Wien darf nicht Österreich werden!

Welchen Ursprung hat die Bezeichnung „Patzenlippel“? Wieso sagt man eigentlich, „der hod a Bankl grissen“, wenn jemand stirbt? Seit über 30 Jahren schreibt Andrea Maria Dusl für den Falter eine Kolumne, seit 24 Jahren heißt diese „Fragen Sie Frau Andrea“. Darin klärt Dusl über die Bedeutung und den Ursprung von Wiener Redewendungen auf. Doch Dusl, 64, ist viel mehr als nur eine Kolumnistin: Sie ist Künstlerin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin – und ein absolutes Wiener Original. Nun hat Dusl gleich zwei neue Bücher veröffentlicht. In einem hat sie Essays über das Kolumnen-Schreiben zusammengetragen, und das zweite Buch trägt den Titel „Die Wiener Seele in 100 Antworten“. Aber was ist die Wiener Seele überhaupt? Stadtleben-Redakteurin Lale Ohlrogge hat das nach zehn Jahren in Wien immer noch nicht verstanden – und sich deshalb mit Dusl zu einem Interview getroffen.

in FALTER 37/25 STADTLEBEN, 10. September 2025, pagg. 40ff.

INTEGRATIONSKURS: LALE OHLROGGE

Lale Ohlrogge, Falter: Was ist an deiner Seele besonders wienerisch?

Dusl: Ich glaube, es ist eine besondere Art von Grant. Also eine Fröhlichkeit, die sich darin erschöpft, nicht fröhlich sein zu müssen. Eine Form von wahrhaftiger Ehrlichkeit: nicht zu lächeln, weil es nichts zu lächeln gibt.

Also authentisch sein dürfen – meinst du das?

Dusl: Na ja, manche sind authentisch, wenn sie dauernd grinsen. Im Englischen gibt es den Ausdruck resting bitch face, also ein schlecht gelaunter Gesichtsausdruck. Ich habe das – deswegen habe ich auch quasi ein Fernsehverbot vom ORF. Ich werde nur ins Radio eingeladen. Aber zurück zum Wienerischen: Ich glaube, an mir ist auch besonders wienerisch, dass ich nicht ganz wienerisch bin.

Wie meinst du das?

Dusl: Eigentlich bin ich ja Ausländerin. Meine Mutter war Schwedin, mein Vater kam aus Graz, und wir hatten nichtösterreichische Verwandte aus ganz Europa. Wienerisch ist nicht an die Geburt in Wien gebunden. Die ersten zehn Minuten, die du am Westbahnhof ankommst, verwienern dich.

Ist Wienerisch-Sein eine Entscheidungssache?

Dusl: Nein, es ist Schicksal. Es ist eine Sache, die dir zustößt, ohne dass du es beabsichtigst. Ich bin Wienerin. Ich bin Europäerin, aber keine Österreicherin. Früher gab es einmal ein kleines Wiener Kaffeehaus, das Salzgries. Heute heißt es Le Salzgries. Zu Beginn der Haider-Ära stand unten bei den Toiletten ein Spruch, der alles über Stadt und Land sagt: Wien darf nicht Österreich werden.

Was ist denn an Österreich so schlecht?

Dusl: Österreich ist zu klein. Zu Zeiten der Donaumonarchie war es groß und wirkmächtig …

Andrea Maria Dusl, 64, hat eine schwedische Mutter und einen österreichischen Vater. Heute sagt die Kulturwissenschaftlerin und Expertin des Wienerischen, dass sie den Dialekt in ihrer Kindheit wie eine Fremdsprache lernen musste. Mittlerweile
kennt sie fast jede lokale Redewendung, und wenn sie einmal ratlos ist, schlägt sie in ihrer großen Lexika-Bibliothek nach

… Es war ein Melting-Pot, wie eine kleine EU – politisch nicht okay, es war größtenteils eine Militärdiktatur, aber es war ein großes Land mit vielen Einflüssen. Und die sind alle hier in der Metropole Wien zusammengekommen. Aber das umliegende Österreich, die Kronländer damals, konnten das nicht leisten. Sie waren immer Provinz – das ist auch gut, aber eben nicht Metropole. Wien und das Wienerische sind ja immer noch geprägt von all diesen internationalen Einflüssen von einst.

Aber in deinem Buch gibt es auch Beispiele, die zeigen, wie das Wienerische immer wieder auch den politischen Zeiten unterlag. Ich habe mich schon häufiger gewundert, warum sich manche Leute mit dem Wort „Mahlzeit“ begrüßen. Ich fand das immer befremdlich – bis ich in deinem Buch gelernt habe, was für einen heldenhaften Ursprung das hat.

