Weblogs haben kurze Beine

Weblogs haben kurze Beine
Politiker entdecken die virtuellen Tagebücher als wahlkampftaugliches Kommunikationsmittel – eine Rundschau von Andrea Maria Dusl
Für ALBUM/Standard, Erschienen in der Printausgabe vom 26./27.8.2006
Was haben wir gelacht! Karl-Heinz in Windeln, Karl Heinz als pubertierender Unterstufler, mit Föhnfrisur und Gustav-Gans-Grinser. Karl-Heinz im Klettergeschirr, den Stephansturm besteigend. Karl-Heinz mit Wolfgang Schüssel, Bill Gates, Alan Greenspan und anderen Größen des internationalen Showgeschäfts. Und dann der Skandal, der uns das Lachen im Halse gefrieren ließ. Die seicht gemachte Homepage im HTL-Design soll so viel gekostet haben wie ein? Einfamilienhaus in Fürstenfeld? Düstere Wolken brachen über Schnitzellands Polit-Homepager-Szene herein. Die Koalition Politiker und Internet war nicht mehr mehrheitsfähig.
Ein Schock, von dem sich sogar der politische Gegner nicht erholte. SPÖ-Politiker machten lange Zeit weite Wege ums Internet, manche fürchten noch heute eine eigene Website wie der Teufel das Weihwasser.
Aber dann war Bundespräsidentenwahlkampf und es kam: wer, wenn nicht sie – Benito Ferrero-Waldner, wie sich Thomas Klestil selig auszudrücken pflegte. Die dauerlächelnde Außenministerin verblüffte Freund und Feind gestelzter Reden mit einem Wahlkampf-Weblog! In 101 Zungen parlant mit den Großen dieser Welt stieg Benita in die Wahlauseinandersetzung um das höchste Amt der Republik. Und schrieb jeden Tag ihre aufzehrenden Wahlkampf-Erlebnisse in ein schnittig gestaltetes Weblog. Bis zum Tag der Wahl.
Da floss der Traum von der Hofburg im Tränenbächlein Richtung Donaukanal. Und dann erfuhr das Publikum – ob durch gezielte Indiskretion oder ungezielte Selbstentblößung – dass der Weblog gar nicht von ihr war. Die Log-Einträge waren auf Band diktiert und von emsigen Mitarbeitermurmeltieren transkribiert worden. Ein Nono in der Bloggerszene! Ein Tagebuch lässt man nicht von Mitschülern schreiben.
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Dancing Stars

„They Shoot Horses, Don’t They?“ (Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss) hiess Sidney Pollacks Film über eine gnadenlose Wett-Tanz-Show. Dancing Stars ist das Remake – auf funny und promi. Die Küniglberg-Tanz-Schau ist Opernball mal Starmania diviert durch Völkerball und bedient die niedrigen Publikumsinstinkte all dieser Formate. Die Zuseher geniessen den Voyeurismus des Schlechte-Fetzen-Schauns und die billige Freude jede Woche ein Idol stürzen zu sehen.
Die These, wonach hier Werte eine Renaissance erfahren, teile ich. Gute Werte sind das nicht, denn die postulierte Rückkehr zu klassischen Mann-Frau-Rollenbildern hat nicht mehr als parodistische Qualität. Als Show betrachtet mangelt es Dancing Stars zumindest nicht an quotentauglichen Ingredienzien.
Fussballer in Tanzfracks und dicke Sängerinnen in Seidenfummel sind zumindest nicht unlustig. Telefonabstimmungen täuschen demokratische Zustände vor und eine fachkundige Jury bürgt für professionellen Touch. Dass das Gehopse keine Competition sondern ein grosser Schmieren-Karl ist hat bisher nur einer begriffen: Der grandiose Operettendirektor Harald Serafin.
Für die Fernsehseite des Kurier vom 7.April 2006

