G’schichtn aus Ramasurien

Am 25. Mai 2024 war ich bei der Autorin und Malerin Rosemarie Philomena Sebek und ihrer Enkelin, der Musikerin und Songwriterin Anna Timmler in Wien Favoriten zu Gast. Wir plauderten für die Folge 38 ihres Podcasts „G’schichtn aus Ramasurien – Über Mundart und Sprachmelodie“. Der Podcast ging am 12. Juli 2024 online und ist hier nachzuhören:
https://podcasts.apple.com/at/podcast/folge-38-%C3%BCber-mundart-und-sprachmelodie/id1620217934?i=1000661951377

Andrea Maria Dusl [AMD]: Früher hat man bei Popkonzerten, hat man gesagt, auf Wienerisch „Aans, zwaa, drää, Mikrocheck“. Die haben gesagt, in den 70er Jahren bei den Rock-Konzerten, wo ich auch war, „hallo hallo hallo, tak tak tak tak“.

Rosemarie Philomena Sebek [Philomena]: Ja, „tak tak tak tak“.

Anna Timmler [Anna]: Na gut, dann sag ich einmal: Hallo Oma und hallo Andrea, wir haben nämlich heute einen Gast bei uns.

Philomena: Einen ganz besonderen Gast, die Andrea Maria Dusl.

Anna: Vielleicht magst du dich einmal kurz vorstellen, wer du bist, was du so machst und ja.

AMD: Ja, also erstmal vielen Dank, dass ich überhaupt hier sein darf und ihr mich eingeladen habt in den schönen, ist es der Wienerberg oder es ist, jedenfalls im Zehnten?

Philomena: Das ist Favoriten.

AMD: Es ist im schönen Favoriten, im zehnten Hieb und wir sind hier auf einem Berg oben und es ist herrlich und man sieht über die Stadt, wenn man aber hinaussieht, dann wendet man sich vom Mikrofon ab und muss wieder an den Tisch schauen, um das hörbar zu machen. Ja, wer bin ich, das weiß ich manchmal selber nicht, aber was ich mache, ich mache sehr viel. Man könnte es zusammenfassen, ich versuche die Welt zu verstehen und bei diesem Verstehensversuch andere mitzunehmen, darüber zu schreiben, das zu zeichnen, oder sonst wie vielleicht auch musikalisch, wobei das Wort musikalisch klingt so ein bisschen abgenudelt. Also Musik ist mir wichtig, und das Erzählen in welcher Form auch immer. So könnte man das beschreiben. Und was auch immer dann beruflich daraus sich ergibt, findet statt.

Philomena: Das ist sehr schön, was du jetzt gesagt hast, auch übers Erzählen. Da fällt mir ein der Ausdruck Mundart – ein anderer Ausdruck für Dialekt ist das. Aber Mundart löst bei mir aus, mit dem Mund, mit dem Sprechen, Kunst zu erzeugen, und Sprechen kann Kunst sein. Und daher auch die Sprachmelodie, die Sprachmusik, weil letztendlich ist alles Musik, weil alles Schwingung ist. Da hast du mich jetzt herausgefordert, das hinzuzugehen.

AMD: Wobei ich dich gerne wieder hereinfordere. Und ich muss zur Mundart gleich was bekennen. Ich bin Migrantin. Ich komme aus einer Migrantenfamilie. Ich bin zwar eine Wienerin, aber keine, und auch hier geboren. Aber meine Eltern sind von woanders. Ich bin sogar zweisprachig – eigentlich bin ich einsprachig aufgewachsen, aber musste Deutsch als Fremdsprache lernen. Und Wienerisch ist für mich auch eine Fremdsprache.

Anna: Für mich auch.

AMD: Das macht aber gar nichts. Man kann Fremdsprachen so erlernen als besser als die, die es in die Wiege gelegt bekommen. Weil die Leute dann aus der Mundart sagen, „na wer bist denn du? Ti ti ti ti.“ Und da hab ich gelernt beim Lukas und bei den Resetarits-Brüdern, wieso kennts ihr so gut Wienerisch, hab ich sie gefragt. Weil wir das lernen haben müssen, sonst hätten wir gleich Fotzen abgehaselt. Und das war wichtig, dass man richtig reden kann. Haben sie das gelernt als Fremdsprache? Und da bin ich draufgekommen, dass es mir auch so ergangen ist. Zwar jetzt nicht so, die sind auch in Favoriten aufgewachsen. Nicht nur in Stinatz und in Floridsdorf, sondern auch in Favoriten. Und richtig sprechen zu können, ist immer schon eine Art Überlebensstrategie gewesen. Im richtigen Augenblick das Richtige zu sagen.

Philomena: In der richtigen Sprache, die verstanden wird.

Anna: Ja, oder in der richtigen Art, wenn man die Sprache nicht ganz zusammenbringt. Das heißt, alles, was wir miteinander machen, ist Sprache. Wir können gar nichts anderes. Auch Bildsprache, Literatur, was weiß ich.

Philomena: Kommunikation, ja.

AMD: Es gibt nichts anderes. Und wenn man allein ist zu Hause, dann redet man mit sich selbst. Ich spreche auch zu Hause mit mir selbst.

Anna: Ich spreche auch zu Hause, aber nicht mit mir selbst, sondern mit meinem Kater.

AMD: Aha, gut, das geht auch. Aber man kann sich auch selber Witze erzählen.

Philomena: Ja, ich lache sehr viel, wenn ich allein bin. Ich lache pausenlos über mich, weil ich so viel Blödsinn mache. Und das ist lustig, ich ärgere mich nicht darüber.

AMD: Wir haben ja vorhin in dem, wie sagt man, Lockermachen-Gespräch, wir waren schon locker vorher, aber wir haben so ein bisschen gesprochen beim Frühstück – eigentlich war es ein Brunch, aber in Wien bruncht niemand, außer die Gstopften, da fällt mir das schwarze Kameel ein, da bruncht man wahrscheinlich um 11 und trinkt ein Prosecco und ein Jour-Gebäck und redet vernünftige Sachen. Aber gut, wir haben uns locker gemacht und da haben wir gesprochen über Blödheiten und so und dann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass natürlich alle blöd sind. Die Erfahrung der Blödheit ist universell, so könnte man es sagen. Niemand ist ausgeschlossen. Und man kann sich dem stellen, man kann von dem mitgenommen werden und man kann einfach die eigene Blödheit als eine Konstante annehmen. Das macht einen vielleicht sogar gütig. Es gelingt aber nicht immer, weil andere können das besser, das Blödsein.

Philomena: Na ja, aber wenn man sich selbst dazu bekennt, im Zuge des Prozesses der Selbsterkenntnis, kommt man irgendwann einmal zu diesem Punkt. Wünschenswert ist es zumindest. Eine meiner Töchter sagt dann immer zu mir, du kannst jetzt sagen, was du willst. Du kannst auch deine Meinung ändern, wie du willst. Denn du hast den Weishaar-Bonus. Ab einem gewissen Alter ist das alles offiziell möglich.

AMD: Ja, und dann haben wir auch darüber gesprochen, dass man natürlich immer ein Kind bleibt. Und das ist sogar, ja wie soll ich das sagen? Es ist in Vergessenheit geraten, weil es so ein unglaublicher Fetisch ist, erwachsen zu sein. Also ein richtiger Fetisch, an dem sich alle ergötzen und in dem sich alle verlieren. Die Kinder sind von Anfang an sehr klug und sehr neugierig und möchten alles verstehen und sind kritisch. Also die Verdammung des Kindseins, ja, das ist leider schon in der Gesellschaft angekommen, aber um Kunst zu machen, muss man wieder in dieses ursprüngliche Format zurückkehren.

Philomena: In das Staunen.