Dusl: Diese Begrüßung wird vor allem in Ämtern und großen Büros gepflegt. Das kommt aus der Zeit, als sich die Österreicher dem Nationalsozialismus angeschlossen haben. Sozialdemokraten begrüßten sich damals mit einem „Freundschaft“ oder „Guten Tag“. Die Katholiken sagten „Grüß Gott“. Doch die Nazis wollten, dass man sich mit „Heil Hitler“ begrüßt. Die Behörden waren damals noch stark monarchistisch geprägt, man wollte sich dem nicht beugen und benutzte stattdessen eine Formel, die im Sinne der Nazis nicht strafbar war. „Mahlzeit“ war damals eine Umgehung – und die ist bis heute geblieben.

In deiner Kolumne „Fragen Sie Frau Andrea“ beantwortest du seit unglaublichen 30 Jahren Fragen von Lesern, die wissen wollen, woher gewisse Redensarten kommen. Wie arbeitest du eigentlich?

Dusl: Ich weiß natürlich nicht alles. Aber ich habe eine enorme Bibliothek mit Lexika, und da schaue ich nach – und im Internet natürlich auch. Die meisten schauen sich bei Google nur die ersten zehn Ergebnisse an. Ich schaue mir die ersten 300 Treffer an. Einiges davon ist völlig falsch, und dann geht es darum, herauszufinden, was stimmt. Es ist wie wissenschaftliches Arbeiten, und das habe ich als Kulturwissenschaftlerin gelernt. Außerdem kenne ich viele dieser Begriffe seit meiner Kindheit. Gleichzeitig ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Die Sprache meiner Mutter ist Schwedisch. Ich habe also ganz früh angefangen, Deutsch und Wienerisch als zwei verschiedene Fremdsprachen zu lernen. In der Volksschule wurde ich gemobbt, weil ich so seltsam gesprochen habe. Ich musste also lernen – es war eine Immunisierung gegen Mobbing.

Ich höre oft, wie sich Wiener – vor allem Eltern – beschweren, dass ihre Kinder kein Wienerisch mehr sprechen. Dass die Wiener Mundart verlorengeht und die junge Generation nur noch Hochdeutsch spricht, weil sie auf Tiktok, Youtube und Instagram deutschen Influencern folgt. Wenn ich mit jüngeren Wienern zu tun habe, höre auch ich selten einen der Ausdrücke, die in deinem Buch oder deiner Kolumne besprochen werden. Wird das Wienerische bald sterben?

Dusl: Ich glaube nicht – aber die Wahrnehmung ist richtig. Wien konnte lange kein ARD und ZDF empfangen. Wien war also sowieso später dran mit der Verhochdeutschung der Sprache als Westösterreich. Seitdem ist viel passiert. Die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den Deutschen trennt, ist durch Podcasts, Tik-tok und so weiter eingedrungen. Aber ich glaube nicht, dass das Wienerische aussterben wird – genauso wenig wie die Begriffe. Denn die Menschen hören sie von ihren Eltern und Großeltern und geben sie an ihre Kinder weiter. Ich bekomme ja nach wie vor Leserfragen, die ich in meiner Kolumne beantworte. Aber im Wienerischen gibt es Veränderungen.

Welche denn?

Dusl: Zum Beispiel „Oida“. Das hat früher kaum jemand so verwendet – das ist ein Wort, das die jungen Wiener eingeführt haben. Die Jungen schaffen ein neues Wienerisch. Es gibt zum Beispiel auch das Migranten-Wienerisch. Das wird überhaupt nie verschwinden.

Ich habe auch den Eindruck, dass diejenigen, die das Wienerische am meisten bewahren und somit quasi österreichische Tradition pflegen, Migranten sind.

Dusl: Das ist ein Soziolekt, also eine Sprache, die eine bestimmte soziale Gruppe gebraucht. Es gibt viele verschiedene Wienerische, Abstufungen, die du als Deutsche vielleicht gar nicht unterscheiden kannst. Da gibt es Leute, die sich anhören, als ob sie in einem Palais aufgewachsen wären, die ganz nasal sprechen, und so weiter.

Kürzlich erschien eine Studie, in der Österreicher zu ihrer Sprache befragt wurden. Sie fanden ihre Sprache sympathischer, gebildeter und schöner als deutsches Deutsch. Ich musste über diesen Stolz und diese Heimatliebe schmunzeln. Nun möchte ich es umkehren: Was gefällt dir als Wienerin an der Stadt und ihren Bewohnern gar nicht?

Dusl: Es gibt nichts, was mich stört.

Ehrlich? Auch schön, wenn du als Wienerin nichts zu granteln hast.

Dusl: Doch, mir fällt etwas ein. Es gibt Menschen aus anderen österreichischen Gegenden, die ihre Nicht-Wienerischkeit mitbringen. Denen würde ich gerne zurufen: „Heast, beruhig di a bissl!“

Was meinst du damit? Sind die Leute vom Land besonders laut, aufbrausend und pöbeln herum?

