Wien darf nicht Österreich werden!

Welchen Ursprung hat die Bezeichnung „Patzenlippel“? Wieso sagt man eigentlich, „der hod a Bankl grissen“, wenn jemand stirbt? Seit über 30 Jahren schreibt Andrea Maria Dusl für den Falter eine Kolumne, seit 24 Jahren heißt diese „Fragen Sie Frau Andrea“. Darin klärt Dusl über die Bedeutung und den Ursprung von Wiener Redewendungen auf. Doch Dusl, 64, ist viel mehr als nur eine Kolumnistin: Sie ist Künstlerin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin – und ein absolutes Wiener Original. Nun hat Dusl gleich zwei neue Bücher veröffentlicht. In einem hat sie Essays über das Kolumnen-Schreiben zusammengetragen, und das zweite Buch trägt den Titel „Die Wiener Seele in 100 Antworten“. Aber was ist die Wiener Seele überhaupt? Stadtleben-Redakteurin Lale Ohlrogge hat das nach zehn Jahren in Wien immer noch nicht verstanden – und sich deshalb mit Dusl zu einem Interview getroffen.

in FALTER 37/25 STADTLEBEN, 10. September 2025, pagg. 40ff.

INTEGRATIONSKURS: LALE OHLROGGE

Lale Ohlrogge, Falter: Was ist an deiner Seele besonders wienerisch?

Dusl: Ich glaube, es ist eine besondere Art von Grant. Also eine Fröhlichkeit, die sich darin erschöpft, nicht fröhlich sein zu müssen. Eine Form von wahrhaftiger Ehrlichkeit: nicht zu lächeln, weil es nichts zu lächeln gibt.

Also authentisch sein dürfen – meinst du das?

Dusl: Na ja, manche sind authentisch, wenn sie dauernd grinsen. Im Englischen gibt es den Ausdruck resting bitch face, also ein schlecht gelaunter Gesichtsausdruck. Ich habe das – deswegen habe ich auch quasi ein Fernsehverbot vom ORF. Ich werde nur ins Radio eingeladen. Aber zurück zum Wienerischen: Ich glaube, an mir ist auch besonders wienerisch, dass ich nicht ganz wienerisch bin.

Wie meinst du das?

Dusl: Eigentlich bin ich ja Ausländerin. Meine Mutter war Schwedin, mein Vater kam aus Graz, und wir hatten nichtösterreichische Verwandte aus ganz Europa. Wienerisch ist nicht an die Geburt in Wien gebunden. Die ersten zehn Minuten, die du am Westbahnhof ankommst, verwienern dich.

Ist Wienerisch-Sein eine Entscheidungssache?

Dusl: Nein, es ist Schicksal. Es ist eine Sache, die dir zustößt, ohne dass du es beabsichtigst. Ich bin Wienerin. Ich bin Europäerin, aber keine Österreicherin. Früher gab es einmal ein kleines Wiener Kaffeehaus, das Salzgries. Heute heißt es Le Salzgries. Zu Beginn der Haider-Ära stand unten bei den Toiletten ein Spruch, der alles über Stadt und Land sagt: Wien darf nicht Österreich werden.

Was ist denn an Österreich so schlecht?

Dusl: Österreich ist zu klein. Zu Zeiten der Donaumonarchie war es groß und wirkmächtig …

Andrea Maria Dusl, 64, hat eine schwedische Mutter und einen österreichischen Vater. Heute sagt die Kulturwissenschaftlerin und Expertin des Wienerischen, dass sie den Dialekt in ihrer Kindheit wie eine Fremdsprache lernen musste. Mittlerweile
kennt sie fast jede lokale Redewendung, und wenn sie einmal ratlos ist, schlägt sie in ihrer großen Lexika-Bibliothek nach

… Es war ein Melting-Pot, wie eine kleine EU – politisch nicht okay, es war größtenteils eine Militärdiktatur, aber es war ein großes Land mit vielen Einflüssen. Und die sind alle hier in der Metropole Wien zusammengekommen. Aber das umliegende Österreich, die Kronländer damals, konnten das nicht leisten. Sie waren immer Provinz – das ist auch gut, aber eben nicht Metropole. Wien und das Wienerische sind ja immer noch geprägt von all diesen internationalen Einflüssen von einst.