Anna: Da fällt mir ein, als ich ein Kind war, ist bei mir jetzt vielleicht noch nicht ganz so lange her, da wollte ich immer erwachsen sein, erwachsen sein, dann ist das Leben leichter. Jetzt bin ich erwachsen, jetzt denke ich mir, Kind sein, das wäre schon schön, vor allem jetzt, wo ich meinen Neffen sehr oft sehe. Und da habe ich letztens ein Foto gemacht, und der steht da und das war so lebensbejahend und wunderschön, dieses Kind, das hat mich so motiviert, dass ich gesagt habe, das war für mich damals, wenn ich jetzt so dran denke, die glücklichste Zeit, Unbeschwertheit, einfach lernen, Leben genießen, alles ist schön.

Philomena: Das Leben ist schön, ja.

Anna: Und das hat mich total positiv wieder in das zurückgeworfen ist. Auch jetzt kann das Leben schön sein. Nicht nur damals als Kind, sondern eben jetzt auch als Erwachsener. Vor allem mit meinem Neffen, der zeigt mir das immer wieder.

AMD: Ich muss dich dann auch ermahnen, dass du dich erinnerst dran, wie gut es immer ist. Nicht, wie gut es einmal war, die gute alte Zeit.

Anna: Das hört man immer früher, aber es ist besser.

AMD: Ja, und man vergisst die furchtbaren Sachen, die man erlebt hat. Sogar die furchtbaren Sachen, die einen wirklich bedroht haben, werden romantisiert, in eine anekdotenhafte Schönheit gestellt. Und, ja, ich muss gestehen, es gibt Furchtbarkeiten, die niemand romantisiert. Wenn es um Leben und Tod geht und um Vernichtung, das ist nicht mehr romantisch. Aber diese Pimperlprobleme, die wir, wenn wir es gut gehabt haben, als schlecht in Erinnerung kamen, die werden dann, „mein Gott, wir haben noch Ravioli auf einem verkehrten Bügeleisen heiß gemacht. So haben wir gekocht.“ Ja, als man das gemacht hat, war es nicht so lustig. Mim verkehrten Bügeleisen.

Anna: Ich finde, das klingt schon sehr lustig.

AMD: Es klingt lustig. Ravioli ist die Speise der sehr, sehr armen Künstlerinnen gewesen. Eine Dose Ravioli am Tag oder in der Woche. Man hat nicht verhungert. Man ist nicht verhungert. Ich kann die deutsche Sprache nicht wirklich gut. Ist man verhungert oder hat man verhungert? Man hat sich vielleicht verhungert.

Philomena: Man hat sich verhungert und man ist verhungert. Ja, man ist, aber das darf man dann… Man ist verhungert. Dieses ist darf man nicht mit scharfem S schreiben.

AMD: Man darf überhaupt das scharfe S nur sehr vorsichtig benutzen. Dort, wo man darf und es verändert sich immer. Ich habe eine Zeit lang nur Doppel-S verwendet, damit ich ja keinen Fehler mache. Und sofort sind die Sprachpolizisten gekommen und haben mich verhaften wollen. Du weißt aber schon, dass dort ein scharfes S hingehört. Und dann war ich beschämt und habe gesagt, ja, ich weiß natürlich, aber ich habe es absichtlich falsch gemacht.

Philomena: Diese seltsamen Rechtschreibänderungen, die um die Jahrtausendwende waren, die glaube ich nicht, das hat mir dann auch große Schwierigkeiten gemacht. Weil ich war vorher ja Lektorin. Ich musste korrigieren und Beistrichregeln und scharfe S und Doppel S und das alles genau wissen und Groß- und Kleinschreibung. Und auf einmal hat sich so viel geändert. Und diese Prägung von vorher loszuwerden, ja, ich muss es ja nicht mehr.

Anna: Da muss ich aber was dazu sagen, weil ich mache ja Musik und wenn ich etwas veröffentliche, brauche ich Presse-Texte. Und wenn ich diese Presse-Texte fertig habe, schicke ich sie immer sofort an die Oma. Und sie sagt, bitte liebe Oma, kannst du kontrollieren? Und dann tut sie mir immer die Beistriche ausbessern. Und ich glaube, die werden sicher immer gleich bleiben, die Beistriche, wie sie schon damals waren. Aber da bin ich so froh, dass ich die Oma habe, weil sonst, glaube ich, wäre das ein bisschen peinlich, meine Texte.

Philomena: Ach so, tragisch ist es auch nicht. Nein, passt schon.

AMD: Das ist wirklich ein Problem in der modernen Publizistik. Früher hat man ja einen Presse-Text zwar geschrieben, aber da konnte man nicht ins Internet stellen, da hat es kein Internet gegeben. Nichts. Das hat dann jemand bekommen und das wurde lektoriert, immer. Das ist ein großer Luxus, und der verliert sich langsam. Aber ich glaube, es macht nichts. Dann schreibt man halt irgendwas. Früher hat man sich auch, Goethe hat geschrieben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Texte, die in Originalausgaben [vorliegen], da sind nicht die richtigen Beistrichsetzungen erfolgt. Das würde man heute sagen, Herr Goethe. Dann hätte er gesagt, Geheimrat bitte, so viel Zeit muss sein. Also Herr Goethe, da müssen wir noch drüberfahren, mit dem Korrekturstift. Na gut, bittesehr.

Anna: Wenn wir gerade drüber sprechen, du hast nämlich ein Buch mitgebracht. Vielleicht wollen wir das kurz ansprechen. Wien für Alphabeten. Wunderwelt von A bis Z. Magst du da vielleicht ein bisschen was drüber erzählen?

Philomena: Entschuldige, lustig. Alpha und Beten.

AMD: Ja, das ist nicht zufällig.

Philomena: Die das Alpha beten. Bitte erzähl uns etwas darüber.

AMD: Ich fange mal mit dem Schlimmsten an. Das Buch wurde gedruckt und geschrieben. Zuerst wurde es geschrieben und ausgedacht. Von mir gezeichnet und lektoriert und gedruckt. Und dann ist es nicht erschienen. Weil der Verlag eingegangen ist. Wir sprechen über etwas, was sich niemand kaufen kann. Das macht aber nichts. Ich verteile es trotzdem. Es ist im Metro-Verlag „nicht“ erschienen. Die haben es aber gemacht. Die Details kenne ich selber nicht. Aber das Buch handelt eigentlich von mir. Alle Bücher handeln von mir. Wie überhaupt alle Bücher von den Autorinnen immer handeln. Egal was.

Philomena: Entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Alles, was jemand schreibt, ein Autor, es ist alles autobiografisch. Auch wenn es am Fantastischsten daherkommt. Es ist autobiografisch.

AMD: Man entleuchtet sich.

Anna: Das kann ich bei der Musik auch sagen.

AMD: Man kann auch nichts erfinden. Man kann es nur anders erzählen. Und alles, was man erzählen kann, ist, was man erlebt hat, was man nicht erlebt hat. Egal, und wenn man von einer Mars-Kolonie erzählt, im 37.000. Jahrtausend, es ist immer eine Erzählung vom eigenen Ich und was das Ich sich gerade gedacht hat beim Schreiben. Dann schreibt man das um. Dann kommt es dazu, was man in diesem Moment sich denkt.

Schreiben ist immer eine Ich-Offenbarung. Ich wollte ein Lexikon. Das prägende Buch meiner Kindheit hat geheißen Die Kinderwelt von A bis Z. Das war ein Lexikon für Kinder mit Zeichnungen. Da haben sie so betulich erklärt, wie die Welt funktioniert, sodass Kinder das verstehen. Die Kinder, so wie ich, haben natürlich die Lexika der Eltern auch gelesen und haben sich gedacht, na gut, sie versuchen es uns so zu erzählen, weil sie halt lieb sind und glauben, wir sind Trotteln. Und dann schreiben sie das für Kinder, das Kinderbuch. Wir sind ja ununterbrochen von Erwachsenen umgeben und nicht von Kindern. Man kann uns auch alles zutrauen. Wir wissen auch, was die Eltern machen im Ehezimmer. Wir turnen herum aufeinander. Aber gut. Und da dachte ich mir, so was könnte man über Wien schreiben. Man könnte über Wien, ich will jetzt nicht sagen ein Kinderbuch, aber ein Buch der Genauigkeit, ein Lexikon über Wien und wienerische Befindlichkeiten in einer für mich notwendigen Genauigkeit.