Dusl: Es geht nicht ums Aufbrausende. Das Wienerische antwortet mit Schmäh. Die Wiener antworten auf diese Leute mit einer eigenen Weisheit, die viele nicht verstehen. Kellner haben das drauf. In guten Wiener Kaffeehäusern gibt es gute, grantige Kellner – die haben diese Attitüde. Die Ehrlichkeit ist ein Goldstandard, eine Währung. Sei ehrlich – aber sag nicht, dass es ehrlich ist.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Dusl: Ein Beispiel, ganz radikal: Wenn Amerikaner zu uns kommen, sind die immer verzweifelt, dass man sie nicht fragt: „How are you?“ Oder Deutsche, die fragen dann: „Wie geht es Ihnen heute?“ Und der Wiener antwortet: „Na ja, wie soll’s mir schon gehen?“ Mich stört nichts an den Wienern, aber die Touristen sind mir ein bisschen zu anstrengend.

Es gibt Umfragen unter Expats, also Leuten aus dem Ausland, die hier leben und arbeiten, die besagen, dass Wien seit Jahren zu den unfreundlichsten Städten gehört. Auch weil es hier schwer ist, Anschluss zu finden. Sind die Wiener Ausländern gegenüber besonders gemein und verschlossen?

Dusl: Genau umgekehrt. Die Expats könnten hier viel lernen in Sachen Wahrhaftigkeit. Es gibt viele, die sich interessieren und diese Verwienerung annehmen. Aber viele bringen aus ihren Kulturen mit, dass sie sich eine freundliche Maske aufsetzen. Und in Wien nehmen sie wahr, dass die Leute ehrlich zu ihnen sind. Ein Beispiel: Jemand hat die Nachricht bekommen, dass die Krankenkasse seine Zahnbehandlung nicht zahlen wird. Soll er dann sagen: „Ja, mir geht es wunderbar, und Ihnen?“ Das machen Wiener eben nicht. Und das erzeugt dann das Bild eines mieselsüchtigen, unfreundlichen, tragischen Wieners. Und unseren Humor verstehen sie auch nicht. Und überhaupt Expats – wie können sie sich überhaupt anmaßen, hier nur drei Jahre zu bleiben? Das ist doch eine Beleidigung für die schönste Stadt der Welt. Außerdem sprechen viele von ihnen zu laut.

Lass uns einen Zeitsprung machen ins Wien des späten 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war sehr prägend für die Stadt. Damals hatte Wien zwei Millionen Einwohner, es war viel los. Aus dieser Zeit gibt es berühmte Illustrationen von den sogenannten Wiener Typen, also Menschen, die damals das Stadtbild geprägt haben sollen: das Lavendelweib oder der Würstler zum Beispiel. Du hast ja dein Buch selbst illustriert – und da gibt es auch Wiener Typen. Was sind denn typische Wiener Gestalten von heute?

Dusl: Eine sehr wienerische Figur ist nach wie vor der Würstelmann. Oder der Strizzi. Dann gibt es eine Figur, die man nur sieht, wenn man nachts auf dem Gürtel unterwegs ist – die sogenannte Praterfee. Eine Prostituierte, eine Sexarbeiterin.

Eine Praterfee vom Gürtel?

Dusl: Nein, die Praterfee vom Gürtel heißt natürlich Gürtelhur. Aber das ist alles schon sehr unwoke Sprache, die aber existiert oder existiert hat. Und die Praterfee gehört zum Strizzi dazu, der betreut sie.

Dann gibt es noch den Gschaftlhuber. Dem habe ich das Gesicht von Elon Musk gegeben. Auf Deutsch heißt das „Hansdampf in allen Gassen“. Es gibt auch einige Politiker, die ausschließlich gschaftlhuberisch nach oben getrieben sind. Aber da das alles substanzlos ist, fliegen ihre Gebarungen irgendwann auf – und sind erfolglos. Aber der Gschaftlhuber findet immer wieder eine neue Betätigung.

In Deutschland würde man auch „Windbeutel“ sagen. Ein Typ in deinem Buch ist mir gefühlt schon tausendfach in dieser Stadt begegnet: der Hubertusmantler mit der Attersee-Familienfrisur.

Dusl: Das kommt von Lukas Resetarits, der hat den erfunden. Das sind Leute, die am Graben verkehren, die durch die Nase sprechen und sich in schicken Lokalen aufhalten. Sie haben altes Geld, Besitz und Attitüde. Sie sind in Wien zugegen, haben aber auch Villen am Attersee, im Salzkammergut, in Altaussee. Es sind alte Familien, wo sich Großbürgertum, Schickimicki und Aristokratie vermischen. Und eines der Kleidungsstücke, die sie tragen, ist der Hubertusmantel: Er besteht aus einem grünen, filzernen Stoff, die Knöpfe sind mit einem geflochtenen Leder überzogen. Das kommt von der Jagd, aber normale Jäger auf dem Land aus Oberösterreich oder Tirol, die tragen das nicht. Es ist ein Angebermantel, der nur in Wien und Salzburg getragen wird. Aber der Hubertusmantler ist nur eine von vielen Wiener Figuren. Diese Vielfalt, auch das ist Wien.

