Wie glamourös ist clamoros?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2025 vom 23. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in Zukunft sollen „clamorose Fälle“ nicht mehr am Schreibtisch der Justizministerin oder am Laptop von Pilnaceken landen, sondern bei einer unabhängigen Bundesstaatsanwaltschaft. Das ist natürlich gut so. Woher kommt dieses seltsame Wort „clamorös“? Von „glamourös“?
Danke für Ihre stets unclamorose Aufklärung und liebe Grüße,
Bettina Zeitlhuber, Wien Meidling, per Email

Liebe Bettina,

ich darf fast mit Karl Valentin antworten: Es wurde schon von allen etwas gesagt, nur noch nicht alles. Nach Übereinkunft unter den Beforscher·innen des besagten, die österreichische Justizberichterstattung dominierenden Begriffs wird mit „clamoros“ der medial auffällige, Prominente betreffende Fall bezeichnet. Ministerium und Anklagebehörden wurde nachgesagt, eine Zweiklassenjustiz zu betreiben, die Normalos streng anzufassen, die clamorosen, meist politischen Berühmtheiten weitgehend zu schonen. „Daschlogtsas“ (erschlagt es) war die dazu kolportierte Weisung, das clamorose Verfahren zu beenden.

Eingeführt in die Alltagssprache, vor allem aber in den polit-medialen Diskurs dürfte das Wort Egmont Foregger haben, von 1987 bis 1990 parteiunabhängiger Justizminister des Kabinetts Vranitzky II. Der einstige Justizsprecher der ÖVP, Michael Graff hatte allerdings schon 1983 seiner freiheitlichen Kollegin Partik-Pable vorgeworfen, clamoros und glamourös zu verwechseln, ein Vorwurf den diese wiederum an die Parlamentsstenografie weiterreichte. „Clamor“ [lateinisch Krach, Lärm, Geschrei], so Graff in seiner Ausführung, sei früher einmal ein eigener Haftgrund gewesen. Wenn eine Strafsache besonderes Aufsehen erregt habe, dann wäre der Beschuldigte in Haft zu nehmen, um die tobende Volkswut zu besänftigen.

Sehen wir uns nun „glamourös“ an, soviel wie blendend, betörend, zauberhaft. Es kommt vom neuenglischen glamour. Das ursprünglich schottische Wort bedeutete „Zauberspruch oder Magie“, und war eine Lautform von grammar, vom griechischen Wort gramma kommend, „Buchstabe des Alphabets, Geschriebenes”.

Wie sagen die Clamorosen? „Jedes Schriftl is a Giftl“.

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Heiliges Bimbam

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2025 vom 16. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
als langjähriger Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien beschäftigt mich schon länger eine Frage: In den alten Straßenbahngarnituren hört man zwischendurch Signaltöne, die sich wie „Ding“ und „Dong“ anhören. Ich konnte bis heute nicht herausfinden, welchen Sinn diese Töne haben, da sie (zumindest für mich) willkürlich und in keinem erkennbaren Muster zu hören sind. Haben Sie eventuell nähere Informationen dazu?
Mit besten Grüßen,
Klemens Grünwald, per Email

Lieber Klemens,

die Wiener Straßenbahnen erzeug(t)en eine Vielzahl von Geräuschen, das zweitberühmteste (wenn auch meistgefürchete) war das schrille Quietschen alter Garnituren in engen Schienenkurven. Das berühmtes Geräusch war das kurze oder lange Bimmeln, das warnend Achtung gebot. Gerald Pichowetz’ Figur des Franzi Mayerhofer, genannt „Fünfer“, in der Kultserie „Kaisermühlen Blues“ war eng verbunden mit dem lautmalerischen Warnwort „Bimbim“. Zuletzt wurde „Bim“ gar zum Synonym für die, bis dahin „Tramway“ und „Elektrische“ genannten Wiener Straßenbahn-Garnituren.

Nach Konsultation eines mir nahestehenden Experten der Geschichte der Wiener Straßenbahnen wird das Hör-Bild der von Ihnen wahrgenommenen Klänge deutlicher. Sehr wahrscheinlich meinen Sie die Signale, die früher dem Fahrer meldeten, dass Beiwagen und Triebwagen abfahrtsbereit waren, also die Türen geschlossen waren. In den alten Straßenbahnen mit offenen Türen (zum Auf- und Abspringen während der Fahrt) waren in jedem Wagen Schaffner·innen zugange, die dafür sorgten, in jeder Haltestelle die Abfahrbereitschaft des Wagens zu melden. Von „hinten nach vorne“ betätigten sie an einem ledernen Glockenzug eine Glocke, zuerst der (hinterste) Beiwagen, danach der eventuell mittlere, und schließlich der Schaffner des Triebwagens. Nach Einführung elektrischer Falttüren und auf dem Schaffnerplatz sitzendem Personal wurde das Glockensignal durch Knopfdruck ausgelöst. Das des Beiwagen klang wie „Ding“, das des Triebwagens wie „Dong“.

Die akustischen Signale heutiger Garnituren sind ferne Reminiszenzen, allesamt elektronisch im Soundstudio erzeugt.


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Woher kommt der Sandler?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2025 vom 9. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
beim Besuch der Dauerausstellung des Wien Museums stieß ich auf eine Erklärung des Worts „Sandler“. Das seien jene Menschen gewesen, die in den Ziegelwerken den Sand in die Formen streuten. Der Duden, den ich zuhause hinzuzog, sagt hingegen, der Begriff käme aus dem Mittelhochdeutschen – „seine“ bedeutet langsam, träge. Was stimmt denn nun?

Ihre Anna Stibitznik, 1010 Wien, per Email

Liebe Anna,

Sandler ist einer der Begriffe im Wienerischen, denen Volksetymologie und Wörterbuchautor·innen eine Vielzahl von Ursprüngen zuspricht. Als Sandler wurde bis in die Zeiten politischer Korrektheit und woken Sprachgebrauchs der meist männliche, verwahrloste und unprofessionell bettelnde Obdachlose bezeichnet, der Faulpelz, Schnorrer und Arbeitslose. Ein bedeutungsidentes Wort im Wienerischen ist der Griaßler (nicht zu verwechseln mit dem Greißler, dem kleinen Lebensmittelhändler). Aus dem wienerischen Griaß (mittelhochdeutsch griez, griesch) für Sandkorn, Kiessand, Strand entwickelte sich um 1900 die Bezeichnung Griaßler für die, auf den Sandbänken der Donau und des Wienflusses lagernden Obdachlosen. Die häufig zirkulierende Theorie der Abkunft des Begriffs von sandstreuenden Ziegelarbeitern ist schön aber falsch, ebenso wie die, es käme von althochdeutsch „-seimi“, mittelhochdeutsch „seine“ (langsam, träge), gehört dies doch im Sinne von langsam fließend, tröpfelnd zum Substantiv Seim, das Sämige. Demnach müsste der Sandler ja Seimer heißen.

Wie so Vieles hat der Sandler seinen Ursprung im Rotwelschen, wo mit „Sand“ die Läuse bezeichnet werden. Sandig sein bedeutete Ungeziefer zu haben, angesandelt zu sein, Läuse zu haben. Zandik, Sandig bezeichnet im Neuhebräischen den Gevatter. Im Rotwelschen nahm das Wort die Bedeutung Parasit, Mitwisser an, der etwas von der Beute verlangte und erpreßte, synonym mit Blutsauger. Der Sandler ist also der von Läusen befallene, hygienisch unterversorgte Mensch.

Ist das so weit weg von uns? Nein. Die Wiener Alltagssprache kennt das Wort „ansandeln“, soviel wie anstecken für den Infektionsvorgang durch Niesen und Husten.

Gesundheit!


