Sommer 2026

Wenn alle Stricke reißen, häng’ ich mich auf, hören wir aus der Tiefe der Sprachwitzkiste den großen Österreich-Versteher Johann Nestroy sagen. Es kann also nichts passieren, wenn was passiert. In Sachen Apokalypse hat die österreichische Seele eine erprobte Befindlichkeit entwickelt, die der wohlwollenden Ignoranz. Tritt das Unvermeidliche ein, hat man es immer schon gewusst. Ereignet sich nichts vom Prognostizierten, Befürchteten, in Kassasandrarufen Angekündigten, fühlen sich die gelernten Österreich bestärkt im gültigen Geheimnis: „Guad is ‘gangen, nix is g’schehn“.

Dem widerspricht die Vorsicht. Sie meldet sich im Österreichfall sogleich zu Wort und rät dazu, die Dinge nicht zu verschreien (die Sportkommentaristik hält sich nicht daran), und statt zu verzagen, vorzudenken, nachzudenken, oder überhaupt zu denken, lieber den „Sand in den Kopf zu stecken“. Wenn das auch nicht hilft, ist Binnen-Migration ein Mittel der Wahl, denn „wenn die Welt untergeht, dann gehe man nach Wien. Dort passiert alles zehn Jahre später.“ Dieser alte Witz wird, wie der verdiente Zitateforscher Gerald Krieghofer belegte, irrtümlich Karl Kraus, Gustav Mahler und in einigen Varianten auch Bismarck, Hegel, Heinrich Heine, Abraham Lincoln und Mark Twain zugeschrieben. Dass indes auch falsche Zitate richtige Weisheiten transportieren, wurde schon von Konfuzius, Kaiser Barbarossa und dem Graf von Saint Germain erkannt. Wenn es heiß ist, und das ist es in diesem Sommer, wenn die Durstlöschung prioritär ist, dann gilt jedenfalls Edmund „Mundl“ Sackbauers ewige Erkenntnis: „Mei Bier is ned deppat!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 11. Juli 2026.

Stiften gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2026 vom 8. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
viel und oft bin ich mit Jugendlichen unterwegs. In meiner Erinnerung ist der Ausdruck „stiften gehen“ ein Recht gebräuchlicher für verschwinden oder abhauen. Heute ist der Begriff aus dem Sprachgebrauch fast verschwunden.
Ich frage mich seit langem, wo dieser schöne Ausdruck wohl tatsächlich herkommen mag.

Liebe Grüße,
Florian Brandt, Gumpendorf, per elektropostalischer Depesche

Lieber Florian,

das von Ihnen erinnerte „stiften gehen“ ist ein Ausdruck aus der Soldatensprache. Synonym mit Soldatendeutsch ist damit der Jargon oder Soziolekt gemeint, der unter Soldaten gesprochen wurde (und wird). Sie dient(e) als ironische Bewältigung des harten militärischen Alltags und war stark von Abkürzungen, Zynismus und Sprachwitz geprägt. Zahlreiche Begriffe fanden den Weg in die Alltagssprache. Sehr wahrscheinlich haben sich im Stiftengehen zwei Begriffe miteinander vermischt. Das Soldatische kannte für den beliebten Kautabak das Wort „Stift“. „Stiften“ oder „priemen“ bezeichnete den Konsum des Kautabaks. Das unerlaubte Entfernen von der Stellung (oder gar der Truppe) mag sich mit der vergleichsweise harmlosen nikotinischen Kaupause vermischt haben.

Wie so oft hat unser Begriff aber eine viel wahrscheinlichere Herkunft aus dem Rotwelschen und Jiddischen. Jiddisch „schiwes“ (fort-, weg-) gehen ist verwandt mit dem rotwelschen (gaunersprachlichen) Adverb „schiebes“, ebenfalls soviel wie „weg“, „fort“. Beide Wortformen sind mit dem westjiddisch Verb „scheffen“ verwandt, es bedeutet weggehen, sich davomachen, abhauen. „Scheffen“ und „stiften“ haben sich wohl im Barras (dem Militär) miteinander vermischt.

Wo unsere deutschen Nachbarn sich verdrücken, verkrümeln oder verduften, sich dünnemachen, verpissen, ne Fliege, ne Mücke machen oder schlicht Leine ziehen, machen Wiener Fliehende “an Schuach” (einen Schuh) und hauen sich (werfen sich), “üwa d’Heisa” (über die Häuser). Den schönsten Ausdruck für den vorzeitigen Abgang hat das Wienerische aber aus der romaňi čhib, der Roma-Sprache entlehnt, aus Romani “pal” (nach, hinter) wurde “Beuli geh’n” (Päule gehen) oder “beulisian” (päulisieren).


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Big Mac

Der Big Mac, der Doppelstockburger der US-amerikanischen Fast-Food-Kette McDonalds ist weltweit bekannt und gilt als Symbol für amerikanischen Kapitalismus und Dekadenz.

Die Kulturwissenschaftlerin und SN-Kolumnistin Andrea Maria Dusl
über eine amerikanische Ikone.
Für die Salzburger Nachrichten vom 4. Juli 2026.
Geschrieben am 23. Juni 2026.

Ist es der Dollarschein mit dem Konterfei George Washingtons? Das Weiße Haus in der nach ihm benannten Stadt? Ist es das Star Spangled Banner, die Flagge mit den 13 Streifen und den 50 Sternen? Die Freiheitsstatue im Hafen von New York? Welches ist das Symbol für die USA, die Vereinigten Staaten von Amerika. Mächtigste Demokratie der Welt, militärische Superpower, kultureller Hegemon der letzten sieben Jahrzehnte?

Alles an den „US of A“, wie sie Borat, die luzide Kunstfigur von Comedian Sascha Baron Cohen liebevoll nennt, ihre ökonomische Verfasstheit, ihre ästhetischen und kulinarischen Zwänge, ihr Drang nach Übertreibung und Vereinfachung kulminieren in einem gastronomischen Produkt. In ihm ist gültig zusammengefasst, was das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ausmacht. Der Hang zum Großen und Übergroßen, Triumphalen, zum perfekt Ausgeklügelten, jede Seitengasse des Markts Bespielenden. Des Weltmarkts wohlgemerkt.

