrischortes Bad Aussee.

Schon im Klassenzimmer, 15 Gehminuten vom österreichischen Mittelpunktgeschehen entfernt wurde es radikaler, regionaler. Der Heimatkundeunterricht sollte vom Österreichischen ablenken, in dem er das Steierische mobilisierte. Die Landeskultur, das Eigentliche. Diese trat uns in Form einer Figur entgegen, die der Volkschullehrer als Umriß des Bundeslandes präsentierte. Das Land, in dem wir uns befanden war also ein Umriß. Eine Linie. Die Grenze. Alles innerhalb der seltsamen Linie war Steiermark, alles außerhalb war Anderland, fremd, fern. Nun ging es ans Verstehen. Wie sah es aus, das Innere? Der Lehrer teilte das Steirerland diagonal (er sagte „schräg“) in zwei Hälften. Nun hieß es, die Buntstifte zu zücken, die hektograpierten Blätter vor uns zu füllen. Die linke obere Steiermarkhälfte sollten wir braun anmalen (der Lehrer sagte „hellbraun“), die rechte untere gelb. Zehn Färbelminuten später ging es an die Beschriftung unserer ersten Karte. Braun, sagte der Lehrer, das sind die Hörndlbauern, gelb, das sind die Körndlbauern. Die Trennlinie war mit dem Lineal gezogen, es gab nur Entweder-Oder.

Noch heute, weit weg vom volkschulischen Heimatgeschehen in der Grünen Mark, kann ich jederzeit nächtens mit der Frage aufgeweckt werden, wo ich denn sei. Schlaftrunken werde ich antworten: „Hörndlbauerland, braun, links oben!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13.September 2025.

Wien darf nicht Österreich werden!

Welchen Ursprung hat die Bezeichnung „Patzenlippel“? Wieso sagt man eigentlich, „der hod a Bankl grissen“, wenn jemand stirbt? Seit über 30 Jahren schreibt Andrea Maria Dusl für den Falter eine Kolumne, seit 24 Jahren heißt diese „Fragen Sie Frau Andrea“. Darin klärt Dusl über die Bedeutung und den Ursprung von Wiener Redewendungen auf. Doch Dusl, 64, ist viel mehr als nur eine Kolumnistin: Sie ist Künstlerin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin – und ein absolutes Wiener Original. Nun hat Dusl gleich zwei neue Bücher veröffentlicht. In einem hat sie Essays über das Kolumnen-Schreiben zusammengetragen, und das zweite Buch trägt den Titel „Die Wiener Seele in 100 Antworten“. Aber was ist die Wiener Seele überhaupt? Stadtleben-Redakteurin Lale Ohlrogge hat das nach zehn Jahren in Wien immer noch nicht verstanden – und sich deshalb mit Dusl zu einem Interview getroffen.

in FALTER 37/25 STADTLEBEN, 10. September 2025, pagg. 40ff.

INTEGRATIONSKURS: LALE OHLROGGE

Lale Ohlrogge, Falter: Was ist an deiner Seele besonders wienerisch?

Dusl: Ich glaube, es ist eine besondere Art von Grant. Also eine Fröhlichkeit, die sich darin erschöpft, nicht fröhlich sein zu müssen. Eine Form von wahrhaftiger Ehrlichkeit: nicht zu lächeln, weil es nichts zu lächeln gibt.

Also authentisch sein dürfen – meinst du das?

Dusl: Na ja, manche sind authentisch, wenn sie dauernd grinsen. Im Englischen gibt es den Ausdruck resting bitch face, also ein schlecht gelaunter Gesichtsausdruck. Ich habe das – deswegen habe ich auch quasi ein Fernsehverbot vom ORF. Ich werde nur ins Radio eingeladen. Aber zurück zum Wienerischen: Ich glaube, an mir ist auch besonders wienerisch, dass ich nicht ganz wienerisch bin.

Wie meinst du das?

Dusl: Eigentlich bin ich ja Ausländerin. Meine Mutter war Schwedin, mein Vater kam aus Graz, und wir hatten nichtösterreichische Verwandte aus ganz Europa. Wienerisch ist nicht an die Geburt in Wien gebunden. Die ersten zehn Minuten, die du am Westbahnhof ankommst, verwienern dich.

Ist Wienerisch-Sein eine Entscheidungssache?

