Die Erinnerung ist eine mächtige Herrscherin in einem seltsamen Reich. Wirsch und unbelehrbar, so gefürchtet wie geliebt.
Comandantina 22.9.2023
Andrea Maria Dusl – Das Bureau
Diskursmanufaktur
Metaphysica est pars philosophiae, quae rerum naturam ratione scrutatur, neque observatione, qua (scilicet non sine ratione) praecipue utuntur scientiae empiricae sicut physica, chemia, psychologia, sociologia ac incompetentiae compensare competentia.
Die Erinnerung ist eine mächtige Herrscherin in einem seltsamen Reich. Wirsch und unbelehrbar, so gefürchtet wie geliebt.
Comandantina 22.9.2023
Neue Zeiten bringen neue Wörter. Begriffe werden umgedeutet, andere verschwinden. Die Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl hat eine kleine Liste gemacht. Und ein Schaubild.
Dieser Text ist ein Teil einer ressortübergreifenden Serie des STANDARD zum Thema Sprachwandel.
A
Ampel: Jede blendende Idee ist in Österreich immer auch eine blede Idee.
Angst: Die einen haben Angst vor Corona, die anderen Angst vor Masken. Dazwischen: die Nasenraushänger.
B
Babyelefant: Das Haustier von Rudi Anschober und Karl Nehammer ist längst entschlafen. Das putzige Rüsselkind war immer nur ein Phantasma, sagen die Babyelefantologen der Universität Trippstrill, eine Art Bigfoot. Niemand habe den Babyelefanten jemals angetroffen.
Ich habe in den US of A eine DNA-Analyse von mir machen lassen (don’t try this at home!) und nach der bin ich zu 44% Hunter-Gatherer, zu 43% Farmer und zu 14% Metal Age Invader. Letzteres beruhigt und beunruhigt mich gleichzeitig.
Ethnisch (heikles Terrain) bin ich zu 99% Europäerin, zu 69% West- und Zentraleuropäerin, zu 26% Osteuropäerin und sehr seltsam: zu 4% Finnin.
Als Cousins 3-5. Grades (niemand näherer) werden durchwegs mir völlig unbekannte Finnen, Schotten und Schweden gelistet. Nur einer ist dabei, den ich tatsächlich kenne. Keine Osteuropäer, keine Westeuropäer, keine Mitteleuropäer, keine Balkanos. Irgendwas stimmt da nicht. Es sei denn, ich wurde in der finnischen Botschaft in Paris ausgetauscht. Ich muss mal mit meinen Eltern sprechen. Leider sind sie schon tot.
Der Autor ist niemals heilig, das Werk immer.
Andrea Maria Dusl, 1.9.2019
Essay für ‚Der Standard – ALBUM‘ vom 12.8.2017
Die Straßen kochen, der Asphalt wird munter und beginnt zu fließen. Schlägt klebrige Wellen, wie das Meer, wenn es auf böse Gedanken kommt. Ein stählernes Firmament trägt den giftigen Tagesstern. Zieht ihn grausam langsam über unsere glühenden Scheitel. In ungekannter Rohheit brennt der wütende Ball aschfahle Narben in die Erdenhaut. Im Schatten liegt die Luft, sie ist zu heiß und zu müde, um zu stehen.
Die Grillen, lange schon zogen sie aus dem kühlen Süden zu uns, sie zirpen nicht mehr. Die Grillen sind tot. Tot wie das Gras, tot wie der Hunger (nicht aber der Durst), tot wie die Leidenschaft (mit Ausnahme des Zorns). Wenn die Nacht über die Stadt fällt, wie eine Decke aus Lügen, funkeln ein paar entfernte Sonnen und ein traurigheller Mond. Dann strahlen die Mauern und der Asphalt ihr Tagesleid als Hitze in die Nacht zurück.
Wenn der Sommer (er beginnt neuerdings im April) das Land überfällt, dann wird die Stadt ein böser Drache, voll Pesthauch und zündelndem Fieber. Der Echse Schuppen sind glühende Schollen, an denen wir kleben bleiben wie dumme Mücken an heißem Honig.
Wenn der Sommer die Stadt heimsucht, schickt uns die Wüste statt Erfahrung nur Hohn: Heißen, tödlichen Wind.
Die Botschaft ist in Schmerz geschrieben und sie ist kurz: Die Hitze und der Sand komme über Euch. Die Oasen und die Kühle der Nacht und die Geschichten aus tausendundeiner Idee aber behalten wir.
Jenseits aller Gesellschaftssysteme, individueller Lebensverhältnisse und persönlicher Verfasstheiten verbindet uns eine Konstante voller Inkonsistenz. Das Wetter. Es ist so umittelbar wie allumfassend, so wirkmächtig wie unbeherrschbar, es durchdringt unsere Existenz, es ist um uns. Immer. Dieser Befund schlägt sich neben Baukultur und Bekleidungstechnik auch und besonders in unseren Gesprächen nieder. Mit der Entfernung voneinander steigt unser Bedürfnis danach, das Wetter zu thematisieren. Das kann bei transkontinentalen Abständen jegliches andere Informationsinteresse überstrahlen. „Wie ist das Wetter bei Euch“ ersetzt dann schon jedes „Wie geht es Dir?“ Das Wetter bestimmt unser Sein. Das Bewußtsein ist dem nur nachgeschaltet.
In früheren Zeiten haben die Bewohner unsere Breitengrade, sobald sie fermündlich oder depeschengestützt mit Verwandten, Bekannten und Freunden in meteorologisch anders disponierten Gegenden verkehrten, zur Sommerzeit nur einen Zustandsbericht präsentiert: „Wir haben prachtvolles Wetter“. Prachtvolles Wetter. Schönes Wetter. Sommerwetter. Badewetter. Vergangene Zeiten transportierten vielleicht auch den sommerlichen Temperaturbefund „warm“. Oder: „Schön warm“. Nur eine Befindlichkeit kannten unsere Gespräche über das Wetter nicht: „Es ist heiß.“ Heiß war es hierzulande nicht. Niemals. Heiß war es in Afrika, in Indien, in der Wüste (und vielleicht in der Sauna). Das hat sich geändert. Warm ist es jetzt sommers in Island und in Alaska. Warm ist es in Grönland und Spitzbergen. Hier ist es heiß. Sehr heiß. Besonders heiß ist es in der Stadt. Die Gründe für die Erwärmung des Planeten sind hinreichend bekannt. Sie werden weltweit (mit der Ausnahme des Schurkenstaates Trumpistan) mit schaudernder Beachtung und der hastigen Listenerstellung von Gegenmaßnahmen beantwortet. Warum es heiß ist, wissen wir. Aber wie gehen wir damit um? Was bedeutet der Befund „es ist heiß“? Und da die meisten von uns in verdichteten Verhältnissen leben: Welche Konsequenzen hat die nachmoderne Zustandsbeschreibung „Hitze in der Stadt?“ Wenn Hitze die Frage ist, was sind unsere Antworten?
Der deutsche Philosoph und Transzendentalbeletristiker Odo Marquart hat 1978 in einem vielzitierten Vortrag an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel zu einem (scheinbar) ganz anderen Thema verblüffend Passendes zusammengestellt. Unter dem etwas spröden Titel „Der angeklagte und der entlastete Mensch in der Philosophie des 18. Jahrhunderts“ (FN1) beschäftigen Marquart die Konsequenzen, die die Theodizee, also die Frage nach der Allmacht und Verantwortung „Gottes“ im Denken der Betroffenen anrichte(te)n. Marquard findet als Remedien gegen das Unausweichliche, sprich das Ende der Gütigkeit: Kompensation und Flucht.
Im Versuch, Abweichendem und Unbekanntem von störendem Ausmaß zu begegnen, darf eine Generalstrategie ausgemacht werden. Das Ignorieren von Fakten. Ignoranz ist dabei nicht das Verleugnen von Feststellbarem, sondern die Unwissenheit bezüglich Festgestelltem. Kommt doch der Begriff vom lateinischen ignorare „nicht wissen“, „nicht kennen wollen“, der Negation von gnarus „einer Sache kundig“ sein.
Ignoranzkompensation ist ein allzu passiv-aggressiver Kommunikations-Vorgang. Gelernte Österreicher haben die Sätze vielfach in den Ohren, die Ignoranzkohorte spricht sie aus: „Haaß? Oiso i merk nix“, „Owa geh, friahra woa’s im Summa genau so haaß. Wann ned haaßa“. Selbst Denkkräftigere erkennen im Ungewöhnlichen vermeintlich Althergebrachtes: „Im Juli muss die Stadt glühen! Bis der Teer brodelt.“ Donald Trump darf als weltweit bekannteste Apologet dieser Bewegung genannt werden. Die intellektuell dünner besiedelten Gegenden menschlicher Erkenntnisproduktion sind fest davon überzeugt, dass übelmeinende Regierungen uns mittels Chemtrails und Handystrahlen manipulieren, dass eine Geheim-Kamarilla aus Bilderbergern, Freimaurern und ostküstenbasierten Rothschild-Angestellten unser Denken transformiert, dass Ausserirdische, Antlantoiden und Reptilienmenschen (und neuerdings die Presse) an der Macht sind und das Wetter heißlügen. Hinweise darauf, dass die Klimaerwärmung menschlichen Ursprungs ist, werden im Rahmen forengestützter Verschwörungstheorieproduktion ignoriert. Eine Begegnung mit den Fakten hieße, eine Mitverantwortung aller am Wetter anzunehmen. Das passt nicht ins Bild der Fremdbestimmung. Diese Leute schwitzen, ohne zu leiden. Weil sie auch leiden, ohne zu schwitzen. Dazu gibt es laute Musik.