Wie ich 911 erlebte

Die Geschichte ist am 11.9.2001 passiert, vier Tage später habe ich sie aufgeschrieben. Jetzt, ein paar Tage vor dem Versuch der Bushisten, die Weltherrschaft abermals an sich zu reissen, habe ich sie im Paparazziforum (wo ich sie ursprünglich gepostet hatte) wiedergefunden. Und zufällig lief Hanibal Lecter gestern im Fernsehen. Genau wie damals, am 11. September.
Twin-Towers-Burning.jpg911 war sehr spooky für mich. Es ist Nachmitttag, ich Iiege gemütlich auf dem Bett und sehe den Film ‚Hanibal‘. Auf DVD. Da kann man vor und zurück, ohne die ruckelnden Effekte, die es auf VHS gibt. Ich stoppe. Die Szene zeigt, wie Hanibal Lecter die Schädelkappe des FBI-Agenten abhebt und man sein Gehirn drunter sieht.
Plötzlich läutet mein Handy. Meine Mutter ist dran und erzählt, ein Flugzeug sei ins World Trade Center geflogen. Auf ORF sei das als News-Ticker eingeblendet. Ich zappe auf CNN und sehe den rauchenden Nordturm. Das Loch zeichnet die Sihoutte eines Flugzeuges nach. Es sieht aus, wie ein billiger Matte-Effekt aus einem B-Movie.
Ich denke an das Empire State Building, dort ist 1942 bei Nebel ein kleiner Bomber hineingerast, der ein ähnliches, nur kleineres Loch angerichtet hat und 16 Menschen getötet hat. Ich denke an den Schrott, der zu Boden gestürzt ist und dort Menschen erschlagen hat. Ich denke an die Leute im Turm, die oberhalb der Einschlagstelle gefangen sind. Ich hoffe, sie können entkommen.
Ich rufe über Handy meinen besten Freund an, dann meine beste Freundin, dann wieder meine Mutter.
Zu diesem Zeitpunkt denkt CNN noch, ein Navigationsfehler hätte das Desaster ausgelöst.
Die zweite Maschine rast in das Gebäude. Ich bin fassungslos, weil ich denke, ‚was, die haben footage vom Flugzeugeinschlag? Das ist ja irre, die filmen einfach alles…..‘. Erst dann realisiere ich, dass ja ein Turm schon brennt. Es muss also eine zweite Maschine sein. Ich fasse es nicht.
Es ist so irreal, so ein Horror, dass ich komplett emotionalisiert bin. Wie können die durchsiebten Türme noch stehen?
Ich schalte irrtümlich auf den DVD-Kanal. Hanibal Lector schaut gerade in den abgesägten Kopf direkt auf das freiliegende Gehirn eines FBI-Agenten.
Ich sehe die brennenden Türme, telefoniere, sehe immer wieder die Bilder von den Einschlägen, höre, wie Menschen aus den Türmen springen, sehe Menschen, die sich in hunderten Meter Höhe an die silberfarbenen Aussenpfeiler des Turms klammern, auf Hilfe wartend. Ich denke, wo sind die Hubschrauber? Warum kommen keine Hubschrauber mit Löschwasser? Ich sehe den weissen Rauch, den der erste einstürzende Turm verursacht, fürchte um die Menschen, die da gerade sterben. Dann der zweite Turm, dessen Einsturz zu erwarten war. Ich denke an die Menschen auf der Strasse, die da unten gerade um ihr Leben laufen.
……….
Geschrieben am 15.09.2001, 11:02 für Tex Rubinowitz‘ und Christian Ankowitschs Höfliche Paparazzi

Was ich lese…

Atlanten, politische
Schwarten, Blogs.
Was man heutzutage
halt so alles liest.

GERADE EBEN bin ich übersiedelt.Meine allerpersönlichsten
Wertsachen hatten in einer Bananenkiste Platz.Meine Garderobe
in fünf Baumarkt-Kartons.Meine Bibliothek füllte 57 Profi-
Container. Irgendetwas mache ich falsch. Lese ich zu viel?
Wohnen Kobolde in meinem Haushalt, die über Nacht Bücher
anschleppen und heimlich auf Halde stapeln? Bin ich über ein
Raum-Zeit-Inkontinuum mit dem Hauptlager der Frankfurter
Buchmesse verbunden? Hab’ ich sie noch alle? Dass ich zu viel
lese: Soll ich das behaupten? Fünf Stunden Lesen täglich ist
doch nicht viel. Dass ich zu viel Bücher besitze, könnte schon
eher stimmen.Aber was lese ich? Versuchen wir mal, nicht zu lügen.
Im Bad liegt, schon leicht aufgeweicht,Heinz Fischers Retrospektive
der Ära Kreisky. Ein Schaumbad mit Broda, Firnberg,
Sinowatz, das hat schon was. In meinem Schlafzimmer
liegt irgendetwas Halbsaloppes,Coffee-Table-Fähiges über die
gallorömische Geschichte Pannoniens.Was genau in meinem
halbsaloppen Pannonicum steht,weiß ich nur in homöopathischer
Dosis.Nach zwei Minuten Coffee-Table-Halten nicke ich
ein. Ich gebe aber zu, dass ich in letzter Zeit häufig von La-Tène-
zeitlichen Eisen-Kultwagen träume, von keltischen Grabhügeln
und norischen Hüten. Neben meinem Sofa – es duckt
sich unter acht Laufmeter Bücherwand wie ein Biwak unter die
Eiger-Nordwand – liegen drei glimmende Lunten Noam
Chomskys. Die werden wohl bald detonieren. Wenn ich
Chomskys überdrüssig werde, lese ich den Online-Standard.
Erst lese ich jeden, aber auch wirklich jeden Artikel dort, dann
jedes Posting dazu.Verrückt, aber wahr. Auch den Spiegel, die
New York Times und Variety lese ich im Netz. Netz. Ein blödes
Bild. Das Netz sollte eigentlich Leseteich heißen. Rundherum
begrenzt vom sumpfigen Schilf der Onlineforen. Mit einer
schnuckeligen Zone voll blühender Seerosen. In der Mitte tief,
schwarz und unheimlich.Und auf einer Luftmatratze aus Google-
Ergebnissen paddle ich durch die Seerosen.Was ich noch lese?
Atlanten,Haustürprospekte,E-Mails, Bedienungsanleitungen,
Anruflisten, Blogs, Graffiti, Speisekarten, Drehbücher,
Türschilder,Untertitel und mehrmals täglich die Uhrzeit.
………. ………. ……….

…und was nicht.