Dusl: Nein, es ist Schicksal. Es ist eine Sache, die dir zustößt, ohne dass du es beabsichtigst. Ich bin Wienerin. Ich bin Europäerin, aber keine Österreicherin. Früher gab es einmal ein kleines Wiener Kaffeehaus, das Salzgries. Heute heißt es Le Salzgries. Zu Beginn der Haider-Ära stand unten bei den Toiletten ein Spruch, der alles über Stadt und Land sagt: Wien darf nicht Österreich werden.

Was ist denn an Österreich so schlecht?

Dusl: Österreich ist zu klein. Zu Zeiten der Donaumonarchie war es groß und wirkmächtig …

Andrea Maria Dusl, 64, hat eine schwedische Mutter und einen österreichischen Vater. Heute sagt die Kulturwissenschaftlerin und Expertin des Wienerischen, dass sie den Dialekt in ihrer Kindheit wie eine Fremdsprache lernen musste. Mittlerweile
kennt sie fast jede lokale Redewendung, und wenn sie einmal ratlos ist, schlägt sie in ihrer großen Lexika-Bibliothek nach

… Es war ein Melting-Pot, wie eine kleine EU – politisch nicht okay, es war größtenteils eine Militärdiktatur, aber es war ein großes Land mit vielen Einflüssen. Und die sind alle hier in der Metropole Wien zusammengekommen. Aber das umliegende Österreich, die Kronländer damals, konnten das nicht leisten. Sie waren immer Provinz – das ist auch gut, aber eben nicht Metropole. Wien und das Wienerische sind ja immer noch geprägt von all diesen internationalen Einflüssen von einst.

Aber in deinem Buch gibt es auch Beispiele, die zeigen, wie das Wienerische immer wieder auch den politischen Zeiten unterlag. Ich habe mich schon häufiger gewundert, warum sich manche Leute mit dem Wort „Mahlzeit“ begrüßen. Ich fand das immer befremdlich – bis ich in deinem Buch gelernt habe, was für einen heldenhaften Ursprung das hat.

Dusl: Diese Begrüßung wird vor allem in Ämtern und großen Büros gepflegt. Das kommt aus der Zeit, als sich die Österreicher dem Nationalsozialismus angeschlossen haben. Sozialdemokraten begrüßten sich damals mit einem „Freundschaft“ oder „Guten Tag“. Die Katholiken sagten „Grüß Gott“. Doch die Nazis wollten, dass man sich mit „Heil Hitler“ begrüßt. Die Behörden waren damals noch stark monarchistisch geprägt, man wollte sich dem nicht beugen und benutzte stattdessen eine Formel, die im Sinne der Nazis nicht strafbar war. „Mahlzeit“ war damals eine Umgehung – und die ist bis heute geblieben.

In deiner Kolumne „Fragen Sie Frau Andrea“ beantwortest du seit unglaublichen 30 Jahren Fragen von Lesern, die wissen wollen, woher gewisse Redensarten kommen. Wie arbeitest du eigentlich?

Dusl: Ich weiß natürlich nicht alles. Aber ich habe eine enorme Bibliothek mit Lexika, und da schaue ich nach – und im Internet natürlich auch. Die meisten schauen sich bei Google nur die ersten zehn Ergebnisse an. Ich schaue mir die ersten 300 Treffer an. Einiges davon ist völlig falsch, und dann geht es darum, herauszufinden, was stimmt. Es ist wie wissenschaftliches Arbeiten, und das habe ich als Kulturwissenschaftlerin gelernt. Außerdem kenne ich viele dieser Begriffe seit meiner Kindheit. Gleichzeitig ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Die Sprache meiner Mutter ist Schwedisch. Ich habe also ganz früh angefangen, Deutsch und Wienerisch als zwei verschiedene Fremdsprachen zu lernen. In der Volksschule wurde ich gemobbt, weil ich so seltsam gesprochen habe. Ich musste also lernen – es war eine Immunisierung gegen Mobbing.

Ich höre oft, wie sich Wiener – vor allem Eltern – beschweren, dass ihre Kinder kein Wienerisch mehr sprechen. Dass die Wiener Mundart verlorengeht und die junge Generation nur noch Hochdeutsch spricht, weil sie auf Tiktok, Youtube und Instagram deutschen Influencern folgt. Wenn ich mit jüngeren Wienern zu tun habe, höre auch ich selten einen der Ausdrücke, die in deinem Buch oder deiner Kolumne besprochen werden. Wird das Wienerische bald sterben?