Philomena: Das wären viele Bände, das wäre sehr umfangreich.

AMD: Die Phantasie hätte das eh angestrebt, einen großen Umfang, aber der Herr Verlagspräsident hat gesagt, ja, nein, wir haben da, da gibt’s immer so magische Zahlen, wie viel ein Buch, wie dick ein Buch sein darf, bevor es überhaupt gemacht wird, wissen Sie immer, wie dick das Buch ist und welchen Umfang. Und kannst du uns schon eine Inhaltsangabe oder für den Pressetext schon was schreiben? Dann schreibt man was und das ist natürlich erfunden. Dann ist es eine ganz seltsame Welt geworden oder vielleicht war die immer schon so.

Philomena: Nein, sie war nicht immer so. Ich habe in den 60er Jahren in einem Verlag oder in den 70er Jahren in einem Verlag gearbeitet.

AMD: Und das war anders?

Philomena: Ganz ganz anders.

AMD: Dann ist das, wie man auf Wienerisch sagt, eingerissen. Und das ist so weit fortgerissen, dass es inzwischen gar nicht mehr erscheinen muss. Das Buch, wichtig ist, dass es geschrieben wurde. Aber die anderen Bücher sind erschienen. Und ich wollte einfach eine… Ich wollte Wien für die, die es… Der Qualtinger hat das so gesagt. „Helmut Qualtinger, wer ihn kennt“, sagte der Resetarits, wenn er einen Namen hervorgerufen hat, der Willi hat immer gesagt, „Helmut Qualtinger, wer ihn kennt.“ Also Helmut Qualtinger hat gesagt „Österreich ist das Labyrinth, in dem sich alle auskennen.“

Philomena: Sehr gut, das ist ein toller Ausdruck.

AMD: Es kann auch sein, dass es nicht von ihm ist, es ist aber völlig egal. Es wird ihm zugeschrieben. Und in Wien kennen sich natürlich die Leute noch besser aus in diesem Labyrinth. Also kann man etwas schreiben für die Leute, die Labyrinth-Wissenschaftler sind, nämlich alle Wienerinnen und Wiener sind Wissenschaftlerinnen des Wienerischen. Und zwar ununterbrochen. Ja. Es gibt kein Entkommen. Und denen kann man das erzählen, was sie eh schon wissen. Das ist die Aufgabe dieses Buches gewesen. Und das hat große Freude gemacht. Weniger Freude hat es gemacht, als es nicht erschienen ist. Also es klingt jetzt so, als ob mich das bedrückt. Und ich das nur mit einem Lächeln überspiel. Ja, man kann auch tragische Sachen lustig finden. Oder es ist ja nicht so tragisch. Was ist denn das im Vergleich zum Weltfrieden, dass irgendetwas momentan nicht in der Buchhandlung steht? Das ist doch ein Luxusproblem, oder?

Philomena: Wichtig ist eigentlich, dass man es geschrieben, oder dass du es geschrieben hast. Es ist, ich sag dann immer, also die ersten Materialisierungsprozesse, es kommt die Idee, dann kann sich in einem Gedanken materialisieren, dann in der Sprache, dann in der Schrift. Und der nächste Materialisierungsprozess ist das Buch. Und dann bedarf es der Menschen, die das lesen und etwas anfangen können damit. Aber das mit dem Verlagswesen, das ist schon sehr bergab gegangen. Und es geht nur mehr ums Geld und um die Schickeria, weil die bringt Geld.

AMD: Gibt’s eine Schickeria noch?

Philomena: Ich glaube, ich weiß es nicht. Na ja…

AMD: Sind die nicht schon alle … ?

Philomena: Da gibts ja die Wichtelhuber. Die Wichtelhuber!

AMD: Die Geschaftlhuber.

Philomena: Die Geschaftlhuber ist auch gut. Wichtelhuber is auch gut!

AMD: Ja, und so funktioniert die Sprache. Plötzlich ist ein Wort da. Und dann ist es da und ist richtig.
Und hat Bedeutung. Wichtelhuber! Der Geschaftlhuber ist eine ganz wichtige Figur. Also er selbst hält sich ja noch wichtiger als man glaubt. Und er muss es unterbrochen unter Beweis stellen, die Geschaftlhuberei. Und natürlich sind alle die Kunst betreiben, und es herzeigen auch Geschaftlhuberinnen. Und wie?

Philomena: Und wie!

AMD: Und das ist leider, wenn man drüber nachdenkt, denkt man sich, oje, oje, oje. Ich würde viel lieber im Elfenbeinturm sitzen und dann kommt eine Fee vorbei und entnimmt mir das Kunstwerk. Und ohne, dass ich drüber nachdenke, wird es jemandem überreicht. Und ich werde gelobt und spüre es durch einen kleinen, feinen Wind, der es mir zuträgt oder so. Und ich bin nicht gestört durch Lob und Anerkennung, weil ich es gar nicht brauche. Aber nein, man muss herumtun und sich wichtig machen. Und wird von den anderen der Wichtigmacherei bezichtigt. Und dann sagen sie, „na ja, mir gefällt das nicht, das haben andere schon besser gemacht“. Oder wie es in der abstrakten Kunst so oft war: „das kann ja jedes Kind“. Und dann musste man sagen, obwohl es natürlich nicht stimmt, „ja, natürlich, darum geht es ja“. „Das könnte ich auch“, war auch so ein Satz früher, „das könnte ich auch“. „Ja, dann machen sie es doch!“

Anna: „Das kann ich aber besser.“

AMD: Auch das ist erlaubt. „Machen sie es doch besser! Und ich werde sie nicht dran hindern.“ „Ja, aber das war jetzt nicht die Frage.“ Jetzt haben sich die Diskursformen schon wieder verändert. Also, alle sind Autorinnen. Alle sind Autoren. Sie können ununterbrochen von überall einen Tweet, jetzt ein Xerl oder wie das heißt, ein Posting absetzen und für 15 Sekunden die Meldung Nummer 1 sein.

Philomena: Ja, so ist es.

AMD: Und das auch genießen. Und was sie nicht bedenken, und das fällt mir auf, ist, sich des eigenen Namens zu erfreuen. Die meisten Menschen wollen nur publizieren, aber nicht, dass man weiß, wer sie sind. Sie haben immer alle so… Die meisten Poster, so heißen diese Leute, jeder von uns weiß, was Poster sind, was da erzähle ich da, also die haben dann so, heißen dann „Willibald015“ oder so, oder „das große Weltungeheuer“ oder irgendwelche blöden Namen, weil sie Angst haben, da könnte jetzt was passieren. Es könnte jemand zu Hause anrufen und sagen, „sie Falott sie!“

Anna: Ja, aber da frage ich mich schon, wenn ich schon Angst habe, dass da was passieren könnte, dann kann ja irgendwas nicht stimmen mit dem, was ich da grad preisgeben möchte.
Oder?

AMD: Meistens bei Beschimpfungen ist ja das so. Das ist eine… Und das sogenannte… Wie heißt das? Es ist ja nicht anonym, in dem Sinne, weil die Poster ja nicht wissen, dass sie gar nicht anonym sind, weil sie ihre IP-Adresse immer mitschicken. Sie können dann auch geklagt werden. Es ist ein Fetisch, dieser… Gut, die Künstlerinnen aller Zeiten haben sich immer auch eigenen Namen gegeben, aber das hat einen anderen Grund. Du weißt das ja aus deiner Künstlerbiographie, Lebensgeschichte. Man wollte sich selbst einen Namen geben, weil man autonom war. Es war nicht eine Verstellung, sondern es war eine Präzisierung. Man hat sich einen Namen gegeben, um man selbst zu sein.

