Boboville ::: Lesung NordbahnSaal

Liebe Zeitgeistteilnehmerinnen!
Liebe Freund·innen!
Liebe Bobos!

Am Samstag, den 27. Jänner 2024
18:00 – 19:30h
lese ich aus meinem Stadtroman

Boboville

Wo? Im neueröffneten, sehr leiwanden
NordbahnSaal in der HausWirtschaft,
Bruno-Marek-Allee 5,
im 2. Hieb.

Kommet zahlreich!

Vorbestellkarten um 1 Euro (!)
gibt es hier:

https://kupfticket.com/events/andrea-maria-dusl-boboville

Das Bonbongeschäft

Boboville hat 1968 begonnen, da war ich sieben, sieben auf einen Streich, es war Sommer und Boboville war heiß. Gegenüber vom rosagestrichenen Haus, wo am 1. Mai die roten Fahnen der Sozialisten hingen, gegenüber vom rosa Haus mit der Putzerei, ein schönes Bild, das rosa Haus der Sozialisten mit der eingebauten Putzerei, gegenüber von diesem Haus lag das Geschäft. Die Keimzelle von Boboville. Das heilige Geschäft. Das Bonbongeschäft. bonbons stand in großen Lettern über dem Geschäft. Bonbonville hätte ich meine Insel genannt, hätte ich als Kind gewusst, das Zuckerl und Bonbons das Gleiche sind.

Das Bonbongeschäft, es existiert noch heute, meine ich, vierzig Jahre nach 1968, es war rot gestrichen und ist es noch. Rotsein hatte eine Logik für mich, lange bevor das Wort in mein Leben treten sollte. Als Siebenjährige hielt ich es für richtig, wie ich es damals nannte, dass gegenüber von Onkel Christians rosa Sozialistenhaus mit der Putzerei das rote Zuckerlgeschäft lag. Seine Auslagen waren mit Krapfen geschmückt, mit Indianern, Pariserspitz, leeren, vergilbten Bonbonnierenschachteln. Mit gelber Plastikfolie war sie ausgelegt, die Auslage, darin lagen Vanillekipferl, zu kleinen Vulkanen aufgeschichtet, Mannerbruch in Scheiterhaufenform, Windringe in zirkulär geschichteten Windringringen. Und manchesmal stand eine Nusstorte in der Auslage. Mit einem dicken Kakaocremekringel an der Schulter, gekrönt von einer Walnuss. Oder war es eine Kaffeebohne, mit der Schamspalte nach oben in den Kakaocremekringel gedrückt?

Die Scheibe des Bonbongeschäftes hatte 1968, wenn man die Scheibe gut kannte, auf Kindernasenhöhe leichte Blindheiten. Die kamen von den gierigen Häuchen, die wir beim Anblick von Torten und Mannerbruchgebirgen auf den kalten Scheiben hinterließen. Ein Besuch des Bonbongeschäftes ohne minutenlanges Verharren an der Oberfläche der Bonbongeschäftauslagenscheibe wäre kein Besuch des Bonbongeschäftes gewesen. Man musste sich genau einprägen, was man brauchte. Ob und welches Torteneck, welche Kombination wievielwelcher Zuckerl. In unserer linken Kinderbobofaust befanden sich, zwischen gekrümmte Finger geklemmt, die Schillinge. Schillinge. Einschillinge und Zehngroschenscheiben und kleine, randgerillte Fünfziggroschenknöpfe. Abgezählt. Zu imaginierten Groschentürmen gestapelt.

Denn Boboville 1968, als ich sieben war, hinter den Zwergenbergen, war immer auch Berechnung. Wie viel sich wovon ausging mit wie viel an kinderbobofaustgewärmtem Metall. Die Berechnung dessen, was die linke Faust umklammerte. Um zehn Groschen, das musste man wissen, wenn man mit der Nase an der Zuckerlgeschäftscheibe hing, ging sich immerhin ein Stollwerck aus, die Grundwährung meiner Bobovillekindheit. Mit einem im Fußabstreifergitter vor der Putzerei gefundenen Zehngroschenstück ging sich in der Frühzeit von Boboville ein Stollwerck aus. Es war so groß wie ein Auge im Quadrat und so hoch wie zwei Schulhefte dick, es war eingewickelt in ein zwergentischtuchgroßes Wachspapier. Das Stollwerck. Das Wachspapier, man musste es ablösen, solange das Stollwerck kalt war. War es warm, klebte das Wachspapier am Stollwerck. Fünf Minuten milchzähneverklebendes Lutschen ging sich aus mit dem Zufallszehngroschenstück aus der Bobovilleputzerei im Sozialistengebäude, dem TheodorHerzl-Hof. Theodor-dem-Erfinder-von-Israel-Herzl-Hof. Dass die Gasse ums Eck Malzgasse hieß, hatte Richtigkeit für uns. Schmeckte doch das braune, klebrige Stollwerck nach Malz. Oder nach dem, was wir für Malz hielten. Wir. Wir, die Bobovillekinder vorm Bonbonvillegeschäft. Und wo waren wir her? Aus der Leopoldsgasse, aus der Schreygasse, aus der Rembrandtstraße, aus der Nestroygasse. Aus der Unteren Augartenstraße, aus der Malzgasse. Die, nach der das Malz in den Stollwerck seinen Namen hatte.

Das Bonbonvillegeschäft in der Leopoldsgasse war eine Art Maschine, eine Konsumboboismusmaschine, die erste Konsumboboismusmaschine der Welt. Das Bonbonvillegeschäft musste man besteigen, es war nicht ebenerdig zu betreten. Ein kleiner, halbstufenhoher Absatz führte in eine rotbemalte Nische, rot, wie ja alles Holz am Bonbonvillegeschäft rot gestrichen war. In einem Rot, das eine leichte Fähle hatte, ein sonnengeblichenes, vom blauen Himmel ausgelaugtes Rot. Ein Rot, wie wenn man von oben in ein Himbeerkracherl schaute. Es knirschte, wenn man die Betretungsnische des Bonbonvillegeschäfts bestieg, es machte knarrende Geräusche. Selbst dem federleichtesten Leopoldsgassenkind aus der Schreygasse, in jedem Fall war das immer ich, denn ich war das zarteste, kleinste und gewichtsloseste aller bonbonaffinen Kinder in Frühboboville, selbst dem Hauch eines Kindes gelang es nicht, die Eingangsnische ohne das Eintrittsknirschen zu besteigen. Das Knirschen war Teil der Maschinerie.

Der zweite Mechanismus der Bonbonvillemaschinerie war nicht minder geräuschvoll. Eine Türe, rot gestrichen war sie und dreiviertelgläsern, sie musste an einer Griffstange gehalten und gegen den Widerstand eines Kugelschnappmechanismus aufgedrückt werden. Der Bonbontürmechanismus schärfte mein Talent für technische Zusammenhänge. Ich hatte damals keine Ahnung und heute ebensowenig, wie das Schloss hieß, war es ein englisches Patent oder ein amerikanisches? Für das Kindermich war es eine kleine Messingnuss, die von einer Feder in die Außenwelt gedrückt wurde. Sie war mit honigfarbenem Schmierfett verklebt und roch nach Fahrradkette. Die Messingnuss hielt die Türe im Schloss. Man musste mit dem ganzen Gewicht eines zuckerschuldigen Kindes an der Türe drücken, um den Widerstand der honigschmierfetten Messingnussfeder zu überwinden. Das geschah, so es geschah, denn es war nicht leicht, stets mit einem Knall, von dessen mechanischer Erschütterung die Glasscheibe in der Bonbongeschäftstüre klirrte. Leicht, so dachten wir, könnte dieses Glas brechen und zu enormen Kinderschulden bei den Bonbongeschäftsinhabern führen. Schellende Ohrfeigen, markzersetzendes Angeschrienwerden, schmerzhafte Schüttelungen und daheim dann schlicht lebenslanges Fernsehverbot nach sich ziehen. Der Eintritt ins Bonbonparadies war untrennbar mit der Angst verbunden, die Zuckerpforte zu zerstören. Indes, das Dilemma war Teil einer ausgeklügelten Inszenierung. Nie nämlich, ja nie ist das Glas des Paradiesportals aus seinen Kittfugen gesprungen. Die Diabolik dieses Mechanismus war ebenso perfide wie gefürchtet.

