Österreichs zwei Souveräne: Die Liftkaiser und die Klangschalenschwurbler.
Andrea Maria Dusl, 26. 7. 2020
Andrea Maria Dusl – Das Bureau
Diskursmanufaktur
Nachdenkliches aus dem Corona Ivory Tower.
Österreichs zwei Souveräne: Die Liftkaiser und die Klangschalenschwurbler.
Andrea Maria Dusl, 26. 7. 2020
Hallo. Hier spricht die Comandantina. Ich bin dreifach geimpft. Wissenschaft und Solidarität sind der Weg aus der Pandemie. Deshalb: Lasst Euch impfen! #allesindenArm
Eine unerwartet schöne Begegnung heute im leeren Billa. An der Kasse frage ich den Kassier, ob er geimpft sei. Zweimal, sagte er, alle hier seien geimpft. Dann fragte er mich, ob ich geimpft sei. Dreimal, antwortete ich. Da gingen die Augen des Kassiers in ein Leuchten über. Er fühlte sich verstanden, geschätzt und auf eine magische Weise verbunden. Sowas habe ich vorher noch nie in einem Geschäft erlebt. Und auch sonst so selten, dass ich mich nicht daran erinnere.
Neue Zeiten bringen neue Wörter. Begriffe werden umgedeutet, andere verschwinden. Die Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl hat eine kleine Liste gemacht. Und ein Schaubild.
Dieser Text ist ein Teil einer ressortübergreifenden Serie des STANDARD zum Thema Sprachwandel.
A
Ampel: Jede blendende Idee ist in Österreich immer auch eine blede Idee.
Angst: Die einen haben Angst vor Corona, die anderen Angst vor Masken. Dazwischen: die Nasenraushänger.
B
Babyelefant: Das Haustier von Rudi Anschober und Karl Nehammer ist längst entschlafen. Das putzige Rüsselkind war immer nur ein Phantasma, sagen die Babyelefantologen der Universität Trippstrill, eine Art Bigfoot. Niemand habe den Babyelefanten jemals angetroffen.
Corona im Weißen Haus. Donald alleine im Spital.
Was wird jetzt aus dem Besuch des BUKADRÖ beim POTUS?
Bezirksamt, grüne Bezirksvorsteherin. Ich komme vom Wahllokal, will zum Pickerlreferat. Aus dem Foyer ein Ruf.
Stiller: Wohin?
Drei junge Männer hinter großen Tischen: Ein Stiller, ein Unscheinbarer und ein Knecht, Typ “Security Bobolokal”. Keine Corona-Masken.
Ich (durch die Maske): Pickerl.
Boboknecht: Was?
Ich (laut): Park Raum Bewirtschaftung. Pickerl.
Stiller: Geht nicht. Kann man nicht hin.
Ich (laut): Wieso? Ich war grad dort. Am Weg vom Lift.
Stiller: Da ist jetzt zuviel los.
Ich (laut): Da war nichts los.
Stiller: Da ist jetzt zuviel los. Da sind jetzt zuviele drin. Ausserdem sind zwei krank.
Ich (laut): Ich muss nur was fragen.
Boboknecht: Was müssen sie fragen?
Ich (laut): Ob mein Pickerl noch aktuell ist, oder ob sie wieder vergessen haben, mir den Zahlschein zuzuschicken.
Boboknecht: (händigt mir Zettel aus) Sie brauchen Anmeldung.
Ich (laut): Wo kann ich mich anmelden? (schaue auf Zettel mit Kontaktdaten des Referats Parkraumbewirtschaft).
Boboknecht: Anmelden geht telefonisch. Aber es wird niemand abheben.
Ich (laut, zum Stillen): Was soll das? Erst sagen sie mir, es ist grad viel los, deswegen kann ich nicht vorsprechen, dann sagen sie, man kann gar nicht vorsprechen, wegen Corona, und anrufen kann man zwar, es wird aber niemand abheben. Was ist das für eine Auskunft?
Boboknecht: Schreien sie nicht.
Ich (sehr laut): Ich schreie, wann ich will, ausserdem schreie ich, weil Sie mich mit Maske nicht verstehen. Sie können auch schreien, ich hab da nichts dagegen.
Boboknecht Wenn Sie schreien, rede ich mit ihnen nicht. Ich wollte ihnen einen Vorschlag machen.
Ich: Dann machen sie mir einen Vorschlag.
Boboknecht: Jetzt nicht mehr.
Ich (laut): Was soll das, wird das eine Machtdemonstration?
Boboknecht: Was bin ich, bin ich Regierung?
Ich: Nein, sie sind hier zuständig für Auskunft. Ich muss unter Umständen Strafe zahlen, wenn ich das Parkpickerl nicht verlängere. Verstehen sie das? Und sie machen hier Spiele und kosten ihre Macht aus.
Boboknecht: Ich rede nicht mit ihnen, wenn sie schreien.
Ich: Geben Sie mir jetzt Auskunft? Sie wollten mir einen Vorschlag machen. Machen Sie mir bitte einen Vorschlag.
Boboknecht: Nein, zu spät.
Ich: Wie, zu spät? Was soll das? Sie sind doch für die Bürger da.
Boboknecht: Zu spät.
Ich: Was ist das für ein Spiel?
Boboknecht: Wenn Sie nicht geschrien hätten, hätte ich ihnen einen Tipp gegeben.
Ich: Wie heißen sie?
Boboknecht: Datenschutz.
Ich: Zeigen sie mir den Dienstausweis.
Boboknecht: (schweigt).
Ich: Wie heißt Ihr Vorgesetzter?
Boboknecht: Bezirksvorsteher.
Ich: (gehe ungehindert Richtung Lift, wo auch das Pickerl-Referat läge, kehre aber um, weil der Satz mit dem Bezirksvorsteher ja ein Leger war, die Bezirksvorsteherin ist ja jetzt sicher nicht da.)