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Wie ausgestochen ist die Nudel?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 27/2025 vom 2. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
als unbedingter Gegner misogyner Wortwendungen frage ich mich, woher der Begriff von der „ausgestochenen Nudel“ – umgangssprachlich „a gonz a Ausgstochane“ – wohl kommen mag. Soweit ich meine Salzburger Freunde verstanden habe, wird damit eine schnell pikierte und in Dingen von Stil und Umgangsformen leicht aus der Fassung zu bringende Person bezeichnet. In meinen Münchner Jahren lernte ich „ausgezogene Nudeln“ kennen, ein Schmalzgebäck, wobei ich mir nicht im Klaren bin, ob hier eine begriffliche Verwandtschaft bestehen könnte. In meiner Jugend wurden schrille weibliche Fernsehpersönlichkeiten, wie die von mir verehrten Hella von Sinnen, oder Helga Feddersen in den Medien als „Ulknudeln“ tituliert, was mir schon als Kind despektierlich erschien. Ich hoffe, Sie können für Aufklärung sorgen.
Ihr Philipp Hauers, per Email

Lieber Philipp,

als Mutter aller Ulknudeln sei die deutsche Kabarettistin Ingrid Steeger in Erinnerung gerufen, die in der 70erjahre-Klamauk-Serie Klimbim das Genre entscheidend geprägt hat. Das Bundesdeutsche verwendet den Begriff „Nudel“ vorrangig für die leichtherzige und humorfähige Frau. Anders verhält es sich in den Gebieten südlich des Weißwurstäquators, wo „Nudeln“ synonym mit Klößen und anderem Herumgedrücktem verwendet wird, ist doch das Wort selbst eine Lautvariante zu Knödeln und Knuddeln. Obschon es nahe liegt, bei der „ausgestochenen Nudel“ an ein Ergebnis küchenteigbasierten Schaffens zu denken, kommt der Begriff aus dem ritterlichen Mittelalter. Etwas auszustechen bedeutet bekanntlich, etwas aus etwas anderem herauszustechen, Weihnachtskekse etwa, in der Folge aber auch, etwas mit einem spitzen Gerät zu entfernen, ursprünglich den Gegner mit der Lanze aus dem Sattel zu holen – umgangsprachlich, jemand in den Schatten zu stellen, zu übertrumpfen.

Die „ausgestochene Nudel“ ist also die formbare, des Herumgedrücktwerdens nicht abgeneigte weibliche Exzellenzperson. Das Wienerische kennt den Typus als „schdeule Oide“, als „feschn Dsopfm“ und „wööd Schnoin“. Berechtigte Kritik an genderungerechter, ja sexistischer Sprache muss an anderer Stelle erfolgen.


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Fremde grüßen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 26/2025 vom 25. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
es ist nicht die Etymologie, die mich zu Ihnen drängt, sondern ein neuer Nachbar. Wie es sich herausstellt, scheint es so, als wäre Martin Sellner samt Familie in meine unmittelbare Nachbarschaft nach Baden remigriert. Nun freut es mich durchaus, dass er sich an der autochthonen Luft erfreut, jedoch bin ich mir unsicher, wie ich mich im Falle einer Müllplatzbegegnung verhalten soll. Vor allem, welcher Gruß hier angebracht wäre.
       Wäre hier ein neutrales Kopfnicken ratsam, oder könnte dies – man wagt es kaum zu denken – bereits als ein klandestines Signum zur Wiedergewinnung des Abendlandes ausgelegt werden? Vielleicht ein unverfängliches „Grüß Gott“, das mit feiner Ambivalenz darauf verweist, dass höhere Mächte für alles ihre Pläne haben mögen? Oder aber ein schlichtes „Hallo“, was mir jedoch schon beinahe globalistisch erscheint und womöglich Zweifel an meiner eigenen Verwurzelung wecken könnte?
       Bitte helfen Sie mir durch diesen nachbarschaftlichen Gruß-Dschungel, bevor ich noch versehentlich Teil einer großen Erzählung werde.
Herzlich unsichere Grüße,
Gotthold Zauder, per Email

Lieber Gotthold,

bei allen Höflichkeitsbekundungen im öffentlichen Raum taumeln wir durch unsicheres Terrain. Dürfen Prominente von Nichtprominenten durch Gruß inkommodiert werden? Wie verhält sich dies bei Zeitgenossen zweifelhafter Prominenz? Soll man Freundlichkeit durch Barschheit ersetzen? Durch Ignoranz? Polemische Untertöne anklingen lassen? Satire bemühen? Zynismus gar?

Falls Sie zu Grußworten neigen, seien ein paar erprobte Formeln empfohlen. Werfen Sie dem Identitären ein unverfängliches „Willkommen Fremder!“ entgegen, ein krocherisch-spätjugendliches „Bam, Oida!“, oder die sozialdemokratische Segensformel „Fröndschafd!“ Appellieren Sie an Fremdsprachenkenntnisse mit einem britisch gehauchten: „“Honi soit qui mal y pense“ (ein Schelm, der Böses dabei denkt). Nicken Sie wie Kaiser Ferdinand 1848 und fragen Sellnern schönbrunnerdeutsch „Ja dürfen’s denn des?“

Im Falle galoppierenden Übermuts kann es dienlich sein, Ihrer allfälligen Begleitung unüberhörbar zuzuraunen: „Schau, der Gudenus!“


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Saperlot nochmal!

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 25/2025 vom 18. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
als Großmutter eines zweieinhalb Jahre alten Enkelkindes freue ich mich immer über neue Wörter, welche sie entdeckt und wie Bausteine in ihre Satztürme einbaut. Letztens kam sie von der Kinderkrippe und spielte die Pädagogin nach, wobei sie immer wieder „Saperlot“ verwendete. Dieses Wort hatte ich zuletzt selbst als Kind von meiner Oma des öftern gehört und es hatte mich schon damals fasziniert. Bitte um Aufklärung, woher der Begriff kommt und wie es anscheinend zu dessen Wiederentdeckung kam.

Karin Eichberger, von meinem iPad gesendet

Liebe Karin,

wie vergessene oder ins Altertümliche gestellte Wörter und Begriffe wieder in den Sprachgebrauch treten, kann nicht immer allgemein beantwortet werden. Sie müssten die Pädagogin ihrer Enkelin befragen, auf welchen Wegen „Saperlot“ (manchmal auch „Sapperlott“ geschrieben) zu ihr, und damit zu Ihrem Enkelkind kam.

Leichter fällt es, Licht in die Wortgeschichte von Saperlot zu bringen, steht es doch in einer Reihe ähnlicher Fluchwörter und Erstaunensäußerungen. Die Wienerischen Ausrufe Saperlot!, Sapradibiks!, Saprament! und Saprawoit! sind Fluchwörter, die durch Entstellung und Wortmischung aus dem schriftdeutschen „Sakrament“ hervorgegangen sind und in etwas deutlicher Form als Sakralót!, Sakerlot!, Saperment! zirkulier(t)en. Ähnlich wird „sakrisch“ (besonders, sehr) verwendet, wenn es nach Sturz und Verletzung „sakrisch weh tut“, oder jemand, heimlich oder unheimlich, und sehr österreichisch, „a sakrische Freid“ an etwas hat.

Dabei ist die Interjektion „Sakerlot“ garnicht bei uns entstanden. Sie wurde im 17. Jahrhundert aus französisch „sacrelotte“, einer euphemistischen Bildung nach „sacredieu“ (entstellt auch „sacrebleu“), aus „sacré nom (de Dieu)“, der geheiligte Name (Gottes) gebildet. Unschwer ist in „sacré“ das lateinische „sacer“ erkennbar, das heilig bedeutet, einem Gott geweiht, und sprachlich verwandt ist mit „sanctum“. Als „Sankt“ ist es der Titel der Heiligen der katholischen Welt und so in zahlreichen, nach dem jeweiligen Kirchenpatron benannten Orten verewigt.


