Über das Überhochmetzen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 41/2025 vom 8. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
in Klaus Nüchterns Besprechung des neuen Romans von Ian McEwan bin ich über das Wort „überhochmetzt“ gestolpert. Können Sie mir sagen was es bedeutet? Es ist wohl kein Wort der aktuellen Jugendsprache, handelt es sich vielleicht um ein altes, jetzt ungebräuchliches Wort, mit dem der Autor seine Bildung demonstrieren möchte?
Mit herzlichen Grüßen,
Paul Weber, Margareten, per Email

Lieber Paul,

Kollege Klaus Nüchtern hat Ihr Stolperwort, wie er mir offenbart hat, vor vielen Jahren aufgeschnappt. Wo, weiß er nicht mehr, insoferne ist die Vokabel kein Ausweis übertriebener Bildungsprominenz. Sehen wir uns die Sache durch die etymologische Brille an. Die Bedeutung des Wortes umfasst die Synonyme exaltiert, hochtrabend, überkandidelt, pompös, aber auch besserwisserisch, neunmalklug und oberschlau. Es darf daher als gelegen erscheinen, „überhochmetzt“ in Buchbesprechungen und Plattenrezensionen zu verwenden. Ob das, seit den Nullerjahren beliebte Adjektiv „hochgejazzt“ ein Abkömmling von „hochgemetzt“ ist, muss noch erforscht werden. Der Wortbestandteil „metzen“, soviel wie schlagen, hauen, wäre verwandt mit „meißen“ (schneiden, stückweise abtrennen) und Meißel, noch bewahrt in Steinmetz und in Metzger. Dennoch kommt „überhochmetzt“ nicht aus dem Deutschen. Zudem ist nicht klar ist, ob das Adjektiv das Partizip Perfekt von „überhochmetzen“ oder von „hochmetzen mit dem neuerdings in den USA beliebten Präfix „über“, „uber“ ist.

Seit dem biblischen Hebräisch ist das feminine Substantiv „hokmá“ (Geschicklichkeit, Kunde, Weisheit) belegt. Es wurde als chochme, chochmo ins Jiddische integriert. Kochme, meist ironisch verwendet, ist der Verstand, die Weisheit, die Kunst, die Klugheit, und der kluge Ausspruch, die kluge Tat. Kuchem indes der siebengescheite, kluge, schlaue, aber auch eingebildete Mensch. Kochmetzen, hochmetzen ist daher wohl das Klugscheißen.

Das Wienerische metzt weder hoch noch überhoch, sondern máschald auf (mascherlt auf) und schdátsd auf (von mittelhochdeutsch stärzen, steif emporragen) – im galoppierenden Klugheitsfalle ówagscheid (obergescheit).


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Larger than lasch

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 40/2025 vom 1. Oktober 2025

Liebe Frau Andrea,
in der Nachschau eines Club 2 zum Thema Lucona aus dem Jahr 1989 bin ich auf den Begriff „Laschieren“ gestoßen: Ein Privatdetektiv hat seine typischen Kundenaufträge geschildert, darunter auch das Ertappen von Arbeitnehmern beim Nichtstun (Detektiv: „Sie kennen diesen Ausdruck, Laschieren“ – Moderator nickt). Scheinbar war dieser elegante Ausdruck damals noch weitläufig in Gebrauch, ich hörte ihn aber das erste Mal. Handelt es sich dabei um die aktive Anwendung der Laschheit oder ist „largieren“ französelnd? Gilt der Ausübende dann als Largeur? Natürlich frage ich für einen Freund. Und Zusatzfrage: Gibt es eine inhaltliche Abgrenzung zum (geläufigeren) Tachinieren?
Liebe Grüße aus der Leopoldstadt,
Martin Mairinger, per Email

Lieber Martin,

unser Ausdruck ist bestes altes Österreichisch, es zirkulierte im Amtsdeutsch, wo laschieren (ausgesprochen: laschían) das zögerliche, verschleppende Agieren bezeichnete. Am Fußballplatz wurden die antriebslosen Tachnierer und Freunde des Scheiberlspiels des Laschierens bezichtigt. In der Sprache der Kartenspieler versteht man unter „laschieren“ den Verzicht auf das Stechen einer niedrigen Karte im Wissen, dass der Gegner eine höheren Karte ausspielen wird, die dann einen fetteren Stich ergibt. Einige Deuter mobilisieren unser Eigenschaftwort lasch (abgestanden, schal, flau, fad) als Herkunft, der Wienerisch-Influencer Peter Wehle hat es in seinem Wörterbuch fälschlich vom französischen „large“ (weit, offen, großzügig) abgeleitet. Andere mobilisieren das lateinische „largire“ (reichlich geben, spendieren, schenken) und das gleichbedeutende italienische Verb „largīri“.

Nach bester Prüfung aller Thesen darf als beste Herkunft des Laschierens der Jargon der Kartenspieler und die Sprache Voltaires gelten, wohnt doch dem französische Zeitwort „lâcher“ eine der Bedeutungen inne, um die es uns hier geht. „Lâcher une occasion“ bedeutet im Französischen, sich eine Gelegenheit entgehen lassen. Geklärt ist damit die Schreibweise und die Frage nach dem Lascheur, den das heutige Französisch als „lâcheur“, Drückeberger kennt.


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Tschutschalatkunde

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 39/2025 vom 24. September 2025

Liebe Frau Andrea,
im Steirischen an der Kärntner Grenze geboren und aufgewachsen interessiert mich die Herkunft des Ausdrucks „tschutschalat“. Meine Großmutter und auch jetzt noch meine 92jährige Mutter verwendeten dieses Wort für gesundheitlich nicht auf der Höhe zu sein. In etwa vergleichbar mit einen grippalen Infekt, wenig Appetit und am besten das Bett zu hüten. Auffällig erscheint mir: am besten nicht angesprochen und in Ruhe gelassen zu werden.
Meines Erachtens ist lautschriftlich „tschutschalat“ eher dem Kärntnerischen zuzuorden. Was meinen Sie?

Liebe Grüße,
Monika Köck, Wien 13, per Email

Liebe Monika,

bei vielen Wörtern aus Dialekten und Mundarten fehlen rechtschreiberische Autoritäten. Es gibt (noch) keinen Duden des Kärntnerischen, Steirischen, Wienerischen. Ungeschrieben Gehörtes unterwirft sich lokalen Ausspracheregeln, ja ändert sich, bisweilen von Tal zu Tal, Hof zu Hof.

Das Eigenschaftswort „tschutschalat“, „dschudschalad“ findet sich in keiner der verlässlichen Publikationen. Wohl aber sehr ähnliche Wörter. Kärntnerisch „Tschouder“, „Tschùder“, in Verkleinerung „Tschöderle“, „Tschüderle“ war noch im vorvergangenen Jahrhundert das zerzauste, buschige Haar. Wer „tschoudred“, „tschûdret“ war, hatte solch unordentliches Haar. Ein „Tschàderlang“ war jemand mit zerzausten Haaren, „tschoudern“, „tschûdern“ hieß, jemand bei den Haaren zu reißen, was sich im heute noch in Kärnten gebräuchlichen Ausdruck „Tschodahex“ für die ungepflegte Frau, aber auch abwertend für die Friseurin sedimentiert hat. „Tschutten“ ist das Schütteln, schaudern. Das Allemanische schließlich kennt „ertschūdert“ für verwirrt, übel aussehend, besonders in Hinblick auf kranke Vögel, die das Gefieder sträuben. Die wenigen Sprachforscher, die sich der Sache angenommen haben, vermuten, dass die dialektale Wortfamile „tschu“, „dschu“ durch Einschiebung eines „d“ aus schauern (mittelhochdeutsch schūren) entstanden ist, und ursprünglich das Gefühl bezeichnete, das die Berührung einer rauhen, rohen, kalten Oberfäche hervorrief. Von dort zum fröstelnden Gefühl des appetitlosen Krankseins ist es sprachlich nicht mehr weit. Gesundheit!


