Braschedda

So, Schluss mit lustig. Schluss mit der amerikanischen Ignoranz. Die Italiener haben es schon vorgemacht. Sie verbitten sich die falsche Aussprache ihrer Landesheiligtümer. Etwa Sbagäähdi zu sagen oder Braschedda, Braschuhddou und Mahdsarälla. Und: Brahssägou.

Bei Familien- und Vornamen, dem Heiligste überhaupt, das ein Mensch besitzt, gehen sie noch ungelenker und provinzieller um. Ich will von denen nicht Dahsl genannt werden und Ähndra. Immer mit diesem kehligen Vernuscheln. Halt! Aus! Auch Kchrischdschan Sdagga geht nicht, und Ändras Bäiblar nicht, und Bijadäi Miendw-Riessindscha. Aber gut, sollen sie.

Ich schlage vor, wie im Zollstreit mit gleicher Münze zu bezahlen. US-amerikanische Namen nach hiesigen Lautgesetzen auszusprechen. Geht ganz leicht. Ählonnmusck, Dohnaltrump, Jehdehwanze.

Kaseklosett.

Song-Contest

Anschließendes zum Song-Contest. Die nationalstaatliche Zuordnung von Vortragskunst wäre grotesk, die alleinige Idee eines Wettkampfes von Kunstdarbietungen gaga. Es geht aber gar nicht um Kunst und Kampf, sondern um schlichte Unterhaltung. Der ESC ist eine Nummernrevue in Form einer gesungenen Modeschau. Ein bunter Reigen Horror.

Millionenshow

Es gibt die Millionenshow – für Normalos, und die Promi-Millionenshow – für Promis. Das ist zuwenig. Was ist mit Millionären und Milliardären? Die haben keine Show? Ich schlage also die Millionärs-Millionenshow, und die Milliardärs-Milliarden-Show vor. Eventuell sogar die Milliardärs-Billionenshow. Halt mit einfacheren Fragen und mehr Hilfe vom Moderator. Als Telefonjoker Minister, Landeshauptleute und Bundeskanzler. Wie im echten Leben auch.

Futzi-Wing

Vera Russwurm spricht in ihrer Sendung über nachhaltiges Essen permanent von „Futzi-Wing“. Immer nur „Futzi-Wing“. Der Geist von „Futzi-Wing“, die Vorteile von „Futzi-Wing“, die steigende Bedeutung von „Futzi-Wing“. Ich habe 45 Minuten gebraucht um den Ausdruck als „Food Saving“ zu indentfizieren. Fernsehen mit Chill-Faktor. Das ist auch so ein Wort, das gerne aus dem Schirm springt.

Viszeraler Schock Kulturmontag

Pockerlfras. Ich bekomme selten die Pockerlfras, und es ist auch sehr ungehörig von mir, dies öffentlich vorzubringen, weil sich die Kollegen möglicherweise, ja wahrscheinlicherweise sehr anstrengen mit der Produktion ihrer Show. Aber ich bin hilflos und muss darüber sprechen: Die ORF-Sendung „Kulturmontag“ dringt mir in Mark und Bein. In Wellen durchfluten mich seelische und körperliche Erschütterungen und lösen erwähnte Pockerfras aus. Ein Konsum des Bildfunkwerks, auch ein akzidentieller, ist gänzlich unmöglich. Therapie ist zwecklos. Ich bin ratlos und leidend. Gerade eben ist es wieder passiert. Ich habe den Bildschirm zu lange angelassen, der „Kulturmontag“ raste aufs Gleis meiner Erkrankung. Vollblüte des Schauders. Ein Musikantenstadl war leichter zu ertragen, sogar in Maximallänge. Sind es die Themen oder die Attitude? Wenn mich je jemand foltern wollte, die Sendung wäre das Mittel der Wahl.

Found Footage ::: Geheimnisvolle Statistik

Heise berichtet über Hinweise auf Wahlfälschung im Iran
Where-is-my-vote-300x232.jpgDer Astrophysiker Boudewijn F. Roukema legt in einer wissenschaftlichen Abhandlung (PDF-Datei) dar, die Stimmzahlen (Excel-Datei) aus den 366 iranischen Wahlbezirken seien mit hoher Wahrscheinlichkeit manipuliert worden. Zur Begründung hat er die Menge der abgegebenen Voten, die sich in jedem Stimmbezirk auf eine Zahl zwischen 10.000 und 100.000 summieren, auf ihre Häufigkeit der ersten Ziffer analysiert.

Für solche Zahlensammlungen lässt sich das Benfordsche Gesetz anwenden, dem zufolge annähernd 30 Prozent aller dieser Zahlen als erste Ziffer die 1 aufweisen sollten. Roukema fand allerdings heraus, dass entgegen dieser Null-Hypothese, die von nicht manipulierten Zählergebnissen ausgeht, überraschend viele Stimmzahlen für den alten und selbsterklärten neuen Präsidenten Ahmadinedschad nicht mit der Ziffer 1, sondern mit 2 beginnen. Außerdem fand Roukema eine dramatische Häufung von Stimmzahlen für den unerwartet erfolglosen Gegenkandidaten Karrubi, die mit der Ziffer 7 beginnen. Deren Häufigkeit liegt um ein Vielfaches über dem Erwartungswert, der sich innerhalb statistischer Unsicherheiten mit der Null-Hypothese vertrüge.

Mahdi Karrubi war nach Recherchen des Spiegel im Jahr 2005 der meistgewählte Politiker in den ländlichen Regionen des Iran, erhielt dort aber in den aktuellen Wahlen angeblich weniger als ein Prozent aller Stimmen. Roukema hält eine Verfälschung der Ergebnisse durch Tippfehler und dergleichen für unwahrscheinlich und schlägt gerade diese Stimmzahlen als lohnende Kandidaten für eine nachträgliche Wahlanalyse vor.

Das Benfordsche Gesetz, welches vor dem Physiker Frank Benford schon der Astronom Simon Newcomb formuliert hatte, wird mitunter auch als Newcomb-Benford-Law (NBL) bezeichnet. Newcomb war auf die zunächst nur vermutete Gesetzmäßigkeit aufmerksam geworden, als er beobachtete, dass in vielseitigen gedruckten Logarithmentafeln die Seiten am stärksten verschleißen, auf denen die Mantissen mit der Anfangsziffer 1 behandelt sind. Heutzutage findet das NBL Anwendung in der Marktforschung, wenn es darum geht, Befragungsergebnisse auf systematische Fehler zu prüfen. Eine geschlossene mathematische Herleitung war im Rahmen dieser Meldung nicht aufzutreiben. Wer die Gültigkeit dieses intuitiv schwer fassbaren Gesetzes als gegeben und anwendbar hinnimmt, kann Roukemas Analysen anhand eines zusammen mit seinem Bericht veröffentlichten Skripts für das Rechenprogramm Octave verifizieren.