Dusl: Ich glaube nicht – aber die Wahrnehmung ist richtig. Wien konnte lange kein ARD und ZDF empfangen. Wien war also sowieso später dran mit der Verhochdeutschung der Sprache als Westösterreich. Seitdem ist viel passiert. Die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den Deutschen trennt, ist durch Podcasts, Tik-tok und so weiter eingedrungen. Aber ich glaube nicht, dass das Wienerische aussterben wird – genauso wenig wie die Begriffe. Denn die Menschen hören sie von ihren Eltern und Großeltern und geben sie an ihre Kinder weiter. Ich bekomme ja nach wie vor Leserfragen, die ich in meiner Kolumne beantworte. Aber im Wienerischen gibt es Veränderungen.

Welche denn?

Dusl: Zum Beispiel „Oida“. Das hat früher kaum jemand so verwendet – das ist ein Wort, das die jungen Wiener eingeführt haben. Die Jungen schaffen ein neues Wienerisch. Es gibt zum Beispiel auch das Migranten-Wienerisch. Das wird überhaupt nie verschwinden.

Ich habe auch den Eindruck, dass diejenigen, die das Wienerische am meisten bewahren und somit quasi österreichische Tradition pflegen, Migranten sind.

Dusl: Das ist ein Soziolekt, also eine Sprache, die eine bestimmte soziale Gruppe gebraucht. Es gibt viele verschiedene Wienerische, Abstufungen, die du als Deutsche vielleicht gar nicht unterscheiden kannst. Da gibt es Leute, die sich anhören, als ob sie in einem Palais aufgewachsen wären, die ganz nasal sprechen, und so weiter.

Kürzlich erschien eine Studie, in der Österreicher zu ihrer Sprache befragt wurden. Sie fanden ihre Sprache sympathischer, gebildeter und schöner als deutsches Deutsch. Ich musste über diesen Stolz und diese Heimatliebe schmunzeln. Nun möchte ich es umkehren: Was gefällt dir als Wienerin an der Stadt und ihren Bewohnern gar nicht?

Dusl: Es gibt nichts, was mich stört.

Ehrlich? Auch schön, wenn du als Wienerin nichts zu granteln hast.

Dusl: Doch, mir fällt etwas ein. Es gibt Menschen aus anderen österreichischen Gegenden, die ihre Nicht-Wienerischkeit mitbringen. Denen würde ich gerne zurufen: „Heast, beruhig di a bissl!“

Was meinst du damit? Sind die Leute vom Land besonders laut, aufbrausend und pöbeln herum?

Dusl: Es geht nicht ums Aufbrausende. Das Wienerische antwortet mit Schmäh. Die Wiener antworten auf diese Leute mit einer eigenen Weisheit, die viele nicht verstehen. Kellner haben das drauf. In guten Wiener Kaffeehäusern gibt es gute, grantige Kellner – die haben diese Attitüde. Die Ehrlichkeit ist ein Goldstandard, eine Währung. Sei ehrlich – aber sag nicht, dass es ehrlich ist.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Dusl: Ein Beispiel, ganz radikal: Wenn Amerikaner zu uns kommen, sind die immer verzweifelt, dass man sie nicht fragt: „How are you?“ Oder Deutsche, die fragen dann: „Wie geht es Ihnen heute?“ Und der Wiener antwortet: „Na ja, wie soll’s mir schon gehen?“ Mich stört nichts an den Wienern, aber die Touristen sind mir ein bisschen zu anstrengend.

Es gibt Umfragen unter Expats, also Leuten aus dem Ausland, die hier leben und arbeiten, die besagen, dass Wien seit Jahren zu den unfreundlichsten Städten gehört. Auch weil es hier schwer ist, Anschluss zu finden. Sind die Wiener Ausländern gegenüber besonders gemein und verschlossen?

