Die Landesmutter

Andrea Maria Dusl für Standard, 3.5.2011.

Die Heilige Hemma von Gurk, die Heilige Waltraut Klasnic von Steiermark, die Heilige Gabi von Salzburgstaller. Landesmütter allesamt. Sobald eine Frau bei uns in den obersten Landessessel klettert, wird sie zur Heiligen, zur Mutter aller Mütter, zur Mutter des Landes, zur Landesmutter. Das Klettern einer Frau in den Polsterdrehsessel eines Mannes, eines Hauptmannes, eines Landeshauptmannes ist ein dermassen seltenes Ereignis, dass dafür Begrifflichkeiten bemüht werden, die aus dem Mystisch-Sakralen kommen. Viele werden Mütter, wenige werden Landesmütter. Das hat weniger mit Mutterschaft als mit Macht zu tun. Lady Di, eine anorektische Kindergärtnerin war so hübsch wie machtlos. Sie blieb eine Lady und wurde maximal zur Mutter der Herzen. Mutter des Landes wurde Diana Spencer nie.

Aber Macht ist noch nicht Mutter. Nicht in den Nebelschwaden des Mystischen. Nie würde die Chefin der, sagen wir einmal, Nationalbank, als Nationalbankmutter apostrophiert werden, oder die Elektrokonzernchefin als Elektrokonzernmutter. Nie. Die Mutterschaft als heiligmässiger Machttitel bleibt der Hauptfrau vorbehalten. Der Landeshauptfrau. Der Frau Landeshauptfrau. Der Frau Landeshauptmann, wie es auch schon hiess. Die Landessprache wird bei landeshoheitlichen Amtsbezeichnungen, auch wenn das Gegenteil behauptet wird, mit grosser, aber individueller Präzision eingesetzt. Waltraut Klasnic legte enormen Wert darauf, mit “Frau Landeshauptmann” angesprochen zu werden. Gabi Burgstaller, eine Gabi und keine Gabriele, noch im Amt und nicht abgesägt, verfolgt ein anderes Selbstverständnis ihrer Melange aus Frau und Regierungschefin. Sie nennt sich in ihrer Funktion Landeshauptfrau. Frau Landeshauptfrau. Man wird sehen, ob einer der männlichen Nachfolger es Waltraut Klasnic einmal gleichtun und sich, das Präjudiz gäbe es, Herr Landeshauptfrau nennen wird. Dem scheinbaren Souverän, dem Volk, dem Landesvolk sind diese Überlegungen gewiss so unheimlich wie rätselhaft. Schon eine Frau auf einem Landeshauptmannsessel, selbst wenn dieser gerade als Landeshauptfrausessel in Erscheinung tritt, verwirrt die Landeseinzelne, verwirrt den Landeseinzelnen.

Worin besteht das Mysterium der Landesmutter? Die Landesmutter sitzt wie eine Termitenkönigin im weitverzweigten Landesbau und legt in grosser Fleissigkeit Landeier. Projekte und Projekterln. Fleissig nährt die Landesmutter Projekte und Projekterln mit Subventionsnektar aus ihrem mächtigen und prallgefüllten Landesmutterleib. Bestellt Wächter und Boten, Ausrufer und Verkünder, Aktenblätterer und Bestempler, Projektstreichler und Nektarumrührer. Dazwischen tätschelt die Landesmutter die Köpfe der Landeskindergartenkinder, durchsticht Landestunnels, sichert die Ränder eingestürzter Pingen, beschreitet Landesstrassen, klatscht auf Landesbühnen, staunt in Landesmuseen und lässt das Wasser ein in grossen und sauberen Landesschwimmbädern. Und manchmal legt die Landesmutter die Stirne in Falten und richtet den Gesinnungsgenossen in der Bundeshauptstadt ihre Position zu diesem und jenem mit. Mit kritischem Gestus und ernstem Ton. Manchmal und bisweilen. Je nachdem. Den Damen und Herren im Bund. Wo es keine Mutter gibt. Keine Bundesmutter. Nur Maria Theresia selig.


Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin und Autorin. Zuletzt erschien im Residenz Verlag ihr Roman “Channel 8”.

For Music ist dead

Dietmar Lausegger, 1950-2011
Nachruf von Andrea Maria Dusl
21.2.2011, erschienen im Falter

Es roch süßlich hier, nach den Lötstellen in den Verstärkerheads und nach dem Zucker in den heissen Kaffees. Lautlos schwebte man über Wiens grössten Spannteppich, an Verstärkern vorbei und Keyboards, elektrischen Gitarren und der Wall of Fame, vollgehängt mit den autographierten Fotos der großen Rockstars dieses Planeten. Es war für Österreichs Musiker das Geschäft der Geschäfte, das Innere, der Tempel. Alles hier drinnen war für Musik und so hiess der Laden auch: For Music.

Im For Music gab es keine Uhren, und wenn, habe ich nie eine gesehen, denn hier rann die Zeit in andren Bahnen. Der Boss hier trug sommers wie winters ein Hawaiihemd und hiess der Herr Ingeniör. Generationen von Musikern haben sich an den teichgrossen Scheiben seines Geschäfts die Nasen plattgedrückt, haben ihre Sehnsüchte an Strats und Paulas, Marshallhäfen und Hiwattkochern,  Moogs und Hammondorgeln, Martingitarren und Ludwigzeugln genährt und irgendwann einmal tatsächlich in Händen gehalten und noch irgendwanner dann mit dem Taxi nach Hause führen können. Oder mit der Strassenbahn, je nach Sparschwein.

Der Ingeniör hiess Dietmar Lausegger, er war Legende und er verkehrte mit Legenden. Er war ein leutseliger Mensch, pflegte den Spruch und hatte ein Herz für die kleinsten Sorgen. Bei grösseren schlug die Pumpe schneller und es konnte schon mal vorkommen, dass er nächtens mit dem Lötkolben ausrückte, wie ein Notarzt, um einen eingegangenen Verstärker auf einer Bühne irgendwo im Bauch von Wien wieder zum Glühen zu bringen. For Music. Für Musik begeisterte sich der gelernte Starkstromingenieur aus  Oberösterreich, hatte selbst Saxophon und Gitarre gespielt, war mit Hansi Lang in einer Band gewesen. Tausend Erzählungen gibt es zum For Music und täglich wurden es mehr. Eine handelt davon, wie es begann, wie der Rock erfunden wurde in Österreich, als Lausegger die ersten “echten” Musikinstrumente, die ersten brauchbaren Verstärker aus London herangekarrt hatte und direkt aus dem Bus heraus verkaufte. Klar, dass die Leute aus London, dort wo die “neuen Spielsachen” her waren, auf Lausegger zählen durften, wenn sie in Wien auftraten. Jimi Hendrix hat der Mann aus dem For Music “die Anlage gemacht.” Und hunderten anderen, weltberühmten wie neu gekommenen.

Alle waren sie da, es ist niemand bekannt, der nicht irgendwann einmal die Glastüre ums Eck von der Alserstrasse aufdrückte, in Sachen Musik. Im Keller unter dem Geschäft probten Teile der Mothers of Invention, an der Kaffeemaschine standen Ambros, Fendrich und Danzer, Eric Clapton verkehrte hier, Santana fragte hier nach Gitarren, Donovan war ein guter Freund des Hauses und Lou Reed ein Haberer und erst vor einem knappen Monat war Billy Gibbons von ZZ-Top hier und kaufte einen Verzerrer. Es gab Zeiten, da zählte das For Music zu den drei wichtigsten Musikgeschäften des Kontinents. Für die Musiker aus Wien war es das ohnedies, hier wurden sie mit dem Rock’n’Roll angesteckt. In meinem bescheidenen Fall war das ein schlichter Hinweis auf ein Konzert der lokalen Helden meiner knospenden Gitarristenjugend, der Schoitl AG, Helmut Bibls harte Burschen, sie trugen bodenlange Mäntel und Jimmy-Hammerl. Im For Music habe ich Plektren gekauft und Saiten und meinen ersten Verstärker. Hier habe ich zum ersten mal mit der Hand zärtlich über den Hals einer echten Les Paul gestrichen und als mein Selbstvertrauen und meine Licks es zuliessen, eine Doppelhalsgibson geschultert, um Stairway to Heaven anzustimmen. Sowas wird nie wieder sein. In der Nacht des 10ten Februar hat das Herz von Ing. Dietmar Lausegger aus Steyrling zu schlagen aufgehört.

iPad, youPad, we allPad for iPad

Wer das iPad hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Andrea Maria Dusl hat sich die iPad-Parodien auf Youtube angesehen und weiß jetzt, wie der Schmäh rennt. Für Standard-RONDO vom 12. Februar 2010. Das Cover des Rondo (siehe Bild unten) hat sie auch gleich gemacht.

ST-iPad-Cover.jpgMonatelang hatte die Gerüchteküche gebrodelt. Computer-Sterndeuter und Gadget-Propheten hatten auf ihren Blogs mit Namen und Aussehen des neuen Geräts gedealt. Nicht irgendeines neuen Geräts. Eines neuen Apple-Geräts. Nach iMac, iPod und iPhone schlug bald die Stunde des neuen iJawasdennjetzt. Die einen wussten, es würde iSlate heißen, die anderen tippten auf iTablet. Photogeshoppte Schnappschüsse und 3-D-Entwürfe des geheimen Projekts zirkulierten durch die Geekforen. Einmal sah das Ding aus der nächsten Welt aus wie der abgeschraubte Bildschirm eines Notebooks, dann wieder wie ein aufgeblasenes iPhone. Analysten hörten das Gras wachsen und gaben im Tagestakt neue Visionen über Cupertinos kommenden Geniestreich bekannt.

Die Einzigen, die schwiegen, waren die Jungs und Mädchen im Infinite Loop, dem Silicon-Valley-Hauptquartier von Apple. Als der Hohepriester des Appleismus am 27. Jänner um 10 Uhr pazifischer Zeit die Bühne des Yerba Buena Center for the Arts in San Francisco betrat, durfte er sicher sein, einen größeren Krater in die Medienwelt zu schlagen. Steve Jobs, Computerguru, nach einer Lebertransplantation zu einer hageren Gestalt mit hohlen Wangen mutiert, überraschte die Welt mit genau dem, was sie sich vom Gadget-Imperium Apple erwartet hatte. Die eierlegende Wollmilchsau, das Gerät, das alles kann und das jeder braucht. Na ja, fast. Mit der Präsentation des iPad öffnete Apple nicht nur neue Tore für die Consumer-Elektronik, der Computerkonzern setzte auch eine ganz andere Maschinerie in Gang. Die große, weite Welt der Apple-Parodie bekam neues Futter. Und was für welches! Ein Gerät mit dem Aussehen, nun ja, eines Elektrobilderrahmens aus der Ramschecke, mit einem Namen aus dem Herrenwitze-Himmel. Heißt der neue Geniestreich Steve Jobs‘ doch, ähem, Slipeinlage. Monatsbinde.

Der erste iPad-Witz-Clip, der auf Youtube durch die Decke ging, musste gar nicht einmal neu produziert werden. Er war schon 2005 gedreht worden. Von der Parodistentruppe MADtv. Alfred E. Neumanns Kollegen vom Fernsehsketch hatten in prophetischer Voraussicht ein präsumtives Hygieneprodukt aus dem Hause Apple durch den Kakao gezogen. Auf –> www.youtube.com/watch?v=lsjU0K8QPhs vertiefen sich zwei affektierte amerikanische Bürotussis in der Parodie eines Werbespots in explizitem Talk über Strategien und Produkte zur persönlichen Monatshygiene. Die Dialoge schürfen ihr Comedy-Gold aus der Zweitbedeutung des Wortes Pad, das im Amerikanischen so viel wie Slipeinlage bedeutet. Im Finale des Clips tanzen überfröhliche Hippiemädchen in einer Parodie der legendären Apple-iPod-Spots: schwarze Silhouetten vor buntem Hintergrund – das weiße Kultgerät zwischen den Beinen.

In einem CNN-Bericht –> http://www.youtube.com/watch?v=Ox6dzkXZOLw stellen sich zwei der Original-Akteure, Schauspielerin Arden Myrin und Gagschreiber Bruce McCoy, die durchaus berechtigte Frage, ob bei Apple womöglich keine Frauen arbeiten. Und selbst wenn dem so wäre, wie könnte man so lange an einem Produkt und seinem Marketing forschen, ohne auf die Doppelbedeutung des Wortes Pad zu stoßen?

Ebenfalls aus den Tiefen der Hygienefaktor-Archive kommt der National-Lampoon-Sketch „TamPod“ –> http://www.youtube.com/watch?v=ykwaV1vSECI.Zwei Freundinnen stehen am Rand einer College-Sportbahn und stretchen ihre trainierten Körper. Im Stil einer Tampon-Werbung diskutieren sie die Absorptionsqualitäten des neuen TamPods. So angenehm, so saugfähig, so zuverlässig! Haben sich die bei Apple das nicht angeschaut? Oder etwa doch? Wie auch immer, Apple schulde ihnen was für die Inspiration zum iPad, meinen die Macher des National-Lampoon-Sketches trocken.