Hatte man die Türe aufbekommen, schlug ihr Blatt rechts oben, eine Handbreit aufgedrückt, gegen ein Glöckchen. Als hätte das Knirschen der Betretungsnische und das Knallen der Türe nicht schon genug Bonbongeschäftsalarm ausgelöst. Knirschknallklingeling, das war, in Geräusche umgesetzt, das Süßigkeitenprogramm des Bonbonvillegeschäfts. Zuckerlkauf war ein Abenteuer, dessen Ritualpartikeln sich nicht alle von uns aussetzen wollten. Ich jedenfalls hatte bald eine Technik einstudiert, die Sesam-öffne-dich-Arbeit anderen aufzuschultern. Einem anderen Kind, einer Bonbonnierekäuferin, einem Schokohurtigen, einem Diabetiker auf Selbstzerstörungstour. Irgendjemandem jedenfalls, der die honigfette Nuss für mich aufdrückte. Sobald ein Helfer nahte, stellte ich mich in die Nähe der Eingangsnische, studierte den Mannerbruch, zählte die heidelbeergeschmackigen unter den Hellerzuckerln oder dachte mir sonst eine Unauffälligkeit aus. Das hatte ich mir von den Bienen abgeschaut. Die zuckelten doch auch zögerlich vor den Kelchen herum, um mit ihrem Schwirren andere Bienen zum Blütenbesuch anzustiften. Diese Vorgänge wollen deshalb in aller Ausführlichkeit erzählt werden, weil zum Verständnis Bobovilles das Verständnis für die Abweichung gehört. Bobovillains sind am Ungleichartigen interessiert, nicht am Uniformen. Auch von diesen Vorgängen wollten die Blindheiten stammen, die in Kindermundhöhe in die Auslagenscheiben geätzt waren. Von den Häuchen der Wartenden. Von den perfide vor dem Kelch taumelnden Kinderbienen.

Und dann kam sie, die dicke Hummel im Hubertusmantel, die Tortensuchende, den Seppelhut aufs weiße Lockengebirge drapiert. Und die knirschknalldrückte mir die Türe zum Süßigkeitenjerusalem auf.

Von Innen, das will ich gerne zugeben, ließ sich die bestialische Türe so leicht wie geräuschlos manipulieren. Von Innen sehen alle Initiationsrituale lächerlich aus. So geräuschvoll der Eintritt war, so leise, so sakristeihaft still war es im Inneren des Bonbongeschäfts. Ein Zimmerchen, von einer L-förmigen Glastheke beherrscht. Keine von den Bonbonischen befand sich je bei Eintritt in ihr Reich hinter dieser Budel. Die Bonbonischen befanden sich in lauernder Stellung, in der Tiefe ihrer Geschäftsräume. Ich entwarf ein Bild von ihnen, wie sie auf rosaledernen Sofas, im Lichte schokoladenfarbener Stehlampen vollgeklebte Fußballbilderalben studierten und Eskimoeiskataloge, Keksbestelllisten ausfüllten oder auch nur die Kreuzworträtsel in der Zuckerbäckerinnungsgazette. Vielleicht schliefen sie auch auf großen Schaumrollen? Designschaumrollen gewiss. Aus der Carnaby Street. Im Lichte himbeersaftfarbener venezianischer Luster.

Wie auch immer, nach dem Vergehen einer guten Minute krabbelte eine der Bonbonischen aus ihrem Versteck, nach meiner Erinnerung eine kleine, dicke Frau mit blaukarierter Textilviertelschürze, die Leopoldstädter Friseurbesuchsfrisur im Haar, zur Zeit, in der meine Erinnerung spielt, war es das silberblau getönte Lockenhaupt. Die Frisur der Gegend war uniform, silberblaue Dauerwelle. Nur Frau Natiesta im dritten Stock unseres Hauses in der Schreygasse, einen Apfelbutzenwurf von hier Richtung Leopoldsberg, hatte weißgoldenes Haar.

Die Bonbonische war mürrisch, sie hatte dicke Hände wie die Babuschkas in der Ukraine, wie die Waldviertler Kartoffelbäuerinnen. Dicke, kurze Hände. Und mürrisch war sie. Alle Bonbonischen sind mürrisch, anders als mit militanter Mürrischkeit lässt sich ein Bonbongeschäft nicht führen. Die Mürrischkeit paarte sich mit Präzision. Der Bonbonischen konnte man die ungeheuerlichsten Listen vortragen. Mehrstellige Listen. Listen, die von 17 weißen Stollwerck handelten, drei Liebesherzen, zwei Fizzersrollen, zwei Bazooka-Kaugummi-Paketen, drei Kuverts Fußballbildern, zwei Schlangen, zwei Colaflascherln aus Gummi, einer Packung Brause Orange, einer Packung Brause Zitron, einem Leberknödel.

Die Bonbonische hatte im Kopf mitnotiert, und schon beim Ausklang des Wortes Leberknödel, oder was auch immer das Ende der Liste markierte, die Summe parat. Dreizehn dreißig. Mehr als Dreizehn dreißig überstieg so ein Großeinkauf im Bonbongeschäft nie, und es war immer eine Kombination aus Groschen und Einschillingmünzen. Und immer zahlten wir sofort. Nach Bekanntgabe der Liste. Erst dann grub die Bonbonische in den Details und schichtete mit einer Genauigkeit, für die sie Uhrmacher beneideten, unser Zuckerwerk in weiße Papiersäckchen. Mit denen man später, waren sie leer und aufgeblasen, einen bobovilleerschütternden Knall machen konnte. Mürrische Genauigkeit. Die lernten wir bei der Bonbonischen. So waren die mehrstelligen Listen ja auch zusammengestellt worden, durch mürrisch genaue Kalkulation von Zuckerlpreisen. Zehngroschenscheiben ließen sich gegen Stollwercke tauschen, Fünfziggroschenknöpfe gegen Fizzersrollen, Bazooka-Gums, Brausesäckchen und Gummilutschzeug. Nur die Panini-Fußballbilder waren in Schillingwährung geerdet. Und der dicke, fette Leberknödel, das Zweischillingmonster. Sein wuchtiger Preis folgte gestalterischer Logik. Nach dem Essen der Nougatbombe war der Kindermagen verklebt. Nicht mal Brause konnte dann den fetten Nougatleberknödel durch den Bauch spülen. Der Nougatleberknödel war der Gruftdeckel des Zuckerlgrabs.

Das Reich der Bonbonischen war im Gegensatz zu den anderen Geschäften auf der Insel auch an Sonntagen geöffnet. Manchesmal musste ich hier Sonntagsmilch für daheim einkaufen. Oder Sonntagskaffee. Oder Sonntagszucker. Die Bonbonischen verwahrten Milch auch an Nichtsonntagen in einem Geheimkühlschrank. Denn die Zuckerlgeschäftkonzession verbot 1968, im Jahr, als am Boulevard SaintGermain die Pflastersteine flogen, gewiss den Verkauf von ungezuckerten Nahrungsmitteln. Es war mir damals schon bewusst: Geschäft ist immer auch Verbrechen. Milch verkaufen, wo Milchverkauf verboten ist. Kaffee verkaufen, wo Kaffeeverkauf verboten ist.

Bei den Bonbonischen saßen manchmal Leute vom Grund. Ausgemergelte Gestalten bei einer Tasse schwarzen Mokkas, die sich vorgaukelten, bei den Bonbonischen etwas für die Gesundheit zu tun. Mokka und Underberg tranken sie, an einem Resopaltischchen sitzend, und auch wenn sie dabei keine Falk inhalieren durften und keine Ernte 23, war das für die Ausgemergelten gewiss so gesund wie Zuckerzeug für Kinderzähne.

Das himbeerkracherlrote Bonbongeschäft gegenüber von Herzls sozialistischer Dampfbügelei ist der Nabel von Boboville. Auch wenn andere Bobovillains von anderen Nabeln wissen wollen. Von Nabeln im Village oder im Marais. Oder Umbilicae in Castro, Mitte und Kreuzberg. Alles Quatsch. Der Omphalos von Boboville ist das rot gestrichene Bonbongeschäft gegenüber vom rosa Gemeindebau, der nach Theodor Herzl benannt ist. Gestern habe ich das Schreiben des Bobovillebuchs unterbrochen, um in einem hastigen Anflug von Bekümmerung in die Leopoldsgasse zu fahren und Nachschau zu halten, ob das Bonbongeschäft überhaupt noch existiert. Ich parkte vor dem rosa Gemeindebau, wie es sich für Bobovillains gehört, mit drei Rädern im Kriminal, auf der Bushaltestelle nämlich. Mein Schreck war groß. Das Bonbongeschäft existiert. Unverändert. Sogar die gelben Plastikbahnen in seinen Auslagen sind noch da. Etwas gebleicht von der Leopoldstädter Sonne.

Aus: Dusl, Andrea Maria: Boboville, Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg, 2008, pagg. 10ff.