Dusl: Genau umgekehrt. Die Expats könnten hier viel lernen in Sachen Wahrhaftigkeit. Es gibt viele, die sich interessieren und diese Verwienerung annehmen. Aber viele bringen aus ihren Kulturen mit, dass sie sich eine freundliche Maske aufsetzen. Und in Wien nehmen sie wahr, dass die Leute ehrlich zu ihnen sind. Ein Beispiel: Jemand hat die Nachricht bekommen, dass die Krankenkasse seine Zahnbehandlung nicht zahlen wird. Soll er dann sagen: „Ja, mir geht es wunderbar, und Ihnen?“ Das machen Wiener eben nicht. Und das erzeugt dann das Bild eines mieselsüchtigen, unfreundlichen, tragischen Wieners. Und unseren Humor verstehen sie auch nicht. Und überhaupt Expats – wie können sie sich überhaupt anmaßen, hier nur drei Jahre zu bleiben? Das ist doch eine Beleidigung für die schönste Stadt der Welt. Außerdem sprechen viele von ihnen zu laut.

Lass uns einen Zeitsprung machen ins Wien des späten 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war sehr prägend für die Stadt. Damals hatte Wien zwei Millionen Einwohner, es war viel los. Aus dieser Zeit gibt es berühmte Illustrationen von den sogenannten Wiener Typen, also Menschen, die damals das Stadtbild geprägt haben sollen: das Lavendelweib oder der Würstler zum Beispiel. Du hast ja dein Buch selbst illustriert – und da gibt es auch Wiener Typen. Was sind denn typische Wiener Gestalten von heute?

Dusl: Eine sehr wienerische Figur ist nach wie vor der Würstelmann. Oder der Strizzi. Dann gibt es eine Figur, die man nur sieht, wenn man nachts auf dem Gürtel unterwegs ist – die sogenannte Praterfee. Eine Prostituierte, eine Sexarbeiterin.

Eine Praterfee vom Gürtel?

Dusl: Nein, die Praterfee vom Gürtel heißt natürlich Gürtelhur. Aber das ist alles schon sehr unwoke Sprache, die aber existiert oder existiert hat. Und die Praterfee gehört zum Strizzi dazu, der betreut sie.

Dann gibt es noch den Gschaftlhuber. Dem habe ich das Gesicht von Elon Musk gegeben. Auf Deutsch heißt das „Hansdampf in allen Gassen“. Es gibt auch einige Politiker, die ausschließlich gschaftlhuberisch nach oben getrieben sind. Aber da das alles substanzlos ist, fliegen ihre Gebarungen irgendwann auf – und sind erfolglos. Aber der Gschaftlhuber findet immer wieder eine neue Betätigung.

In Deutschland würde man auch „Windbeutel“ sagen. Ein Typ in deinem Buch ist mir gefühlt schon tausendfach in dieser Stadt begegnet: der Hubertusmantler mit der Attersee-Familienfrisur.

Dusl: Das kommt von Lukas Resetarits, der hat den erfunden. Das sind Leute, die am Graben verkehren, die durch die Nase sprechen und sich in schicken Lokalen aufhalten. Sie haben altes Geld, Besitz und Attitüde. Sie sind in Wien zugegen, haben aber auch Villen am Attersee, im Salzkammergut, in Altaussee. Es sind alte Familien, wo sich Großbürgertum, Schickimicki und Aristokratie vermischen. Und eines der Kleidungsstücke, die sie tragen, ist der Hubertusmantel: Er besteht aus einem grünen, filzernen Stoff, die Knöpfe sind mit einem geflochtenen Leder überzogen. Das kommt von der Jagd, aber normale Jäger auf dem Land aus Oberösterreich oder Tirol, die tragen das nicht. Es ist ein Angebermantel, der nur in Wien und Salzburg getragen wird. Aber der Hubertusmantler ist nur eine von vielen Wiener Figuren. Diese Vielfalt, auch das ist Wien.

 

Würzen in Österreich

Als es noch Wirtshäuser gab und Bahnhofsrestaurants, in einer Zeit, die frei war von Schnick und Schnack, Social und Media, waren die Tischtücher noch weiß und gestärkt, von der Dicke florentinischer Mamorplatten. In der Mitte des Tisches war die Trias der österreichischen Individual-Gastronmie platziert: Ein Salzstreuer (mit der obligaten Rieselhilfe Reis), ein Pfefferstreuer, und für die Dentalhygiene ein Bund frischer Zahnstocher. Landauf landab war das so, niemand musste nach Salz oder Pfeffer fragen. In ungarischen Speisewägen fand sich auch noch feinstgemahlener Paprika in der Gewürzschaukel, obligatorisch, weil maygarisch. Irgendwann gesellte sich in Österreich die schlankhalsige Maggiflasche mit auf den Tisch, zur Unfreude der Tischtuch-Zuständigen (und unter heimlichen Tränen der Suppenköche).