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Wann es elf zählt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 24/2025 vom 11. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
es ist immer wieder eine Freude, Ihren Offenbarungen zur Wiener Etymologie zu folgen! Nun ergab es sich, dass in einem Gespräch mit Menschen jüngeren Alters, aber auch durchaus in ähnlichen, ostösterreichisch geprägten Alterskohorten der Ausdruck „das zählt elf“ vulgo „des zöht öfe“ völlig unbekannt scheint. Sollte ich nicht bereits eine Erörterung dazu verpasst haben, wäre ich über eine Deutung der Herkunft dieser „berechtigungsraubenden“ Redewendung dankbar. Wirklich erklären konnte ich sie den Unwissenden nämlich nicht.
Vielen Dank,
Michaela Schwaiger, per Email

Liebe Michaela,

die Redewendung ist beste Wiener Gaunersprache, sie kursiert(e) ausschließlich in der Form „des dsöhd öfe“ – als hochdeutsche Phrase ist sie nahezu unbekannt. „Des dsöhd öfe“ bedeutet, etwas zähle nicht, sei egal, belanglos. Die Wendung scheint auf die verschärfte Variante eines alten Glücksspiels zurückzugehen, bei der es galt, mit drei Würfeln mehr als elf Punkte zu erzielen. Besagtes Würfelspiel, „Paschen“ genannt, leitet sich vom französischen „passe dix“ ab (zehn überschreiten). Als Spielvariante „Elf hoch mit drei Würfeln“, bei der die Einsätze verdoppelt werden konnten, stand es ab 1904 auf der Liste der verbotenen Glücksspiele des k.u.k. Justizministeriums. Da die Wahrscheinlichkeit, mit drei Würfeln zwölf oder mehr Augen zu erreichen, signifikant unter 50 Prozent liegt, verstärkt sich der Verdacht, daß „mehr als zehn“ eingefleischten Wienern mit ludischer Neigung nicht ausreichend spannend erschien.

Ob die berühmte „Elferfrage“ Rudolf Horneggs aus dem ORF-Wissens-Quiz „Einundzwanzig“ verstärkenden Einfluss auf die Redewendung genommen hat, muss noch näher erforscht werden. Die Elferfrage jedenfalls galt als schwierigste und damit fast unbeantwortbare Frage.

„Up to eleven“, die Markierung „elf“ als jenseitige Lautstärkeeinstellung erfuhr filmgeschichtliche Prominenz in einer Szene des Streifens „This Is Spinal Tap“, in der der fiktive Gitarrist Nigel Tufnel damit angibt, die Regler seines Marshall-Gitarren-Verstärkers ließen sich nicht bis zehn, sondern getunter Weise bis elf hochdrehen.


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Wo der Ripatsch herkommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 23/2025 vom 4. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
ich war kürzlich meine Tante Peppi (bald 96) in Niederösterreich besuchen. Sie erzählte von der Vergangenheit und irgendwann von einem verheirateten Paar. Er sei ja tüchtig, seine Frau aber ein richtiger „Ribatsch“ gewesen. Ich konnte mir unter „Ribatsch“ nichts vorstellen und sie konnte es nicht erklären, was sie fast zur Verzweiflung brachte (vermutlich ob meiner Begriffsstutzigkeit). Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Ich wäre dankbar und vermutlich Tante Peppi auch.
Mit freundlichen Grüßen,
Karin Gemeiner, Leopoldstadt, per Email

Liebe Karin,

das Knacken des Rätsels um den Ribatsch war etwas schwieriger, weil der Begriff weder im alten noch im neuen Wienerisch zirkuliert(e), und auch in den niederösterreichischen Dialekten weitgehend unbekannt ist. Die Suche im Tschechischen, Slowakischen und Slowenischen bringt keine sinnvollen Ergebnisse, keine spezifischen Ausdrücke jedenfalls, mit denen man eine deviante Ehefrau bezeichnen könnte.

Erhellendes ergibt allerdings der Blick in den k.k. Osten unseres Landes, nach Ungarn. Dort kennt man den „ripacs“ (ausgesprochen Ripatsch, Ribatsch) als Bezeichnung für die marktschreierische, auffällige Person, genauer für den Schmierenschauspieler, Kulissenreißer, den billige Effekte erzielenden Vortragenden. Die umgangssprachliche Popularität des Wortes zeigt sich im Namen der schurkisch ausschweifenden Figur „Ripacs“ im 1883 verfassten Volksstück „A csókon szerzett vőlegény“ (Bräutigam werden mit einem Kuss) des ungarischen Dramatikers und Schauspielers József Szigeti. Als Erstbedeutung des Begriffs nennen die etymologischen Wörterbücher des Magyarischen die Unebenheit, Beule, Vertiefung, den Fleck auf dem Blatt der Pflanze, die Pocken-Narbe. Wann und warum die Bezeichnung für die missgestaltete Oberfläche auf die Schmierenkomödiantik, das übertriebene Schauspiel übersprang, muss noch Gegenstand der Forschung bleiben. Wie und auf welchen Wegen ein ungarischer Ausdruck für schlechte Bühnenkunst in die Hermeneutik niederösterreichischer Ehepaare aus der Großelterngeneration gefunden hat, bleibt weiterhin spannend.


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Wer den Schas erfand

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 22/2025 vom 28. Mai 2025

Liebe Frau Andrea,
viele Medien im Land gehen von der falschen Annahme aus, der legendäre ESC-Sager vom „Schas gewonnen“ stamme von Andi Knoll. Meiner Erinnerung nach stammt der ursprüngliche Ausspruch von Roman Gregory. Vielleicht könnten Sie, verehrte Frau Andrea, dem Mysterium um den tatsächlichen Urheber auf den Grund gehen.
THNX & noch einen vergnüglichen Tag!
Grüße aus Wien Alsergrund,
Gabriela Vida, per Email

Liebe Gabriela,

nach ausgiebigen Recherchen und Telefonaten mit Beteiligten wird das Bild um den Sager vom Schas etwas klarer. Die Sache begann mit der Wiener Heavy-Metal-Band Alkbottle. Die Truppe um Sänger Roman Gregory hatte sich Ende 2010 mit der Nummer „Wir san do net zum Spaß, wir gwinnan eich den Schas“ um die nationale Vorentscheidung beworben. Der ORF verbat den Rockern allerdings die Verwendung des Wortes Schas. Alkbottle traten daher in der finalen nationalen Entscheidungsshow am 25. Februar 2011 mit dem geschönten Refrain „Wir san do net zum Spaß, jetzt gemma richtig Gas“ auf. Gewinnerin des Abends war die Innsbrucker Pop-Sängerin Nadine Beiler. Bei der After-Show-Party nach der Vorausscheidung enstand ein kurzer Clip, in der ein „schon etwas eing’spritzter“ Gregory die glücklich angeschickerte Nadine Beiler im Arm hält und gratulierend seine (und Alkbottles) Rolle kommentiert: Es spannend gemacht, das Publikum belustigt zu haben. „Und jetzt…“ sagt Gregory, worauf Beiler antwortet: „und jetzt gwinn i eich den Schas.“ Dieser mp4-Clip zirkulierte in den Social Media, wurde von den Gagschreibern von „Willkommen Österreich“ aufgegriffen und führte zur Stermann-Grissemann-Parodie „Die Beilers“, in der Christoph Grissemann in Perücke und Kostüm Nadine Beiler mimt und hüpfend den Spruch kiekst: „I bin die Nadine Beiler, i vertritt Öschtareich beim Songcontescht 2011 in Düsseldorf, i gwinn eich jetzt den Schas“. 2024, im Gespräch mit Tom „Conchita“ Neuwirth, bekannte Moderator Knoll, er habe den Spruch, Niederlage um Niederlage beim ESC kommentierend, über die Jahre am Leben erhalten, bis er ihm im Mai 2015, nach dem Song-Contest-Gewinn durch Conchita Wurst spontan entkam und zur Legende werden sollte.