Eine Metaebene höher geht ein anderer Clip ans Werk –> http://www.collegehumor.com/video:1928558. Im Stil der Apple-Werbetestimonials sprechen Mac-affine Geeks vor blütenweißem Hintergrund Klartext. Als Apple- Parodie-Autoren seien sie begeistert, bekennen die Nerds, man brauche keine Witze über das iPad schreiben, das iPad mache die Witze ganz von selbst. Amir Blumenfeld, dicke Brillen, legeres Hemd, Senior Vice President der Firma Size Jokes ist begeistert über das Riesen-iPhone. Sam Reich, T-Shirt, Vollbart, Brille wird als Senior Vice President der Firma Wordplay vorgestellt und referiert über die Qualitäten des iPads als Star von Monatshygienewitzen. Sarah Schneider, Typus Publizistikstudentin, ist Senior Vice President von Kindle Jokes, einem erfundenen Unternehmen, das Witze über Amazons E-Book-Reader unter die Leute bringt: Neue Zeiten brechen an! Wir betreten Comedyneuland, jubelt ein Pullovernerd mit Vollbart, ebenfalls Vizepräsident, zuständig für Gags über Unbrauchbarkeit. Auf den Punkt bringt es schließlich Dan Gurewitch, Präsident von Meta Jokes, im wirklichen Leben Stand-up-Comedian: Es ist, als hätte das iPad einen großen „Kick me“-Zettel am Rücken kleben. Die Parodisten von „College Humor“ haben nicht unrecht: „Dieses Produkt wird die Art verändern, wie wir Späße über Apple machen.“

Neben professionellen Witzemachern tummeln sich auch Privatkomödianten auf Youtube und ähnlichen Web-Portalen. Max von TruckTVGermany zum Beispiel, ein Halbtrottel mit aufgemaltem Schnurrbart, er kalauert vor der Fahrerkabine eines Renault-Trucks und erklärt am Objekt, wie man aus einem alten Laptop ein iPad macht. Brachialhumor für die Jungs aus dem Dorf. –> http://www.youtube.com/watch?v=svK-wJDcPIc Ähnlich derb ist der Witz von „Rambo“. Auf –> http://www.youtube.com/watch?v=4yFlq17pVm4 sieht man den verwackelten Packshot einer Slipeinlage mit Apple-Logo. Der Off-Text orientiert sich am trockenen Stil der Gadget-Blogger-Reviews. Er ist beileibe nicht der Einzige. Das Genre der iPad-Verarschungen wächst nahezu stündlich um neue Clips aus den Kinderzimmern dieser Welt.

Wirklich lustig sind hingegen die Bearbeitungen zweier legendärer Filmszenen. In der Neusynchronisation von Gus Van Sants berühmter Barszene aus Good Will Hunting –> http://www.youtube.com/watch?v=x0rgjV9Y6jA gibt Matt Damon einen stotternden Depp, dem ein aufgeblasener Apple-Computernerd reindrückt, was ein iPad ist.
Mit der unfreiwilligen Komik, die die deutsche Sprache für amerikanische Ohren hat, spielt eine köstlich untertitelte Sequenz aus Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ –> http://www.youtube.com/watch?v=9_EcybyLJS8. Hitler tobt. Das neue Apple-Tablet ist da. Der Führer wütet. Es hat keine Kamera, es läuft nicht unter OSX, es ist nicht multitaskfähig, und telefonieren kann man damit auch nicht.

(Andrea Maria Dusl, DER STANDARD/Rondo)

In drei Minuten bist du tot

Mobilitätskolumne von Andrea Maria Dusl. Für Falter 51/2009.

Der Regen prasselt in kleinen kalten Tropfen auf die Scheibe. Der schwarze Novemberhimmel hat über dem Wienerwald seine Schleusen geöffnet. Die Westautobahn ist nass und sie ist ein Luder. Zu eng, zu monoton, zu viel Verkehr.

Aus dem Radio meiner jadegrünen Limousine schwurbelt Radio Stephansdom. Klong macht es plötzlich, dann klingkling und noch einmal klong. Und dann, drei Takte Brahms später, zieht der Riese Schicksal den Wagen nach links. Wiebitte? Wieso? Ich steuere dagegen, die Fahrbahn unter mir beginnt zu rumpeln, zu rattern, wird zur Schotterpiste. Der Wagen schlingert wie ein Boot. Ein Engel in mir, eine coole Sau von Andrea steuert die rumpelnde Yacht nach rechts, auf den Pannenstreifen, mit zwei Rädern ins Gras, bringt zwei Tonnen plus zum Stehen.

Mein Herz pocht. Radio Stephansdom schmettert. Aus dem Rückspiegel stechen Fernlichter. Die Scheibenwischer schieben rote Lichter zusammen, die links von mir in die nasse Nacht rasen. Wäre jetzt jemand mit mir im Wagen würde das Wort fallen. Reifenplatzer. Und das Wort Schutzengel. Aber es ist niemand da. Niemand greift zum Handy und tippt. Wo ist meine Tasche? Die coole Sau in mir schaltet die Warnblinkanlage ein. Die Idiotin in mir stochert sich zitternd durch Visitenkarten, BIPA-Vorteilscards, Lufthansa-not-yery-important-people-Karten, Plastikgeld und Mitgliedsausweise. Wo ist die verdammte ÖAMTC-Karte, schreie ich. In drei Minuten bist Du tot, schreie ich zurück. Ein Volltrottel wird zu spät auf die Bremse steigen, deinen schönen grünen Jaguar am linken Kofferraumspitzl touchieren und das reverse Peitschenknallsyndrom wird dir den Kopf vom Hals schmeissen. 120 steht auf der gelben Karte. Wo ist mein Handy? Wieso ist es so verdammt laut? Bruckner mal Freitagabend. Wir kommen, sagt die Stimme am Headset, irgendwo in einem warmen, cosy beleuchteten Büro, keine Sorge, keine Angst. Wo ist die Warnweste? Warnweste an, rüber zur Beifahrertür. Beifahrertür auf, der Regen schneidet mir ins Genick. Wo ist das Pannendreieck? Kofferraum schreit die Panikerin. Cool, sagt die Stoikerin, geht nicht auf ohne Schlüssel. Was noch? Stablampe. Brennt? Brennt. Raus in den Regen. In zwei Minuten bist Du tot, schreie ich.

Liebe Pannendreieckhersteller! Bitte schenken Sie der Welt Pannendreiecke, die man ohne Montageanleitung zuammenbauen kann. Mit einer Hand. Auch im Dunklen. Gleich bist Du tot, schreie ich in die Nacht, der Idiot wird jetzt kommen, mit seinem Porsche, seinem tiefergelegten Golf und Dich, mitsamt deiner Warnweste, jetzt und endgültig in den Scheissjaguar schieben. Und die Unfall-Statistik auf der A1 wird sich um genau eins erhöhen.

Im nassen Gras schreite ich hundert Meter Richtung Wien. Stelle das Pannendreieck auf. Fahl leuchten die Warnblinker meines Wagens. Eine halbe Stunde wird die Batterie halten. Zurückgehen, Zündung einschalten? Und wenn der Idiot just dann vorbeikommt? Rumms wird es machen. Schrrtfffffffplonk macht es. Der Sattelschlepper hat mein Pannendreieck umgeblasen. Ich baue das Ding wieder zusammen.

Die Hölle, werde ich nach eineinhalb Stunden resümieren, ist kalt und nass. Kurz hinter Neulengbach liegt sie. Es wird viel geschrien in ihr, gezittert und geflucht, und hin und wieder muss gearbeitet werden. Es gilt, ein billiges Plastikdreieck zusammenzubauen und in Fahrtrichtung neben einem fahlen Streifen aufzustellen. Immer wieder. An einem fahlen Streifen, irgendwo in der Nacht. Der Grenze zwischen Leben und Tod.

Ach ja. Die Sache ist dann doch noch gut ausgegangen. Der Pannenengel war ein Held, hexte einen heilen Reifen an meinen Wagen, lud die tote Batterie und wärmte mein Herz mit gottgleicher Coolness. 120 ist seine Nummer.

Liebe, Kälte, Bäume, Zelte

Es war eine ganz und gar seltsame Zeit. Österreich war ins Trudeln gekommen, Werte hatten ihr Legitimation verloren und die Handelnden waren aus ihren Rollen getaumelt. Andrea Maria Dusl war in der Au. Im Dezember 1984. Vor 25 Jahren.

Für Falter 51/2009

Im Mai 1984 hatte ein durchgeknallter Haufen Prominenter unter grossem Medienaufruhr zu einer “Pressekonferenz der Tiere” gerufen. Der grantelnde Wiener ÖVP-Stadtrat Jörg Mauthe, stets von einer Schwade Zigarettenrauchs umnebelt, kam als Schwarzstorch verkleidet, der Chef der freiheitlichen Jugend und spätere Grüßaugust Hubert Gorbach, parteifarblich korrekt als Blaukehlchen. Peter Turrini, polternder Wirtsstubenintellektueller betrat das Podium als Rotbauchunke und der junge ÖVP-Abgeordnete Othmar Karas als Kormoran. Primus inter pares war der Publizist Günther Nenning, der seine politischen Verantwortung als sozialdemokratischer Kasperl in der Rolle des “roten Auhirschen” wahrnahm. Die schrille Veranstaltung hatte einen Zweck: Mit den Mitteln poetischer Gschaftlhuberei und politischer Aufmüpfigkeit den Volkszorn gegen ein geplantes Wasserkraftwerk zu erigieren.

Die Gegner waren die Koalition aus Kraftwerksbossen, Gewerkschaft und Innenministerium. Hinter allem thronte schwerfällig und schwach ein beleibter Historiker, den Sonnenkönig Kreisky zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Fred Sinowatz, der recht behalten sollte mit seinem legendären Satz: “Es ist alles sehr kompliziert.”

Ich selbst war damals, um mit Hermes Phettberg zu sprechen, ein kleines Studenty an der Akademie der Bildenden Künste. Neugierig, tatendurstig und alert. Und weil mich das Künstlerleben am Schillerplatz nicht ausfüllte, hatte ich mich erfolgreich an Günther Nenning herangemacht. Der FORVM-Herausgeber und Doppeldoktor war ein beliebtes Ziel für deviante Publizistikgroupies und praktischerweise mit der WG-Kommilitonin meines Freundes zusammen, gehörte also zur Familie. Und eines Tages schepperte das Telefon, Handies gab es ja noch nicht und Günther Nennings  franzeskojosefinische Zeitlupenstimme schnarrte aus dem Hörer. Ob ich Lust hätte, mitzukommen, es sei noch ein Platz frei im Taxi. Es ginge nach Hainburg, solidarisch zu sein mit den Besetzern der Bäume. Zu Verhindern, dass die Au geräumt werde. Aber sicher, sagte ich, schnürte den Rucksack, sagte den Eltern Lebewohl und setzte die Haube auf. Hainburg hatte ich bisher nur vom Postamt gekannt, von der knallvioletten Vierschillingmarke. Dass dort eine Au war, hatte ich nicht gewusst, Wasserkraftwerke hatte ich als herzensgut wahrgenommen und Revolutionen hatte ich bis dahin immer in sozialem Kontext gesehen. Das geplante Bäumeretten hatte immerhin avantgardistisches Potenzial. Und meinen Kumpan, den Dutschkefreund Nenning hielt ich für vertrauenswürdig in revolutionären Dingen.

Mit dem Taxi in die Au. Das hatte etwas großbürgerliches, anarachistisches, man konnte die ganze Aktion auch als großes künstlerisches Happening sehen. Und eines war mir klar: Es wurde Geschichte geschrieben. Es war Krieg. Und ich war dabei!

Meine erste Impression von der Naturschützerfront: Hainburg lag gar nicht in Hainburg. Hainburg war nur das Schlagwort, die Ikone. Das umkämpfte Gebiet selbst lag jenseits der Donau, über eine riesige Hängebrücke erreichbar, in einem Ort namens Stopfenreuth. Hainburg war nicht Hainburg, Hainburg war Stopfenreuth. Im Dorfwirtshaus brodelte es, Prominente gaben Interviews am laufenden Band. Ab in den Wald. Bäume retten.

Vor dem Wald, auf dem Hubertusdamm, standen die Gendarmen. Das Gebiet sei gesperrt, der Zutritt werde verweigert, sagten die Grauröcke. Wir gingen weiter, zwischen den Gendarmen hindurch, einige liefen. Und dann packte jemand meinen Ärmel. So fühlt sich das also an, jetzt bist du verhaftet, in Staatsgewahrsam, dachte ich, als die Gendarmen vier von uns zu fassen bekamen und in ihren VW-Bus bugsierten. Während die Gendarmen versuchten, andere aufzuhalten, öffnete ich seelenruhig die Bustür und begab mich wieder in Freiheit. Jetzt bist du Flüchtende, sagte ich mir. Die Positionen wechselten rasch in diesen Tagen.