 

Fehlleistung

Da habe ich doch gerade, in einer Art Freudscher Fehlleistung, statt von jemandes Trottelhaftigkeit zu sprechen, von dessen entgleister Eigentümerstruktur gesprochen.
Die Sprache der ökonomischen Verhältnisse dringt jetzt auch in die tieferen Schichten unserer Begrifflichkeiten vor. Dem gilt es Einhalt zu gebieten.

Der Sozialdemokrat spricht falsch

Kann mich noch gut erinnern, Anfang der 70er war das, als Bruno Kreisky Momentum gewann und die Hegemonie der ÖVP gefährdete. Was da an Diskreditierung lief. Keinerlei Berufserfahrung habe der seltsame Nuschler, keine ökonomische Kompetenz. Und wie heute, wo es gegen Babler geht, wurde auch versucht, ihn bei der eigenen Klientel, den potentiellen Wählern schlecht zu machen. Seine Frau habe eine Fabrik, hieß es, den Krieg habe er im sicheren Schweden verbracht. Kein Arbeiter sei er, sondern ein Nadelstreif-Sozialist. 100 Maßanzüge im Schrank und die Schuhe vom Aristo-Schuster. Und dann zirkulierte auch ein antisemitischer Witz, der sich über Kreiskys Sprache mokierte: „Warum spricht der Kreisky so langsam“, ging der Witz, „naja, weil er alles erst aus dem Hebräischen übersetzen muss“. Und dann lachten der Herr Hofrat, der Herr Kommerzialrat und der Herr Doktor.

Social Media Awards

Die Welt ist voller Preise, Oscars, Grammys, Romys, Staatspreise, Ehrenkreuze, Krixikraxi-Awards und was weiß ich, was alles. Alle haben schon alles bekommen, nur die Kontent-Schleudern in den Sozialen Medien haben nichts, was sie sich in die Vitrine stellen können.

Was fehlt:

Preis für das heftigste Posting
Preis für die beste Emoji-Kombination
Preis für den besten Aufreger-Druko
Preis für den blödesten Kalenderspruch
Preis für das schönste Katzenbild
Preis für das schönste Urlaubszehenbild
Preis für den schönsten Sonnenuntergang
Preis für das seltsamste Crossposting
Preis für den meistbeleidigten Abgang
Preis für die giftigste Verabschiedung
Preis für die durchgeknallteste Blockier-Ansage
Preis für Posting-Dauerfeuer
Preis für das Social-Media-Lebenswerk
Ehrenpreis der Sprachpolizei
Würdigungspreis der Sonnenbrillenfoto-Akademie

Das Wörterbuch der neuen Wörter

Neue Zeiten bringen neue Wörter. Begriffe werden umgedeutet, andere verschwinden. Die Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl hat eine kleine Liste gemacht. Und ein Schaubild.

Dieser Text ist ein Teil einer ressortübergreifenden Serie des STANDARD zum Thema Sprachwandel.

https://www.derstandard.at/story/2000126824641/pandemie-bereichert-sprache-das-woerterbuch-der-neuen-woerter

A
Ampel: Jede blendende Idee ist in Österreich immer auch eine blede Idee.

Angst: Die einen haben Angst vor Corona, die anderen Angst vor Masken. Dazwischen: die Nasenraushänger.

B

Babyelefant: Das Haustier von Rudi Anschober und Karl Nehammer ist längst entschlafen. Das putzige Rüsselkind war immer nur ein Phantasma, sagen die Babyelefantologen der Universität Trippstrill, eine Art Bigfoot. Niemand habe den Babyelefanten jemals angetroffen.

„Das Wörterbuch der neuen Wörter“ weiterlesen

Ungarische Gedichten

Fritz Herzmanovsky-Orlando
Ungarische Gedichten

via Residenz zehnbändige Ausgabe: Erzählungen pag. 193; Rout am Fliegenden Holländer pagg. 89, 300, 301; Hamlet der der Osterhase 252.

Auf der Wiese, grün und klotzig
kleines Baum gewaxen hot sich.
Immer blau ist sein Gesicht
Wie er haißt – das weiß ich nicht.

Übergetitelt: Der Veilchen


Haiffig wird das Ungar Reiber
Alles stiehlt er nur nicht Waiber
Weil dies für Kavalier ist Szind
Und auch bitte! Wegen Kind!


Der Ungar von Kecskemét
ist gerne gegen Damen nett
Sind Damen aber bitte schiech
dann wird der Huszar bitte viech.


Der erwachte Löw blickt wild
und ganz entsetzlich ist sein Bild
Ein Aug ist rot der andere grün
ganz wie bei groszer Dampfer Wien


Zwei Dampfer auf dem Flusse Theiss
die panschten mühsam durch den Scheiss


RaFH

Auf der Puszta steht ein Haus
Jud ist sein Besitzer,
Mädel schaut zum Fenster raus:
Aranka… Aranka… Spitzer…

Übergetitetlt Szónnenaufgang auf der Pustza


Äinsz und Äinsz ist zwäi.
Dieszesz und noch mancherlei
Lehrt dasz Lehrer säinen Kindern
Um den Dummheit zu vermindern.