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Die rätselhaften Tschinnäula

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 38/2025 vom 17. September 2025

Liebe Frau Andrea,
jetzt stehe ich mit 60 in dem alten Stadl, den ich sanieren möchte und bin verdutzt. In meinem Kopf ist ganz klar, wie es werden soll, doch meine Hände folgen den planerischen Vorgaben sehr selten. Seltsamerweise bin ich mit dem Alter nicht geschickter geworden und auch nicht stärker. Das Handwerk ist schwierig mit zwei linken Händen und mangelnder Kraft. Für manche Aufgaben bräuchte es richtig starke Männer, die ordentlich was weiterbringen. Richtige Tschinnäula. Aber nachdem ich nicht einmal weiß, wie man das schreibt, werde ich auch schwer welche finden. Können Sie mir bezüglich der Bedeutung des Wortes weiterhelfen?
Herzlichst und müde,
Ingo Fellinger, per Email

Lieber Ingo,

leider kann ich keine richtigen „Tschinnäula“ zur Stadlsanierung vorbeischicken, wohl aber wird es gelingen, Licht in die Herkunft und die Schreibweisen der starken Männer bringen. Aufs erste wäre man versucht, an die Wiener „Tschinelle“ zu denken, die beidseitige Watsche (oder Stereo-Ohrfeige), mit breiten Handflächen appliziert. Die Tschinelle erfährt ihre Wörtlichkeit vom gleichlautenden marschmusikalischen Schlaginstrument aus zwei tellerförmigen Beckenscheiben. Die italienischen cinèlli oder cinèlle, ursprünglich in der Janitscharenmusik verwendet, sind eine Abkürzung von bacinello, kleines bacino, Becken.

Sind die Tschinnäula also schlagbereite Marschmusikanten? In den österreichischen Industriegebieten zirkuliert neben Tschinnäula, Tschineller, Tschineuler insbesondere der Begriff Tschinagler. Damit wurden und werden die Schwerstarbeiter in der Stahlindustrie, die Bergmänner und sonstige kräftige Männer bezeichnet. Manche Wörterbücher bemühen das ungarische „csinál“ (machen, anfertigen) als Herkunft der Tschinagler. Tatsächlich kommt unser Begriff, wie so vieles, aus dem Rotwelschen, wo „Schinagole“ den Karren, Schubkarren bezeichnet. Die Etymologie vermutet das hebräische „schin“, akronymisch für schlimm, schlecht, und āgālāh (Wagen) als Urprung des Wortes. Mit „schlimmer Wagen“ wurde der Schubkarren verschlüsselt. Sein Bediener, der Schinaggier, Schinagler war der hart schuftende Karrensträfling.


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O Schreck, ein Spreck!

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2025 vom 10. September 2025

Liebe Frau Andrea,
Im Lokal „Roter Hiasl“ fiel mir ein Ausspruch meiner Großmutter im Jahr 1975 ein. Mein gerade geborener Bruder sollte einen Namen bekommen und ich schlug Matthias vor. Worauf meine Oma (Jahrgang 1908) abwehrend meinte: „Jeder Hiasl hot an Spregg“. Der Name kam also nicht infrage, kein Kind sollte so einen Namen tragen, da würde er ständig damit gehänselt werden. Mein Vorschlag war vom Tisch, er wurde Leopold genannt. Die Geschichte hat sich übrigens im nördlichen Weinviertel zugetragen. Jetzt bin ich gespannt, ob Sie dazu irgendetwas sagen können, was dieser Spreck oder Spregg (oder so ähnlich) bedeuten könnte?
Liebe Grüße,
Brigitta Beile, Wien Donaustadt, per Email

Liebe Brigitta,

viele Sprichwörter beginnen ihre Karriere lokal. Und manche bleiben auch dort, dem Ort verhaftet, und der Zeit ihrer Entstehung. Im Falle Ihrer großmütterlichen Namensangst gibt es dennoch reiche wortgeschichtliche Information. „Hiasl“ ist bekanntlich die bairisch-österreichische Kurzform des Heiligennamen Matthias, der, wie die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, nach dem Tod des Judas Iskariot zum zwölften Apostel aufrückte. Wegen der großen Verbreitung unter der bäuerlichen Bevölkerung wurde „Hiasl“ zum Spottnamen für den einfältigen, unbedarften Menschen. Die sehr ähnlich lautenden Synonyme „Hiafla“ (vom Huf der Tiere), und „Hiabla“ (jemand mit Hieb, Dachschaden) haben gewiss mitgewirkt, den Rufamen Hiasl zu diskreditieren.

Wie aber kommt der Hiasl zum Spreck? Das Wort zirkulierte schon früh als Bezeichnung für den Fleck (auf der Haut oder auf dem Fell), die Etymologen leiten es von einem indoeuropäisch erschlossenen *sper- *sprei- (soviel wie streuen, säen, sprengen, spritzen) und protogermanisch *sprekla-, Fleck ab. Das Althochdeutsche kennt fleckig als „sprehhiloht“, das Mittelhochdeutsche als „spreckeleht“. Aus dem Sprëckel, Spreck wurde später der Fehler, Makel und schließlich die kognitive Behinderung. 

Der hierorts nicht mehr geläufige Spreck ist im Englischen täglich in Gebrauch. Die anglosächsische Sprachwelt bezeichnet mit „spreckle“ noch immer den ganz normalen Fleck. Der Hiasl ist dort allerdings unbekannt.


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Über das Gebenedeite

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 36/2025 vom 3. September 2025

Liebe Frau Andrea,
ich darf Ihnen im Namen meines Vaters dieses E-Mail übermitteln: Mit meinen 83 Jahren habe ich schon oft ein „Vaterunser“ gebetet. Da gibt es den Satz: „Gebenedeit sei dein Name.“ Dieses Wort verstehe ich nicht. Meine Frage: Kann ich gebenedeit werden und was ist das eigentlich, woher stammt der Begriff?
Bis zum nächsten Gebet freundliche Grüße,
Manfred (Vater) und Thomas (Sohn) Schreiner, Felixdorf, Niederösterreich, per Email
PS: Bin durch meinen Sohn zu Ihrer Kolumne gekommen – sie ist sehr gut!

Lieber Manfred, lieber Thomas,

das Vaterunser (lateinisch Pater noster) ist einer der bekanntesten Texte der Bibel, es gehört mit den Zehn Geboten zum Grundwissen der christlichen Religionen. Das Neue Testament überliefert es in zwei nahezu identischen Fassungen, eine im Evangelium des Matthäus, die andere in jenem des Lukas. Im Erinnungsschatz katholisch sozialisierter Menschen ist das Gebet schon durch die Kultur der mechanischen Wiederholung in der Messe tief verankert. „Gebenedeit“ kommt allerdings nicht vor. Über das seltsame Wort stolpern Katholiken in einem anderen Gebet, dem Ave Maria oder „Gegrüsset seist du Maria“. Der erste Teil dieses Gebets stammt ebenfalls aus dem Lukasevangelium. Dort (Lk 1,28) verkündet der Erzengel Gabriel Marien, dass sie den Sohn Gottes gebären werde: „Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“. Kurze Zeit später (Lk 1,41f) besucht Maria ihre ebenfalls schwangere Verwandte Elisabeth. Die wird vom Heiligen Geist erfüllt und ruft Marien zu: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Das Gebet hat, anders als die Bibelübersetzung Luthers, in der Passage „benedicta inter mulieres“ (gesegnet bist du unter den Frauen) das viel ähnlichere „gebenedeit“ bewahrt. Ist doch das mittelhochdeutsche „gebenedeit“ nichts anderes als die lautliche Übertragung von „benedicta“, soviel wie „man spricht gut über sie“.