Diese Zeiten sind perdu, wie man französelnd sagt. Mit den Ferial-Besuchen der Österreicherinnen und Österreicher in gastronomisch interessanten Ländern gerieten auch deren Gwürze und Geschmacksverstärker in den Fokus der Normalität. Olivenöl wurde modern, Meersalz und Balsamessig, die asiatischen Lokale junkten uns mit salzigen, süßsauren und scharfen Safterln an, und mit der Adaption US-amerikanischer Grillkultur traten die Steaksaucen in unser Geschmacksleben, und der Mundhöhlenverätzer Capsicum, verantwortlich für die Schärfe von Paprikas, Chilis und Pfefferoni.

Mittlerweile haben die Spezereiregale der heimischen Supermärkte die Ausdehnung orientalischer Gewürz-Bazare. Das freut die modernen Gaumen! Die weißen Tischtücher der Gasthäuser aber bleiben verschwunden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 23. August 2025.

Neue Berufe

Jahrhundertelang war die Sache ganz einfach im Land der Berge. Bauernkinder wurden Knechte, Mägde oder übernahmen den Hof, der Handwerkernachwuchs erbte die Werkstatt oder ging auf die Walz, wurde Schuster, Schneider, Bäcker, Geigenbauer. Apotheken blieben in der Familie, Notariatskanzleien, Hammerwerke, Mühlen. Die Schloßbesitzer blieben im Schloßbesitzermilieu. Adel verpflichtete.

Aber irgendwann griff die Freiheit nach den Österreichern (die Österreicherin ist immer mitgemeint), Stand und Beruf wurden nicht mehr rigoros vererbt, sondern in Maßen Ziel eigener Wünsche und Talentvorgaben. Die Berufsphantasien der Nachkriegsgeneration zielten noch Richtung Lokomotivführer, Feuerwehrhauptmann, Astronaut (Buben), sowie Kindergartentante, Friseurin und Auslagendekorateurin (Mädchen). Und es hieß: Einmal Installateur, immer Installateur, einmal Lehrerin, immer Lehrerin, einmal Elektriker, immer Elektriker, Fernsehansagerin, Badewaschl, Stenotypistin. Das Bild sollte sich schon für die Boomer ändern. Die Sicherheit des Berufsweges geriet ins Taumeln.

Aus Berufen wurden Jobs, und die ändern sich mittlerweile im Monatstakt, boomen, verschwinden, kristallisieren sich neu. Branchen kommen und gehen, Lebensplanung zielt allerhöchstens auf Jahre. Laufbahnen verkürzen sich, enden in Sackgassen. Aus Kraftfahrzeugmechanikern werden Crypto-Berater, aus Verkäuferinnen Work-Life-Balance-Coaches, aus Grafikern Smoothie-Consultants, KI-Prompter, Directors of First Impressions, Mystery Shoppers, Happiness Officers, Team-Building-Managers, Food-Stylist·innen, Warm-Uppers, und ganz wichtig: Influencer.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 16. August 2025.

Austrosensor

Sprechen wir über das Gefühl. Bei den Gefühlen kennt sich Österreich aus. Es sei „Vü zvü Gfü“ (viel zuviel Gefühl), bringt es die Grundlseer Mundart-Band Die Seer auf den Punkt: „Kimm glei, sollst di beeiln“, ruft die Stimme des steirischen Herzens, „i mecht des Gfü heit mit dir teiln!“ Fühlen hat also, ganz im Gegensatz zu vielen anderen inneren Österreichvorgängen ganz viel mit Teilen, Mitteilen zu tun.

Und wie alles im Getriebe des Miteinander ist es die Schule, die unseren Blick für das Wesentliche weitet. Ein wichtiges Instrument zur Übermittlung von Gefühlen war lange Zeit und österreichweit das Mitteilungsheft. Hier kanalisierten Lehrkräfte ihre Gefühle zu individuellen Schulkindern. Die kleinen Botschaften an die Eltern waren Liebesbriefe ohne Liebe, aber reich an anderen Gefühlen. „Herbert schwätzt und stört den Unterricht“, „Renate hat wieder einmal den Atlas zuhause vergessen“, „Karl-Heinz stiehlt anderen das Pausenbrot“.