Übergetitelt: Dasz technischer Hoch-Schule.


Rosí féhrt am Stróssenbohn,
Laczy bietet Plótz ihr on,
Fénstérplótz jetzt hót sie –
Taschel hot dér Laczy.

Übergetitelt: En gutär Mónn von gutär Érziehung.


Wie der Kater hinter Mäusen
in der Nocht auf Dach von Häusen
schleicht sich Miklosch läise hin
zu dem Bett vom Schwägerin

Übergetitelt. Das Bruderliebe


Wie der Kater über Dachen
Schleicht sich Miklos, ize, száchen,
leise, leise, leise hin
Zu das Bett von Schwägerin.

Übergetitelt. Das Bruderliebe


Wie der Kater auf die Dachen
schleicht im Mondenschein, ize – sachen
Leise, leise, Miklosch hin
Zu das Bett von Schwägerin


Verszión AMD:

Wie der Koter hinter Mäusen
leise auf der Doch von Häusen,
schleicht sich Miklosch szochte hin
zu dem Bett dér Schwägerin

Übergetitelt: Das Bruderliebe


Vór där Villa grósz und prótzig,
Baum hot sich gewochsen klotzig,
hímmelblau von Óngesicht,
Sain Nómen ist Vergiszménicht.


Pál und Pista tummeln Rösser,
Sandor-Batschi wirft mit Mésser
Ilonka beliebt zu huren,
und auf Jud schiesst das Panduren.

Übergetitelt: Szóntagnachmittag auf dér Puszta.


Ormes Mädel friert und werkelt.
An der Strossenecke sitzt sie.
Pischta zahlt ihre äinen Pörkelt
Und benützt sie.

Übergetitelt: Das christliche Bármherzigkeit.


Die Ungarische Schöpfungsgeschichte

Peter Hammerschlag (1902-1942)

In Anfang war – das ist bestimmt –
DER WORT. Auf griechisch: Logosch.
In Weltmeer ist herumgeschwimmt
Die Ur-Getier, das Fogosch.

Gewackelt hat das ganze Welt.
Daß Wind sie nicht davonweht,
Hat rechts und links Gott aufgestellt
Zwei dicke, schöne Honvéd.

Was hat dann Gott zuerst getan?
Den Affen, ohne Frage.
Orangutan és Délután [=Nachmittag],
Was habn gemacht die Tage.

Das Adam hat er dann gebaut,
Den alten Hendlfanger,
Was Eva hat gekriegt zu Braut
Auf eine grüne Anger.

Die Luft war kék [=blau], der Gras war zöld [=grün]
Für aller Tiere Magen
Doch dann hat auf dem Angyalföld [=Engelsfeld]
Der Kain den … Izé erschlagen. [=Dingsda]

Da hat das liebe Gott gepfeift,
Hat sich gebäumt der Máros,
Und mit der Sintflut hat ersäuft
Das ganze Lipotváros [=Leopoldstadt].

Wie Erde bissel trocken war,
Hat angefangt zu reiten
Held Attila mit Hunnenschar,
Um Kultur zu verbreiten.

Erst hat gegründet Ungarland,
Dann Rom, Athen és Kréta,
Und alle Menschen, was bekannt,
Sind nachgekommen späta.

In Papyrúsch man liest seit je –
Nur leider ging verloren – ,
Daß Kleopatra Kiralyné
In Kispest war geboren.

Magyarisch war Literatur,
Von angefangen Psalter
Bis Cató, Plautusch, Terencz-ûr
Und Vogelbácsi Walther.

Auch dürfen wir vergessen nie
Das größte Kolorierer:
Berühmter Müvész Ajtossi,
Was Schwaben rufen „Dürer“. [Ajto = Tür, Ajtossi = Türer]

Jedoch der größeste Magyar
War Goethe-János, bitte.
Weil er aus Nagy-Weimárosch war,
Wo herrschte Ungarsitte.

Und hätt sich Welt beleuchtet? Nie!
Elektrisch wär erloschen,
Wenn hätten Vólta, Galványi
Kein Licht gemacht aus Froschen.

Denn jeder große Mann mit „i“
Ist ein Magyar gewesen.
Bei Górki, Gándhi, Márkonyi
Kann man das selber lesen.

Und wenn ein Stadt hat „a“ und „o“,
War Ungar Urbewohner:
Kálkutta, Prága, Kárthagó,
Tókio és Veróna.

Und was wär Wien? Wien wär für Katz!
Szent István hat gegründet
Auf István-tér den Stephansplatz,
Weil Mitleid hat empfindet.

Wann vier Zigeuner – schon gezähmt –
Mit Geige sich versammeln,
Man hat sie gleich nach Wien genehmt
Und hat genannt sie „Schrammeln“.

Womit auf Wiener Kunst ich komm –
Wer war ihr Kindesvater?
Das war der Molnár-Liliom!
Was baute Burgtheater.