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No na ned

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 21/2025 vom 21. Mai 2025

Liebe Frau Andrea,
nach einigen Jahren Leben in Österreich verstehe ich inzwischen, was „na no na ned“ bedeutet – eh klar. Woher die Redewendung eigentlich kommt, konnte mir aber bisher niemand beantworten. Vielleicht Sie?
Beste Grüße,
Paul Simon, per Email

Lieber Paul,

sehen wir uns ein paar Witze an. Zwei Reisende im Abteil. Der Zug fährt ab. Sagt der eine, „mir scheint, wir fahren schon.“ „No na!“, drauf der andere, „die Fassaden wird man an uns vorbeitragen!“ In ihrem 1960 erschienenen Standardwerk „Der Jüdische Witz“ widmet die Schweizer Phänomenologin Salcia Landmann ein Kapitel den so genannten „No na!“-Witzen, die nach vorherrschender Lehre als Ursprung der Wiener Redewendung angesehen werden. Witzeln wir weiter. Blau geht im Winter an der Alten Donau entlang, da sieht er plötzlich seinen Freund Grün in einem Loch im Eis strampeln. „Grün, bist du eingebrochen?“ „No na! Der Winter wird mich beim Baden überrascht haben!“. Jahreszeitenwechsel. Im Stadtpark spielt ein herziges Kind. Ein Herr fragt teilnahmsvoll: „Wie heißt du, Kleiner? „Moritz Pollatschek.“ Der Herr darauf höhnisch: „Aber wenn du sehr brav bist, dann sagt die Mame sicher Mojschele zu dir?“ „No na, Pollatschek wird sie sagen!“

Das wohl aus der jiddischen Interjektion „nu“ entsprungene „no na“ wird bisweilen um ein vorangestelltes „na“ und ein hinten angehängtes „ned“ zur Arabeske „na no na ned“ erweitert. Stets schwingt dabei die leichte Aggression über die Blödheit der Frage mit. In der häufigsten Form, dem „no na ned“ verdichtet sich spöttischer Unterton zur Befindlichkeitsbekundung grantigen Genervtseins. Damit ist „noa na ned“ dem „geht’s no?“ urverwandt. Es kulminierte am 27. Februar 2005 im legendären Ausspruch des Sturm Graz-Kickers Günther Neukirchner nach dem Schlusspfiff im 121. Grazer Derby. Nach der 0:4-Niederlage gegen den amtierenden österreichischen Meister GAK wollte der Reporter vom genervten Neukirchner nach anderen schmerzhaften Erkundigungen wissen, ob dieser nicht Angst gehabt habe vor einer noch höheren Niederlage. Neukirchner beendete das Interview mit dem berühmten Satz:

„Des is die nächste depperte Frog!“


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Der Tagesabschnittsgegner

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 20/2025 vom 14. Mai 2025

Liebe Frau Andrea,
in Ihrer Kolumne im Falter 16/25 erwähnen Sie einen „Tagesabschnittsgegner“. Was darf man sich darunter vorstellen? Als Hobby-Boxerin habe ich da gewisse Assoziationen.
Vielen Dank und liebe Grüße,
Anna Goldinger, Wien Döbling, per Email

Liebe Anna,

in besagter Kolumne ging es um die richtige Schreibweise wienerischer Ausdrücke, konkret um das „Buckelfünferln“. Die dazu Aufgeforderten könnten ihr Begehr alternativ auch der „Jettitant erzählen“, hieß es weiter, die Anwürfe in ein Sackerl sprechen, sich über die Häsuer oder in den Koks hauen, oder einem/einer nur „die Bock aufblosn“, die Schuhe aufblasen. Allfällige Kontrahenten in solchen Abwehrgefechten fanden Erwähnung als „Tagesabschnittsgegner“. Das Wort ist als solches noch nicht lexikalisch verbucht, nur die allmächtige Suchmaschine Google hat es erfasst.

„Tagesabschnittsgegner“ ist ein satirischer Neologismus, den ich für die Kolumne 16 nach der Formel „Lebensabschnittspartner“ in die Welt gesetzt habe. Mit der Verbreitung moderner Formen des Zusammenlebens waren die Begriffe Gemahl und Gemahlin, Ehemann und Ehefrau vielfach durch jene des kühleren „Lebensabschnittspartner“ ersetzt worden. Aus der Affäre, dem Pantscherl, dem Seitensprung und den Teilnehmenden am One-Night-Stand wurde schließlich der „Tagesabschnittspartner“, die „Tagesabschnittspartnerin“.

Im galoppierenden Ansinnen, die Welt sprachlich zu erweitern darf nichts unversucht bleiben, neue Wörter zu erfinden und im Alltag zu befestigen. Ein solcher Fall ist der Versuch, das Wort „Tagesabschnittsgegner“ zu etablieren. Es bezeichnet den zufällig vorbeikommenden, in der Regel unbekannten Konfliktpartner. „Tagesabschnittsgegner“ können sich in der Schlange vor der Supermarktkasse offenbaren, fußgehend am Radweg, oder radfahrend am Gehsteig. Sie begegnen im Schwimmbad, am Kinderspielplatz und im Lift. Sie lauern im Bus, in der Bim, in der U-Bahn und in der Unausweichlichkeit eines ÖBB-Großraumabteils.

Für die Wahl des Tagensabschnittsgegners sorgt allein der Zufall. Sportliche Vorbildung und Boxhandschuhe sind nicht nötig, Sprachkompetenz und Diskurswendigkeit kein Nachteil.


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Der Kicker und sein Fassadl

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2025 vom 30. April 2025

Liebe Frau Andrea,
in unserer Jugendzeit haben wir davon gesprochen, dass ein Fußballspieler ein Fassadl habe, wenn er gut in Form sei und gut spiele. Welchen Hintergrund hat dieser Begriff?
Ich bitte Sie um Aufklärung und bedanke mich vorab sehr herzlich!
Johannes Uhlig, per E-Mail

Lieber Dottore,

die österreichische Kickersprache ist voller Poesie und überzeugender Metaphern. Spieler werden als Zangler, Brisler (Versteher, von französisch „compris“), Außenpracker, Badkicker, Ballesterer, Blinde, Eiergoalie oder Fliagnfanger bezeichnet, als Federanten, Fiedler, Furchler, Gwandleis (Gewandläuse), Holzgschnitzte, Hydranten, Kammerdiener, Kiah (Kühe), Nagler, Sauser und Stehgeiger, als Techniker, Wadlbeißer, Zamschneider und Zauberer.

Dem gelernten Stahlschlosser, Nationalspieler und späteren Trainer Ernst  Baumeister ist für die Pflege und Hege des Ausdrucks „Fassadl“ zu danken. Er ist fast deckungsgleich mit dem „Bristl“ und bezeichnet die gute Form, das gute Selbstvertrauen. Bristl kommt, leicht zu erkennen, von der stolzgeschwellten Brust vor Spielantritt. Für die Nominierung in die Aufstellung zirkuliert der kickerösterreichische Ausdruck „a leiwal hom“ (ein Leiberl, „eine“ Dress haben). Das Leiwal, Leibal ist nicht zu verwechseln mit dem Lawal (Laberl), das den Fußball selbst bezeichnet, der auch als Frucht, Wuchtl (von Buchtel, tschechisch buchta), Blunzn (Blutwurst), Haud, und Duchant (Tuchent) zirkuliert. Eine interessante Karriere hat Wúle (erstbetont, mit langem u). Das deutsche Wort Beule wurde im Tschechischen zu „boule“ und über Prager Fußballspieler nach Wien zurückgepasst, wo aus „boule“ Wúle wurde. Leicht könnte es mit „wulé“ (letztbetont, mit langem e) verwechselt werden. Eine Wúle wulé genommen kommt vom englische „volley“ und dieses von lateinisch „volare“, fliegen.

Zurück zum Fassadl. Es ist die Verkleinerung der „Fassad“ (Fassade), der Vorderseite, Schauseite eines Gebäudes. Es wurde im 18. Jhdt. aus dem italienischen „facciata“ entlehnt, einer Ableitung von italienisch „faccia“ Vorderseite, Gesichtsseite, das letztlich auf lateinisch „facies“, Aufmachung, Aussehen, Gesicht zurückgeht. Viel Lateinisches also im hiesigen Kickertum.


