Beim Lesen von Susan Sontags „On Women“, Penguin Books 2023 sammelt sich in mir die Erkenntnis:
Vorworte aller Art und Autorinnenschaft sollten NACH dem Text gelesen werden. Sie wurden schließlich auch NACH dem Text verfasst.
AMD, 16. Mai 2026.
Andrea Maria Dusl – Das Bureau
Diskursmanufaktur
Beim Lesen von Susan Sontags „On Women“, Penguin Books 2023 sammelt sich in mir die Erkenntnis:
Vorworte aller Art und Autorinnenschaft sollten NACH dem Text gelesen werden. Sie wurden schließlich auch NACH dem Text verfasst.
AMD, 16. Mai 2026.
Comandantina. Unterwegs mit der Sektion8/Alsergrund. 1. Mai 2026.
Aus gegebenem Anlass!
Fall jemand fragt (die Staatspolizei hat es gewiss in einem Akt). Ich war bei der ersten großen Opernball-Demo dabei. Wer sich erinnert: Es ging um die Teilnahme des bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß. Nicht um die Walzerklänge des Namensoheims. Bei der Arena-Besetzung war ich auch dabei. Ich habe gegen Zwentendorf gestimmt, saß im Burggarten, weinend, und habe Hainburg verteidigt. Ohne Zelt, im Freien. Ich war sogar verhaftet worden. Spalo und Ägidi habe ich ausgelassen, weil mir die Punks zu bürgerlich waren. Ich habe mit Christian Rainer und Doron Rabinovici das riesige Heldenplatz-Transparent gemalt. In der Arena natürlich. Beim Lichtermeer war ich. Bei den Donnerstags-Demos natürlich auch. Jedesmal. Jeden Donnerstag. Und jeden 1. Mai gehe ich von draußen zum Rathaus. Mit meiner Fahne. Sie ist groß und rot, „Comandantina“ steht drauf.
Andrea, Gardino del Palazzo Venier dei Leoni, Venezia, 1980.
Avoidant discard.
It happened again.
How I hate this.
Lisa Sophie Steiner, die den spannenden Podcast AgehWIRKLICH betreibt, ist mit mir spazierreden gegangen. Enjoy!
„Kann Österreich Kolumne?“ Manfred Rebhandl interviewt Andrea Maria Dusl. Der Standard ALBUM, pag. A3, 6. September 2025:
Aus meinen Erinnerungen.
Ich war erst im zweiten Jahr meines Bühnenbildstudiums an der Akademie und schon ging es los. Ein Telefonat erreichte die Meisterklasse, jemand wurde gesucht für eine großartige Sache. Gleich drüben, in den heiligen Räumen der Zauberflöte. Im Theater an der Wien. Das war an sich schon großartig. Dass die einen die anderen anriefen. Wir senden die Beste, sagte der Meisterschulleiter. Die Beste? Man zeigte auf mich. Ich konnte es nicht glauben. Ich war die Beste? Wie großartig!
Ich wurde also Assistentin. Assistentin. In einem Musical! Assistentin im Musical CATS! Wie stolz war ich, wie stolz meine Eltern, denen ich davor nur Kummer gemacht hatte, die ganze Schulzeit hindurch. Das Salär war bescheiden, aber es war mein Salär und es war mein erstes. Ich baute ein Modell, so fing meine Arbeit an, minutiös, riesengroß, es sollte jahrelang das Foyer zieren. Das Modell diente dem Bühnenbau als Anschauung, dann der Regie und der Choreographie.
Alles war großartig an diesem Engagement. Das Theater an der Wien, die Londoner Produktion, die Genauigkeit der Bühnenpläne, die Korrepetition, die Tänzerinnen (Ute Lemper, alert wie ein junges Reh!). Die Musik war noch nicht mein Ding. Kam ich doch von Zappa, von Zeppelin und Zawinul. In 87 Bühnenproben aber griff das Stockholmsyndrom nach mir, und aus Dopamin, Koffein und Müdigkeit baute sich Resilienz auf in meinem funky Gehirn. Es begann mir zu gefallen, was Andrew Lloyd-Webber da zusammengeklimpert hatte. 87mal hatte ich CATS gesehen, oder 92mal? Das war bis dahin Weltrekord. Und großartig schon in sportlicher Hinsicht. Wenn sich irgendwo eine Plastikflasche aus den Bühnenbild löste, oder ein Autoreifen verrutschte, ich war zur Stelle, wußte wo der Kanister X eingebaut war, wo die eine Zeitungsseite Y angeklebt. Und wenn jemand von den anderen nicht da war, wußte ich, wo Ute Lemper stehen sollte, wohin Rum Tum Tugger stolzierte, nach dem Sprung vom Autowrack, wie die eine vergessene Songzeile ging. Ich war CATS. Durch und durch. Und ich war unendlich stolz, schon so früh im Showbiz zu sein. Eine Assistentin nur, aber mitten im Geschehen, am Theater, im Welterfolg. Ich war Teil eines Teams. Des Teams.