1965 antworte Jim Delligatti, italienischstämmiger Betreiber einer McDonald’s-Filiale in Uniontown im US-Staat Pennsylvania auf eine Werbeinitiative der konkurrierenden Hamburgerkette Burger King. „Je größer der Burger, desto besser der Burger“ war deren Marketinglinie zum Grillfleischbrötchen „Whopper“. Jim Delligatti antwortete mit einem Doppelstockburger. „Doppelt ist doppelt gut“, war die mitschwingende Botschaft. Im April 1967 begann Delligatti, den Big Mac für 45 Cent zu servieren. Im kulturell prägenden Jahr 1968 stand der Big Mac auf der Speisekarte jedes amerikanischen McDonald’s. Ein Jahr später machte er schon ein Fünftel des Gesamtumsatzes aus. Nach Österreich kam der Kultburger im Juli 1977, als am Wiener Schwarzenbergplatz das allererste McDonald’s-Restaurant des Landes eröffnet wurde.

In einem ganz und gar amerikanischen Interview mit der Los Angeles Times im Jahr 1993 gab Delligatti zu, gar nicht Erfinder des Doppeldeckerburgers zu sein: „Das war nicht wie die Entdeckung der Glühbirne. Die Glühbirne war ja schon da. Ich habe sie nur in die Fassung geschraubt.“

Erfunden oder eingeschraubt, der Big Mac war in die Welt gekommen. Sein Name Programm und Herkunft zugleich. Big war er, also groß, der größte Hamburger der namensstiftenden Marke McDonald‘s. Die war mem-technisch erkenntlich an den gelben Doppelbögen und dem Maskottchen, dem grell geschminkten Kindergeburtstags-Horrorclown Ronald McDonald.

Der Big Mac ist längst Legende, weltweit. Seine Rezeptur ist einfach, aber perfektioniert. Auf dem Boden des in Spezialtoastern gerösteten Weichbrötchens, dem sogenannten „Bun“ wird spezielle Big-Mac-Sauce (eine Variante der Thousand-Island-Dressing) aufgetragen, darauf Zwiebelwürfel aus rehydrierten, durch Gefriertrocknung hergestellten Zwiebelflocken, in Streifen geschnittenem Eisbergsalat, einer Scheibe Cheddar-Schmelzkäse, und dann: Die erste von zwei Poteinbomben, eine Scheibe gebratenes Rinderhackfleisch, „Beef Patty“ genannt. Auf der dritten Etage, dem Mittelteil des Brötchens kommen wieder Sauce, Zwiebel und Salat zum Einsatz, diesmal vermehrt um Salzgurken-Scheiben. Nun folgen der obere Beef Patty und schließlich der Big-Mac-Deckel, weich und griffig zugleich, flockig mit Sesam bestreut. 232 feiste Gramm ist der dicke Mac schwer, mit 545 kcal steht er kalorisch zu Buche.

Gewiss, es gibt andere Bombergeschwader im amerikanischen Ernährungsprogramm – Subway, Starbucks, Coca und Pepsi Cola, Kentucky Fried Chicken, Burger King, Pizza Hut und Taco Bell. In den mit US-Amerikanischen Superheldenepen bespielte Kinosälen der Welt regieren die Großpackungen mit Popcorn und Kartoffelchips. Die Devise: Groß, größer, übervoll. McDonalds wird als Marktführer der amerikanischen Fast-Food-Ideologie wahrgenommen und mit ihm der große Bomber Big Mac. Er macht alles aus, was an Amerika groß, beliebt, und ja: übertrieben ist.

Der amtierende Präsident des Landes hat seine Liebe zu den Produkten aus dem Hause McDonalds schon früh festgezurrt. Wir dürften nicht ganz falsch liegen, die Namensgleichheit der Marke mit seinem eigenen Vornamen „Donald“ dafür verantwortlich zu machen. Donald Trump trat schon 2002, lange vor seiner Präsidentschaft in einem McDonald’s-Werbespot auf. Damals noch New Yorker Immobilienhai ohne präsidentiale Ambitionen bewarb er für seine Lieblings-Fleischlaberlfirma deren viertelpfündigen “Big N‘ Tasty”, das Herzstück des „Dollar Menus“.

Trumps lebenslangen Vorliebe für Fast Food kulminierte in spezifischen Burger-Bestellungen in sein jeweiliges Büro. Die Bestellung bei McDonald umfasst in der Regel zwei Big Macs, zwei Filet-O-Fish und einen großer Schokomilchshake. Andere Trump-Favoriten für ein gesundes Mahl: Eine Portion Egg McMuffin, heiße Pommes und als Unterlage ein „Quarter Pounder with cheese“ (bei uns als Hamburger Royal bekannt). In der Regel ordert der Don dazu extra Ketchup und Diät-Cola. Gurkerl sind nicht seine Sache und müssen weggelassen werden. Die Mac-Diät wird von Mitarbeitern besorgt oder direkt in den Dienstflieger Air Force Nr.1. geliefert.

In einem viel beachteten (und überaus erfolgreichen) Wahlkampfauftritt im Jahr 2024 half Trump kurzzeitig an einer McDonald-Fritteuse in Pennsylvania aus. Mit schwarzgelber Schürze und halbwegs gelungenen Handgriffen. Schließlich stand er gar am Drive-in-Schalter der Filiale und gab Menü-Päckchen aus. Im Januar 2019, während seiner ersten Amtszeit bewirtete Donald Trump die Football-Mannschaft der Clemson Tigers. Wegen des teilweisen Regierungsstillstands (Government Shutdown) und beurlaubtem Küchenpersonal bezahlte der Präsident das Fast-Food-Buffet aus eigener Tasche.

Am 13. April dieses Jahres ließ sich Trump abermals anekdotenwirksam eine Fast-Food-Lieferung ins Oval Office kommen. Die beiden McDonald’s-Sackerl nahm der 79-Jährige persönlich entgegen. Vor laufenden Kameras. Als inszenierter Presserummel für seine Initiative zu steuerfreien Trinkgeldern („No Tax on Tips“).

Die Geschichten um Präsidenten und Burger künden nicht nur davon, wie die amerikanische Ökonomie funktioniert, wie sich politische Erzählungen über social media platzieren lassen, sie gibt auch Zeugnis über den Zustand des US-amerikanischen Bildunsgssystems. Eine vielerzählte Burger-Anekdote geht so: In den 1980er-Jahren versuchte die Fast-Food-Kette A&W den äußerst erfolgreichen Quarter Pounder von McDonald’s mit einem größeren und hochwertigeren Hamburger herauszufordern. Der Drittelpfünder von A&W floppte, weil die Kunden fälschlicherweise annahmen, ein Drittelpfund sei kleiner als ein Viertelpfund. Verwirrt über den gleich hohen Preis fragten sie sich, warum sie für einen „kleineren“, wen auch besser schmeckenden Drittelpfünder denselben Betrag wie für den faden, aber „schwereren“ Viertelpfünder bezahlen sollten.

Dass Wording alles ist, hat der Vollamerikaner Donald Trump verstanden. Die Formel funktioniert:

Big Mac equals Big President.

Andrea Maria Dusl. Für die Salzburger Nachrichten am 4. Juli 2026.