Wo leichte Kunst sich bettete,
Macht stets Magyar das Lager,
Und Operette rettete
Der ungarische Schlager.

So werden wir, baratocs kam [=mein Freundchen]
Das Wiener Erbe wahren.
Denn Kálmán, Lehár, Abrahám
Stehn Wacht wie drei Husaren!

Ungarherz muss vieles leiden,
Steht in Hintergrund bescheiden,
Aber zupft sich kleines Lied auf Zither:
EXTRA HUNGARIAM NON ESCHT VITA!


Alla lalla tattaralla! Brüllt das Löw
und streckt den Glieder,
blicket wild und streicht den Schnurrbort
und dann legt das Löw sich wieder nieder.


 

Niémetz Lenau Ferencz Miklos
via Jugend 1902 Seite 597
Lenau Miklos

Ein Vollblutmagyare schickte uns die nachfolgenden
„Schilflieder“ des neuentdeckten magyarischen Dichters
Lenau Miklos, die wir mit Vergnügen zur Kenntnis
unserer Leser bringen.

 

I.

Drüben untergeht bei Schwoben
Sonne! Laider! Dann ist Nocht…
Kann mon helfen nix! Wir hoben
Ober Sonne, wann erwocht!

Sonne kommt von Ungar immer
Erst zu Schwob, das ist ja klar
Und ist auch Verwais doss immer
Ungar etwas heller wor!

Wos main tiefes stilles Leben
Als wie Sonne drum durchbricht,
Ist: Der Schwob kann mir nie geben!
Ungor gibt der Welt das Licht!

Lenau Miklos

 

II.

Trübe wird, die Wolken jogen,
Haite regnet jedenfolls;
No, kann Ungor No? vertrogen,
Gonz besonders – auch im Hols!

Auch das Wäizen und das Hober
Lieben Noß! Und noß gedeihn
Olle Ungarisches – ober:
Gonz besonders! – auch dos Schwain!

Lenau Miklos

 

III.

Auf gehaimem Waldespfode
Schlaich‘ ich gern in Obendschain;
Denn viellaicht, wann hob‘ ich Gnode,
Schieß‘ ich Wildsau, fett und Fain!

Jogdherr sitzt ja während diesem
Drin in Pesth und Budawar!
Hát! Wer Soll denn Schweindl schießen,
Wann nicht broves Wilddieb war‘?

Und ich maine, hör ich brechen
Bissel wos schon duch Gestraich…
Teiofel! Dos sind Schwaine-Zehen!
Eljen Sau! Verschieß‘ ich glaich

Lenau Miklos

 

IV.

Sonne druckt sich rasch!
Schworzes Wolkerl ziegt
Grod als wann Goulasz
Schworz auf Teller liegt.

Zwischen Wolken so
Roth erschaint das Blitz
Als wie Papriko
Zwischen Goulasz-Schnitz.

Und es fohrt Orkan
Durch dos Himmel auch
Grod wie Goulasz dann
Fohrt herum in Bauch

Lenau Miklos

 

V.

In dos Daich, das regungslose,
Schaugt dos ungorische Mond,
Glaichsam steckend saine Nose
In ain Glos – ist so gewohnt!

Wondelt Hirsch vorbei on Higerl,
Schlégt Geweih wie Engel Fligel
Nocht ist etwas dunkel zwor,
Ober Hirsch ist stolz wie Gigerl –
Hirsch ist eben: Mogyor!

Wann ich seh dos, muß ich sogen:
Dos ist scheen! Teremtete!
Dos geht Ainem durch den Mogen
Wie ain haißer Nochtcoffee!

Niémetz Lenau Ferencz Miklos

Salzgriesisch ::: Fahrplanauskunft

Faschistenbraten – faschierter Braten

Salzgegriesnis.jpgHier ist sie! Die Seite aller Seiten, die Seite über Salzgriesisch. Was zum Heter aber ist Salzgriesisch? Für alle Nichteingeweihten und Zuspätgeborenen eine kleine Beleuchtung:

Salzgriesisch, ein Wiener Innenstadt-Soziolekt, wurde nahezu ausschliesslich im Café Salzgries in der Marc Aurel Strasse gesprochen. In dieser Strasse nahe dem alten Stromufer hat nicht nur die Stadtzeitung Falter seine Adressse, auch das Nachrichtenmagazin profil war vor seiner Übernahme durch den Fellner-Konzern dort zu Hause.

Salzgriesisch gilt heute als ausgestorben, wird aber von ehemaligen Gästen und Kellnern geheim am Leben gehalten.

Das Altwiener Lokal Salzgries, einst von Kurt Kalb so erfunden, als hätte es immer schon existiert, geriet durch eine Kette unwürdiger Ereignisse seiner Stammgäste und seines Spiritus Rector, Kellner „Herr Peter“ alias „Per Heter“ verlustig und ist heute ein Bistro mit dem pfiffigen Namen „Le Salzgries“.