Eine gänzlich andere Gemütskonstellation finden wir in unzufrieden Betroffenen. Ihr Leid ist so groß wie echt. Sie fächeln und hecheln, sobald der der Spätwinter unvermutet in den Hochsommer kippt und die Temperatur am 30er kratzt. Mit dem Grad der Wallungen steigt die Wut. Um gesteigerte Dosen vom kostbaren Nektar des Zorns zu kosten, fahren diese Leute leicht bekleidet und kurz beschürzt die heißen Gegenden der Stadt ab. Vorzugsweise. Fluchend, hustend, eine Tröpfchenspur aus dampfendem Transpirat hinterlassend. Vorrangig mittags sind die Wütenden unterwegs, oberirdisch, in der ungekühlten Bim, im sonnendurchfluteten Bus. Schattige Parks sind ihnen unbekannt, Gastgärten ebenfalls, dem kühlenden Nass öffentlicher Bäder (man könnte sich erkälten!) ziehen sie weite, baumlose Plätze vor. Im Flirren kochender Luft sehen sie die trügerische Fata Morgana lindernden Windes. Aus Gründen, die jenseits aller Erforschbarkeit liegen, essen die Hitzeleidenden ausschließlich Heißes. Heiße Würstel, heiße Schnitzel, heiße Laberl. Ja, heißen Salat. Dieser Stoffwechselzumutung antwortet der temperaturgeschädigte Körper mit zunehmender Schweißproduktion. Das macht Anwesende aus der Gruppe der Adaptierten zu ungefragten Beteiligten. Auch jenseits allen Verständnis für die Wunder des Irrens versteht man, dass diese Leute Vesuve der Wut sind. Sie sind auch wütend darüber, dass man sie riechen kann. Wo sich doch schon das Gesehenwerden nicht vermeiden lässt! Man würde diesen Leuten gerne helfen. Ihnen kühle Orte in der Stadt zeigen, vielleicht sogar Keller, Ihnen Hüte aufsetzen und die Schultern bedecken, ihre wutinduzierte Geschwindigkeit reduzieren. Die Fenster ihrer Autos herunterkurbeln und ihnen die Vorteile des Insults „Schattenparker“ beibringen. Indes, die Wutschwitzer sind unbelehrbar.
Nur vor dem Tiefkühlregal im Supermarkt erlangen sie etwas wie Würde. Wenn sie bei offener Türe verträumt Eishauch aufatmen, minutenlang die schockgefrorene Schelfeisscholle anstarren oder die bitterkalten Broccolibröckerl. Dann schenkt das Schicksal den Wutgewallten ein bisschen vom Glück. Bis ein anderer Schwitzer herantaumelt und auch drankommen will.
Die Hitzewellen der letzten Sommer haben die Zimmerwetterindustrie zu einer Wachstumsbranche aufgeblasen. Goldgräberstimmung machte sich unter den Generalimporteuren von Klimageräten breit, ihre Zielklientel war in kühleren Zeiten an den Zinken einer Gabel abzählbar gewesen. Mit dem Einsetzen tropischer Wetterlagen in heimischen Breiten ist der Bedarf nach mechanisch-chemischen Linderungshilfen sprunghaft angestiegen. Klimaanlagen sind der große Renner. Es gibt sie in allen Preisklassen, vom Taschenventilator bis zur Bezirkskühlanlage.
Die weniger Talentierten unter den Kompensationslogistikern fahren auf der Suche nach der maschineller Raumkühlung nicht weiter als in den nächsten Baumarkt. Dort decken sie sich mit Billiggeräten aus Weltgegenden mit asiatischen Zungenschlägen ein. Die Gebrauchsanweisungen sind in der Regel in koreanisch, kambodschanisch und vietnamesisch verfasst und gibt es eine deutschsprachige Seite mit Bedienungsvorschriften, hält diese oft nur einen Hinweis bereit: Gerät nicht falsch bedienen!
Die Apparate aus schneeweißem Kunststoff verprechen polaren Kunstwind aus Plastikpropellern oder arktische Luft aus fahrbaren Kisten. Die Ventilatoren und Klimakanister sind mit den neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der geplante Obsoleszenz ausgestattet, ansonsten aber schändlich zusammengeschusterte Drittweltprodukte mit Technologie aus der Pferdekutschenzeit. Bastelarbeiten aus der Volkschule haben mehr technischen Pfiff. Immerhin geben die Maschinchen einmal weniger den Geist auf, als sie nachgekauft werden.
Kapitalkräftigere mit Beraterstab greifen tief in die Investitionskiste und bauen die eigene Wohnung zur hermetischen Klimaoase um. Die Hotelindustrie hitzeerprobter Feriendestinationen hat hier wertvolle Vorarbeit geleistet. Auch die billigsten Kaschemmen in den übelbeleumundeten Tourismus-Gegenden blasen Kaltluft in die Gästezimmer wie einst nur Kashoggi in sein innerstes Gemach. Immerhin: Bei geschlossenen Fenstern können keine Gelsen aus dem Malariatümpel neben dem Ressort eindringen.
Dass beim Runterkühlen heimischer, sprich schlechtisolierter Altbauwohnungen großes Geld verbrannt wird, stört die Betroffenen nicht. Reiche schwitzen nicht. Geld hat man. Eine Klimaanlage ist ein Statussymbol geworden wie es früher ein Farbfernseher war oder später ein funktierendes WLAN. In Kreise mit Klimaregelung heiratet man ein. Transpiration ist was für Arme. Blöde. Arme und Blöde wissen auch nicht, was eine Eiswürfelmaschine ist. Sie trinken ihre Aperol-Spritz’ und ihre Mojitos lauwarm, heiß. Barbaren!
Die Hitzebewältigung durch Kompensation hält aber auch Gefahren und Rückschlägiges bereit. Dem vorfrühlingshaften Februarhauch, der neuerdings in Supermärkten und die Filialen von Billigkleiderketten Einzug gehalten hat, dem Verdunstungsnebel teurer Innenstadt-Schanigärten antwortet die menschliche Natur auf beiden Schenkel der Einkommensschere mit der Juligrippe und dem Augustinfekt. Man erzählt Geschichten von Hitzegeplagten, die ihre Bürotermine im Supermarkt ums Eck wahrnehmen und von Eiskantinengästen, die stundenlang am selben Mineralwasserglas lutschen. In die Hitze der Stadt zurück treibt die Unglücklichen nur die jeweilige Sperrstunde.
Kompensiert wird des Sommers Hitzeglocke von Kundigen mit Schatulle durch ein Leben am Wasser. Zum aquatischen Abkühlungskreis zählen sich auch die Besitzer privater Badeanlagen. Badenass ohne Zuschauer gibt es für jede Westentasche, vom familieneigenen Gegenstrombecken mit Sprungturm über den gekachelten Brackwasserteich bis zum Swimmingpool des kleinen Mannes (der trinkwassergefüllten Regentonne) und dem Jacuzzi des sehr kleinen Mannes (dem eiswürfelgegekühlten Fußbadschaffel). Zeigefreudige Kompensatoren verlegen ihre Existenzen in die großen Bäder der Stadt. Profis besitzen Kabanen in einem der Strombäder, oder illegale Datschas an entlegenen Ziegelteichen. Halbprofis kennen die schattigen Plätze in den Bädern und die Zeiten, zu denen Handtuchreservierungen vorgenommen werden müssen. Die Amateure unter den Pritschlern wissen wenigstens, wo die Bäder zu finden sind und wie sie heißen. Verwegene aus der Schicksalsgemeinschaft der Sommeralkoholiker steigen nächtens in die Freibäder ein oder tauchen die Brunnen der Stadt ab. Ein Vorteil darf notiert werden: Sonnenstich holt man sich dabei nicht.
Verückte Strategien überdauern kaum den Sommer, in dem sie ersonnen wurden. Mitglieder einer Facebook-Selbsthilfegruppe berichten von Ganzkörperwickeln mit nassen Tüchern, der Verdunkelung der Wohnung mit Alufolie oder dem Schlafen in der eiswürfelgefüllten Badewanne.
Auch unsere Großeltern und Urgroßeltern kannten (so sie begütert waren, oder Begüterten zur Diensten standen) die Kompensation der sommerlichen Hitze. Sie fuhren schon bei Temperaturen, die wir heute als milde bezeichnen würden, in die Berge. Ans Meer. Aufs väterliche Gut. Dort sassen sie bei ewigem Frühstück, kühlenden Salaten aus heute unbekanntem Gemüse und nippten den Schmelz vom Zitronensorbet. Dass dieser Luxus mit dem Leid schwitzender Untertanen erkauft wurde, liess man unter den Tisch fallen. Wo es die Kommunisten und Sozialisten behände aufklaubten.
Die Hitzeflüchtenden heutiger Tage haben sich in leerstehende Waldvierteldörfer eingekauft, betreiben dort kühlende Selbstschau und schreiben moralsierende Geellschaftsromane. Man ersetze das Waldviertel durch Landtriche jenseits des Polarkreises und über der Baumgrenze. Dort finde man Ruhe unter seines- und ihresgleichen. Hitzemigranten mit Stil und Portfolio.