10 Dinge, eines gelogen

Der von mir überaus geschätzte österreichische Autor und Journalist David Baum  hatte mich auf Facebook darum gebeten. Ohne Zögern machte ich bei dieser “Competition” mit und listete 10 Dinge auf, von denen zu behaupten war, dass ich sie mal getan hätte. Eines davon, so die Vorgabe, musste gelogen sein.

Ich habe/bin, so behauptete ich (und führe im Folgenden auch den Nachweis):

1. von Tabori zum Essen eingeladen worden, von Peymann nicht.
2. Rocko Schamoni in einem Theater einen Zungenkuß gegeben und erst später erfahren, wer das war.
3. einer toten alten Dame mit einer Säge aus dem Baumarkt die Schädeldecke aufgesägt.
4. in Ascona die 5-Sterne-Suite neben Sydney Pollack bewohnt.
5. in Rom bei einem Mafia-Gala-Diner Ehrengast gewesen.
6. auf einem Fest 34 weiße Spritzer getrunken.
7. mit Gerd Schröder in Köln Boogie Woogie getanzt.
8. mit den Leningrad Cowboys im Alt Wien bis in den frühen Morgen Schnaps gesoffen.
9. mich eines Nachts im Café Kunsthalle angezündet und in Flammen gestanden.
10. im Suez-Kanal geschwommen.

Die sehr sehr argen Sachen und Begebenheiten meiner Biographie konnte ich nicht in dieser Liste versammeln. Das waren Sachen, wo meine Eltern die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und den Satz: „Du hast Schande über unser Haus gebracht“ und Ähnliches, ja Schlimmeres von sich gegeben haben. Von Außenstehenden habe ich zu ausgewählten Erlebnissen meiner persönlichen Geschichte den Satz „das habe ich noch niemals erlebt“mehrmals gehört.

Ich bin übrigens untätowiert und habe noch alle Finger. Und ich hatte, dabei klopfe ich dreimal auf Holz, noch nie einen Verkehrsunfall. Bis auf den einen vor meinem Gymnasium, wo der Richter seiner Tochter die Autotüre öffnete und ich mit dem Rad gegen ebendiese Türe krachte. Der kleine Finger meiner linken Hand ist seither gefühllos.

Löse wir die Geschichten in der auf Facebook geposteten Reihenfolge auf.

1. Ich bin von Tabori zum Essen eingeladen worden, von Peymann nicht.

In den 80er Jahren arbeitete ich als Bühnenbild-Assistentin, war sehr unglücklich und wollte dringend nach London auswandern um dort vom Glück einer wirklichen Stadt zu naschen. Ich sparte und sparte Geld und sagte mir, ‚ich mache alles, um endlich aus dem grauslichen Wien rauszukommen‘.

Ich studierte den Stadtplan von London, als das Telefon schrillte. „10 Dinge, eines gelogen“ weiterlesen

Hans Hurch.

„Sehr schön haben sie es gemacht, die Leinwand steht schön, viel Aufmerksamkeit, Filmarchiv, Filme, betrunken, muss bleiben, noch, ja, Archiv, Filme, Stadt, Signal jetzt schlecht. Ist Hurch herum? Hurch? Hurch herum, er wird doch was sagen, Hurch, Hans Hurch. Verstehe nur Hurch, genau, Hurch, Hans Hurch, wird er reden? Sehe ihn nicht. Er wird wohl reden.

Hans Hurch hatte das Reden bei den Katholiken gelernt, deswegen sprach er auch wie ein Pfarrer. Hurch, Bobovilleurgestein, in die Stadt gekommen, als Boboville noch aus drei Stühlen bestand und einem Regal.

Hurch darf bei mir alles, dachte es in mir, pfäffisch reden, einen Mullahbart tragen und existenzielles Schwarz, Hurch darf bei mir alles, denn er hat meinen Film gezeigt. Auf dem dicken Festival, meinen ersten Film, nie hätte ich darauf gehofft, aber er hatte es getan. Meinen Film gezeigt, ohne mich zu kennen, ohne Freundschaft oder Liebe, weil er den Film gesehen hatte. Auf dem Rad hatte er gesessen, in Locarno. Habe den Film gesehen, hatte er wackelig gesagt, der Schweiß war in Strömen aus seiner schwarzen Klu gelaufen, werde ihn zeigen. Den Film. Deswegen darf Hurch alles. Wenn Hurch mal in der Patsche sitzt, werde ich kommen, die Hand reichen und Hurch aus der Patsche ziehen. Hat mir geholfen, Hurch darf alles, werde ich dann sagen, Mullahbart hin, schwarze Kluft her, Hurch darf das, pfäffisch reden und in Rätseln, Freunde nicht mögen, ungerecht sein. Hurch darf.

Er sah aus wie ein spanischer Grande, den zwei Zeitmaschinen in der Mangel gehabt hatten, eine hatte den Hurghe-Duque aus Medina-Sidonia gebeamt, aus der ältesten Stadt Europas, mitten aufs Land, in ein kleines Poughkeepsie, wo sie Käse reifen lassen und Cinematophilie. Eine zweite Zeitmaschine hatte Hurch als einen der ersten aus dem Käsepoughkeepsie ins Protoboboville expediert. Protobobovillains wie Hurch tragen ihr Leben lang Schwarz. Am Schwarz ihrer Couture ist Sartre schuld. Und Camus. Hurch darf schon deswegen alles, weil ich die Schwarztragenden schätze. Als Atheisten sind sie mir lieber, ich gebe es zu, aber Hurch darf alles, darf auch pfäffisch sein und den Katholiken in sich schüren. Sogar das Kloster ließe ich ihm durchgehen, er darf alles. Schwarzgekleidet, mit dukalem Bart, das Kino im Herzen, hat er, Hurch, Boboville erbaut. Nicht alleine, gewiss, und keine einzige Farbe hat er angerührt. Für die Farbe haben mein Bäcker gesorgt und die kitrauchenden Bauerntöchter, die Bergaufschuhe vertrieben und Kristalle auflegten und John McLaughlin auf ihren Plattenteller legten und mit dem Further nach Haight-Ashbury pendelten.

Hurch hatte sich noch nicht gezeigt, am Bobovillegartenspitz, aber auch das durfte er, Hurch durfte alles.“

Aus: Dusl, Andrea Maria: Boboville, Wien, 2008, pagg. 137f.

Es ist warm

Über den ersten Satz
Andrea Maria Dusl für die 2009er-Weihnachtsausgabe der Salzburger Nachrichten.
Der erste Satz ist immer der schwierigste. So könnte ich anfangen. Aber so fängt man nicht an. Man fängt an wie Günter Grass. Man schreibt ein Buch über die Geschichte der Welt, führt einen sprechenden Fisch ein, nennt ihn Butt und dann beginnt man den Ziegel mit dem Satz der Sätze: Ilsebill salzte nach. So macht man sich bei den Romananfängeanalysten beliebt. Überhaupt sollte man dem animalischen sich verpflichten. Auch zweite Plätze im Romangutanfangen lassen sich mit Geschichten über sprechende Tiere gewinnen. Franz Kafka gelang dies mit dem Einstieg in seine Erzählung “Die Verwandlung”: “Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ So macht man das. So fängt man an. So wie Grass. So wie Kafka.
Was mache ich? Lerne ich bei den Meistern? Lasse ich mich von der Aussicht auf Spitzenplätze in Romananfängewettbewerben verführen? Nein. Mein Roman “Boboboville” beginnt mit dem kurzen Befund: “Es ist kalt.” Kein schöner Satz. Kein wärmender. Kein einladender. Aber ein erster. Der erste Satz des Romans. In einem zwiefachen Sinn. Es ist der erste, den ich tatsächlich für diesen Textkörper schrieb, der allererste, der Geschichten erster Gedanke, und es ist auch der erste, den man zu lesen bekommt. Darf man das? Darf man schreiben “Es ist kalt”? Sollte man nicht schreiben: “Ilsebill salzte nach”? So begönne man Romane und so begann Grass den Butt. Und wenn einem das nicht gelänge, weil es ein Titan schon davor getan hätte, dann müsste man nachdenken und sinnen und vielleicht eine Asymptote zu Papier bringen:
“Ilsebill salzte nach, so stand es in dem Buch vom Butt, dem Grassziegel, dem Satzanfangemeisterbuch, und ebendieses lag vor mir, leuchtete mich an und mahnte und liess mich den Ilsebillsatz schreiben, als meinen eigenen Romananfang ausgeben, raffiniert durch Sätze taumeln und atemlos nach eigenem ringen, nach kahlem, kurzem, nach einem Satz wie dem: Es ist kalt.”
So ginge das. So liesse sich die Klippe umschiffen. Ich gestehe, dass ich daran dachte, Ilsebill nachsalzen zu lassen. Aber dann war ich streng zu mir, einsame Waldviertler Scheunenwände, fröstelndschroffe Tirolerberge und das schüttere Grau der Wiener Zinshausschluchten flogen an mir vorbei und noch bevor mir Worte durch den Kopf gingen, stand der Satz da: Es ist kalt.
Dabei war es gar nicht kalt, es war Sommer, es war: kühl. Ein Tiefdruckgebiet peitschte durch die Stadt, kroch unter die wärmenden Luftpolster, die sich in den Wohnungen versteckt hatten. Fritzl, der Tresorkinderbesitzer war das Thema der Tage, und das Feuilleton stapfte durch Charlotte Roches Feuchtgebiete. Für die Kälte des Sommers hätte ich andere Worte finden können, “Der Sommer war kühl”, oder “Sommers Kälte griff nach mir.” Aber ich beschrieb die Kälte der Seele. Ich dachte an den Namensgeber des Platzes, an dem ich wohnte, Hugo Wiener, ich erinnerte mich an seine Emigration nach Caracas und dass er, heimgekehrt mit Cissy Craner, seine Wiener Wohnung jahrein jahraus, ungeachtet jeglicher Jahreszeit, auf tropische Wärme hochgeheizt hatte. Daran dachte ich, als ich beim Fenster hinaussah auf die Hugo-Wiener-Platz-Platanen und der Frost der Geschichte in mich hineinkroch. Deswegen war mir kalt. Und deswegen schrieb ich den Satz. Es ist kalt.