Proleten und Proletarier

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 27/2026 vom 1. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
ein Leserbrief monierte die Verwendung von „Prolet“ bzw. „Proletarier“ in einem Falterartikel. Die Kritik richtete sich gegen die sozial abwertende, diskriminierende Verwendung der Bezeichnung. Wann tauchte die pejorative Verwendung von „Proletarier/Prolet“ auf? Vermutlich gibt es eine ähnliche Entwicklung bei „Gsindl“ von „Gesinde“, was dem eher städtischen „Proleten/Proletarier“ zeitlich vorausgegangen sein dürfte. Die niederösterreichische Landeshauptfrau hat mit ihrer Bemerkung über das „Rote Gsindl“ wohl „Proleten“ gemeint.
Bitte um Aufklärung! Mit lieben Grüßen,
Rainer Holzfeind aus der proletarischen Donaustadt

Lieber Rainer,

das Wort „Proletarier“ hat eine lange Wanderschaft hinter sich. Karl Marx und Friedrich Engels hatten den Begriff als Terminus der Klassentheorie eingeführt und mit diesem die Klasse der abhängigen, ausgebeuteten Lohnarbeiter bezeichnet, die keine eigenen Produktionsmittel besaßen und gezwungen waren, ihre Arbeitskraft an die Bourgeoisie zu verkaufen. Das Wort „Proletariat“ war kein Neologismus, sondern eine Entlehnung des gleichbedeutenden französischen Wortes „prolétariat“. Dieses hat seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv „proletarius“, wörtlich: die Nachkommenschaft betreffend. Der Proletarier ist also ein Sprössling.

Ungeachtet der geschichtlichen und politischen Zusammenhänge versteht sich die Vokabel „Prolet“ nicht als Selbstbezeichnung, sondern zirkuliert fast ausschließlich als negative Zuschreibung. Und sie hat sich, wenn auch nicht vollständig, von der Arbeiterschaft gelöst. Gibt es doch den klassischen Arbeiter kaum noch. Der „Prolet“ ist inzwischen nur mehr Schauspieler seiner selbst. Von überhöhter (hier: erniedrigter) Sprache getragen, mit übertriebenem Gestus ausgestattet, überkostümiert und ins Karikaturhafte überzeichnet. Mit der Italianisierung Wiens hat der Prolet mediterrane Züge angenommen, schwimmen und schreiten gelernt, hat Goldketterln und Spiegelbrillen angelegt und sich enorme Peckerln auf die Muckis machen lassen. Aus dem Prolet hat sich der Prolo geschält. Politisch begleitet von individuellem Klassenverrat.


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Heiß

Der Klimawandel, ob geleugnet oder nicht, hat die Temperaturgrenzen verschoben. Nach Norden. Nachhaltig, könnte man sagen, wäre das Wort nicht so positiv besetzt. Ja, frühere Zeiten kannten auch Hitzewellen, Dürren, und den flirrenden Hochsommer (wann immer er sich einstellte). Ja, in der Stadt und am flachen Land war es auch früher heißer als in den Tälern und weiter oben. Ja, Südtirol war auch damals schon wärmer als Tirol nördlich des Brenners. Dass aber Bozen als Italiens heißeste Stadt gilt, hat sich nicht in die romantische Erzählung von der guten alten Zeit des größeren Österreich eingeschrieben. Die Sommerfrische, einst den Betuchten und ihren Familien vorbehalten, war ein gängiger Modus, der Hitze der großen Städte zu entkommen. Auch damals schon, als alles noch im Lot war an der Quecksilbersäule. Ans Meer fuhr man damals der guten Luft wegen, nicht um dort in der Mittagssonne zu rösten.

Es ist heiß, darf man sagen, sehr heiß. Wieder einmal. Der menschengemachte Temperaturanstieg wird von Unwetterkatastrophen und großflächigen Bränden begleitet. Nicht im fernen Malibu, nicht im zigarettenverliebten Griechenland. Nein, hier. Bei uns. Die Debatte um die Ursache verläuft nicht entlang wissenschaftlich argumentierbarer Sachverhalte, sondern wird von moralischen Befindlichkeiten bestimmt. Von der Angst, den geliebten Benziner zu verlieren, das Wasser für den Pool nicht mehr einlassen zu dürfen, oder die Wintersaison an die Mountainbiker zu verlieren.

„Jedermann“ schallt es aus der Höhe ob Salzburg. „Jederhitze“ möchte das Publikum antworten.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 27. Juni 2026.

Graue Energie Schwarzingergasse

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 26/2026 vom 24. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
in der Schwarzingergasse im 2. Bezirk soll ein Schulgebäude abgerissen werden, ein Gründerzeitbau in einem Gründerzeitensemble. Seine Substanz scheint in durchaus gutem Zustand zu sein. An dieser Stelle soll eine neue Schule gebaut werden. Der Neubau ist abgesagt, weil der finanziell klammen Gemeinde das Geld fehlt. Wir Anrainer haben das erst jetzt erfahren, wurden vor vollendete, das heißt beschlossene Tatsachen gestellt, demnächst soll die Abrissbirne kommen. Ich lese sehr gerne Ihre sprachkritischen und sprachanalytischen Kolumnen, daher meine Fragen: Kann man noch von „politischer Vernunft“ sprechen, wenn ein gut erhaltenes Gebäude abgerissen wird, ohne eine Adaptierung des Bestands überhaupt in Erwägung zu ziehen, und bloß eine Baulücke produziert wird, weil für einen Neubau kein Geld da ist? Was bedeutet der Begriff „Nachhaltigkeit“ in diesem Fall? Und was versteht die Stadtregierung an diesem Beispiel unter dem Begriff „Transparenz“? In Hinblick auf die Bewahrung städtebaulicher Substanz ist von „Grauer Energie“ die Rede. Ist damit die Energie grauer Hintermänner gemeint?
Vielen Dank im voraus für Ihre Antwort, Herzliche Grüße
Elise Rolník, 1020 Wien, per Email

Liebe Elise,

die Stadt Wien definiert „Nachhaltigkeit“ als maximale Ressourcenschonung im Einklang mit dem Erhalt hoher Lebensqualität für alle. Der Mensch stehe im Mittelpunkt. „Transparenz“ wiederum sei der offene Zugang zu Informationen, sowie die Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit politischen und verwaltungstechnischen Handelns. Bürger·innen sollen informiert sein und aktiv am gemeinschaftlichen Leben teilhaben können. Ähnlich gut liest sich auch das Buzzwort „Graue Energie“ – die gesamte (nicht direkt sichtbare) Energiemenge, die für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung eines Produkts oder Gebäudes aufgewendet werden muss.