Der Hipster und die Hipsterin sind weit gereist. Sie haben sich im Bergheim und in Goa die Gehirnrinde glattgetanzt, sie haben Wüsten durch- und die Abbey-Road überquert. Sie waren in Brooklyn und Shanhgai, in Odessa und in Aix. Sie haben in ägyptsichen Grabkammern geschlafen, in Harry’s Bar und am Dach der Welt. Sie waren in den Playas del Este schwimmen, im Stadionbad und im baltischen Meer. Sie sind den Stromboli hinaufgekraxelt, den Cotopaxi und die Trisselwand. Der Temperaturen Ungemach ist ihr Revier. Hitze lässt sie kalt. Diesen Leuten ist nichts fremd. Sie quälen uns mit dem Grad ihrer Unbeeindruckbarkeit. Wenn wir selber zu diesen Leuten gehören, zu den Adaptierten, den Unzerstörbaren, dann quält unser Habitus die weniger Adaptierten, die Zerstörbaren, die Normalfühligen, die Hitzeopfer. Man darf eine Empfehlung aussprechen. Haben wir Verständnis für die Leidenden, finanzieren wir ihre Sonnenschirmwälder, ihre Verdunstungsanlagen, ihre arktisch temperierten Appartments. Auch die Hitzewut und den Sonnenstich wollen wir nicht länger ins Lager der Trotteleien verbannen. Sie sind wertvolle Indikatoren im Ringen um eine neue Verständniskultur. Bessere jedenfalls als appbasierte Digitalthermometer und die Wetterdurchsagen der Verlautbarungskanäle.
Den Geflohenen wollen wir zurufen: Wir verstehen Euch! Kommt im Winter wieder, wenn das Mailüfterl weht und der Jännerweizen wogt. Auch die Nordmannpinie macht einen schönen Weihnachtsbaum. Und was wir uns in der dunklen Jahreszeit an Heizkosten sparen, bleibt uns für die Eiswürfelproduktion im Sommer. Es ist eine gute Zeit, die Wüstenzeit. Auch in der Stadt. Sie muss flirren! Sie muss heiß sein wie sizilianischer Espresso.
_________________________________
FN 1: Marquard, Odo: Der angeklagte und der entlastete Mensch in der Philosophie des 18. Jahrhunderts, in: ders., Abschied vom Prinzipiellen, Reclams Universalbibliothek Nr. 7724, Stuttgart 1981, S. 39-66.
Douglas Adams describes why you never want to share a table with a stranger (Late Night with David Letterman, 14 February 1985):
„This actually did happen to a real person, and the real person is me. I had gone to catch a train. This was April 1976, in Cambridge, U.K. I was a bit early for the train. I’d gotten the time of the train wrong. I went to get myself a newspaper to do the crossword, and a cup of coffee and a packet of cookies. I went and sat at a table. I want you to picture the scene. It’s very important that you get this very clear in your mind. Here’s the table, newspaper, cup of coffee, packet of cookies. There’s a guy sitting opposite me, perfectly ordinary-looking guy wearing a business suit, carrying a briefcase. It didn’t look like he was going to do anything weird. What he did was this: he suddenly leaned across, picked up the packet of cookies, tore it open, took one out, and ate it.
Now this, I have to say, is the sort of thing the British are very bad at dealing with. There’s nothing in our background, upbringing, or education that teaches you how to deal with someone who in broad daylight has just stolen your cookies. You know what would happen if this had been South Central Los Angeles. There would have very quickly been gunfire, helicopters coming in, CNN, you know… But in the end, I did what any red-blooded Englishman would do: I ignored it. And I stared at the newspaper, took a sip of coffee, tried to do aclue in the newspaper, couldn’t do anything, and thought, What am I going to do?
In the end I thought Nothing for it, I’ll just have to go for it, and I tried very hard not to notice the fact that the packet was already mysteriously opened. I took out a cookie for myself. I thought, That settled him. But it hadn’t because a moment or two later he did it again. He took another cookie. Having not mentioned it the first time, it was somehow even harder to raise the subject the second time around. “Excuse me, I couldn’t help but notice…” I mean, it doesn’t really work.
We went through the whole packet like this. When I say the whole packet, I mean there were only about eight cookies, but it felt like a lifetime. He took one, I took one, he took one, I took one. Finally, when we got to the end, he stood up and walked away. Well, we exchanged meaningful looks, then he walked away, and I breathed a sigh of relief and st back.
A moment or two later the train was coming in, so I tossed back the rest of my coffee, stood up, picked up the newspaper, and underneath the newspaper were my cookies. The thing I like particularly about this story is the sensation that somewhere in England there has been wandering around for the last quarter-century a perfectly ordinary guy who’s had the same exact story, only he doesn’t have the punch line.“
Es klingt so einfach: „Ich habe fertig“, aber es ist ein schmerzhaftes Ringen um Klarheit, ein Kampf, gegen die eigene Unterdurchschnittlichkeit, die Dämonen des Versagens. Behände lauern sie, wo ich sie nicht brauchen kann, in mir selbst. Ach, es ist nie lustig, es ist ein Ringen. Und nachher bin ich kaput. Im Kopf und im Körper. Die Hände schmerzen, das Hirn trieft. Schauer! Und immer fange ich bei Null an, schiebe den Sisyphosstein hoch und rutsche ab. Es ist ein dauerndes Rutschen. Wenn der Berg abgearbeitet ist unter den Bemühungen, brennt der Kopf und schreit nach Ruhe und Linderung.
Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Wahrnehmung. Angst ist die Erinnerung an Eingetretenes, nicht der Vorschein des Ungeschehenen. Dämonen tanzen in unseren Gehirnen, nicht in der Dingwelt. Es gibt keine Krise. Es gibt nur Veränderung.
Andrea Maria Dusl, 30.1.2016.
Beim Hören von Cerha betritt mich diese Erkenntnis: Auch in der Kunst ereignet sich alles zweimal. In der Avantgarde (oder was diese Funktion wahrnimmt) kontingent, im Mainstream satirisch. Hermetisch lässt sich dazu jenes (bei Hegel gefundene) Diktum von Marx gesellen, demnach geschichtlicher Ereignisse und Personenkonstellationen das eine Mal als Tragödie, das andere als Farce stattfänden.
Andrea Maria Dusl, 17.2.2016
Suizid richtet sich immer an wen. Die Suizidalen in ihrem Kanal sind fokussiert auf den Moment, in dem ihre Gefühle, das Ende ihrer Gefühle und die Gefühle der Aussenstehenden zu einem werden. Die Hoffnung verschmilzt zu diesem einen unteilbaren, aber ungeteilten Moment der Innigkeit. Das ist die Kraft, die Suiziadale antreibt. Hoffnung eigentlich. Das Paradies der Innigkeit. Amokläufer dehnen das ganze noch auf die vermeintlich ihnen gehörenden aus. Suizid ist die grösste Freiheit und gleichzeitig das grösste Missverständnis ihrer Wirklichkeit.
AMD, 24.10.2012 (zu einer Facebook-Stautusmeldung)
Andrea Maria Dusl für Stefan Riedl (aka Triebl), anlässlich der Fertigstellung von dessen Grotten-Ausmalung im “Kaiserbründl in Wien”.
Notiz, gesprochen am 14. Oktober 2011:
Sehr geehrte Damen und Herren! Exzellenzen und Würdenträger in all den Ihnen zustehenden Titeln und Anreden! Liebe Freundinnen und Freunde! Erdgeister und Nymphen, Collegae!
Es ist mir eine grosse Irre.
Wir befinden uns an einem arkanen Ort, wir stehen in der Unterwelt. Die Zeit wird diesen Ort vor Ablauf der Tage verschliessen. Verharren wir in buntem Staunen darüber, was die Tiefe der Stadt aus dem Dunkel und der Feuchte des Erdenleibs geschält hat. Staunen wir, was der Mephisto in die Lücke des Fünf-Stern-Zackens einschrieb. Schreiben wir ein in unser Gedächtnis, was das künstliche Licht hier erhellt. Für kurze Zeit, für die Schuld des Augenblicks. Sehen wir das Blut der Purpurschlangen an den Leibern von Jachín und Boáz. Sehen wir den Pinsel des Parsen, er zeigt nach oben.
Oben, im Reich des Lichts und der Himmelsfinsternis geht die Welt zu Ende, das Gold verliert seine Würde, es rinnt durch die Scherben des zerbrochenen Krugs. Aber hier unten, bei den Geistern, die das Gold gebären, hier unten wird gesagt:
“Ein Ende hat gesetzt die Finsternis und alle Vernichtung, begrenzt durch den Stein von Dunkel und Todesschatten. Dieser Satz wird so erklärt: Das Ende der Finsternis ist das Endwesen der linken Seite, welches in der Welt und in den Höhen schweift und vor dem Allerheiligsten Anklage erhebt, wider die Welt. Dem entsprechen die Wirte. Und alle Vernichtung begrenzt, indem die Werke nicht auf das Guite, sondern immer nur darauf zielen, Vernachtung in der Welt zu wirken.
Das Wort Stein jedoch bezeichnet jenen Stein des Anstosses, darin die Sünder zu Fall kommen. Dies wird bestätigt durch die Worte: Ein Land der Ermüdung, gleichwie das Dunkel. Merket: Es gibt ein Reich des Lebens in den Höhen, dieses ist das Land, und es gibt ein unteres Reich, welches genannt ist “Dunkel und Todesschatten” – jenes Dunkel bezeichnend, welches aus dem Land der Ermüdung stammt und jenes Ende von der Seite der Finsternis, welches zugleich der Abschaum des Goldes ist…
Rabbica Cahon aber erklärte: „Das Wort Ende bezeichnet jenen Ort, wo das Gedächtnis nicht mehr ist. Denn dieses ist zugleich das Ende der linken Seite. Wieso? Weil geschrieben ist: Denn wenn du meiner bei mir gedenkst, so es dir gut ergehen wird. Es erschien also der Mundschenk dem gerechten Mann, der gerechten Frau, weil sie jene Worte sprachen. Und man vermeinte, in dem man den Traum betrachtete, dass es ein Traum des geistigen Gedächtnisses sei.“
„Darin wird geirrt, denn alles war vom Allerheiligsten allein gekommen, aus der Tiefe zwischen den Schenkeln des Zacken. Darum musste noch die Region des Vergessens gewahr werden, wie es heisst: “Nicht gedachte der Oberste der Mundschenken und vergass seiner”. Wozu noch die Worte: “und vergaß seiner?“ Es ist ein Hinweis auf jene Region, in der das Vergessen ist und diese eben ist das Ende der seite der Finsternis. Die “zwei Jahre” aber bezeichnen die Rückkehr in zwei Stufen, worin das Gedenken” eintritt.“
Erfahren zu Weissenberg am Inn, im Erdloch bei der Weihenburg, bevor sich der Schlund des Brunnens wieder verschloss und die Erinnerung mit sich nahm.