Showtime ::: Universität für Angewandte Kunst ::: Vorlesung

Boboville-100.jpgBoboville goes University. Im Rahmen des Vorlesungszyklus „Backlist 20th Century: Raum, Zeit und Krise des Erzählens“ von ao. Univ-Prof. Dr. Ernst Strouhal werde ich aus meinem Roman „Boboville“ lesen.

 

Donnerstag, 26. November 2009
um 17:00 Uhr

Universität für angewandte Kunst
Abt. f. Kunst- und Kultursoziologie
Neubau; Hörsaal 3/Kl. Seminarraum
Oskar Kokoschka-Platz 2
A-1010 Wien
Der Eintritt ist frei!
Es lebe die Wissenschaft.

 

Boboville ::: Der Bäcker

Boboville-100.jpgUm zehn, so spät war es geworden, hatte mein Bäcker noch offen. Mein Bäcker. Er trug ein mehlstaubiges Unterhemd und eine mehlstaubige Bermuda, sprang aus dem heißen Keller in den Laden herauf. Es war nicht das Springen eilfertiger Haster, es war ein schwebendes Springen, ein Flug. Mein Bäcker war ein Krieger, über seine Muskeln spannte sich die Haut alter Hippies, ein ledriges Braunrot, wie das der Bäuche von Füchsen. Es konnte nicht von den Öfen kommen, meinte ich, aus den Öfen kommt trockene Hitze, kein Licht, Hitze kann doch Haut nicht bräunen, Sonne macht das. Ich dachte an die Bäcker meiner Kindheit, sie waren allesamt bleiche Gestalten gewesen, blutleer und teigig, sonnenfern. Sie schufteten in der Unterwelt, in den heißen Kellern, wo die Mauern dick waren und die Fenster klein. Woher hatte mein Bäcker diese Bräune, hatte er künstliche Sonnen in seinen Kellerlampen? Schlief er im Park, wenn er ruhte, am Strand? Von zwölf bis sechs, in der sengenden Glut?
Mein Bäcker hatte LSD-farbige Haare, von Mehl gestärkt, sie liefen in ein armdickes Haartau aus, das filzig und fest an seinem Rücken hing, wie ein Keulengriff. Ein Stirnband verbarg seinen Haaransatz, es war feuerrot. Nun war es zehn, spät für den Bäcker, er war schon müde, und sprach nicht mehr, aber mochte es Mitternacht sein, zwei oder drei, dann dampfte es aus dem Hippiekeller und staubte, dann gelang sie, die Sprache, dem Hippiebäck. Durchs offene Bäckerfenster reichte er dann Milch und Weißbrot, Marmelade und Käse. Und verschwand wieder, für Minuten, in den Bäckerkellern, um Brötchen in die Vulkane zu schieben. Eine kleine Oase der Unversperrtheit, die mehlstaubige Bäckerei schräg gegenüber von meinem französischen Atelierfenster.
Welche Farbe hat LSD, fragte ich den Bäcker. Ich frage das jetzt mal so aus dem Bauch raus, es ist schon spät am Morgen, ich möchte mir die Antwort aufs Brötchen tun. Welche Farbe hat C20H25N3O? Lucy in the Sky, sagte der Bäcker mit einer Langsamkeit, die mich an den Wurm in den Mezkalflaschen erinnerte, mit Diamanten. Lucy ist rosa mit rotierenden Spinellen und Spiralen aus Turmalin. In der Mitte des Himmels wabern amethystfarbene Blitze und grellazurne Saphire. Aus dem musivischen Pflaster aus Carrara und Basalt können Büschel aus singenden Türkisen wachsen. Sie zeigen sich nicht immer, denn sie sind scheu. Zehzwanzig Hafünfundzwanzig Enndrei Oh, LSD, die blauen Bäckeraugen leuchteten wie das Meer in einem Atoll.
Das hier, der Bäcker bohrte seinen Finger in ein Säckchen mit Traubenzucker, ist C6H12O6. Das nehmen die Läufer, wenn sie nach den Endorphinen hecheln. Um Lucy zu sehen, muss man nicht in den Endorphinen laufen. Um Lucy im Himmel zu sehen, mit Diamanten, muss man nur Mutterkorn aus dem Mehl holen. Das hat Albert Hofmann von uns gelernt. Und dann stieg er in den Bus. Das Mountain Girl, Carolyn Adams, weißt du, sie wurde dann Jerry Garcias Alte, sie war die Fahrerin vom Further. Der bemalte Bus von den Merry Pranksters. Der Hippiebus. Der einzige, der Echte. Hier vorne, er deutete nach draußen, am Hugo-Wiener-Platz, in der Verlängerung von wo die Friseure ihren Salon haben, da war die Haltestelle vom Further. Glaub mir. So war das. Ein Ticket nach Haight-Ashbury kostete nicht die Welt. Einen Tag Arbeit, junge Frau, mehr nicht. Einen Tag Arbeit für einen Monat mit dem Further.
Am Steuer vom Further saß Carolyn. Und warum war sie das, warum war Carolyn die Fahrerin? Sie war eine Bäckerstochter aus Poughkeepsie, Newboboyork. Du bist zu jung, sagte der Bäcker und schaufelte Semmeln, nicht viel zu jung, aber sieben Jahre zu jung. Sieben Jahre älter, und du wärst mit uns gekommen, mit dem Further gefahren. Nach Esseff. Hinter die große rote Brücke, an den Strand, wo dich der Ozean holt. Alle waren sie Bäckerkinder, der ganze Hippieadel. Mutterkornkinder, Lucys Diamantenbrut. Jerry Garcia von den Grateful Dead, Paul Kantner von Jefferson Airplane und Maya Gegeris, sie wohnte in 908 Steiner. Alles Kinder von Bäckern, zu Hochmittag gezeugt, in der Sonne. Sonnenkinder, Bäckerkinder.
…………..
Textpassage aus meinem Roman „Boboville“, erschienen 2008 bei Residenz.