Philomena: Ja!

AMD: Kannst du das bestätigen?

Philomena: Ja, das kann ich. Ich war zum Beispiel mit dem Namen „Rosemarie“ überhaupt nicht einverstanden, lange Zeit. Ich wäre glücklich gewesen, Lieselotte zu heißen. Ich hab daher meine Puppe „Lieselotte“ genannt. Es hat also lange gedauert, bis ich mich mit „Rosemarie“ angefreundet gehabt habe. Und jetzt steht in meiner Geburtsurkunde „Rosemarie Philomena“. „Philomena“ ist von meiner Großmutter der Name, die aus Südtirol kam. Das hat mich sehr angesprochen. Jetzt nenne ich mich eben „Rosemarie Philomena“. Und dann halt irgendeinen Nachnamen, der Nachname bei Frauen meiner Generation. Also der hat ja immer sich geändert. Und ich habe einmal auch gesagt, es ist egal, ich könnte Rosemarie Philomena Blau oder Rosarot oder wie immer heißen, denn der Nachname hat für mich wenig Bedeutung. Also ich hieß Dubkowicz, Schwarz, Mayrhofer, Sebek. Es ist total egal. Ja, so ist das mit den Namen bei mir zumindest gewesen.

AMD: Aber dein…, oder Annas Großvater, sagen wir das so, damit wir dich da…, hat sich ja Barabbas genannt. Er hat mehrere Namen eigentlich genannt.

Philomena: Also er hat sich „Barabbas“, er hat Claus Mayrhofer geheißen, „Claus“ mit C geschrieben. Und als er mit dem Padhi Frieberger zusammen war und beschlossen hat, dass er nicht Künstler wird, sondern bereits Künstler ist, hat er nachgedacht über einen Künstlernamen. Und da ist er auf die Geschichte gestoßen, wo Jesus bei Pontius und Pilatus ist, weil ich meine, auch der Padhi Frieberger, der war ja biblisch beschlagen bis zum Gehtnichtmehr. Und da kam die Geschichte von Pontius zu Pilatus, wo Jesus kam und dann ist es darum gegangen, wer wird zum Tode verurteilt. Und der Pilatus sagt, na ja, ich frage das Volk soll entscheiden. Wen wollt ihr haben? Und das Volk rief, wir wollen den Barabbas. Und da hat der „Barabbas“ gesagt, der Jugendliche, 15jährige, ich bin ein Rebell und mich will das Volk und meine Malerei und meine Kunst wird heiß begehrt sein. Und daher hat er sich „Barabbas“ genannt. Und dann ist er zum Islam konvertiert und hat den [Namen] „Harun Ghulam“ angenommen, „Harun Ghulam Barabbas“. Und dann ist er wieder auch von dem Islam abgekommen. Und wie er nach Australien ist, musste er, also ging das mit dem „Harun Ghulam“ nicht mehr, musste er ja seinen nachweislichen Namen nennen. Und da hat er sich „Claus Mayrhofer“ und den „Barabbas“ als Künstlernamen noch angehängt. Also es war so eine komplizierte Namensgeschichte eigentlich.

Anna: Ich möchte jetzt noch auf eine Sache ganz kurz, die möchte ich gerne fragen, weil mir die aufgefallen ist, wie ich deine Wikipedia-Seite gelesen habe. Und das hat mich gewundert, weil da steht, du bist Freimaurerin.

AMD: Ja.

Anna: Kannst du, darfst du da vielleicht ein bisschen was erzählen? Oder ist das mehr…

AMD: Ja, ich kann drüber was erzählen. Und warum darf ich das überhaupt? Also es gibt ja Gerüchte, das darf man nicht erzählen.

Anna: Genau, das hat mich nämlich gewundert, weil…

AMD: Ja, also man selber darf es erzählen. Man darf sagen, man ist das, es ist kein Geheimnis. Es ist allerdings in Österreich nicht immer üblich, weil manche haben Berufe, in denen sie, sagen wir mal so was wie, leichte Schwierigkeiten bekämen. Es ist noch immer ein bisschen… Es ist nicht verpönt, aber es gibt eine Geschichte des Verbots, der Freimaurerei in Österreich, insbesondere in Österreich. In Ländern, wo es keine Verbote gab, so wie England, Skandinavien, Südamerika, teilweise Italien, also Länder, in denen es keinen Faschismus gab. Oder keinen Faschismus als Staatsdoktrin. Und da zähle ich auch die Sowjetunion, den Stalinismus dazu.

Überall, wo es totalitäre Regime gab, war die Freimaurerei sofort verboten. Noch bevor irgendwas anderes verboten wurde. Und aus dieser Tradition erklärt sich, dass es in Österreich nicht darum erzählt wird. Ich kümmere mich da nicht darum, aus zwei Gründen. Die, die es herausfinden wollen, um mich zu töten, wenn das Kalifat kommt, dann bin ich dran. Wenn der Hitler noch einmal kommt, auch. Also, die finden das raus, ohne dass ich das jetzt bekenne. Aber, ich kann anderen ein Signal geben und sagen, Schauts her, habt keine Angst, das ist etwas, was mit Humanismus zu tun hat. Und es können auch Frauen Freimaurer werden. Und das ist nicht so bekannt. Es gibt Frauen in der Freimaurerei seit fast 140 Jahren. Nicht in Österreich, aber in Österreich zumindest seit den 20er Jahren.

Und das weiß man nicht. Und das sollte man aber wissen, weil es gibt viele Frauen, oder es gibt Frauen, die sich dafür interessieren würden. Und um denen ein Signal zu geben, habe ich das nicht verschwiegen. Ich gebe aber jetzt da keine großen Pressekonferenzen oder irgendwelche, schreibe es auch nicht irgendwie. Ich schreibe keine Bücher darüber, aber man kann mich befragen. Und was darf man erzählen?

Natürlich darf man erzählen, dass man dabei ist. Man darf erzählen, was die Freimaurerei ist. Es ist ein Projekt, ein demokratisches, humanistisches Projekt der Gleichheit, Geschwisterlichkeit, manche sagen Brüderlichkeit, sehr hohe Ideale, die die Gesellschaft verbessern. Und gegen etwas auftreten, was man unter Faschismus zusammenfassen könnte oder auch Rassismus, [das] liegt der Freimaurerei fern. Im Gegenteil, es ist ein Projekt der Menschlichkeit. Ja, aber warum muss es geheim sein?

Es muss eh nicht geheim sein. Es muss nur deswegen geheim sein, weil es die Gegner nicht wollen. Das ist eine Sache, die [wir] in Österreich oder in Gesellschaften mit einer politischen Geschichte des Faschismus haben. Es gibt Länder, wo das nicht ist. Da stehen die Mitglieder der Logen auf den Websites. Die Mitglieder mit ihren Namen stehen auf den Websites. Man kann das lesen in Schweden, Norwegen, teilweise in Amerika. Es ist nicht geheim. Was geheim ist, teilweise geheim ist, es gibt ein paar Dinge, die mit freimauerischem Erleben zu tun haben, die geheim sind, weil man sie nicht erzählen kann.

Man muss sie erleben. Man muss sich diesen Idealen verpflichten. Man muss sich jetzt nicht verpflichten im Sinne, ich muss jetzt einen heiligen Eid schwören und dann werde ich geköpft und zerrissen, wenn ich das breche. Aber man bekennt sich sozusagen zu einer Menschlichkeit und zu einem, wir nennen das „Arbeit,“ zu einer „Arbeit am Tempel der Menschlichkeit“. Die besteht darin, dass man sich regelmäßig trifft. Das Vereinslokal heißt Loge, bekannt. Da drinnen finden Arbeiten statt. Da wird aber nicht der Teufel angebetet oder Kinder zerstückelt oder die Weltverschwörung geplant, sondern es wird darüber gesprochen, worüber man sprechen kann. Im Wesentlichen war es das, was heute in Universitäten gemacht wird. Es werden Vorträge gehalten und über Erkenntnis gesprochen.