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Viel Trara ums Töö

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 17/2025 vom 23. April 2025

Liebe Frau Andrea,
jetzt „muss“ ich doch glatt einmal selber ein Wort nachfragen, das mir seit einiger Zeit nicht aus dem Kopf geht und das ich nicht und nicht in irgendeine Art Herleitung bekomme. Woher bitte kommt das Dialektsubstantiv „Töö“, „Döö“ im Sinne von Gestank (zB. „Maah – wos is denn des fia a Döö!“, nach opulenter Knoblauchküche). Kennen Sie den Ausdruck, bzw. haben Sie ihn eventuell sogar schon einmal besprochen?
Vielen Dank schon jetzt und ganz liebe Grüße,
Ingrid Haidvogl, per Email

Liebe Ingrid,

ich selber kenne den Ausdruck in dieser Form nicht, habe aber einen ähnlichen schon gehört. Mit großer Wahrscheinlichkeit kommt „der Döö“ von der „Tö“, „Töö“ der Deutschen, die mit diesem Kürzel die Toilette bezeichnen, und die diesen mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit im Zuge touristscher Präsenz in Österreich hinterlassen haben. Wie aus dem deutschen Kurzwort für Toilette ein österreichisches für den Geruch derselben wurde, müsste man lokalhistorisch klären. Allgemeine Verbreitung für „den Döö“ lässt sich noch nicht feststellen.

Sehen wir uns die Toilette sprachlich genauer an. Sie ist das hochdeutsche Synonym für unsere Bezeichnungen WC (water closet), Abort, Klo (von Klosett) und Häusl (Heisl), die allesamt ebenfalls Hüllworte sind für den Ort des Stoffwechsel-Endvorgangs. Unser Wort Toilette wurde im 19. Jahrhundert aus französisch „(cabinet de) toilette“ entlehnt und bedeutete wörtlich „Tüchlein’“, ein Diminutivum zu französisch „toile“ Tuch. Es war zunächst die Bezeichnung für ein Textil, auf dem man Kosmetika, Seifen und Erfrischungen ausbreitete, dann wurde es metonymisch übertragen auf die Tätigkeiten des Ankleidens, schließlich verhüllend für Abort. Ähnliche Wortkulissen haben die US-Amerikaner entwickelt, die das „Stille Örtchen“ bathroom, lavatory, washroom, restroom, men’s room, ladies‘ room und powder room nennen.

Auch in Wien hat sich Französisches gehalten. So ist der „Rettich“ eine derbe Verballhornung von Rediaré, Rediarád (verhüllend für Klosett), diese kommen von der französischen „retirade“, dem (ursprünglich militärischen) Rückzug.

Habt acht!


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Übers Bucklfünferln

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 16/2025 vom 16. April 2025

Liebe Frau Andrea,
um angemessen zu schimpfen hat meine Mama des Öfteren den Ausdruck „Buglfünferln“ verwendet. Habe ich mir den Ausdruck richtig gemerkt? Wie ist der Ausdruck entstanden und wie schreibe ich ihn richtig? Vielen Dank im voraus für die Recherchen und die Klarheit.
Mit freundlichen Grüßen
Lisa Rüder, von meinem iPhone gesendet

Liebe Lisa,

über die richtige Schreibweise wienerischer Ausdrücke gibt es keine hinreichende Klarheit. Schrieben wir den gesuchten Begriff „Buuglfimfaln“ litte die Lesbarkeit, verwendeten wir die Zeichen des IPA, des Internationalen Phonetischen Alphabets, reduzierten wir den Lesendenkreis auf eine Handvoll Spezialist·innen. Zudem variiert die jeweilige Aussprache je nach Tiefe der Wienerischkeit. Im vorliegenem Fall kann alles zwischen „Buckelfünferln“ und „Buglfümfaln“ von Einheimischen verstanden werden. Besagter Begriff gibt in etwa das zum Ausdruck, was die Deutschen meinen, wenn sie empfehlen, jemand könne ihnen den Buckel, also den Rücken runterrutschen. Mit Fünferln ist eine Bewegung mit der ganzen Hand und ihren fünf Fingern gemeint. Leicht lässt sich ersinnen, wo am Buckel diese Hand zur Anwendung kommen möge.

Das Wort Buckel (das am Würstelstand auch den runden Brotanschnitt bezeichnet) kommt vom altfranzösischen „boucle“, Schildknauf, das seinerseits vom lateinischen „buecula“, dem Diminutiv zu „bucca“ kommt und ursprünglich die (aufgeblasene) Backe bezeichnete. Es hat nur scheinbar mit dem Verb bücken, wienerisch „buckn“ zu tun, das mit dem Bug, mit Biegen und Beugen verwandt ist. Näher dran am „Bugl“, „Buckl“ ist das „Wuckerl“, „Wuggal“, wienerisch für Locke, das von der moderneren Bedeutung des französischen „boucle“ kommt, und die Haarlocke, Schleife, Schlinge bezeichnet. Könnte man auch anderes empfehlen? Selbstverständlich.

Tagesabschnittsgegner könnten das Begehr der „Jettitant dazöhn“, der fiktiven Tante Henriette“, selbiges „in a Sackl redn“ und Ihnen vor die Türe stellen, „si üwa die Heisa“ oder “in Koks“ hauen, sich über die Häuser schlagen, oder in den Kokskeller werfen.

„Blos ma die Bock auf“ schließlich, blas mir die Schuhe auf, wäre mein Favorit.


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Zibebn für die Zizibe

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 15/2025 vom 9. April 2025

Liebe Frau Andrea,
soeben lese ich interessiert Ihre Antwort „übers Einweimperln“ und stolpere über den Ausdruck „Zibebn“. Meine Amstettner Oma nannte mich „Fräulein Zizibee“, wenn ich wehleidig oder wählerisch war. Hängen diese Begriffe zusammen?
Danke und herzliche Grüße
Christa Sieder, Hernals, per Email

Liebe Christa,

Ihre großmütterliche Benennung dürfte einen wahrscheinlichen Ursprung in Josef Pazelts Kinderbuch „Zizibe, ein Wintermärchen für blonde und graue Kinder“ haben. Das liebevoll illustrierte Bändchen des Kleinbauernsohns, Pädagogens, Freimaurers und späteren Ministerialrats erschien 1924. Es erfuhr spätere Auflagen in den 50erjahren. In Patzelts proletarisch-lehrreichem Kindermärchen geht es um eine erzählende Großmutter, eine verzauberte Königstochter, eine verarmte, hungernde Mäusefamilie, einen aufklärerischen Raben, insgesamt aber um Lösungsmöglichkeiten, um Armut und Unterdrückung zu entkommen, und über den Irrsinn des Krieges zu reflektieren. Die Monarchie im Märchen von der Prinzessin Zizibe verwandelt sich im Finale des Buches zu einer Republik, die Mäuse müssen niemals mehr Hunger leiden, weil sie zu Verwaltern der Kornkammer (und wohl auch der der Rosinenvorräte) ernannt werden, und alle leben märchenhaft glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Schauen wir und das Wort Zizibe (Zizibeh, Tsitsi-Bä ausgesprochen) genauer an. Es hat seinen Ursprung einerseits im laumalerischen Ruf der mundartlich so bezeicheten Meise (meist der Kohlmeise), andererseits im italienischen „Cicisbeo“. Damit wurde im Italien des 18. und 19. Jahrhunderts der erklärte Galan oder Liebhaber einer verheirateten Dame aus aristokratischem Stand bezeichnet. Ursprünglich dürfte das lautmalerische „Cicisbeo“ den Flüsterton des Geliebten bezeichnet haben. Nach anderer etymologischer Lehrmeinung liegt in „Cicisbeo“ die Umkehrung von „bel cece“ vor, so viel wie „schönes Pfauenküken“.

Mit der Zibebe (der hierorts bereits erörterten getrockneten Weinbeere) haben Prinzessin, Galan und Pfauenjunges garnichts zu tun, kommt sie doch über das sizilianische „zibibbo“ von arabisch „zibība“, erraten: Rosine.