„Gebenedeit“ ist außerhalb des Gebets nicht mehr in Gebrauch. Nicht so sein Gegenteil, das Schlechtbesprochene. Es zirkuliert noch immer als „vermaledeit“. Fixlaudon!


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Über die Schwärmerei

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 35/2025 vom 27. August 2025

Liebe Frau Andrea,
mein Schwärmen für Ihre Kolumne hat sich inzwischen so weit herumgesprochen, dass ich schon mitleidig gefragt werde, ob ich denn überhaupt wüsste, woher der Begriff „schwärmen“ komme, was er bedeute, und wie man ihn korrekt verwende. Meine ehrliche Antwort: natürlich nicht. Aber ich tröste mich, im Schwarm der Fragenden ist es um die Kenntnis nicht besser bestellt. Also wende ich mich vertrauensvoll an Sie. Ich ahne schon, dass Ihre Erklärung nicht etwa meine Schwärmerei bremst, sondern ihr fröhlich frische Flügel verleiht.Vielen Dank und freundliche Grüße,
Erich R. Hoffmann, Liesing, per Email

Lieber Erich,

mentalitätsgeschichtlich führt Sie Ihre Leidenschaft in die Zeit des Sturms und Drangs. Dort möchte ich Sie mit einer zeitgenössischen Reflexion abholen. So schreibt der passionierte Melancholiker und Kantschüler Daniel Jenisch 1787 im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, der ersten psychologische Zeitschrift in Deutschlands den luziden Beitrag „Über die Schwärmerey und ihre Quelle in unseren Zeiten“. Die aufklärerische Erfahrung der kalten Vernunft, so Jenisch,  habe zu einem Übergewicht der „untern Seelenkräfte“ geführt, die „wie eine Art von Verschwörung wider die obern, wider Vernunft und Urtheilskraft angesehen werden“ könnten. Den Schwärmer benennt Jenisch als gesteigerte Variante des unkritischen Metaphysikers. Mit Hilfe seiner Einbildungskraft versinnlichte dieser die Vernunftideen.

Die Konjunktur der Schwärmerei in der Spätaufklärung darf als Reaktion auf ein menschliches Grundbedürfnis verstanden werden, das die Philosophie der Zeit nicht mehr befriedigen konnte. Befriedigt werden kann hier allerdings das Bedürfnis nach dem etymolgischen Aspekt des Schwärmens. Das Althochdeutsche kannte noch den lautmalerischen „swarm“, aus germanisch *swarma, der den Taumel, aber insbesondere den summenden Bienenschwarm bezeichnete. Als verwandtes Schallwort gilt das Schwirren, anordisch sverra, wirbeln. In der Reformationszeit werden die Sektierer abschätzig als Schwärmer, Schwarmgeister bezeichnet. Das Wort erfährt erst später die positive Bedeutung des glücklichen Fans und fernörtlichen Verehrers.

Die Autorin dankt!


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Woher der Rauml kommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2025 vom 20. August 2025

Liebe Frau Andrea,
meine Mutter verwendete immer das Wort raumlig („du bist raumlig um den Mund“), wenn ich nach dem Essen oder generell keinen ganz sauberen Mund hatte bzw. rund um den Mund also raumlig war. Meine Kinder lachen mich aus, das Wort gibt es nicht. Können Sie mir weiterhelfen?
Lieben Gruß,
Manuela Gutmeyr,  Graz, per Email

Liebe Manuela,

in einem erstens Verstehensversuch läge es für Hochdeutsch Sprechende nahe, das Adjektiv „raumlig“ mit dem „Raum“, dem „Räumlichen“ in Verbindung zu bringen. Was aber hätte die Bezeichnung für eine örtliche Ausdehnung mit Essensresten zu tun? Hat es womöglich mit dem Mundraum zutun?

Auf die richtige Fährte bringt uns die Stadt, aus der Sie schreiben. In der Steiermark wird nicht gefallen, sondern gefaullen, im Gausthaus wird nach dem Essen gezauhlt, am grünen Rausen rollt der Baull, die Laterne steht am Straußenraund. Außerhalb der grünen Mark wären Kinder nach dem Essen demnach nicht raumlig, sondern ramlig, rammlig. Das Bild wird klarer, denn den Rammel kennen die Wienerinnen und Wiener und manche dazwischen als das getrocknete Nasensekret, bundesdeutsch den Popel. Dies oder das habe nur einen Nasenrammel gekostet, sagt der Volksmund, wenn etwas günstig erworben wurde. Wie aber kommt der Rammel an den Mund? Und wieso beim Essen?

Noch Anfang des letzten Jahrhunderts kannte man als „Raml“ auch die in den Kochgeschirren angetrockneten Speiseteile. Ältere Lexika schreiben das Wort noch Rame (ganz wie Rammel im Bairisch-Österreichischen ausgesprochen wird), kommt es doch vom mittelhochdeutschen „rām“, Schmutz, Ruß, und dieses vom gleichbedeutenden germanischen *rēmi-, *rēmiz. Das Wort hat sich in unserem Rahm (bundesdeutsch: Sahne) erhalten, wurde der fettreiche Teil der Milch doch ebenfalls als sich ansetzende Schmutzkruste verstanden.

Der Bedeutungsinhalt rußig, schwarz hat sich in anderen Begriffen sedimentert. So hieß der Hofhund mit schwarzem Maul „Rammel“. Desgleichen das schwarze Schaf und ganz unwoke das dunkelhaarige Mädchen oder die vagante Dame von feurigem Temperament und rabenschwarzem Haar: „A liaba Ramme“ oder „a wüüda Ramme“.


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Wieviel Zunge ist in der Sprache?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 33/2025 vom 13. August 2025

Liebe Frau Andrea,
während einer Unterhaltung in unserer mehrsprachigen Verwandtschaft ist uns ein Kuriosum aufgefallen. Meines Wissens nach sagen lediglich die Deutschen als Sprachendefinition: „die deutsche Sprache“. Alle mir bekannten und verwendeten Sprachen: Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch, Italienisch, Russisch und Englisch verwenden den Ausdruck „slovensky jazyk“ für slawische, „la lingua italiana“ für romanische Sprachen und sogar die ural-altaische Sprache der Ungarn sagt: „Magyar nyelv“, was in der wortwörtlichen deutschen Übersetzung als „ungarische Zunge“ sicherlich ungewohnt, wenn nicht gerade lustig klingt. Auch die englische Mischkulanz-Sprache der keltischen, anglosächsischen und normannischen Idiome verwendet den Ausdruck „language“, Zunge. Meine Frage: Seit wann verwendet das Deutsche diesen Ausdruck? Seit Luther? In meinem philologischen Bücheregal habe ich umsonst gesucht.
Ich hoffe, Sie können Sie mir helfen. Vielen Dank,
Ladislaus Toth, per Email

Lieber Ladislaus,

die Sprache, althochdeutsch „sprāhha“, westgermanisch *sprækō ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und damit weit älter als Martin Luthers Bibelübersetzung. Es gilt als Abstraktbildung zu sprechen und ist wohl lautmalerischen Ursprungs, kannte doch das Altnordische „spraka“ noch als Bezeichnung für das Knistern und Prasseln. Immerhin hat das Englische (unter Verlust des r) das Wort in speak (sprechen) und speech (Rede) behalten.