Und die Demokratie wurde dort… Natürlich wurde die Demokratie als Wort und als Idee schon im alten Griechenland erfunden, aber einige haben nicht teilnehmen können. Die Sklaven haben nicht an der Demokratie teilnehmen können oder irgendwelche Barbaren, aber an der Freimauerei können alle teilnehmen, die sich dem nahe fühlen. Es gibt, ob es ein König ist oder ein Lakai, wobei Lakaien gibt es ja nicht, aber es kann ein Arbeiter sein, es kann der Präsident sein und der Präsident ist dort in der Loge genauso wichtig wie der Gärtner vom städtischen Garten oder ein Müllkübler, weil es nicht geht darum, wie reich bin ich, wie gut bin ich, was für einen Beruf habe ich, sondern: Wie denke ich.

Und das ist gefährlich für die, die das nicht wollen. Und deswegen ist es teilweise verboten. Und man kann jemandem das kaum erklären, der es nicht… Was ist das Schöne daran? Da sitzts ihr alle herum und tuts euch Geschichten erzählen? Ja, so könnte man es sagen. Aber da kann ich auch in den Yogakurs gehen und in einen Sitzkreis. Ja, eben, kannst du auch.

Philomena: Ja, kann man auch.

Anna: Sehr, sehr spannend. Danke, dass du uns das jetzt erzählt hast. Ich fand das immer schon sehr interessant. Und ebenso, dass es halt doch nicht jetzt ganz so geheim ist, sondern diese Ideale einfach man so auch offen kommunizieren kann, was ich ja generell wichtig finde, dass man humanitär denkt.

Philomena: Na, sehr schön, sehr schön. Vielen Dank, dass du das so verständnisvoll gebracht hast, jetzt.

AMD: Ja, gerne.

Philomena: Und jetzt donnerts uns krachts.

Anna: Danke, dass du da warst heute. Sehr gerne auch wieder, wenn du Lust hast.

AMD: Ja, ich komm gern. Ihr müsst nur sagen, komm und erzähl uns was anderes. Oder das gleiche noch mal.

Philomena: Es gibt genug, ja.

Anna: Na gut, dann sagen wir Tschüss.

Philomena: Ahaja…

Anna: Bussi, Bussi und Baba.

Philomena: Bussi, Bussi und Baba müssen wir ja jetzt sagen.

AMD: Bussi, Bussi und Baba?

Philomena, Anna: Bussi, Bussi und Baba.

 

Was wäre der Tod ohne das Wienerlied?

Morgen Mittwoch 1. November 2023 bin ich im Radio Ö1 zu hören. 15:05h „Was wäre der Tod ohne das Wienerlied?“ Kollege Bernhard Eppensteiner hat die Sendung gestaltet. Die Strottern sind zu hören, Georg Kreisler, Franui und viele andere Kompetente. Enjoy!

https://oe1.orf.at/programm/20231101#737177/Was-waere-der-Tod-ohne-das-Wienerlied

Dietmar Steiner, Laudatio

Dietmar Steiner, von 1993 bis 2016 Direktor des Architekturzentrums Wien, österreichischer Architekturpublizist, Architekturhistoriker und Architekturkritiker ist am 15. Mai 2020 verstorben.

Anlässlich der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien am 6. Dezember 2017 hielt ich im Wiener Rathaus eine Laudatio auf Dietmar Steiner. „Zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik und Kultur waren gekommen, um bei der Feierstunde dabei zu sein“,  berichtete die Rathuaskorrepondenz, „allen voran Bürgermeister Michael Häupl, Vzbgm. Maria Vassilakou, StR Michael Ludwig, EU-Abg. A. D. Hannes Swoboda, Christian Oxonitsch, Heide Schmidt, Rektor Gerald Bast, Angelika Fitz, Direktorin Az W, Fritz Achleitner, Walter Gröbchen uvm.“


Laudatio auf Dietmar Steiner

Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien
Andrea Maria Dusl, 6. 12. 2017

Magnifizenzen und Exzellenzen,
Brüder und Schwestern,
Damen und Herren,
Freundinnen und Freunde!
Lieber Dietmar!

Welches wäre der ideale Ort, jemanden kennenzulernen, der alles über das Ideal weiß, und alles über Orte? Wo und wie würde man sprechen über das Unaussprechliche, über sich selbst? Diese Fragen spiegelten sich in uns, als wir einander trafen, um über Dietmar Steiner zu sprechen. Dietmar Steiner und ich.

Im Versuch den idealen Ort zu bestimmen, trafen wir einander also in einem Hotel. Kein Ort wäre und war idealer als der unideale Unort. Das Hotel. Dietmar Steiner kam aus seiner Wohnung angereist, ich aus meiner. Nicht das Kaffeehaus war unser Treffpunkt, obwohl es Wien war, wo wir uns trafen, nicht sein Büro, nicht mein Atelier. Ein Hotel. Am Fluss. Das Intercont. Das mit dem Luster. Das mit der Legendenbar. Die Absteige für Präsidenten. Der Riegel in der weltkulturerblichen Blickachse.

Im Niemandsland der Hotellobby des Intercont trafen einander Steiner und ich, weil es ein Niemandsland braucht, um alles zu besprechen.

Die Aufgabe war nicht leicht. Die Aufgabe war schwer. Ja unlösbar. Und weil sie schwer war und unlösbar, geriet sie leicht und wurde lösbar. Die Aufgabe war ein Film über Dietmar Steiner. Wir haben einen Film gemacht, Dietmar Steiner und ich, einen Film über Dietmar Steiner. Wer je einen Film gemacht hat, kennt das Dilemma: Man kann nur Filme über sich selbst machen. Also musste ich zu Dietmar Steiner werden. Das sollte gelingen. Aber konnte es gelingen?

„Dietmar Steiner, Laudatio“ weiterlesen

Antworten auf vier Fragen

Fragen und Antworten erscheinen im Abschlussmagazin des Lehrgangs Journalismus der Wiener Bildungsakademie. 

Was gibst du angehenden JournalistInnen mit auf den Weg?

„Auf den Weg geben“ hieße, irgendwo an der Seite stehenzubleiben und in besserwissender Attitüde gute Ratschläge nachzuwerfen. Das ist mir schon deswegen unmöglich, weil ich ja selbst weitergehe. Was wir aber alle tun können, ist aus Erfahrungen produktive Erkenntnis zu gewinnen. Aus eigenen wie aus fremden. Diese Erfahrungen sind allgemein zugänglich. Wir können sie als Texte lesen (und hören). Die Fehler, die wir und andere ständig begehen, sind dabei erkenntnisproduktiv oft wertvoller, als die gelungenen Hervorbringungen.

Was sind die größten Herausforderungen für JournalistInnen derzeit?

Den galoppierenden Zweifeln der Öffentlichkeit an der Unverzichtbarkeit journalistischer Arbeit zu begegnen. Die Fackel der Aufklärung am Leuchten zu halten, und in Zeiten von Lug und Betrug, von Fake und News Wahrhaftigkeit und Besonnenheit walten zu lassen. Das Bewusstsein über Machtverhältnisse zu teilen.

Wie wird Journalismus in 20 Jahren aussehen?

„Anders“, wäre die leichteste Antwort. „Ähnlich wie heute“ die zweitleichteste. „Keine Ahnung“ käme meinen Prognosefähigkeiten am nächsten. Journalismus spiegelt die Machtverhältnisse. Soviel kann gesagt werden.

Ein Wort (!) zur Wiener Medienlandschaft.

Oida.


Mag. art. Dr. phil Andrea Maria Dusl, 55, ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie publizierte in fast allen Zeitungen und Magazinen des Landes. Sie lehrt Textkompetenz an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und schreibt seit vielen Jahren wöchentliche Kolumnen für Falter und Salzburger Nachrichten. 

