Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 24/2026 vom 10. Juni 2026
Liebe Frau Andrea,
Pride-Zeit ist und es wird wieder viel über Queerness gesprochen. Dabei fiel mir ein alter Begriff ein, den ich mir nicht wirklich erklären kann. Woher kommt eigentlich die Urwiener Bezeichnung „Woama“ oder „woam“ für männliche Homosexuelle?
Beste Grüße
Andreas Brunner, per Email
PS: Obwohl ich als wissenschaftlicher Leiter von Qwien quasi vom Fach bin, kann ich die Herkunft des Begriffs nicht erklären. Nachdem mich Ihre Redaktionskollegin Daniela Krenn nach einer Erklärung fragte, kam ich auf die Idee, Sie zu fragen. Vielleicht finden Sie mit ihrem umfassenden etymologischen Wissen eine Erklärung.
Lieber Andreas,
Ihre Frage hat insoferne Aktualität, als das Cover dieser Falter-Ausgabe mit dem Begriff „Warmes Wien“ titelt. Die Bezeichnungen „Woama“ für homosexuelle Männer und Jugendliche und „woam“ für deren sexuelle Orientierung sind als Geusenworte ins Vokabular der Szenesprache übergetreten – die ursprünglich als Beleidigung dienenden Begriffe sind längst positiv besetzt. „Warm“ ist synonym mit „schwul“ (drückend heiß), das Wort wurde als Antonym zu „kühl“ in „schwül“ umgewandelt. Die alte Form wurde im 19. Jahrhundert in der Berliner Mundart und im Rotwelschen in Anlehnung an „warm“ auf „homosexuell“ übertragen. Der Sexualforscher (und bekennende Schwule) Magnus Hirschfeld stellte in einem frühen Text die seltsame These auf, die Haut von Homosexuellen sei wärmer als die von Heterosexuellen. Der deutsche Kriminalist und Schriftsteller Friedrich Christian Avé-Lallemant schlägt in die selbe Kerbe und beschreibt in seinem 1862 veröffentlichten Werk „Das deutsche Gaunertum „den Schwulen“ als den „von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene(n)“.
Das Wienerische kennt weitere Synonyme aus dem sprachlichen Temperatur-Universum, so “bochn” (gebacken), „ghaadsd“ (geheizt) und „gsengd“ (gesengt). Die Lesben und sapphisch Orientierte firmier(t)en im gaunersprachlichen Wien ebenfalls als „woam“. Als „woame Chomes“ nämlich, als „woame Fladarn, „woame Gas“, „woame Hebn“, als „woams Menscherl“, „woams Röhrl“, „woame Schanettl“ und „woame Tschesn“. Warmes Wien also, wohin man schaut.
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