Ich: Sie haben doch einen unmittelbaren Vorgesetzten.
Boboknecht: Nein.
Ich: (wieder zurück bei den Tischen der Jungmänner): Was machen Sie hier eigentlich?
Stiller: Wir schauen, dass keiner hier reingeht ohne Maske.
Ich: Warum haben SIE keine Masken auf?
Boboknecht: Müssen wir nicht. (Maske liegt vor ihm). Geben Sie mir ihren Ausweis.
Ich: Zeigen Sie mir vorher ihren.
Boboknecht: Nein.
Ich: Sie werden Beton bekommen.
Boboknecht: (lacht) Sicher nicht.
Ich: Wieso brauchen sie meinen Ausweis?
Boboknecht: Ich gehe für sie rein, und mache einen Termin für sie aus.
Ich: Ich dachte, es ist niemand da. Und niemand darf rein?
Boboknecht: Ich darf.
Ich: Sie können doch für mich nicht einen Termin ausmachen! Sie kennen doch meinen Terminkalender nicht. Einen Termin kann ich nur selber ausmachen.
Boboknecht: Also sie wollen nicht.
Ich: Schon wieder so eine Machtdemonstration. Ich werde mich beschweren. Wenn sie mir Ihre Dienstnummer und ihren Namen nicht geben, werde ich ein Foto von Ihnen machen.
(hole mein Handy raus, mache KEIN Foto.)
Boboknecht: (baut sich vor mir auf, 2cm, keine Maske, drängt mich Richtung Ausgangstreppe): Verlassen Sie das Bezirksamt. Hau ab hier.
Ich gehe wortlos, ohne Information, ohne Vorsprachetermin, mit einem Datenzettel, der wertlos ist. Am Weg nach Hause rufe ich die Nummern am Zettel an: Niemand hebt ab.
VORHANG.
Samstagnachmittag im Schanigarten der Pizzeria in Bobograd. Im Augenwinkel bemerke ich eine Frau, die im ersten Stock am Fenstersims steht. Starr und stumm. Blaue Bluse, roter langer Rock. Die Sonne scheint. Samstagnachmittag in Bobograd. Die Frau überlegt, steht nur da. Im ersten Stock am Fenstersims. Moria, Corona und so. Und dann. Springt das Bild. Es ist eine Statue der Muttergottes. Lebensgroß. Moria, Corona und so.
Es rächt sich, jetzt während Corona, dass Hunderttausende im Land ohne irgendwelche seriöse medizinische Ausbildung als Ganzheits-Coaches, Wohlfühl-Berater und Spiritual-Ratgeber ordinieren. In einer Welt, in der Nachfrage mit Heilung, und Bezahlung mit Erfolg gleichgesetzt wird, muss das den Irrglauben nähren, das richtige zu tun.
Diese Leute, Schamanen, Homöopathen, Impfverweigerer und Traumreisenchirurgen sind mitschuld daran, dass viele meinen, das Virus wäre eine Erfindung von Schulmedizin und Pharmaindustrie, und die Maskenpflicht in Supermarkt und Zug schiere Freiheitsberaubung.
Wäre das Voodoo, das diese Leute betreiben, wenigstens gesundheitlich produktiv und methodisch nachvollziehbar, bliebe noch der Vorwurf der Geschäftemacherei, der Quacksalberei. Der ganze selbstgebastelte Psychoquatsch ist aber nur als Businesssmodell erfolgreich, als Heilmethode völlig wertlos. Die Klienten werden aggressiver statt zufriedener, blöder statt gesünder.
Das Gesagte gilt übrigens auch für die Message-Control-Sekte Türkis.
Der österreichische Sommer ist eine Sache des Planens. Im Regelfall wird an der Sache monatelang getüftelt. Darin ähnelt diese Sehnsuchtsleistung jener für andere Jahreszeit-Ereignisse wie die Faschingssitzung (falls wir hobbykomisch veranlagt sind), die Jahresvollversammlung des Elternvereins (falls wir eingeschulten Nachwuchs haben) und der Schulschikurses (im Turnlehrendenfall).
Die österreichische Sommerplanung zerfällt in zwei Extreme: Die einen organisieren minutiös, von den Kofferpackkonzepten über die Anreiselogistik, die Erlebnistaktung bis zu Details wie den Aufstellungsort von Schirm, Liege und Kühltasche. Das andere Extrem bildet sich im Zufallstourimus ab, dem Last-Minute-Buchen, der ungezielten Herumreiserei oder dem Urlaub bei Verwandten, Schulfreunden und Tinder-Kontakten.
Beide Formen der Sommergestaltung werden von der Realität mit Unbill bestraft, die da heißen: Schattenparkplatznot, lästige Balkonnachbarn, und das übliche Armageddon am Frühstücksbuffet. Dazu können sich noch Gelsenplagen, emotionseintrübende Tiefdruckgebiete, Quallenalarme oder örtliche Unruhen gesellen: Biker-Gangs, Seniorengruppen und Australier. Und neuerdings wird unser Urlaubserlebnis von coronabedingter Maskenpflicht und verdrießlichen Abstandsvorschriften gestört.
Den beiden vorgestellten Gruppen gesellt sich noch eine dritte hinzu, die überhaupt nicht urlauben kann. Prekär Beschäftigte, Alleinerziehende, und Freischaffende. Ei der Daus! Lasst euch halt anstellen, sagen die Gutbestallten.
Können vor Lachen, sagen die Urlaubslosen dann.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18. Juli 2020.