Ich weiß gar nicht, was
ich nicht lese. Dafür
weiß ich, was ich alles
unnötig anlese.

MAL EHRLICH, wie soll ich wissen, was ich nicht lese? Müsste
ich das Nichtgelesene nicht zumindest angelesen haben, nicht
zumindest einen Zipfel seines literarischen Wesens verinnerlicht
haben, um zu wissen: Den Mist lese ich nicht weiter? Und
zählte das solcherart Angelesene nicht automatisch zum Schatz
des Gelesenen? Meinetwegen müsste die Spalte da drüben heißen:
„Absichtlich Gelesenes“. Für diese hier schlüge ich vor:
„An-, aber willentlich nicht Weitergelesenes“. Zugegeben, kein
zündender Titel. Einigen wir uns auf:„Was ich nicht weiterlese“.
Ich leide unter einer Aufmerksamkeitsstörung, zu deren
Symptomen die Unfähigkeit gehört,Romane zu lesen.Zwei Seiten,
drei,vielleicht fünf:Mehr schaffe ich nicht.Buchstaben verschwimmen
vor meinen Augen zu Brei,Bilder springen aus den
Seiten wie Popups aus dem Browser. Romane lesen ist Qual,
weil meine Fantasie dem Text Sporen gibt und mit mir durchgeht.
Ich habe nie den „Zauberberg“ gelesen, nie „Der Name der
Rose“, nie „Finnegans Wake“, nie den Kanon all dieser herrlichen
Autoren,deren Werke alle glücklich in sich spazieren tragen.
Drehbücher, Essays, Gedichte, Telefonbücher: kein Problem.
Aber Romane: njet.Meine Krankheit hat auch Gutes: Ich
spare viel Geld, weil ich nie auf Urlaub fahren muss. Denn wo
lesen wir Romane? Im Strandkorb in Ostmasuren, im Sonnendeckstuhl
auf Santorin und Kreta, auf der Swimmingpool-Liege
in Havanna.Gut auch, dass ich Harry Potter nicht einmal in
Zeiten größten literarischen Verdurstens lesen könnte.Wer sich
nach Magie sehnt, soll Aleister Crowley lesen und nicht die Geschichten
einer englischen Lehrerin.Ungelesen bleiben bei mir
auch Zeitungen. Die lese ich online. Das spart Nerven und,
wenn es mehr täten, auch Wälder. Kaffeehäuser, denen man
andichtet, sie seien traditionell Orte des Lesens, sind für Intrigen
da und nicht fürs Gratisstudium von NZZ, Süddeutscher
und FAZ. Sehr ungern lese ich Mahnschreiben und Rechnungen,
Einladungen zu kirchlichen Kulturveranstaltungen und
den Marketingzinnober, der mir die Mailbox verkleistert.
Kleingedrucktes und Amtsstübisches lese ich schon aus optischem
Unvermögen nicht.
© Andrea Maria Dusl 2004
Erschienen in Datum 5/2004

Barolo Forever

barolo-1.jpgManchmal kommt es anders, als man hofft. Nachfolger des aschfahlen Andreas Unterberger wurde sein aufbrausender Stellvertreter Michael Fleischhacker. Das ist insoferne unerfreulich, als man sich für den Sessel des Presse-Chefredakteurs Hoffnungen auf Christian Seiler machen durfte. Der ehemalige Chefredakteur des profil hatte sich schon blendend um die Geschicke des „TagiMagi“, des Magazins des schweizerischen Tages-Anzeiger, gekümmert. Auch das Chefbüro der Kulturzeitschrift du trug sein Türschild. Seit Februar verantwortet er bei der helvetischen Edelgazette Weltwoche die Bereiche Kultur und Gesellschaft. Alle diese hohen Posten konnten uns nicht von seiner Leidenschaft für das Verfassen der fadesten Kolumne der Welt erlösen: der Freizeit Kurier-Glosse „Hund & Herl“, der Abenteuer des Seilerhundes Barolo. Die Hoffnungen, ein Megastressjob beim Mutterschiff des Konservativismus könnte das Ende für die Schlabbertölenkolumne bedeuten, haben sich zerschlagen. Die Erlebnisse des Rotweinköters werden uns weiter die Wochenend-Wachheit rauben.
© Andrea Maria Dusl
Erschienen in Falter“ Nr. 40/04 vom 29.09.2004 Seite: 17

Good Medal is Gold Medal

Markus-Rogan.jpgKatie-Allen-2.jpgÖsterreichs Fernsehsportreporter haben das dicke Buch der olympischen Legenden erschöpft und dankbar wieder zugeklappt. Getragen waren die Spiele im „Mutterland des Sports“ vom pathetischen Tenor des Patriotismus. Dabei sein ist gut, besser aber ist gewinnen. Und gewinnen bei Olympia heißt Medaille.
Gleich zwei solcher Medaillen erschwamm uns der „sympathische“ Markus Rogan. Augenblicklich wurde er zum Held des Jahrhunderts ausgerufen.
Kaum hatte allerdings die ebenso “bescheidene” Beuteaustralierin Katie Allen Gold errungen, war es aus mit der Markus-Rogan-Heiligen-Verehrung.
Steinacher-Hagara.jpgUnd als dann waschechte Österreicher Gold ersegelten, verblasste auch diese Heldentat. Waschechtechtes Gold ist eben waschechtes Gold!
Und für den Fall, dass mal in einer Disziplin Medaillen ausser Reichweite heimischer Sportler liegen – der Regelfall also – gibt es für den waschechten Fernsehsportreporter immer noch Boxen. Tiefste, medaillenlose Zuneigung empfindet die österreichische Fernsehsportreportage seit Anbeginn ihres Wirkens eigentlich nur für das Boxen.
© Andrea Maria Dusl
Erschienen im „Falter“ Nr. 36/04 vom 01.09.2004 Seite: 16