Danke, ich habe gesprochen.
Andrea Maria Dusl
„Wach?“
„Wach.“
„Sach mach?“
„Sach mach. Gach Tach Sach mach.“
„Sach!“
„Ach, Sach Fach mach.“
„Ach! Ach Sach mach.“
„Ach?“
„Zach Sach mach.“
„Zach Sach?“
„Zach Sach. Achfach zach. Krach mach.“
„Krach mach?“
Krach mach, ach! Dach Blach mach. Flachdachblach.“
„Krach! Sach Fach mach – schwach Krach.
Blachdach mach – zach Krach. Nach wach.“
„Lach!“
„Nach lach, gach Nach wach!“
„Gach Nach?“
„Zach! Gach Nach.“
„Ach sach: Schnach Nach, Tach lach.“
„Ach.“
„Lach!“
„Ach lach.“
„Gachnach!“
„Gachnach.“

Andrea hat es endlich geschafft. Durch Visualisierung im Basislager Margareten in einem hochgestiegen bis zum Gipfel des K2!!! Es ist geschafft. Endlich oben! Trance!
Meine Sponsoren, die Buchhandlung Jeller, der Feinkostladen Einzinger, der Pennymarkt am Mittersteig und die Meckibahn im Prater sind voll informiert und gratulieren zum Gipfelsieg.
Der K2 war urschwierig. Mein schwierigster Visualisierungserfolg bisher. Besonders der Abstieg war schwer. Alle Seile waren vereist. Götzseidank hatte ich ein paar lustige Niavaraniprogramme auf meinem iPod. GPS wpllte ich auch absetzen, aber da hätte ich Batterien mitnehmen müssen. Ich hab mich aber im Gipfelbuch eingetragen und eine lustige Zeichnung hineingemalt.
Die mails kommen gerade schaufelweise herein. Glückwunsche, Autogrammangfragen, Heiratsanträge und Einladungen zu Managerseminaren. Muss mir einen Privatsekretär visualisieren.
Andrea Maria Dusl, 16. Mai 2010.
In Channel 8, der seltsam schwebenden, irisiserenden Liebesgeschichte zwischen einem Pariser Fernsehreporter und einer Sankt Petersburger Taschendiebin geht es um Sehnsucht, um Geheimnisse, um Traum- und Trugbilder.
In einem Antiquariat in Sankt Petersburg entdeckt Valentin, der Protagonist des Romans, ein Buch. Zwischen Puschkins und Dostojewskis, gefälschten Leninbriefen und dem Französisch-Vokabel-Heft Nabokovs. Es ist eine, 1528 erschienene Übersetzung der “Elemente”, des Hauptwerks des griechischen Mathematikers Euklid. Vertraut streicht Valentins Hand über das alte Papier, Valentin kennt dieses Buch, obwohl er es noch nie in der Hand hatte. Es ist eines jener Dejavues, die ihn in Laufe des Romans verfolgen. Im fün!en Band der Elemente schlägt Valentin die Seite 55 auf.
Capvt Quintvm. De Triangulis, über die Dreiecke, steht dort zu lesen. Valentin bemerkt, dass die beiden Seiten in dem Buch identisch sind, die linke wie die rechte. Euklid beschreibt die geometrischen Grundlagen des räumlichen Sehens. Und jetzt erinnert sich Valentin daran, wie er als Kind das Schielen übte. Und wie es ihm, als er es konnte, gelang, bei Suchbildern immer den Fehler vor allen anderen zu entdecken. Einfach, weil er durch Schielen die scheinbar identen Bilder übereinander legte und ihm so der eingebaute Fehler sofort und unmittelbar in Erscheinung trat. Solch ein Suchbild ist auch die doppelt gedruckte Seite 150 in meinem Roman Channel 8.
”Und jetzt lag Euklids Buch in seinen Händen und Valentin sagte sich, die Wahrheit liegt vor dir, hier irgendwo nach Passagen, hinter Durchgängen, und sie ist nur dir zugänglich, Valentin, dir dem Auge, das die Worte vor dem Text lesen kann. (…) Veritas post ocvlum, die Wahrheit liegt hinter dem Auge.”
Erschienen in .copy September 2007
Das Wort Klima (τὸ κλίμα) ist ein altgriechischer Begriff, der vom Zeitwort klínein (κλίνειν) kommt. Es heisst soviel wie „neigen, biegen, krümmen”. Auch unser Wort “klein” stammt wahrscheinlich von einem ähnlich lautenden indoeuropäischen Wort ab. Die Krümmung, das sich biegen, das niederbeugen hat aber auch mit einem Möbelstück zu tun, dem Bett nämlich. Im Altgriechischen ist aus dem Verb klínein die kliniké (klΐnikέ), das „Lager, Bett“ geworden und aus klinikè téchne (κλινικὴ τέχνη) die „Heilkunst für Bettlägrige”, für Kranke – nichts weniger als die Medizin. Unser Wort Klinik kommt daher, über das lateinische clinice und das französische clinique – “die Anstalt zur Unterweisung im medizinischen Unterricht“.
Wieso verstehen wir aber heute mit dem Wort Klima das Wettergeschehen? Etwa, weil es krank ist? Mitnichten. Die alten Griechen, denen die Kugelgestalt der Erde schon bekannt war, bezeichneten mit Kliamata (dem plural von Klima) die verschiedenen Himmelsgegenden, also die Tatsache, dass auf südlicher oder nördlicher gelegenen Gegenden, andere Teile des Nachthimmels beobachtbar sind. Das Klima ist als eigentlich nicht das Wetter, sondern der Himmelsstrich, oder das, was wir heute mit der geografischen Breite bezeichnen. Im 20. Jahrhundert hat sich der Begriff Klima von der regionalen Wettergesamtheit hin zur Synthese des Wetters entwickelt.
Klima müsste man also richtigerweise als die Wetterneigung verstehen. Die Neigung einer Gegend zu bestimmten, für sie typischen Wettersituationen.
Das Wort Wetter wiederum, das uns doch wohl sehr Deutsch vorkommt, kommt aus einer alten Wortgruppe, die auch den Wind hervorgebracht hat (lateinisch ventus). Auch der germanische Windgott Wotan hat seinen Namen aus diesem Begriffs-Cluster. Die Silbe “*wat”, verwandt mit altindisch vátati, heisst soviel wie “anblasen, anfachen», im übertragenen Sinn “inspirieren”. Weniger sanft gedeutet kommt Wotan vom gemeingermanischen *wōda , “besessen, erregt“. Die ist nichts anderes als unsere Wut. Jener Zornesazusbruch, der stets mit heftigem Geschrei und wildem Atmen einhergeht.
Die kultische Verehrung Wodans entwickelte sich in den Jahrhunderten vor der Zeitenwende im niederrheinisch-nordwestdeutschen Raum, unter den Stämmen der Ingaevonen. Von dort wird die wütende Gottesgestalt in den Norden exportiert. Wodan wird zu Odin und verdrängt Thor als Hauptgottheit in Skandinavien. Aber auch Thor ist ein Wettergott, bei den germanischen Stämmen am Kontinent Donar, Donner genannt. Mit seinem ziegenbespannten Wagen donnert er übers Firmament und schlägt Blitze aus dem Himmel. Im Wort Donnerstag (Thursday) ist er verewigt.
Klima ist in Österreich aber noch in ganz anderem Zusammenhang in Erinnerung. Klima war der Name des neunten Bundeskanzlers der Zweiten Republik. Viktor Klima, Nachfolger von Franz Vranitzky amtierte drei Jahre lang am Ballhausplatz und ein paar Strassenzüge weiter als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei. 2000 sollte ihn Wolfgang Schüssel als Bundeskanzler ablösen. Der Schwechater Klima, der vor seiner Politikerkarriere erfolgreicher Manager war, galt gemeinhin als konsensorientiert und war nicht gerade als Donnergott verschrien. Nach dem Scheitern von Koalitions-Verhandlungen mit der ÖVP verließ er die österreichische Politik und übernahm die Leitung der argentinischen Volkswagen-Niederlassung. Seit 2007 ist er Chef der gesamten Volkswagen-Niederlassung in Südamerika und Berater des argentinischen Präsidenten Nestor Kirchner. Sein Name Klima nicht aus dem griechischen, sondern aus dem tschechischen. Dort ist Klima (wie die ähnlich lautenden Namen Klimt und Klimek) die Verkleinerungsform des lateinischen Vornamens Clemens. Was soviel heisst wie mild, gnädig, sanftmütig. Kein falscher Name also für einen gutfrisierten Schönwetterkanzler.
Nicht erschienen in .copy März/2007
Dieser Text für die 07-Frühjahrsausgabe des Magazins .copy wurde nicht abgedruckt. Die Inhalte wären Telefoniekonsumenten nicht zuzumuten, hieß es. Genaueres war nicht zu erfahren. Ein seltener Fall von Zensur.