Wer erinnert sich nicht daran? An den Sommer am Strand, an das rhythmische Ballern der Sommerhits, an bunte Liegestühle, die abblätternde Farbe an den Badehäuschen, an ausgeblichene Schirme, braungebrannte Melonenverkäufer und brennheißen Sand? Wer erinnert sich nicht ans Luftmatratzenaufpumpen, Sandburgbauen und den ungleichen Kampf zwischen Sonnenöl und roter Haut? Wer kennt nicht den Geruch von staubtrockenen Krimiseiten, in der flirrenden Mittagssonne als Schattenwedel aufs Gesicht gelegt? Wer hat nie Muscheln aus den Schaumzungen der Wellenzipfel gefischt, dampfende Pasta Asciutta gewickelt und am Corso radebrechend Stracciatella con Nocciola bestellt?
Die Strandmetropolen Jesolo, Caorle, Bibione und Lignano, und das bürgerliche Laguneninselchen Grado gehören zu Österreich wie Großglockner und Hahnenkamm. Auch jene, die es trotz adriatischer Nähe in die Ägäis und nach Mallorca zog, an die kroatische Küste, das Rote Meer oder an den Indischen Ozean, kennen das Gefühl des Urlaubs im Ausland. Die Freude am Entwurzeltsein, den Segen sommerlicher Ferne.
Das Auffrischen dieser Erinnerungen wird bald wieder möglich sein. Obwohl die Distanzierbestimmungen umständlich sind, die Test-Nachweise ungenau, die Gefahrenlage unbekannt. Der Strandurlaub der Österreicher wird heuer nicht ausschließlich an den Süßwasserseen des Landes stattfinden müssen, in den Freibädern der Kommunen und den Swimmingpools der Frühstückspenisonen.
Dem sicheren Fußbad in Balkonien wird sich das unsichere Planschen im Adriatischen hinzugesellen. Diesmal mit Corona-Flair.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 13. Juni 2020.
Liebe Frau Andrea,
die Verschwörungstheorien, besonders jene zu Corona haben Hochkonjunktur. Die Zahl der Maskenverweigerer und Verharmloser steigt. Ich bin zwar nicht überängstlich, aber alert und vorsichtig in Bezug auf das Virus. Wie sagt denn der Wiener zur Verschwörungstheorie? Gibts da einen Begriff?
Danke für die Aufklärung! Liebe Grüße von
Caspar Krafft, Ottakring
Lieber Caspar,
das Wienerische hat noch keinen spezifischen Ausdruck für die Verschwörungstheorie geprägt, wenn es allerdings darum geht, eine zirkulierende Falschmeldung zu benennen, sprechen Wienerinnen und Wiener vom Gschichtl (der kleinen Geschichte). Der Verbreiter falscher Wahrheiten heißt traditionell Gschichtldrucka (Geschichten-Drucker), Schmähbruada (Schmäh-Bruder) oder Bflantssreissa (der Pflanz ist die Lügengeschichte, Reissa ist der Reisser). Einem Unbedarften eine Schwindelei aufzutischen, firmiert unter dem schönen Ausdruck „wem a Wams einedruckn“ (jemandem einen Wams hineinzudrücken, von jiddisch mamsen, lügen).
Wie aber würde man all jene benennen, die schon auf die pathologische Seite des Genres gerutscht sind, all die Hochgrad-Esoteriker und Flüsterstimmenhörer, Wissenschaftsgegner und Reptiloiden-Paranoiker? Ganz allgemein spricht der kundige Wiener hier von Gschupften (vom Schupfen, der mittelalterlichen Körperstrafe des Waterboardings in der Donau). Wer nicht der psychischen Norm entspricht, ist „augstraad“ (angestreut) hat „an Glescha“ (einen Klescher, vom jiddischen chaleschen, schwach werden, ohnmächtig werden), hat „an Hib“ (Hieb) oder „an Huscha“ (Huscher). Gschupfte sind auch ohne belastbare Diagnosen „aubridschd“ (angepritscht), „augschdrad“ (angestreut) und „augschit“ (angeschüttet).
Als exzellenten Insult für Verschwörungstheoretiker empfehle ich: „Hau di in die Gummihittn, wurlata Voipfostn“ (Begieb dich in die psychatrische Abteilung, verwirrter Vollpfosten) oder: „Red dein hianwaachn Bledsinn in a Sackal, haus in Kaloniaküwe und moch an Schuach“ (Sprich deinen hirnweichen Blödsinn in eine Papiertüte, wirf sie in den Colonia-Kübel (den Abfall-Eimer) und mach einen Schuh (Abgang)!
comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina
Ein verlässlicher Maßstab für heimischen Prioritäten ist Paula von Preradovićs Text für die österreichische Bundeshymne. Der vielgeprüfte National-Song, von Lukas Resetarits‘ Bühnenfigur Branko Simic „Lanterlied“ genannt (nach der lautmalerischen Wahrnehmung der Textbestandteile „Lanterberge, Lanterstrome, Lanterecka, Lanterdohume“) ist das zentrale Register sämtlicher Verhältnisse.
Die Entstehung des Hymnentextes war weniger künstlerischer Freiheit geschuldet, als politischem Nachdruck. Ein Preisauschreiben zur Ermittlung der Staatslyrik hatte eine Shortlist ergeben. Deren prominenteste Kräfte: Die religiöse Folkloristin Paula Grogger und der polemische Zeitkritiker Alexander Lernet-Holenia. Auf Betreiben von ÖVP-Urgestein und Unterrichtsminister Felix Hurdes (der spätere Papa wird’s scho richten) musste sich die favorisierte Paula von Preradović nochmals in die Dichterklause begeben, um ihren ursprünglich eingereichten Text zu finalisieren. Die Politik schaffte der Kunst an, was die Kunst zu schaffen habe.