Dass Körperteile und Sinnesorgane zu Bezeichnungen für Wahrnehmungs- und Kommunikationsvorgänge werden, gibt es auch im Deutschen. Etwa wenn wir sagen, wir hätten „ein Auge“ auf, oder eine „Nase“ für etwas. Das Lateinische (und damit die romanischen Sprachen, aber auch das Englische) verwendet(e) für Sprache nicht nur lingua, sondern (unter anderen) sermo, oratio, vox, locutio, idioma.

Das Wienerische kennt zwar die Schbrooch (die Sprache) und die Dsung (Zunge), gesprochen aber wird hier nicht, sondern gredt (geredet), blauschd (geplauscht), drodschd (getratscht) und einedruggd (reingedrückt).


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Der Batzenlippel

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 32/2025 vom 6. August 2025

Liebe Frau Andrea,
ich glaube, ich wurde in meiner Kindheit von meiner Mutter manchmal so bezeichnet, wenn ich mich beim Essen besonders ungeschickt angestellt habe. Können Sie mir sagen, welchen Ursprung die Bezeichnung „Patzenlippel“ hat und was genau damit gemeint ist?
Mit freundlichen Grüßen,
Burkhard Maier, Wilhelmsburg, Niederösterreich, per Email

Lieber Burkhard,

das Wienerische, niemals um Zuspitzung verlegen, kennt den Bodsnlippl, Batzenlippel als einfältigen, aufgeblasenen Menschen, wohl weil er sich hier mit dem Botssnjanka, Batzenjanker vermischt hat, dem eingebildeten Träger eines Uniformrocks mit goldenen Rosetten und anderen protzigen Applikationen.

Im bairisch-österreichischen Dialektraum, wo unser Wort herkommt, versteht man unter Batzenlippel, Botzenlippl, Bodsnlippö in der Regel und in meist liebevoller Absicht das kleckernde, unbeholfene Kind. In den Städten, die größeren Bedarf an Insulten haben, wird auch der ungeschickte Erwachsene so bezeichnet, der dumme Kerl, der Langweiler und Knauser, der Traumichnicht, der derbe, rohe, leichtsinnige, schlampige oder gleichgültige Mensch.

Der Batzenlippel ufert auch ins Freche, Schalkhafte aus, bezeichnet den Schlingel, scherzhaft den Bäcker, Töpfer und Maler, und schließlich den Verlierer im Kartenspiel, synonym mit dem Schwarzen Peter. Warum der doppelte Holzrechen, mit dem die Bauern, nach dem Einfahren des Getreides „das Grecharad (das liegengebliebene Getreide), das Gstaarat (das Verstreute) zusammenrechten, früher ebenfalls Batznlippl hieß, gilt es noch zu klären.

Die Wortbestandteile des Begriffs sind leicht erfasst. Batzen ist der teigig-breige, kleine Klumpen, Lipp die Koseform des Vornamens Phillipp. Es hat im Bairischen noch den Goschlippl (den frechen Schwätzer), den Kramalippl (den Kleinkrämer), den Göidsgottlippi (Geltsgottlippel, den bettelhaften Schmarotzer), das Spatznlipperl (das tapsige Kleinkind) und die Konfliktteilnehmer Streitlippi und Watschnlippi hervorgebracht. Der bürgerliche Zappel-Philipp, der nicht still bei Tische sitzen will, hat eine tragende Rolle im Struwwelpeter.


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Wer hat Angst vorm Wauker?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 31/2025 vom 30. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurde uns Kindern von den Eltern immer gedroht, dass der Wauga käme, wenn wir nicht brav seien. Gesehen haben wir ihn zwar nie, aber allein die Vorstellung war furchteinflößend genug. Wer oder was ist der Wauga eigentlich wirklich?
Danke! Liebe Grüße,
Brigitte Domittner, per Email

Liebe Brigitte,

die gesuchte Schreckgestalt ist lexikalisch schwer fassbar, denn trotz weicher Aussprache schreibt sie sich „Wauker“, „Waucker“. Zudem ist sie wegen des Vordringens angelsächsischer Bösgestalten und der Erosion der heimischen Dialekte ins Verschwinden gestellt. Wie viele Begriffe im Zauberreich der Kindheit hat der Wauker eine harmlose und eine gefährliche Bedeutung. Als Wauckerl, Waukal, Waugal kennen wird den getrockneter Nasenschleim, also den Nasenrammel, sodann den Wollabfall, die Fussel, die Staubansammlung (wienerisch den Lurch, Luach), und die Laus. „Waukserl“, „Baukserl“ sind Kosenamen für das herzige, niedliche Kleinkind, das kleine Teuferl.

Seine große, dämonische Form, der Wauker dient in der von Ihnen erfahrenen Form als Schreckgestalt. Volketymologisch wurde die Schrecksilbe „Wau“ und seine Verdoppelung „Wauwau“ mit dem Hund und seiner historischen Gefährlichkeit für kleine Kinder in Verbindung gebracht. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig, denn der Wauker ist der wahre Bösewicht, das pure Gefährliche, der Teufel selbst. Er packt, beißt, ist böse, nicht selten in Gestalt eines bösen Mannes. Als Waukerl wird schließlich der Schinderknecht bezeichnet, der Abdecker, zuständig für die Verwertung toter Tiere.

In der Silbe „Wau“ erkennt die Etymologie den germanischen Wutgott Wotan. Der lauert im Wald und auf der Wiese, des Abends und besonders in der Nacht, „bei jeder Gelegenheit“. In des Waukers Nebenform Gankerl, Gankal schlummert ebenfalls der Teufel, ist „gangari“ (der Gänger) doch der Beiname Odins, Wuotans, Wodans. Von Erwachsenen wurde er bocksfüßig, als Jäger verkleidet, am abendlichen Waldrand gesehen. Und in Hohlwegen, leichten Fußes vorüberschreitend.

Wow!

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Wie glamourös ist clamoros?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2025 vom 23. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in Zukunft sollen „clamorose Fälle“ nicht mehr am Schreibtisch der Justizministerin oder am Laptop von Pilnaceken landen, sondern bei einer unabhängigen Bundesstaatsanwaltschaft. Das ist natürlich gut so. Woher kommt dieses seltsame Wort „clamorös“? Von „glamourös“?
Danke für Ihre stets unclamorose Aufklärung und liebe Grüße,
Bettina Zeitlhuber, Wien Meidling, per Email

Liebe Bettina,

ich darf fast mit Karl Valentin antworten: Es wurde schon von allen etwas gesagt, nur noch nicht alles. Nach Übereinkunft unter den Beforscher·innen des besagten, die österreichische Justizberichterstattung dominierenden Begriffs wird mit „clamoros“ der medial auffällige, Prominente betreffende Fall bezeichnet. Ministerium und Anklagebehörden wurde nachgesagt, eine Zweiklassenjustiz zu betreiben, die Normalos streng anzufassen, die clamorosen, meist politischen Berühmtheiten weitgehend zu schonen. „Daschlogtsas“ (erschlagt es) war die dazu kolportierte Weisung, das clamorose Verfahren zu beenden.