Als gelernte Wienerin und in meinem Fall seit 62 Jahre Anrainerin der wunderbar ruhigen Schwarzingergasse darf ich Nachhaltigkeit mit „Vorenthalt“ übersetzen, Transparanz mit „am Schmäh halten“. Mit „Grauer Energie“ darf tatsächlich die Energie unsichtbarer Hinterleute verstanden werden.

Schade, Wien, das geht besser!


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Berufe und Benennungen

Da werde ich gefragt, in Fragebögen und für Kurzbiographien, welchen Beruf ich denn wohl hätte, und die Antwort fällt schwer, weil ich keinen Beruf habe. Ja, aber Sie müssen doch einen haben, kommt es dann, und sogar in mir schallt es leise, als Reflex auf den gesellschaftlichen Bekenntnisdruck. Sagen Sie etwas. Dann sage ich: Ich denke nach.

Dennoch hier eine Liste. So bin ich, in eigener oder fremder Zuschreibung:

Achilla Douglas
Alessia Santandrea
Altstuhlmeister
Amanda D’Arreluis
Amelia Natt och Dag
Apollonia Tillbakaseende Ulv
Architekturbewunderin
Art Directrice
Asketin
Asporina
Atheistin
Ausstatterin
Autorin des Unendlichen Panoramas
Bibliothekarin eines Handapparats
Boireannach Albannach
Buchbinderin
Bühnenbildnerin
Chloé Marie Hamilton
Comandantina beim Bureau für Information Wiederbeschaffung
Cousine
Dardania Lamurés
DJane
Discarded by avoidant
Doktorin der Philosophie
Drehbuchautorin
Empirikerin der Vorzukunft
Essayistin
Feuermacherin
Flâneuse
Forscherin zu Riten in Räumen
Freimaurerin
Freischaffende Sozialdemokratin
Geliebte
Gesellin
Gitarristin
Greenlighterin
Großsekretärin für Inneres
Heiße Quelle
Hermeneutikerin
Hextilda FitzUchtred Tynedale
Information Wiederbeschafferin
Inkompetenzkompensationskompetente
Instrukteurin
Jachin-und-Boasologikerin
Jag-Afficionado
Kolumnistin
Komplizin (gewesen)
Kulturwissenschaftlerin
Lehrende
Lehrling
Liebende
L’infiammata
Magistra Artium
Malerin
Maschinenmaria
Maschinistin
Meisterin
Meisterin vom Stuhl
Miranda Leda Saur
Morgaine Pendragon
Musikerin
Nachdenkerin
Nerd
New Yorkerin
Österreichkundlerin
Otrovertierte
Papierblumenmacherin
Parisienne
Past Master
Photographin
Plakatdesignerin
Poetin
Pythia
Realisatrice
Regisseurin
Reisende
Rhizomatische Enzyklopädistin
Romanautorin
Sammlerin
Sara Edna Almudir
Satirikerin
Scat Guitarist
Scotswoman
Scheiternde, Scheiternde, besser Scheiternde
Schülerin
Smeraldina D’Uraa
Svensk flicka
Schwester
Sezierkundige
Sporadikerin
Stachelschützin
Super-Empath
Super-Recognizerin
Transzendentalbelletristikerin
Universitätslektorin
Verbündete
Viennologin
Wirkungshistorikerin
Wortvulkan
Zeichnerin
Zirkusprinzessin

 

 

 

 

Der furchtbare Guggawaunzl

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 25/2026 vom 17. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
in der Zeit der Perchten und Krampusse fiel mir der Guggawaunzl ein. In meiner frühen Kindheit bewohnte er Räume im benachbarten Bauernhof. Räume die ich – weil gefährlich – nicht betreten sollte Keller, Tenne usw. Falls unfolgsam hätte mich der Guggawaunzl geholt und mitgenommen. Obwohl ich damals schon sehr neugierig und abenteuerlustig war, hat er mich nicht erwischt. Wer ist dieser seltsame Geselle? Ich hab nie wieder etwas von ihm gehört.
Danke für Ihre Hilfe und liebe Grüße aus der Steiermark./em>
Utz Uhl, von meinem iPhone gesendet

Lieber Utz,
mundartliche Bezeichnungen entziehen sich weitgehend einheitlicher Schreibweisen. Lexikalisch sind sie schwer zu fassen und noch schwieriger zu finden. Der Kinderschreck „Guggawaunzl“ treibt sein Unwesen nicht nur in der Steiermark. In den Regionen der Hohen Tauern ist er als „Goggewanzl“ bekannt. Ein Lehrspruch für neugierige Kinder dort lautet: „Schtille, schtille, der Goggewanzl huckt auf der Dille“ Mit „Dille“ ist nicht das Küchenkraut gemeint, sondern die hochdeutsch „Diele“ geschriebenen (Dach)-Bodenbretter. Der Goggewaunzl hockt also still hinter dem Gebälk des Dachbodens. Um Kinder zu holen, die nicht brav sind.

Der Kulturwissenschaftler Kurt Freimüller hat den sehr wahrscheinlichen Ursprung der Figur in einem luziden Privatissimum enthüllt. Demnach geht der Guggawaunzl auf die historische Gestalt des nordböhmischen Priesters Wenzel Hocke (1732–1808) zurück, der als „Hockewanzel“ überregionale Berühmtheit erlangte. Wenzel Hocke war ein sehr beliebter, volkstümlicher Dechant im böhmischen Marien-Wallfahrtsort Oberpolitz, bekannt für seine barsche Kritik am Leitmeritzer Bischof, die schlagfertigen Predigten und sein großes Herz. 1881 brachte der altkatholische Pfarrer Anton Nittel die Anekdoten über den Till Eulenspiegel im Priestergewand als „Geschichten vom Hockewanzel“ heraus. Für die Verbreitung im Österreichischen sorgte der steirische Dichter Peter Rosegger, der in seiner Monatssschrift „Heimgarten“ ( VI, 823) die Episode „Wie der Hockewanzl Erzdechant geworden ist“ publizierte. Nittels Geschichte übertrug er in die obersteirische Mundart. Aus dem Bischofschreck wurde ein Kinderschreck.