Na Gütlichkeit! Es folgt der Fahrplan:

GESÜPPNISSE und BEIGELAGE

Fleischtee oder Knochenbad ……. Rindsuppe
Fleischtee mit Palatschinkenlametta ……. Frittatensuppe
Zusammengepickter ……. Knödel
Chinesenschotter ……. Reis
Heisse Wiese ……. Spinat
Kräuter (das) ……. Gemüse

Embryonales Küken auch: Hühnerembryo ……. Ei
Ärmel mit an Kitt ……. Burenwurst (wegen der Ähnlichkeit mit dem Unterarm) mit Brot (aufgrund der Konsistenz)
Buckel ……. Scherzerl, das runde rückenähnliche Brotende
N****finger ……. Waldviertler Wurst
Kinderschas ……. Senf
Depressiver ……. Kren

SPEISLICHKEITEN

Fleischildefonso ……. Lasagne
Kuchlfetzen in der Pannade oder: Sandale paniert ……. Wiener Schnitzel
Pilzgatsch ……. Schwammerlsauce
Putensandale ……. Putenschnitzel
Grindlappen ……. Panierter Leberkäse
Gummiflugzeug auch: Gummiadler ……. Portion Huhn gebraten
Auftrennter Pullover ……. Spaghetti
Faschistenbraten ……. Faschierter Braten

GETRÄNKNISSE

Giesshübl oder: Geduschter ……. Weisser Spritzer = Gespritzter (Weißwein mit Mineralwasser, i.e. saure Weinschorle)
Hopfenkaltschale ……. Glas Bier
Kinderfernet ……. Coca Cola
Obette ……. Obi gespritzt (Apfelschorle)
Hochobette ……. grosses Obi gespritzt (Halber Liter)
Öbinger ……. Purer Apfelsaft (von „Obi“, einer Apfelsaftmarke)
Glocke ……. Achterl Wein (wegen der Form des Glases)
Rote Glocke ……. Achterl Rotwein
Gletscher ……. Eiswürfel
Schneekoppe ……. Melange
Babykoppe ……. Melange in Kleiner-Braunen-Tasse
Hitler ……. Grosser Brauner
Mussolini ……. Kleiner Brauner
Faschist ……. Milchkaffee
Heubad ……. Tee

SCHIEDLICHE VERKEITUNGEN

Gewürzschaukel auch: Mineraliensammlung ……. Salz-und-Pfeffer-Halter
Maggischiff ……. Gewürzschaukel mit Maggifläschchen
Fahrplan ……. Speisekarte
Gas und Strom auch: Ablesung ……. Die Rechnung, bitte!
Maut oder: Zimt ……. Trinkgeld
Mautschwein ……. Geldtasche des Kellners
Eisenschein ……. Münze
Unnedicha ……. Unnötige Münze (zB. Ein-Schilling-Stück)
Beilagscheibe ……. Kleine Münze (zB. Zehn-Groschen-Stück)
Reiter ……. Fünf-Schilling-Stück
G’spann ……. zwei Fünf-Schilling-Stücke oder ein Zehn-Schilling-Stück
Viererkutsche ……. vier Fünfer
Hitlerzettel ……. Zwanzig-Schilling-Schein (wegen der braunen Farbe)
Kleine Tapete ……. Fünfzig-Schilling-Schein
Froschhaut ……. Hundert-Schilling-Schein
Manschette ……. Tischtuch
Werkzeug ……. Besteck
Spachtel ……. Messer
Höcker ……. Camel Zigaretten
Meuberl ……. Marlboro Zigaretten
Steuwerl ……. Stuyvestant Zigaretten
Goloetten ……. Gauloise Zigaretten
Johnnetten ……. Johnny Zigaretten
Goldring ……. Kent Zigaretten
Stadtpark ……. Schanigarten vor dem Café Salzgries
Ernst-Göschl-Platz ……. Kreisverkehrsinsel beim Zusammenlauf von Vorlauf- und Marc-Aurel-Strasse

SPRÜCHLICHKEITEN

Einen schlanken Fuß machen ……. etwas ist elegant, paßt gut; z.B.: Das Gummiflugzeug macht einen schlanken Fuß in Kräuter: Die Gemüsebeilage paßt gut zum Hendl.
Einen Schuh machen ……. weggehen, das Lokal verlassen
U-Bahn-Sandale machen ……. mit der U-Bahn fahren
Letzte Ölung ……. Ein Gläschen Fernet Branca; kurz vor Verlassen des Lokals eingenommen