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Wieso kommt uns etwas spanisch vor?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 14/2025 vom 2. April 2025

Liebe Frau Andrea,
unlängst bei einem Gespräch in der Büroküche habe ich den Ausdruck „das kommt mir aber spanisch vor“ verwendet, was meine Kollegin aus Barcelona gar nicht goutierte und wissen wollte, woher das denn kommt und warum?
Bitte um Hilfe, sonnige Grüße,
Gerhard Enzenberger, per Email

Lieber Gerhard,

die Entrüstung ihrer barcelonischen Kollegin wäre entfallen, hätten Sie gesagt, dies oder jenes komme Ihnen „chinesisch“ vor. Auch portugiesischen, französischen, baltischen, polnischen, serbischen, ungarischen, ukrainischen, arabischen und japanischen Kolleg·innen wäre das recht gewesen. Engländer·innen wiederum käme Seltsames griechisch oder „dutch“ vor, Italiener·innen arabisch, aramäisch, oder gar ostgotisch. Die hier oft genannten Chines·innen holen indes den Pokal ab in der Benennung Unverständlichen, wenn sie in Bezug auf Englisch konstatieren, dies höre sich an, wie „Töne aus dem Darm“. Die alten Griechen schließlich hatten einen laumalerischen Begriff für alle Anderssprachigen, der zum Synonym für jegliche Form des Fremden, Nichtgriechischen, kulturell Devianten wurde: Barbaren, Leute also, die nicht anständig reden konnten und nur „bar-bar-brr-brr“ von sich gaben.

Woher kommt unsere Zuschreibung des Spanischen in Bezug auf  Befremdliches, Unangenehmes, Unverständliches und auch Komisches? Der Habsburger Karl V. erbte 1519 das Erzherzogtum Österreich, wurde zum römisch-deutschen König gewählt, und 1530 schließlich zum Kaiser gekrönt. Als spanischer König iberisch sozialisiert brachte er seinen Hofstaat mit. Deren neue Gebräuche und die spanische Sprache kamen den Deutschsprachigen seltsam und unverständlich vor. Damals scheint die Redensart ihre erste Blüte erfahren zu haben, sie kanalisierte die Abneigung gegenüber Aufgedrängtem, Fremden. Es zirkulierten Ausdrücke wie „das scheint, klingt mir spanisch, „es wird mir spanisch im Kopf“. Bei Grimmelshausen heißt es im Simplicissimus: „Bey diesem Herrn kam mir alles widerwertig und fast Spanisch vor“.

Bei uns hat sich die Redewendung besonders gut erhalten. Spanier·innen kommt das verständlicherweise unverständlich vor.


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Alles übers Einweimperln

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 13/2025 vom 26. März 2025

Liebe Frau Andrea,
meine Großmutter sprach vom „Einweimperln“ wenn sie eine billige Schmeichelei meinte. Ich würde gerne wissen, wie dieses Wort entstanden ist und wie es sich tatsächlich schreibt.
Vielen Dank für Ihre Beurteilung und freundliche Grüße,
Wolfgang Sabella, per Email

Lieber Wolfgang,

„Einweimperln“ ist bestes Urwienerisch. In Johann Nestroys „Einen Jux will er sich machen“, der berühmten Posse mit Gesang aus dem Jahr 1842 führt ein gewisser Weinberl, Handlungsdiener bei Gewürzkrämer Zangler den Lehrbuben in die Geheimnisse des Verkaufs ein, nämlich die Kunden mit liebedienerischer Falschheit für sich und die Waren einzunehmen.

Als der Dienstherr Zangler Weinberl die Teilhaberschaft am Laden anbietet kommt Torschlusspanik im Kleinstadtprovinzler auf. Einen Tag lang möchte er noch schnell ein „verfluchter Kerl“ sein. Mit Lehrling Christoph fährt er also in die Hauptstadt, wo die beiden, ungeübt im Draufgängertum, durch eine Reihe von absurden Zufällen und Verwechslungen stolpern.

Der sprechende Name Weinberls gibt uns einen Hinweis auf den Ursprung des zugrunde liegenden Wortes. Weimba, Weimper (pl.) bezeichnet die Weinbeeren, Weintrauben, sowohl die frischen als auch die getrockneten (in Wien auch Ziwebm, Zibebn, hochdeutsch Rosinen genannt). Die einzelne Weinbeere, mittelhochdeutsch winber(e) ist in Wien das Weimbal, Weimperl. Damit wurde im alten Wienerisch auch der Liebling, Schmeichler, Angeber, der Schleima (Schleimer), Auscheiwa (Anschieber) und Einedrahra (Hineindreher) bezeichnet. Wohl, weil man auch kleine schwarze, und damit schöne Augen Weimperln (also kleine Weinbeeren) nannte. Totum pro parte wurde aus dem Schönäugigen der Weimperl, und aus dem dazugehörigen Verb weimbaln, weimperln die falsche Mimik der Schmeichler und Verräter. Jegliches Einschmeicheln bezeichnt man in Wien noch heute als „einweimperln“.

Wer sich bei Frau Andrea einweimperln möchte, schickt Fragen zu individualpersönlich Rätselhaftem, verschwindenen Begriffen, gesellschaftlichen Problemlagen und spezifischen österreichischen Alltagsmysterien.


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Die gute alte Pritschn

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 12/2025 vom 19. März 2025

Liebe Frau Andrea,
meine Oma, sie stammte aus Grafendorf bei Hartberg, hat früher Frauen mit eigenwilligen Gewohnheiten und Vorstellungen „blede Pritschn“ genannt, beziehungsweise die rhetorische Frage gestellt: „Was hat denn die für blede Pritsch drein (drinnen)?“ Wie ist das Wort „Pritschn“ genau zu übersetzen und wo kommt es her? Bitte um Ihre Auskunft.
Liebe Grüße, Cornelia Lechner,
Würflach, Niederösterreich, per Email

Liebe Cornelia,

die Umgangssprache hält für Frauen eine Vielfalt von Ausdrücken bereit, nicht alle werden respektvoll verwendet, oder im guten Geist dessen, was man früher als „politisch korrekt“, heute vielleicht als „woke“ bezeichnen könnte. Das Bairische (zu dem die meisten Dialekte unseres Landes gehören) hat besonders viele deftige Bezeichnungen für Frauen bewahrt. Alle aufzuzählen, würde das Beantwortungsvorhaben sprengen.

Als Pritsch, Pritschn, kennen wir die hölzerne Liegestatt, auch das Brett, auf dem Holz gelagert wird, oder die Ladefläche eines Wagens. Die Pritschn ist auch der Hochsprache bekannt und als Pritsche unterwegs. Obwohl Frauen und Mädchen (meist von Männern und Burschen) gerne mit Synonymen von Betten, Unterlagen und Fahrgestellen bezeichnet werden, in Wörtern wie Dorfmatratze, Firmenmoped, Mietschlitten oder Extrakissen, dürfte unsere Pritsche einen anderen Ursprung haben. So zirkuliert die Nebenbedeutung von Pritschn, Briedschn als Bezeichnung für die redselige, petzende Person. Die Sprachforschung sieht darin ein romanisches Sprachrelikt in den bairischen Dialekten, das vom spätlateinischen Adjektiv perinteger (sehr aufrichtig, rechtschaffen) kommen soll.

Ihren tatsächlichen Ursprung hat das Wort Pritschn aber wohl im lautmalerischen Zeitwort, das wir als pritscheln kennen. Es bezeichnet ursprünglich die Vulva der Haustiere, hat sich in Wörtern wie Eselpritschn, Kuapritschn und Goaßpritschn erhalten, und wird gleichermaßen als Beleidigung für die Frau und ihr Geschlechtsteil verwendet.