Aber in deinem Buch gibt es auch Beispiele, die zeigen, wie das Wienerische immer wieder auch den politischen Zeiten unterlag. Ich habe mich schon häufiger gewundert, warum sich manche Leute mit dem Wort „Mahlzeit“ begrüßen. Ich fand das immer befremdlich – bis ich in deinem Buch gelernt habe, was für einen heldenhaften Ursprung das hat.

Dusl: Diese Begrüßung wird vor allem in Ämtern und großen Büros gepflegt. Das kommt aus der Zeit, als sich die Österreicher dem Nationalsozialismus angeschlossen haben. Sozialdemokraten begrüßten sich damals mit einem „Freundschaft“ oder „Guten Tag“. Die Katholiken sagten „Grüß Gott“. Doch die Nazis wollten, dass man sich mit „Heil Hitler“ begrüßt. Die Behörden waren damals noch stark monarchistisch geprägt, man wollte sich dem nicht beugen und benutzte stattdessen eine Formel, die im Sinne der Nazis nicht strafbar war. „Mahlzeit“ war damals eine Umgehung – und die ist bis heute geblieben.

In deiner Kolumne „Fragen Sie Frau Andrea“ beantwortest du seit unglaublichen 30 Jahren Fragen von Lesern, die wissen wollen, woher gewisse Redensarten kommen. Wie arbeitest du eigentlich?

Dusl: Ich weiß natürlich nicht alles. Aber ich habe eine enorme Bibliothek mit Lexika, und da schaue ich nach – und im Internet natürlich auch. Die meisten schauen sich bei Google nur die ersten zehn Ergebnisse an. Ich schaue mir die ersten 300 Treffer an. Einiges davon ist völlig falsch, und dann geht es darum, herauszufinden, was stimmt. Es ist wie wissenschaftliches Arbeiten, und das habe ich als Kulturwissenschaftlerin gelernt. Außerdem kenne ich viele dieser Begriffe seit meiner Kindheit. Gleichzeitig ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Die Sprache meiner Mutter ist Schwedisch. Ich habe also ganz früh angefangen, Deutsch und Wienerisch als zwei verschiedene Fremdsprachen zu lernen. In der Volksschule wurde ich gemobbt, weil ich so seltsam gesprochen habe. Ich musste also lernen – es war eine Immunisierung gegen Mobbing.

Ich höre oft, wie sich Wiener – vor allem Eltern – beschweren, dass ihre Kinder kein Wienerisch mehr sprechen. Dass die Wiener Mundart verlorengeht und die junge Generation nur noch Hochdeutsch spricht, weil sie auf Tiktok, Youtube und Instagram deutschen Influencern folgt. Wenn ich mit jüngeren Wienern zu tun habe, höre auch ich selten einen der Ausdrücke, die in deinem Buch oder deiner Kolumne besprochen werden. Wird das Wienerische bald sterben?

Dusl: Ich glaube nicht – aber die Wahrnehmung ist richtig. Wien konnte lange kein ARD und ZDF empfangen. Wien war also sowieso später dran mit der Verhochdeutschung der Sprache als Westösterreich. Seitdem ist viel passiert. Die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den Deutschen trennt, ist durch Podcasts, Tik-tok und so weiter eingedrungen. Aber ich glaube nicht, dass das Wienerische aussterben wird – genauso wenig wie die Begriffe. Denn die Menschen hören sie von ihren Eltern und Großeltern und geben sie an ihre Kinder weiter. Ich bekomme ja nach wie vor Leserfragen, die ich in meiner Kolumne beantworte. Aber im Wienerischen gibt es Veränderungen.

Welche denn?