Eingeführt in die Alltagssprache, vor allem aber in den polit-medialen Diskurs dürfte das Wort Egmont Foregger haben, von 1987 bis 1990 parteiunabhängiger Justizminister des Kabinetts Vranitzky II. Der einstige Justizsprecher der ÖVP, Michael Graff hatte allerdings schon 1983 seiner freiheitlichen Kollegin Partik-Pable vorgeworfen, clamoros und glamourös zu verwechseln, ein Vorwurf den diese wiederum an die Parlamentsstenografie weiterreichte. „Clamor“ [lateinisch Krach, Lärm, Geschrei], so Graff in seiner Ausführung, sei früher einmal ein eigener Haftgrund gewesen. Wenn eine Strafsache besonderes Aufsehen erregt habe, dann wäre der Beschuldigte in Haft zu nehmen, um die tobende Volkswut zu besänftigen.

Sehen wir uns nun „glamourös“ an, soviel wie blendend, betörend, zauberhaft. Es kommt vom neuenglischen glamour. Das ursprünglich schottische Wort bedeutete „Zauberspruch oder Magie“, und war eine Lautform von grammar, vom griechischen Wort gramma kommend, „Buchstabe des Alphabets, Geschriebenes”.

Wie sagen die Clamorosen? „Jedes Schriftl is a Giftl“.

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Heiliges Bimbam

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2025 vom 16. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
als langjähriger Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien beschäftigt mich schon länger eine Frage: In den alten Straßenbahngarnituren hört man zwischendurch Signaltöne, die sich wie „Ding“ und „Dong“ anhören. Ich konnte bis heute nicht herausfinden, welchen Sinn diese Töne haben, da sie (zumindest für mich) willkürlich und in keinem erkennbaren Muster zu hören sind. Haben Sie eventuell nähere Informationen dazu?
Mit besten Grüßen,
Klemens Grünwald, per Email

Lieber Klemens,

die Wiener Straßenbahnen erzeug(t)en eine Vielzahl von Geräuschen, das zweitberühmteste (wenn auch meistgefürchete) war das schrille Quietschen alter Garnituren in engen Schienenkurven. Das berühmtes Geräusch war das kurze oder lange Bimmeln, das warnend Achtung gebot. Gerald Pichowetz’ Figur des Franzi Mayerhofer, genannt „Fünfer“, in der Kultserie „Kaisermühlen Blues“ war eng verbunden mit dem lautmalerischen Warnwort „Bimbim“. Zuletzt wurde „Bim“ gar zum Synonym für die, bis dahin „Tramway“ und „Elektrische“ genannten Wiener Straßenbahn-Garnituren.

Nach Konsultation eines mir nahestehenden Experten der Geschichte der Wiener Straßenbahnen wird das Hör-Bild der von Ihnen wahrgenommenen Klänge deutlicher. Sehr wahrscheinlich meinen Sie die Signale, die früher dem Fahrer meldeten, dass Beiwagen und Triebwagen abfahrtsbereit waren, also die Türen geschlossen waren. In den alten Straßenbahnen mit offenen Türen (zum Auf- und Abspringen während der Fahrt) waren in jedem Wagen Schaffner·innen zugange, die dafür sorgten, in jeder Haltestelle die Abfahrbereitschaft des Wagens zu melden. Von „hinten nach vorne“ betätigten sie an einem ledernen Glockenzug eine Glocke, zuerst der (hinterste) Beiwagen, danach der eventuell mittlere, und schließlich der Schaffner des Triebwagens. Nach Einführung elektrischer Falttüren und auf dem Schaffnerplatz sitzendem Personal wurde das Glockensignal durch Knopfdruck ausgelöst. Das des Beiwagen klang wie „Ding“, das des Triebwagens wie „Dong“.

Die akustischen Signale heutiger Garnituren sind ferne Reminiszenzen, allesamt elektronisch im Soundstudio erzeugt.


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Woher kommt der Sandler?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2025 vom 9. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
beim Besuch der Dauerausstellung des Wien Museums stieß ich auf eine Erklärung des Worts „Sandler“. Das seien jene Menschen gewesen, die in den Ziegelwerken den Sand in die Formen streuten. Der Duden, den ich zuhause hinzuzog, sagt hingegen, der Begriff käme aus dem Mittelhochdeutschen – „seine“ bedeutet langsam, träge. Was stimmt denn nun?

Ihre Anna Stibitznik, 1010 Wien, per Email

Liebe Anna,

Sandler ist einer der Begriffe im Wienerischen, denen Volksetymologie und Wörterbuchautor·innen eine Vielzahl von Ursprüngen zuspricht. Als Sandler wurde bis in die Zeiten politischer Korrektheit und woken Sprachgebrauchs der meist männliche, verwahrloste und unprofessionell bettelnde Obdachlose bezeichnet, der Faulpelz, Schnorrer und Arbeitslose. Ein bedeutungsidentes Wort im Wienerischen ist der Griaßler (nicht zu verwechseln mit dem Greißler, dem kleinen Lebensmittelhändler). Aus dem wienerischen Griaß (mittelhochdeutsch griez, griesch) für Sandkorn, Kiessand, Strand entwickelte sich um 1900 die Bezeichnung Griaßler für die, auf den Sandbänken der Donau und des Wienflusses lagernden Obdachlosen. Die häufig zirkulierende Theorie der Abkunft des Begriffs von sandstreuenden Ziegelarbeitern ist schön aber falsch, ebenso wie die, es käme von althochdeutsch „-seimi“, mittelhochdeutsch „seine“ (langsam, träge), gehört dies doch im Sinne von langsam fließend, tröpfelnd zum Substantiv Seim, das Sämige. Demnach müsste der Sandler ja Seimer heißen.

Wie so Vieles hat der Sandler seinen Ursprung im Rotwelschen, wo mit „Sand“ die Läuse bezeichnet werden. Sandig sein bedeutete Ungeziefer zu haben, angesandelt zu sein, Läuse zu haben. Zandik, Sandig bezeichnet im Neuhebräischen den Gevatter. Im Rotwelschen nahm das Wort die Bedeutung Parasit, Mitwisser an, der etwas von der Beute verlangte und erpreßte, synonym mit Blutsauger. Der Sandler ist also der von Läusen befallene, hygienisch unterversorgte Mensch.

Ist das so weit weg von uns? Nein. Die Wiener Alltagssprache kennt das Wort „ansandeln“, soviel wie anstecken für den Infektionsvorgang durch Niesen und Husten.

Gesundheit!


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Wie ausgestochen ist die Nudel?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 27/2025 vom 2. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
als unbedingter Gegner misogyner Wortwendungen frage ich mich, woher der Begriff von der „ausgestochenen Nudel“ – umgangssprachlich „a gonz a Ausgstochane“ – wohl kommen mag. Soweit ich meine Salzburger Freunde verstanden habe, wird damit eine schnell pikierte und in Dingen von Stil und Umgangsformen leicht aus der Fassung zu bringende Person bezeichnet. In meinen Münchner Jahren lernte ich „ausgezogene Nudeln“ kennen, ein Schmalzgebäck, wobei ich mir nicht im Klaren bin, ob hier eine begriffliche Verwandtschaft bestehen könnte. In meiner Jugend wurden schrille weibliche Fernsehpersönlichkeiten, wie die von mir verehrten Hella von Sinnen, oder Helga Feddersen in den Medien als „Ulknudeln“ tituliert, was mir schon als Kind despektierlich erschien. Ich hoffe, Sie können für Aufklärung sorgen.
Ihr Philipp Hauers, per Email

Lieber Philipp,

als Mutter aller Ulknudeln sei die deutsche Kabarettistin Ingrid Steeger in Erinnerung gerufen, die in der 70erjahre-Klamauk-Serie Klimbim das Genre entscheidend geprägt hat. Das Bundesdeutsche verwendet den Begriff „Nudel“ vorrangig für die leichtherzige und humorfähige Frau. Anders verhält es sich in den Gebieten südlich des Weißwurstäquators, wo „Nudeln“ synonym mit Klößen und anderem Herumgedrücktem verwendet wird, ist doch das Wort selbst eine Lautvariante zu Knödeln und Knuddeln. Obschon es nahe liegt, bei der „ausgestochenen Nudel“ an ein Ergebnis küchenteigbasierten Schaffens zu denken, kommt der Begriff aus dem ritterlichen Mittelalter. Etwas auszustechen bedeutet bekanntlich, etwas aus etwas anderem herauszustechen, Weihnachtskekse etwa, in der Folge aber auch, etwas mit einem spitzen Gerät zu entfernen, ursprünglich den Gegner mit der Lanze aus dem Sattel zu holen – umgangsprachlich, jemand in den Schatten zu stellen, zu übertrumpfen.