Die Mitteilungshefte sind aus den Schultaschen verschwunden, an ihre Stelle sind digitale Nachfolger getreten. Emails, Gruppen-Chats, warnende SMS und Alarm-Nachrichten in den diversen School-Apps. Das Gefährliche ist geblieben: Die Betroffenen sind vom Dialog weitgehend ausgeschlossenen. Früh entsteht so ein Gefühl für Macht und Ohnmacht. Hie die Verwalter, dort die Verwalteten. Und über und zwischen ihnen schriftliche Kommunikation. Nachrichten, Verlautbarungen, Eingeschriebenes. Gefahr.

Die österreichische Seele antwortet mit Gefühlen. Tiktok-Gerüchten, WhatsApp-Geraune, Twitter-Orkanen und Kommentar-Tsunamis. Vü zvü Gfü.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. August 2025.

Das Sommerloch

Als Sommerloch bezeichnet der Volksmund jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt auszudünnen scheint. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Die Deutschen, nie verlegen, die Welt anders zu sehen, kennen ihr Sommerloch als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake und eine Scheibe Brot, und die solcherart behandelt dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.  

Dass der aufmerksamkeitsüchtige Boulevard den Sommer traditionell als Herausforderung versteht, wird von Kritikern der Nachrichtenverflachung bemängelt, wenn auch weitgehend vergeblich. Die Schlagzeilenschleudern berichten also sommers von seltsamen, meist giftigen oder sonstwie auffälligen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und automobilistischer Unintelligenz.

Seriöse Zeitungen haben journalistisch andere, nämlich wirkliche Sorgen. Sind doch dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen die mitteleuropäischen Urlaubsgefühle weitgehend egal. Die internationale Politik hält sich nicht an die hiesigen Kalender. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art folgen eigenen Gesetzen.

Und seit der große Nachrichtenmacher Donald Trump die Schalthebel der US-amerikanischen (und damit der globalen) Politik bedient, gehen gesellschaftliche und Umweltkatastrophen nahtlos ineinander über. Der Sommer hat kein Loch mehr.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 19. Juli 2025.

 


Nicht erschienene Version:

Als Sommerloch bezeichnet die publizistische Welt jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt ausdünnt. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen ist das dennoch weitgehend egal, abgesehen davon gilt die Jahreszeit Sommer immer nur für die betroffene Hemisphäre. Wichtige Teile der Welt befindet sich momentan im Winter (oder Spielarten) davon.

Nennen wir diese Periode des Zeitungsgeschehens also „unser Sommerloch“, das „österreichische Sommerloch“. Die Deutschen kennen ihres als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake mit einer Scheibe Brot, und dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.

Nehmen wir das Synonym beim Wort. Die Gurken (die Nachrichten) reifen im Salzglas (in der unterbesetzten Redaktion) ganz von selbst. Geschichten und Vorfälle schreiben sich ohne großes Zutun. Sie handeln von seltsamen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und galoppierenden Berichten über US-präsidiale Unintelligenz. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art tun das ihrige, um den Anschein zu erwecken, es sei viel los, obwohl nichts passiert.

Neu dazugekommen in den Kanon der Sommerlochthemen sind die Nachrichten von der künstlichen Intelligenz. Mittlerweile werden die Sommerlochgeschichten über die künstliche Intelligenz selbst mit Hilfe, und immer häufiger von künstlicher Intelligenz verfasst. Sauer!

Sommer

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“, sang der holländische Showmaster Rudi Carrell 1975, „ein Sommer, wie er früher einmal war, ja, mit Sonnenschein von Juni bis September, und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr!“ Ans Jahr 1975 und den Refrain des besagten Liedes erinnern sich vereinzelt noch die Boomer unter uns, an den schlaksigen Witzemacher und seine Sendungen auch nur die. Früher war alles besser, sagen die einen, stimmt so nicht, die anderen. Angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen sommerlichen Hitzewellen möchte man Rudi Carrell die österreichische Ansicht zum Thema in die Vergangenheit hineinrufen, er habe das damals gründlich „verschrien“, die Sache mit dem Sommer.