911. Das Attentat unter kommerziellen Gesichtspunkten

War and Crime sell
18.09.2001, 15:22
Gepostet auf: Höfliche Paparazzi
Waffen- und Gasmaskenverkäufe steigen in USA nach Anschlägen. ‚Biologischer oder chemischer Angriff auf jeden Fall möglich‘ New York – Nach den Terror-Anschlägen in den USA sind in Nordamerika die Verkäufe von Schusswaffen, Gasmasken und Stichwesten stark angestiegen. ‚Wir können nicht einmal mit der Nachfrage nach Gasmasken Schritt halten‘, sagte Mike Wismer von dem Militärgütergeschäft Forest City Surplus am Montag in London im kanadischen Bundesstaat Ontario. Zurzeit verkaufe seine Firma mindestens 100 Gasmasken pro Tag, überwiegend über das Internet, die Meisten davon an US-Bürger. ‚Wir können nur hoffen, dass unsere Zulieferer mithalten können.‘ Eine Sprecherin der Handelskette Wal-Mart sagte, in den ersten zwei Tagen sei die Nachfrage nach Schusswaffen und Munition stark angestiegen, habe sich aber jetzt abgeflacht.
Nach den Angriffen suche er nach Gasmasken für sich, seine Kinder und seine Freunde, sagte Kenneth Frank, Anwalt und Besitzer einer Softwarefirma in Baltimore. ‚Der Zeitpunkt, um eine Gasmaske zu kaufen, ist bevor etwas passiert‘, sagte er. ‚Ein biologischer oder chemischer Angriff ist auf jeden Fall möglich und wenn das passiert, wird man keine Gasmaske mehr bekommen.‘ Er habe im Internet nach Masken gesucht und erwäge, ein israelisches Modell zu kaufen, das weniger als 25 Dollar (27,0 Euro/371 S) koste.
Der Börsenkurs des Waffenhändlers Sturm, Ruger & Co. stieg an der New Yorker Börse um 10,75 Prozent auf 10,30 Dollar. Die Firmenleitung teilte mit, sie wisse nicht, woher der Anstieg komme. Der Chef von Kejo Limited, Tony Tanner, sagte, er werde mit Nachfragen nach hochwertigen Gasmasken sowie schuss- und stichfesten Schutzwesten überschwemmt. ‚Einige dieser Anrufe kamen von Piloten‘, sagte er. Bis zum Tag der Anschläge habe Kejo seit Jahresanfang insgesamt fünf Gasmasken verkauft. Jetzt seien täglich Dutzende. ‚Es ist eine Tragödie. Aber wenn wir den Menschen mit diesen Gütern helfen können, würde ich mich gut fühlen.‘ (APA/Reuters)

Schulterschluss-Stadl

Als Werner Welzig nach stundenlangem Warten zur Wortmeldung zugelassen wurde, hatte sich die Marathonsendung zur Schieflage der Nation schon wie eine bleierne Decke über Fernsehösterreich gelegt. Auf der riesigen Monitorwand loderte das grafische Signet zur Sendung wie ein gigantisches rotweißrotes Kaminfeuer. Der Ort des politischen Geschehens sei das Parlament, zitierte der Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften den Oppositionschef Alfred Gusenbauer, der Ort des politischen Protests die Straße, die Orte der Wissenschaft Labor und Bibliothek. Was aber sei das Fernsehstudio? Und was diese nationale Sondersitzung? Es müsse doch ein neues Kompositum mit „Stadl“ zu finden sein, stichelte Werner Welzig eine sichtlich nach Contenance schnappende Gisela Hopfmüller. Die Anwesenden, monierte Welzig,seien Sprecher des Stückes, das hier aufgeführt werde, nur sei der Text nicht von ihnen. Mehr hatte es nicht gebraucht, um in Hopfmüller das dreigestrichene c der Kindergartentante anzuschlagen. Einer fehlte im Stadl: Der Jörgseibeiuns, der Bursche aller Aufregung, das einfache Mitglied.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 12/00 vom 22.3.2000 Seite 20