Einen Tag vor der Premiere lud der Direktor und Regisseur der ganzen Sache in sein Büro, mit mürrisch-strengem Blick war er während der Proben am Regiepult gesessen, sinnierend wie ein Altgraf, wissend wie Isaac Newton, beobachtungsfrisch wie ein Seeadler: Peter Weck, Peter der Große, anerkannt und altbekannt aus tausenden Klamaukfilmen und knietiefen Komödienhits. Und nun lud der Direktor das Team in sein Büro. 23 Menschen aus dem Team. Es sollte angestoßen werden. Im Büro des Direktors. Am Tag vor der Premiere, in einem Get-together-toi-toi-toi. Langsam quetschte sich die Traube des Teams in Weckens Büro: Garderobieren, Katzenpelzfriseure, die Maske, der Bühnenbau, Bühnenarbeiter, Requisiteure, Regieassis, Souffleusen, Inspizienten, Dramaturgen, der Autor des Programmhefts. Das Team. Und ich. Aus Höflichkeit drängte ich nicht nach vorne, war also die letzte, die ins Büro des Direktors trat. Ich sah hinter mich. Niemand war draußen geblieben, alle waren wir hier. Wir. Das ganze Team. Drinnen. Im Büro des Direktors.
Der Direktor wackelte altfrisch, aber schon weißhaarig zu seinem enormen Tisch, ließ sich in den gepolsterten Chefsessel fallen. Freudige Stille griff nach dem Raum. Peter Weck musterte die Anwesenheit mit launigem Grandseigneurblinzeln. Dann sah er mich an, ganz Seeadler, und sprach mit Altgrafenstimme: „Ohne Assistenten.“ Er meinte mich. Seine Hand machte dazu diese Geste des Wegwischens, Hinauswischens, wie man Domestiken aus dem Raum komplimentiert. Tausendemale hatte er das geübt, wenn er einen Direktor spielte, einen König, einen Potentaten. Peter Weck.
Nennen wir die Sache beim Namen. Die Mogelpackung „künstliche Intelligenz“ produziert aufgeplusterten, aber weitgehend faktenverzerrenden Informationskitsch. Die geistige Mittelklasse liebt das neue Spielzeug.
Andrea Maria Dusl, 8. August 2025
Die Trottel des Planeten kaschieren ihre Defizite mit KI. Und sind noch stolz darauf. Mit billiger Häme verspotten sie alle, die selber denken, selber schreiben, Eigenes von sich geben.
Andrea Maria Dusl, 4. August 2025
Tickets gibt es hier: https://www.wienmuseum.at/event/2010
So, Schluss mit lustig. Schluss mit der amerikanischen Ignoranz. Die Italiener haben es schon vorgemacht. Sie verbitten sich die falsche Aussprache ihrer Landesheiligtümer. Etwa Sbagäähdi zu sagen oder Braschedda, Braschuhddou und Mahdsarälla. Und: Brahssägou.
Bei Familien- und Vornamen, dem Heiligste überhaupt, das ein Mensch besitzt, gehen sie noch ungelenker und provinzieller um. Ich will von denen nicht Dahsl genannt werden und Ähndra. Immer mit diesem kehligen Vernuscheln. Halt! Aus! Auch Kchrischdschan Sdagga geht nicht, und Ändras Bäiblar nicht, und Bijadäi Miendw-Riessindscha. Aber gut, sollen sie.
Ich schlage vor, wie im Zollstreit mit gleicher Münze zu bezahlen. US-amerikanische Namen nach hiesigen Lautgesetzen auszusprechen. Geht ganz leicht. Ählonnmusck, Dohnaltrump, Jehdehwanze.
Kaseklosett.
Durchsage. Liebe Kunsteinpfleger und Kunsteinpflegerinnen in all euren Kunsteinrichtungen und Museen, Feuilletons und Wochenendbeilagen. Das sitzt ihr und verwaltet Kunst, und das ist gut und mächtig und all das, was euch daran Spass macht. Und dann denkt ihr, in euren Kunsteinpflegebüros und Kuratoriensälen, Kunst muss gefallen und vor allem: Kunst muss euch gefallen. Oh nein, das muss sie nicht. Sie muss nur kommen. Zu euch, Kunsteinpfleger und Kunsteinpflegerinnen, kommen von den Künstlerinnen und Künstlerinnen. Die geben euch die Kunst und sagen, stellt das aus, rückt das ein, bringt das. Es muss euch garnicht gefallen. Es muss nur zu euch kommen. Und es kommt. Aber, da könnte ja jeder kommen, sagt ihr dann, voller Beurteilungsangst. Stimmt. Es sollte auch jeder kommen. Aber ich sage euch mit ernster Stimme: Habt keine Angst, Kunsteinpfleger und Kunsteinpflegerinnen, es kommen nicht alle. Denn alle, die kommen, sind die Künstlerinnen und Künstler. Mit ihrer Kunst. Wenn ihr die nicht bringt, nicht ausstellt, nicht einrückt, bringt das nur euch etwas, dann stellt ihr nur euch aus. Und ihr seid eines nicht: Künstlerinnen und Künstler. Seid also demütig und dienstbar und offen.
Anschließendes zum Song-Contest. Die nationalstaatliche Zuordnung von Vortragskunst wäre grotesk, die alleinige Idee eines Wettkampfes von Kunstdarbietungen gaga. Es geht aber gar nicht um Kunst und Kampf, sondern um schlichte Unterhaltung. Der ESC ist eine Nummernrevue in Form einer gesungenen Modeschau. Ein bunter Reigen Horror.
Früher dachten wir: Das Gewitter bringt die Kühle. Indes: Es ist umgekehrt, die Kühle bringt das Gewitter. So ist es auch mit der Revolution. Nicht diese bringt das Systemende. Sondern das Systemende die Revolution. Warten wir also auf das amerikanische Gewitter.
Andrea Maria Dusl, 3. Mai 2025