Die aktuelle Corona-Krisenpolitik folgt der Reihung des Hymnen-Duos Hurdes-Preradović. Jeglichen Vorrang hat das Land der Berge (Ischlg, Kitzloch, Fremdenverkehr), gefolgt vom Land am (Luft-)Strome (Austrian Airlines). Dem Land der Äcker (Fußball, Golf und Landwirtschaft) folgen das Land der Dome (Gottesdienste), und das Land der Hämmer (Baumärkte). Zukunftsreich ist das Kleinwalsertal und seine Besucher, als große Töchter und Söhne verstehen sich die Mitglieder der Bundesregierung. Das Volk, begnadet für das Schöne, kommt zuletzt.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 30. Mai 2020.
Heute Nacht geträumt, ich wäre mit Freundinnen und Freunden, allesamt Burgtheaterschauspielerinnen mit Auftrittsverbot in einer Stadt am Meer gewesen, die aber aussah, wie eine Mischung aus Rimini, Berlin Mitte, Naschmarkt und Karmeliterviertel. Wir lungerten im Schanigarten einer Coronabar unter großen Sonnensegeln und frühstückten gelangweilt, ohne Perspektive. Das Lokal wurde von Kollegen Ulrich Seidl geführt, der im Traum rote Haare und Sommersprossen hatte, und etwas dick war, jedenfalls aber eine Kochschürze mit dem eingestickten Logo „Seidl Restaurant“ trug. Er kam raus, um die Speisekarten zu verteilen. Dabei nahm er mich zur Seite und gab mir eine Speisekarte zu lesen, in die er mit Bleistift Sachen gekritzelt hatte, die nur für mich gedacht waren. Eine Art Motivationsschreiben. Mit mahnendem Blick forderte er mich auf, filmisch weiterzumachen, ein bisschen gehetzt und müde war er dabei. In die Speisekarte eingelegt war zudem der Zeitungsausschnitt eines Boulevardblatts, in dem ich zusammen mit noch wem (keine Ahnung wer), und mit Kollegen Nikolaus Geyrhalter namentlich erwähnt wurde. Inhalt der Meldung war, dass die Filmbranche am Boden liege, und nicht mal wir drei was von uns gäben.
Österreicher und Deutsche trennt bekanntlich nicht nur die Sprache, sondern auch die gemeinsame Teilnahme am Fremdenverkehr. Die Rollen der Beteiligten sind dabei fair verteilt. Die Deutschen kommen nach Österreich. Niemals umgekehrt. Die Deutschen bringen das Geld. Die Österreicher tragen es auf die Bank. Um es den Deutschen bei dieser Transferleistung gemütlich zu machen, betreibt das Land der Berge eine Myriade von Penisonen und Hotels, von Wohlfühloasen und Erlebniskasernen. Die Gäste (man spricht: „Gästi“) urlauben am Bauernhof, im Almdorf und im Schlösschen. Winters wird seilgebahnt und kitzgelocht, sommers rundgewandert und mountaingebiked. Dazwischen gibt es Halligalli.
Am wichtigsten ist der Deutsche selbst (die Deutsche ist immer mitgemeint), dann kommt der touristische Begegnungsort, dann kommt lange nichts, dann noch länger nichts, und dann kommt die Kultur. In dieser Reihenfolge werden daher auch die Prioritäten gesetzt. Man spricht vom Wiederaufbau und meint das Wiederaufsperren. Das Land wird hochgefahren, wo doch nur weitergewurstelt wird. Das Jodeln und das Trompeten ist noch zu gefährlich, aber das Eisschlecken ist erlaubt. Auf dem Felde der Kaltgastronomik bringen die Gästi neue Sitten ins Land. Im corona-alerten Norddeutschland regelt eine Verordnung bekanntlich die Konsumation von Mitnehmspeisen. Eisessende haben sich an „erstes rasches Lecken an einer Eiskugel während des zügigen Sichentfernens von der Eisdiele“ gewöhnt. Den „Verzehr des Resteises“ absolvieren sie im Sicherheitsabstand von 50 Metern vom Aushändigungsort.
Deutsche. Wir lieben sie.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 23. Mai 2020.
Liebe Frau Andrea,
derzeit wird überall der Begriff „Mund-Nasen-Schutz“ verwendet.
Warum steht hier das Wort „Nasen“ in der Pluralform und das Wort „Mund“ in der Singularform? Müßte es nicht heißen „Mund-Nase-Schutz“ oder „Münder-Nasen-Schutz“? Bitte um Aufklärung,
mit freundlichen Grüßen,
Hanno Hierzegger, per Email
Lieber Hanno,
ganz Österreich, von Corona-Minister Anschober abwärts, verwendet den Mund-Nasen-Schutz (MNS). Man wäre versucht, die von Ihnen angesprochene Irregularität der oberösterreichischen Herkunft des grünen Regierungsmitglieds zuzuschreiben. Indes liegen die Dinge allgemeiner (und komplizierter). Schon vor Covid19 und dem Inkrafttreten jeglicher Pandemie-reduzierender Maßnahmen kannten wir den Begriff des Hals-Nasen-Ohren-Artzes. Auch hier werden einzählige Körperpartien (Hals und Nase) mit mehrzähligen (den Ohren) gemischt. Niemand sagte je „Hals-Nase-Ohren-Arzt“ zu seinem oder ihrem Oto-Rhino-Laryngologen. Woher kommt also das seltsame „n“ zwischen Nase und Schutz?
Die Sprachwissenschaftler wissen mehr, sie sprechen von einem
Fugenlaut, der immer dann verwendet wird, wenn ein Hauptwort, das auf -e endet, mit einem zweiten Wort zu einem neuen Begriff zusammengefügt wird. Ganz ohne Probleme sprechen wir vom „Trompetenspiel“, auch wenn wir nur ein Blech blasen, vom „Sonnenschein“, auch wenn nachweislich nur ein Gestirn vom Himmel brennt, und vom „Krawattenknopf“, auch wenn wir nur einen Binder pro Hemdkragen tragen. Das Fugenzeichen geht auf einen alten Genitiv zurück. So hieß es „des Hasen Stall“, woraus „Hasenstall“ wurde“ und nicht „Hasestall“, ganz wie „des Augen Lid“ zu „Augenlid“ führte und nicht zu „Augelid“.