Das Wort ‘Glaube’, verwandt mit dem Begriff “geloben”, hiess im frühen Mittelalter ‘ga-loubjan’ und hatte die Bedeutung “vertrauen”. Wem oder was wurde vertraut? Gott, oder gar Göttern? Weit gefehlt. Wenn wir das Wort ‘Glaube’ ins Mittelalter zurückwerfen, zerfällt es in Begriffe, die heute ge-lauben, Ge-Laube, Ge-Lobe heissen müssten. Hat der Glaube also mit dem Lob zu tun? Die Antwort ist kurz und simpel – Ja. Der Glaube ist – sprachlich gesehen eine Art Lob. Klingt seltsam, ist es auch. Denn das Lob ist etymologisch betrachtet keine Belohnung sondern ein Köder. Noch heute werden Preise, Wettbewerbe, Stellen ausgelobt.
Das Wort Lob, in unserer Betrachtung soviel wie Köder, Angebot kommt von einem anderen vertrauten Begriff: dem Laub. Einfachen Blätterzweigen. Die Etymologen vermuten, dass die Begriffskaskade, die zum hehren Ausdruck “Glaube” geführt hat im Wort für Laub entspringt und in der Frühzeit der indoeuropäischen Sprachen nicht weniger bedeutete, als das Vieh mit Laubbüscheln anzulocken. Schmackhaften natürlich. Der Glaube wäre demnach jene Zutraulichkeit, die gefüttertes Vieh, geästes Vieh entwickelt. Glaube wäre also Zutrauen. Nahrung. Eine Erklärung, der sich Atheisten wie Theologen gleichermassen anschliessen können.
Weniger Freude dürften die Theologen und Kirchenleute mit den modernen Erkenntnissen über die physiologischen Grundlagen des Glaubens haben. Lange Zeit wunderten sich Ärzte, warum Nonnen und Mönche überdurchschnittlich oft an Schläfenlappenepilepsie erkrankten. Kam das vom Beten? Oder gar umgekehrt? Die Korrelation von Erleuchtung und Epilepsie war nicht erklärbar. Bis sich eines Tages bei der Gehirnuntersuchung eines religiös unauffälligen Patienten ein seltsamen Effekt manifestierte.
Wurde die Schläfenlappenregion des Patienten mit einer Sonde elektrisch gereizt, berichtete er über tiefe Gefühle des Einseins mit Zeit und Raum, von grosser Gottesnähe und hellem Licht, von allgemeiner und durchdringender Verzückung. Symptome, die stark an die Verzückungen erinnerten, mit denen spirituell Erleuchtete aller Religionen ihre Begegnung mit dem “Höheren Wesen” berichteten.
War nicht auch Paulus, der Chefideologe des frühen Christentums, Epileptiker gewesen? Die Berichte des Evangelisten Lukas über die Umstände von Paulus’ Erweckungserlebnissen sind starkes Indiz dafür. Ist der “Heilige Geist”, die “Erleuchtung” nichts mehr als ein neurologisches Feuerwerk im menschlichen Schläfenlappen? Buddha, Moses, Johannes, Jesus, Jean d’Arc – Opfer von schrägen Vorgängen im den seitlichen Hirnregionen?
Direkt ins religiöse Eingemachte geht der amerikanische Genetiker Dean Hamer. Er hat Erbinformation isoliert, die direkt für die religiöse Empfänglichkeit verantwortlich sein soll. Das Gottes-Gen hat den sachlichen Namen ‚Vmat2‘. Nach Hamers Hypothese sollen die Träger dieses Protein-Codes für Erlebnisse zugänglich sein, die sie als mystische Erweckung, Erleuchtung, Einswerdung mit dem Universum interpretieren. ‚Vmat2‘ – das ein-Gott-Glauben-Gen, das Licht der Welt, die Stimme Gottes?
Starker Tobak für religiös Zartbesaitete. Die Fähigkeit, zu Glauben hätte für unsere steinzeitlichen Vorfahren evolutionär einen Vorteil gehabt, erklärt Hamer, und sei deswegen bis heute vererbt worden. Der biologische Mechanismus: Spirituell glücksdurchströmte Menschen neigen zu grösserem Lebensglück und setzten mehr Kinder in die Welt, als ihre atheistischen Brüder und Schwestern.
Wie auch immer: Die ersten religiösen Spuren haben Forscher in Gräbern der Neandertaler gefunden. Bereits vor 60.000 Jahren sollen die nahen Verwandten der modernen Menschen ihren Toten Beigaben ins Grab gelegt haben. Ob die grobschlächtigen Jäger Träger des Gottes-Gens waren, muss erst herausgefunden werden.
Erschienen in .copy 29/2006
Der unsterbliche Porschefahrer James Dean ist einer, die Präsidentengeliebte Marilyn Monroe ebenso wie das sagenumwobene Troja, das mysteriöse Atlantis und die Katastrophe aller Katastrophen, die Sintflut: Mythen sind das Salz der Geschichte. Mythen handeln von Göttern und Unglück, Heldentum und Untergang.
Mythos ist ein altgriechisches Wort und heisst soviel wie Wort, Rede, Erzählung. Etymologisch gesehen kommt es aus einem indoeuropäischen Wortgruppe mêudh-, mûdh-, die das “sehnliche verlangen”, das “klagen” und ”erinnern” beschreiben. Mythos scheint so gesehen mehr mit dem schmerzhaften Erinnern an grosses Unglück als mit dem glorifizierenden Nacherzählen brav absolvierter Heldentaten zu tun zu haben. Ob gerade eben passiert oder aus den Nebeln der Vorgeschichte ausgebüxt, die Mehrzahl der Mythen handeln, wenn sie sich nicht mit der Erschaffung der Welt und der Genealogie von Göttern beschäftigen, von Tod und Katastrophen.
Eine exemplarische Katastrophe beschreibt der antike griechische Philosoph Aristokles, wegen seiner breiten Stirn Platon (griechisch für breit) genannt, im Mythos von Atlantis. Egal, ob sich in der Sage von der untergegangenen Inselzivilisation ein wahrer Kern verbirgt, oder nicht: Der Aufklärung der legendären Geschichte haben sich nicht nur seriöse Historiker sondern auch ein Heer von Obskuranten und Pseudowissenschaftlern verschrieben, die in die Atlantissage so ziemlich alles hineininterpretieren, was zwischen den Coverdeckeln eines Fantasy-Schundromans Platz hat. Während Althistoriker und Philologen überwiegend von einer Erfindung Platons ausgehen, die durch zeitgenössische Vorbilder inspiriert wurde, vermuten andere, oftmals nichtakademische Autoren einen realen Hintergrund der Geschichte und starteten unzählige Versuche, Atlantis zu lokalisieren. Die Ägäis-Insel Santorin, Kreta, Island, Helgoland, die Azoren, die Bahamas, Kuba, das Mexiko der Majas, ja selbst der ganze nordamerikanische Kontinent wurden schon zur Insel jenseits der Säulen des Herakles ausgerufen. Ob erfunden oder nur prima nacherzählt, Atlantis ist jedenfalls mit Maus und Mann untergegangen.
Darin ähnelt es frappant dem Überschwemmungsmythos aus einem anderen dicken Buch, der Bibel nämlich. Im ersten Buch Mose wird mit Sintflut eine große weltumspannende Flut bezeichnet, mit der der alttestamentarische Gott die Menschen für ihr sündiges Leben bestraft haben soll. Das Überflutungsunwetter soll 40 Tage und 40 Nächte gedauert und selbst den Ararat, den (damals) höchsten Berg der Welt mit Wasser bedeckt habe. Dem Kataklysma entkommen sei nur ein gewisser Noah, der auf göttliche Anweisung hin ein riesiges, Arche genanntes, Kastenboot gebaut hatte, das er mit Familie und Menagerie bestiegen hatte, um auf den Flutwellen trockenen Fusses bis auf den Berg Ararat zu surfen.
Nachkommen dieses Noah und seines überlebenden Grossvaters Methusalem sollen nach der Bibel wir alle sein. Also auch die beiden amerikanischen Geologen Walter Pitman und William Ryan, die wissenschaftliche Beweise für eine gigantische Überschwemmungskatastrophe im Schwarzen Meer gefunden haben.
Vor 7500 Jahren, so die sensationelle Entdeckung von Noahs Ururenkeln, war die Landenge zwischen Europa und Asien, der heutige Bosporus, eingebrochen. Eine Sturzflut aus Meerwasser ergoss sich mit der 200fachen Wucht der Niagarafälle aus dem Marmarameer ins Schwarze Meer, das damals noch 150 Meter tiefer lag und ein Binnensee war. Überreste von Noahs Zeitgenossen, bearbeitete Holzbalken und Gebäuderuinen hat derweil der Ozeanograph und Titanic-Entdecker Robert Ballard bei Tauchfahrten in 100 Meter Tiefe vor der türkischen Schwarzmeerküste identifiziert und damit einen der grossen Menschheitsmythen den Nebeln des Phantastischen entrissen.
Erschienen in .copy 28/Oktober/2006
Als der Religionshistoriker Gershom Scholem, Inhaber des Lehrstuhl zur Erforschung jüdischer Mystik an der Universität Jerusalem hörte, dass 1965 im Weizmann-Institut für Wissenschaften im israelischen Rehovot ein hochkomplexer neuer Großrechner in Betrieb genommen werden sollte, schlug er vor, diesen „Golem I“ zu nennen. Scholem, 1897 in Berlin geboren, gilt als Wiederentdecker der Kabbala, jener mystischen, meist mündlich weitergegebenen jüdischen Geheimlehre. Mit der Geschichte vom Golem, des ersten Roboters der Neuzeit, den der legendäre Prager Rabbi Löw zur Abwehr antisemitischer Zeitgenossen aus einem Klumpen Ton geformt haben soll, war Scholem aus Mitteleuropa vertraut.
Um vier Uhr morgens (nach jüdischem Kalender des 20. Adar 5340, nach christlichem des 17. März 1580) verliessen drei Männer, Rabbi Löw, sein Schwiegersohn und ein Schüler die hunderttürmige Stadt. Ihr Ziel: Eine Lehmgrube an der Moldau.