Fragen und Antworten erscheinen im Abschlussmagazin des Lehrgangs Journalismus der Wiener Bildungsakademie. 
Andrea Maria Dusl, 12. Juni, 2017

Kommentar und Glosse

Kommentar und Glosse

Univ. Lektorin Mag. Dr. Andrea Maria Dusl

Vortrag im Rahmen des ‚Lehrgang 8: Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit‘
Wiener SPÖ Bildungszentrum
Wien 2, Praterstraße 25
10.1.2017
18:30h

„(…) Der Lehrgang für Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit vermittelt praxisbezogenes, multimediales Know-how (…)“ 

http://www.wiener-bildung.at/termine/seminare/lehrgang-8-journalismus-und-oeffentlichkeitsarbeit

Gastvortrag III am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien
Blue Moon – Locarno-Emulation

Gastvortrag im Rahmen der Lehrveranstaltungen

„Italienisch-Ungarisch Dialogdolmetschen
Dialogdolmetschung: Interview – Pressekonferenz“
Mag. Dr. Erna-Maria Trubel
Dott.ssa. Katia Iacono, Bakk. MA

und

„Textkompetenz: Deutsch A-Sprache
Film Blue Moon – Pressekonferenz im Rahmen des Filmfestivals in Locarno“
Prof. Mag. Dr. Renate Resch, MA

Zentrum für Translationswissenschaft
Universität Wien
HS 5
6.12.16
14.00 bis 17.00
Gastvortragende: Univ. Lekt. Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
(Universität für angewandte Kunst Wien)

Interdisziplinäre und projektorientierte Konjugation translatorischer Textkompetenz und interkultureller Kommunikation mit kulturwissenschaftlicher Erkenntnisproduktion.
Emuliert wurde eine historische Pressekonferenz der Vortragenden zur Weltpremiere des Spielfilms „Blue Moon“ in Locarno 2002.

Wassermair sucht den Notausgang XIII

Wassermair sucht den Notausgang – comandantina hilft dabei

Gespräch zu Politik und Kultur in Krisenzeiten
Sendetermin: Dienstag, 19. April 2016, 13.00 Uhr
Gast: Andrea Maria Dusl
Die Sendung war per Live-Stream auf dorf TV zu sehen und ist hier abrufbar: https://dorftv.at/video/24673

 

In der dreizehnten Ausgabe der Sendereihe auf dorf TV ist Andrea Maria Dusl zu Gast. Die Comandantina tritt gerne auch als Buchautorin, Kolumnistin, Zeichnerin, Filmemacherin und Kulturwissenschafterin in Erscheinung – und inspiriert damit politische und mentalitätsgeschichtliche Diskurse.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen u.a. Fragen, wie mit Veränderungswillen den politischen Realitäten am besten entgegentreten, inwieweit identitäre Volkstribune für die satirische Kritik eine Herausforderungs darstellen und warum die Sozialdemokratie noch immer Hoffnung auf Erneuerung verdient.

Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien; lebt in Wien und San Francisco; Bühnenbild-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien; Dissertationsstudium der Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien; Magistra Artium; Doktorin der Philosophie; Universitätslektorin an der Angewandten; Spielfilm: „Blue Moon“ (Locarno-Wettbewerb, 2001, Großer Diagonale-Preis); Publikationen: „Die österreichische Oberfläche“ (2007), „Boboville“ (2008), „Channel 8“ (2010), „Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“ (2012). „So geht Wien!“ (2016). Essays, Kolumnen und Zeichnungen v.a. für Falter, Standard, Salzburger Nachrichten.

http://wassermair.net/media/notausgang_190416/

https://dorftv.at/video/24673

 

Vortrag ::: Die Recherche

Die Recherche

Univ.Lektorin Mag. Dr. Andrea Maria Dusl

Vortrag im Rahmen des ‚Lehrgang 8: Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit‘
Wiener SPÖ Bildungszentrum
Wien 2, Praterstraße 25
24.2.2016
18:30h

„(…) Der Lehrgang für Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit vermittelt praxisbezogenes, multimediales Know-how (…)“ 

http://www.wiener-bildung.at/termine/seminare/lehrgang-8-journalismus-und-oeffentlichkeitsarbeit

Gastvortrag II am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien

Gastvortrag im Rahmen der Lehrveranstaltung
„Konferenzdolmetschen II: Polnisch/Russisch/Spanisch/Ungarisch“ (Mag. Dr. Erna-Maria Trubel)
Zentrum für Translationswissenschaft
Universität Wien
HS 5
19.11.2015, 13h
Gastvortragende: Univ. Lekt. Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
(Universität für angewandte Kunst Wien)

Der interdisziplinäre und projektorientierten Charakter lag vor in der Konjugation translatorischer Textkompetenz und Interkultureller Kommunikation mit kulturwissenschaftlicher Erkenntnisproduktion. Entlang eines Gastvortrags zum Thema „Angst essen Österreich auf (http://bureau.comandantina.com/archivos/2013/11/das_schwaerzeste_schwarz_angst_e) – wurden kulturelle, innenpolitische und gesellschaftspolitische Felder im Österreich der Nachkriegszet betreten. Angst wurde als bedeutendes gesellschaftliches Movens ausgemacht und beispielhaft dargestellt.

In einem Appendix zum Vortrag wurden Möglichkeiten und Probleme der Recherche im Internet erörtert und Strategien im Umgang mit Quellen zweifelhafter Provenienz angeboten.

Gastvortrag I am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien

Gastvortrag im Rahmen der Lehrveranstaltung
“Textsorten, Textqualität, Textwirkung“ (Dr. Mag. Renate Resch, M.A.)
Zentrum für Translationswissenschaft
Universität Wien
HS 5
10. Juni 2015, 13h
Gastvortragende: Univ. Lekt. Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
(Universität für angewandte Kunst Wien)
Am Beispiel der Textsorte Essay – vermessen wird der Text „Das digitale Blatt“ (–> http://derstandard.at/2000010965841/Andrea-Dusl-Im-Netz-mit-dem-Online-Lachs) – beschäftigt sich der Vortrag mit internen Prozessfeldern der Medienbeobachtung. Als Tangenten an das Thema gelegt werden Kritik und Analyse der Machtverhältnisse, die sich in Medienproduktion abbilden.

Showtime ::: Alte Schmiede – Werk Leben ::: 10.12.2012

Montag
10.12.2012
19.00h
Alte Schmiede

Comandantina in der Alten Schmiede!

WERK LEBEN III – eine Gesprächsreihe 73. Autorinnenprojekt der Alten Schmiede: Konzept und Moderation: LYDIA MISCHKULNIG

ANDREA MARIA DUSL (Wien) im Gespräch mit Lydia Mischkulnig, samt Lesung aus Channel 8. Roman (Residenz Verlag, 2010) und Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen. Roman (Metroverlag, 2012)

Werk Leben: In einer Reihe von vier Gesprächen geht Lydia Mischkulnig der Frage nach, wie Leben und Schreiben zusammenhängen. Der eigene Bezug zu den Werken der Gäste wird dabei ebenfalls thematisiert.
Lydia Mischkulnig zu Andrea Maria Dusl: »Channel 8« ist der Grat, auf dem sich eine Liebesgeschichte erzählt. Zwischen Paris und St. Petersburg, einem Fernsehjournalist und einer Taschendiebin. Man kennt sich nicht, aber man träumt voneinander. Wie zwei Radiostationen, die auf gleicher Wellenlänge senden. Das Buch ist in eigentümlicher Strenge komponiert. Im Gespräch sollen die Hermetik und die Geheimnisse der Konstruktion beleuchtet werden. Andrea Maria Dusl zählt zu den vielseitigen Künstlerinnen der Stadt. Sie zeichnet, kommentiert, kommuniziert als Facebookerin, Twitterin und Bloggerin, Filmemacherin, sie schreibt Bücher, sie ist Ratgeberin, und doch: Wer ist Andrea Maria Dusl? Ihre Produktivität scheint wie auf Knopfdruck zu funktionieren. Zudem arbeitet sie seit Jahrzehnten am »Unendlichen Panorama. Ein Strip«. Eine unendliche Zeichnung, die sie entlang ihrer Biografie, den politischen Ereignissen und somit als Zeitgeschichte erzählt. Darüber wollen wir reden und es präsentieren, wir wissen noch nicht wie. Hinzu kommt die Hermetik dieses Konvolutes, oder befinden wir uns in einer Autofiktion, die aus einer Widersprüchlichkeit stammt, die sich zum Werk erhebt? Es ist mir ein Vergnügen, das Werk Andrea Maria Dusl, Comandantina Dusilova, zu befragen.