Auf Forststrassen ging es in den Wald. Die Menschen gingen in Grüppchen, ganz so wie sie überhaupt in die Au gekommen waren, mit dem Shuttledienst der ÖH, mit Privatautos oder wie wir, mit Nennings Taxi. Alle paar hundert Meter waren Baumstämme und Zweige zu mannshohen “Barrikaden” aufgetürmt. Die Barrikaden der 48er waren das nicht. Diese Barrikaden hier waren symbolisch, man konnte um sie herumspazieren. Ich erinnere mich an Transparente, die über die Äste gespannt waren, Leintücher, mit dünnen roten Buchstaben bemalt. “Donau-Au statt Kraftwerksbau” stand auf ihnen, oder “Wer Bäume fällt, tötet auch Menschen”. Je tiefer wir auf den Fortswegen in die kahle Au vordrangen, desto mehr Menschen trafen wir. Lager hatten sich gebildet, kleine Dörfer, es brummte in ihnen. Manche der Bewohner harrten hier schon aus, seit der Bescheid zur Rodung der Au ruchbar geworden war. Es gab Küchenzelte, Infostände, Campingzelte, Tipis aus Plastikplanen, Lagerfeuer, Transparentwerkstätten, Kindergruppen, Pow-Wow-Wiesen. Und zwischen Studenten und Landadeligen, Altachtundsechzigern, Naturfreunden und Obskuranten taumelten Prominente durch den Wald. André Heller, die Denkerstirn aufgesetzt, Erika Pluhar das Haar walkürenhaft geöffnet, Friedensreich Hundertwasser mit Hofstaat und Zwölfmannzelt. Und dazwischen wieselte Freda Meissner-Blau herum, jederzeit an ihrer leuchtendgrauen Brillofrisur erkennbar.

Nach den ersten Ausflügen mit dem Taxi hatten auch wir uns Zelte besorgt, das heisst, Nenning hatte ein Zelt gekauft, im Hochalpinistengeschäft und darin sollten wir alle lagern. Ich gestehe, das war mir zu intim, Nenning war kein Kind von Traurigkeit, er nahm Herztabletten und hatte den Zenit seiner Schaffenskraft überschritten, aber er war brünftig wie ein junger Eber. Meine erste Nacht verbrachte ich nicht an seiner Seite, sondern in Lager Zwei, im Dezembernebel, an einem der Lagerfeuer im Stroh liegend. Der Unbekannte neben mir sprach auffallend wenig, er hörte gerne zu, er war aufmerksam, neu hier, wie er sagte, wollte wissen, wie das alles hier funktionierte, wer wer sei, und was passiere. Ob er mir seinen Unterschenkel als Polster rüberstrecken könne, fragte ich den Mann – er trug blaue Moonboots. Gewiss. Meine erste Winternacht habe ich auf den luftgepolsterten Winterstiefeln eines Staatspolizisten verbracht. Es sollte nicht das einzige intime Erlebnis mit der Staatsmacht bleiben.

War es in der selben oder der darauffolgenden Nacht, geheimnisvolles Funkgeräterhabarber lockte mich an. Es war stockdunkel, meine Augen waren verklebt vom Rauch der Lagerfeuer. Jederzeit sei mit dem Eintreffen von Gottfried Küssel zu rechnen, so ging das Gerücht aus dem Walkie-Talkie, der Neonazi habe die Stiefel angezogen, um mit seinen Recken die Linken im Wald ordentlich zu vermöbeln.

Sehr klug, sagte ich zum Mann mit dem Funkgerät, den Funk der Bullen abzuhören, blendende Idee. Ich bekam keine Antwort. Wortlos standen wir neben einem Barackenwagen, den die Kraftwerkserrichter auf einer Lichtung geparkt hatten. War es seine Idee oder meine? Jedenfalls brachen wir gemeinsam den Bauwagen auf, der Funkgerätemann und ich, machten es uns im fahrbaren Büro gemütlich und entfachten Feuer im kleinen Kanonenofen.

Eine seltsame Nacht. Nenning zeugte in seinem Hochleistungsbiwak gerade ein Kind, Friedensreich Hundertwasser feierte Party mit Green-Groupies, Schamanen trommelten sich in Extase und im Plastiktipi tanzten nackte Punks zu den sedierenden Schwaden eines “Megageräts”. Und ich, ich sass auf einem Stuhl in einem Bauwagon und starrte mit einem Staatspolizisten ins Zweigefeuer. “Glaubst, war des Illegal, den Wagon aufbrechen”, fragte ich den Unbekannten an meiner Seite. “Bevur dass i dafrier, bin i lieber Illegal”, sagte der Mann.

Der weisse Rabe ist nicht mehr

Andrea Maria Dusl über Paul Flora. Nachruf. Für Falter 21/2009.

 

FA-21.2009-Flora-und-Rabe.jpg
Hungerburg, das gelbe Haus. Jeder Innsbrucker wusste, wer dort wohnte. In einer kleinen, zartgelb gefärbten Villa auf der Schulter der Stadt. Hinter Bäumen versteckt, gleich neben dem Gasthaus Linde. Einen Zwetschkenkernwurf von der Seilbahn aufs Hafelekar entfernt. Ein eleganter Herr mit schlohweißem Haar, einem pfiffigen Blitzen in den Augen und jenem vom Lachen aufgefalteten Gesichtsgebirge, das nur Südtirolern in die Wiege gelegt wird. Hungerburg, eine ewige Adresse. Der Mann mit der ewigen Adresse ist nicht mehr. Paul Flora ist in der Nacht auf Freitag den 15. Juni in einer Innsbrucker Klinik im Kreis seiner Familie gestorben. Vierzehn Tage vor seinem 87. Geburtstag.

Als 15jähriger hatte der Vinschgauer Flora jenes Schlüsselerlebnis gehabt, das ihm den Weg zum Künstler eröffnete: Er sah erstmals Zeichnungen von Alfred Kubin und wußte, er wollte Zeichner werden. Er zeichne, räsonierte Paul Flora in einem Katalogtext, um sich selbst zu unterhalten. Er sei also ein gewöhnlicher Egoist, dem es nicht um die Rettung des Abendlandes ginge. Lehren würden von Propagandisten verkündet und wer Botschaften habe, solle ein Telegramm schicken, zitierte er Billy Wilder. Matisse habe sich dazu bekannt, Bilder zu malen, die wie bequeme Sessel wirken, Schwitters wiederum angemerkt, er sei Künstler, und wenn er ausspucke, so sei dies Kunst. „Ich bin für Matisse“, deklariert sich Paul Flora.

Mit der Rigorosität, die jede existentielle Lust begleitet, sass Paul Flora täglich vor Mittag an seinem Tisch in der Floraburg und zeichnete. Setzte behutsam und doch kraftvoll Federstrich um Federstrich aufs Papier. Schuf aus feinen Schraffuren, düster und melancholisch, zarte Wolken, in denen Harlekine turnten und Maskierte, kratze nervöse Strichgewitter aus dem Blatt, die sich zu Bergen, Palästen, und weiten Plätzen schoben, die von dicken Damen bevölkert waren, von hageren Bischöfen und knorrigen Tirolern. Und immer wieder zeichnete Flora Raben. Raben, Raben, Raben.

Privat unbestechlicher und unbeugsamer Homo politicus, hatte der Künstler Flora ein befreiendes Vergnügen daran, über sich und andere zu lächeln, ohne jemandem weh zu tun. Mit milder Melancholie traf er, der sich stets als Unzeitgemäßen betrachtet hatte, den Nagel der Zeit geradezu zärtlich auf den Kopf. Flora sei nicht ohne Traurigkeit, wusste Friedrich Dürrenmatt über den Zeichner von Weltruf: „In seinem Werk sind Welten untergegangen, und wir ahnen, dass auch wir untergehen.“

Meine Zeichnung von Paul Flora ist Produkt eines Kommunikationsunfalls mit Falter-Chefredakteur-Stellvertreter Klaus Nüchtern und nicht erschienen.

Mehr über Paul Flora und meine Besuche bei ihm:
Ich bin für Flora
Paul Flora ::: Der weiße Rabe

Der Paternoster

Andrea Maria Dusl ist im Palast der Industriellenvereinigung mit einem der letzten, sicher aber mit dem ältesten Personenumlaufaufzug des Landes gefahren. Für Falter 15/2009

“Guten Tag” sage ich, “ich komme von der Universität, ich bin Aufzugforscherin.” Die beiden Portiere, die in der Empfangsmuschel im Foyer des Hauses der Industrie am Wiener Schwarzenbergplatz sitzen, sind freundlich und nehmen meine kleine Lüge mit Gelassenheit. “Ich möchte mit dem Paternoster fahren”, sage ich. “Ausnahmsweise”, sagt der Portier. “Umso besser” sage ich. “Er ist da hinten”, sagt die Portierin.

Über ein paar Stufen geht es ins Hochparterre hinauf. Das Haus der Industrie ist der monumentale Palast der Industriellenvereinigung, 1906 bis 1909 vom Ringstrassenarchitekt Karl König errichtet. Im Stil der klassischen römischen Paläste des 17. Jahrhunderts. In Wien firmiert das unter Späthistorismus. Japaner stehen davor und staunen und vermuten einen pittoresken Fürsten hinter den Quadermauern. Aber hier gehen nur die Fabrikanten ein und aus, die Homepagefinanzierer, die Unternehmer. Feines Tuch, genagelte Schuhe, strenger Blick.

Das Konzept eines Aufzuges passt nicht so recht zur italienischen Feudalarchitektur. Als er eingebaut wurde, 1911, vom k.u.k. Hoflieferanten Anton Freissler war das elevatorische Zeitalter längst angebrochen. Aber anders als in den Hochhäusern in Chicago und New York spielt der Lift hier nicht die Rolle der zentralen Sehenswürdigkeit, der Lift ist hier nur verspieltes Gadget.

Es rumpelt und rasselt und knirscht. Das ist ganz normal bei Paternostern. Denn Paternoster sind ständig in Betrieb. Sie sind fleissige Arbeiter, benannt nach dem lateinischen Vaterunser, dem Repetetivgebet. Getäfelte Kabinen rumpeln an mir vorbei. Es riecht nach alten Möbeln, nach bohnergewachsten Böden, nach Schmierfett. Rechts geht es hinauf, links hinunter. Unablässig. In Gedanken steige ich ein. Einmal, zweimal. Fünfminutenlang plane ich den Einstieg. Hier hält man sich fest, sage ich mir, an diesem Griff, dann springt man hinein. Oder vielleicht soll man nicht springen, vielleicht soll man tänzeln? Mit einem Schritt, mit zwei? Ich erinnere mich an meine erste Paternosterfahrt, am Weltspartag 1973 war das, in der Creditanstalt. Oder an meine letzte, irgendwann in den 90ern, am Weg in die Penthouse-Mensa des NIG im Neuen Universtitäts-Gebäude der Uni Wien. Das gleiche Warten wie jetzt. Das Einsteigen in Gedanken. Die Phantasie des Zerquetschtwerdens zwischen den Stockwerken. Die Angst vor dem Kopfübergedrehtwerden bei der Fahrt ins Dach. Das Zögern. Das Warten auf die nächste Kabine. Und dann, jetzt ist es wieder soweit, eine Kabine kommt, ein kleiner Schritt für die Menschheit, ein grosser für die Pasternosterfahrt. Ein Tritt ins Leere, von unten schiebt der Boden, mein Knie wird weich, schnell das andere Bein nachgezogen, ich kralle mich an den Messinggriff. Ich bin drinnen.

Ich fahre Paternoster. Proletenbagger, wie es hiesse, wenn das hier ein deutsches Amtsgebäude wäre.

Es rumpelt, es rasselt, es quietscht, vor mir sinken die Stockwerke in die Tiefe. Wieviele Stockwerke hat die Creditanstalt, fragte ich mich bei meiner ersten Paternosterfahrt. Würde ich im letzten Stockwerk aussteigen können? Was, wenn im letzten Stockwerk jemand zusteigen wollte? Was, wenn es einen Stau gäbe im letzten Stockwerk? Wohin fährt mich der Paternoster, fragte ich mich. Wo dreht er um? Und dann verschmelzen gestern und heute. Es rumpelt noch stärker, es wird düster, der nussige Geruch von Möbelpolitur weicht dem tranigen Miachtler von tiefschwarzem Maschinenfett. Die Aufwärtsfahrt wird zu einem knirschenden Zurseiteschleifen, eine titanenhaft grosse Fahrradkette wird sichtbar, sie läuft über ein riesiges Zahnrad, zwischen den Speichen sehe ich eine altvatrische Motorenanlage, fahl beleuchtet vom düsteren Licht des Dachbodens. Meine Kabine scheint kurz still zu stehen, schiebt über den Scheitel der Kette und jetzt geht’s hinunter. Langsam fahren die Stockwerke vor mir in den Himmel. Paternosterglück. So war das auch damals als Kind, am Weltspartag. Die Dachbodenfahrt ist die Initiation, nach der Dachbodenfahrt kann nichts schlimmes mehr kommen. Das heile Überstehen der Dachbodenfahrt ist das Purgatorium. Einsteigen, Aussteigen geht nach der Dachbodenfahrt mit der Leichtigkeit von alltäglichem Gehen. Ich bin wieder im Geschäft. Im Paternostergeschäft. Sieben mal fahre ich die gesamte Strecke. Paternosterglück.