Holt sie aus ihren Büros. Schickt sie nach Hause!

Kulturkommentar von Andrea Maria Dusl für Falter vom 10.12.2008
Hugo Portisch, Kasperl und Heinz Conrads, Edmund Sackbauer und die verirrte Sylvesterrakete, Nina Hagen und ihre Schamspalte, Kottan, Pilch und der böse Kaffeeautomat. Unser Gedächtnis hat mit Bildern zu tun. Bilder sind das Kapital der Erinnerung. Bewegte Bilder sind das gemeinsame Gedächtnis, auf das sich eine Gesellschaft einigen kann. Mann musste Mundl nicht mögen, um zu wissen, wer er war, was er repräsentierte, wofür er stand. Mundl, der goscherte Elektriker aus der Hasengasse war einer von uns. Ein Österreicher wie der Herr Karl, wie Kottan, wie Phettberg, wie Palfrader, wenn er im weissen Rock den vertrottelten Kaiser gibt. Bilder, bewegte Bilder schaffen Identität. Sie müssen nicht unsere persönliche Identität repräsentieren, es genügt, wenn sie abbilden, was zu unserer allernächsten Umgebung gehört. Unsere allernächste Umgebung ist das Land, in dem wir leben. Um das wiederzuerkennen, muss man weder patriotisch sein noch eingeboren. Auch ein türkischer Gastarbeiter konnte Mundl als landestypischen Archetypus indentifizieren. Oder der Botschafter von Australien. Um das Gedächtnis der Identität mit Bildern zu speisen, bedient sich das aufgeklärte Kollektiv der Bildermaschine. Auch Österreich hat solch eine Bildermaschine. Den Österreichischen Rundfunk, den O.R.F., den Oaff, wie er im Lande heisst. Diese Bildermaschine pfeift auf dem letzten Loch. Böse Zungen sagen, sie liegt im Sterben. Unsere Bildermaschine. Unser Erinnerungsmaschine. Arbeitet sie nicht mehr?
Unblumig haben die Gesetzemacher beschrieben, warum und wie die Bildermaschine arbeiten soll. Im ORF-Gesetz sehen sie für die Bildermaschine im Rahmen des Versorgungsauftrages unter anderem einen Bildungsauftrag vor. Der ORF ist seit 2001 eine Stiftung öffentlichen Rechts. Begünstigter der Stiftung ist die Allgemeinheit. Worin besteht die Begünstigung? In der Versorgung dieser Allgemeinheit mit Nachrichten, Unterhaltung und Bildung. Schon das Wort Bildung, gemeinhin auf Schule und universitäre Lehre reduziert, birgt den ganzen Reichtum dieses Auftrags: Bildung hat vor allem mit dem Bild zu tun, das wir uns von der Welt machen.
Der ORF hat vor einigen Tagen den Bankrott seines Kernauftrags erklärt. Ein internes Strategiepapier empfahl die Kündigung des Film/Fernsehabkommens. Der sperrige Titel bezeichnet einen Vertrag, den die Bildermaschine ORF 1981 mit dem Österreichischen Filminstitut zur Förderung von Spielfilmen abgeschlossen hat. Das Abkommen sieht vor, dass sich der ORF an der Finanzierung von Kinospielfilmen und Kinodokumentationen beteiligt. Nach einem öffentlichen Aufschrei scheint der ORF in dieser, für das Kinoschaffen des Landes lebensnotwendigen Frage einzulenken. In der Praxis gilt der Beitrag des ORF als dritte Säule in der heimischen Kinofilmförderung. Das war keine österreichische Erfindung. Alle europäischen Filmindustrien sind staatlich gefördert. Europa versteht die Filmförderung als eminenten Beitrag zur Schaffung nationaler und europäischer Identität. Wie die Förderung der Landwirtschaft. Oder die Förderung der Forschung. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten der europäischen Länder zahlen ganz selbstverständlich in die nationalen Filmfördertöpfe ein. Per Gesetz. Was sie davon haben? Sie haben ein gutes Gewissen, weil sie, die Verursacher des Kinosterbens, einen kleinen Teil ihres Umsatzes an die Bildermacher zurückgeben. Und sie haben ein gutes Gefühl, weil sie die so finanzierten Filme im Fernsehen auswerten können. Gutes Gewissen und gutes Gefühl ist den österreichischen Fernsehmachern fremd. Gewissen ist ihnen fremd und Gefühl ist es auch. Es liegt ihnen nicht an der Schaffung von Identität. Sie halten Starmania für identitätsstiftend, amerikanische Vorabendserien und den Schpuat.
Sängerwettkämpfe, Malcolm und die Rennen der österreichischen Schneeathleten halte ich auch für wichtig. Aber sie bilden nicht. Sie bilden nicht ab. Sie unterhalten. Mundl bildet, Seidl bildet und Haneke, und sogar meine Filme machen das. Sie bilden die Realität ab. Sie sind gefilmte Identität. Wird das Zukunft nicht mehr so sein? Werden in Zukunft die Filme der österreichischen Bildermacher nicht einmal um 0 Uhr 35 gespielt werden? Werden sie nicht mehr gespielt werden? Und erst gar nicht mehr finanziert?
Liegt es an der Quote, dass hier so knieweich mit dem wichtigsten Kunstform unserer Zeit umgegangen wird? Es liegt nicht an der Quote. Österreichische Stoffe, Filme und Fernsehspiele, erzählt, inszeniert und gespielt von Filmemachern, die dieses Land abbilden, gehören zu den beliebtesten Programmen des ORF. Liegt es am sperrigen Image des österreichischen Films? Keineswegs, wie der enorme Erfolg der Standard-Hoanzl-Edition “Der österreichische Film” zeigt. Woran liegt es dann?
An einem Amalgam aus zynischer Verachtung, blauäugigem Desinteresse, grantelnder Saturiertheit und an simpler Arbeitsverweigerung. Arbeitsverweigerung? Ja, Arbeitsverweigerung. Denn wir, das Volk haben einen Auftrag gegeben. Die Allgemeinheit mit Bildung zu versorgen.
Holt sie aus ihren Büros. Schickt sie nach Hause, sage ich. Und setzt Bildermacher auf ihre Sessel. Bildermacher, die das Bildermachen lieben.