Interview ::: Wo ist die Wahrheit im Roman? ::: Andrea Maria Dusl und Gustav Ernst

Zwischen Fakten und Fiktion. Wo ist die Wahrheit im Roman?
Was ist wahr bei einem Roman und was ist Erfindung? Ist ein Roman immer nur Fiktion oder gibt es so etwas wie Wahrheit im Roman und wenn ja, wie sieht sie aus? Darüber geben Andrea Maria Dusl und Gustav Ernst Auskunft und auch über ihre neuen Romane. Von Tobias Hierl, Chefredakteur Buchkultur

Buchkultur: Als ich „Boboville“ gelesen habe, war ich mir nicht sicher, ob das ein Roman ist. Es kommt eine Andrea Maria vor, später dann eine Dusl. Ich war mir nicht sicher, schreibt sie jetzt über sich. Sind das Sachen, die ihr passiert sind, oder ist das fiktiv?
Andrea Maria Dusl: Ich schreibe, seitdem ich weiß, in welche Richtung die Buchstaben gehen und das Erste was ich schreiben musste, was eine zusammenhängende Geschichte war, war ‚Meine Schultasche erzählt’ und die Schultasche hat genau die gleichen Dinge erlebt wie ich. Insofern habe ich nie die Kulturtechnik erlernt Fiktion von Realität zu unterscheiden und ich bin auch nie in ein germanistisches Seminar gegangen, um diesen Unterschied zu lernen. Ich bin völlig autistisch, was die Technik des Romans betrifft. Ich kann die Welt nur aus mir heraus sehen und beschreiben. Was ich nicht erlebt habe, existiert nicht. Es klingt hart, aber…

„Interview ::: Wo ist die Wahrheit im Roman? ::: Andrea Maria Dusl und Gustav Ernst“ weiterlesen

Boboville ::: Lesung ::: Langenlois

Boboville-100.jpgLangenlois! Boboville kommt! Das Buch der Bücher über die Stadt in den Städten. Heute, Samstag, den 27ten September 2008, 21 Uhr lese ich aus meinem, soeben bei Residenz erschienenen Stadtroman Boboville. Freut Euch, Poughkeepsies, über unglaubliche Bobo-Geschichten bei der Septemberlese in der Kellerwelt des Loisium in der Loisiumallee 1, 3550 Langenlois, Niederösterreich.
Kommet und loiset!
27.9.2008, 21 Uhr
Loisium
Loisiumallee 1
Langenlois

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Loisium
Septemberlese Ursinhaus

Boboville ::: Präsentation ::: Schikaneder

Boboville-100.jpgEs ist soweit! Boboville kommt! Das Buch der Bücher über die Stadt in den Städten. Heute, Mittwoch, den 24ten September 2008, 19 Uhr präsentiere ich meinen soeben bei Residenz erschienenen Stadtroman Boboville. Ich lese aus und plaudere über unglaubliche Bobo-Geschichten im Schikanederkino in der Wiener Margaretenstrasse 24. Und nachher steigt in der Schikanederlounge die Boboville-Launch-Party.
Kommet und höret!
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Buch bestellen oder Dusl buchen?
Hier geht’s zur —> Residenz-Homepage von Boboville.
Schon mal was lesen? Aber sicher!
–> Hier und hier.

Boboville ::: Vorabdruck in der „Presse“

„Die ,Negerlein‘ im heißen Afrika der Heiden und der wilden Tiere, so erzählten uns die Schwestern, befänden sich in den Fängen des Satans, der ihnen nicht nur den falschen Geburtskontinent, sondern auch die falsche Hautfarbe mit auf den Lebensweg gegeben habe.“ Aus meinem Roman Boboville. Vorabdruck in Die Presse – spectrum vom 19.09.2008
Präsentation und Lesung von Boboville: 24.9., 19h im Schikanederkino, Wien 4., Margaretenstrasse 24.
Weitere Lesung am 27.9., 21h im Loisium Langenlois.
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Boboville-220.jpgWeiter gegen den Wald, der hier einmal stand, jenseits von Boboville, im Dunkel der Provinz, da lag unsere Schule. Es war keine normale Schule. Ganz im Gegenteil, es war eine ganz und gar unnormale, absonderliche, eine ganz und gar abscheuliche Schule. Die Private Volksschule des Vereins der Schulschwestern vom 3. Orden des hl. Franziskus für Knaben und Mädchen mit Öffentlichkeitsrecht. Sie war das Gegenteil vom Bonbongeschäft. Aber für die Genese Bobovilles, für die Aufklarung der Andreamaria waren die Vorgänge in ihrem Inneren gewiss mindestens so wichtig. Denn wo Licht ist, so lernten wir es im Religionsunterricht beim Herrn, den wir den Herrn Katechet nannten, ist immer auch der Schatten. Und es war viel Schatten im Gebäude Leopoldsgasse 1a.
Auch dieses hatte seine Richtigkeit. Ein Gebäude wie das der Schulschwestern konnte nur die Hausnummer 1 tragen. Nichts anderes wäre denkbar gewesen als diese Zahl. Und um die Gelegenheit zu nutzen, diese Erstheit noch zu unterstreichen, fügte das Schulschwesternkommando auch noch den Buchstaben „a“ an. Jedes Gebäude, das diese Nummer hätte unterschreiten wollen, hätte tief in die Untere Augartenstraße hinein bauen müssen und sich Leopoldsgasse römisch eins groß A nennen müssen. Leopoldsgasse IA. Eventuell hätte ein solches Gebäude der Schulschwesternburg den Eminenzrang abgelaufen. Jenseits dieser Privatüberlegungen hatte die Hausnummer „1a“ etwas zutiefst Schulisches. Klar, dass ich eine Klasse besuchte, deren Kennzahl ebenfalls „1a“ war.
Als noch viel Schatten war im Dunkel der nonnengeführten Schulburg, wurde viel mit Licht hantiert. Es wurde Licht ins Dunkel gebracht. Mit Kerzen, schirmlosen Hundert-Watt-Birnen und mit dem Feuer der Spende. Erinnern wir uns doch, wie das ist in Schnitzelland. In heiligen Zeiten, meist ist das der Advent, die Zeit der Besinnung, gefällt sich Boboville darin, Gnade vor Unrecht walten zu lassen und den einen oder anderen Schein zu spenden. Im Kerzenlicht der Betroffenheitsgalas werden Spenden lukriert, dass sich die Konten biegen. Wie das geht, lernten wir 1968. In der Schule. Während anderswo die Pflastersteine aus dem Boulevard gerissen wurden. In Saint-Germain-des-Prés. Auf der Wiese des Widerstands. Wie man Spenden aus den Herzen schneidet, lernten wir in der Rue Léopold. In keiner Schule Bobovilles lernte man das Spenden besser als in der Volksschule des Vereins der Schulschwestern vom 3. Orden des hl. Franziskus für Knaben und Mädchen mit Öffentlichkeitsrecht.