Das Wienerische hat sehr schnell auf alle sprachlichen Ungenauigkeiten im Schutzmaskengenre reagiert und verwendet für den MNS längst Komposita aus dem eigenen Wörterbuch. Der Volksmund spricht von der Anschobaschiatssn (Anschober-Schürze), dem Ausgehfuahangl (Ausgeh-Vorhang), der Bappnwindl (Pappen-Windel), dem Billafods (Billa-Fotz), dem Fodsnbatal (Fotzen-Barterl), dem Goschnfetzn (Goschen-Fetzen) und der Karauna-Loarfn (Corona-Larven). Für den Babyelefanten werden noch Viennensa gesucht.
comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina
Es wird immer von den Kulturschaffenden gesprochen, als wären das Außerirdische. Kulturschaffende sind wir alle. Vom Würstelmann bis zur Staatsekretärin, von der Supermarktkassiererin bis zum Galeristen in Stein. Alle schaffen Kultur. Sprache, Rituale, Arbeit, Sport und Spiel, das ganze verdammte Dasein ist Kultur.Was die Verderber von Sprache und Dasein meinen, wenn sie von „Kulturschaffenden sprechen, sind Künstlerinnen und Künstler. Die sind die Ausserirdischen. Weil sie Dinge schaffen, die vorher nicht in dieser Welt waren.
Corona hatte gerade Bella Italia erfasst, da munkelte man hinter vorgehaltener Hand, die „lombardischen Verhältnisse“ wären schuld an den pandemischen Zuständen. Die abertausenden illegalen chinesischen Textilarbeiter in den Sweatshops der großen Mailänder Modehäuser (und die der weniger bekannten der Pronto Moda) hätten das Virus aus ihrer Heimat eingeschleppt. Hätten sich, so erzählte man sich an den Halli-Galli-Theken von Ischgl und Sankt Anton, im Chinesischen Neujahrsurlaub angesteckt, bei verruchten Ritualen wie dem Löffeln von Fledermaussuppe, dem Einschneiden von Schuppentierkoteletts (und dem Aushecken seltsamer Modetorheiten).
Die Frage, wie es abertausende illegale chinesische Textilproletarier schafften, unbemerkt durch die halbe Welt zu fliegen, wurde nicht gestellt. Ungeklärt blieb auch, wie ihnen die Wieder-Einreise in den Schengenstaat Italien gelang. Den abertausenden illegalen (und wohl schon hoch fiebernden) chinesischen Textilarbeitern.
Das Narrativ war klar. Hie die gierige, von mafiösen Strukturen durchsetzte, dem lasterhaften Rummel der Alta Moda verfallene italienische Schönschneiderei, da die undurchsichtigen, zu jeder gesundheitlichen Schandtat bereiten Arbeitsameisen aus dem fernen Gewaltreich. Zwei Vorurteile zum Preis von einem!
Erst viel später durften die Geschichten in den Giftschrank der großen Verschwörungstheorien gelegt werden, waren die chinesischen Akkordnäher doch durchwegs negativ getestet worden. Das Bummerl der Corona-Super-Spreaderei haben jetzt die Tiroler. Deren Gastro-Rituale: Schnitzel-Pommes und Schnapserl ex.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 16. Mai 2020.
Wir würden, sagte Bundeskanzler Kurz in einem denkwürdigen und vielzitierten Fernsehinterview Ende März, auch in Österreich bald die Situation haben, das jeder irgendjemand kenne, der an Corona verstorben sei. Nun ist dieses „bald“ zumindest kalendarisch bereits eingetreten und jeder kennt viele, die niemanden kennen, der an Corona verstorben sei. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht: Der Bundesmessias ist kein erfolgreicher Prophet – mäße man die Qualität einer Prophezeiung an ihrem Eintreten. Kurz‘ Qualitäten als Pressekonferenzprofi und Beliebtheitskurvenakrobat bleiben davon unberührt.
Sprechen wir von anderen Erfreulichkeiten, sprechen wir vom Guten, das uns der Shut-Down, die Ausgeh-Beschränkungen und Betretungsverbote gebracht haben. Alle im Land wissen nun, wie groß ein Babyelefant ist, seine Dimensionen reichen vom Format eines Meerschweinchens bis zur Größe eines Zirkuselefanten. Viele haben ihre Kinder neu kennengelernt. Wichtigste Erkenntnis: Auch Kinder haben Probleme am Arbeitsplatz. Auch Kinder sind nicht gerne im Home-Office.
Eine groteske Wendung ins Gütliche hat indes eines der brennenden Mode-Probleme des Landes genommen. Vermummung ist keine Verwaltungsübertretung mehr. Das Verhüllen oder Verbergen der Gesichtszüge an öffentlichen Orten ist nicht mehr strengstens verboten und strafbar, sondern bekanntlicherweise strengstens vorgeschrieben und das Unterlassen strafbar. Wer also momentan mit einer Cowboy-Maske vorm Gesicht in die nächste Bank einreitet, um dort ordentlich Zaster abzuheben, riskiert keinen Kobra-Einsatz mehr.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 9. Mai 2020.