Paternoster (Personenumlaufaufzug ) im Haus der Industrie (Industriellenvereinigung), 1031 Wien, Schwarzenbergplatz 4, im Hochparterre rechts. Hersteller: A. Freissler, Ingenieur, Maschinen- und Aufzüge-Fabrik Wien X. Antrieb: Elektroantrieb über zwei parallel laufende Endlosketten, zwischen denen die Kabinen aufgehängt sind. Maximale Anzahl von Fahrgästen: 26. Anzahl der Kabinen: 13, Baujahr: 1911 (ältester der ca. 20-25 existierenden Paternoster Österreichs), Geschwindigkeit: 0.25m/s (ca. 0,9kmh). Kindern und Gebrechlichen ist die Benützung verboten. Gepäckbeförderung verboten. Weiterfahrt durch Boden und Keller ungefährlich und nicht verboten. Bei Gefahr Haltknopf betätigen. Ein- und Aussteigen während der Fahrt möglich. Aufschrift auf der Notleuchte der Kellerpassage: Fuck Capitalism.

Andere prominente Paternoster in Wien: Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, 1010, Stubenring 12. Rathaus, Hauptgebäude, Stiege 6, 1010, Friedrich-Schmidt-Platz 1. Prominentester abgebauter Paternoster: Neues Institutsgebäudes (NIG), 1010, Universitätsstraße 7.

Mit dem verkehrst du mir nicht.

Es muss in den späten Achtzigern gewesen sein. Günther Nenning erzählte mir lachend und nicht ohne stolz eine Anekdote über seine Mama. Als sorgsamer Mutter seien ihr nicht alle seiner parteipolitischen Bekanntschaften geheuer gewesen. Besonders ein Herr mit Basstimbre, bekannt aus Funk und Fernsehen habe ihren Zorn geweckt. Nach einer Fernsehsendung habe sie ihren Sohn Günther angerufen.

„Mit dem verkehrst mir nicht, das ist kein Umgang für Dich.“
„Wer, Mama?“
„Na dieser, dieser… ein unmöglicher Mensch. Dieser Kliz.“
„Was für ein Kliz, Mama?“
„Na dieser Hallodri, dieser Bürgermeister. Kliz heisst er. Halt Dich fern von dem. Mit dem verkehrst Du mir nicht.“
……………………
@Helmuth Zilk

Technik des Schenkens

Andrea Maria Dusl über das Dilemma, jemanden zu beschenken, der entweder nichts braucht oder schon alles hat: den Geek. Für Der Standard/rondo vom 19.12.2008.

Steve-Jobs-Bill-Gates.jpgJeder von uns hat einen. Einmal ist es der Bruder, einmal der Vater, einmal der Lebensabschnittspartner, einmal der Arbeitskollege. Einen Geek kennt jeder von uns: Man nennt ihn den Schräubchendreher, den Auskenner, den Chefzangler, den Master of the Geräte.

Begriffsgeschichtlich kommt der Geek vom Geck: Eulenspiegel auf mittelalterlichen Jahrmärkten, die von Kirtag zu Kirtag tingelten, Häschen aus den Kapuzen zauberten, lebendigen Tieren den Kopf abbissen und anderen Freakzauber vollbrachten. Im Englischen wurde der Geck zum Geek und erfuhr in den 1990ern einen radikalen Bedeutungswandel: Aus dem Freak wurde der technische Auskenner. Die frühen Geeks kletterten auf Rechenschiebern durch die Hörsäle, erfanden das Universum der Bits und Bytes und ganz nebenbei das Internet und den PC. Auf dieser Reise waren soziale Kompetenzen nur Ballast.

Gerne wird der Geek deshalb mit dem Nerd verwechselt. Obwohl sich beide hochintelligent in denselben Welten umtun, sind sie doch grundverschieden. Am besten illustriert das die Herkunft des US-amerikanischen Campusausdrucks. Nerd kommt von knurd. Das ist „drunk“ (betrunken), von hinten buchstabiert. Nerds verweigerten nämlich, ganz im Gegensatz zum Rest der studierenden Bevölkerung, jeglichen Alkoholdurchsatz. Geek und Nerd werden auf hohem Niveau von den Galionsfiguren der Computerbranche repräsentiert: Microsoft-Mogul Bill Gates ist Nerd, Apple-Chef Steve Jobs Geek.

Nerds gelten als pflegeleicht. Sie kuscheln gerne, ernähren sich von Chips, Nutella und Cola light, treiben sich in anonymen Chatforen herum und gehen der Welt, sieht man vom Anblick ihrer Brillengestelle ab, kaum auf den Nerv. Zu Weihnachten macht man sie mit Herrensocken, einer neuen PC-Tastatur, ein paar Comicheften und einer Dose Vanillekipferln glücklich. Nerds sind die Gummibäume unter den Mitmenschen.

Anders die Geeks. Der Bush-Kritiker und Terrorexperte Richard A. Clarke brachte es 2007 in einem Interview für die legendäre amerikanische Satiresendung „The Colbert Report“ auf den Punkt: „Der Unterschied zwischen Nerd und Geek? Der Geek kriegt die Sache hin.“

Der Geek schlägt alle.

Das ist das ganze Unglück. Der Geek kriegt die Sache hin. Der Geek kriegt alle Sachen hin. Der Geek hatte einen Apple, als wir noch nicht einmal Amiga buchstabieren konnten. Er wusste, wie man Videorekorder programmiert, als wir noch in den Schwarzweiß-Schirm starrten. Der Geek hat die Geräte, bevor sie irgendwer anderer hat. Und wenn sie kaputtgehen, kriegt er sie wieder hin.

Einen Geek in der Verwandtschaft zu haben kann mehr Sicherheit bedeuten, als das klassische Versorgungstrio in der Familie – den Anwalt, den Doktor und jemanden mit einem Lieferwagen. Der Geek schlägt sie alle. Er kann Steckdosen reparieren, Computerabstürze fixen, Marmeladegläser öffnen, Radiosender finden, Steuererklärungen ausfüllen.

Nur eines kann der Geek nicht. Sich richtig beschenken lassen. Denn der Geek hat schon alles. Lange vor allen anderen. Der Geek ist wunschlos, aber unglücklich. Seine Sehnsucht ist die, mit dem überrascht zu werden, was er sich insgeheim wünscht. Normalsterbliche sind diesem Dilemma nicht gewachsen. Wir kennen die Geräte nicht, auf denen der Geek durch die Material-Welt surft. Und wenn wir von einem lesen, in einer Geek-Zeitung, wo denn sonst, kommen wir garantiert zu spät. Der Geek liest ja die Zeitungen auch. Vor uns. Und wenn er ein Spezialgeek ist, schreibt er gar für diese.

Womit machen wir also einen Geek glücklich? Mit dem neuesten Netbook? Nada. Mit dem hochgepimpten 64 GB iPhone, gecrackt, mit 8 Megapixel-Kamera? Mit dem A2B Ultra MotorElectric Bike, dem Aston Martin Rapide? Dem Waring Martini Mixer, der Leica D-Lux 4? Njet. Hat der Geek alles schon. Naja, den Aston Martin vielleicht nicht. Was also braucht der Geek?

Handgemachte Maßschuhe. Duftwässer von Penhaligon’s, Creed oder Acqua di Parma. Ein heißes Wochenende im Hotel Orient. Der Weihnachtsmann darf schon einmal den Sack schnüren.

Andrea Maria Dusl für Der Standard/rondo vom 19.12.2008

Die Katze des Wahnsinns

 Andrea Maria Dusl hat sich einen Wagen gekauft. Falter 39/2008. Für Falter 39/2008

Es war Sommer und es war warm, ich schlenderte die Gumpendorferstrasse hinunter, war zu früh im heissen Café. Zehn Minuten Sommersonne wollten kaltgeschlagen werden. Aus der Auslage vor dem coolen Auto-Geschäft lachte Schatten. Im Schattenladen lachte der Marmorboden. Coole Sache, dachte ich mir, zehn Minuten Abkühlung werden Dich erfrischen. Aus einer Nische wieselte ein Beau: Es passt zu ihnen, unser Top-Modell, bunt, modern, frei. Bin nur wegen des Schattens gekommen, sagte ich. Der Beau lenkte meine Schritte um das rundschultrige Autochen. Schöne Räder hat es, sagte ich, lustiges Design. Abrakadabra, sagte der Beau, genau das richtige, spritzig und doch sparsam, wendig und flink, viele Freischaffende fahren jetzt den Mini. Geben Sie mir ein Prospekt, geben sie mir eine Preisliste, geben sie mir eine Farbtabelle, die Motordaten, das Extraheft, geben sie mir das ganze Paket, das Autochen gefällt mir, das werde ich mir kaufen. In Kürze, sagte ich, muss noch frei schaffen. So war das im Mini-Cooper-Geschäft, coole Sache, bald würde es mein sein, das rundschultrige Mickeymobil. Wie sollte ich mich irren.

Ich kaufe mir ein Auto, erzählte ich meiner Maman, ein Mickeymobil, hurtig ist es und frisch, modern und dings, sparsam. Nicht gern an der Tanke, gerade mein Ding. Bald ist es meins, Geld spielt eine Rolle, aber die Rolle ist klein. Ich habe ein reines Gewissen, Maman, ich bin in Wien schon Rad gefahren, als das nur Selbstmörder gemacht haben und Radrennfahrer. Ich habe mir 35 Jahre Radfahrbonus erfahren und ebensoviele Jahre die Bim-Sitzbank gedrückt, der Grüne, der mir eine Auto verbietet, werfe den ersten Stein. Bald wird ein flottes Bobomobil das meinige sein, ein kräftiger Asphaltfrosch.

Schnell noch mal ins Internet schaun, dachte ich dann, bisschen nach Autos surfen, schaun’ was es da so alles an Hässlichem gibt, an Rostigem, an leicht aus der Mode gekommenen. Tausendmal hatte ich das schon gemacht, tausendmal war nichts passiert, aber diesmal… Ich hatte auf den Link mit den grossen Katzen gescrollt. Auf den Link mit den unbezahlbaren Jaguaren. Unfassbare Summen rollten über meinen Browser. Aber schön waren sie, die XJ6s und Sovereigns, die E-Types und XJ12s. Schön und elegant, very british und sehr stark. Und dann scrollte ich und scrollte und die Summen wurden moderater, die Baujahre älter, die Formen gediegener. Und dann machte es Zing und ich war verloren. Und das Bobomobil war vergessen.

In der Nähe von Graz wurde er dann mein. Mein erster Wagen. Meine erstes eigene Limousine, ein jade-metallissée-grüner Xj6, Baujahr 1990, 240 Pferde unter der niedrigen Schnauze, ein springender Chromjaguar als Kimmenkorn, getönte Scheiben und Leder für einen ganzen Londoner Club, wasabifarben. Jaguars hatte ich bisher immer nur von Aussen gesehen, von Schnöseln pilotiert, die im foulardkrawattierten Kapitänsjacket zwischen Golfplatz und Chalet tingelten, oder sich vom Mützenmann zur Vorstandsitzung bringen liessen, mit der Financial Times bedeckt, im Font, in einer Tiefe, die sonst nur den Rennwagen vorbehalten ist. So einer war jetzt meiner. Kein Auto, ein Wagen. Eine Limousine, ein Meisterstück.

Bist Du Wahnsinnig, die Kosten! Nebbich, sage ich. Die paar Achterln mehr, die meine 240 Pferde trinken, habe ich in glorioses Gleiten investiert, aus den beiden Chromrohren links und rechts am Jaguarheck kommen katalysatorgereinigte Edelabgase, der ÖAMTC nickt und schreibt “sehr brav” ins Pickerlheft. Hat er nicht Husten, der Kater? Nada, sage ich, die Getriebewanne schwitzt ein bisschen, aber sonst ist die Maschine bester Laune. Sie schnurrt, wenn der Zündschlüssel Funken schlägt, schnurrt, wenn es aus der Volksgarage rauf geht auf die Innenstadtpiste, schnurrt, wenn ich in die Inspirationsmanufaktur fahre, in den Süden, oder ins Funkyhaus. Mein Jaguar schnurrt eigentlich immer, aber wenn ich ein bisschen aufs Pedal steige, unten rechts, neben dem dicken warmen Getriebetunnel, wenn ich dort ein bisschen impressionistisch antupfe, dann schnellt der Jaguar nach vorne, leichtfüssig wie ein Dschungelkater und drückt mich ins Leder. Ich mag das, das tiefe Sitzen in Leder und Nuss, hinter sechs grossen Zylindern, das Gleiten über die holprigen Wege, ich mag die kraftvolle Nonchalançe, dieses, na wie sag ichs, dieses böse und doch so sanfte Mata-Hari-Gefühl.


Jaguar XJ6 4.0 Litre
Baujahr 1990, Wassergekühlter Sechszylinder-Reihenmotor, vorne längs eingebaut, 3980 cm3, 240 PS bei 5250/min, max. Drehmoment 369 Nm bei 3600/min, Verdichtung 9,5:1, siebenfach gelagerte Kurbelwelle, zwei obenliegende Nockenwellen, kettengetrieben, vier Ventile pro Zylinder, über Tastenstössel benötigt. Elektronische Benzineinspritzung, G-Kat.

Hinterradantrieb, automatisches Vierganggetriebe.