Andrea Maria Dusl, *1961, lebt und arbeitet als Zeichnerin, Autorin und Filmregisseurin in Wien, San Francisco und in der Steiermark. Zuletzt erschienen: Die österreichische Oberfläche (2007) und die Romane Boboville (2008), Channel 8 (2010) und Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen (2012).

Lydia Mischkulnig, *1963 in Klagenfurt. Ab 1981 Studium an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz und Wien, ab 1985 auch an der Filmakademie Wien. Literarisch tätig seit 1991. Lebt in Wien. 2008 Gastprofessur in Nagoya, 2009/10 Lehrauftrag am Institut für Sprachkunst, Wien. Preise (Auswahl): 2002 manuskripte-Preis, 2009 Österreichischer Förderpreis für Literatur. Bücher: Halbes Leben. Roman (1994); Hollywood im Winter. Roman (1996); Sieben Versuchungen. Erzählungen (1998); Umarmung. Roman (2002); Die Böhmische Bibel (gemeinsam mit Sabine Scholl, 2008/2009); Macht euch keine Sorgen. Neun Heimsuchungen (2009); Schwestern der Angst. Roman (2010).


 

Stufenloser Zugang zur Galerie (GLZ) und Schmiede-Werkstatt (AS); Behinderten-WC; zu Veranstaltungszeiten Behinderten-Parkplatz vor dem Haus Schönlaterngasse 11

Freier Eintritt bei allen Veranstaltungen in der Alten Schmiede.

Jura Soyfer ::: Andrea Maria Dusl

Jura-Soyfer-2012.jpg
Der Waschsalon Karl-Marx-Hof und Andrea Maria Dusl präsentieren

Gehn ma halt a bisserl unter… 100 Jahre Jura Soyfer

Am 8. Dezember 2012 jährt sich der Geburtstag Jura Soyfers zum einhundertsten Mal. „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“ widmet dem jung verstorbenen Dichter eine Sonderausstellung, die sich mit dem – immer noch brandaktuellen – Werk des Künstlers auseinandersetzt. Die Wiener Zeichnerin Andrea Maria Dusl begegnet Soyfers Texten in großformatigen Arbeiten – in symbolhaften Bildern, aber auch in Neuinterpretationen zeitgenössischer Illustrationen.
Geboren in der ukrainischen Stadt Charkiw, flüchtet Jura Soyfer mit seiner Familie 1920 nach Wien. Ab den frühen 1930er Jahren erscheinen Soyfers Texte in der Arbeiter-Zeitung und in der sozialdemokratischen Illustrierten Der Kuckuck; 1936 wird sein erstes Theaterstück uraufgeführt. Jura Soyfer stirbt im Alter von nur 26 Jahren im KZ Buchenwald an Typhus.

In seiner tagesaktuellen „politischen Gebrauchslyrik“ führt Jura Soyfer – mit immenser sprachlicher Wucht – einen letztendlich aussichtslosen Kampf gegen das reaktionäre Dollfuß-Regime und den aufkommenden Faschismus: „Ob das, was wir schaffen, Kunst ist oder nicht, das ist uns gleichgültig. Wir dienen nicht der Kunst, sondern der Propaganda“, so Soyfer.

Ganz in der Tradition Nestroys legt Jura Soyfer in seinen Theaterstücken die Schwächen, die blanke Dummheit und die Unverbesserlichkeit der Menschen bloß. Der versöhnliche Schluss ist zugleich Appell und politische Kampfansage.

Gehn ma halt a bisserl unter… 100 Jahre Jura Soyfer

Eröffnung:
Mittwoch, 10. Oktober 2012, 19 Uhr
Dauer der Sonderausstellung: 11.10.2012 – 2.5.2013
Öffnungszeiten: Donnerstag 13 –18 Uhr, Sonntag 12 –16 Uhr
Führungen für Gruppen nach Vereinbarung Eintritt: 3 € (Erwachsene)
KuratorInnen: Lilli Bauer und Dr. Werner T. Bauer

Waschsalon Nr. 2
Karl-Marx-Hof
19., Halteraugasse 7
+43 (0) 664 885 40 888
info@dasrotewien-waschsalon.at
www.dasrotewien-waschsalon.at

Zwischen Stein und Anstoss

Andrea Maria Dusl für Stefan Riedl (aka Triebl), anlässlich der Fertigstellung von dessen Grotten-Ausmalung im “Kaiserbründl in Wien”.

Notiz, gesprochen am 14. Oktober 2011:

Sehr geehrte Damen und Herren! Exzellenzen und Würdenträger in all den Ihnen zustehenden Titeln und Anreden! Liebe Freundinnen und Freunde! Erdgeister und Nymphen, Collegae!

Es ist mir eine grosse Irre.

Wir befinden uns an einem arkanen Ort, wir stehen in der Unterwelt. Die Zeit wird diesen Ort vor Ablauf der Tage verschliessen. Verharren wir in buntem Staunen darüber, was die Tiefe der Stadt aus dem Dunkel und der Feuchte des Erdenleibs geschält hat. Staunen wir, was der Mephisto in die Lücke des Fünf-Stern-Zackens einschrieb. Schreiben wir ein in unser Gedächtnis, was das künstliche Licht hier erhellt. Für kurze Zeit, für die Schuld des Augenblicks. Sehen wir das Blut der Purpurschlangen an den Leibern von Jachín und Boáz. Sehen wir den Pinsel des Parsen, er zeigt nach oben.

Oben, im Reich des Lichts und der Himmelsfinsternis geht die Welt zu Ende, das Gold verliert seine Würde, es rinnt durch die Scherben des zerbrochenen Krugs. Aber hier unten, bei den Geistern, die das Gold gebären, hier unten wird gesagt:

“Ein Ende hat gesetzt die Finsternis und alle Vernichtung, begrenzt durch den Stein von Dunkel und Todesschatten. Dieser Satz wird so erklärt: Das Ende der Finsternis ist das Endwesen der linken Seite, welches in der Welt und in den Höhen schweift und vor dem Allerheiligsten Anklage erhebt, wider die Welt. Dem entsprechen die Wirte. Und alle Vernichtung begrenzt, indem die Werke nicht auf das Guite, sondern immer nur darauf zielen, Vernachtung in der Welt zu wirken.

Das Wort Stein jedoch bezeichnet jenen Stein des Anstosses, darin die Sünder zu Fall kommen. Dies wird bestätigt durch die Worte: Ein Land der Ermüdung, gleichwie das Dunkel. Merket: Es gibt ein Reich des Lebens in den Höhen, dieses ist das Land, und es gibt ein unteres Reich, welches genannt ist “Dunkel und Todesschatten” – jenes Dunkel bezeichnend, welches aus dem Land der Ermüdung stammt und jenes Ende von der Seite der Finsternis, welches zugleich der Abschaum des Goldes ist…

Rabbica Cahon aber erklärte: „Das Wort Ende bezeichnet jenen Ort, wo das Gedächtnis nicht mehr ist. Denn dieses ist zugleich das Ende der linken Seite. Wieso? Weil geschrieben ist: Denn wenn du meiner bei mir gedenkst, so es dir gut ergehen wird. Es erschien also der Mundschenk dem gerechten Mann, der gerechten Frau, weil sie jene Worte sprachen. Und man vermeinte, in dem man den Traum betrachtete, dass es ein Traum des geistigen Gedächtnisses sei.“

„Darin wird geirrt, denn alles war vom Allerheiligsten allein gekommen, aus der Tiefe zwischen den Schenkeln des Zacken. Darum musste noch die Region des Vergessens gewahr werden, wie es heisst: “Nicht gedachte der Oberste der Mundschenken und vergass seiner”. Wozu noch die Worte: “und vergaß seiner?“ Es ist ein Hinweis auf jene Region, in der das Vergessen ist und diese eben ist das Ende der seite der Finsternis. Die “zwei Jahre” aber bezeichnen die Rückkehr in zwei Stufen, worin das Gedenken” eintritt.“

Erfahren zu Weissenberg am Inn, im Erdloch bei der Weihenburg, bevor sich der Schlund des Brunnens wieder verschloss und die Erinnerung mit sich nahm.