Ich gebe nichts. Außer Roma-Musikern, in denen ich aus familiären Gründen meinesgleichen sehe, gebe ich nichts, nie, niemandem, außer meinen Freunden, den Musikern. Die Spende ist das Böse. Zwischen mir und der Spende steht die Unmöglichkeit. Schon das Wort löst in mir Beklemmungen aus. Die Abneigung gegen das Spenden überfiel mich in der Volksschulklosterburg. Die Schwestern, in deren Obhut ich mich befand, weil mein Vater am Auftrag zu einem Kirchenbau bastelte, die Schwestern in der Leopoldsgasse 1a, hatten ein ausgeklügeltes Ritual entwickelt, um an Geld zu kommen. Zu allen heiligen Zeiten, die riefen sie aus, wie ihnen das katholenkalendarisch passte, wurde der „Negerlein“ gedacht. Die „Negerlein“ im heißen Afrika der Heiden und der wilden Tiere, so erzählten uns die Schwestern, befänden sich in den Fängen des Satans, der ihnen durch eine Gnadenlosigkeit ohnegleichen nicht nur den falschen Geburtskontinent, sondern auch die falsche Hautfarbe mit auf den Lebensweg gegeben habe. Diese tragische Konstellation gelte es zu lindern. Direkt in die Hölle kämen die armen „Negerlein“, wenn nicht geholfen würde. Gestorben würde schnell in Afrika. Und wenn wir tatenlos zusähen, dann wäre alles verloren.
Ein „Negerlein“ nach dem anderen würde in den Höllenschlund hinabsausen, und was und wie es sich da abspielte, sollten wir uns lieber nicht vorstellen. So war das, in der dunklen Abgeschiedenheit der Leopoldsgasse 1a. Wir müssen helfen, Schwester Benedicta, rief es in Andrea Maria in der ersten Reihe, Birgit in der zweiten war den Tränlein nahe, und Silvia mit zwei i ohne Ypsilon neben mir saß stumm vor Schreck beim Gedanken an die unaussprechliche Satansgewalt an afrikanischen Kindern. Wie können wir helfen, schrien wir im innerlichen Chor, hätten wir tatsächlich geschrien, wäre es in einer Lautstärke gewesen, mittels derer im Urania-Kasperltheater die Prinzessin vor dem Krokodil gewarnt wurde. Aber tatsächliches Schreien war im Schulschwesternbunker nicht erlaubt. Nur das innerliche Schreien, der stumme Schrei der Seele, der hatte Gottes Segen.
Ganz einfach könnt ihr helfen, antwortete Schwester Benedicta mit ihrer weihrauchbelegten Stimme, und ihr nacktes Gesicht glättete sich unter dem schwarzen Schleier: Ihr müsst ein Negerlein taufen lassen. Denn nur wenn es getauft sei, so verkaufte sie uns den Deal, nur wenn es gekauft sei, misslänge es dem Satan, seine schmutzigen Krallen nach dem unschuldigen Heidenkindlein auszufahren. Gekauft, sagte die haarlose Benedicta, so wahr dieses Buch hier Bobovilleheißt. Nur wenn einer von den katholischen Missionaren, den Helfern und Heiligmäßigen der päpstlichen Armee, die Erbsünde von ihnen abwüsche, wären sie rein und fein für den Erlöser, so dieser sich anschickte, eines der armen „Negerlein“ zu sich zu rufen. Und der Erlöser rief gerne und oft. Das war Teil seiner Agenda. „Negerlein“ zu sich rufen.
Ob man nicht Suppe schicken sollte oder Semmeln, wollten wir wissen, und Schulbücher, ja vielleicht Spielsachen? Mehlspeisen? Neinneinnein, grimmten die Haarlosen, all das wäre nichts, ja Hohn, wenn es Ungetauften dargebracht würde. Denn nichts, nichts und aber nichts wäre so heilbringend wie die Taufe. Ohne Taufe wäre das Heil hinüber. Und die Taufe, so versprach uns Schwester Benedicta in einem feierlichen Tonfall, die Taufe könnten wir ihnen bringen. Wir. Niemand anderer. Nicht der Papst, nicht der Herr Katechet, nicht die Schwester Direktor, die Schwester Treppe oder die Schwester Pforte, nicht Bürgermeister Marek, nicht die Frau vom Papiergeschäft. Wir.
Hundert Schilling koste die „Negertaufe“. Hundert wohlfeile Schilling, so viel wie hundert Bensdorp-Schokoladeriegel, so viel wie tausend Stollwerck-Zuckerl. Unermesslich wohlfeil für eine Gnade, die das Höllentor verschließen konnte. An jenem Tag, dem ersten dieser Art, den ich erinnere, gingen einunddreißig Schulkinder der 1a in der Schule der Schulschwestern in der Wiener Leopoldsgasse nach Hause und machten ihren Eltern klar, dass, wenn morgen nicht alle mit Hundertschillingscheinen in der Klasse erschienen, all die „armen Negerlein“ mit ihren „schwarzen Häuten“ und kurzärmligen Hemden vom Satan persönlich verspeist würden. Ungetauft und nach ewig langem Rösten im Fegefeuer der Versäumnisse.
So kam es, dass am nächsten Tag dreißig Wiener Schulmädchen, vom Gedanken an die Rettung von einunddreißig „Negerlein“ erfüllt, dreißig Kuverts mit Hundertschillingscheinen übergaben und mit der Kenntnis des Ausdrucks „Gutes Gewissen“ belohnt wurden. Klara Polacek, die Tochter vom Fleischhauer am Karmelitermarkt, hatte ein Kuvert mit 5 Hundertern mitgebracht – eine geradezu überirdische Christentat, wie Sr. Benedicta sich bemühte zu erklären. Einige Monate später, der Krampus war ins Land gezogen, das Christkind, Frau Holle und auch die Heiligen Drei Könige, brachte Sr. Benedicta Nachricht aus Afrika: Bilder unserer Taufkinder. Der Glaser in der Leopoldsgasse hatte sie zwischen zwei postkartengroße Glasscheiben gepresst und mit rosafarbenem, mit korngelbem, mit giftgrünem Textilband eingerahmt. Fünfunddreißig verglaste Selige. Das waren sie, die Spätgetauften, die „Negerlein“, die von uns Geretteten! Wir hatten Tränen in den Augen und Christus im Herzen. Und das Gute Gewissen des gefälligen Glaubens.
Bis mein Bruder Christian, wir nennen ihn Kai, im übernächsten Jahr mit dem Bild seines „Negertäuflings“ nach Hause kam. Und seltsam: Der Porträtierte sah genauso aus wie meiner, und hätten wir fotografische Zusammenhänge benennen können, hätten wir gesagt: Das ist ein Abzug vom selben Negativ. Weil auch unbenennbare Zusammenhänge neugierig machen, kletzelten wir die korngelben Textilrahmen entzwei und verglichen die beiden Bilder miteinander. Sie waren identisch. Emanuel Izuagha und Markus Adegboye glichen einander wie ein Ei sich selbst. Auf der Rückseite trugen beide Bilder den gleichen Stempel: Foto Hubalek, Favoriten.
Seither hege ich berechtigte Zweifel daran, dass auch nur irgendein Teil jener Summe, die wir jahrein, jahraus in das Taufen dunkelhäutiger Heidenkinder investierten, dazu diente, den nach dem Seelenheil Ungetaufter gierenden Höllenschlund zu verriegeln. Im Garten meiner Erinnerung riechen die Wörter Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Spende nicht nach Rosen, sondern nach dem taubenbeschissenen Efeu im Hinterhof der Schulschwestern vom franziskanischen Gnadenwohl.