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Stifte von Welt

Stift Admont hat die größte Bibliothek, Stift Klosterneuburg die schönste Gründungslegende (die mit dem Schleier), Stift Heiligenkreuz beherbergt die Grablege der Babenberger, und das Wiener Schottenstift hat die prominentesten Maturanten. Das Stift Kremsmünster hat 1817 in Sichtweite der Brüder den Vermessungs-Nullpunkt für Oberösterreich und Salzburg festgelegt, und das Stift Sankt Peter (die Archiabbatia sancti Petri Salisburgensis) ist überhaupt das älteste bestehende Kloster im deutschen Sprachraum, 696 vom heiligen Rupert gegründet. Da schrieben Lateinschüler, Scholaren und die Mönche in den Schreibstuben noch mit Gänsekiel und selbergemachter Tinte. Potentaten waren des Schreibens und Lesens unkundig. Für Vertragshermeneutik waren Mönche zuständig, und falls sie Profane waren, Kanzlisten und Schreiber. Die Dorfgrenzen wurden regelmäßig mit jungen Burschen abgegangen. An den Grenzsteinen wurden ihnen feste Watschen runtergehauen, damit sie ihr Lebtag Ort und Lage im Gedächtnis behielten.

Lebendige Erinnerung verbindet sich mit unseren ersten schulischen Schreibversuchen. Das Alphabet, die Großbuchstaben, die Kleinbuchstaben. Die ersten Worte – vier Buchstaben hatten sie: MIMI, MAMA, SUSI, TIMI. Ältere Semster erinnern sich noch an Tintenkleckse, Löschblätter, den verbotenen, nach Chlor riechenden Tintentod, und die Verteufelung des Kugelschreibers.

Die „Digital Natives“ der Generatuoin Z, mit Smartphones, Internet und Social Media aufgewachsen, werden sich einst weniger an Stifte und ihre Besonderheiten erinnern, als an Handymodelle, Ladezeiten und Apps.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13. Juni 2026.

Warm in Wien

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 24/2026 vom 10. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
Pride-Zeit ist und es wird wieder viel über Queerness gesprochen. Dabei fiel mir ein alter Begriff ein, den ich mir nicht wirklich erklären kann. Woher kommt eigentlich die Urwiener Bezeichnung „Woama“ oder „woam“ für männliche Homosexuelle?
Beste Grüße
Andreas Brunner, per Email

PS: Obwohl ich als wissenschaftlicher Leiter von Qwien quasi vom Fach bin, kann ich die Herkunft des Begriffs nicht erklären. Nachdem mich Ihre Redaktionskollegin Daniela Krenn nach einer Erklärung fragte, kam ich auf die Idee, Sie zu fragen. Vielleicht finden Sie mit ihrem umfassenden etymologischen Wissen eine Erklärung.

Lieber Andreas,

Ihre Frage hat insoferne Aktualität, als das Cover dieser Falter-Ausgabe mit dem Begriff „Warmes Wien“ titelt. Die Bezeichnungen „Woama“ für homosexuelle Männer und Jugendliche und „woam“ für deren sexuelle Orientierung sind als Geusenworte ins Vokabular der Szenesprache übergetreten – die ursprünglich als Beleidigung dienenden Begriffe sind längst positiv besetzt. „Warm“ ist synonym mit „schwul“ (drückend heiß), das Wort wurde als Antonym zu „kühl“ in „schwül“ umgewandelt. Die alte Form wurde im 19. Jahrhundert in der Berliner Mundart und im Rotwelschen in Anlehnung an „warm“ auf „homosexuell“ übertragen. Der Sexualforscher (und bekennende Schwule) Magnus Hirschfeld stellte in einem frühen Text die seltsame These auf, die Haut von Homosexuellen sei wärmer als die von Heterosexuellen. Der deutsche Kriminalist und Schriftsteller Friedrich Christian Avé-Lallemant schlägt in die selbe Kerbe und beschreibt in seinem 1862 veröffentlichten Werk „Das deutsche Gaunertum „den Schwulen“ als den „von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene(n)“.

Das Wienerische kennt weitere Synonyme aus dem sprachlichen Temperatur-Universum, so “bochn” (gebacken), „ghaadsd“ (geheizt) und „gsengd“ (gesengt). Die Lesben und sapphisch Orientierte firmier(t)en im gaunersprachlichen Wien ebenfalls als „woam“. Als „woame Chomes“ nämlich, als „woame Fladarn, „woame Gas“, „woame Hebn“, als „woams Menscherl“, „woams Röhrl“, „woame Schanettl“ und „woame Tschesn“. Warmes Wien also, wohin man schaut.


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Tückisch – Das Togerzen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 23/2026 vom 3. Juni 2026

Liebe Frau Andrea,
seit zwei Wochen hab ich einen Gipsfuß, und von Zeit zu Zeit, wenn ich nicht genug Ruhe geb, „dogazt“ der. Also der Fuß pocht, wird warm und „arbeitet“. Meine Mama und ich haben gerade sehr über dieses alte Wort „dogazn“ gelacht, das uns plötzlich wieder eingefallen ist, bzw. im Mostviertel doch immer wieder verwendet wird. Wir würden uns freuen, wenn Sie uns über den Wortursprung aufklären könnten!
Liebe Grüße,
Tina Hofm, Wien, per Email

Liebe Tina,

auch im alten Wien war das Zeitwort bestens bekannt und weit verbreitet. Die Schreibweise ist niemals normiert worden, weswegen es in den spezifischen Wörterbüchern (und ihren Online-Derivaten) schwer zu finden ist. „Dogatssn“, „dockatssn“, „dogetssn“ bezeichnet das pulsierende, hämmernde Schmerzen, das Fühlen des eigenen Pulses in einer Wunde, einer Geschwulst, besonders in eiternden Verletzungen oder kranken Zähnen. Bisweilen auch „togerzn“, „togazen“ geschrieben zirkulierte es in Redewendungen wie: „In mia togazd ois vua Zuan“ (in mir hämmert alles vor Zorn), „Mei Heads togazd“ (Mein Herz pocht), „Mei gschwiariga Finga fangd dsan dogazn an“ (mein eitriger Finger beginnt zu pochen.)

Nach spärlicher Expertise der Etymologen ist das Wort eine lautmalende Bildung, die entweder von italienisch „toccare“ (stoßen, drücken) kommt, oder vom sehr ähnlichen mittelhochdeutschen „tuc“, „duc“ (Schlag, Streich, Stoß, schnelle Bewegung, Gebärde, Handlungsweise, Gewohnheit, listiger Streich, Kunstgriff, Arglist). Im italienischen Herkunfstfall kommt das „togazn“ vom vulgärlateinischen *toccare, das wiederum auf die lautmalende Silbe „tok“ für den Schlag oder das Klopfen, wie beim Anschlagen einer Glocke zurückgeht.

Aus dem deutschen „Tuck“ (boshafter Streich) wurde jedenfalls dessen singularisierter Plural „Tücke“, „Dücke“. Die Tücke, petrifiziert im Sprichwort „Mit List und Tücke fängt man eine Mücke“, verwenden wir nur mehr in den Adjektiven „tückisch“ und „heimtückisch“.