GELEUTNISSE

TDG ……. Tisch des Grauens – i.e. Stammtisch
Der Bunte ……. Tätowierter Gastronom
Arbeiterdenkmal ……. Salzgries-Wirt Ernst Göschl selig
Pinselschwinger ……. Der Maler R.H., Stammgast
Pyramidenputzer ……. Persischer Innenarchitekt, Stammgast
Kalter Umschlag auch: Dr. Cheops ……. Ägyptischer Arzt, Stammgast
Jean Gabin ……. Edelsandelnder Gast, hier  zu sehen
Konzernleitung ……. Salzgries Geschäftsführung
Die sterbende Frau ……. ältere Dame, die beim Essen immer einschlief und dabei regelmässig in die Suppe fiel.
Per Heter ……. Kellner Peter Ferber – „Herr Peter“
Der Zauberer ……. „Herr Michael“, Kellner, der früher auf einem Kreuzfahrtschiff als Gelegenheitszauberkünstler gearbeitet hatte.
Brader Gürtel ……. Frau Ricki von der Konzernleitung
Gefältnis ……. Falter-Redaktion

MEHRLICHKEIT HIER:

Langenscheidt-Salzgriesisch.jpg

Der unerlässliche Sprachführer
befindet sich in Vorbereitung!

Salzgriesisch

Cafe-Salzgries.jpgLiebe Frau Andrea, dunkel erinnere ich mich, mal über eine Sprache gelesen zu haben, die sich Falter- und profil-Redakteure ausgedacht haben, um im Café ungestört miteinander zu kommunizieren. Eine Art wiener Journo-Cockney, wenn man so will. Wissen Sie da was drüber?
Sophie Reinelt, Passau
Liebe Sophie, diese “Sprache” gab es tatsächlich. Sie hiess “Salzgriesisch” und wurde nahezu ausschliesslich im Café Salzgries in der Marc Aurel Strasse gesprochen. In dieser Strasse hat nicht nur der Falter seine Adressse, auch das profil war in Prefellnericum dort zu Hause. Salzgriesisch beschäftigte sich im wesentlichen damit, die Vorgänge im Café, die Namen von Speisen, Getränken und bestimmten Gästen in poetisch hochstehende neue Wort- und Satzgefüge zu überführen. Die Speisekarte hiess “Fahrplan”, Münzen waren “Eisenscheine”, Coca Cola hiess “Kinderfernet”, Melange “Schneekoppe”, Lasagne war “Fleisch-Ildefonso”, Suppen firmierten unter “Fleischtee” oder “Knochenbad” und Spinat war schlicht “die heisse Wiese”, Doyen des salzgriesisch war der legendäre Kellner Herr Peter (Färber), salzgriesisch “Perr Heter” genannt. Stammgäste hatten so seltsame Namen wie “der Bunte”, “ der kalte Umschlag”, “die sterbende Frau”, “der lebende Vorwurf”, “Pinselschwinger”, “Pyramidenputzer”, “Pocahontas”, “Noriega” oder “Jean Gabin”. Das Salzgriesisch ist mit dem Umbau des Café Salzgries in das franzöische Edel-Bistro “Le Salzgries” untergegangen. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für Falter 37/2005

Goodbye Salzgries

„Heisse Wiese“ – von Perr Heter, Wolfgang Kralicek und Andrea Maria Dusl

„Der Nachruf auf das Café Salzgries gehört jedenfalls zu den Dingen, die ich mir gerne in meine verbale Schatzkiste stecken möchte“

(Lotte Krisper-Ullyett in ihrem Blog)

[…] Wäre Wien bis auf alle Grundmauern verschwunden und nur dieser Ort geblieben [Anm. eben das zugesperrte Café Salzgries], man hätte die Stadt wiedererrichten können aus den Geschichten, die hier erlebt wurden, aus dem Personal, das es bevölkerte, aus der Sprache, die hier gesprochen wurde. […]

In deinem Paralleluniversum wurde eine Sprache gesprochen, die mit dir verstummen wird. Wo sonst wird man ein „Knochenbad“ oder einen „Fleischtee“ bestellen können, wenn man Rindsuppe essen will? Wo wird man nach dem Fahrplan verlangen, wenn man die Speisekarte begehrt? Wo wird man nach „Gas und Strom“ rufen können, wenn man die Rechnung will? Und wo wird man diese dann mit „Eisenscheinen“ (Münzen) begleichen können? Wo soll die „Gewürzschaukel“ oder auch die „Mineraliensammlung“ (Salz & Pfeffer), der „Depressive“ (Kren), das „Fleischildefonso“ (Lasagne), der „aufgetrennte Pullover“ (Spaghetti) oder die „heisse Wiese“ (Spinat) gereicht werden? Auch exotische Getränke wie der „Kinderfernet mit Gletscher“ (Coca-Cola on the rocks), die „Hochobette“ (großes Obi gespritzt), die „Hofenkaltschale“ (Seidel), das „Astl“ (Zweigelt) oder der „Gießhübl“ (Weißer Spritzer) gehörten in deinen Räumen zum Standardsortiment.

Gehegt und gepflegt haben deine Sprache, die als „Salzgriesisch“ in die Geschichte eingehen wird, „Perr Heter“ (Herr Peter) und eine gleichermaßen eingeschworene wie ausgschamte Stammkundschaft, die sich in hingebungsvoller Treue um ihn scharte. […]

Im Falter 7/04, „Tiefschlag für Wien“, S. 70