Die „ausgestochene Nudel“ ist also die formbare, des Herumgedrücktwerdens nicht abgeneigte weibliche Exzellenzperson. Das Wienerische kennt den Typus als „schdeule Oide“, als „feschn Dsopfm“ und „wööd Schnoin“. Berechtigte Kritik an genderungerechter, ja sexistischer Sprache muss an anderer Stelle erfolgen.


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Fremde grüßen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 26/2025 vom 25. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
es ist nicht die Etymologie, die mich zu Ihnen drängt, sondern ein neuer Nachbar. Wie es sich herausstellt, scheint es so, als wäre Martin Sellner samt Familie in meine unmittelbare Nachbarschaft nach Baden remigriert. Nun freut es mich durchaus, dass er sich an der autochthonen Luft erfreut, jedoch bin ich mir unsicher, wie ich mich im Falle einer Müllplatzbegegnung verhalten soll. Vor allem, welcher Gruß hier angebracht wäre.
       Wäre hier ein neutrales Kopfnicken ratsam, oder könnte dies – man wagt es kaum zu denken – bereits als ein klandestines Signum zur Wiedergewinnung des Abendlandes ausgelegt werden? Vielleicht ein unverfängliches „Grüß Gott“, das mit feiner Ambivalenz darauf verweist, dass höhere Mächte für alles ihre Pläne haben mögen? Oder aber ein schlichtes „Hallo“, was mir jedoch schon beinahe globalistisch erscheint und womöglich Zweifel an meiner eigenen Verwurzelung wecken könnte?
       Bitte helfen Sie mir durch diesen nachbarschaftlichen Gruß-Dschungel, bevor ich noch versehentlich Teil einer großen Erzählung werde.
Herzlich unsichere Grüße,
Gotthold Zauder, per Email

Lieber Gotthold,

bei allen Höflichkeitsbekundungen im öffentlichen Raum taumeln wir durch unsicheres Terrain. Dürfen Prominente von Nichtprominenten durch Gruß inkommodiert werden? Wie verhält sich dies bei Zeitgenossen zweifelhafter Prominenz? Soll man Freundlichkeit durch Barschheit ersetzen? Durch Ignoranz? Polemische Untertöne anklingen lassen? Satire bemühen? Zynismus gar?

Falls Sie zu Grußworten neigen, seien ein paar erprobte Formeln empfohlen. Werfen Sie dem Identitären ein unverfängliches „Willkommen Fremder!“ entgegen, ein krocherisch-spätjugendliches „Bam, Oida!“, oder die sozialdemokratische Segensformel „Fröndschafd!“ Appellieren Sie an Fremdsprachenkenntnisse mit einem britisch gehauchten: „“Honi soit qui mal y pense“ (ein Schelm, der Böses dabei denkt). Nicken Sie wie Kaiser Ferdinand 1848 und fragen Sellnern schönbrunnerdeutsch „Ja dürfen’s denn des?“

Im Falle galoppierenden Übermuts kann es dienlich sein, Ihrer allfälligen Begleitung unüberhörbar zuzuraunen: „Schau, der Gudenus!“


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Saperlot nochmal!

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 25/2025 vom 18. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
als Großmutter eines zweieinhalb Jahre alten Enkelkindes freue ich mich immer über neue Wörter, welche sie entdeckt und wie Bausteine in ihre Satztürme einbaut. Letztens kam sie von der Kinderkrippe und spielte die Pädagogin nach, wobei sie immer wieder „Saperlot“ verwendete. Dieses Wort hatte ich zuletzt selbst als Kind von meiner Oma des öftern gehört und es hatte mich schon damals fasziniert. Bitte um Aufklärung, woher der Begriff kommt und wie es anscheinend zu dessen Wiederentdeckung kam.

Karin Eichberger, von meinem iPad gesendet

Liebe Karin,

wie vergessene oder ins Altertümliche gestellte Wörter und Begriffe wieder in den Sprachgebrauch treten, kann nicht immer allgemein beantwortet werden. Sie müssten die Pädagogin ihrer Enkelin befragen, auf welchen Wegen „Saperlot“ (manchmal auch „Sapperlott“ geschrieben) zu ihr, und damit zu Ihrem Enkelkind kam.

Leichter fällt es, Licht in die Wortgeschichte von Saperlot zu bringen, steht es doch in einer Reihe ähnlicher Fluchwörter und Erstaunensäußerungen. Die Wienerischen Ausrufe Saperlot!, Sapradibiks!, Saprament! und Saprawoit! sind Fluchwörter, die durch Entstellung und Wortmischung aus dem schriftdeutschen „Sakrament“ hervorgegangen sind und in etwas deutlicher Form als Sakralót!, Sakerlot!, Saperment! zirkulier(t)en. Ähnlich wird „sakrisch“ (besonders, sehr) verwendet, wenn es nach Sturz und Verletzung „sakrisch weh tut“, oder jemand, heimlich oder unheimlich, und sehr österreichisch, „a sakrische Freid“ an etwas hat.

Dabei ist die Interjektion „Sakerlot“ garnicht bei uns entstanden. Sie wurde im 17. Jahrhundert aus französisch „sacrelotte“, einer euphemistischen Bildung nach „sacredieu“ (entstellt auch „sacrebleu“), aus „sacré nom (de Dieu)“, der geheiligte Name (Gottes) gebildet. Unschwer ist in „sacré“ das lateinische „sacer“ erkennbar, das heilig bedeutet, einem Gott geweiht, und sprachlich verwandt ist mit „sanctum“. Als „Sankt“ ist es der Titel der Heiligen der katholischen Welt und so in zahlreichen, nach dem jeweiligen Kirchenpatron benannten Orten verewigt.


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Wann es elf zählt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 24/2025 vom 11. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
es ist immer wieder eine Freude, Ihren Offenbarungen zur Wiener Etymologie zu folgen! Nun ergab es sich, dass in einem Gespräch mit Menschen jüngeren Alters, aber auch durchaus in ähnlichen, ostösterreichisch geprägten Alterskohorten der Ausdruck „das zählt elf“ vulgo „des zöht öfe“ völlig unbekannt scheint. Sollte ich nicht bereits eine Erörterung dazu verpasst haben, wäre ich über eine Deutung der Herkunft dieser „berechtigungsraubenden“ Redewendung dankbar. Wirklich erklären konnte ich sie den Unwissenden nämlich nicht.
Vielen Dank,
Michaela Schwaiger, per Email

Liebe Michaela,

die Redewendung ist beste Wiener Gaunersprache, sie kursiert(e) ausschließlich in der Form „des dsöhd öfe“ – als hochdeutsche Phrase ist sie nahezu unbekannt. „Des dsöhd öfe“ bedeutet, etwas zähle nicht, sei egal, belanglos. Die Wendung scheint auf die verschärfte Variante eines alten Glücksspiels zurückzugehen, bei der es galt, mit drei Würfeln mehr als elf Punkte zu erzielen. Besagtes Würfelspiel, „Paschen“ genannt, leitet sich vom französischen „passe dix“ ab (zehn überschreiten). Als Spielvariante „Elf hoch mit drei Würfeln“, bei der die Einsätze verdoppelt werden konnten, stand es ab 1904 auf der Liste der verbotenen Glücksspiele des k.u.k. Justizministeriums. Da die Wahrscheinlichkeit, mit drei Würfeln zwölf oder mehr Augen zu erreichen, signifikant unter 50 Prozent liegt, verstärkt sich der Verdacht, daß „mehr als zehn“ eingefleischten Wienern mit ludischer Neigung nicht ausreichend spannend erschien.