In Verblendung des Gesagten könnten wir im „Togerzen“ die körperliche Hinterlist sehen, uns auch im Falle von gut heilenden Verletzungen mit pochendem Hinweisen zu bemühen.

„Heilung ist Arbeit“, sagen die Esoteriker. „Arbeit ist Heilung“ die Exoteriker.


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Eiskarte 2026

Österreich hatte es niemals leicht. Nicht einmal sehr leicht. In allen Belangen der Vorbildlichkeit war es immer auf andere angewiesen. Schönbrunn war das kleinere Versailles, Groß-Deutschland die braunere Nation, die Schweizer hatten die bessere Neutralität. In kulturellen Belangen hat sich Nachkriegs-Amerika als Vorbild etabliert. Rock und Pop trällern auf US-Englisch, Business wird in der Lingo der Wallstreet betrieben, statt Direktoren sitzen CEOs in den Chefetagen, Bürohengste heißen längst Project Manager. Nur der Dompfarrer heißt noch so, wenngleich seine Attitude eher auf dem Felde der Californication grast.

Die letzte Bastion der Einheimischkeit war lange Zeit das Wetter. Mit den Ubers (früher sagte man Taxi) kommen die PAXe (früher sagte man Fluggäste) in die Airbnbs (früher sagte man Urlaubsquartier). Ihr erste Griff gilt der Remote Control der Air Condition (früher machte man das Fenster auf). Eine Klimaanlage ist längst kein Unique Selling Point mehr, sondern Imperative Must-Have in der Hospitality Industry (früher sagte man Gastgewerbe). Eisgekühltes wohnt jetzt nicht mehr in der Eistruhe beim Schnitzelwirt, sondern springt uns aus den Menus der Lokale entgegen (früher sagte man Getränkekarten). Statt Eiskaffee bestellen wir Frappuccino, Matcha Iced Latte, Mocktail on the rocks, Iced Americano, Cold Brew. Hinter den Tresen der Bars klunkern die Cubes aus den Ice-Makers.

Fehlt noch, dass die Temperaturen im Lande amerikanisch angesagt werden. Statt Hitzewellen werden wir von Heat Domes hören: „Temperatures für Saltcastle erreichen 100 Grad Fahrenheit. Southern Styermark stöhnt bei 110 Degrees.“ Barbecue Time!

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 30. Mai 2026.

Das Z-Wort

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 21/2026 vom 20. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
vielleicht sind meine Fragen nicht so spannend, sie treten jedoch bei mir immer wieder auf, wenn ich „Frau Andrea“ lese. Ich hab ja nichts zu verlieren, also nehm’ ich mir ein Herz und frag’ Sie. Meine Eltern und Großeltern kommen aus Bad Aussee. Mein Vater mit Namen Peppi wurde in der Schule und auch später von Freunden der „Zurk“ genannt. Für meine Großmutter war ihre Nebenbuhlerin das ganze Leben lang nur der „Zauk“.
Mit sehr lieben Grüßen,
Grete Dickinger, per Email

Liebe Grete,

Ihre Fragen sind sehr spannend, dies vorweg! Ich bin im Aussee der Sechzigerjahre in die Volksschule gegangen. Im Rahmen dieser Disposition sind mir viele spezifische Ausseerismen bekannt, so „Odad“ und „Omam“ für die Großeltern. „Zurk“ ist indes schwerer zu deuten. Ein Verhörer mit „Zuag“ (Zug, also Eisenbahn) ist möglich, wenn auch wenig wahrscheinlich. „Zurk“ ist allerdings ein südsteirischer Familienname. Vielleicht gibt es darüber Weiterführendes in Ihrer spezifischen Familiengeschichte zu erkunden. Die Deutung der Invektive Ihrer Omam, deren Nebenbuhlerin betreffend ist weniger schwierig.

Das Wort „Zauk“ ist auch im Wienerischen nicht unbekannt, hat sich aber mit einem anderen verbunden. Zauk, Zauck (Dsauk), eigentlich Zauke, Zauche ist verwandt mit der mittelhochdeutschen „zôhe“, und bezeichnete ursprünglich die Hündin. Als Schimpfwort wurde „die/der Zauck“ Synonym mit der liederlichen Frau, der/dem „Schlampen“ und galt in der Unterwelt des alten Wien (und aller ihm emotionell zugetanen Gegenden) auch als Bezeichnung für die übelbeleumundete Dirne. Ein „Zaukl“ ist in Konsequenz dieser sprachlichen Verhältnisse die Verkleinerungsform von „Zauk“. Es hat sich mit dem Gfrast zum Gfrast-Zaukl verbunden. Es bezeichnete den kleinen gefräßigen (und aus paternalistischer Sicht wohl weiblichen) Hund. Ohne Ahnung dieser Zusammenhänge wurde es zum „Gfrastsackl“, im alten Wienerisch die fast schon liebevollen Bezeichnung für das schlimme Kind.

Moderne Kehlen (von Aussee bis Wien) würden eine Nebenbuhlerin heute allerdings als „bitch“ bezeichnen.


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Song-Contest-Gewinner der Herzen

Die größte Show der Welt hat bald ihren wirklichen Sieger, ihre wirkliche Siegerin. Mit größter Wahrscheinlickeit wird es nicht der Mann mit dem blauen Auge sein. Die Wahl eines chancenlosen Teilnehmers hat Gründe, die untief verborgen in der Pragmatik der Ökonomie liegen. Zwei Song-Conteste hintereinander auszutragen überstiege auch die Ressourcen des Geldspeichers Küniglberg. Gastronomie und Hotellerie des Landes würde sich nicht verweigern. Unbesehen darf die Veranstaltung trotz modernen Ambientes und genderfluider Gestion zum Genre des lupenreinen Kitsches gezählt werden, wäre nicht der Einwand zu erheben, dass Lupenreineheit und Kitsch einander ausschließen. Strass zählt noch nicht zu den Edelsteinen. Bunt wird der lange Abend gewesen sein und schrill, die beiden Hauptkomponenten jeher Kulturbefindlichkeit, die „Camp“ genannt wurde, bevor die Regenbogenfraktion die Sache übernahm. Ältere Semester wie die Autorin trauern Gigliola Cinquetti nach, die 1964 „Non ho l’età (per amarti)“ (Ich bin nicht alt genug, dich zu lieben) sang, und Udo Nazionale, der 1966 zu „Merci, Chérie“ (Danke, Liebling) klimperte. Die Schwedenkehlen ABBA eroberten 1974 sämtliche Herzen mit „Waterloo“, der wahre Italiener Salvatore „Toto“ Cutugno 1992 mit „Insieme“ (Zusammen). Die Geisterbahnrocker Lordi, 2006 mit „Hard Rock Hallelujah“ am Siegertreppchen, blieben in ewiger Erinnerung dessen, was alles geht auf dem Fest der Feste. Sie ebneten den Weg für Bartwunder Conchita und Countertenor-Bübchen Johannes „JJ“ Pietsch. Die Formel „L’Autriche, douze points, Austria, twelve points“ bewohnt seither Schnitzellands Herzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 16. Mai 2026.