Dusl: Zum Beispiel „Oida“. Das hat früher kaum jemand so verwendet – das ist ein Wort, das die jungen Wiener eingeführt haben. Die Jungen schaffen ein neues Wienerisch. Es gibt zum Beispiel auch das Migranten-Wienerisch. Das wird überhaupt nie verschwinden.

Ich habe auch den Eindruck, dass diejenigen, die das Wienerische am meisten bewahren und somit quasi österreichische Tradition pflegen, Migranten sind.

Dusl: Das ist ein Soziolekt, also eine Sprache, die eine bestimmte soziale Gruppe gebraucht. Es gibt viele verschiedene Wienerische, Abstufungen, die du als Deutsche vielleicht gar nicht unterscheiden kannst. Da gibt es Leute, die sich anhören, als ob sie in einem Palais aufgewachsen wären, die ganz nasal sprechen, und so weiter.

Kürzlich erschien eine Studie, in der Österreicher zu ihrer Sprache befragt wurden. Sie fanden ihre Sprache sympathischer, gebildeter und schöner als deutsches Deutsch. Ich musste über diesen Stolz und diese Heimatliebe schmunzeln. Nun möchte ich es umkehren: Was gefällt dir als Wienerin an der Stadt und ihren Bewohnern gar nicht?

Dusl: Es gibt nichts, was mich stört.

Ehrlich? Auch schön, wenn du als Wienerin nichts zu granteln hast.

Dusl: Doch, mir fällt etwas ein. Es gibt Menschen aus anderen österreichischen Gegenden, die ihre Nicht-Wienerischkeit mitbringen. Denen würde ich gerne zurufen: „Heast, beruhig di a bissl!“

Was meinst du damit? Sind die Leute vom Land besonders laut, aufbrausend und pöbeln herum?

Dusl: Es geht nicht ums Aufbrausende. Das Wienerische antwortet mit Schmäh. Die Wiener antworten auf diese Leute mit einer eigenen Weisheit, die viele nicht verstehen. Kellner haben das drauf. In guten Wiener Kaffeehäusern gibt es gute, grantige Kellner – die haben diese Attitüde. Die Ehrlichkeit ist ein Goldstandard, eine Währung. Sei ehrlich – aber sag nicht, dass es ehrlich ist.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Dusl: Ein Beispiel, ganz radikal: Wenn Amerikaner zu uns kommen, sind die immer verzweifelt, dass man sie nicht fragt: „How are you?“ Oder Deutsche, die fragen dann: „Wie geht es Ihnen heute?“ Und der Wiener antwortet: „Na ja, wie soll’s mir schon gehen?“ Mich stört nichts an den Wienern, aber die Touristen sind mir ein bisschen zu anstrengend.

Es gibt Umfragen unter Expats, also Leuten aus dem Ausland, die hier leben und arbeiten, die besagen, dass Wien seit Jahren zu den unfreundlichsten Städten gehört. Auch weil es hier schwer ist, Anschluss zu finden. Sind die Wiener Ausländern gegenüber besonders gemein und verschlossen?

Dusl: Genau umgekehrt. Die Expats könnten hier viel lernen in Sachen Wahrhaftigkeit. Es gibt viele, die sich interessieren und diese Verwienerung annehmen. Aber viele bringen aus ihren Kulturen mit, dass sie sich eine freundliche Maske aufsetzen. Und in Wien nehmen sie wahr, dass die Leute ehrlich zu ihnen sind. Ein Beispiel: Jemand hat die Nachricht bekommen, dass die Krankenkasse seine Zahnbehandlung nicht zahlen wird. Soll er dann sagen: „Ja, mir geht es wunderbar, und Ihnen?“ Das machen Wiener eben nicht. Und das erzeugt dann das Bild eines mieselsüchtigen, unfreundlichen, tragischen Wieners. Und unseren Humor verstehen sie auch nicht. Und überhaupt Expats – wie können sie sich überhaupt anmaßen, hier nur drei Jahre zu bleiben? Das ist doch eine Beleidigung für die schönste Stadt der Welt. Außerdem sprechen viele von ihnen zu laut.