Ob die berühmte „Elferfrage“ Rudolf Horneggs aus dem ORF-Wissens-Quiz „Einundzwanzig“ verstärkenden Einfluss auf die Redewendung genommen hat, muss noch näher erforscht werden. Die Elferfrage jedenfalls galt als schwierigste und damit fast unbeantwortbare Frage.

„Up to eleven“, die Markierung „elf“ als jenseitige Lautstärkeeinstellung erfuhr filmgeschichtliche Prominenz in einer Szene des Streifens „This Is Spinal Tap“, in der der fiktive Gitarrist Nigel Tufnel damit angibt, die Regler seines Marshall-Gitarren-Verstärkers ließen sich nicht bis zehn, sondern getunter Weise bis elf hochdrehen.


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Wo der Ripatsch herkommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 23/2025 vom 4. Juni 2025

Liebe Frau Andrea,
ich war kürzlich meine Tante Peppi (bald 96) in Niederösterreich besuchen. Sie erzählte von der Vergangenheit und irgendwann von einem verheirateten Paar. Er sei ja tüchtig, seine Frau aber ein richtiger „Ribatsch“ gewesen. Ich konnte mir unter „Ribatsch“ nichts vorstellen und sie konnte es nicht erklären, was sie fast zur Verzweiflung brachte (vermutlich ob meiner Begriffsstutzigkeit). Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Ich wäre dankbar und vermutlich Tante Peppi auch.
Mit freundlichen Grüßen,
Karin Gemeiner, Leopoldstadt, per Email

Liebe Karin,

das Knacken des Rätsels um den Ribatsch war etwas schwieriger, weil der Begriff weder im alten noch im neuen Wienerisch zirkuliert(e), und auch in den niederösterreichischen Dialekten weitgehend unbekannt ist. Die Suche im Tschechischen, Slowakischen und Slowenischen bringt keine sinnvollen Ergebnisse, keine spezifischen Ausdrücke jedenfalls, mit denen man eine deviante Ehefrau bezeichnen könnte.

Erhellendes ergibt allerdings der Blick in den k.k. Osten unseres Landes, nach Ungarn. Dort kennt man den „ripacs“ (ausgesprochen Ripatsch, Ribatsch) als Bezeichnung für die marktschreierische, auffällige Person, genauer für den Schmierenschauspieler, Kulissenreißer, den billige Effekte erzielenden Vortragenden. Die umgangssprachliche Popularität des Wortes zeigt sich im Namen der schurkisch ausschweifenden Figur „Ripacs“ im 1883 verfassten Volksstück „A csókon szerzett vőlegény“ (Bräutigam werden mit einem Kuss) des ungarischen Dramatikers und Schauspielers József Szigeti. Als Erstbedeutung des Begriffs nennen die etymologischen Wörterbücher des Magyarischen die Unebenheit, Beule, Vertiefung, den Fleck auf dem Blatt der Pflanze, die Pocken-Narbe. Wann und warum die Bezeichnung für die missgestaltete Oberfläche auf die Schmierenkomödiantik, das übertriebene Schauspiel übersprang, muss noch Gegenstand der Forschung bleiben. Wie und auf welchen Wegen ein ungarischer Ausdruck für schlechte Bühnenkunst in die Hermeneutik niederösterreichischer Ehepaare aus der Großelterngeneration gefunden hat, bleibt weiterhin spannend.


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Wer den Schas erfand

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 22/2025 vom 28. Mai 2025

Liebe Frau Andrea,
viele Medien im Land gehen von der falschen Annahme aus, der legendäre ESC-Sager vom „Schas gewonnen“ stamme von Andi Knoll. Meiner Erinnerung nach stammt der ursprüngliche Ausspruch von Roman Gregory. Vielleicht könnten Sie, verehrte Frau Andrea, dem Mysterium um den tatsächlichen Urheber auf den Grund gehen.
THNX & noch einen vergnüglichen Tag!
Grüße aus Wien Alsergrund,
Gabriela Vida, per Email

Liebe Gabriela,

nach ausgiebigen Recherchen und Telefonaten mit Beteiligten wird das Bild um den Sager vom Schas etwas klarer. Die Sache begann mit der Wiener Heavy-Metal-Band Alkbottle. Die Truppe um Sänger Roman Gregory hatte sich Ende 2010 mit der Nummer „Wir san do net zum Spaß, wir gwinnan eich den Schas“ um die nationale Vorentscheidung beworben. Der ORF verbat den Rockern allerdings die Verwendung des Wortes Schas. Alkbottle traten daher in der finalen nationalen Entscheidungsshow am 25. Februar 2011 mit dem geschönten Refrain „Wir san do net zum Spaß, jetzt gemma richtig Gas“ auf. Gewinnerin des Abends war die Innsbrucker Pop-Sängerin Nadine Beiler. Bei der After-Show-Party nach der Vorausscheidung enstand ein kurzer Clip, in der ein „schon etwas eing’spritzter“ Gregory die glücklich angeschickerte Nadine Beiler im Arm hält und gratulierend seine (und Alkbottles) Rolle kommentiert: Es spannend gemacht, das Publikum belustigt zu haben. „Und jetzt…“ sagt Gregory, worauf Beiler antwortet: „und jetzt gwinn i eich den Schas.“ Dieser mp4-Clip zirkulierte in den Social Media, wurde von den Gagschreibern von „Willkommen Österreich“ aufgegriffen und führte zur Stermann-Grissemann-Parodie „Die Beilers“, in der Christoph Grissemann in Perücke und Kostüm Nadine Beiler mimt und hüpfend den Spruch kiekst: „I bin die Nadine Beiler, i vertritt Öschtareich beim Songcontescht 2011 in Düsseldorf, i gwinn eich jetzt den Schas“. 2024, im Gespräch mit Tom „Conchita“ Neuwirth, bekannte Moderator Knoll, er habe den Spruch, Niederlage um Niederlage beim ESC kommentierend, über die Jahre am Leben erhalten, bis er ihm im Mai 2015, nach dem Song-Contest-Gewinn durch Conchita Wurst spontan entkam und zur Legende werden sollte.