Viertürige, fünfsitzige Limousine, elektrisch verstellbare Sitze und Spiegel, selbsttragende Stahlkarosserie, cw-Wert 0,37, 0-100km/h in 7s, Höchtgeschwindigkeit 249 km/h, Verbrauch im Comandantina-Modus 9l /90km.

Pimp my iPhone

Früher war telelefonieren. Dann kam das Handy. Dann kam lang nichts und plötzlich das iPhone. Und jetzt? Jetzt ist Pimpen angesagt. Ein Einführungskurs von Pimpfreakova Andrea Maria Dusl. Für Falter 38/2008.

Oberste Reihe (von links): SMS Ich war nie so recht der Shortmessagetyp. Jetzt geht das ganz flink vom Finger. Flmp vung Fimber, oder so, Rechtschreiben bleibt Schwerarbeit, Rechtschreibhilfe hin oder her. KALENDER Feine Sache. Läuten kann die Terminmaschine auch. Und das Synchronisieren mit den Daten auf dem Zuhausecomputer geht ruckizuckipalmenkombo. Zuspätkommen war noch nie so leicht: einmal falsch eingetragen und schon ist alles vergeigt. iBEER Seit ich keinen Alkohol trinke, ist das mit dem Mitmachen nicht so einfach. Mit iBeer bin ich trotzdem dabei. Das kleine Programm imitiert ein volles Glas Lager. Austrinken kann man es auch, das ist ja der Witz an der Sache. Der iPhone-Bewegungs-Sensor erkennt das Schiefhalten des iBieres und imitiert das Reinrinnen in die durstigen Kehle. KAMERA Schön das Klickgeräusch und der Retrofaktor der Bilder. Dank schlechter Auflösung und lausiger Optik haben die iPhone-Schnappschüsse den Charme von DDR-Geheimdienstaufnahmen.

Zweite Reihe (von links) TWITTERIFFIC Ein kleines Programm, um Followers (so heissen Twitterfreunde) zu melden, was man gerade macht. Man darf lügen. Barack Obama zum Beispiel macht ununterbrochen was. LEVEL Eine elektronische Wasserwaage wollte ich immer schon haben. Irgendetwas ist ja immer schief. KARTEN Der Himmel auf Erden für Fingeraufderlandkartefahrer. Und wo ich gerade bin, kann das Iphone auch feststellen. Das Navi für Fussgänger ist unheimlich. Sehr unheimlich. FLASHLIGHT Diese App mus ein Finne geschrieben haben. Dort ist es ja oft und gerne finster. Die iPhonelampe schaltet das ganze Display auf Weisses Leuchten. Oder auf Rot, wenns wer schummrig mag.
FA-38.2008-Pimp-my-iPhone.jpg
Dritte Reihe (von links) FACEBOOK Wenn mir sehr fad ist, schau ich, was meine 132 Facebookfreunde gerade machen. Irgendjemand ist ja immer fad. RECHNER Zwei mal drei geht gerade noch. Aber die Hälfte von 27? So ein Rechner ist ein Segen! Die Mehrwertsteuer vom 12erpack Wachteleier? Kein Problem. Oder die Dritte Wurzel aus 376.908.655. GUITAR TOOL KIT Die Stimmgabel war gestern. Und das Stimmpfeifchen. Jetzt tune ich die Strat mit dem Telefon. Wenn mir das wer vor 5 Jahren reingedrückt hätte, hätte ich gesagt: Und den Hamlet liest dir das Telefon auch vor? So ist es. SPEEDBOX Schon mal gerätselt, wie schnell eine Bim über den Karlsplatzbuckel fährt? 27 km/h.

Vierte Reihe (von links) SHAZAM Genialeres hat niemand je erfunden. Im Radio spielt der Italo-Schmusehit von 19hundertwasweissichundsiebzig. Tausendmal gehört, wer ist das nur? Jetzt geht das so: iPhone zum Lautsprecher halten, Shazam analysiert die Melodie und meldet: Tornero. I Santo California. 1975. Bussi. SPEAK EASY Bandsalat war früher und übersteuertes Mikro. Oder eineinhalb Stunden Interview ohne Pegel. Jetzt leg ich das iPhone hin. Bis der Akku leer ist. ROTARY DIAL Die Wählscheibe fürs Handy. Zwar hinter Glas, aber sie knattert und rasselt wie die alten Dinger. Und falschwählen wie früher geht auch. Großartig. KILL SWITCH Mein Lieblingsprogramm. Unverzichtbar in U-Bahnzügen und im Bobo-Restaurant. KillSwitch unterbricht alle Handygespräche im Umkreis von zwanzig Metern. Kein Duftwasser, aber es wirkt.

Unterste Reihe (von links) PHONE Ganz normal telefonieren geht natürlich auch. Und abheben. Mein Klingelton: Spirit The Boogie. Funky Bläser. Selbst gemixt. MAIL Nie mehr Internetcafé. Yippie! SAFARI Surfen in der Westentasche. Gewöhnungsbedürftig aber the real thing. iPOD Meine ganze Plattensammlung im Telefon. Fast. Yeah.

Bismarck, du verdammtes Genie!

Ein Berliner Kunststudent hat ein Gerät erfunden, mit dem er fremde Bilder verändern kann – Während sie geschossen werden – Andrea Maria Dusl bringt uns den Fulgurator näher.

Für Der Standard – RONDO vom 12.9.2008.

Peking. Nacht. August. Der Tian’anmen-Platz vor dem Tor des Himmlischen Friedens gilt als größter Platz der Welt und der am besten bewachte Ort Chinas. Polizisten sorgen für andächtige Ruhe. Im Scheinwerferlicht leuchtet das Tor des Himmels, rote Fahnen bekränzen es. Über dem Rundbogen, dem Eingang zur Verbotenen Stadt, prangt groß das Porträt von Mao.

Blitzlichter flammen auf, Touristen lichten das legendäre Motiv ab. Wer dann sein Bild im Sucherdisplay betrachtet, staunt nicht schlecht: Über dem Kopf von Mao schwebt eine weiße Taube. Wie das? Der Friedensvogel ist in der Realität nicht zu sehen. Woher kommt der Spuk?
Berlin. Abend. 24. Juli. Barack Obama, demokratischer Präsidentschaftskandidat, hält an der Siegessäule eine Rede an die Welt. 200.000 Zuhörer lauschen, Kameras surren, Blitzlichter gewittern, Bilder gehen um die Welt. Und die internationalen Beobachter wundern sich, als sie auf den Displays ihrer Digitalkameras die Veranstaltung durchzappen. Hell leuchtet ein Kreuz auf Obamas Rednerpult. Ein Kreuz, das real gar nicht dort hing. Wieder schießen die Fotografen, zoomen Obama heran, das rehbraune Rednerpult. Kein Kreuz. Klick, klick. Der Blitz lädt. Nochmal klick. Da, auf dem Display sehen sie es erneut: Eindeutig ein Kreuz. Wie das? Werden hier Kameras gehackt?

Nichts von alledem und noch mehr. Hier werden nicht Bilder manipuliert, hier wird die Wirklichkeit gehackt. Gezielt und genial. Unter den hunderttausenden Obamaniacs steht ein schlaksiger junger Mann, Kunststudent, schwarzer Bart, wirres Haar, gerade 24 Jahre alt. Er hat eine klobige Spiegelreflexkamera in der Hand, ein analoges Teil aus der Zeit vor der digitalen Revolution. Die Kamera ist mit einem Teleobjektiv ausgerüstet, an der Rückseite sitzt ein Blitzgerät, oben ein kleines Kästchen. Die seltsame Kamera ist: der Fulgurator. Das Gerät, mit dem der junge Mann die Wirklichkeit hackt. Der Bursch heißt Julius von Bismarck, ist Urgroßneffe von Reichskanzler Otto.

Den Image Fulgurator, einen Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Fotos, hat Bismarck selbst erfunden, er sei, beschreibt er die Jahrhunderterfindung auf www.juliusvonbismarck.com, ein Gerät zur physikalischen Manipulation von Fotografien. Es interveniere, wenn ein Bild gemacht werde, ohne dass der Fotograf es merke. Die Manipulation, so Bismarck, sei nur auf dem Bild sichtbar. Während Künstlerkollegen mit Photoshop an digitalen Bildern feilen, das Abbild verändern, ist von Bismarck einen Schritt weiter: Er verändert die Wirklichkeit.

Aber wie funktioniert der subversive Spukgenerator? Genial einfach. Die große Idee hatte die Doppelbegabung aus Künstler und Techniker im November 2006. Da schrieb er die Pläne in sein Notizbuch nieder. Der Fulgurator ist eine Spiegelreflexkamera, gekoppelt mit einem Blitzsensor, der erkennt, wenn in der Nähe ein anderes Blitzgerät ausgelöst wird.

Der Sensor ist mit dem Auslöser von Bismarcks Kamera verbunden und löst seinerseits einen Blitz aus. Der Fulguratorblitz leuchtet aber nicht nach draußen, sondern in die Kamera hinein, er ist an der Filmklappe montiert und knallt sein Licht durch das optische System der Kamera. Und zwar den umgekehrten Weg: von der Bildebene durchs optische System, das Teleobjektiv, und von dort zu einem anvisierten Objekt. Nachrichten, Bilder und Symbole sind auf speziellen Schablonen angebracht, die ein wenig aussehen wie Dias und ungefähr dort sitzen, wo bei Analogkameras der Filmstreifen liegt.

Einfach gesagt ist der Fulgurator eine Kamera, die zum Diaprojektor umgebaut wurde, der seine Dias in jenen Millisekunden projiziert, in denen anderswo gerade ein Bild geschossen wird. Und dass dies gerade passiert, erkennt der Fulgurator mit seinem Blitzsensor. Einen Pistolengriff hat der Fulgurator nur aus künstlerischen Gründen und um aus größeren Entfernungen besser zielen zu können.

Von Bismarck spielt mit der anarchistisch-martialischen Anmutung seiner Erfindung und hat dem Wirklichkeitsveränderer augenzwinkernd ein Logo verpasst, das an jenes der RAF erinnert. Weit davon entfernt, ein Scherzgerät zu sein, ist die Idee zum Fulgurator mittlerweile patentiert, Werbeagenturen reißen sich um die Rechte, Spamproduzenten wittern Möglichkeiten, Infomüll zu verbreiten. Sogar Anfragen von der Pornoindustrie gibt es. Nada, Bismarck will den Fulgurator selbst einsetzen, künstlerisch-politisch. Er spricht von sich selbst als eine Art Hacker. Die Ars Electronica 2008 hat ihn soeben mit einer Goldenen Nika ausgezeichnet, in der Kategorie Interactive Art.

Von Bismarcks E-Mail-Account quillt derweil über von Hassmails, die ihn einen Terroristen schimpfen. Aber noch mehr Post bekommt er von begeisterten Hackern, von Geeks, Künstlern und Politniks aus aller Welt. Ihr Tenor: Bismarck, du bist ein verdammtes Genie!

Gott und der Markt

Kolumne für Planet. Andrea Maria Dusl

Wir leben in einer säkularen Welt. Es regiert der Markt, der Kurs, die Rendite. Glaube kommt aus der Geschichte, Information ist Macht, Religion privat. Aber stimmt dieser Befund?

Das Wort Glaube kommt vom frühmittelalterlichen ‘ga-loubjan’ und bedeutete einst “vertrauen”. Sprachlich gesehen ist Glaube Lob. Noch heute werden Preise, Wettbewerbe, Stellen ausgelobt. Man vermutet, dass die Begriffskaskade, die zum Ausdruck “Glaube” geführt hat, im Wort für Laub entspringt und in der Frühzeit der indoeuropäischen Sprachen bedeutete, das Vieh mit Laubbüscheln anzulocken. Glaube wäre demnach jene Zutraulichkeit, die gefüttertes Vieh entwickelt.

Noch weiter gehen die Erkenntnisse über die physiologischen Grundlagen des Glaubens. Lange Zeit wunderten sich Ärzte, warum soviele Nonnen und Mönche an Schläfenlappenepilepsie erkrankten. Kam das vom Beten? Die Korrelation von Erleuchtung und Epilepsie war nicht erklärbar. Bis sich bei der Gehirnuntersuchung eines religiös unauffälligen Patienten ein seltsamer Effekt manifestierte. Wurde die Schläfenlappenregion des Patienten elektrisch stimuliert, berichtete er über tiefe Gefühle des Einseins mit Zeit und Raum, von Gottesnähe und hellem Licht. Das erinnerte an die Verzückungen, mit denen spirituell Erleuchtete von ihrer Begegnung mit dem “Höheren Wesen” berichteten. War nicht auch Paulus, der Chefideologe des frühen Christentums, Epileptiker gewesen? Ist “Erleuchtung” ein neurologisches Feuerwerk im Schläfenlappen? Sind Buddha, Moses, Johannes, Jesus, Jean d’Arc Opfer von schrägen Vorgängen in den seitlichen Hirnregionen? Und ist der Glaube an den Markt nicht auch ein spiritueller Vorgang?

Ja sagt der US-Genetiker Dean Hamer. Er hat ein Gen namens ‚Vmat2‘ isoliert, das direkt für die spirituelle Empfänglichkeit verantwortlich sein soll. Träger dieses Proteins sollen für Erlebnisse zugänglich sein, die sie als mystische Erleuchtung erfahren. Ist Vmat2 die Stimme Gottes?