Mobilisieren wir daher einen Wienerischen Bannspruch, der bei Beleidigungen und Derbinsulten jeder Art in Stellung gebracht werden kann: „Schön sprechen!“


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Lebensvolten und gute Karten

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 11/2025 vom 12. März 2025

Liebe Frau Andrea,
bei dem, was in meinem Leben gerade passiert, fällt mir immer wieder die Metapher ein: „Das Leben schlägt Volten und hat mir gute Karten ausgegeben.“ Nun weiß ich, dass „Volten schlagen“ die Kunst des täuschenden Kartenabhebens ist, aber woher kommt der Begriff?Es dankt und grüßt
Adelheid Augusta, Leopoldstadt

Liebe Adelheid,

unbekannterweise herzliche Gratulation zu Ihrer offenbar erfreulichen Lebenswendung! Die Redensart, die Sie zitieren zirkuliert auch in der Variante „das Schicksal schlägt Volten“. Diese sind „eigenwillig“, „seltsam“, unerwartet“. Als Volte gilt, wie sie schon erwähnen, ein meist schnell ausgeführter, stets verblüffender Kunstgriff beim Kartenmischen und bei Kartenkunststücken, durch den eine bestimmte Karte (oder Kartenfolge) in täuschender Absicht an eine beabsichtigte Stelle gelegt wird. In der Reiterei ist die Volte eine Figur, bei der das Pferd einen Kreis läuft, beim Fechten bezeichnet sie eine Wendung des Körpers, durch die dem Stoß des Gegners ausgewichen wird.

Sehen wir uns die Kartenvolte nochmal genauer an. Wenn sie vom Schicksal, vom Leben geschlagen wird, erfahren wir Unerwartetes, Unvorhergesehenes, Überraschendes. Ganz wie das Publikum, das dem Kartenzauberer zusieht und nicht weiß, wie ihm geschieht. Warum aber wird die Volte im Kartentrick „geschlagen“? Aus der Fechtkunst stammt das Schlagen kaum, wird dort doch mit der Volte kein Schlag oder Stich, sondern ein Ausweichen bezeichnet. Hat es vielleicht doch mit der Reiterei zu tun?

In gewisser Weise schon, hat doch das wohlbekannte Verb schlagen eine Nebenbedeutung, die nicht die kämpferische oder aggressive Bewegung bezeichnet, sondern die drehende Wendung. Etwa, wenn wir einen Kreis schlagen (mit dem Zirkel ziehen), wenn Katholiken ein Kreuz schlagen (sich bekreuzigen) oder jemand scherzhaft jemandem anderen ein Schnippchen schlägt. Auch wenn wir uns in die Büsche schlagen, also aus dem Staub machen, liegt diese Bedeutung vor.

Ihnen, liebe Adelheid, darf ich wünschen, dass das Leben ihnen die Karten nicht in täuschender sondern erfreulicher Absicht geschlagen hat. Das Schicksal kann das.


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Das Geheimnis der krumpl 15

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 9/2025 vom 26. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
ich komme aus Tirol und hab zu meinem (deutschen) Partner gesagt, dass jemand bis „krumplfufzehn“ geschlafen hat. Er hat sich natürlich nicht ausgekannt, ich konnte es ihm aber auch nicht zufriedenstellend erklären – schon gar nicht, wo das Wort herkommt. Vielleicht hast Du ja Lust, Dich dieser Causa anzunehmen!
Alles Liebe und danke! Bin gespannt!
Katharina Kropshofer, Falter Büro, per Email

Liebe Katharina,

das Sprichwort zirkuliert meist in der Form „ausbleibm bis krumpi fuffzen“. Krumpi, krumpe, krumpl ist das Adjektiv zu tirolerisch krump, und dieses leicht erkennbar als hochdeutsch „krumm“ also ungerade. Theistische Zahlenmystiker sehen in der 15 die Zahl Gottes (1) und des Überschreitens der Grenze der Schöpfung (5). Die 15 gilt als Zahl für die Bundeslade und damit für Christus. Und im Tarot steht „XV“ für den „Teufel“. Können das die Tiroler meinen, wenn etwas sehr lange dauert?

Viel wahrscheinlicher ist ein Bezug auf die „Fünfzehn Zeichen vor dem Jüngsten Gericht“, ein beliebtes spätmittelalterliches Bildkonzept für das Seelenheil. Die fünfzehn Zeichen stammen aus der Apokalypse des Thomas, eines apokryphen Textes, der zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert verfasst wurde. Die Kunstgeschichteforscherin Daniela Wagner hat in einer umfassenden Studie die Funktion und Bedeutung der 15 Zeichen für Mentalität und Frömmigkeit im Spätmittelalter dargestellt.

Besagte Vorzeichen ereignen sich an 15 Tagen und kündigen das Jüngste Gericht an: 1. Alles Wasser steigt über die Berge. 2. Es sinkt so tief, dass man es nicht mehr sehen kann. 3. Es kehrt zurück, 4. Die Meerestiere kommen an die Oberfläche und brüllen. 5. Das Wasser brennt von Ost nach West. 6. Pflanzen und Bäume füllen sich mit Tau und Blut. 7. Die Erde teilt sich. 8. Alle Gebäude werden zerstört. 9. Die Steine kämpfen gegeneinander. 10. Große Erdbeben ebnen 11. Berge und Täler ein. 12. Männer kommen aus ihren Verstecken, verstehen sich nicht mehr, 13. Die Sterne fallen vom Himmel. 14. Die Knochen der Toten entsteigen den Gräbern, 15. Alle Menschen sterben, die Erde brennt mit Wasser.

Erst dann wachen schläfrige Tiroler auf.


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Wenn’s dem Bleampl stagelgrean aufstößt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 8/2025 vom 19. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
im Gespräch heute tauchten „Bleampl“ und „stagelgrün“ auf. Ich konnte „Bleampl“ nur ungefähr definieren, Freund Toni ging es mit „stagelgrün“ ähnlich.
Please help! Best,
Mirko Burijan, per Email

Lieber Mirko,

Das Wienerische und die mit ihm verwandten Dialekte verstehen unter Bleampe, Bleampl den ungeschickten, dummen Mensch. Möglicherweise hat das Wort Bleaml (wienerisch für Blümchen) mitgewirkt, den unbedarften, einfältigen Burschen zu bezeichnen und ihm das „l“ am Wortende gespendet. Wahrscheinlich ist eine Verwandtschaft mit dem Blempe, dem schlechten Bier, der schalen Flüssigkeit. Blemparn, blempern jedenfalls bezeichnet das Saufen, das schlappernde Trinken. Der Bleampl wäre demnach der Saufkopf, der durch Alkoholabusus beeinträchtigte jugendliche Trinker. Das Schallwort Blemblem, Plemplem, verbunden mit jener Geste, bei der man mit der flachen Hand an die Stirn schlägt, soll wohl eine, statt des Gehirns hin- und herschwappende Flüssigkeit bezeichnen. Die Zeit, die mit sinnfernen Trinken und ähnlichen Prokrastinationen vergeudet wird, gilt schließlich als fablémpad (verplempert).

Wienerisch Wütenden und von Ärger Betroffenen stößt (oder liegt) es stagelgrün auf. Man darf dabei an galliggrünen Reflux denken. Stagel, aus dem Mittelhochdeutschen kommend, ist im Wienerischen der Stachel, und dieser der Stahl. Wie aber kam der zu besagter Farbe? Polierter Stahl kann im Feuer grün anlaufen, und auch ausserhalb der Esse tritt das Phänomen der Grünfärbung von Edelstahl auf – wenn das im Stahl enthaltene Element Chrom in eine grüne Verbindung namens Chromat umgewandelt wird und eine mikroskopisch dünne grüne Oxidschicht an der Oberfläche bildet. Stahlgrün (alchemisch verde oscuro, verd‘ oscuro, viride obscurius) wurde zu einer heute fast vergessenen Farbbezeichnung für Textilien, es bezeichnete einen sehr dunkelgrünen, etwas ins dunkelblaue fallenden Farbton. Im österreichischen Bundesheer werden noch heute die dunkelgrünen Barette der Pioniertruppe als „stahlgrün“ bezeichnet.

Auch Nichtmilitärs kann es bei Ärger stahlgrün aufstoßen. Wienerisches Ungemach vorausgesetzt.


