Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 41/2026 vom 7. Oktober 2026
Liebe Frau Andrea,
gerade haben wir in kleinerer Runde das Verb „wienern“ im Sinne von putzen, polieren und so weiter diskutiert. Es stellte sich die Frage, ob es eine Beziehung zu Wien gibt und wie diese aussehen könnte.
Bitte um Ihre Hilfe. Vielen Dank vorab. Liebe Grüße,
Hermann Tophof, Wien 18, Gymnasiumviertel, per Email
Lieber Hermann,
das Wort „wienern“ stammt aus der deutschen Soldatensprache des späten 19. Jahrhunderts und leitet sich vom Reinigungsmittel „Wiener Kalk“ ab. Kasernierte Soldaten nutzten ihn, um ihr weißes Lederzeug und ihre Riemen einzufärben und zu reinigen. Aus der Tätigkeit „mit Wiener Kalk putzen“ etablierte sich bald der Barras-Ausdruck „wienern“. Aus dem rein mechanischen Säubern von weißem Leder mit diesem speziellen Putzmittel wurde eine allgemeine umgangssprachliche Bezeichnung für intensives Putzen, Schrubben oder Polieren, um Dinge auf Hochglanz zu bringen – den Fußboden, die Schuhe, die Fenster. Die ursprüngliche Bezeichnung des Produkts und der militärische Zweck wurden vergessen.
Ältere Lexika bezeichnen „Wiener Kalk“ als „Schlämmkreide in Stücken“. Damit konnte auch gebrannter, sandfreier Kalk für Metallpolitur gemeint sein. Heute bezeichnet „Wiener Kalk“ meist fein gemahlen Dolomit (Calcium-Magnesium-Carbonat), oder gebrannten Dolomit (überwiegend Calcium- und Magnesiumoxid). Schlämmkreide dagegen ist im engeren technischen Sinn feinst gemahlenes und geschlämmtes Calciumcarbonat (CaCO₃), also im Wesentlichen gereinigte Kreide bzw. Kalkspat (gemahlener Calcit).
Eine Publikation des Instituts für Angewandte Geologie der BOKU Wien beschreibt die historische Herstellung von „Wiener Kalk“, im Fernhandel auch als „Vienna Limestone“ bekannt. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts wurde dieser als Poliermittel für Metalle verwendet. Als ursprüngliche Vorkommen werden Triasdolomite in niederösterreichischen Gaaden, nahe Mödling bei Wien genannt. „Wiener Kalk“ und damit das „Wienern“ haben also tatsächlich einen handelstechnischen und damit etymologischen Bezug zur Donaumetropole.
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