Die Fähigkeit, zu Glauben hätte für unsere steinzeitlichen Vorfahren einen evolutionären Vorteil gehabt, erklärt Hamer, und sei deswegen bis heute vererbt worden. Der biologische Mechanismus ist einfach: Spirituelle Menschen neigen zu grösserem Lebensglück und setzten mehr Kinder in die Welt als ihre atheistischen Brüder und Schwestern. Jetzt müsste man nur noch untersuchen, ob Aufsichtsräte und Manager mehr Nachwuchs in die Welt setzen als marktpessimistische Arbeiterkinder.

Spinne oder Fliege im Netz

Facebook.jpgNie war es einfacher, sich neue Bekannte zu suchen: In sozialen Netzwerken im Web gilt jeder Kontakt gleich als „Freund“ –

Andrea Maria Dusl über ihre Versuche, zwei Welten miteinander zu verbinden. Für Der Standard / Rondo vom 23. 5. 2008. Bild © The Peaceful Invasion

Angefangen hat es mit Orkut, Googles halbgeheimer Freundschaftsbörse. Zu meinen ersten Freunden gehörten Guy Manuel aus Brasilien, ein alter Herr mit Glatze, Huy Zing, ein mysteriöser Student aus San Francisco, und ein gewisser Mistiborn aus Liechtenstein. Meine eigene Freundesliste im Orkut-Netzwerk war bald zweistellig. Alle diese Orkut-Bünde wären ohne mein stetiges Online-Sein, meine Bereitschaft, Sekunden und Minuten in die Waagschale der Schnellkommunikation zu werfen, gewiss nicht am Leben geblieben.

Orkut hieß Orkut, weil das der Vorname von Orkut Büyükkökten war, eines türkischen Computer-Science-Studenten an der legendären Silicon-Valley-Schmiede Stanford. Jener kalifornischen Elite-Universität, die wie keine zweite für den technologischen Input der IT-Industrie sorgt. Orkut Büyükkökten programmierte für Google. „Google nahestehend“ verriet denn auch ein kleiner Hinweis am unteren Rande jeder Orkut-Page.

Bediente also Orkut die Suchtechnologie Google, um die Millionenschaft seiner Mitglieder auf der Suche nach neuen Freunden und Freundesfreunden zu unterstützen? Mit Sicherheit. Aber es war nicht Google, das Orkut von Nutzen war. Es war genau umgekehrt.
Von allen Orkutlern habe ich allerdings grad mal zwei irdisch kennengelernt. IRL kennengelernt, wie das heißt, „in real life“. Die beiden waren dann allerdings tatsächlich große Knaller in meinem wirklichen Leben, große Knaller, weil aus all den unwirklichen Begegnungen mit virtuellen Internetizens zumindest zwei wirkliche Beziehungen entsprangen, zwei reale Freundschaften.

Recht mager die Ausbeute, möchte man meinen. Zwei aus 21 Millionen. Immerhin. In der Wiener U-Bahn, auch eine Millionen-Community, habe ich mangels immunisierender Gesprächskultur weniger Freundschaften akquiriert.

Orkut ist mittlerweile eingeschlafen. All die brasilianischen Party-Einladungen, die Ich-möchte-mit-dir-Beziehung-Kurznachrichten, die mir junge Männer aus dem Nahen Osten in die Inbox geschaufelt haben: Sie sind vergraben, vergessene Passwörter und verwaiste E-Mail-Accounts sei Dank. Datenmüll, auf dem die amerikanischen Terror-Schnüffelhunde herumgeistern, aber verborgen für Soziologen und Demografen. Verschüttet für immer in Server-Farmen an der Westküste. In Zukunft wird das anders sein: Nach MySpace und Facebook hat jetzt auch Google angekündigt, dass User ihre Profile auf andere Websiten übersiedeln können.

Und Orkut ist ja nicht wirklich tot. Denn Orkut heißt jetzt Facebook. Das beliebteste aller sozialen Netzwerke ging am 4. Februar 2004 im Uni-Zimmer von Harvard-Student Mark Zuckerberg online und explodierte von einem kleinen Campus-Experiment zu einer weltumspannenden Freundschafts-Börse mit mittlerweile 69 Millionen Mitgliedern. Ihr Motto: „Facebook is a social tool to connect with people around you.“ Ein Schelm, wer denkt, dass die Plattform massiv vom Data-Mining lebt. Der Deal ist simpel. Gib mir hundert Daten, und ich gebe dir tausend Freunde. Die Facebooker sind Menschen aus Fleisch und Blut, ihre Namen sind Klarnamen, und ihre Bilder sind keine Avatare aus dem Photoshop – Konsequenz aus dem legendären Bonmot: „Get a first life“, der Hauptkritik am Rohrkrepierer „Second Life“.

Dass Facebook wie auch schon Orkut zuvor den Begriff Freundschaft in die Bedeutungslosigkeit gekickt hat, steht auf einem anderen Blatt. Wie kann man mit Menschen „befreundet“ sein, die man noch nie im Leben getroffen hat? Wie Beziehungen führen mit Unbekannten?

In Xing, Ende 2006, als „Open Business Club“ gegründet, geht es gleich zur Sache. Mehr blue collar als Face-Book versteht sich die Community als Umsteigebahnhof für geschäftliche Freundschaften. Auch ich bin auf dem dünnen Eis der Gegenwart schon in Xing geschlittert.

Für tiefschürfendes Xinging fehlt mir allerdings die Bereitschaft, meine Kreditkarte mit einer Vollmitgliedschaft zu belasten. Das zerbrechliche Band der geschäftlichen Bekanntschaft will ich nicht mit den derben Fesseln wirklicher Freundschaft vertauschen. Ich möchte lachen und weinen, nicht lol-en und : ( -en, und zu lähmenden Power-Point-Vorträgen von umtriebigen Xinglern möchte ich auch nicht erscheinen.

Aber vielleicht ist das ja ohnedies alles Trug. Vielleicht sind wir alle unentrinnbar in einem weltumspannenden neuen Biedermeier gefangen, das heile Welten insinuiert, fröhliche Beziehungen, Denkerbünde und Geschäfts-Companien gründet und uns ein großes, virtuelles Kaffeekränzchen vorgaukelt. Vielleicht steckt hinter der Sehnsucht nach der Netzfreundschaft der zerbrechliche Wunsch, irgendwo dabei zu sein. Vielleicht ist die Facebookitis Ausdruck der existenziellen Angst, in einer Welt unterzugehen, die sich über Netzwerke definiert.

Denn eines haben Globalisierung und der dumpfe Siegeszug des Neoliberalismus gelehrt: Die alten Mechanismen der Lebenssicherung funktionieren nicht mehr. Berufe sind nicht mehr fürs Leben, Wohnungen nicht für immer, Partner nicht für ewig. Alles ist in Bewegung, alles ist Teil eines ständig wachsenden, mittlerweile 15 Jahre alten Netzes mit der dadaistischen Kurzformel „www“. Bleibt die Frage: Sind wir die Spinne oder die kleine Fliege? Haben wir das Netz gewoben, oder kleben wir daran?


Wie es wäre, wenn man die Prinzipien der Web-Freundschaftsbünde in die Realität umsetzte, zeigt diese –> Facebook-Parodie auf der Fernsehwahnsinnpinwand www.ehrensenf.de .

Book my Face

Andrea Maria Dusl für Standard RONDO.

Angefangen hat es mit Orkut, Googles halbgeheimer Freundschaftsbörse. Meine ersten Freunde waren Guy Manuel aus Brasilien, ein alter Herr mit Glatze, 197 Freunde schwer, Huy Zing, ein ebenso mysteriöser wie legendärer tätowierter Student aus San Francisco (545 friends), und ein gewisser Mistiborn aus Liechtenstein mit schalen 8 Orkut-Kontakten. Meine eigene Freundesliste im Orkut-Netzwerk war bescheiden, aber immerhin bald zweistellig. Bevor mein Orkut-Engagement sanft entschlief, gründete ich, ganz im Einklang mit der Plattform-Ideologie, Communities und Debattierzirkel, offene Geheimgesellschaften und geheime Open-Societies. Mininetzwerke mit seltsamen Bezeichnungen wie: „The Bobo Society“, „Die Orkut-Scheiss-Preise-Comunity“ oder „Der Bund der Unverbundenen“. Ich war Mitglied in Gruppierungen mit klingenden Namen und hehren Inhalten: in der “Betty Page Community”, im Fanclub „I Love Freckles“, der Gemeinde der Verehrer von Phoebe-Songs aus der Serie Friends und schliesslich war ich Member der “Margot Tenenbaum Society”, eines eingeschworenen Club von Verehrern Margit Tenenbaums, jener düsteren Filmgestalt aus dem Kultfilm „The Royal Tenenbaums“. Alle diese Orkut-Bünde wären ohne meine Mitgliedschaft, ohne mein stetiges Online-Sein, meine Bereitschaft, Sekunden und Minuten in die Wagschale der Schnellkommunikation zu werfen, gewiss nicht am Leben geblieben.

Wir waren alle “Freunde”, “friends”, wie das im Netz-Neu-Sprech heisst, unterwandert von einer Hunterttausendschaft von brasilianischen Gaga-Postern, indischen Internet-Junkies, arabischen Atheisten und Bobo-Networkern aus der alten und der neuen Welt. Ein grosses Reich. Von allen Orkutlern habe ich allerdings grad mal zwei irdisch kennengelernt. IRL kennengelernt, wie das heisst, „in real life“. Die Beiden waren dann allerdings tatsächlich grosse Knaller in mein wirkliches Leben, grosse Knaller, weil aus all den unwirklichen Begegnungen mit virtuellen Intenetizens zumindest zwei wirkliche Beziehungen, zwei reale Freundschaften entsprangen. Recht mager die Ausbeute, möchte man meinen. Zwei aus 21 Millionen. Immerhin. In der Wiener U-Bahn, auch eine Millionen-Comunity, habe ich mangels immunisierender Gesprächskultur weniger Freundschaften aquiriert.

Orkut hieß Orkut, weil das der Vorname von Orkut Büyükkökten war, eines türkischen Computer-Science-Studenten an der legendären Silicon-Valley-Schmiede Stanford, jener kalifornischen Elite-Universität, die wie keine zweite für den technologischen Input der IT-Industrie sorgt. Orkut Büyükkökten programmiert(e) für Google. “Affiliatet with Google”, “Google nahestehend”, verriet denn auch ein kleiner diclaimer am unteren Rande jeder Orkut-Page. Bediente also Orkut die Suchtechnologie Google, um die Millionenschaft seiner Mitglieder auf der Suche nach neuen Freunden und Freundesfreunden zu unterstützen? Mit Sicherheit. Aber es war nicht Google, das Orkut von Nutzen war. Es war genau umgekehrt.

Orkut ist mittlerweile eingeschlafen. Die Cookies, die es auf meinem Computer hinterlassen hat, werden von seiner momentanen Version gar nicht mehr erkannt. Orkut ist also Vergangenheit, all die interessanten brasilianischen Party-Einladungen, die Ich-möchte-mit-Dir-Beziehung-Kurznachrichten, die mir junge aufgeweckte Männer aus dem nahen Osten in die Income-Box geschaufelt haben: Sie sind vergraben hinter einer Firewall aus vergessenen Passwörtern und verwaister Email-Accounts. Datenmüll, auf dem die amerikanischen Terror-Schnüffelhunde herumgeistern, aber verborgen für Soziologen und Demografen. Verschüttet für immer in Server-Farmen an der Silikon-Westküste.

Aber Orkut ist nicht wirklich tot. Denn Orkut heisst jetzt Facebook. Das beliebteste aller Netzwerk ging am 4. Februar 2004 im Uni-Zimmer von Harvard-Studenten Mark Zuckerberg online und explodierte von einem kleinen Campus-Experiment zu einer weltumspannenden Freundschafts-Börse mit mittlerweile 69 Millionen Mitgliedern. Ein Schelm, wer denkt, dass die Plattform massiv vom Data-Mining lebt. Der Deal ist simpel. Gib mir hundert Daten und ich gebe Dir tausend Freunde. Die Facebook-Freunde sind Menschen aus Fleisch und Blut, ihre Namen Klarnamen und ihre Bilder keine Avatare aus dem Photoshop, Konsequenz aus dem legendären Bonmot: “Get a first life” – der Hauptkritik am Rohrkrepierer “Second Life”.