Fussball-EM ::: Tor der Woche 2

FA-25.2008-EM-Tor-der-Woche.jpg
Das letzte Glück, das die Kicker der österreichischen Nationalmannschaft hatten, bevor ihnen Angstgegner und grosser Bruder Deutschland die Fussballhosen auszog. Ein Gutes hattes es noch: Österreich war die einzige Mannschaft, die nach dem Ausscheiden nicht nach Hause fahren musste. Sie war ja schon da.
Für Falter 25/2008.
Ins Bild klicken für 1000px Version
©Andrea Maria Dusl

Fussball-EM ::: Tor der Woche 1

FA-24.2008-EM-Tor-der-Woche.jpg
Aus meiner langjährigen Falter-Serie ‚Tor der Woche‘ diesmal der Beginn der neuen, wöchentlichen Europameisterschafts-Betrachtungen. Zur Erinnerung: Das Tor der Woche ist nicht das schönste Tor, das spektakulärste oder wichtigste, sondern das eindrucksvollste. Und Eindruck hat der Elfer von Herrn Modric hinterlassen. Zumindest in Österreich.
Für Falter 24/2008. Ins Bild klicken für 1000px-Version
©Andrea Maria Dusl

Manieren 2.0

Brauchen wir eine neue Etikette für den Umgang im globalen Dorf? Andrea Maria Dusl hat Rat in Benimmbüchern für Technikjünger gesucht – und weiß nun, wie man moderne Kommunikationshürden elegant nimmt.

Andrea Maria Dusl für Der Standard/rondo vom 25.4.2008

Bam-Oida-Elmayer.jpgDer Grazer Bürgermeister will das Telefonieren in Straßenbahnen verbieten. Aus Stilgründen. Vor zwanzig Jahren hätte diese Meldung nur an einem 1. April Verbreitung gefunden. Alles hätte man sich in Straßenbahnen vorstellen können, sogar in Grazer, aber ein Ferngespräch wäre nicht dabei gewesen.
Mobile Kommunikation war vor 20 Jahren noch auf dunkle Mercedes-Limousinen, teure Yachten und militärische Kommandofahrzeuge beschränkt. Telefoniert wurde mit Telefonen. Das waren Geräte, von denen man einen Hörer abheben konnte. Sie waren mit Wänden verkabelt, in den Vorzimmern unserer Wohnungen aufgestellt oder an Straßenecken in kleinen Hütten installiert, die nach Toilette rochen.

Internet hätten 998 Promille der Österreicher mit einer Kindererziehungsanstalt assoziiert, und die Hälfte von ihnen hätte einen schweren Rechtschreibfehler bemerkt. 20 Jahre Kommunikationsevolution sind ins Land gegangen. Handygequassel in Grazer Straßenbahnen ist nicht nur möglich, es soll gar abgeschafft werden. Was sagt eigentlich der Stilratgeber dazu?

Benimmbücher gab es seit dem ausgehenden Mittelalter. Eines der ersten ist „De civilitate“ des Humanisten Erasmus von Rotterdam, das Basiswerk der Anstandsliteratur. Etikettefibeln späteren Datums sollten Bürger einen Umgang miteinander lehren, der auf der Imitation höfischer Sitten fußte. Als Ahnherr der Literatur über das gute Benehmen ist der Freiherr von Knigge als Synonym in die deutsche Sprache eingegangen. Dabei war Knigges 1788 erschienenes Werk „Über den Umgang mit Menschen“ nur als Aufklärungsschrift für Taktgefühl und Höflichkeit gedacht. Seine Erörterungen über den Umgang mit Älteren und Kindern, Ärzten und Jähzornigen, Schurken und sich selbst sollten vor Enttäuschungen bewahren. Das österreichische Pendant, „Der Elmayer“, Benimmbuch der legendären Wiener Tanzschule, hat über Jahrzehnte den Benimmkodex des bürgerlichen Österreich geregelt.

Ob man bei Konferenzen SMS-Nachrichten absetzen darf, in E-Mails mit Satzzeichen grimassieren, während der Busfahrt telefonieren oder, statt zu lachen, nur den Chatausdruck „lol“ (für: „laughing out loud“) verwenden darf, konnten und können weder Knigge noch Elmayer beantworten. Handys und Internet, mobile Kommunikation und Cyberspace sind Phänomene, auf die die alten Regeln nicht wirklich anwendbar sind. Oder doch?

Helmut A. Gansterer, profilierter Wirtschaftsjournalist, Automobil-Essayist und Edelfeder der Nation hat sich in seinem unlängst erschienenen Brevier „Darf man per E-Mail kondolieren?“ in ebenso souveräner wie kurzweiliger Form den unbeantworteten Etikette-Fragen der heutigen Zeit gestellt und gute Antworten auf neue Probleme gefunden.

Darf man sein Handy einen Tag lang abgedreht lassen? (Aber sicher.) Darf man per E-Mail kondolieren? (Der Wille steht für das Werk.) Darf man in Öffis das Handy benutzen? (Nur wenn man unter 30 ist.)

Gansterer darf bei aller Schrulligkeit als Apologet der Stilsicherheit betrachtet werden, er hat sich erst dem Schreiben am Laptop ergeben, als die Höllenmaschinen ausgereift und ihre Software absturzsicher war. Und jemand, der sich in Jaguars und Aston Martins wohlfühlt, kann kein falscher Ratgeber sein.

Ebenfalls im Bergwerk des guten Stils schürft der neue deutsche Essayband „Manieren 2.0. Stil im digitalen Zeitalter“. Der Autor, Adriano Sack, verdiente sich seine ersten Montblanc-Füllfedern bei Tempo, Die Woche und Der Spiegel. So sperrig und technoid der Titel daherschlittert, so vergnüglich und elegant beschreibt der gebürtige Kölner Stilfragen in einer Zeit der globalen Verrohung.

Darf man zugeben, am MAIDS (Mobile and Internet Deficit Syndrome) zu leiden? (Man darf.) Darf man sich selbst googeln (es führt nicht zu Knochenmarksschwund) und das auch öffentlich zugeben? (Ja.) Darf man die Plattensammlung auf den iPod auslagern? (Wenn man dadurch überhaupt wieder Musik hört: Ja.) Darf man die eigene Rufnummer unterdrücken? (Nein.), ein Guccihandy haben (Nein), vor 9 Uhr anrufen und nach 22 Uhr? (Nein). Darf man makeln? (Ja, aber nicht mehr als zweimal pro Telefonat.) Darf man ohne Handschrift durchs Leben gehen oder muss man zu Moleskine und Montblanc greifen? (Handschrift ja, Moleskine in Rot und Montblanc-Meisterstück).