Die gute alte Backhendlfrage

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 20/2026 vom 13. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
in Wiener Klassiker ist das Schnitzel, vielerorts gepriesen. Jedoch habe ich den früheren Ausdruck „Backhendlfriedhof“ für wohlbeleibte Personen in Erinnerung. Auch ging man seinerzeit zu festlichen Anlässen in den „Wienerwald“ Backhendl essen. Irgendwann hat das Schnitzel das gebackene Huhn überflügelt. Das Backhendl gibt’s jetzt meist nur mehr als Salat. Wie und warum konnte das passieren?
Mit der Bitte um kulinarische Aufklärung,
Siegi Lindenmayr, Wien Alsergrund, per Email

Lieber Siegi,

wir widerstehen dem Versuch, auf die komplizierten Firmengeschichten der verschiedenen Restaurantketten und ihrer Eigentümer einzugehen, die unter dem Markennamen „Wienerwald“ ein kleines Gerichteparadies um paniertes Huhn auf die Speisekarten zauberten. Das ursprüngliche Unternehmen, gegründet von Friedrich (Hendl-) Jahn, war zeitweise die erfolgreichste europäische Restaurantkette.In den späten 1970er Jahren, aus dem auch meine vividen Erinnerungen an Wienerwaldbesuche stammen, betrieb die Wienerwald-Kette weltweit rund 1.600 Restaurants. Allein in Deutschland und Österreich gab es damals etwa 700 Standorte. Heute hält die Stellung ein einziges Wienerwald – in der Annagasse im Ersten.

Das traditionelle Wiener Backhuhn (Bochhendl) wurde in vier Teile zerlegt, als fünftes galt der Kragen samt Kopf. Auch die Innereien wurden mitserviert. Die panierten Teile wurden in Schweine- oder Butterschmalz herausgebacken. Schon im 17. Jahrhundert wird von „bachenen Hühnern“ berichtet. Um 1720 beschreibt das „Saltzburgischen Kochbuch“ das Rezept zu „Hühnlein aus abgeschlagenen Eiern gebacken“. Die berühmte Autorin Katharina Prato beschreibt in ihrem Kochbuch „Die süddeutsche Küche“ gebackene Hühnern oder Tauben, die dem späteren Backhendl schon sehr ähnlich sind. Heute scheiden sich die Geister in der Frage, ob das Backhuhn klassisch mit Haut und Knochen paniert wird, oder, wie viele Köche heute meinen, enthäutet und entbeint, im Salatbett. Letzteres ist veränderten Essgewohnheiten und der Ökonomie geschuldet. Mit dem klassischen fetten „Bochhendl“ ist auch der Ausdruck „Bochhendlfriedhof“ für die feiste Männerwampe verschwunden.

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Reklamescham

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 19/2026 vom 6. Mai 2026

Liebe Frau Andrea,
Sie werden ja oft zur Bedeutung von Ausdrücken gefragt. Ich habe das umgekehrte Problem. Mir fehlt ein Wort für folgendes Phänomen: In der Werbung wird häufig dick aufgetragen. Wenn Schokolade, Bankkonten oder Telefonverträge mit Neugeborenen und tränenaufgelösten Menschen zu schmachtender Musik propagiert werden, löst das bei mir oft mehr emotionale Reaktion aus, als mir lieb ist. Fast kommt mir selbst das Schluchzen! Gleichzeitig stösst mich dieser ungenierte Zugriff auf meinen Gefühlshaushalt ab und wenn es auch noch so reingeht, ekelt mich fast vor mir selbst. Gibt es einen Namen für diese komplexe Gemengelage? Irgendeinen Neologismus, so wie Fremdscham oder Mansplaining, der gefehlt hat, bis ihn dann jemand erfunden hat? Wenn nein, können Sie bitte einen erfinden?
Vielen Dank im Voraus,
Johanna Schober, per Email

Liebe Johanna,

gerne bin ich Ihnen dabei behilflich, die lexikalische Lücke zu schließen. In einem ersten Herangehen wollen wir die zwei von Ihnen reportierten Gefühle von einander trennen – jenes der empathischen Rührung und das der reflektierende Beschämung über diesen Emotionsübergriff. Sodann werden wir den Versuch unternehmen, die beiden miteinander verbundenen Regungen in eine neu komponierte Wörtlichkeit zu fassen.

Einen einzelnen, fest etablierten Begriff für die Gemengelage aus emotionaler Manipulation, parasozialem Mitfühl und kognitiver Abwehr gibt es noch nicht. Also basteln wir an einer kleinen Liste mit möglichen Neuschöpfungen für den Cluster aus Rührungsabwehr, Schmachtwiderwillen und reklamebasierter Mitfühl-Scham.

Aus der Psychotantenecke könnten kommen: Ambirührung (ein Kofferwort aus Ambivalenz und Rührung) und Manipathie (zusammengebaut aus Manipulation und Empathie). Wissenschaftlich klingen „reaktive Affektambivalenz“, „PR-induzierte Empathiedissonanz“ und „parasoziale Emotionsspaltung“. Etwas salopper traben die Neologismen „Gefühlsabzocke“, „Rührungsnepp“, und „Herzschleim-Overload“.

Meine Favoriten wären „manipulative Rührscham“, „gegenimpulsiver Marketingekel“, „Heulschauder“ und „Kitschkater“.


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Frühlingsfarben 2026

Vom Herbst sagt man überschwänglich, er sei ein Maler. Das ist eine Zuschreibung, die völlig verkennt, dass der eigentliche Künstler, der Farbenartist unter den Jahreszeiten der Frühling ist. Er ist mit dem eiermalenden Osterhasen im Bunde, den Designern von Radfahrbekleidung und mit der internationalen Schirmkappenindustrie.