In Xing (Ende 2006 als “openBC/Open Business Club” gegründet) geht es gleich zur Sache. Etwas mehr blue collar als Face-Book versteht sich die Community als Umsteigebahnhof für geschäftliche Freundschaften. Selbstredend bin auch ich auf dem dünnen Eis der Gegenwart schon in Xing (man sagt: Crossing) geschlittert. Für tiefschürfendes Xinging fehlt mir allerdings die Bereitschaft, meine Kreditkarte mit einer Vollmitgliedschaft zu belasten. Den ganzen Funktionsumfang der Plattform kann ich also gar nicht ausnützen. Montagfrüh informiert mich ein Newsletter, wer auf meine Startseite gesurft ist, und zweimal im Monat bemüht sich jemand, mich in den Kreis ihrer oder seiner Geschäftsfreunde zu integrieren. Es sind meist Verschollene aus meinem eigenen Leben, Schulfreundinnen, die bei Erdölkonzernen managen oder Partybekanntschaften, die eine windige GesmbH gestartet haben und jetzt Sozialkapital, Emailadressen und Vernetzungspartikel sammeln. Ich mag das alles nicht wirklich. Das zerbrechliche Band der geschäftlichen Bekanntschaft will ich nicht mit den derben Fesseln wirklicher Freundschaft vertauschen. Ich möchte lachen und weinen, nicht lol-en und : ( -en, und zu lähmenden Power-Point-Vorträgen von Umtriebigen Xinglern möchte ich auch nicht erscheinen.

Aber viellleicht ist das ja ohnedies alles Trug. Vielleicht sind wir alle unentrinnbar in einem weltumspannende neuen Biedermeier gefangen, das heile Welten insinuiert, fröhliche Beziehungen, Denkerbünde und Geschäfts-Companien gründet, und uns ein grosses, virtuelles Kaffeekränzchen vorgaukelt. Vielleicht steckt hinter der Sehnsucht nach der Netzfreundschaft  der zerbrechliche Wunsch, irgendwo dabei zu sein. Vielleicht ist die Facebookitis Audruck der existentiellen Angst, in einer Welt, die sich über Netzwerke definiert, unterzugehen. Denn eines haben Globalisierung und der dumpfe Siegeszug des Neo-Liberalismus gewiss gelehrt: Die alten Mechanismen der Lebenssicherung funktionieren nicht mehr. Berufe sind nicht mehr fürs Leben, Wohnungen nicht für immer, Partner nicht für ewig. Alles ist in Bewegung, alles ist Teil eines ständig wachsenden, mittlerweile 15 Jahre alten Netzes mit der dadaistischen Kurzformel “www”. Bleibt die Frage: sind wir die Spinne oder die kleine Fliege? Haben wir das Netz gewoben, oder kleben wir daran?


Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin und Autorin und hostet das vielbesuchte Blog „Comandantina Dusilova“.

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Karriere eines Klotzes

Strat & Co: 1941 hatte Lester William Polfus eine zündende Idee, die ihm weltweite Berühmtheit einbringen sollte. Und Generationen von Musikern hatten ein neues Statussymbol. Ob Soft Rock oder Hard oder Death Metal: Die Basis sind Ahorn, Erle, Rosen- und viele andere Hölzer.

von Andrea Maria Dusl für die Publikation holzistgenial in der 16seitigen RONDO Spezial-Ausgabe »Holz auf dem Weg« erschien Dienstag, 2. Oktober 2007 in der Tageszeitung »Der Standard«.

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Der in Chicago lebende Country- und-Jazz-Gitarrist (der spätere Les Paul) hatte die ständigen elektroakustischen Rückkopplungen satt, die das Spiel auf den elektrisch verstärkten Jazzgitarren seiner Zeit begleiteten. Eines Sonntags ließ er sich in die Fabrikräume der Gitarrenfirma Epiphone einschließen, um an deren Maschinen unerhörte Dinge zu basteln. Seine Überlegung war so simpel wie genial: Elektrisch verstärkte Gitarren brauchten einen Resonanzkörper. Wie alle Saiteninstrumente. Aber dieser Körper musste nicht hohl sein. Mit den elektromagnetischen Tonabnehmern gab es schon ein System, das die schwingenden Saiten übertrug und in Verstärkern und Lautsprechersystemen zum Klingen brachte. Eine mitschwingende Schallschachtel brauchte es nicht.

Les Paul entwarf eine Gitarre, die aus einem traditionellen Gitarrenhals bestand, der in einen zehn mal zehn Zentimeter dicken und ellenlangen Holzklotz auslief, an dem Tonabnehmer, Steg und Saitenhalter angebracht waren. Unverstärkt hatte diese Gitarre fast keinen Ton. Und genau das war das Revolutionäre an Les Pauls Idee: Es gab keine Rückkopplung, weil der akustische Körper nur mehr mit den elektrisch verstärkten Saiten mitschwang und nicht mehr nachhallte.

Alleine, die Gitarristenkollegen waren gar nicht überzeugt von „the log“, dem Klotz, wie Les Paul seine ungewöhnliche Gitarre nannte. Daraufhin zerlegte er eine seiner Jazzgitarren der Länge nach und schraubte die beiden Korpushälften wie Ohren an seinen Klotz – die erste Solidbody-Gitarre der Welt sah zumindest wieder aus wie eine brave Gitarre.

Mitte der vierziger Jahre bot Paul sein „Log“-Design der Firma Gibson an. Dabei standen die Sterne zunächst schlecht. Gibsons Präsident hatte Les Pauls Erfindung mit dem Kommentar abgelehnt, man werde keinen „Besenstiel mit Ton- abnehmern“ bauen. Kurz darauf jedoch gelangen dem kalifornischen Radiotechniker Leo Fender mit seiner neu entwickelten Solidbody-E-Gitarre „Fender Broadcaster“ (später Telecaster genannt) erste kommerzielle Erfolge. Der mittlerweile neu installierte Gibson-Präsident Ted McCarty entschied, dass seine Firma ebenfalls eine massive elektrisch verstärkte Massivholz-Gitarre ins Programm aufnehmen müsse. Man erinnerte sich an den obskuren Klotz-Prototypen und seinen seltsamen Erfinder.

Eine „Les Paul Gitarre“ wurde entwickelt. Paul und die Techniker bauten ein Instrument, das sich von den flachen Brettgitarren der Marke Fender abhob: Es hatte die traditionelle Form einer Gitarre, nur war sie kleiner und aus massivem Mahagoni geschnitten. Darauf leimten die Gitarrenbauer eine gewölbte Ahorndecke. In die untere halsnahe Rundung schnitten sie ein „Cut-away“ – das berühmte Horn des Les Paul entstand. Die halbkreisförmige Aussparung sollte den Griff in den höheren Lagen erleichtern.

Aus der ähnlich geformten, aber flachbrüstigen Telecaster der Konkurrenzfirma war derweil der berühmte Precision-Bass geworden. Der war nichts anderes als eine Telecaster mit langem Hals und einem oberen Horn, das der Verbesserung des Gleichgewichts am Gurt diente. Es fehlte noch die dritte Gründungslegende unter den Solidbody-Gitarren, die Stratocaster. Die war wieder eine sechssaitige Gitarre, ihrerseits vom Precision-Bass mit seinen zwei asymmetrischen Hörnern abgeleitet. Die drei – Les Paul, Telecaster und Stratocaster (liebevoll Tele und Strat abgekürzt) – sind bis heute die vielfach variierten und miteinander amalgamierten Grundformen des tönenden Bretts.

Tonabnehmern wird ein wichtiger, aber überschätzter Part in der Tonbildung der Elektrogitarre eingeräumt. Zwar ist das Wissen um die Magnetkerne und Spulendrähte, Kondensatoren und Potentiometer, die die Schwingungen der stets metallenen Saiten an einen Verstärker weiterleiten, mittlerweile zur Geheimlehre angewachsen. Das wichtigste Element für die Bildung des Tons ist aber noch immer das Holz von Body (Körper) und Hals der Gitarre.

Wie bei Weinen, wo Jahrgang und Sorte, Lagerung und Cuvée den Charakter und Geschmack eines Weines ausmachen, spielen Alter und Sorte, ja sogar die Mischung der Hölzer untereinander eine große Rolle.

Ton und Schwingungsverhalten der Solidbody-Gitarre werden, um die Dinge vollends kompliziert zu machen, sogar von scheinbar so unwichtigen Dingen wie Gewicht und Legierung der Metallteile, Material und Dicke des Halses und sogar von der chemischen Zusammensetzung des Lackes geprägt. Dass das elektrische Signal des Tons dann noch mit Effektgeräten und Verstärkerkaskaden geformt und verfremdet wird, macht das Gitarrespiel auf sprechenden Hölzern vollends zur Magie.

Auch wenn sich moderne Metal-Gitarristen stilistisch längst von ihren Ahnvätern entfernt haben, die Magie der verwendeten Hölzer ist auch ihnen bewusst. Unter ihren schwarzmatten Zackengitarren, den Flying Vs, Explorers oder hochpolierten Strats, Teles, Pauls und SGs, die das Gitarrenuniversum bevölkern, verbergen sich neben alltäglichen Tonbäumen wie Ahorn, Erle, Esche, Fichte und Pappel kostbare Hölzer mit teilweise obskur klingenden Namen: Bocote, Bubinga, Cocobolo, Ebenholz, Flammenahorn, Koa, Korina, Lacewood, Mahogany, Padouk, Palisander, Rotholz, Rosenholz, Vogelaugenahorn, Walnuss, Wenge, Zebrawood und Ziricote. Dass diese bei ökopolitisch korrekten Holzfarmen bezogen werden, gehört unter Gitarrenbauern mittlerweile zum guten Ton.

Jimi Hendrix, Jeff Beck, Carlos Santana, Brian May: Ob lebendig oder tot, sie sind am ersten gespielten Ton erkennbar. An der Simulation der Sounds, die die unbezahlbaren Holzbretter unter ihren Händen hervorbrachten und -bringen, verdient sich eine ganze Industrie goldene Nasen. Minutiöse, bis in die letzte Fuge rekonstruierte Nachbauten berühmter Gitarren kosten heute soviel wie ein kleiner Sportwagen.

An die Originale kommen sie dennoch nie heran. Jimmy Pages 1958er Tigerstripe Les Paul Standard, Number 1 genannt, oder Eric Claptons, aus den besten Teilen dreier 1970er Fender Strats zusammengebaute „Blackie“ sind mittlerweile viel wertvoller als ihr Gewicht in Gold.

Die Alchimisten unter den Gitarristen behaupten: Das Holz der Gitarren merkt sich jeden gespielten Ton und werde mit den Jahrzehnten zu einem tönernen Gedächtnis. Angenommen, das stimmt: Kein Wunder dann, dass die Strats von Jimi Hendrix zu den wertvollsten Gitarren gehören, die es gibt.

www.gibson.com
www.fender.com

Das Große Buch

TELESKOP, Kolumne in ‚Planet‘, Ausgabe 50.
ANDREA MARIA DUSL

1989 fiel der Eiserne Vorhang, die Grenze zwischen Ost und West wurde durchlässig. An einem denkwürdigen Herbstsamstag setzten sich tausende Busse in Bewegung und knatterten, rußigen Ostdiesel im Tank, gegen Wien. Sie kamen aus Bratislava und Košice, Prešov, und Žilina. Aus den staubigen Scheiben der Busse starrten weit aufgerissene, feuchte Augen.Waren die Augen der SlowakInnen feucht vor Rührung und aufgerissen vor Staunen oder tränten sie, weil die Abgase der Busse vor ihnen über die Lüftung im Innenraum verteilt wurden? An diesem denkwürdigen Samstag schien jedenfalls die halbe Slowakei in Wien zu sein. Vom Joch des Eingesperrtseins befreit, taumelten die Glückseligen durch das Konsumparadies, rannten die Kirchen ab, um Gott zu danken und legten ihre Ersparnisse in billigen Toastern, koreanischen Videorekordern und Nippes an. Die Mariahilferstraße verwandelte sich in eine Goldgräbermeile. Am Tag danach setzten wir uns in den klapprigen Mercedes meines Vaters und fuhren stromaufwärts. Dorthin, wo all die glücklichen Gesichter hergekommen waren. Und so taumelten wir durchs graue, nebelige Bratislava. Fassungslos, wie anders diese Welt war. Das Fieber der Ostalgie hatte uns ergriffen. Lange, bevor jemand diesen Begriff erfunden hatte. Wir kauften Lebensmittel und Schulsachen, Haushaltsgeräte und Sportartikel, fasziniert von einerVerpackungswelt, die einem den Design-Atem raubte. Und wenn es einmal etwas nicht gab, führte man uns zum Großen Buch. Überall gab es das Große Buch. In Bratislava und Krakau, in Odessa und St. Petersburg, Kiew und Moskau. Überall. Im Großen Buch konnte man den  KundInnenwunsch deponieren, Wut ablassen, Vorschläge machen, ein Produkt einmahnen.

Achtzehn Jahre später ertappe ich mich noch immer dabei, nach dem Großen Buch zu fragen. Hier bei uns. Wenn der Drogeriemarkt keine Waschnüsse führt, der Diskonter keine laktosefreie Milch und der Buchhändler keine Moleskine-Kalender. Der Westen hat kein Großes Buch. Der Markt, so predigten sie, reguliert alles.Was aber, wenn der Markt nicht weiß, was wir wollen?  Also her mit dem Großen Buch und nieder mit dem Vorhang zwischen KundInnen und Konzernen!