Soll man bloggen oder sich mit einer Website unmöglich machen, die jahrelang „under construction“ verweilt? (Ausschließlich Ersteres.) Darf man aus der Wikipedia zitieren, oder muss es die Encyclopaedia Britannica sein? (Je nachdem.) Und soll es die 32-bändige Dünndruckausgabe sein, oder die handliche DVD. (Wenn schon, denn schon.)

Endgültige Antworten, die Polarität von Ja und Nein gibt es nicht mehr. Die Welt der Kommunikation ist zu komplex geworden. Erlaubt ist, was nicht stört. Und umgekehrt. Der Bürgermeister Siegfried Nagl will also den Grazern das Handyfonieren in der Straßenbahn verbieten. Auch die Stockholmer U-Bahn ist klingeltonfrei. Und in Tokio mahnt man mobile Quasselstrippen per Ansage. In München hingegen will man das Telefonieren in der U-Bahn wieder anschaffen. Nach einem brutalen Überfall auf einen Rentner in den bayerischen Hauptstadttunnels konnte niemand um Hilfe für das Opfer rufen, weil es kein Handynetz gab.


 

Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin und Autorin, hat einen Moleskine-Block, eine Montblanc, ein Weblog (www.comandantina.com), aber keine Mobilbox. In der Grazer Straßenbahn wird sie in Zukunft in die hohle Hand telefonieren, und Kondolenz-E-Mails findet sie unelegant.

Get Real

Andrea Maria Dusl für DER STANDARD RONDO vom 25.01.2008
David-Lynch.jpgLagow ist ein verträumtes Ferienstädtchen an einem verwinkelten polnischen See. Die Zeit geht langsamer hier, Zifferblätter haben keine Minutenzeiger. Ein kleines Filmfestival hat sich etabliert, ein Cannes im slawischen Kleinkrämerformat. Neben dem Filmprogramm gibt es Diskussionen, Filmstudenten aus der Hauptstadt sind angereist, um sich mit erfahrenen Kollegen aus dem Ausland zu treffen. Es geht um die Sorgen der jungen Filmemacher. „Die Welt geht unter“, beklagen sie, „die Cinematographie geht den Bach runter.“ „Wieso denn das?“, fragt der etablierte Kollege aus dem Westen. „Ach“, seufzen die polnischen Jungregisseure, „was ist unser Studium noch wert, wenn alle jetzt Filme machen können?“ „Alle können jetzt Filme machen?“, fragt der Filmdirektor mit gespieltem Staunen. „Aber ja doch“, jammern die Polen, „200 Euro kosten die digitalen Kameras, noch billiger geht das Drehen mit dem Handy. Was hat unser Beruf für eine Zukunft, wenn jeder an die Geräte randarf? Was waren das für gute Zeiten, als eine Kamera auf eine Million Leute kam!“
„Was seid ihr für Trottel“, brummt der Filmgroßmeister. „Zum Filmemachen brauchen wir keine Kameras, kein Licht und kein Geld. Wir brauchen eine Idee und jemanden, der die Idee dirigiert.“ „Wer braucht noch Regisseure, wenn jeder eine Kamera bedienen kann?“, maulen die Filmstudenten zurück. „Wer braucht Dirigenten?“, kontert der Großmeister. „Dirigierstäbe gibt’s in jedem China-Restaurant. Ist ein einziger Dirigent deswegen arbeitslos geworden? Ein einziges Orchester von einem Restaurantgast geleitet worden? Nein. Also wovor habt ihr Angst? Geht raus und macht eure Filme, von mir aus mit Supermarktkameras.“ Die Studenten zerstreuen sich mürrisch, tippen zornige Kurznachrichten in ihre Handys und betäuben ihre Existenzängste an der Bar.
Die kleine Provinzgeschichte illustriert die Ängste, die Technologieschübe auslösen. Die jungen Filmemacher müssen sich tatsächlich mehr Sorgen um ihre Leber als um ihre Zukunft machen. Gute Geschichten, spannende Filme werden immer das Primat haben über maue Plots und langweilige Streifen. YouTube, die Anlaufstelle für nahezu jedes bewegte Bild in diesem Universum, zeigt das deutlich. Jenseits von Marktmacht und Sehgewohnheiten hat sich dort eine Vielfalt an Formaten etabliert, die herkömmliche Medien alt aussehen lassen und Qualität durch ein raffiniert einfaches Benotungssystem automatisch hochspülen. Während TV und Kino den Stand der Dinge mühsam über Quoten, Marktdurchleuchtungen, Besucherstatistiken eruieren und dem Mammon verpflichtet sind. Und dennoch sei YouTube inzwischen böse, sagen die Warner, denn die Privatfilmabspielstätte ist einer der Krakenarme des Monopolisten Google.
Mittlerweile hat das selbstgemachte Kleinfilmchen seinen Weg in die Männerwelt angetreten. YouPorn zeigt all das, wofür der einsame Mann früher in schmuddelige Hinterhöfe marschierte. Porno und Fußball, die beiden inoffiziellen Königspärchen der laufenden Bilder, sind vermutlich das, was die Handybetreiber mit Content meinen. Mit breitbandigen Netzen soll das private Handy zur Abspielstation für Bilder jeglicher Art werden. Kassiert wird, wie immer, am Eingang. Früher war das die Kinokasse, heute ist das die Monatsrechnung.
Ist das gut? Ja, das ist gut, sagen die Filmemacher. Längst wird hinter den Kulissen für das neue Format gearbeitet, eine neue Art des Erzählens erfunden. Eine Rückkehr des Kurzfilms dürfen wir erwarten. Kleine, raffinierte Filmessays, auf Pointe geschrieben, für das Karteikarten-Format der kommenden Handydisplay-Generation inszeniert. Ideal für die Fahrt im Bus, fürs Warten am Arbeitsamt, für einsame Stunden im Hotelzimmer. So richtet sich die Wut eines der ganz Großen der Leinwand vermutlich gar nicht gegen die Handynutzer, sondern gegen die großen Filmkonzerne, die Dinosaurier des Contents. „Nicht in einer Trillion Jahren“, wettert Mythenschmied David Lynch, „werdet ihr auf einem Telefon einen Film erleben. Da werdet ihr betrogen!“ „Es ist so traurig“, fährt Lynch fort, „wenn ihr denkt, ihr hättet einen Film auf eurem verdammten Telefon gesehen, get real, wacht auf!“
Wo das der Filmemacher mit den zu Berge stehenden Haaren verkündet? Auf YouTube, wo sonst.
…………………………………………..