Lass uns einen Zeitsprung machen ins Wien des späten 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war sehr prägend für die Stadt. Damals hatte Wien zwei Millionen Einwohner, es war viel los. Aus dieser Zeit gibt es berühmte Illustrationen von den sogenannten Wiener Typen, also Menschen, die damals das Stadtbild geprägt haben sollen: das Lavendelweib oder der Würstler zum Beispiel. Du hast ja dein Buch selbst illustriert – und da gibt es auch Wiener Typen. Was sind denn typische Wiener Gestalten von heute?

Dusl: Eine sehr wienerische Figur ist nach wie vor der Würstelmann. Oder der Strizzi. Dann gibt es eine Figur, die man nur sieht, wenn man nachts auf dem Gürtel unterwegs ist – die sogenannte Praterfee. Eine Prostituierte, eine Sexarbeiterin.

Eine Praterfee vom Gürtel?

Dusl: Nein, die Praterfee vom Gürtel heißt natürlich Gürtelhur. Aber das ist alles schon sehr unwoke Sprache, die aber existiert oder existiert hat. Und die Praterfee gehört zum Strizzi dazu, der betreut sie.

Dann gibt es noch den Gschaftlhuber. Dem habe ich das Gesicht von Elon Musk gegeben. Auf Deutsch heißt das „Hansdampf in allen Gassen“. Es gibt auch einige Politiker, die ausschließlich gschaftlhuberisch nach oben getrieben sind. Aber da das alles substanzlos ist, fliegen ihre Gebarungen irgendwann auf – und sind erfolglos. Aber der Gschaftlhuber findet immer wieder eine neue Betätigung.

In Deutschland würde man auch „Windbeutel“ sagen. Ein Typ in deinem Buch ist mir gefühlt schon tausendfach in dieser Stadt begegnet: der Hubertusmantler mit der Attersee-Familienfrisur.

Dusl: Das kommt von Lukas Resetarits, der hat den erfunden. Das sind Leute, die am Graben verkehren, die durch die Nase sprechen und sich in schicken Lokalen aufhalten. Sie haben altes Geld, Besitz und Attitüde. Sie sind in Wien zugegen, haben aber auch Villen am Attersee, im Salzkammergut, in Altaussee. Es sind alte Familien, wo sich Großbürgertum, Schickimicki und Aristokratie vermischen. Und eines der Kleidungsstücke, die sie tragen, ist der Hubertusmantel: Er besteht aus einem grünen, filzernen Stoff, die Knöpfe sind mit einem geflochtenen Leder überzogen. Das kommt von der Jagd, aber normale Jäger auf dem Land aus Oberösterreich oder Tirol, die tragen das nicht. Es ist ein Angebermantel, der nur in Wien und Salzburg getragen wird. Aber der Hubertusmantler ist nur eine von vielen Wiener Figuren. Diese Vielfalt, auch das ist Wien.

 

Peter Weck

Aus meinen Erinnerungen. 

Ich war erst im zweiten Jahr meines Bühnenbildstudiums an der Akademie und schon ging es los. Ein Telefonat erreichte die Meisterklasse, jemand wurde gesucht für eine großartige Sache. Gleich drüben, in den heiligen Räumen der Zauberflöte. Im Theater an der Wien. Das war an sich schon großartig. Dass die einen die anderen anriefen. Wir senden die Beste, sagte der Meisterschulleiter. Die Beste? Man zeigte auf mich. Ich konnte es nicht glauben. Ich war die Beste? Wie großartig! 

Ich wurde also Assistentin. Assistentin. In einem Musical! Assistentin im Musical CATS! Wie stolz war ich, wie stolz meine Eltern, denen ich davor nur Kummer gemacht hatte, die ganze Schulzeit hindurch. Das Salär war bescheiden, aber es war mein Salär und es war mein erstes. Ich baute ein Modell, so fing meine Arbeit an, minutiös, riesengroß, es sollte jahrelang das Foyer zieren. Das Modell diente dem Bühnenbau als Anschauung, dann der Regie und der Choreographie. 