Wie war das damals? Deutsches Fernsehen brachte deutschen Humor in die Wohnzimmer Schnitzellands und deutscher Humor war der holländische des Rudi Carrell. Der Sommer der Deutschen und der Holländer fand in besagter Zeit mit Vorliebe in hiesigen Gegenden statt, wobei sich die Deutschen in den Hotelpensionen und Frühstücksbleiben verteilten, die Holländer aber die Campingplätze besiedelten. Lückenlos. Das Bild der schwankenden Wohnwägen auf den Landstraßen, und der kochenden Kühler auf den Pässen gehört zum visuellen Erbe dieser Zeit.

Neben der saisonalen Eiskarte mit neuen und alten Tiefkühllegenden (Twinni! Piper! Brickerl!) war es der jährliche Sommerhit, der die Ferienzeit bestimmte. Man muss weder Rudi Carrell noch seinem launigen Lied nachtrauern, um festzustellen, es ist alles anders geworden. Kochende Kühler gibt es keine mehr, und sibirische Sommer nicht einmal dort.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 5. Juli 2025.

Privatsachen

Der österreichische Privatmensch ist ein Sammler. Das Ansammeln ist dem Land der Berge eingeschrieben. Schon die Landesfürsten aus dem Hause Habsburg definierten sich über ihre Kunstsammlungen, Schatzkammern und Gemäldegalerien. Im Kleinen sind wir alle Kaiser. Im weiten Feld des Feinstofflichen werden Überstunden gesammelt, Pensionsjahre, Freiminuten, Bonusmeilen. Auch in den Räumen des Stofflichen horten die Österreicher emsig, die Österreicherin ist wie immer mitgemeint, weil selbstständig sammelnd. Rabattpickerl, Autogramme, Bierdeckel, Gartenzwerge, die Kategorien des Sammelbaren kennen kaum Grenzen. Die Exponate füllen die Wohnzimmer, Dachkammern und Keller.

Eine besondere Zuneigung, ja verklärende Besitzlust kann der Fetisch entfesseln. Er beginnt beim Zweitwagen, verirrt sich in Leder, Gummi und knapp sitzender Spitze, bereist die Universen zwischen den Buchdeckeln, versteigt sich in den Levels der Computerspiele und endet in der Vergänglichkeit von Gerüchen und Geschmäcken. Größte spirituelle Verzückung kitzelt das Gefährliche hervor, der Tanz auf dem gesellschaftlichem Vulkan, das Abspulen von Triathlonkilometern, die Schönheitschirurgie, das Beklettern tödlicher Gipfel, der Flugrausch an Schirm und Drachen.

All das und indviduell noch mehr vermag der Waffenbesitz einzulösen. Er verbindet Sicherheit mit Leidenschaft, Selbstbestimmung mit Werkzeugfreude, Jagdlust mit Verteidigungsbereitschaft. In der Waffe kulminiert das Kleine mit dem Großen, das Hehre mit dem Niedrigen. Wüßte man es nicht schlechter, könnte man sagen, Österreich ist die Waffe, die alle von uns besitzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Juni 2025.

Der österreichische Handschlag

Die alten Baiern zogen einander am Ohr, Kaiser, König, Edelmann siegelten, Ämter stempelten, die Welt des Kapitals kennt die Unterschrift. Jedes Schriftl ist ein Giftl, antwortet man in Österreich, denn für Akte des Vertrauens, für Abkommen und Vereinbarungen aller Art gibt es den Handschlag. Der Handschlag ist kein Griassdi und kein Hallo – für Begrüssungen tippt man sich an den Hutrand, hebt das Krügel, reißt einen Seawas runter. Der Handschlag ist tief empfundene Landeskultur, er gilt jenseits aller Vorschriften und Gesetze als rechtsverbindlich und echt, als willkürliche Gegenwartsgeste, die in die Ewigkeit reicht.

Der österreichische Handschlag ist nicht geschüttelt, wie die bürgerlich-amerikanische Guten-Tag-Geste des höflichen Händedrucks, der hiesige Handschlag ist fest wie die Gerichtslinde am Dorfplatz und klar wie der Affirmations-Obstler im Stamperl danach. Im (stets männlichen) Handschlag verdichtet sich die Erinnerung ans Armdrücken am Kirtag, an die helfende Hand nach dem Mopedausrutscher, an die klebrige Schwurhand nach dem nächtlichen Maibaumumsägen.