Hans Dichand

Der Hans-Dichand-Blog-Dichand hat mir einen sehr netten Elektrobrief geschrieben, indem er sich sehr einsichtig zeigte. Ein echter Gentleman. Man merkt, das der alte Knabe in Paris gelebt hat. Stil der alten Schule. Alles ist verziehen, ich werde sein Blog mit Aufmerksamkeit verfolgen und wünsche dem alten Herrn viel Kraft und Muth, einsichtig und nett, wie er ist.

Der falsche Dichand

Falscher-Dichand-Tapete.jpgDichand bloggt. Und nicht nur er. Ein zweiter Dichand ist aufgetaucht, ein falscher, ein „Satire“-Dichand. Was ich daran – bei allem Faible für Satire und Polemik – nicht mag: Der falsche Dichand verwendet den Ausschnitt einer Illustration von mir, beruft sich in seinem „Impressum“ sogar explizit auf mich und nennt meinen Namen – allerdings falsch geschrieben.
Das alles darf der falsche Dichand nicht. Auch nicht mit Verweis auf meine Creative Commons Lizenz , insinuierend, ich hätte die Illustration freigegeben. Was ich definitiv nicht habe.
Wer auch immer der falsche Dichand ist: Melden sie sich bei mir, Feigling! Und löschen Sie meinen Namen von ihrer Seite. Stellen Sie Werke von mir nicht in den Dienst ihrer Satire-Darbietung. Schmücken sie sich mit der eigenen Feder, Elender! Pronto!
Andrea Maria Dusl

Pippi Langstrumpf

Juhu. Dieses ist der eintausendste Eintrag hier!

Boken-om-Pippi.jpgPippi war meine erste allerbeste Freundin. Sie wohnte ums Eck in einem seltsamen Haus, der Villa Villekulla. Es war gelb gestrichen, was schon mal was Arges war, denn Häuser sind normalerweise rot. In Schweden. Denn Pippi lebte dort, wo meine Mama herkam, in Schweden. Im Land mit den uniform roten Häusern und den knallweißen Fensterrahmen. Klar, dass eine kunterbunte Villa Aufsehen erregte. Aber das war nicht alles, was die mutterlose Pippi gegen den Strich bürstete.

Pippi trug verschiedenfarbene Strümpfe, ihre Zöpfe standen wirr vom Kopf und Pippi war stark und furchtlos. Herr Nilsson turnte durchs Haus, ein katzengroßer Affe, und in der Küche graste ein Pferd, das in den Pippifilmen Kleiner Onkel gerufen wurde. Pippi machte alles, was braven Kindern verboten war, sie war der Gegenentwurf zum bürgerlichen Kind. Die bärenstarke Pippi war eine sommersprossige Droge, der Anika und Tommy, die Nachbarskinder aus der heilen Welt mit Haut und Haar verfielen. Anders als Kasperl und Pezi hielt Pippi Polizisten für Deppen und das Jugendamt für irre. Als minderjährige Privatrevolutionärin war Pippi im Dauerclinch mit dem Konservativismus. Das gefiel mir. Und das ist nie weggegangen. Und dann war da noch die Geschichte mit Pippis Vater, Ephraim, dem Kapitän der Hoppetossa, der im Exil auf Taka Tuka lebte und König war.

Das war ganz wie bei uns. Mein Urgroßvater Adolf Pettersson war auch Kapitän gewesen. Unsere Schränke waren voll mit den Mitbringseln aus seinem Taka-Tuka-Land: Afrikanische Hirschgeweihe, verzauberte Säbel, rasselnde Muschelketten, kleine und große Buschtrommeln, ein Straußenei, ein Kompass und der heilige Sextant. So jemanden wie Pappa Pettersson hatten die Anikas und Tommys aus meiner Schule nicht in der Familie. Einen echten Kapitän, der im fernen Kongo an der Schlafkrankheit gestorben war. Klar, dass ich eine Pippi wurde.