Boboville ::: Vorabdruck im „Falter“

Boboville-25-Tage-500.jpgIn 25 Tagen ist es soweit. In 25 Tagen erscheint mein Roman Boboville. Bei Residenz. Das sagt man so. Erscheint bei Residenz. Die Präsentation wird im Schikanederkino stattfinden, am 24ten September, um 19 Uhr. Es wird leiwand werden in dem kleinen Kino. Aber ich lese noch wo anders. Ich werde viel lesen aus Boboville. —> Hier geht’s zu den Terminen.
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Mein Lesefreund Klaus Nüchtern, der Mann mit dem ich nach Poughkeepise fahre, um zu lesen, wenn wir lesen, gemeinsam, Klaus Nüchtern hat eine Episode aus Boboville als Vorabdruck in Falter 35/2008 gehängt. Hier nun ein erster Blick auf die Geschichten in Boboville:


Swuh, Newauuah, Rahr

Warum es so ist, weiß ich nicht, aber als Kind, so viel ist sicher, hat man einen schlechten Musikgeschmack. Um genau zu sein, und ich spreche hier von mir, hatte ich überhaupt keinen Musikgeschmack. Die Reste von irgendwas, was mit Musik zu tun hatte, hatten mir die Nonnen abgewöhnt, die Leopoldsgassennonnen, wenn ich am Klavier klimperte bei ihnen, um das Etüdenheft abzuarbeiten, dann war das schon nicht so funky, schwarze Musik, das sollte ich später lustvoll lernen, hörte sich anders an. Die Nonnen jedenfalls groovten nicht, niemals taten sie das, indes sie wichsten mir mit dem Rohrstab auf die Finger, Bambus zu ihm zu sagen hatten die bösen Tanten nicht den Mut, Bambus hätte ja Schwanz heißen können oder Stängel oder Penis, oh Gott. Als ob Rohrstab nicht auch schon Penis hieße.
Musik tat mir weh, und der Nonnen Schläge hatten Klavier und Klang auf bestialische Weise mit dem Thema Schmerz verschweißt. Es sollte viele Jahre dauern, bis das jemand wieder lösen konnte. Freddie Mercury hieß das Wesen, es war das Gegenteil jeder Nonne, gewiss war er das und darum liebte ich ihn vom ersten Augenblick an. Er trat in mein Leben zur Skikurszeit im Bergesland, wie war das, den Tag hindurch ödes Laufen am Hang, Rutschen in weißen Wiesen, kalte Finger und Schmerzen im Schuh. Aber am Abend, da war Party. Zwölf waren wir und wir knospten und wir konnten schon küssen, wenngleich es verboten war. Wer küsste, fuhr heim, sagten sie, die Sportlehrer, wo sie es doch selber miteinander trieben, wir hatten ihn gesehen, den Drohbard, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seine Hose warf sich nach vorn, hatten gesehen, wie der Lehrer ins Zimmer seiner Kollegin gehuscht war. Hatten gelauscht, hatten das Stöhnen der Turnlehrerin vernommen und sein tierisches Juchzen und das metallische Quietschen der Betteinsätze.
Küssen war nicht und sonst auch nichts, bei uns jedenfalls nicht, aber Hopsen war und Party, mit Apfelsaft im Glas und Strähnen in den Pupillen. Und dann kam es in mich, das Lied, das den Schmerz radierte, ein hagerer Beau klimperte es, auf einem Bechstein. Noten wie aus dem Etüdenheft, nur schöner, viel schöner, jenseitig schön und ohne Rohrstäbe war es und ohne Nonnengift. So geschah es, dass ich die Musik wieder in mein Herz ließ. „Killer Queen“ hieß das Lied, und um es zu verstehen, habe ich mir nach dem Skikurs ein Wörterbuch gekauft. Moët kam vor, was war das bloß, und Marie Antoinette, Gunnenpuder und Gelatine, Chruschtschow und Kennedy, Kaviar und Zigaretten, Dynamit und ein Laserstrahl, und nie, sang Freddie mit der Stimme im Falsett, behielt sie dieselbe Adresse, sang er von Greta? Parfum aus Paris, ja so war sie, verspielt wie eine Pussikatze. She’s all out to get you, wanna try? Nein, wollte ich nicht, ganz sicher nicht, probieren wollte ich das nicht, ich wollte es sein, sofort und für immer, Komplikationen inbegriffen.
Aber da war ja noch was, noch was hinter dem Freddiegeklimper, ein singender Ton. Es klang wie eine Geige, aber es war keine, dann klang es wie ein Saxofon, aber das war es auch nicht, und ein Sündeseiser, so sagten sie, war es auch nicht, denn das stand auf der Queenplatte, ich hatte mittlerweile eine, keine Synthesizer stand da, no synthesizers, und das musste doch stimmen. Was war das, hinter den Freddietastenklängen, hinter dem lieblich perlenden Bechstein, war das eine Gitarre, die der hagere Lockenkopf da auf den Saiten kitzelte?
Ich fragte Harry Hassler, einen Mitschüler aus der Parallelklasse, der einzige, der lange Haare trug wie die Wesen von Queen, der konnte so etwas wissen, der musste es wissen, der hatte seine Gefahrhaare nicht ohne Grund. Aber sicher, wieherte Hassler, das ist der Breihenmeh, er hat eine elektrische Gitarre, kleines Mädchen. Elektrische Gitarre, was ist das? Gibt es nicht bei uns, gibt es in Carnaby. Eine Gitarre, die man an den Strom steckt, mit einem Kabel, dummes Kind, und die macht dann diese Töne. Wie geht das, wo steht das? Steht in Bravo, wieherte Hassler und wedelte mit seinen honigfarbenen Locken, die Saiten werden elektrisch und man muss sie nicht zupfen, man legt den Finger auf die Saite und es macht Swuh. Wo bekomme ich so eine Gitarre?, fragte ich Hassler. In Carnaby, sag ich doch, hab ich gelesen, sagte Hassler gelangweilt, gibt es ein Geschäft.
Es war um mich geschehen. Carnaby wurde meine Sehnsucht. Die Stadt mit Breihenmehs Gitarre. Hinter dem Wasser, gut, dass wir Englisch lernten, man würde mich verstehen, eines Tages im Elektrogitarrengeschäft. Das war nun mein Plan, einmal ins Elektrogitarrengeschäft zu kommen, in Carnaby, hinter dem Wasser und die Breihenmehgitarre zu kaufen, zu kaufen, zu haben, und aus ihr die Swuhs und Uahs und Newauuahs zu locken, die so süß und schön klangen, so hurtig und bizarr, so außerirdisch und fern. Swuh, Newauuah, Rahr.
Harry Hassler, er wieherte, wenn er lachte, wurde mein Freund, mein Berater, mein Intimus, mein Kamerad. Er durfte mich anstrahlen und wiehern, wann er wollte, seine fiebrigen Witzchen erzählen und mich auf den Mund küssen und meine Hand halten und rot werden, aber er musste mir alles erzählen, alles, was er wusste, erzählen, sobald er es erfuhr, alles über die elektrische Gitarre. Das war zu einer Zeit, als die Bobos noch in der Erde staken wie Spargelspitzen im Furchendamm. Es gab keine Handys, es gab kein Internet, die Computer waren so groß wie Bungalows und Taschen waren aus Leder gemacht und nicht aus Lastwagenplanen. Musik wurde in Carnaby gemacht, von Leuten mit Frisuren so groß wie Kleinplaneten und Sohlen von der Höhe einer Hochzeitstorte. Es war eine coole Zeit.
Und sie dauerte ewig. Denn es war eine langsame Zeit. Das Schnellste, was es zu dieser Zeit gab, war die Saturn V. Die Rakete, mit der man Menschen zum Mond brachte. Minuten dauerte es, bis sich der Riesenspargel gegen die Schwerkraft gestemmt und ein paar Etagen an Höhe gewonnen hatte. Eine coole Zeit. Ich mochte sie. Die Zeit vor den Schulterpolstern, die Zeit vor den Sicherheitsnadeln, die Zeit vor dem Boboismus. Eine Zeit der unzelebrierten Langsamkeit. Am Gymnasium, wo Harry Hassler um mich herumtanzte und wieherte, gegenüber vom Chemischen Institut, in der Gasse, die nach einem gesunkenen Schiff benannt war, da lehrten sie Sanskrit. Latein, Griechisch, Sanskrit, das war schon cool. Und langsam. Daran konnte man sich anhalten, am Rausch der Langsamkeit. Nur eines fehlte mir zum Glück. Die schönen Töne aus der Breihenmehgitarre. Die Stromgeige aus Carnaby musste her, Harry Hassler war gefordert.
Und dann, eines Tages, wieherte es und Harry Hassler sagte, die Messe, die Messe käme in die Stadt, hinten am Fluss, wo die Hallen sind, die große internationale Messe, sie käme. Was kommt sie, wie kommt sie?, fragte ich Hassler, sein Haarstroh wogte vor Freude. Die Messe, dort, wo es alles gab, das Neueste, Traktoren und Tonbandmaschinen, einfach alles, Transistorradios und Tastentelefone, Torsionsstäbe und Tischventilatoren. Und haben sie die Breihenmehgitarre? Vielleicht, sagte Hassler, schon möglich, man wird sehen. Und gehen wir hin, fändest du den Stand? Aber sicher, sagte Hassler, kein Problem, ich finde den Stand, aber nur, wenn du mit mir schwimmen gehst. Mit dir schwimmen, warum? Um zu üben. Was musst du üben?, sagte ich. Üben den Kopfsprung, sagte Hassler, im Schwimmbad, du musst. Du musst mir zusehen, ob mir der Kopfsprung gelingt, ob er gut aussieht. Und dafür werde ich auf die Messe gehen mit dir.
Können wir nicht auf die Messe gehen so? Ohne Bad, ohne springen? Neinneinneinnein, sagte Hassler, der Kopfsprung, ich brauche dich. Du musst ihn betrachten und mich lehren, wenn ich ihn falsch mache oder hässlich, dann musst du mir sagen, was falsch war und warum, und wenn er gelang, der Sprung, musst du klatschen und jubeln, ich brauche dich, ja?
Und dann eines Tages, bald war es so weit, trafen wir uns, vor dem Bad, das Hallenbad, unten am Fluss, auf der Bobovilleinsel, es war groß und neu und warm und es brannte in der Nase. Darum mochte ich es nicht, es machte die Haare nass und es brannte in der Nase, hätte ich es gewusst, ich hätte gesagt, es sei das Chlor, aber ich dachte, es läge an meiner Nase. Ich mochte das Bad nicht, man konnte mich sehen, wie nackt ich war, das war’s, was der Hassler ja wollte, das war sein Preis, dafür, dass er mit mir zur Messe gehen würde, die Breihenmehgitarre suchen, meinen Traum. Hassler wieherte mehr als sonst, als wir uns trafen hinter den Duschen, sein Haar hatte er unter einer Haube verborgen, schwarz war sie, durch die Mitte zog ein weißer Streifen.
Hassler sah aus wie ein Geier mit ihr. Sein Höschen war eng und geblümt, nie werde ich den Anblick vergessen. Ich schlüpfte ins Wasser und lobte den dünnen Kerl, wenn er, verboten war es, vom Beckenrand ins Wasser sprang wie ein taumelnder Frosch. Kopfüber, mit dem weißen Scheitel voran. Schneller, trieb ich ihn an, du musst dich mehr biegen, und schöner musst du sein, die Hände gespitzt, die Arme gestreckt. Hassler hatte rote Augen vor Glück, hätte ich es gewusst, hätte ich gesagt, sie waren rot vom Chlor, aber er lachte, und es musste Glück sein, was aus seinen großen Vogelaugen troff.
Und dann saßen wir auf der Bank neben dem Becken, und Hassler griff in den Beutel, er machte es spannend, ich habe gewichst, sagte er, es ist so weit, ich habe es mit. Gleich werde ich’s zeigen. Wie sieht es aus?, fragte ich. Gleich, sagte der Vogel, ich zeig’s nur dir, es ist ein Geschenk, ich dachte an dich, als ich rubbelte und rieb. Wie sieht es aus, ist es klebrig? Oh nein, sagte der Vogel. Er zog einen langen durchsichtigen Schlauch aus seinem Sack. Samen, sagte Hassler, echter Samen, von mir. Es war ein langes ausgerolltes Präservativ, das er da hielt, es baumelte zwischen uns, Hassler wieherte still, echter Samen, echter Samen von mir, sagte Hassler. Wo, fragte ich dann. Na unten, im Reservoir, hier schau’s dir an.
Der Gummi roch nach Fahrradschlauch, ich kannte den Geruch gut, er war stechend und fremd, er schnitt durch den Schwimmbadodor wie eine heiße Klinge durch kalte Butter. Mein Samen, frisch gewichst, heute morgen. Das da unten? Ja genau, sagte Hassler. Es waren schwarze Körnchen, sah aus wie Mohn. Das ist der Samen? Genau. Das ist der Samen. Ich dachte an dich, meine Freundin, als ich rubbelte und rieb. Hassler rollte den Gummisocken zusammen und steckte ihn in meine Bademanteltasche. Für dich. Weil du mir beim Kopfspringen zugesehen hast. Das war mein erster Sex. Ein kleiner Handel.
Vorabdruck in Falter 35/2008 vom 27.8.2008 (Seite 52)