Im Nebel des Morgengrauens formten sie mit ihren Fingern (lat. digites) aus dem feuchtem Flusslehm eine drei Ellen hohe menschliche Figur. Einen digitalen Menschen also. Ganz, wie es in den Schriften stand, befahl Rabbi Löw seinem Schwiegersohn, siebenmal um den Lehm-Cyborg herumzugehen und dabei eine bestimmte Formel (tzirufim) aufzusagen. Die Tonfigur begann zu glühen. Nun umschritt Rabbi Löws Schüler die Figur siebenmal: Der Golem (hebräisch für “dumm”, ”ungeformt”) wurde feucht und dampfte, es wuchsen ihm Haare und Fingernägel. Als letzter schritt der Rabbi selbst siebenmal um den Golem herum. Gemeinsam stellten sich die drei Beteiligten zu Füßen des Golem auf und sprachen den Satz aus der Schöpfungsgeschichte: „Und Gott blies ihm den lebendigen Atem in die Nase, und der Mensch erwachte zum Leben.“
Da öffneten sich die Augen des Golem. Rabbi Löw befahl dem nackten Lehmroboter, sich aufzurichten. Die drei Männer zogen ihm das mitgebrachte Gewand eines Schammes (eines Synagogendieners) an. Rabbi Löw gab dem Golem den Namen Joseph nach dem talmudischen Joseph Scheda, der halb Mensch gewesen sei und dem Rabbi in vielen Bedrängnissen beigestanden haben soll.
In der Stube des Rabbi sass der Golem stets leblos in der Ecke. In Betrieb genommen wurde er erst durch Rituale aus dem Sefer Jezirah, des Buchs der Formung, des ältesten schriftlich überlieferten Werks der Kabbala. Um den Golem einzuschalten, musste ihm Rabbi Löw einen Zettel mit dem Schem, dem Namen Gottes, unter die Zunge legen. Heute würden wir wohl “Application” zu diesem Zettel sagen.
Die Aufgabe des Golem war es, in den Nächten vor dem Pessachfest durch die Stadt zu streifen und jeden aufzuhalten, der eine Last mit sich trug, um zu kontrollieren, ob es ein totes Kind sei. Es sollte niemandem mehr möglich sein, Kinderleichen zur Verleumdung der Prager Judenschaft in die Judengasse zu werfen.
Sonst machte sich der Golem als Schammes nützlich, er fegte die Synagoge und läutete die Glocken. Der Zettel unter der Zunge musste an jedem Sabbat entfernt werden.
Das unrühmliche Ende fand der Golem, als der Rabbi eines Tages vergessen hatte, dem Golem das Computerprogramm unter der Zunge wegzunehmen. Der Tondiener drehte durch, und konnte nur durch Termination gestoppt werden. Der Rabbi musste sein Geschöpf in Scherben schlagen.
Unschwer sind der Legende vom Golem, die von Paul Wegener eindrucksvoll auf Stummfilm gebannt wurde, eine ganze Reihe animierter digitaler und halbdigitaler Diener entsprungen. Das Monster von Frankenstein, der Zauberlehrling und die Maschinenwesen aus Metropolis ebenso wie die von Arnold Schwarzenegger dargestellten Terminatoren. Dabei gilt Arnie modernen Kabbalisten selbst als lebender Golem: Von einem jüdischen Bodybuilding-Trainer aus postnazistischem österreichischem Landlehm zum universalen Muskelmann geformt und als weltweit wirkenden Filmikone eingesetzt, ist der Schwarzenegger-Golem entwischt und führt als republikanischer Gouverneur ein ganz und gar nicht gottgefälliges Eigenleben.
Erschienen in .copy 27/Juli/2006
Der Chef aller Märkte, ob Wochenmarkt oder Wallstreet heisst nicht Nasdaq, nicht Nikkei, nicht Dax, Hang Seng oder Dow Jones. Er trägt weder Standlertracht noch Brookerkluft sondern schlicht und einfach gar nichts. Der oberste Marktschreier ist nackt bis über die Augenbrauen. Auf dem Kopf trägt er den Petasos, einen schlappkrempigen Seppelhut aus Filz. Aussergewöhnlich an der Bauernmütze sind allenthalben die Asterixflügel.
Als Häuptling allen Kommerzes ist Merkur, der Götterbote der römischen Mythologie ein ganz und gar weltlicher Jüngling. Der Sohn von Maia Maiestas – der Frühlingsgöttin Fauna – und dem Chef aller Chefs, Jupiter, war zwar nackt und stets in Eile, aber von Berufswegen Gott des Handels, des Profits und des Reisens. Vermutlich brauchte er deswegen Flügel am Hut.
Für einen des Lateinischen kundigen Zeitgenossen der alten Römer war klar, woher Merkur seinen Namen hatte. Von merx, der Ware.
Der Platz, wo solche merces, getauscht wurden, hiess logischerweise mercatus, Markt. Merx, mercatus, Markt und andere indoeuropäische Begriffe für das, was die Orientalen Basar nennen, kommt vermutlich von den Preisschildern auf den Merces, Waren. Die muss man sich in frühen merkantilen Kulturen nicht wie unsere heutigen, mit Strichcodes versehenen Papierkleberchen vorstellen. Die merces, Waren waren merces, weil sie markiert waren. Die Waren waren also etwas markiertes. Güter aller Art, von ihren Produzenten und Händlern mit einer Marke ausgestattet.
In den meisten indoeuropäischen Sprachen klingt nun auch die Wurzel für „Rand“ oder für „Abteilung“ wie „Marke“, „Mark“ nämlich. Das Wort steckt heute noch in den Namen der Randgebiet des ehemaligen römischen Reichs, in der Dänemark, der Mark Brandenburg, der Steiermark und lustigerweise auch in der früheren Währung unserer deutschen Nachbarn. DIe Mark war usprünglich eine im nordeuropäische Handel gebräuchliche Gewichtseinheit gewesen, die ähnlich dem Pfund zu einer Währung wurde.
Weil Mercurius, der Gott des Handelns stets unterwegs war, von Markt zu Markt, wie sich vermuten lässt, stand er auch Pate für alchemistische Konnotationen. So heisst der sonnennächste und schnellste aller Planeten, der in einem Jahr von nur 88 Tagen um unser Zentralgestirn läuft, ebenfalls Merkur.
Nicht genug damit. Quecksilber, jenes silbrigglänzende Metall, nannten die mittelalterlichen Alchemisten wegen seiner Quirligkeit – und vermutlich auch wegen seiner edlen Farbe ebenfalls nach dem Götterboten.
Für Termingeschäfte, Börsenspekulationen, Firmenmerger und Blumenkäufe, für eBay-Deals, Flohmarktbesuche, Supermarktvisiten und sonstige Tauschhändel aller Art sollte sich eigentlich der Mittwoch als günstiger Tag empfehlen.
Bevor wir zu unserem mundanen “MIttwoch” fanden, nannten wir den mittleren Tag der Woche, ähnlich wie beim englischen Wednesday nach Wotan. Altenglisch hiess der handelnde Wüterich woden, woher wodnesdæg also Wednesday kommt. Wotanstag, die germanische Entsprechung des Merkurtages lebt weiter in den romanischen Wochentagen, dem französischen mercredi oder dem italienischen mercoledi.
Allen guten Geschäften zum trotz galt der Mittwoch im Volksglauben als Unglückstag. Er war der Hochzeitstag für stille Hochzeiten (zum Beispiel für gefallene Mädchen). Nach der Lehre der orthodoxen Kirche war der Mittwoch der Tag, an dem Judas Ischariot Jesus Christus verkaufte.
Für die Hutmacherzunft war der oberste Hutträger überhaupt ein todbringender Gesell. Um properes Filz für Hüte herzustellen, arbeiteten die Hutmacher in früheren Zeiten mit Quecksilbersalzen. Über die toxischen Qualitäten von mercurium – Quecksilber wusste man damals noch nicht bescheid. Die Symptome von Quecksilbervergiftungen, unkontrollierte Nervenzuckungen, Zittern und Halluzinationen trugen vergifteten englischen Hutmachern den bösen Spitznamen “mad hatter” ein – verrückte Huterer. Ob Merkurius, der oberste Marktmeister und passionierter Filzhutträger auch unter Visionen und verrückten Zuckungen litt?
Erschienen in .copy 26/2006
Das Wort ist hart wie Stahl, flüchtig wie Nebel. Macht. Es riecht nach Lederfauteuils hinter dicken Polstertüren, nach Managerschweiss unter Armanituch, nach der süssen Würzigkeit echter Cohibas und dem Nussfurnier teurer Limousinen. Sein Klang oszilliert zwischen dem Seufzen einer unterschreibenden Mont-Blanc und dem animalischen Brüllen eines startenden Firmenjets. Macht kann vererbt sein, erkämpft, verteilt oder konzentriert. Sie kann Bürde sein und Droge. Jeder kennt sie. Viele fürchten sie, die meisten hätten sie gerne, und allen ist klar: Macht kommt vom Machen.
Falsch.
Macht kommt von Mögen. Zumindest sprachgeschichtlich. Vom Mögen, dem Möchten, etwas zu tun, ja etwas überhaupt tun zu können. Eine zerbrechliche Angelegenheit, wie wir sehen. Macht ist dem Können und dem Wollen näher als dem Machen, dem Tun. Das deutsche Wort „Macht“ – Vermögen, Herrschaft, Gewalt, Kraft, Stärke – kommt vom althochdeutschen „maht“, das neben den genannten Inhalten auch das Genital des Mannes beschreibt. Das Gemächt, wie man früher sagte. Das Gemächt, dessen Vermögen nur dann sichtbar wird, wenn „Mann kann“.