Für ‚Der Standard / Album vom 10./11.11.2007

Als die Bilder Farbe lernten

Fernseher-1.jpgUngekürzte Version des Artikels in Standard-RONDO vom 26. Oktober 2007
Als ich ein kleines Kind war, in den frühen Sixties, atmete das Medium, das aus der Röhre kam, noch das Odium des Halbverbotenen. Bilder, die direkt ins Wohnzimmer kamen – unerhört! Nachrichtensprecher mit sauber gekämmten Scheiteln und hochsitzenden Krawatten schauten aus dem Apparat und deklamierten strenge Texte. Und es war anfangs nicht ganz klar, ob sie dabei nur herausschauten oder auch etwas sahen. Jedenfalls war das für eine Kinderseele nicht ganz eindeutig. Aber nicht nur für die. Nie, auch nicht ein einziges mal habe ich meine Eltern in Pyjama oder Nachthemd fernsehen gesehen. Es schickte sich nicht. Nur den Boxkampf Muhammed Ali gegen Joe Frazier hat mein Vater frühmorgens im Schlafgewand absolviert.
Meine ersten Erwachsenensendungen, also Sendungen, die auf der Fernsehseite der elterlichenTageszeitung mit dem Signum „Jugendverbot“ ausgewiesen waren, habe ich mit fünf gesehen. J und V, Jugend und Verbot, waren naturgemäß die ersten Buchstaben, die ich gelernt habe. Jugendverbotene Sendungen habe ich stets heimlich gesehen. Stundenlang stand ich hinter der Scheibe der Türe, die die Rückwand des Wohnzimmers vom Kinderzimmer trennte. Es war eine geraffelte Scheibe, hinter der ich stand, leicht getönt. Aber ich hatte, wenn ich den Atem anhielt und auf nichtseufzenden Furnierbrettern stand, freie Sicht auf den Fernsehapparat. Das Licht brach sich psychedelisch in den Schlieren des Glases. So etwas wie Farbfernsehen war das. Bunte Bilder, schemenhaft und unscharf. Die Handlung musste ich imaginieren, denn der Ton war schlecht hier hinten zwischen Glastüre und Vorhang. Geheimfernsehen hatte etwas Heiliges.
Jugendverbot. Farbe. Die beiden Begriff amalgamierten in meinem kleinen Gehirn. Schwarz-Weiß hingegen, erlaubt und vom Sofa aus betrachtet, hatte etwas Braves. Kasperl war schwarz-weiss und die Protudierungen des Bastelonkels. Die Nachrichten waren es und der Fenstergucker. Der Briefmarkensammler, Hans Joachim Kulenkampff und die Mondlandung. Und ich hielt dieses jugendfreie Schwarz-Weiß nicht für eine technische Einschränkung, sondern für real. Lassieland, wo immer das war, hatte graue Wiesen und farblose Bewohner. Und auch die Himmel waren dort stets grau. Das Grau hatte etwas Deutsches. So sprachen die ja dort. Deutschland-Deutsch.
Die deutschen Urlauber, die sommers das Ausseerland bevölkerten, habe ich denn auch für Lassieländer gehalten. Deutschland war etwas Fernes, Technisches. Deutschland war brav. Schwarz-weiß. Wenn unser Fernsehapparat nicht gestorben wäre, wäre es auch so geblieben.
Farbfernseher-1.jpgAber er starb. Hauchte den Geist seiner Röhre aus. Ein neuer musste angeschafft werden. Was so ein Zauberding draufhatte, wusste ich inzwischen. Die Novotnys aus der Nestroygasse hatten eines. Eine riesige Kiste. Groß wie eine Hundehütte. Dunkel, mit langen schwarzen Schlitzen in den Plastikpalisanderfurnieren. Die Fernsehhütte der Novotnys gab eine Vorstellung davon, was Farbfernsehen in diesen frühen Tagen sein konnte. Für mich, hinter der Fensterscheibe im psychedelischen Sehen Geschulte, war es keine Überraschung. Farbfernsehen war nicht die Entsprechung der Welt, wie wir sie kannten, sondern eine Überhöhung. Schwarz war Grün. Blau war Braun. Weiß war Himmelblau. Nur Rot war Rot. Egal welches. Leberkässemmeln, Lippenstifte, die Landesfahne. Rot wie Chilischoten.
Die Hochkonjunktur blies durchs Land, Vaters Architekturbüro prosperierte, meine Überredungskünste fruchteten, die Novotnys mussten technisch überholt werden: Ein hochmoderner skandinavischer Apparat wurde angeschafft. Seine Ästhetik erinnerte an die Geräte an Bord von Kubricks Raumschiffen. Bang & Olufsen. Ein unfassbares Gerät. Eine Maschine aus der Zukunft. Stundenlang saßen meine Brüder und ich gebannt vor dem Farb-Testbild und versuchten, sein ästhetisches Programm zu dechiffrieren. Und wenn sich Heinz Conrads zeigte oder Peter Fichna, drehten wir am Farbregler, um uns an die Zeit zu erinnern, die gerade eben noch schwarz-weiß gewesen war. Umgekehrtes Retro war das. Aber die neue Zeit schwappte für immer durch die bekannten Bilder. Lassie wurde rothaarig und Jeannies Meister bekam eine blaue Uniform, Flippers graue Lagune wurde türkis, und der Rennanzug von Franz Klammer gelb wie frisches Fanta.
Eine andere Zeit war angebrochen. Nur das Jugendverbot vermisste ich. Als Farbfernsehen noch Stehen war und ausgedacht.
(Andrea Maria Dusl / Der Standard/rondo 25.10.2007)

Der ORF, die Anstalt

Ich mag die alle. Ich mag sie aufrichtig. Intelligente Menschen, gebildet, mit allen Wassern der Aufklärung gewaschen. Man kann mit Ihnen über Wong Kar Wai reden und über Stroheim, über Larry David und Karl Kraus. Und über das Eigene sowieso. Aber nur ausserhalb eines Sicherheitsabstands von sieben Kilometern vom Küniglberg entfernt.
Was ist das, das aus angenehmen künstlerisch-intellektuellen Kollaborateuren griesgrämige Volltrottel und böswillige Dilettanten macht, sobald sie den ORF-Feldherrnhügel bestiegen und es sich in ihren tiefplafonierten Büros gemütlich gemacht haben. Was ist es? Eine geheime Substanz? Ein böses Gas? Ein Fluch, der aus den Gräbern unter dem Fernsehzentrum in die Grosshirnrinde der Fernsehmacher steigt?
Ich mag sie, sie sind intelligente Zeitgenossen, ganz auf meiner Linie. Aber ich hasse ihr Programm. In aller Liebe. Es ist grottenschlecht. Dass es vorher noch übler war, gilt nicht. Das liebste am ORF sind mir die Nachrichten. Ich weiss in welchem Umfang geflunkert wird und bekomme ein detailliertes Bild darüber, was in der Anstalt als relevant gehalten wird, die Meinungszinnen der Österreicher zu besteigen. Mit Kultur hingegen hat es nur scheinbar zu tun, wenn die Darmspiegelungen der Salzburger Opernwelt übertragen werden, mit Sport nicht, was die Alpinski- und Rennfahrbanditen am Bildschirm abstellen. Dann schon lieber das, was man im Ohr Er Eff für lustig hält. Dabei kann ich wenigstens gut schlafen.
Unlängst sind drei alte Herren gestorben. Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni. Und Franz Antel, der sich die Nähe seines Abgangs zu den beiden Titanen der Inszenierung nicht anders einteilen konnte. Wie geht der ORF mit diesen cinematographischen Verlusten um? Ein Film pro Titan, neun für den Krautfleischkoch. In eigener Sache habe ich die Heimatfunk nie abschreiben müssen. Er war nämlich nie angeschrieben. Ich mag sie trotzdem. Sie tun, was sie können.
Langversion einer Antwort auf eine Frage des Standards, wie es mir filmemacherisch mit dem ORF geht.