Danke, ich habe gesprochen.

Rede im Rathaus ::: Freiheit für Hebenstreit!

Essai sur La Liberté, L’Egalité et La Fraternité. 
Andrea Maria Dusl .·.

Rede im Wiener Rathaus, 28.6.2010, anlässlich der Rehabilitierung Franz Hebenstreits.

(–> Wiener Vorlesungen – Franz Hebenstreit, Rehabilitierung eines frühen Demokraten). Alle Texte des Abends hier in einer –> Sonderbeilage der Presse.

Geliebte Schwestern! Geliebte Brüder!

Ich fordere Freiheit für Franz Hebenstreit! Mein Aufruf kommt 215 Jahre zu spät. Franz Hebenstreit wurde am 8. Jänner 1795 hingerichtet. Am Schottentor wurde er aufgehängt, unter dem Johlen derber Dummköpfe, die sich darin gefielen, eine weitere Fackel der Aufklärung in den Brunnen zu werfen.

Franz Hebenstreit war ein Demokrat, er brannte für die Freiheit, für die Gleichheit, für die Geschwisterlichkeit. Am Schottentor, wo sein Licht ausgeblasen wurde, steht heute die grosse Universität des Landes, darin sein Fokus, das Auditorium Maximum.

Auch 215 Jahre nach Hebenstreit wird am Schottentor noch um die Freiheit gekämpft. Für die Freiheit des Denkens, für die Freiheit von Ungleichheit und Standesdünkel. Auch 215 Jahre nach Hebenstreit ist das Schottentor noch eine Richtstätte. Unten am Donauufer steht die grosse Kaserne, sie wurde gegen das Volk errichtet, wurde gebaut, um das Volk mit Waffengewalt von der Revolution abzuhalten. Sein Hauptausfallstor ist auf ebendiese Universität gerichtet, das österreichische Gegensatzpaar Staatsgewalt und Freiheit der Lehre ist in den Stadtplan eingeschrieben.

Am Schottentor werden noch heute, im Jahr 2010, 215 Jahre nach Hebenstreit Studierende von Polizisten zusammengeschlagen. Was ist ihr Verbrechen? Die Forderung nach Freiheit. Das Besetzen kommunalen Eigentums.

Was fürchtet die Staatsgewalt? Sie fürchtet, dass der König seinen Kopf verliert. Mit der Forderung nach Freiheit beginnt der Kopf zu wackeln, mit der Idee der Gleichheit purzelt er.

Hätte Franz Hebenstreit, Bruder im Geiste, Bruder im Licht, seine Sehnsucht nach der besseren Welt, seine Sehnsucht nach einem Leben ohne Neid und Missgunst, ohne Habgier und Ausbeutung, hätte er diese Sehnsucht verwirklicht, lebten wir heute in einem besseren Land.

Dann könnte sich Arigona Zogaj heute so frei fühlen wie Anna Netrebko.

Hätte Franz Hebenstreit seine, unsere Sehnsucht verwirklichen können, hätten wir uns die Metternichzeit erspart, die eiserne Faust nach dem gescheiterten 48er-Revolutionsversuch, das soziale Elend der Gründerzeit, den habsburgischen Völkerkerker, den ersten Weltkrieg, den Ständestaat, den Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg und wahrscheinlich auch den Holocaust.

215 Jahre nach Hebenstreit leiden wir noch immer an den Echos der aufgezählten Verbrechen. Täter wie Opfer. Die Täter leiden an ihrem Wahn, die Opfer an dessen Folgen.

Die Utopien, nach denen sich Franz Hebenstreit sehnte, sind in diesem Lande noch weitgehend unverwirklicht. In seinen Betrachtungen fand Hebenstreit, “dass der Neid in seinem ausgedehnten Verstande die Hauptquelle aller Laster sei, auf der anderen Seite, dass von dem Krieg zum Prozesse, vom Prozesse zum Raub und zur Plünderei keinen anderen Grund als das Mein und Dein habe.”

In einer Gesellschaft dagegen, in der “alle Natur- und Kunstprodukte nach jedem Bedürfnis gemeinnützig sind, folglich der Erwerb sowie der Genuss gemeinschaftlich”, in einer solchen Gesellschaft sei jedes Laster unmöglich.

Andreas Riedel, der andere prominente revolutionäre Geist jener Tage nennt diese Gedankenwelt euphorisch „Hebenstreitismus oder Kommunismus“.

Neoliberale und Antisoziale, Klerikale und Konservative mögen ihre Ressentiments am Wort Kommunismus erigieren, aber in einer Welt, die Hebenstreit und die anderen Revolutionäre ersehnt und vorgedacht haben, gäbe es die Geschäftsmodelle des Neoliberalismus und Antisozialismus nicht, es gäbe keine Wahrheit in Gott und nicht die Nacherzählung des Beamtenkaiserstaates im Kleinen. Es gäbe Gerechtigkeit und Gleichheit, es gäbe die Souveränität des Einzelnen, gebündelt in der Idee der Solidarität.

In einem Hebenstreitösterreich gäbe es Freiheit, gäbe es Gleichheit, gäbe es Geschwisterlichkeit.

„Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.” Der Artikel 1 des Bundesverfassungsgesetzes ist nicht verwirklicht. Österreichs Recht wird hinter den Polstertüren von berufsständischen Kammern und Eigentümerbüros verhandelt, es hat keine Erinnerung an die Revolution, denn die Revolution hat in Österreich nie stattgefunden. Der König hat nie seinen Kopf verloren.

Wer auch immer an seiner statt sitzt, egal, welchen Namen sein Sessel trägt, hat keine Erinnerung an die Macht des Volkes. Wo es keine Erinnerung gibt, gibt es keine Erkenntnis. Es wundert nicht, dass die Republik sich nicht an Franz Hebenstreit erinnert.

Aber wir tun es und wir holen seine Fackel aus dem Brunnen, sie brennt noch und leuchtet. Franz Hebenstreit mag sein Leben ausgehaucht haben, aber seine Ideen brennen. Stürzen wir die falschen Helden von ihren Sockeln, die Kaiser und Könige und Kärntner Sonnen und ihre Büttel und erinnern wir uns an die wahren Helden dieses Landes. Die ersten Demokraten. Die ersten Republikaner. Franz Hebenstreit, Du lebest hoch!

Ich fordere die Freiheit für Dich!

Zukunftsforum 2

keim3b_200.jpgDie Grüne Bildungswerkstatt Niederösterreich veranstaltet ein Symposion mit dem explosiven Titel Mödling Kultur oder Zukunftsforum2 bei dem Wolfgang Zinggl und ich allerlei gescheite Sachen sagen werden. Das wird am 29. Jänner 2005 sein, im Festsaal der Mödlinger Beethoven-Musikschule, in der Babenbergergasse 18-20.

Programm

14:00 Impulsreferate: Wolfgang Zinggl, Andrea Maria Dusl
15:30 Podiumsdiskussion, anschließend Plenumsdiskussion.
Open End mit Wein und Snacks.
Ha!

Kommen!
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Mein Text zum Thema:
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Flyer:
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