Zur Sache

„Zur Sache“ ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Einst hatte der an Durchsetzungskraft nicht gerade darbende Peter Rabl das Moderatorenhandtuch geworfen. Unausgesprochen lagen Vorwürfe im Äther, ein Zeitungsherausgeber könne nicht glaubhaft den unabhängigen Gesprächsleiter geben. Trotz dieser Gerüchte verbiss sich die Redaktion in das Konzept, die „Zur Sache“-Moderatoren innerhalb der überschaubaren Szene österreichischer Chefredakteure zu requirieren. Und tapste in die Falle, dass gut schreiben und gut Redaktionen leiten nicht automatisch mit der Fähigkeit, gut „Zur Sache“ zu moderieren, korreliert. Selbst ein Titan der Schüchternheit wie Hermes Phettberg vermag eine Runde notorischer Interessenvertreter besser zu bändigen als ein scharfzüngiger, aber im bürgerlichen Kniggegestrüpp zappelnder Ronald Barazon. Die journalistische Kompetenz Margit Czöppans wiederum ging erst jüngst vor Westenthaler/Khol-Eildepeschen ein wie ein Wollpullover im Kochwaschgang. Die Zeit ist reif für eine Wiederbelebung des „Club 2“, der Mutter aller Talks. An den Kosten für eine neue Ledergarnitur kann es doch wohl nicht liegen.
©Andrea Maria Dusl
Erschienen im „Falter“ 11/00 vom 15.3.2000 Seite 18

Moik, Karl, Kiffen

Karl Moik hat eine goldene Nase für das, was beim Publikum gut ankommt. Karl Moik findet daher nicht nur an den Spatzen aus Kastelruth, den fidelen Klostertalern und Quintetten von der Nockalm ein gutes Haar, sondern sogar an einem notorisch Unmusikalischen eine ganze Frisur. Am persönlichen Freund, dem Jörgl, etwa: Was das Bierzelt verbindet, soll die Quote nicht trennen. Moderatoren vom Schlage eines Moik und eines Haider schwimmen halt nicht auf Nudelsuppen daher. Im letzten Musikantenstadl zeigte Moik dem Schweizer Publikum mit einem standartengroßen blauen Mascherl, wo das Herz eines anständigen Österreichers heute zu schlagen hat. Das aufrechte Herz blieb kurz stehen, als Quotenmillionär Stefan Raab im Seppelkostüm zu sichtlich nicht akkordiertem Playback durch die Halle hüpfte und Moik „voll am Arsch hatte“. „Der Karl, der Karl, der Moik, Moik, Moik, der kifft das schärfste Zeug, Zeug, Zeug“, skandierte der tv-Totalisator vor patschendem Publikum und führte damit den erfolgreichen Beweis, dass ein Stadlpublikum einfach alles mitmacht, sogar die mediale Hinrichtung ihres anständigen Karls.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 10/00 vom 8.3.2000 Seite 16

Villacher Fasching

Es ist ein Land, das viel zu lachen hat, ein Land der messerscharfen Komik, ein Land der treffsicheren Pointe. Das sonnige Bundesland, das sich zwischen Osttirol und der südlichen Steiermark auffaltet wie eine riesiges Lachen, ist die Heimat des Villacher Fasching. Eines Faschings, der seinesgleichen sucht im närrischen Treiben der Welt. Alljährlich wird dieser Fasching, der „Villacher Fasching“, im Fernsehen gezeigt, ganz so wie es andere Kulturnationen mit den großen Emanationen ihrer Fasnächte tun. Der Villacher ist über die Jahrzehnte ja gerade zu „dem Fasching“ geworden. Der Kärntner Humor avancierte zur polternden Verdichtung des gesamtösterreichischen. Wenn Österreich eine Nation ist, „donn is Kaantn lei scho longe aane“. Das fernsehtaugliche Humorverständnis dieser kleinen Nation sieht schon in Steirern gefährliche Ausländer, versteht Frauen als parasitäre Halbmenschen und tritt Minderheiten nur in der Narrenkappe mit Witzen. Das Land unter der Führung des porschefarbenen Satyrs macht mir Angst. Wenn das der Humor der Kärntner ist, wie sieht dann ihr Ernst aus?
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 09/00 vom 1.3.2000 Seite 16

Experten für Chef-Deeskalation

Der Propagandaingenieur kochte vor Wut. Besonders heiße Flammen unter dem dünnen Kessel seiner Emotionen loderten in der „ZIB 2“, wo „einige Ideologen … aus tiefstem persönlichem Frust solche Stückerl drehen“. Dort sei eine „Verlautbarungsstelle für links“, empörte sich Peter Westenthaler fast wortgleich in profil und Format, „eine Kampfstelle gegen die neue Regierung. Da wird in fast jedem Bericht manipuliert.“ Eine Verschnaufpause für Westenthaler mag der ORF Sonntagvormittag nach der großen Demonstration vorgesehen haben: Unter der Leitung von Chefdeeskalationsexperten Prof. Paul Lendvai diskutierte eine karätige internationale Journalistenrunde eine mögliche Destabilisierung im „Herzen Europas“. So richtig auf 180 kam der FPÖ-Klubobmann dafür wieder während der sonntagabendlichen Diskussionsrunde „Zur Sache“ mit Red Fred Gusenbauer: Ein Westenthaler-Telefonat jagte das andere, Diskussionsleiterin Margit Czöppan fand sich in die Rolle eines Regierungslautsprechers gedrängt. Ein Gebot der Sendung lautet nämlich: „Richtigstellungen“ des politischen Gegners müssen live verlautbart werden.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 08/00 vom 23.2.2000 Seite 24