Die totale Gange

Aus der Serie „Gute Texte von schlechten Dichtern“.
Attn.
Geschäftsvorschlag.
Zuerst muß ich um Ihre Zuversicht in dieser verhandlung bitten. Das ist
auf Grund seiner lage, als das sein total VERTRAULICH und
Geheimnisvoll.
Aber ich weiss, dass eine verhandlung dieses Ausmaßes irgendeinen
Ängstlich und besorgt machen wird,aber ich versichre Ihnen, dass alles am
Ende des tages in ordnung sein wird. Wir haben uns entschieden Sie durch
eine E-mail sendung,wegen der Dringlichkeit diese verhandlung zu erreichen,
als wir davon zuverlassig von seiner schnelligkeit und vertraulichkeit
Überzeugt worden sind.
Ich möchte mich nun vorstellen. Ich bin Herr Godwin Makalele Thambo
(Rechnungprüfer bei der Standard Bank von Süd Afrika). Ich kam zu ihrem
kontakt in meiner persönlichen suche nach einer zuverlassigen und anstandige
person, um eine sehr vertrauliche verhandlung zu erledigen, die Übertragung
von einem fremden Konto das maximale zuversicht erfordert.
Der vorschlag:Ein Ausländische,verstorbener Ingenieur Jurgen Rosenthal,
ein Diamante-Handler/unternehmer mit der Republik Süd Afrika.
Er war bis seinem Tod vor drei jahren in einem Flugzeug absturz,als
unternehmer bei der Regierung tatig. Herr Rosenthal war unser kunde hier
bei der Standard Bank von Süd Afrika Johannesburg und hatte ein Konto
guthaben von US$12.5 million (Zwolf million Funfhundert Tausend
United States Dollar). welches die Bank jetzt fraglos erwartet durch
seine Verwandten das Sie sich melden, wenn Sie sich nicht melden wird
alles zu einem Afrikanischen vertrauens fond für waffen und munitions
besorgungen bei einer freiheitsbewegung hier in Africa gespendet.
Leidenschaftliche wertvolle Anstrengungen werden durch die Standard
Bank gemacht,um einen kontakt mit jemanden von der Rosenthal familie oder
Verwandten zu bekommen.Es hat aber bis jetzt keinen Erfolg gegeben.
Es ist wegen der wahrgenommen moglichkeit keinen verwandten der
Rosenthal zu finden (er hatte keine frau und kinder) dass eine Anordnung
für den fond als nicht zubehaupten deklariert werden,sollte, und dann zum
vertrauens-fond für waffen und munition bersorgung ausgeben,die dem kurs
vom krieg in Afrika gespendet wird.
Um dieser negative Entwicklung abzuwenden, haben ich und einige meiner
bewährten kollegen in der Bank beschlossen das Geld nach Ihre zustimmung
zu Überweisen und suchen jetzt Ihre Erlaubnis das Sie sich als verwandter
des verstorbenen Ing.Jurgen Rosenthal deklarieren,damit der Fond
in der höhe von USD$12.5m infolgen dessen als der Nutznießer(Verwandter
des Rosenthal)auf Ihr Bank Konto Überwiesen werden.
Alle beurkundungen und Beweist die Ihnen ermöglichen diese Fonds zu
behaupten werden wir zu Ihrer verfügung stellen,damit alles gut verläuft
und wir versicheren Ihnen ein 100% Risiko freie Verwicklung. Ihr Anteil
wäre 30% von der totalen Gange, während die restlichen 70% ist für mich
und meine kollege.
Wenn dieser vorschlag für Sie OK ist und Sie Wünschen das vertrauen
auszunutzen, das wir hoffen auf Ihnen und Ihrer Gesellschaft zu
verleihen,dann senden sie mir netterweise sofort per meine personal E-mail
Adresse, Ihre Voll Namen, Adresse, Telefonnummer, fax-nummer und Ihre
vertraulicher E-mail adresse, damit ich Ihnen die relevanten details dieser
verhandlung senden kann.
Danke in voraus.
Mit freundlichen Grüße.
Godwin Makalele Thambo.
Bitte schicken Sie Ihre Antwort auf meine Vertraulichen Email Adresse:
godwinlthambo@myway.com

Bla Bla 06

Wie stellt man Politiker-Bla-Bla dar? Wie das Wording von Parteiprogrammen? Der Medienpolemiker und Visualisierungsanalytiker Walter Rafelsberger hat ein geniale Methode entwickelt. Auf seinem Metaportal der Medienpolemik hat Rafelsberger eine Graswurzelanalyse der Wahlprogramme zur Österreichischen Nationalratswahl 2006 durchgeführt.
Die folgenden Word-Maps zeigen Analysen der Wahlprogramme der Parteien ÖVP (Christlichsoziale), SPÖ (Sozialdemokraten), Grüne, FPÖ (ehemalige Haiderpartei), BZÖ (jetzige Haiderpartei), KPÖ (Kommunisten) und Matin (Liste des EU-Parlamentariers und Bestseller-Autors Hans-Peter Martin) zur österreichischen Nationalratswahl 2006. Mit Hilfe von Raffelsbergers Rhizome Navigation wurden die Texte der einzelnen Wahlprogramme analysiert. Die Größe eines Wortes korrespondiert mit seiner Häufigkeit im Text. Die Anordnung basiert auf einer Annäherung der Stellung einzelner Worte zueinander im ursprünglichen Text.
Die Anzahl der Worte in der Grafik hat übrigens nichts mit der Länge des Textes zu tun (die Anzahl der analysierten Worte ist in Klammern hinter dem Parteinamen angegeben), sondern hängt mit der relativen Häufigkeit einzelner Worte zusammen.
ÖVP (2177):
Word-Map-OeVP.gif
SPÖ (5199):
Word-Map-SPOe.gif
Grüne (5196):
Word-Map-Gruene.gif
FPÖ (2939):
Word-Map-FPOe.gif
BZÖ (4587):
Word-Map-BZOe.gif
KPÖ (670):
Word-Map-KPOe.gif
Matin (2189) – mangels Lesbarkeit von weiss auf weiss mit schwarzem Font:
Word-Map-Matin.gif

Talk am Berg

Elefantenrunde.jpgIch leide am Komplettierungswahn. Und an einem Archivierzwang, der sich ausschliesslich in die Aufbewahrung von faden und fadesten Inszenierungen verbeisst. Im Rahmen dieses Krankheitsbildes habe ich mir sämtliche wahlpolitischen Diskussionen dieses Spätsommers, also all die kleinen und grossen Begegnungen von Parteiführern und Schüsselvertretungsbefugten nicht nur angesehen, sondern auch in DVD-Qualität aufgenommen.
In zehn Jahren werde ich damit einen rauschenden Retro-Abend bestreiten können. Was heisst einen. Jetzt, da auch Mirko Messner und die Hose und auch das Elefanten-Pentagon getagt haben, fällt mir ein, dass ich auf einen wichtigen Protagonisten vergessen habe. Ich habe doch glatt vergessen, den Politologen Peter Filzmaier für die Ewigkeit aufzubewahren. In meiner Erinnerung wird also Peter Filzmaier jene Verklärung erfahren, die wir (und ich im speziellen) dem Unwiederbringlichen auf den Altar legen. Schrammten doch Peter Filzmaiers Analysen am absoluten Nullpunkt der Emotion. Die Eiger Nordwand hat mehr Mienenspiel als der Politologe.
Das ist sicher ungerecht. Denn für expressives Grimassieren war doch ganz sicher Ing. Peter Westenthaler zuständig. Vom Streber-Grinsen Gusenbauers und dem Schildkrötenschnoferl von Altbundeskanzler Schüssel will ich erst gar nicht schwärmen.
Meine Prognose für den Abend des 1. Oktobers nähert sich asymptotisch der Ahnung, Österreich könnte diesmal Gusenbauer zum Bundeskanzler küren. Und dies, wie ich jetzt behaupte, alleine deswegen, weil er die Schweissdrüsen seiner Oberlippe erfolgreich diszipliniert hat. Sowas honoriert der Ösi.
Nach der „Elefantenrunde“ der Parteiführer der fünf Parlamentsparteien. Für das Ösi-Blog in der ZEIT.