Macht nichts, wenn das im Englischen ganz anders ist. Macht heisst jenseits der Kreidefelsen von Dover nämlich force, power, might, sway. Pech. Auch might und power kommt vom Können. Letzteres kommt wie vieles jenseits des Ärmelkanals aus dem Altfranzösischen, vom poeir, po(v)oir. Pouvoir ist neben puissance noch heute ein französisches Wort für Macht. Alles zusammen entstammt dem lateinischen potere, fähig sein, können. Potere, von dem unser Wort Potenz kommt, jener, erst von Viagra in Misskredit gebrachte Begriff für die Spannkraft des Mannes.
Wie wir es drehen und wenden, Macht hat mit Männern und den genitalen Aspekten ihrer Virilität mehr zu tun, als es eine aufgeklärte und gleichberechtigte westliche Industrie-Gesellschaft vermuten liesse.
Kommt die Macht vielleicht aus einer anderen Ecke? Kommt Macht vielleicht von Magie? Vom Magier, vom Zaubermanager und rituellen Beschwörer? Der kommt nämlich über das lateinische magus und das griechischen mágos aus dem Persischen und bezeichnet ein Mitglied der medischen Priesterkaste, in der Folge aber auch den Traumdeuter, den Zauberer und Betrüger. Zugrunde liegt ein altpersisches magus, magusch, das den Namen der iranisch-medische Priesterkaste aus dem Stamm der Mager, oder Magier bezeichnet, die bei Herodot und Strabon als zoroastrische Sternkundige, Ärzte, Priester und Gelehrte gelten.
Obwohl es nahe läge: Magus hat nichts mit magis (lateinisch „mehr“) zu tun, aus dem über magister (der, der „Mehr“ ist) unser Meister, der englische Master werden sollte. Mächtige Magier sollen die Heiligen Drei Könige gewesen sein, genauer, „Magoi apo anatolôn“, Magier aus dem Osten, wie es beim Evangelisten Matthäus heisst. Aus Magiern wurden schnell Könige, denn mächtig, so die mittelalerlichen Exegeten, konnten wohl nur Könige sein.
Die deutsche Sprache kennt den Magier vor allem als Zauberer. Seine Bezeichnung hat er von einem Wort, das bei den Germanen noch taubra, taufra geklungen hat und das Schreiben einer magischen – einer mächtigen – Formel bezeichnete. Das Wort kommt vom teafor, dem Rötelstein, der gerieben jenes Rot ergab, mit der die Zauberer die in Stein geritzten Runen ihrer Zauber-Sprüche einfärbten.
Die Mächtigen von heute dürfen wir weniger in den Politikern als in der Kaste der Wirtschaftsmagier, der Manager, CEOs, Aufsichtsräte und Firmenbosse sehen. Sie zaubern an Kursen und Quartalsberichten herum, hexen Firmenmerger herbei und murmeln in stock exchange
parlance, der den ökonomisch Unkundigen wie schwarzmagisches Abrakadabra vorkommen muss.
Für meine Kolumne „metaphysics“ in .copy vom Juni/2006
Erschienen in .copy 25/März/2005
Als ich ins Gymnasium ging, in den Siebziger Jahren, in Wien, war alles noch anders. Analog. Auch wenn das damals niemand so nannte. Alles war analog. Radios hatten eine Röhre, Musik kam von zerkratzen schwarzen Scheiben und mathematische Berechnungen fanden auf einem seltsamen Gerät statt, das sich Rechenschieber nannte. Elektronengehirne, gross wie Einfamilienhäuser, waren zwar schon aus den Science-Fiction-Büchern ausgebüchst und hatten Amerikaner gerade erfolgreich zum Mond und wieder zurück gebracht, aber was ein Computer sein sollte, wusste damals noch niemand. Computergenies beschäftigten sich im Spätnachkriegs-Österreich nicht mit extraterrestrischen Expeditionen, sondern ausschließlich mit „EDV“, elektronischer Datenverarbeitung.
Um uns Schülerinnen und Schülern eine Vorstellung von dieser wundersamen Errungenschaft namens „EDV“ zu geben, brachte unser Mathematikprofessor eines Tages einen Streifen fahlgelben Plastiks mit, den er uns stolz als „Lochkarte“ präsentierte. „Das ist EDV, Schülerinnen und Schüler! Diese kleinen Löcher da. Diese kleinen Löcher, sie sind reine Information! Diese kleinen Löcher. Reine Information. Digitale Information.“ Wow! Information. Digital. Wow!
Aber wie ging das: „Digitale Information“?
Daß „ein“ gestanztes Loch den Wert „Eins“ repräsentierte, leuchtete mir noch halbwegs ein, aber daß „kein“ gestanztes Loch den Wert „Null“ darstellen sollte, blieb mir unerklärlich. Wie konnte etwas dargestellt werden, indem es nicht dargestellt wurde? Es war rätselhaft, aber es war digital. Und es hatte mit unserem Finger zu tun. Man konnte digitale Information mit einem Finger – lateinisch „digis“ – darstellen. Finger hoch: Eins. Finger runter: Null. Digital.
Auch was ein Medium ist, wussten wir. Ein Medium ist die Mitte. Die Mittte zwischen zwei Dingen, ein Träger von Jemandem oder von etwas, ein Mittler. „Medium“ hatte damals einen obskuren Unterton. Finger rauf, Finger runter – geschenkt. Aber Medium klang nach Geisterbeschwörung, nach halbgegrilltem Steak, nach Tabasco für Waschlappen. Das sollte so bleiben. Medium war halbgar und obskur. Kein guter Start für einen Begriff, in dem Fernsehen und Zeitungen Platz haben sollten, und auch noch Filme und Musik, Telefone und Computer und was die Weltraumindustrie noch an Zukünftigen in ihren Schubladen verstecken mochte.
Aus dem obskur-okulten Fingerzeigen und dem ungläubigen Staunen über elektronische Gehirne, die eine grössere Sardinenbüchse bis zum Mond steuern konnten, wurde bald handfester Alltag. Der erste digitale Freund, den wir hatten, hiess TI-30 und war ein goldbraun glänzender Taschenrechner von Texas Instruments, der – niemand nahm es wunder – aus dem Mondfahrerstaat Texas kam. Silicon Valley war da noch eine Pampa.
Kaum war das digitale Rechnen Teil unseres analogen Denkens, kaum war 12:30 dasselbe wie halbeins, schaffte Phillips die Schallplatte ab und ersetzte sie durch Karajans CD. Kaum zu glauben: Auch Jimi Hendrix, gerade noch auf einer zerkratzten Vinyl gehört, fidelte glasklar, ein wenig zu klar von der silbernen Scheibe. Voodoo Chile, Red House, Hey Joe: Alles in Eins und Null. Und so sollte es weiter gehen.
Ein Gerät nach dem anderen wurde digital. Die Telefontastatur, der Anrufbeantworter, das Autoradio, das Videoband, die Heimorgel. Alles eins oder Null, alles Zeigen oder nicht Zeigen, alles Medium. In der Mitte. Zwischen uns und wem anderen.
Und dann kam Apple und Microsoft, Quark-X-Press und Photoshop, die DVD, die Digitalkamera, die elektronische Motoreinspritzung, Lara Croft und Myst, Satelliten-Receiver und der Klingelton, CNN, das Internet und der Download. Die Volldigitalisierung der Welt.
Digitales Medium. Was war das schnell noch mal? Ach ja. Irgendwas in der Mitte, kurz nach der Mondlandung. Ein Zeigefinger und halbgare Gespräche mit Geistern.
Erschienen in .copy 24 i.e. 05/Dezember/2005

Skandinavische Familiennamen enden oft auf die Silbe -son: Anderson, Svenson, Larson, Person. Das stammt aus einer Zeit, als die germanisch-patriarchalische Nomenklatur ein Individuum vor allem als Abkömmling seines Vaters verstand, und Familiennamen, wie wir sie heute kennen, unbekannt waren. Zur Unterscheidung der Söhne (sons) eines Vaters untereinander dienten Spitznamen wie Rotbart, Blauzahn, Hinkebein und neben klassischen germanischen Vornamen sehr oft biblische Namen wie Anders (Andreas), Jakob und Per (Peter). (Mädchen wurden selbstverständlich auch nach ihren Vätern benannt, statt son endeten ihre Namen allerdings auf dotter/dottir (Tochter). Beim Blättern im Telefonbuch von Stockholm wäre es also nicht ungewöhnlich, auf jemanden mit dem Namen Anders Person zu stossen.
Anders Person.
Andersperson.
Was eine Person ist, selbst wenn sie, wie in unserem schwedischen Beispiel, einen – für deutsche Ohren – surrealistischen Namen trägt, wissen wir alle, sind wir ungeachtet unserer ganz individuellen Persönlichkeiten doch alle welche. Personen nämlich.
Woher aber kommt der seltsame Ausdruck? Warum sind wir Personen? Doch nicht, weil wir alle statt von Adam von einem Person, dem Sohn eines Per abstammen?
Tatsächlich ist die Herkunft des Wortes Person nicht vollständig geklärt. Es existieren zwei verschiedene etymologische Theorien. Fest steht, dass unser Begriff im 13. Jahrhundert als persôn, persône aus lat. persona ins Deutsche übernommen wurde. Der Ursprung des lateinischen Begriffes ist jedoch umstritten. Manche Sprachwissenschafter halten den Begriff für eine Entlehnung aus dem griechischem prosôpon, „Maske, Rolle, Mensch“. Einer anderen (und von den meisten Etymologen heute für wahrscheinlicher gehaltenen) Theorie zufolge stammt es jedoch aus dem etruskischen phersu, “Maske”.