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Monacos Volk

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 7/2025 vom 12. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
seit es im Juli letzten Jahres an der Wiener Staatsoper ein Gastspiel aus Monte Carlo gab, quält mich folgende Frage: Wie nennt man die dortigen Bewohner? Monte Carleser? Monte Carloer?
Ich hoffe, Sie wissen Rat!

Mit besten Grüßen,
Petra Herbek, Wien 22, per Email

Liebe Petra,

der Operettenstaat an der Côte d’Azur gilt als Wohn- und Entfaltungsort der Reichen und Schönen. Die Märchenhochzeit zwischen der Hollywood-Diva Grace Kelly und Fürst Rainier III. aus dem Hause Grimaldi schlug einst Wellen, die noch heute an die Gestade der Goldenen Blätter branden. Benzinbrüder messen dem Ort wegen seines legendären Formel-Eins-Straßenrennens gültige Wichtigkeit zu. Seinen Namen hat das Fürstentümchen vom griechisch-antiken Örtchen Monoikos (einzelnes Haus), es soll sich dabei um einen Herkulestempel gehandelt haben. In römischer Zeit erhielt der Hafen den Namen Herculis Monoeci Portus. Die wechselvolle mittelalterliche Geschichte des Felsennestes hat viel mit Genua zu tun, insbesondere mit der von dort vertriebenen Familie Grimaldi.

Die Bewohner des winzigen Landes zerfallen, weltweit einzigartig, in drei Kategorien. Die Mehrheit wird von wohlhabenden Ausländern gestellt, gefolgt von den Landeskindern (enfants du pays), die seit Generationen im Fürstentum leben, und schließlich der kleinen Gruppe der eigentlichen Staatsangehörigen Monacos, bezeichnet mit dem Ethnonym Monegassen. Der Begriff kommt über lokale Dialekte aus dem Italienischen, das seltene Suffix -asque aus dem Ligurischen. 

Monte Carlo, monegassisch Munte-Carlu, bekannt durch die gleichnamige Spielbank und die Rallye Monte Carlo, fälschlich als Hauptstadt bezeichnet, verdankt seinen italienischen Namen Fürst Charles III. (italienisch Carlo III.), der in den 1860ern auf einem Felssporn im Meer das besagte Casino etablierte. Die Bewohner des Stadtteils haben keinen eigenen Gentilénamen, sie heißen schlicht Monegassen. Dächte man italienisch, würde man sie Montecarlesi bezeichnen, wie die Bewohner der toskanischen Örtchens Montecarlo. Eingedeutscht sprächen wir von den Karlsbergern.


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Sprachlos tarteln

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 6/2025 vom 5. Februar 2025

Liebe Frau Andrea,
aus Internet-Listen, in denen schöne, unübersetzbare, aber erklärbare Worte gesammelt werden, habe ich das schöne schottische Verb „to tartle“, das das Problem des Zögerns ob des Namensversgessens beim Vorstellen ausdrückt. Da ich keine SchottInnen kenne, konnte ich das bislang nicht überprüfen, vielleicht gelingt Ihnen das? Ich benutze das Wort jedenfalls immer wieder mal beim Vorstellen, das löst eventuelle Peinlichkeiten auf.
Lieben Gruß,
Philipp Wenzl, per Email

Lieber Philipp,

der schottische Sprachforscher und Theologe John Jamieson listet „tartle“ 1808 in seinem Etymological Dictionary of the Scottish Language, jener Variante des Englischen, die in Schottland gesprochen wird (aber deutlich abzugrenzen ist vom Gälischen). To tartle at one (jemand anzutarteln), so Jamieson, bedeute, eine Person oder Sache mit Zögern zu betrachten, als würde man das Objekt nicht mit Sicherheit wiedererkennen. Auch eine Gebrauchsanweisung des Verbs bietet Jamieson an: „Ich tartelte ihn an, konnte ihn nicht mit Sicherheit wiedererkennen.“ Tartle wurde jüngst ausgegraben und in etymologischen Blogs und Kolumnen vorgestellt, Schott·innen selbst kennen das Wort nicht (mehr). Wo könnte „tartle“ herkommen? Viktorianische Sprachforscher bemühten italienisch tartagliare (stottern), spanisch tartajear (stammeln) und tartalear (wanken, schwanken). Erwähnter Etymologe Jamieson stellte es zu „tartal“, verwandt mit wikingisch-isländisch „tortallit“ (schwer zu sagen). „Tor“, ein Partikel, das die Schwierigkeit bezeichnet, etwas zu bewirken, und „tala“ (sprechen, sagen) beschreiben in Verbindung das Versagen beim Benennen einer Person. Nicht unschwer sind unsere Wörter torkeln, trotten, tattern und ja, auch der Trottel als verwandt zu erkennen.

Im Versuch eine aktuelle Verwendung von „tartle“ zu etablieren, schlage ich „tarteln“ vor. Im Smalltalk auf Parties und Stehempfängen könnten wir Sätze brauchen wie: „Ich darf euch vorstellen, tartel aber grad“, „Verzeihung, jetzt tartel ich“, oder „Tartelzeit, wer kennt es nicht!“ Für den Gebrauch auf Wiener Parketten böte sich eine Zuspitzung an. In Vorstellungssätzen wie „Mi trottelts grod, wer sads es no amoi?“


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Magisch Niesen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 5/2025 vom 29. Jänner 2025

Liebe Frau Andrea,
Wenn jemand niest hört(e!) man öfters auch: „Höfdagott, dass woa is!“ Während Teil eins des Spruchs plausibel ist, wozu dient der „Wahrheitsbeweis in der zweiten Hälfte?
Danke im Voraus,
Alfred Kampel, Floridsdorf, per Email

Lieber Alfred,

die Segensformel „Höfgott, dass woa is“ zählt in den bairisch-österreichischen Dialekten zum kommentierenden Standardrepertoire bei Niesvorgängen. Ins Hochdeutsche übersetzt bedeutet die magische Formel „Gott möge helfen, dass es wahr ist“. Der Spruch, der heute weitgehend vom Zuruf „Gesundheit!“ ersetzt wird, hat auch eine alltagspoetische, längere Version, sie lautet „Helf Gott, dass’ wahr is und die Katz voller Haar is!“ Als Antwort zirkuliert(e): Donggód (Dank Gott) oder Sengsgód (Segne es Gott). Gemeint ist in der Regel der katholische Gott, welche Wahrheit dieser bezeugt, findet sich in einer anderen Dialogvariante. Fragen nämlich Niesende nach „Helf Gott, dass’ wahr is“ spaßeshalber: „Ja was denn?“ können sie als Antwort bekommen: „Was ich mir gerade gedacht habe.“ Ähnlich stark verwurzelt im Volksglauben ist die Vorstellung, jemand dächte gerade an eine·n, wenn diese·r gerade Schluckauf (wienerisch: Schnackerl) habe.

Die Verbindung von unwillkürlichen nasooralen Vorgängen und transzendierender Wahrheit hat vorchristliche Wurzeln, die tief in indoeuropäischen Vorstellungen von der Heilligkeit des Atems fußen. Schon Homer beschreibt das „Zuniesen“ als Aussagen-Bekräftigung unter göttlichem Einfluss. So „beniest“ es Telemach laut, als seine Mutter Penelope dem von beiden noch unerkannten Odysseus zusagt, er werde demnächst heimkehren.

Körperliche Direktheit verbindet sich auch in einem anderen Aspekt der sternutio, wie das Niesen medizinlateinisch heißt. Parallel laufende Nervenbahnen können beim Orgasmus (und schon beim schieren Denken an Sex) Niesen aulösen. Das Märchen vom Zwerg Nase legt deutliche Tangenten an dieses Phänomen.

Hier schließt sich ein Sager des legendären Monaco Franze an. Der ewige Stenz aus dem kleinbürgerlichen Münchner Westend wusste: „Aus is’ und gar is’ und schad is’, dass’ wahr is’!“


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