Eskalation aller Orten

Kaum waren die Mitglieder der neuen Regierung unter dem Ballhausplatz durchgekrochen, begann sich eine gefährliche Eskalation über das Land zu breiten. Eskalation fand aller Orten statt: Am Ballhausplatz, vor dem Parlament, auf den Straßen der großen österreichischen Städte. Große Eskalationen fanden sich am Sonntag nach der Wende auch vor dem Haas-Haus ein. An ein eskalationsfreies Miteinander der Klubobleute war nicht zu denken. „Zur Sache“ wurde auf den Küniglberg verlegt, einige tausend Eskalateure folgten. Peter Westenthaler sah sich gezwungen, den Staatsmann im Simmeringer zu entdecken: „Wir müssen versuchen, de zu eskalieren.“ Eine Springflut der Deeskalation überschwemmte den ORF: „Es gibt keine Weisung, aber wir halten uns daran.“ Besondere Verdienste um die Deeskalation konstatieren wir bei Günther Ziesel, der seine Agenden als Pressestunde-Moderator mit denen eines Regierungssprechers zu verwechseln trachtete. Enorm auch das Aufgebot an Deeskalation im letzten „Zur Sache“: Oppositionspolitiker wurden aus Deeskalationsgründen erst gar nicht geladen.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 07/00 vom 16.2.2000 Seite 21

Kleiner Mann, dünne Lippen

Der kleine Mann mit den dünnen Lippen hat die Präambel unterschrieben und er hat dabei fernsehgerecht gelächelt. Der kleine Mann mit den dünnen Lippen lächelt immer, wenn er Objektive erblickt. Ein Pokerface geht um die Welt. Ein freundliches, ein harmlos lächelndes, ein wohnzimmerreines Pokerface. Ein Lächeln, dessen Masche es ist, Fernsehern hier und im „Ausland“ professionelles Krisenmanagement zu signalisieren. Seht her, will dieses Lächeln bedeuten, wir sind es, die harmlosen Österreicher. Vor uns braucht sich doch keiner zu fürchten. Unsere Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst, und gleich singen wir „die Reblaus“. Es ist ein seltsam öffentliches Schauspiel, das Wolfgang Schüssels Kasperlregierung in sämtliche Fernsehgeräte der Welt katapultiert. Am Ballhausplatz stehen Reporter, deren Gesichter wir bisher nur von den Krisenherden der Welt kennen, aus deutschen Talkshows grinst uns das Zahnpastafeixen des Goiserers entgegen, und es ist vermutlich nur eine Frage von Terminen, dass der Ziehvater des österreichischen Rechtsextremismus bei „Wetten, dass …“ eingeladen wird.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 06/00 vom 9.2.2000 Seite 20

„Wetten, dass …“

„Wetten, dass …“ war einmal ein Quotenmustang. In einer Fernsehprärie, die nur von staubigem
Talkgestrüpp, vazierenden Grimassenschneidern und quacksalbernden Bastelonkeln bewohnt wurde, war es das ungesattelte Superpferd. Ein Spund aus Süddeutschland zog sich die Sendestiefel an, riss dem biederen Pferdehalter mit den whiskeyglasdicken Brillen das Zaumzeug aus der Hand und sprang in den Sattel von „Wetten, dass …“. Fortan ritten sie von Saloon zu Saloon und gewannen jedes Quotenduell in jedem gottschalkverdammten Kaff. Tommy hieß der zauberhafte Junge. Er ritt den Quotenmustang wie kein anderer. Tommy the nose nannten sie ihn, und sein Ruf war Legende. Das war einmal. Der Hengst lahmt und der Desperado kämpft schwer mit den Tücken des Alters. Seine Kanone, mit der er früher einen Gag aus hundert Fuß Entfernung ins linke Nasenloch treffen konnte, hat Rost angesetzt und die Sporen seiner Schlagfertigkeit sind stumpf wie Fahrradmuttern. Zeit, dem Pferd den letzten Hafer zu bringen. Hidalgo Raab reitet jetzt. Auf einer weißen Stute namens „TV total“. Keiner ist so schnell wie er.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 05/00 vom 2.2.2000 Seite 18

Schnellvorlauf

Rapid-Viertelstunde heißt ein von den jeweils gerade diensthabenden TIV-Newsroom-Agenten moderierter Expertentalk. Weil die TIV-Rapid-Viertelstunde im Gegensatz zu ihrem namengebenden Vorbild am grünweißen Rasen immer wieder mit Spannungsabfall rechnen muss, haben die TIVler ein praktisches Gestaltungselement ausgetüftelt: Wenn ein Gast zu schwafeln beginnt, wird einfach auf „Schnellvorlauf“ gedrückt. Hach, gäbs das doch auch in anderen österreichischen Sendern! Wie kurzweilig könnte „Zur Sache“ sein! Wie entlarvend kurz Expertenstatements! Schnellvorspul-Drive könnte aber auch Barbara Retts untertouriges Kultursedativ vertragen. Bislang musste unsereins so eine Sendung ja vorher immer erst aufnehmen, um mit Hilfe der segensreichen Taste mit den zwei Rechtspfeilen etwas Pfeffer ins Ragout zu bringen. (Warum die Zukunft bedientastenmäßig immer nach Osten zeigt, sollte endlich auch einmal ergründet werden.) Ja, die Zukunft. In Zukunft wird der Experte von der Straße wieder mehr zu sagen haben. Ich befürchte, an einer politischen Talkrunde mit dem Titel „Stammtisch“ wird schon gebastelt.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 04/00 vom 26.1.2000 Seite 18