Hinter dem Begriff „Person“ steht seit der Antike das tiefenpsychologische Bild, dass Menschen in den meisten Situationen nicht sie selbst sind, sondern sich wie Schauspieler verhalten, die ihre Rolle mehr oder weniger gut spielen. Hört man genau auf das was jemand sagt, also das was seine Maske durchtönt (im laeinischen lässt sich Maske nämlich vom Verb per’son’are = durch’tön’en ableiten), erhält man einen tieferen Einblick in die wirkliche „Person“. Im antiken Theater wurden die Charaktere eines Stücks von Schauspielern mit unterschiedlichen Masken verkörpert. Tragische wie komische Masken hatten einen trichterförmigen Mund, durch den die Stimme “personierte”, im wahrsten Sinne des Wortes durchtönte.
Jede Person wird also von einer hinter der Maske verborgenen Andersperson “personifiziert”.
Noch verwirrender wird die Idee des Persönlichen in totalitären Strukturen. Aus George Orwells Roman 1984 kennen wir den “Neusprech”-Terminus der “Unperson”. Die Unperson bezeichnet jemand, der nicht nur vom Staat getötet, sondern gänzlich ausgelöscht wurde. Orwellsche Unpersonen sind aus Büchern und Archiven gelöscht, es existieren weder Fotos noch Daten. Die Unperson soll, ganz im Einklang mit den Prinzipien des “Doppeldenk” sogar von Freunden und Familienmitgliedern vergessen werden. Realwelt-Unpersonen gab es in der ehemaligen Sowjetunion. Der kommunistische Politiker Leon Trotzki ist das wohl berühmteste Beispiel. Um ihn zu depersonifizieren, wurden der in Ungnade Gefallene nicht nur ermordet und totgeschwiegen, sondern auch aus allen offiziellen Fotos wegretuschiert.
Erschienen in .copy 23 i.e. 04/2005
Arm ist ein hochkomplexes Wort. Das gilt für den Arm, jenen Körperteil, der unser wichtigstes Werkzeug, die Hand trägt gleichermassen wie für “arm” das Gegenteil von “reich”.
Der Arm, jener vielgelenkige Körperteil, der an unseren Schultern ansetzt, ist entwicklungsgeschichtlich ein Cousin unserer Beine und war zur Zeit unserer frühen Vorfahren, der Fische, noch eine schlichte Flosse.
Das Bauprinzip dieser fächerförmigen Ruderwerkzeuge hat sich über all die Jahrmillionen erhalten. Ein einzelner Knorpel- oder Knochenstummel verzweigt sich an einer beweglichen Verdickung in einen Doppelarm, dieser, an der nächsten Verdickung in drei, die wiederum in vier, bis am Ende des Flossenfächers meist fünf Strahlen, unsere heutigen Finger sitzen. Aus den Verdickungen an den Verzweigungen der Strahlen werden im Laufe der Evolution der Flossen zu Gliedmassen Gelenke werden.
Erst das mechanische Prinzip der Überkreuzung von Elle und Speiche (analoges gilt für die hinteren Gliedmassen) hat den frühen amphibischen Landbewohner eine Bewegung an Land ermöglicht. Mit starren Gliedmassen ohne Aufspaltung in doppelknochige Unterarme und -beine und in vielstrahlige Finger hätten unseren Vorfahren den Landgang nicht auf die Reihe bekommen. Kein Landgang, keine Evolution der Landwirbeltiere, keine Entwicklung von Säugetieren.
Kein Arm, kein Landgang, kein Arm, keine Menschheit.
Die Gliedmasse, die unsere Hände hervorbringt, kommt von einer indoeuropäischen Verbalwurzel “are”, soviel wie “fügen” und bedeutet Gelenk oder Körperteil mit Gelenk. Der Arm (lat. humerus) hat aber auch martialische Bedeutung. Aus der gleichen Wurzel wie Arm kommt das lateinische arma, die Waffe. Eine Menge Arme kann eine Menge arma tragen und eine Armee bilden. Mit einer gut organisierten Armee lassen sich – männliche Kriegslust vorausgesetzt – Eroberungsfeldzüge organisieren, die – männliches Logistiktalent vorausgesetzt – in einem Reich münden. Einem Imperium – einem “Anschaff-Reich”. Einem – im wahrsten Sinne des Wortes – weit über jeden Arm reichenden Machtgebilde.
Und da wären wir über den kleinen martialischen Ausflug mit dem Reich schon bei arm. Das Gegenteil von reich sein ist nämlich das arm sein.
Arm, das Gegenteil von reich, von mächtig, kommt aus jener sprachlichen Wurzel aus der auch die Worte “Erbe” und “Arbeit” kommen. Arm zu sein und der Zwang zu arbeiten scheinen im Verständnis unserer Ahnen zusammengehört zu haben. Und dass sich dieser Zustand der arbeitsamen Armut von Generation zu Generation “vererbte”.
Arm und reich scheinen also nicht nur Gegensätze zu sein, sondern einander auf vielfach Weise zu bedingen. Kein Reich ohne Armee. Keine Armee ohne Arme, keine Arme ohne Armut, keine Armut ohne Reichtum, kein Reichtum ohne Reich. Die Kette dieser Assoziationen liesse sich noch vielfältig anders knüpfen. Und alles nur, weil die Natur jenen amphibischen Quastenflossern, die als erste ihre feuchten Fischleiber mit gelenkigen Paddeln an Land stemmten einen kleinen Vorteil gegenüber Kollegen gewährte, deren Flossen zu kurz waren, um als frühe Arme und Beine Verwendung zu finden.
Erschienen in .copy 22 i.e. 03/2005

Gesundheit wird allgemein definiert als die Abwesenheit von Krankheit. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert sie als Zustand vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Auch gutes Wetter dürfte dem Wohlbefinden nicht untunlich sein. So schön sie ist, die Definition der WHO krankt hinter der schönen Fassade. Das Fehlen physischer, psychischer und sozialer Obstakel stellt einen, mit den bescheidenen Mitteln des Diesseits kaum erreichbaren Idealzustand dar. Eher müssen wir davon ausgehen, dass kein Mensch wirklich gesund ist und daher das extrem hehre Ziel der WHO („Gesundheit für alle“) alle Anzeichen einer Illusion haben dürfte.
Für uns Einzelne, von der WHO Besorgte wird das Phänomen „Gesundheit“ erst bei Krankheit oder mit zunehmenden Alter spürbar. Oder richtiger gesagt: Nicht mehr spürbar. Dem Wiederherstellen oder zumindest Annähern des Idealzustand „Gesundheit“ widmet sich seit der Steinzeit (und vermutlich seit Anbeginn der Menschheit) eine ganze Industrie. Heute wird in den hochindustrialisierten Gesellschaften des Westens jeder zehnte Euro für Gesundheit, beziehungsweise für die Massnahmen ausgegeben, die ihr Fehlen nach sich ziehen.
Die Förderung und Erhaltung der Gesundheit erfordert geringe finanzielle Mittel. Teuer und in unserer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Welt vorherrschend ist dagegen ist die kurative Medizin, der Versuch also, Gesundheit wiederherzustellen. In der Antike war das genau umgekert. Wer es sich leisten konnte, gab Unsummen dafür aus, eben nicht krank zu werden. (Wer es sich nicht leisten konnte, ging zumindest in die Therme.) Ging die Gesundheit trotz ärztlicher Kunst dennoch verloren, war auch ein hochbezahlter Arzt seinen Job los.
Was und wie gesund ist, und wie es sich anfühlt, dürfte den meisten von uns bekannt sein. Woher aber kommt das Wort selbst?
Eine seltsame Koinzidenz findet sich beim Stochern in den etymologischen Wurzeln des Wortes „Gesund“. Es kommt von einem indoeuropäischen „sunto“, „suento“ und bedeutet schlicht „gesund sein“, „rüstig sein“. Ausgerechnet dieses Wort, dessen Bedeutung positiver nicht sein könnte, klingt verdammt ähnlich, wenn nicht gleich wie das Wort „Sünde“, im althochdeutschen noch „sunta“ ausgesprochen.
Wenn zwei Worte gleich klingen, liegt der Verdacht nahe, dass sie ein und dasselbe bezeichnen. Die Frage ist nun, ob einst die Gesundheit sündig war, oder die Sünde gesund. Die Antwort ist so umoralisch wie wahr: Beides. Graben wir bei der „Sünde“ noch tiefer im etymologischen Myzel, als eben noch bei der „Gesundheit“ stossen wir auf das altinidsche „sánt“, das soviel bedeutet wie „wahr“, „gut“, „seiend“. Seiend. Ob wir gut sind, darüber lässt sich streiten, wahr sind wir, je nach philosophischer Betrachtungsrichtung schon eher, „Seiend“ sind wir fast sicher. Über viele Bedeutungsumwege hat sich das Seiende, das Sunde zum Getanen, zur Tat gewandelt. Von der Tat zur strafwürdigen Tat und von der zur Schuld waren es dann nur mehr kleine Schritte in Richtung „sunta“, Sünde, jenem germanischen Rechtsausdruck, den die Kirchensprache zur Übersetzung des lateinischen „pecccatum“ – Vergehen verwenden sollte.
Auf abenteuerliche Weise, wurde also das indoeuropäische Sein, das Gesundsein während der langen Reise Richtung Westen zum Sündigen, ohne dass sich jemand über diese Entführung je grössere Sorgen als die über einen eingerissenen Nagel gemacht haben dürfte.
Offizielle Seite der WHO, der World Health Organisation
Karl Hörmann über die Sünde im „Lexikon der christlichen Moral“
Artikel über Sünde auf „Schwarzes Netz“
Wikipedia-Artikel über Krankheit
Gesundheitsportal Lifeline
Das ultimative Nachschlagewerk Pschyrembel