Ein heißer Spätfrühlingstag. Die Szene ist so gespenstisch wie real. Die Frau trägt keine Maske, aber eine Zipfelmütze am Kopf. Ihr Gesicht, sichtbarer Ausdruck ihrer persönlichen Verfassung, ist frei jeder Vermummung, aber grotesk verzogen. Die Zipfelmützenfrau steht im Drogerie-Supermarkt an der Kasse und ist außer sich. Sie fuchtelt mit ihrer Bankomatkarte und zetert. Man könne ihr nicht zumuten, schreit sie, ihre Karte ein zweites mal in ein verseuchtes Kartenterminal zu stecken. Der Überwachungsschrott funktioniere ausgerechnet bei ihr nicht, das sei kein Zufall. Und wenn doch, nur unter Gefahr für Leib und Leben. Die beiden Supermarkt-Kassiererinnen und die anderen Kundinnen stehen stumm und starr, zu Salzsäulen erstarrt, als wären sie gerade Geiseln in einem Banküberfall. Aber das hier ist kein Banküberfall, das hier ist ein ganz normaler Drogerie-Supermarkt-Vorfall: Karte kann nicht gelesen werden, Kundin wird unrund.
Warum sie Angst habe vor den Bankomat-Tasten, will dann eine der Geiseln wissen, aber keine vor einer Tröpfcheninfektion. Eine andere wird direkt: Warum, wütende Frau mit der Zipfelmütze, tragen sie keine Maske? Kümmern sie sich um ihren eigenen Scheißdreck, sagt die Frau dann, sie bekomme Ausschlag von der Maske. Diese ganze Geisterbahn hier sei absurd. Es fallen die Worte Irrenhaus, Polizei, Behandlung. In dieser und anderen Reihenfolgen.
Die gespenstische Szene fasst alles Geschehen dieser Tage zusammen. Verleugnung und Überangst, Fremdbestimmtheit und Freiheitsdrang, Realität und Irrealität, Gesellschaft und Individuum. Insgesamt: Österreich.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 2. Mai 2020.
Heute ist Erster Mai. Wegen Corona, diesem elendigen Vollschoitlvirus marschiere also nicht mit der Bezirksorganisation Alsergrund zum Wiener Rathaus. Niemand marschiert. Der 1. Mai findet an den Fenstern und in den Herzen statt.
💕 ❤️ Hoch der Erste Mai! Hoch die Internationale Solidarität! ❤️💕
Liebe Frau Andrea,
wir leben ja jetzt alle in seltsamen Zeiten. Babyelefantenabstand, Masken und so. Wie grüßt man jetzt eigentlich richtig?
Bitte um Hinweise und Tipps,
Fiona Krafft, Leopoldstdt, per Email
Liebe Fiona,
das Grüßen als ritualisiertes Element der Begegnungskultur ist dem strengen Regime der Codes und Bedeutungen unterworfen. War das Schütteln der Hände noch Anfang März ganz normal, ist es inzwischen völlig aus der Mode gekommen, ja es gilt als roh, verantwortungslos und verstörend. Ähnliches gilt für die Umarmung, den (schon vorher selten gewordenen) Handkuß, das Bussi-Bussi unter Innenstadt-Freundinnen und Ischgl-Hoteliers, und den Handschlag der Qualitäts-Haberer. Die Gründe für das Verschwinden dieser Grußformen sind bekannt: Angst vor Ansteckung, Angst, als Ansteckungs-Verleugner diskreditiert zu werden, Angst, von Vernaderern vernadert und von der Polizei wegen Mindestabstandsunterschreitung bestraft zu werden.
Wie grüßt man also in Zeiten von Corona richtig? Noch haben sich die abstandwahrenden Grußformen nicht konsolidiert. Häufig sieht man das Heben der (abgewinkelten) rechten Hand, verbunden mit einem monarchischen Winken. Geübtere spreizen die Mr.-Spock-Hand zum Vulkaniergruß, der (wie comandantinaseits in Falter 21/2009 erörtert) eigentlich die eine Hälfte des aaronitische Segens (hebräisch birkat kohanim) ist, benannt nach Moses‘ Bruder Aaron. An Eleganz kommt dem auch das aristokratische Nicken des Kopfes gleich, hier darf Kardinal Schönborn als vorbildlicher Grüßer genannt werden. Die „asiatisch-höflich-freundliche“ Namaste-Verbeugung von UHBP van der Bellen hat sich indes, trotz ausgiebiger Empfehlung in einer Fernsehansprache, nicht durchgesetzt.
Aus Asien kommt auch das Low Five, das Aneinanderstoßen der reziproken Sneakers-Innenseiten einander Grüßender, erst der rechten, dann der linken. Das sieht schon sehr elegant aus und wahrt den Abstand in der Größe eines maltekischen Baby-Zwerg-Elefanten. Ähnlich vorbildlich ist das chirurgische Grüßen mit korrespondierenden und nach vorne gestreckten Ellbogen. Das Grinsen (der Schmuck der Dummen) ist den Zoom-Konferenzen vorbehalten.
comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina
„Mögest du in interessanten Zeiten leben“, lautet ein chinesischer Fluch. Als gelernte Österreicher erliegen wir der Versuchung, die Malefiktion auch zu verorten: „Mögest du in einem interessanten Land wohnen!“ Beide Wünsche werden gerade von der Wirklichkeit eingelöst. Österreich ist in ein interessantes Zeitalter eingetreten. Das Coronozän erfasst uns alle, jung und alt, getestet wie ungetestet, gesund oder hospitalisiert.