Alles war großartig an diesem Engagement. Das Theater an der Wien, die Londoner Produktion, die Genauigkeit der Bühnenpläne, die Korrepetition, die Tänzerinnen (Ute Lemper, alert wie ein junges Reh!). Die Musik war noch nicht mein Ding. Kam ich doch von Zappa, von Zeppelin und Zawinul. In 87 Bühnenproben aber griff das Stockholmsyndrom nach mir, und aus Dopamin, Koffein und Müdigkeit baute sich Resilienz auf in meinem funky Gehirn. Es begann mir zu gefallen, was Andrew Lloyd-Webber da zusammengeklimpert hatte. 87mal hatte ich CATS gesehen, oder 92mal? Das war bis dahin Weltrekord. Und großartig schon in sportlicher Hinsicht. Wenn sich irgendwo eine Plastikflasche aus den Bühnenbild löste, oder ein Autoreifen verrutschte, ich war zur Stelle, wußte wo der Kanister X eingebaut war, wo die eine Zeitungsseite Y angeklebt. Und wenn jemand von den anderen nicht da war, wußte ich, wo Ute Lemper stehen sollte, wohin Rum Tum Tugger stolzierte, nach dem Sprung vom Autowrack, wie die eine vergessene Songzeile ging. Ich war CATS. Durch und durch. Und ich war unendlich stolz, schon so früh im Showbiz zu sein. Eine Assistentin nur, aber mitten im Geschehen, am Theater, im Welterfolg. Ich war Teil eines Teams. Des Teams. 

Einen Tag vor der Premiere lud der Direktor und Regisseur der ganzen Sache in sein Büro, mit mürrisch-strengem Blick war er während der Proben am Regiepult gesessen, sinnierend wie ein Altgraf, wissend wie Isaac Newton, beobachtungsfrisch wie ein Seeadler: Peter Weck, Peter der Große, anerkannt und altbekannt aus tausenden Klamaukfilmen und knietiefen Komödienhits. Und nun lud der Direktor das Team in sein Büro. 23 Menschen aus dem Team. Es sollte angestoßen werden. Im Büro des Direktors. Am Tag vor der Premiere, in einem Get-together-toi-toi-toi. Langsam quetschte sich die Traube des Teams in Weckens Büro: Garderobieren, Katzenpelzfriseure, die Maske, der Bühnenbau, Bühnenarbeiter, Requisiteure, Regieassis, Souffleusen, Inspizienten, Dramaturgen, der Autor des Programmhefts. Das Team. Und ich. Aus Höflichkeit drängte ich nicht nach vorne, war also die letzte, die ins Büro des Direktors trat. Ich sah hinter mich. Niemand war draußen geblieben, alle waren wir hier. Wir. Das ganze Team. Drinnen. Im Büro des Direktors. 

Der Direktor wackelte altfrisch, aber schon weißhaarig zu seinem enormen Tisch, ließ sich in den gepolsterten Chefsessel fallen. Freudige Stille griff nach dem Raum. Peter Weck musterte die Anwesenheit mit launigem Grandseigneurblinzeln. Dann sah er mich an, ganz Seeadler, und sprach mit Altgrafenstimme: „Ohne Assistenten.“ Er meinte mich. Seine Hand machte dazu diese Geste des Wegwischens, Hinauswischens, wie man Domestiken aus dem Raum komplimentiert. Tausendemale hatte er das geübt, wenn er einen Direktor spielte, einen König, einen Potentaten. Peter Weck.