Serie gut, alles gut!

Für das Standard-Album vom 9.9.2006
Ich bin ein Fernsehkind. Es gibt keinen Augenblick meines Lebens, in dem nicht irgendwo ein Fernsehapparat vorkommt. Ein schweres Schicksal. Wenn meine Schulfreundinnen und Schulfreunde schlimm waren, wurde ihnen das Taschengeld gestrichen. Wenn ich etwas auf dem Kerbholz hatte, fasste ich Fernsehverbot aus. Weil man mit dem Verbot bekanntlicherweise den Reiz des Verbotenen erhöht, wurden aus meinen Schulfreundinnen und Schulfreunden Bankdirektorinnen, Investmentberater, Finanzdienstleister und Scheckbetrüger. Aus mir wurde eine Fernseherin. Das schwarze Kästchen ist mein Fenster in die Welt.
Meine frühesten ausserfamiliären Erlebnisse fanden stets an einem Mittwochnachmittag statt und handelten von einem gewissen “Kasperl”. Kasperl war mein Freund, er war naseweis wie ich, aber was ich nicht verstand, war, warum er sich mit der pelzigen Klette abgab. Petzi hiess der Kerl, er dichtete schlecht und war eine Rampensau. Für einen Lacher hätte er seine Grossmutter verkauft. Seinen Freund Kasperl sowieso. “Kasperl” hatte alle Ingredienzen einer guten Serie: Den wöchentlichen Termin, die schrullige Hauptperson in bedenklichen Familienverhältnissen, den billigen Plot und das kleinbürgerliche Millieu. Kasperl junkte mich an für diesen Serientypus. Aus Dornröschengeschichten in Schlössern, Vorstandsetagen und Millionärsvillen würde ich mir fürderhin nichts machen. Schlechte Karten für “Gute Zeiten, schlechte Zeiten”, “Reich und Schön”, “Dallas” und “Dynasty”.
Flipper.jpgDie kapute Prolo-Familie war mein Ding. Eine Serie war die meine, sobald es in ihr genetisch kriselte oder im Freundeskreis krachte. Flipper, der dauerglückliche Lagunenhund kam bei mir an, weil bei den Flipperischen zuhaus die Kacke am Dampfen war. Sandy und Bud, die beiden “Jungs” waren ständig in zu kleinen Booten auf dem bösen Meer unterwegs, Mutter gab es keine – vielleicht war “tot” aber auch nur ein Serien-Synonym für “durchgebrannt mit dem Tankwart”. Und Daddy? Daddy war ja selbst noch ein Kind. Die Lesart, dass hier eventuell ein schwuler Onkel mit zwei Boyfriends einen frühen Traum vom Leben abseits der bürgerlichen Kleinfamilie lebte, sollte mir erst später gelingen.
Lassie, wo alle brav waren, sogar der Hund stets frisch geföhnt, fiel nicht in mein Muster von der guten, weil kaputen Familie.
Jeannie, die wasserstoffblonde Irakerin zwinkerte sich augenblicklich in mein Fernsehleben und ebensoleicht gelang das Samantha, der nasewackelnde Vorstadthexe. Beide hatten mittlere Knallchargen als Männer und ein Pandemonium an Problemen mit ungläubigen Freunden, neugierigen Nachbarn und abgedrehten Familienmitgliedern aus anderen Dimensionen. Jeannie und Samantha dürften für meine Sozialisation als Künstlerin mehr gemacht haben als sämtliche Zeichenstunden.
Mister-French.jpgIn amerikanischen Serien konnte man überhaupt sehr viel lernen. Dass Türen – wie in „Lieber Onkel Bills“ poshigem Upper-Eastside-Apartment – keine Schnallen brauchten, Puppen Mrs. Beasley heissen durften und Löwen – wie in „Daktari“ – schielen konnten wie Fausto Radicci.
Deutschsprachige Serien hingegen waren verstaubt und belehrend. Wenn sie in Österreich gemacht wurden, zudem noch auf eine einschläfernde Art bürgerlich-folkloristisch. Das sollte mein zweiter Held nach Kasperl ändern.
„Mundl“, der Elektriker aus der Hasengasse im Zehnten war ehrlich und unverblümt und mit einer Präszision aus dem wirklichen Leben geschnitten, die mich spätestens dann schaudern liess, als mein eigener Dusl-Vater die Sylvesterrakete ins Fenster vom Flickschneider gegenüber feuerte und wie bei den Sackbauerschen zur Verdunklung aufrief.
Mag sein, dass sich anders sozialisiertes Publikum in den Laffites der „Lieben Famile“ wiederfand oder in Fritz Eckhardts Folie eines von Elfriede Ott umschwesterten Sacherportiers – mein Ideal einer proletarisch gebeutelten Famile verkörperten die Sackbauers mit Grandezza. An diesem Genre versuchten sich später auch „Al Bundy“, „Rosanne“ und die Familie von „Malcolm mittendrin“. Dem vorlauten Pelzwuschel „Alf“ werfe ich hingegen heute noch vor, seine Fadgas verströmende Gastfamilie nicht schon in der ersten Folge mit vergifteten Steaks um die Ecke gebracht zu haben.
Den Beweis, dass Grosstadtfamilien nicht notwendigerweise genetische Übereinstimmung brauchten, um mich aufs Sofa zu fesseln, sondern nur clevere Plots, realistische Settings und oblique Charaktere, sollten erst „Friends“ und der ungeschlagene Meister des zwerchfellbeschädigenden Serienvergnügens führen: Larry David in seiner Rolle als meschuggener Fernsehserienerfinder Larry David in “Curb Your Enthusiasm”. Kaputer war gescheites Fernsehen nie.