Wir leben in einer neuen Normalität, erklärte der Bundeskanzler jüngst, die Diagnose wurde im Rahmen einer der täglichen Pressekonferenzen gestellt. Zur neuen Normalität gehört nicht nur Frischverordnetes aus dem Bergwerk der Message Control, sondern auch Bewegungsmuster aus dem Tagabbau der Motion Control. Wer auch immer sich die Choreographie ausgedacht hat, mit der türkismaskierte Regierungsmitglieder dieser Tage an ihre Plexiglaspulte schreiten, outet sich als Fan der deutschen Roboter-Band „Kraftwerk“. Die neunormale Auftrittsform wurde lange eingeübt, in den Ballettsälen der Ministerien, in den langen Fluren der Chefsektionen. Der stechgeschrittene Aufmarsch signalisiert Kontrolle. Eine Tugend, die gänzlich neunormal ist. Die sublime Form des mechanischen Abstandwahrens hat sich im ganzen Land durchgesetzt. Wo früher balkanhaft die Trauben standen, stehen jetzt, britisch gereiht, die Schlangen. Vor den Baumärkten und Heimwerkerläden, vor den Gartencentern und Floristikbetrieben, vor den Autowaschanlagen und den Grillkohlehandlungen. Österreich ist auf seine alten und gefährdeten Tage ordentlich geworden.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 25. April 2020.
Shut-Downs, Quarantänen und Zusammenkunftsverbote hemmen unser soziales Leben allerorten. Corona, die Königin der Viren macht auch vor der traditionellen Mai-Kundgebung der Wiener Sozialdemokratie nicht halt. Andrea Maria Dusl denkt für das STANDARD-Album über den rötesten Tag des Jahres nach. Heuer wird er nicht stattfinden.
Hier geht’s zum –> Artikel im Standard.
Welcher erste Mai mein erster Erster Mai war, kann ich nicht sagen. Die Sache ging aber schon früh los. Früh in meinem Leben und früh für einen Feiertag. Erst zog mich der Erste Mai ans Fenster, dann auf die Gasse und schließlich, mitmachend, auf den Rathausplatz. Ähnlich wie Weihnachten (leichtes Christkindgebimmel) und Ostern (Kirchturmgeläut) war der Erste Mai immer auch ein heftiges akkustisches Ereignis. Der erste Mai war nämlich laut. Blasmusikalisch laut. Das mag für Landkinder nichts außergewöhnliches sein, für die Kinder aus Wien war der Klang einer Musikkapelle etwas singuläres, an phonetischer Präsenz vergleichbar mit den Sounds, die aus den Lautsprecherwägen der Zirkusankündiger kam.
Am Schmettern der Kapelle konnte man die Marschierenden schon von weitem hören, und wer direkt an einer der Routen wohnte, konnte sie sehr bald auch sehen. Viele Menschen, junge und alte, die hinter Fahnen schritten, roten natürlich, vielen roten, und auch ein paar blauen (denen der Falken). Die Marschierenden trugen rote Jacken, rote Mützen, rote Schals, schwenkten rote Wimpel, und zogen rote Luftballons hinter sich her. Das war alles nicht sehr katholisch (die Blasmusik mal ausgenommen), aber insgesamt sehr wienerisch.
An ein Mitgehen dachte ich als Kind noch nicht, meine Eltern waren zwar Kreiskywähler, aber ganz dem bürgerlichen Habitus verpflichtet. Am Fenster standen wir dennoch und sahen den Maibewegten zu. Und weil ich ein Kind war, winkte ich. Die Vorbeigehenden winkten zurück (es kann auch umgekehrt gewesen sein). Das Statische und Kurze an meinen frühen Maiteilnahmen sollte ins Mobile und Längere kippen, als ich ein eigenes Fahrrad hatte, mit dem ich an Werktagen ja auch in die Schule fuhr.
So ein Fahrrad, das war stadtweit bekannt, konnte, sollte, musste man an einem Ersten Mai festlich schmücken, mit rotem Krepp, in die Räderspeichen geflochten, mit roten Fähnchen, an die Lenkstange gebunden. Zu diesem vexillaren Aufputz addierte sich ein einmaliges Element des ausdrücklich Erlaubten: Fahrräder durften dauergeklingelt werden an einem Ersten Mai. Das war schon sehr fein. Jahrelang bin ich also am Ersten Mai nicht mitmarschiert, sondern laut schellend mitgefahren. In der Seitenfahrbahn. Zwischen den Marschierenden herumzugurken, hätte sich niemand getraut, ich schon garnicht. Irgendwann, meist bei der Uni, hieß es dann absteigen, und in die Passivität geworfen, den Zügen auf der Ringstraße beim Vorbeimarschieren zuzusehen. Neidvoll, wie alle Zuseher großer Sachen. Im Gegensatz zum Blick aus dem Wohnungsfenster war das Danebenstehen schon fast ein Mitmachen.
Und dann irgendwann habe ich das Rad daheimgelassen. Habe das pünktliche Kommen des Leopoldstädter Zuges antizipiert, mich beim Nahen der Blasmusikklänge nach unten begeben, bin eiligen Schrittes die Gasse entlanggelaufen und habe mich eingereiht. Aber was war das für ein Einreihen? Es war ein zaghaftes, bescheidenes, ich kannte ja niemand, und niemand kannte mich. Es gab kein Hallo, kein Grüssdich, kein Freundschaft. Und dennoch war es etwas Selbstverständliches, und vielleicht sogar etwas Heiliges. Ich war also einfach da, in dieser hehren Sache. Ging mit, wieder am Rand natürlich, aber schon in der Hauptfahrbahn, im hinteren Drittel. Lernte das erlaubte Gehen auf unerlaubten Strecken. Und irgenwann, an einem anderen Maibeginnmorgen auch auch die Teilnahme am bisher Unbekannten. Lernte das Einfinden am Bezirkstreffpunkt, das langsamen Warten auf den Abmarschzeitpunkt, das Abgehen der ganze Route (Winkende in Fenstern!), das Größerwerden des Zuges (Radfahrende in den Seitenfahrbahnen! Mitmachbereite am Gehsteigrand!), das Warten an den großen Kreuzungen und schließlich den Einzug auf den Rathausplatz. Aber was war das Alles? Eine Demonstration? Ein Umzug? Eine Prozession? Für eine Prozession war es zu fröhlich (und zuwenig klerikal), für einen Umzug zu feierlich, und für eine Demonstration zu institutionell.