Boboville ::: Handelnde Personen

Boboville-220.jpgHugo Wiener und Cissy Kraner. Christian Broda, der Dusl-Onkel mit den Bauchhosen. Thomas Glavinic, genannt Glawischnig. Charlotte Feuchtgebiet und Boboobergott Harald Schmidt. Der Gott der Hakenkreuze. Theodor-Herzl. Ein Bonbongeschäftbesitzerin, genannt die Bonbonische. Ein Herr Katechet. Schwester Benedicta aus der Klosterschule. Klara Polacek, die Tochter vom Fleischhauer. Emanuel Izuagha und Markus Adegboye, zwei durch Taufe aus der Hölle Gerettete. Jachin und Boas. Zahnarzt-Torquemada Dr. Czingler, Dr. Mengele. Woody Allen. Stan Laurel und Oliver Hardy. Jacques Tati und Buster Keaton. Groucho, Chico, Harpo, Gummo, aber nicht Zeppo Marx. Jason King. Freddie Mercury, der Mann, der mich vor den Nonnen rettete. Eine Notzahnärztin. Ein Sandler. Muckenstrunz auf seinem Kinderfahrrad. H.C-Strache. Ein camelrauchender Koch. Ein goldringpaffender Krocha. Erik, ein Artdirektor. Mein friulanischer Vater. Pasolini. Elmar Platzgummer, der Mann der mich das Brennen lehrte. Dr. Michael Mignon ein Lomograph. Der Kabarettist Maurer und sein scharfes Messer. Larry David. Ein Peterrappbärtiger. Der Jakobsleiternkletterer Daniel Kehlmann. Doris Knecht. Loriot. Der Phil-Mann aus der Lampenbuchhandlung. Bob Dylan. Zladjan, ein Drogengroßhändler. Johnny Guitar Watson. Mein bester Freund: Das liebe Triebi. Synox, der mir das Filmen schenkte. Lovisa Gustafsson genannt Greata Garbo. Mützenmann Josef Mikl. Mein lieber Kurt. Der Hofermichi. Schrom, ein Architekt aus Boston und Santa Fé. Otto, ein Innenarchitekt. Stefan Tempel. Mein Vaterbruder Erich, ein Architekt. Synoxens zappelnden Backfischtöchter. Eine zeichnende Israelin. Savo Petric, ein Hollywoodfriseur, mit Gatten in Weiss. Harry Hassler, der Junge, der mir seinen Samen brachte. Brian May, genannt Breihenmeh. Der Herr Ingeniör. Gitarrenhändler Richie Friedman aus der 48ten Strasse. Der Platzgummerhans. Der Modeschöpfer Klaus Höller und seine Freundin Catwoman. Filmemacherin Martina Theininger. Thomas Bernhard und Glenn Gould. Pippi Langstrumpf. Grissemann, Stermann, Franz Schubert. Erich Kleiber. Napoleon, Black Sabbath. Wolfgang Muthspiel. Ein pakistanische Trafikant. Helmut Schmidt, der Mann mit den Mentholzigaretten. Ein Boychnik aus Katz’s Kosherem Deli. Die Wachalowskibrüder. Nancy und Ronald Reagan. Heidi List. Hitler, Himmler, Joe Walsh. Randy Garcia, Dickie Betts, Leslie West. Der kauzige Gnom aus dem Santo Spirito. Olga, die Frau, aus deren Hände Blitze schlagen. Netrebko und Villazon. Marcello Mastroianni und Anouk Aimée. Albert Hofmann, der Erfinder de LSD. Das Mountain Girl Carolyn Adams. Jerry Garcia von den Grateful Dead. Paul Kantner von Jefferson Airplane. Klaus Nüchtern, ein Lesefreund. Francesca Habsburg-Thyssen. Jimi Hendrix. Frank Zappa. Johnny Guitar Watson. Fertigdenker Schuh und Sloterdijk. Hans Hurch, der bei mir alles darf. Peter Handke, dem Alles gelingt. Die Kollegen Ruzowitzky, Spielmann, Kreihsl. Armin Thurnher, Chefkommentator der Bobovillage Voice. Santana, der Mann, der den Boogie fand. Die Architekturbesinnungsgruppe. Corns Porsche. Hiram Abif, ein Baumeister aus Tyros. Hermes Phettberg, ein Stapler. Jim Hawkins, Schiffsjunge. Kollege David Rühm. Robert Menasse und sein Doppelgänger. Gerald Votava, ein Bobo. Zita, eine Radiofrau. Die Lomographen. Rotor ein Taxi fahrender Boxer. Bagrat, ein georgischer Etablissementbesitzer und Rusudan, seine Frau. Der Mann im sowjetischen Trainingsanzug. Der Mann mit dem ausgeborgten Haar. Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin. Andrej Turkin, der Dichter, der vom Balkon fiel. Tex Rubinowitz. Christopher Wurmdobler und Lolek Tomtschek.
Sowie circa 367 weitere Personen.
Vorabdruck in Falter 35/2008 vom 27.8.2008 (Seite 52)

Schauermolke in Bobopol

Gestern, auf einer Party im düsteren Teil von Boboville (im Wiener Stadtteil Josefstadt, im Häuserblock zwischen den ehemaligen Hauptquartieren von KGB und CIA). Der Filmregisseur mit der holprigen Biographie und dem schönen Haar hat Geburtstag und kocht. Zwei Dutzend Artischocken, einen riesigen Topf Tintenfisch. Der Hausherr, ein Verlagsleiter, der in seiner Blutjugend Sekretär von Bruno Kreisky war, urlaubt auf Bali. Sturmfreie Bude in den Bobo-Salons.

Ein Prinz ist da, verarmt und kunstsinnig, mit einem tausendjährigen Namen der mit “Hohen” beginnt und mit “Lohe” endet. Ein philosophierender Pater mit einer Brille, wie sie ausser ihm nur der Zirkusdirektor Bernhard Paul trägt, eine Zahnärztin, ein Theologe, ein Französischlehrer, ein Bildersammler. Mein bester Freund, der den Laden hier schmeisst, ist Maler. Vor zehn Jahren hat er die fahle Gründerzeitwohnung in einen Trompe-l’œil-Palast verwandelt, gegen den Neuschwanstein wie ein Bauhausappartement wirkt. Seine ehemalige Mitstudentin, eine Restauratorin mit Hang zu schrillen Retrokostümen, noch eine Malerin, die das Schlichte liebt und mit einem privatisierenden Philosophen liiert ist.

Die Artischocken sind heiss und saftig. Statt Limonenbutter gibt es Olivenöl aus der Toskana. Von einem befreundeten Gutsbesitzer, der nebenbei Millionär ist und sich von Mozartpartitiuren ernährt. Die Tischgespräche oszillieren zwischen Erörterungen über die Kraft des barocken Gesimseprofils, falschen Rembrandts und der Entwurfstechnik von Coop Himmelblau (Kartonreste und Haarföhn). Der Eintopf ist schmackhaft, der Octopode zäh. Der Französischlehrer trägt feinstes englisches Tuch, hat blendende Manieren und sprudelt Anekdoten aus Oberösterreich über den Tisch. Der schwule Chemiker ist laut und melancholisch. Der Architekt redet über seinen Fetisch: Das elegante Automobil. Die Seitenblickemoderatorin ist leise und glücklich, dass das hier privat ist.

Zu Mitternacht wird Schauermolke entkorkt und Sektflöten nass gemacht. Geburtstag hat etwas von Sylvester. Es ist dunkel und zu warm für die Zeit. Die Menschen hier kenne ich seit Jahrzehnten und doch habe ich sie in den letzten sechs Jahren kaum gesehen. Plötzlich sind sie wieder da, wie die Überlebenden einer Flut. Die Seitenblickemoderatorin fragt mich leise und mit einem feurigen Blitzen in den Augen: “Und wie hast Du die dunkelschwarze Zeit überlebt?”

Für das Ösi-Blog in der ZEIT.