Kunst kommt

Durchsage. Liebe Kunsteinpfleger und Kunsteinpflegerinnen in all euren Kunsteinrichtungen und Museen, Feuilletons und Wochenendbeilagen. Das sitzt ihr und verwaltet Kunst, und das ist gut und mächtig und all das, was euch daran Spass macht. Und dann denkt ihr, in euren Kunsteinpflegebüros und Kuratoriensälen, Kunst muss gefallen und vor allem: Kunst muss euch gefallen. Oh nein, das muss sie nicht. Sie muss nur kommen. Zu euch, Kunsteinpfleger und Kunsteinpflegerinnen, kommen von den Künstlerinnen und Künstlerinnen. Die geben euch die Kunst und sagen, stellt das aus, rückt das ein, bringt das. Es muss euch garnicht gefallen. Es muss nur zu euch kommen. Und es kommt. Aber, da könnte ja jeder kommen, sagt ihr dann, voller Beurteilungsangst. Stimmt. Es sollte auch jeder kommen. Aber ich sage euch mit ernster Stimme: Habt keine Angst, Kunsteinpfleger und Kunsteinpflegerinnen, es kommen nicht alle. Denn alle, die kommen, sind die Künstlerinnen und Künstler. Mit ihrer Kunst. Wenn ihr die nicht bringt, nicht ausstellt, nicht einrückt, bringt das nur euch etwas, dann stellt ihr nur euch aus. Und ihr seid eines nicht: Künstlerinnen und Künstler. Seid also demütig und dienstbar und offen.

Revolution und Gewitter

Früher dachten wir: Das Gewitter bringt die Kühle. Indes: Es ist umgekehrt, die Kühle bringt das Gewitter. So ist es auch mit der Revolution. Nicht diese bringt das Systemende. Sondern das Systemende die Revolution. Warten wir also auf das amerikanische Gewitter.

Andrea Maria Dusl, 3. Mai 2025

1. Mai

Mein 1. Mai.
Früh aufgestanden.
Italienisch gefrühstückt.
Meine Fahne eingepackt.
Mit 31er, 5er und Genossen Emanuely zur Markthalle gefahren.
Viele 8er-Sektionistas angetroffen.
Mit dem Alsergrund zum Rathaus marschiert.
Mit Andi Babler geplaudert.
Die Reden gehört.
Im Landtmann Verwandte getroffen.
Tiefrotes Beef Tartare gegessen.
Sodazitron (SoZi) getrunken.
Alte Geschichten erzählt und neue gehört.
Nach Hause gewackelt.
In Tiefschlaf gefallen.
Tradition.

Hermes

Hermes Phettberg und Comandantina, 2002, Wien, Backstage.
Hermes Phettberg, 2005, Café Rüdigerhof, Wien.
Hermes Phettberg trinkt Tee und erläutert Wesentliches. 2007, Gumpendorf.
Hermes Phettbergs Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer, genannt „Deutscher Sprachraum“, 2007.
Hermes Phettberg und Comandantina. 60ter Geburstag, 2012, Schweizerhaus, Wien

Es kracht zusammen

Diese Leute wurden uns als epochal vorbildlich gepriesen. Als Speerspitze neoliberalen Heils. Wirkliche, große Leistungsträger. Unerreicht. Mit der hohen Politik im ständigen Austausch. Jetzt krachen ihre Imperien zusammen wie Kartenhäuser. Bis zur Kenntlichkeit entstellt sind sie nun, die Bauriesen, Möbeltandler, Mopedhändler.

Andrea Maria Dusl, 7. November 2024

Trump 2.0

Niemand liebt die Schwachen und Benachteiligten. Nicht einmal die Schwachen und Benachteiligten.

Und die Rattenfänger pfeifen die Schwachen und Benachteiligten herbei, indem sie erfolgreich behaupten, auch benachteiligt zu sein: Vom Süstem, von der Ostküste, vom Weltverschwörungsbund, von der Medikamentenmafia, von den Osländern. Davon fühlen sich die Schwachen und Benachteiligten abgeholt. Vom Oberbenachteiligten, der verspricht, aufzuräumen.