Schmachten nach Leander Haußmann

Das Schweizer Fernsehen besitzt ein Spielzeug, um das es das österreichische Fernsehen grenzenlos beneidet: Es firmiert unter den sprachgewaltigen österreichischen Sportreportern als diekollegenvomschweizerfernsehenhabenunsdiesecomputeranimation und ist ein technisches Gadget, welches es ermöglicht, zwei Skifahrer so übereinander zu kopieren, dass weder die Skifahrer noch die beteiligten Hänge ruckeln und wackeln und äußerst spannende hieristjurekoschierdieentscheidendeskispitzevoran-Effekte – selbstredend in Zeitlupe – sichtbar werden. Nicht auszudenken, wenn diese Technik (die bei MTV schon zu den alten Hüten zählt) in unbefugte Hände käme. Was ließe sich nicht alles anstellen mit Peter Rapp und seinen Tausenden bachernen Millionenradsendungen! Oder erst mit Barbara Rett! Wir könnten endlich analysieren, an welcher scheinwerferbeschienenen Stelle die Moderatorin immer wieder entscheidende Zehntelsekunden durch „Leander-Haußmann-Schmachten“ liegen lässt. Im Sinne grenzenloser kultureller Aufklärung fordere ich die Schweizer auf: Gebt diese Technik endlich in unbefugte Hände! Befreit sie vom Primat der Spitzensportanalyse!
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 03/00 vom 19.1.2000 Seite 18

Last Day on Earth

Die Mondlandung, die Ermordung John F. Kennedys, der Einsturz der Reichsbrücke, Lady Dianas letzte Fahrt in einem Mercedes: Bei diesen großen Wendepunkten in der Geschichte der Menschheit wissen wir heute noch haargenau, was wir damals gerade taten, als wir von ihnen erfuhren. Der 31.12.1999, der letzte eines nicht gerade faden Jahrtausends, ist auch so ein Tag. Hier eine kleine Kompilation meiner Erinnerungen an dieses enorme Datum: Josef Broukal ist nervös und vergisst dauernd seinen Text, nie jedoch den Satz „Kann mir bitte jetzt die Regie …“ Ingrid Thurnher ist mit Stöckelschuhen drei Köpfe kleiner als Dieter Chmelar ohne. Birgit Fenderl ist als Moderatorin große Klasse, als Playback-Cher jedoch eine hilflose Niete. Bei ihrer Kulturkollegin Karin ist es genau umgekehrt: Sie überzeugt als Mireille Matthieu, weniger hingegen in ihrer eigentlichen Rolle als Resetarits. „Andrew-Sister“ Roman Mählich hat heimlich Tuntigsein in rosa Kostümchen geübt, Hannes Kartnig hat eindeutig eine einschlägige Vergangenheit in diesem Fach, und allein Ivo Nazionale ist vermutlich nur Fußballer. Aja: Die Pummerin hab ich auch läuten gesehen.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 01-02/00 vom 12.1.2000 Seite 18

Die Null am Datumshintern

Was so eine Null am Datumshintern nicht alles an dicken Analysen hervorruft! Der Wechsel von 1999 auf 2000 schlägt sich magazintechnisch vor allem im satten Tau der religiösen Betrachtung nieder. (So schön ein „Ende jetzt“ auch wäre: Die Apokalypse war spätestens nach der Sonnenfinsternis gegessen.) profil, dem die Titelmadonna dermaßen ins Logo gerutscht ist, dass von „unabhängiges Nachrichtenmagazin“ nur mehr ein schütteres „u…mag“ blieb, frug um und deckte neben anderen sittlichen Verfallserscheinungen auf, dass in Sachen Heiligkeit die knirschende Kirchenbank längst vom fahrbaren Untersatz abgelöst wurde und dass die letzte Reise dreimal wahrscheinlicher in den kühlen Himmel als in die warme Hölle geht.
Format, neben „Politik und Wirtschaft“ auch im „Wissen“ kundig, legt überhaupt das dicke Buch auf den Prüfstand. So soll Noah maximal im Schwarzen Meer gearcht, Moses trockenen Fußes bloß durch den „lediglich bis zu tausend Meter tiefen Golf von Aqaba“ gewatet sein und Jesus überhaupt erfunden worden sein. Irgendwo hab ich das alles schon in den Seventies gelesen.
„Falter“ 51-52/99 vom 22.12.1999 Seite 20 Presseschau