Der Färbelgigant Pantone und sein selbsternanntes Farb-Institut kürt seit einem Vierteljahrundert einen Farbton zur Farbe des Jahres. Die Auswahl soll Modefirmen, Influencern und uns, dem Proletariat in der Ästehetikkette als Inspiration dienen. Bestimmt wird die Farbe von einem zehnköpfigen Team anonymer Coloristen aus der Designfuzziszene. In sogenannten „mood boards“, Paletten aus Stofffetzen, Screenshots und ausgerissenen Anzeigen aus Modemagazinen wird eine prognostische Auswahl erstellt, aus der die Farbe des Jahres (und gleich auch auch ihre Bezeichnung) gewählt wird. So kamen die Allerweltsfarben Fuchsia Rose (2001), Aqua Sky (2003), Sand Dollar (2006) in die Welt, Chili Pepper (2007), Tangerine Tango (2012) und Radiant Orchid (2014), Living Coral (2019), Ultimate Grey (2021) und Peach Fuzz (2024), und letztes Jahr: „Mocha Mousse“. Als Jahresfarbe 2026 wurde „Cloud Dancer“ verkündet, ein sanft-luftiges Cremigweiß, von dem uns der Pantone-Sowjet Ruhe, Klarheit, Leichtigkeit und einen Neuanfang verspricht. Der vielseitige Weißton soll in einer lauten Welt beruhigend wirken, und als Basis für Kreativität und emotionale Ausgeglichenheit dienen. Hossa!

Den Haushalten Österreichs ist „Cloud Dancer“ bestens bekannt. Es ist jenes fahle Hochnebelgrau, das weiße Handtücher, Tennissocken und Unterwäsche annehmen, wenn ein schwarzer Socken mitgewaschen wurde.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. Mai 2026.

Steif wie ein Bleistift

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2026 vom 29. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als angelernter Wiener wende ich mich mit einer alkohollastigen Frage an Sie, die im Spruch „Steif wiar a Bleistift hadsch i durch Neistift“ wurzelt. Warum wird in Wien der Zustand der Berauschung mit so unterschiedlichen Adjektiven wie (blunzn)fett, braad, (bladl)waach, ölig oder eben steif beschrieben? Die Wirkung von C2H6O in den Synapsen ist doch nicht so vielfältig, dass man sich nicht auf ein präziseres Eigenschaftswort einigen könnte, oder doch?
Vielen Dank für Ihre Mühewaltung, und mit lieben Grüßen aus Wien-West,
Hans C. Fux, per Email

Lieber Hans,

für die Vielfalt der chronischen oder akuten Ethanol-Entrückungen hat Wien einen ganzen Katalog von Bezeichnungen etabliert. Für die Ergebnisse der Intoxikationen mit „Äukahoi“ (Alkohol), kurz „Äuk“ genannt, kennt das Wienerische „in Bemsdl“ (den Pinsel), „es Damen“ (das Taumeln), „in Dippe“ oder „Diwe“ (den Dübel), „in Dampas“ („Dampus“, den studentisch latinisierten Dampf), „in Fettsn“ (den Fetzen), „die Fettn“ (den Drall, vom „Effet“ beim Billard), „die Gluad“ (Glut), „in Newe“ (den Nebel). Sodann haben Tschecheranten und Drangler gerne „an Schbids“ (Spitz) und „an Schdich“ (Stich). Rauschate (Berauschte) haben „a Schweigl“ (von Schwelgen), „an Schwibs“ (von schwippen, schwappen), oder sind „im Ö“ (im Öl). Heißer als der „Schwü“ (die Schwüle) ist der „Schwas“ (Schweiß). Er hat sich mit der Metallverbindungstechnik Schweißen zum wienerischen „zuagschwasd“ (zugeschweißt) sein verbunden. Beliebte Zustände sind „augflaschld“ (angeflaschelt), „autschechad“ (angetschechert, verwandt mit angeschickert), „bedopped“ (bedoppelt, betäubt vom Konsum eines Dopplers, einer Doppelliterflasche Wein), sind „betoniert“, „blunznwaach“ (weich wie eine Blunzn, eine Blutwurst), „eidrangld“ (eingetränkt), „eigschbridsd“ (eingespritzt), sind „fett wiara Radierer“ (fett wie ein Radiergummi) oder nur „zuagleschd“ (zugeklescht, vom Klescher, dem Schlag, von jiddisch chaleschen, schwach werden, ohnmächtig werden). „Steif wiara Bleistift“ haben der Wienerlieder-Komponist Ferry Wunsch und die Textdichter Albin Ronnert und Leopold Nowotny eingebracht. Oisdaun, Prost!


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Hinten höher als vorn

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 17/2026 vom 22. April 2026

Liebe Frau Andrea,
als große Freundin diverser Eigenartigkeiten der deutschen Sprache bin ich letztens über eine bayerische Redewendung gestoßen, die mich seitdem begeistert. Wenn ein Bayer sich über etwas aufregt, sagt er „jetzt wird’s aber hint höher wie vorn“. Das macht überhaupt keinen Sinn, dennoch weiß jeder, worum es geht. Gibt es vielleicht eine Erklärung, wo das Sprücherl her kommt?
Alles Liebe,
Anna-Maria Walli, per Email

Liebe Anna-Maria,

die Bayer·innen sind nicht die einzigen, die in Rage Seltsames von sich geben. Wie der Fluch arbeitet das Erstaunen mit vorformulierten Metaphern. Manchmal sind die Redewendungen schon aus der Zeit gefallen. Ihre ursprüngliche Bedeutung wird nicht mehr verstanden. Ein bundesdeutsches Synonym wäre der kalauernde Ausruf „da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt“. Aus Oberösterreich kennen wird den Spruch „da hängds da voi die Kédn aus“ (da hängt es dir voll die [Moped-]Kette aus). Der gesamte deutsche Sprachraum versteht die etwas blutleere Formel „das wär ja noch schöner.“

Bairisch „Iatz werds hint héha wia vúan“ (jetzt wird es hinten höher als vorne!) drückt das Erstaunen über eine absurde, chaotische oder „völlig aus dem Ruder gelaufene“ Situation aus. Die Unverständlichkeit des Spruchs geht einher mit der Tatsache, dass das Gewerbe und die Umstände, denen er entstammt, nahezu völlig verschwunden sind. Und mit ihnen spezifische Ausdrücke und Situationen. Unsere Redewendung bezieht sich auf ein bockendes Pferd, das mit der Hinterhand hochgeht. Das kann den Reiter, in der Regel einen Standesherrn oder Kavalleristen gefährlich nach vorne abwerfen. Öfter dürfte die Gefahr nach hinten ausschlagender Pferde Gespannen zugesetzt haben. Der Ausdruck stammt wohl von Fuhrwerkern und Kutschern. 

Das Wienerische, stets im Zwiespalt zwischen Knapp- und Saftigkeit kennt die Ausrufe „Hawedere“, „Hawediena“ und „Seawasgschäft“. Metapherncharakter haben die Sprüche „do hauds da in Vogl aussa“ (da haut es dir den Vogel raus“, „do ziagds da die Bock aus“ (da zieht es dir die Stiefel aus) und „do hauds di vom Glanda“ (da wirft es dich vom Geländer). Das bewährte „Oida!“ geht natürlich immer.


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