Andrea Maria Dusl, 7. November 2024

Demokratie

Das wird man ja noch sagen dürfen, sagen sie. Das ist meine Meinung, sagen sie. Wir haben Meinungsfreiheit, sagen sie, wir haben Redefreiheit. Dann sagen sie das, was sie wirklich wollen, wen sie wirklich wollen. Den starken Mann, der es den Schwachen so richtig reinsagt. Den Parasiten und Faulen, den Schädlingen. Den starken Mann, der dann aufräumt, mit dem ganzen linken, woken, genderverseuchten Spuk. Der dem heimatblinden Gesindel zeigt, wo der Hammer hängt. Der starke Mann, der es sich verdient hat, der starke Mann zu sein, der starke Mann, den das Volk verdient hat, der für das Volk da ist, ganz und gar. Mit Haut und Haar und Bart. Der das Ohr am Volk hat. Tag und Nacht. Immerzu. Der starke Mann, der weiß: Demokratie ist schlecht für das Volk. Meinungsfreiheit ist schlecht für das Folk, Redefreiheit ist schlecht für das Volk. Ja, Freiheit ist schlecht für das Volk. Wollt ihr die totale Diktaur, fragt der Diktator dann das Volk, und das Volk, das noch schreien darf, das Volk das noch schreien kann, sprich: Das Volk, das dann schreien muss, schreit: Ja so ist es, Führer befiehl, wir folgen Dir.

Ja aber, sagen dann die Kritiker, der Führer, der Volkskanzler, die Sonne des Landes, das Jahrunderttalent, er ist doch demokratisch gewählt worden! Ja, das stimmt. Ein einziges mal ist er gewählt worden. Sobald er an der Macht ist, schafft er die Demokratie ab. Die freie Presse, die Versammlungsfreiheit, die Redefreiheit, die Gewaltentrennung, die freien und geheimen, und regelmäßigen Wahlen. Die Minderheitenrechte. Die Freiheit, die Gleichheit, die Gesellschaft. 

Es ist vielfach geschehen. Und es geschieht auch heute noch. Die Führer, die Verführer versuchen es immer wieder. 

Demokratie heißt, dies zu erkennen, dies zu benennen, die Abschaffung der Demokratie zu verhindern. Wenn es sein muss jeden Tag. Wenn es sein muss, durch jede und jeden von uns. 

Demokratie ist alternativlos.

Demokratie ist Leben – Diktatur ist Tod.

Andrea Maria Dusl, Wien, 7. August 2024

Paris · Olympia · 2024

Ich plädiere dafür, André Heller sämtliche Eröffnungsfeiern (und Abschlussfeiern) auf dem Globus gestalten zu lassen. Lückenlos. Auf Lebenszeit. Selbst die allerschlechtesten Ideen von André Heller sind um Potenzen besser als das, was üblicherweise, und auch heute zu diesen Themenfeldern inszeniert wird. Sollte André Heller etwas zustoßen, sollen Eröffnungsfeiern (und Abschlussfeiern) aus seinem zu Verwirklichungsfundus bestritten werden. Ich plädiere weiters dafür, Sportkommentaristik bei Eröffnungsfeiern mit lebenslangem Sprechverbot zu bestrafen. Weltweit. Aber besonders in Österreich.

Comandantina Mixtur

Ich habe 9 Generationen meiner Eltern, Großeltern, Urgroßeltern, Ururgroßeltern usf. nach Herkunft und Ethnie analysiert. Demnach bin ich zu:

34% Österreicherin
17% Schwedin
19% Sächsin
13% Slowenin
13% Alemannin
6% Friulanerin
5% Niedersächsin
5% Steirerin
3% Britin
3% Ladinerin
3% Oberfränkin
2% Tirolerin
0.5% Kroatin
0.5% Holländerin
0.3 % Oberpfälzerin.

Welche Leitkultur wäre das?

Klage

Hauptjob momentan: Verwaltung. Kunst läuft nebenher. Das ist auch alles kein Wunder, weil die Welt vom ökonomischen Hegemon regiert wird. Und dort ist die Maxime: Gewinnsteigerung. Schönheit und Weisheit sind völlig unbekannt. Und von Gefühlen wird nur gefaselt (Stichwort: das „scheue Reh“ Kapital). Ich fordere die Beendigung dieser Weltschieflage.