Prinz Horn von rechts hinten

Ich bin zufrieden mit euch, Zeitgeistbroschüren! Endlich ein Kandidat auf den Covern von Format und profil. Noch dazu der gleiche … äh, die gleichen … äh, dieselben. (Es ist schon kompliziert mit einem Kanzleraspiranten, der eigentlich keiner ist, weil ja, wie glasklar zu vermuten, der Kandidat ja der andere …) Trotzdem: Ich bin stolz auf euch, profil und Format, endlich wieder faltenwürfige Freiheit auf euren Deckeln! Und richtig erkannt: Prinzhorn taucht von rechts hinten an! Bärental hat sich wieder erfolgreich in die Coveridee gethemenleadert. (Im Gegensatz zur grafischen Lösung, der fahrlässigen Krida unter den Coverideen, ist die Haider-Lösung die vorsätzliche.)
Auch die Neue Kronen Zeitung fährt bewährte Geschütze auf: „Während linkslinke Kreise unverdrossen für die Freigabe sogenannter ,weicher Drogen‘ streiten“, wie Recht- und Ordnungsexperte Andreas Mölzer im Blattinneren konstatiert, lesen die beiden Kinder auf Seite 1 statt neuer Schulbücher und alter Schundhefterl gerade den Rohstoff zu Österreichs Todesursache Nummer 1, der so genannten „legalen Droge“ Wein.
© Andrea Maria Dusl
Erschienen in Falter../.. Datum unklar… 1999

Edelfedern

Es gibt Journalisten, die schreiben, und solche, die „schreiben“. Schreibende Journalisten heißen Journalisten, während „schreibende“ Journalisten „Edelfedern“ genannt werden. Als wäre der publizistische Adelstitel nicht ohnedies Auszeichnung genug, schreiben Edelfedern meist tatsächlich mit Füllhaltern. (Ausgenommen jene, die sich mit Bleistiften aus libanesischer Südhangzeder bescheiden.) Eine der berühmtesten Edelfedern dieses Landes ist der langjährige Herausgeber und Koherausgeber des Wirtschaftsmagazins trend. Neben der Koherausgabe des trend beschäftigt sich Helmut A. Gansterer auch mit der Verbreitung guter Neuigkeiten. Seine Kolumne „Good News“ im Nachrichtenmagazin profil widmet sich vor allem jenem Körperteil, der Edelfedern gemeinhin zu halten pflegt: der Hand! Gansterer ruft zu „Applaus und Trost für die Handarbeiter“ auf und enthüllt dazu in Kapitel „VI. Good News 4: Hand kann Kunst sein“. Es gäbe keinen bildenden und kaum einen darstellenden Künstler, der ohne Hand auskomme, weiß Gansterer. Dachte ichs mir doch, dass Spazierengehen nicht zu den Künsten zählt!
© Andrea Maria Dusl
Erschienen in „Falter“ 50/99 vom 15.12.1999 Seite 20

Getrennt durch die gleiche Sprache

„Die Deutschen und die Österreicher sind ein Volk – getrennt allerdings durch die gleiche Sprache.“ So habe es, schreibt Österreichs führender Zitatenforscher Staberl in der Krone, „vor Zeiten schon der witzige und gescheite Friedrich Torberg, Schöpfer der so unendlich amüsanten ,Tante Jolesch‘, formuliert. Dabei sind“, so der Aphorismenexperte weiter, „gerade dem Sprachkünstler Torberg die Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Österreichischen nur allzu bekannt gewesen. (…) Nicht wegzuleugnen“ sei „freilich eine gewisse Hassliebe zwischen den deutschen Stämmen.“
Weggeleugnet dürften die Sprachkünstler vor allem die Originalquelle haben. Und die war, so Dr. Breiteneder von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, auch nicht der sonst übliche Kandidat für das brillante Zitat, Karl Kraus, sondern nach Meinung führender Anglisten G. B. Shaw oder Oscar Wilde. Und die bezogen das Zitat auf die sprachlichen Unterschiede zwischen Amerikanern und Engländern. Friedrich Torberg und Oscar Wilde, ließe sich sinngemäß behaupten, unterscheidet vor allem der beiden nicht gemeinsame Richard Nimmerrichter.
„Falter“ 49/99 vom 8.12.1999 Seite 22 Presseschau

WIENER, Schlussklappe

Es ist die letzte Ausgabe in diesem Jahrtausend und die allerletzte überhaupt. Mit Ausgabe 235 haucht der WIENER sein stylistisch und personaltechnisch üppiges publizistisches Leben aus. Das Finalheft vereinigt auf 164 wehmutsfreien Seiten alle Stärken und Schwächen von 20 Jahren WIENER. Kultur, so dürfen wir Thomas Mießgangs Abschiedsgewichtung seines Ressorts verstehen, ist vor allem eine des Hörens. (Zumindest ist das so, wenn Kulturchefs vor allem Plattenchefs sind.) Nicht ohne Mut zum Risiko zimmerte er eine Hitparade der 100 besten Platten des Jahrhunderts. Eines Jahrhunderts, das 1968 beginnt und pop-rezeptorisch vom Hormon Testosteron bestimmt ist: Von 16 Juroren sind gerade mal Pinky Rose und Doris Knecht Frauen. Hören Frauen keine Popmusik? Kennt Mießgang nicht mehr Frauen? Oder dürfen sich gar Frauen bei Popmusik nicht auskennen? Standard-Mann Ljubisa Tosic‘ und 88,6-Mann Bernd Sebor sind übrigens eineiige Zwillinge: Beide reihten Pink Floyds „Dark Side of the Moon“, Michael „Wacko“ Jacksons „Thriller“ und ein Beatles-Album auf die Plätze 3, 2 und 1. Bingo, äh, Ringo …
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 48/99 vom 1.12.1999 Seite 20