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No na ned

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 21/2025 vom 21. Mai 2025

Liebe Frau Andrea,
nach einigen Jahren Leben in Österreich verstehe ich inzwischen, was „na no na ned“ bedeutet – eh klar. Woher die Redewendung eigentlich kommt, konnte mir aber bisher niemand beantworten. Vielleicht Sie?
Beste Grüße,
Paul Simon, per Email

Lieber Paul,

sehen wir uns ein paar Witze an. Zwei Reisende im Abteil. Der Zug fährt ab. Sagt der eine, „mir scheint, wir fahren schon.“ „No na!“, drauf der andere, „die Fassaden wird man an uns vorbeitragen!“ In ihrem 1960 erschienenen Standardwerk „Der Jüdische Witz“ widmet die Schweizer Phänomenologin Salcia Landmann ein Kapitel den so genannten „No na!“-Witzen, die nach vorherrschender Lehre als Ursprung der Wiener Redewendung angesehen werden. Witzeln wir weiter. Blau geht im Winter an der Alten Donau entlang, da sieht er plötzlich seinen Freund Grün in einem Loch im Eis strampeln. „Grün, bist du eingebrochen?“ „No na! Der Winter wird mich beim Baden überrascht haben!“. Jahreszeitenwechsel. Im Stadtpark spielt ein herziges Kind. Ein Herr fragt teilnahmsvoll: „Wie heißt du, Kleiner? „Moritz Pollatschek.“ Der Herr darauf höhnisch: „Aber wenn du sehr brav bist, dann sagt die Mame sicher Mojschele zu dir?“ „No na, Pollatschek wird sie sagen!“

Das wohl aus der jiddischen Interjektion „nu“ entsprungene „no na“ wird bisweilen um ein vorangestelltes „na“ und ein hinten angehängtes „ned“ zur Arabeske „na no na ned“ erweitert. Stets schwingt dabei die leichte Aggression über die Blödheit der Frage mit. In der häufigsten Form, dem „no na ned“ verdichtet sich spöttischer Unterton zur Befindlichkeitsbekundung grantigen Genervtseins. Damit ist „noa na ned“ dem „geht’s no?“ urverwandt. Es kulminierte am 27. Februar 2005 im legendären Ausspruch des Sturm Graz-Kickers Günther Neukirchner nach dem Schlusspfiff im 121. Grazer Derby. Nach der 0:4-Niederlage gegen den amtierenden österreichischen Meister GAK wollte der Reporter vom genervten Neukirchner nach anderen schmerzhaften Erkundigungen wissen, ob dieser nicht Angst gehabt habe vor einer noch höheren Niederlage. Neukirchner beendete das Interview mit dem berühmten Satz:

„Des is die nächste depperte Frog!“


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Der Tagesabschnittsgegner

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 20/2025 vom 14. Mai 2025

Liebe Frau Andrea,
in Ihrer Kolumne im Falter 16/25 erwähnen Sie einen „Tagesabschnittsgegner“. Was darf man sich darunter vorstellen? Als Hobby-Boxerin habe ich da gewisse Assoziationen.
Vielen Dank und liebe Grüße,
Anna Goldinger, Wien Döbling, per Email

Liebe Anna,

in besagter Kolumne ging es um die richtige Schreibweise wienerischer Ausdrücke, konkret um das „Buckelfünferln“. Die dazu Aufgeforderten könnten ihr Begehr alternativ auch der „Jettitant erzählen“, hieß es weiter, die Anwürfe in ein Sackerl sprechen, sich über die Häsuer oder in den Koks hauen, oder einem/einer nur „die Bock aufblosn“, die Schuhe aufblasen. Allfällige Kontrahenten in solchen Abwehrgefechten fanden Erwähnung als „Tagesabschnittsgegner“. Das Wort ist als solches noch nicht lexikalisch verbucht, nur die allmächtige Suchmaschine Google hat es erfasst.

„Tagesabschnittsgegner“ ist ein satirischer Neologismus, den ich für die Kolumne 16 nach der Formel „Lebensabschnittspartner“ in die Welt gesetzt habe. Mit der Verbreitung moderner Formen des Zusammenlebens waren die Begriffe Gemahl und Gemahlin, Ehemann und Ehefrau vielfach durch jene des kühleren „Lebensabschnittspartner“ ersetzt worden. Aus der Affäre, dem Pantscherl, dem Seitensprung und den Teilnehmenden am One-Night-Stand wurde schließlich der „Tagesabschnittspartner“, die „Tagesabschnittspartnerin“.

Im galoppierenden Ansinnen, die Welt sprachlich zu erweitern darf nichts unversucht bleiben, neue Wörter zu erfinden und im Alltag zu befestigen. Ein solcher Fall ist der Versuch, das Wort „Tagesabschnittsgegner“ zu etablieren. Es bezeichnet den zufällig vorbeikommenden, in der Regel unbekannten Konfliktpartner. „Tagesabschnittsgegner“ können sich in der Schlange vor der Supermarktkasse offenbaren, fußgehend am Radweg, oder radfahrend am Gehsteig. Sie begegnen im Schwimmbad, am Kinderspielplatz und im Lift. Sie lauern im Bus, in der Bim, in der U-Bahn und in der Unausweichlichkeit eines ÖBB-Großraumabteils.

Für die Wahl des Tagensabschnittsgegners sorgt allein der Zufall. Sportliche Vorbildung und Boxhandschuhe sind nicht nötig, Sprachkompetenz und Diskurswendigkeit kein Nachteil.


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Der Kicker und sein Fassadl

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 18/2025 vom 30. April 2025

Liebe Frau Andrea,
in unserer Jugendzeit haben wir davon gesprochen, dass ein Fußballspieler ein Fassadl habe, wenn er gut in Form sei und gut spiele. Welchen Hintergrund hat dieser Begriff?
Ich bitte Sie um Aufklärung und bedanke mich vorab sehr herzlich!
Johannes Uhlig, per E-Mail

Lieber Dottore,

die österreichische Kickersprache ist voller Poesie und überzeugender Metaphern. Spieler werden als Zangler, Brisler (Versteher, von französisch „compris“), Außenpracker, Badkicker, Ballesterer, Blinde, Eiergoalie oder Fliagnfanger bezeichnet, als Federanten, Fiedler, Furchler, Gwandleis (Gewandläuse), Holzgschnitzte, Hydranten, Kammerdiener, Kiah (Kühe), Nagler, Sauser und Stehgeiger, als Techniker, Wadlbeißer, Zamschneider und Zauberer.

Dem gelernten Stahlschlosser, Nationalspieler und späteren Trainer Ernst  Baumeister ist für die Pflege und Hege des Ausdrucks „Fassadl“ zu danken. Er ist fast deckungsgleich mit dem „Bristl“ und bezeichnet die gute Form, das gute Selbstvertrauen. Bristl kommt, leicht zu erkennen, von der stolzgeschwellten Brust vor Spielantritt. Für die Nominierung in die Aufstellung zirkuliert der kickerösterreichische Ausdruck „a leiwal hom“ (ein Leiberl, „eine“ Dress haben). Das Leiwal, Leibal ist nicht zu verwechseln mit dem Lawal (Laberl), das den Fußball selbst bezeichnet, der auch als Frucht, Wuchtl (von Buchtel, tschechisch buchta), Blunzn (Blutwurst), Haud, und Duchant (Tuchent) zirkuliert. Eine interessante Karriere hat Wúle (erstbetont, mit langem u). Das deutsche Wort Beule wurde im Tschechischen zu „boule“ und über Prager Fußballspieler nach Wien zurückgepasst, wo aus „boule“ Wúle wurde. Leicht könnte es mit „wulé“ (letztbetont, mit langem e) verwechselt werden. Eine Wúle wulé genommen kommt vom englische „volley“ und dieses von lateinisch „volare“, fliegen.

Zurück zum Fassadl. Es ist die Verkleinerung der „Fassad“ (Fassade), der Vorderseite, Schauseite eines Gebäudes. Es wurde im 18. Jhdt. aus dem italienischen „facciata“ entlehnt, einer Ableitung von italienisch „faccia“ Vorderseite, Gesichtsseite, das letztlich auf lateinisch „facies“, Aufmachung, Aussehen, Gesicht zurückgeht. Viel Lateinisches also im hiesigen Kickertum.


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