Obschon die Handschläger mit gleicher Festigkeit zudrücken, wissen sie insgeheim, wer der Stärkere ist. Gleichheit wird nur simuliert, behauptet, sie schwindet spätestens beim Bündnisbruch. Ehrhaftigkeit (nicht Ehre), Verlässlichkeit in Männerbelangen wird daher, gerne auch von Lokalpolitikern, in die Formel von der „Handschlagqualität“ gegossen. Kaum je wurde diese einer Frau zugesprochen. In Sachen Gleichberechtigung gibt es also noch Ritualbedarf.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 6. Juni 2025.

Eiskarte 2025

Österreich ist ein Land des Verkehrs. Im Verkehr kennt es sich aus. Im Straßenverkehr, im postalischen Verkehr, im Fremdenverkehr. Das Werkzeug zur Vermittlung verkehrlicher Anliegen ist die Karte. Je nach Sparte bedient sie Wünsche und Möglichkeiten der Beteiligten.

Sehen wir uns die Karten an. Die österreichische Straßenkarte (heute die virtuelle im Navi) organisiert das friedliche Hin und Her im Land, das Ankommen und das Wegfahren, den Durchzug, den Transit. Die österreichische Wanderkarte (heute die am Handy) erschließt die Bergwelt, führt zu Hütten und Herbergen, zu Gipfeln, Graten und Gletschern. Die Fahrkarte erlaubt die Reise mit Öffis aller Art, die Eintrittskarte den Zugang zu musealen Österreichischkeiten, erschließt Burg und Schloß, Ausstellung und Erlebniswelt. Mit der Postkarte (heute dem Posting) werden Anwesenheitsbeweise, Kurznachrichten und familiär-bekanntschaftliches Allerlei übermittelt. Die Speisekarte endlich erschließt Kochkunst, Preismoral und Ästhetik des individuellen Verköstigungsbetriebs. Nach französisch-italienischem Vorbild kann sie auch mündlich vorgetragen werden, in Form eines kulinarischen Kurz-Epos. Die kürzeste Form dieser gesprochenen Karte erzählt alles über Weniges, und damit alles über Österreich: „Schnitzel hätt ma, Gulasch, und a Eierspeis“, im Kaffeehausfall „den Spezialtoast.“

Die Zusammenfassung all dieser Karten ist die Eiskarte. Die Fahrkarte in die Hitze-Stillung sommerlicher Akut-Gustos. Die Eintrittskarte ins Feriengefühl, die Wanderkarte in die Welt der transportablen Mikrogletscher.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2025.

Weltuntergang

Ein alter Witz, der fälschlicherweise Karl Kraus, Gustav Mahler und in einigen Varianten auch Bismarck, Hegel, Heinrich Heine, Abraham Lincoln und Mark Twain zugeschrieben wird, geht so: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Österreich. Dort passiert alles zehn Jahre später.“

In Maßen ist die Republik jüngst von jener Untergangs-Bewältigungs-Philosophie gestreift worden, die in US-Amerika (und verbandelten Gegenden) als Preppertum firmiert. Prepper sind Leute, die sich auf mögliche Katastrophen und Notfälle vorbereiten. Die Bezeichnung leitet sich vom englischen Ausdruck „to be prepared“ ab, was soviel „bedeutet, wie „vorbereitet zu sein“. Auf den Bürgerkrieg, den Atomkrieg, die Apokalyse. Auch die Schweizer haben jahrzehntelang gepreppert – unser westliches Nachbarland gilt als nahezu lückenlos unterbunkert. Österreich ist immerhin weitgehend unterkellert.

Minimal preppern auch Österreichs Ministerien und und andere Behörden, indem sie vor Blackouts (Stromausfällen) und Brownouts (Netzschwächeanfällen) warnen. Man möge sich für diese Fälle Getränkevorräte anlegen, Nassrasierer, Kerzen und ein Kurbelradio vorrätig halten. Dass der Notfall rituell verankert ist, manifestiert sich am Land jeden Samstagmittag in der Sirenenprobe (in Wien findet diese nur am ersten Samstag im Oktober statt.) Sinn der Testung ist es, die Bevölkerung auf die Existenz von Sirenen aufmerksam zu machen. Was im Ernstfall zu tun ist, wissen die wenigsten. Mit einer Ausnahme: Die Prepper. Sie begeben sich im Alarmfall in den gut gefüllten Bunker.

In Österreich haben sie dazu 10 Jahre Zeit.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2025.