Von Außenstehenden, wohlwollenden wie übelwollenden, aber auch von neutralen Beobachtern wird der Sternmarsch aus den Bezirken und Sektionen Wiens zum Rathausplatz als Huldigung der Stadtspitze, der Gewerkschaft und (so der Fall) eines sozialdemokratischen Bundeskanzlers verstanden. Wie wird das Ereignis medial und privatanekdotisch wahrgenommen? Auf massiv erhöhter Tribüne stehen Auserkorene, winken mit roten Taschentüchern und freuen sich über die Einziehenden. Das ganze wird als seltsame Parade verstanden, die Traditionen des Vorbeimarsches an der Ehrentribüne am Roten Platz (des Balkon des Leninmausoleums also) nacherzählt. Dabei ist es ganz anders. Auch Teilnehmende auf der Tribüne mögen das nicht in aller Konsequenz wissen.
Der Rathausplatz mag das Ziel sein, seinen Ausgang aber hat der Marsch weit draußen, in den Bezirken Wiens. Hier formiert sich die sozialdemokratische Basis, die Mitglieder und Bewegten von Sektionen, Organisationen, Vorfeldorganisationen, Verbänden, Fraktionen der SPÖ, in der Regel jener der Stadt. Unter Mitnahme ihrer Fahnen (meist alter), von Transparenten (auch kritischer) und anderen Sichtbarkeiten (Abzeichen, Fähnchen, rote Nelken) marschieren sie auf alten Routen Richtung Rathausplatz. Zu einem einzigen, oft vergessenen Zweck: Dem Rathaus, also der Obrigkeit, ihre Stärke zu zeigen. Gehuldigt wird nicht den dort Stehenden, sondern einzig einer Idee: Der Arbeiterbewegung und ihren Werten. Und so heißt der Erste-Mai-Aufmarsch der Sozialdemokratie Wiens auch „Demonstration“.
Sollte sich die Tribüne (oder ausgewählte Partizipierende dort) von den Zielen der Sozialdemokratie entfernt haben, wird das von der Basis sichtbar und hörbar kundgetan. Zugegeben, das geschah noch nicht so oft. Die gellenden Pfiffe und Buhrufe gegen Werner Faymann und seine Prätorianer waren, auch wenn das die Tribüne damals als verräterische Schmach wahrnehmen musste, ein Zeichen der Stärke der Sozialdemokratie, nicht eines der Schwäche.
Die schwachen Zeichen sitzen ohnedies wo anders. Des Mitmarschiens ungeübt oder müde sitzen ausgewählte Salonmarxisten mit schriftstellerischer, psychoanalytischer und sozialwissenschaftlicher Kompetenz, in Lautsprechernähe zum Rathausplatz. Mit Sonnebrillen und Seidenschals angetan fläzen sie in der Sonne der Café-Landtmann-Terrasse und lamentieren über die rhetorischen und inhaltlichen Defizite der Rathaus-Reden. Auch sie wissen um die Kraft der Rituale.
Diesen Ersten Mai werden keine Blasmusikkapellen vom Kommen der Bezirksroten künden, denn die Bezirksroten werden sich nicht am Treffpunkt eingefunden haben. Vielleicht wird jemand am Fenster stehen, aber da wird niemand vorbeimarschieren.
Die Bewegten und Lamentierer werden diesen Ersten Mai in großem Abstand voneinander verbringen, sich, so sie eines haben, im Home-Office einfinden, um allfälligen Live-Streams der Parteispitze lauschen. Sollten Pfeiferl vorbereitet worden sein, werden sich diese nicht zu einem Konzert verdichten, Unmut wird zu Wehmut werden. Dieser Erste Mai wird nicht sein wie sonst. Dieser erste Mai wird nicht stattfinden.
Viel wird dieser Tage über Maßnahmen gesprochen. Und über Verordnungen. Regierende reagieren, Reagierer regieren. Corona ist die Königin der Krisen. Ihre Prinzessinnen tragen undichte Masken, turnen auf Kurven und tappen im Zifferndunkel. Die normativen Kraft des Faktischen schafft Regeln, wo vorher keine waren, und schafft ab, was vorher gut geregelt war. Pandemieweit werden alte Benimmvorschriften durch neue ersetzt. Die Welt, sagen die Experten (und Experten sind wir doch alle), ist schon jetzt nicht mehr die Welt, wie wir sie kannten. Die Leute, die an den Schaltgestängen der Macht stehen, sind durch Corona ins Überwirkliche geschleudert. Vernunft wird denunziert, Unvernunft herbeigeträumt.
Dabei wird gerne vergessen, dass die Sprache genauer ist, als jede ihrer Anwendungen. Sollte beim Ergreifen von Maßnahmen nicht bedacht werden, dass bei diesem Vorgang Maß genommen wird, nicht Maß geraten? Dürfen wir den Produzenten von Verordnungen ins Pflichtenheft notiert, dass das Wort seine Bedeutung aus der Ordnung zieht? Verordnungen, die Unordnung schaffen, sind faul, selbst wenn ihre Autoren fleißig waren.
Wie wird es weitergehen? Wie weit wird es gehen? Wem dürfen wir vertrauen, wem nicht? Werden wir überwacht, oder sind wir schon die Überwacher? Sind wir noch eine Gesellschaft, oder schon eine Herde? Und wird alles wieder gut, wenn wir alle immun sind? Und wer ist „alle“? Und was wird gut sein, wenn wir vergessen haben, wie es einmal war? Und wenn wir es selbst nicht vergessen haben, wie erinnern wir die daran, denen es entfallen ist?
So viele Fragen. So wenig Antworten.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18. April 2020.