Shine On

Schubert-Sterbehaus.jpgDie Kettenbrückengasse ist eine verschlafene Gasse im Boboais von Wien. Hier wohnen die Wiener Bobos, im Viertel siedeln sich jetzt auch noch die Chinesen an, die Sechzigerjahrmöbelverticker sind schon da, die Patisserieköche, die Taschendesigner und Lustige-Sachen-zum-Verschenken-Kaufleute. Und weil es Wien ist, findet die Gasse immer wieder zu sich. Ein elediglich faules Schlüsselgeschäft gibt es, ein gewiss ganz unkultiges Grindbeisl, das ich den Friedhof des aufrechten Ganges nennen möchte, einen Fleischhacker, eine Ankerbrotfiliale. Hier wohnt Grissemann und ums Eck Stermann. Oder so. Und sicher auch noch anderes Ausdenkepersonal. Dort, wo die Kettenbrückengasse entspringt, aus der Margaretenstrase nämlich, dort steht ein zweistöckiges Haus aus dem Biedermeier. Hier ist in einer Nacht- und Nebelaktion der schwermütige Tondichter und Liederschreiber Franz Schubert gestorben. 1828, im Vormärz, an den Folgen einer Lustkrankheit. Das Haus ist hochrenoviert aber verschlafen, es scheint, als Läge ein Fluch der Unbewohnbarkeit auf den Gedenkräumen. Nie, aber auch nimmernie hat hier irgendwer aus dem Fenster gesehen. Weil es ein Museum ist, steht das Tor des überrenovierten Gemäuers offen. Es steht offen, aber niemand passiert es. Nicht ein einziger Japaner. Japaner hören Mozart, den siassladn Lebegott, nicht Schubert, den bladen Depressiven. Die Bude ist tot. Mausetot. Bis auf neulich. Da kam dicke fette Musik aus dem Haus. Aus dem rechten Fenster im ersten Stock. Richtig dicke feste Musik. Nicht irgendwelche Musik. Und sie kam aus Schuberts Sterbesuite. In Summer-of-Love-gerechter Lautstärke. Heiss war es, vierzig Grad hatte es, die Luft stand in dicken Schubern, die Kleider klebten an den Menschen. Und aus dem Sterbekabinett von Franz Schubert dröhnte Pink Floyd auf die Strasse hinaus. Shine On You Crazy Diamond.

Wien.

Shine on.


Für das Ösi-Blog der Zeit.

Alfred Gusenbauer

Gusenbauer zweifelt am Wert der Eurofighter-Gegengeschäfte.

Der österreichische Bundeskanzler will im STANDARD-Interview die Gesamtschule in drei Legislaturperioden flächendeckend umsetzen. Wie, das erklärte er der Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl, die Michael Völker als Überraschungsgast zum Gespräch in das Museumsquartier begleitet hat.

Die Bilder in diesem Interview hat Matthias Cremer gemacht. –> Hier geht’s zu seinem Photoblog im Online-Standard.

Anmerkung AMD: Gusenbauer kommt mit zwei Staatspolizisten, hagere Gestalten mit wunderschönen Schnurrbärten. Im Schlepptau hat er seinen Pressereferenten Sven Pusswald. Michael Völker und ich sitzen mit Standard-Fotograf Matthias Cremer im Kunsthallen-Café im Museumsquartier. Gusenbauer kommt und stellt sich vor: „I bins, der dicke Ybbser

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Dusl: Kommt es jetzt zu einer Fusion Sozialdemokratie und Grüne? Du räumst ihnen ja die hellen Köpfe ab.

Gusenbauer: Andreas Wabl ist ein kluger Kopf. Ich betrachte das so: Man darf nicht so engstirnig sein, immer nur eigene Parteigänger für gewisse Funktionen zu verwenden. Ich versuche auch Menschen aus anderen politischen Bereichen, die Potenzial, Kapazitäten und Fähigkeiten haben, miteinzubeziehen.

Standard: Mit Wabl haben Sie sowohl bei der ÖVP als auch bei den Grünen für ziemliche Verwirrung gesorgt.

Gusenbauer: Das ist doch sonderbar in Österreich. Es wird immer von Parteibuchwirtschaft gesprochen. Frei nach dem Motto: Immer werden nur irgendwelche Parteigänger etwas. Zu Recht gefordert wird, dass die besten Köpfe berücksichtigt werden. Dann gibt es endlich einmal jemanden, der dementsprechend agiert, und auf einmal sitzen alle da und schauen ganz verdutzt. Insofern ist die Irritation ein Mangel der politischen Kreativität. Aber Van der Bellen hat Wabl ohnedies gratuliert.

Standard: Nicht mit übermäßiger Begeisterung.

Gusenbauer-Dusl-Voelker-2.jpgGusenbauer: Ich war beim Gratulationsgespräch nicht dabei. Aber in der Frage des Klimaschutzes, in der in den letzten zehn Jahren alles verschlafen wurde, besteht absoluter Handlungsbedarf. Die Grünen können nur froh sein, dass ein so wichtiges Thema eine so starke Prominenz bekommt.

Standard: Andrea, hast Du Alfred Gusenbauer schon in einem Cartoon verarbeitet?

Dusl: Ja, selbstverständlich. Und zwar, wie ich hoffe, treffend. Letztens habe ich mich geirrt. Da habe ich einen Super-Gusi gezeichnet, wie er die Abfangjäger aufhält. Das ist sich dann doch nicht ausgegangen. Was mich so stört, ist dieser Empörungswirrwarr. Einerseits wird versucht, diese Flugzeuge zu verhindern, um zu zeigen “Wir stehen zu unseren Versprechungen“, und gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich das eh nicht ausgehen wird.

Gusenbauer: Der Super-Gusi war eine gute Idee. Aber natürlich ist es richtig, dass die Abfangjäger eine Symbolfrage sind, ein Symbol dafür: Was ist jetzt wichtiger in Österreich, Ausgaben für Bildung und Soziales oder Ausgaben für diese Eurofighter? Daher war das eine sehr zugespitzte Darstellung: Was sind Ausgabenprioritäten und was sollte in unserer Gesellschaft wichtiger sein? In der Tat hat man bis zum Schluss nicht gewusst, ob und wie man aus dem Ganzen herauskommt. Aber Norbert Darabos hat eine Exitstrategie gefunden.

Standard:: Jetzt kommt noch die Sonderprüfung vom Rechnungshof, auch zu den Gegengeschäften.

Gusenbauer: Das finde ich besonders lustig. Was wird denn da geprüft? Werden die wolkigen Ansagen über die Gegengeschäfte geprüft oder das, was real gelaufen ist? Wir haben von Gegengeschäften in der Höhe von vier Milliarden Euro gehört. Wo sind die? Ich frage mich, was dabei geprüft wird. Wird der Wolkigkeitscharakter früherer Aussagen der vorhergehenden Regierung geprüft?

Standard: Wissen Sie, wie hoch die Gegengeschäfte tatsächlich sind?

Gusenbauer: Nein. Außer den Propagandaaussagen der vergangenen Regierung gibt es ja nichts Stichhaltiges.

Standard: Martin Bartenstein blieb bis zuletzt bei den vier Milliarden.

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Bild: Michael Völker, Matthias Cremer, der vielbeschäftigte Sven Pusswald und der markisengerötete Bundeskanzler. 

Gusenbauer: Wie man weiß, hat die Inszenierung oft nichts mit der Realität zu tun. Ich glaube, den meisten Menschen in Österreich ist bewusst, dass man von den vier Milliarden Euro so genannter Gegengeschäfte relativ wenig sehen wird.

Standard: Was ist, wenn Eurofighter jetzt sagt, wir reduzieren die Gegengeschäfte?

Gusenbauer: So what? Österreichs Unternehmer sind konkurrenzfähig genug, auch so Aufträge zu lukrieren.

Standard: Sie meinen, diese Gegengeschäfte hätte es sowieso nicht gegeben?

Gusenbauer: Hier ist vieles fragwürdig und noch unklar.

Dusl: Aber warum glaubt die Politik, dass die Menschen an diese Lüge glauben?

Gusenbauer: Ich glaube nicht, dass die Politik daran glaubt. Die frühere Regierung hat daran geglaubt.

Dusl: Sitzt Du nie mit Bartenstein zusammen und sagst, jetzt lassen wir den Blödsinn, wir wissen doch beide, dass das so nicht funktioniert?

Gusenbauer: Das ist ein politisches Spiel der ÖVP, die versucht, mit allen Mitteln den Verhandlungserfolg des Norbert Darabos schlecht zu machen. Jetzt ist man auf die besonders einfallsreiche Idee gekommen, diese wolkigen Gegengeschäfte herauszuziehen. Die Wahrheit ist, man muss nur mit den Betrieben reden, die so genannte Gegengeschäfte bekommen haben, die sagen natürlich, das war für uns kein Nachteil. Aber das Geschäft hätten wir in jedem Fall gemacht. Ich kenne eine Reihe solcher Firmen, die auf der Gegengeschäftsliste stehen.

Dusl: Aber wer macht das Geschäft? Welcher Arbeitnehmer hat einen Vorteil von den Geschäften, die die großen Konzerne machen? Ich habe noch niemanden kennen gelernt. Ganz im Gegenteil: Je besser es denen geht, desto schlechter geht es den Arbeitnehmern, weil der Rechenstift angesetzt wird: Wo können wir noch jemanden einsparen? Das ist mein Vorwurf – in aller Liebe, das können wir uns doch nicht gefallen lassen, diese Menschen verachtende Grundhaltung: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut.

Gusenbauer-Haende-2.jpgGusenbauer: Darum sagen wir das Gegenteil. Wir sagen, wenn es den Menschen gut geht, geht es der Wirtschaft gut. Daher ist die Auseinandersetzung um die heurigen Lohnerhöhungen ganz besonders wichtig. Was haben wir vom Wirtschaftswachstum, wenn es sich nicht niederschlägt in höheren Löhnen für die Menschen, die arbeiten? Wann sollen die Löhne denn sonst steigen als in Jahren, wo wir ein gescheites Wirtschaftswachstum haben?

Standard: Warum muss die Koalition so viel streiten? Man hat den Eindruck, da findet ein permanenter Wahlkampf statt. Vizekanzler Molterer hat das kürzlich bestätigt – er hat gesagt, er will Erster werden. Sie wollen wahrscheinlich vorn bleiben. Wie kann man in dieser Konkurrenzsituation überhaupt arbeiten, wo jeder dem anderen misstraut?

Gusenbauer: Ich habe nichts dagegen, wenn jemand politische Ziele verfolgt und sagt, ich möchte gerne stärker werden oder den anderen überholen. So ist das in der Politik. Es ist aber noch ziemlich lange hin bis zur nächsten Wahl. Es tun sich alle Beteiligten nichts Gutes, wenn sinnlose Streitereien stattfinden. Ich habe kein Problem damit, wenn inhaltliche Auseinandersetzungen geführt werden. Wenn es etwa in der Bildungspolitik eine Auseinandersetzung gibt, wo die ÖVP klar sagt, wir sind der Meinung, es muss zum frühesten Zeitpunkt selektiert werden, und wir fangen schon bei den Dreijährigen an. Das nächste Mal bei den Sechsjährigen zu sagen, wer sind die Starken und wer die Schwachen, dann bei den Zehnjährigen, dann bei den Vierzehnjährigen.

Und alle, die schwach sind, werden immer weggeschoben. Das ist eine eindeutige politische Ansage. Ich finde, sie ist völlig falsch, weil sie unsere Probleme nicht verkleinert, sondern vergrößert. Unser Problem besteht darin, dass 20 Prozent unserer 15-Jährigen Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Wir müssen nicht darauf schauen, dass ein paar wenige sehr Talentierte noch um ein Alzerl besser werden, sondern dass alle eine möglichst gute Bildung haben.

Und da ist die Integration und nicht die Selektion das Konzept. Das ist ein klarer, weltanschaulicher Unterschied. Darüber zu diskutieren, halte ich für sinnvoll. Weil es hier um eine wesentliche Frage geht. Aber irgendwelche sinnlosen Streitereien, wo kein Mensch mehr nachvollziehen kann, über was eigentlich gestritten wird – das ist völlig sinnlos.

Standard: Warum sprechen Sie kein Machtwort?

Gusenbauer-Dusl-Voelker-3.jpgDusl: Ich würde mir wünschen, dass der Bundeskanzler viel öfter auf den Tisch haut. Meine ganz bescheidene Vermutung ist, dass es noch nie geschadet hat, mit Vehemenz die eigene Position zu vertreten.

Gusenbauer: Mit Vehemenz die eigene Position zu vertreten, das halte ich für richtig. Es gibt aber wichtige Fragen und weniger wichtige Fragen. Sich in irgendwelches Kleinklein einzumischen, das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe besteht darin, mich darum zu kümmern, dass in der Bildung etwas weitergeht, in der Gesundheit, in der Arbeitsmarktpolitik.

Standard: Die ÖVP hat jetzt ein Feuerwerk an Bildungsideen gezündet. Und hat sich festgelegt, die Gesamtschule wird es nicht spielen. Sie setzen große Erwartungen in die Gesamtschule – wie kann das im Herbst weitergehen? Wird es bei diesen fünf Modellregionen bleiben, und verläuft das danach im Sand?

Gusenbauer: Das verläuft nicht im Sand. Ich halte das finnische Schulsystem für vorbildlich. Ganztagsschule und Gesamtschule. Die Finnen haben uns gesagt, man braucht im Wesentlichen drei Legislaturperioden, bis man das flächendeckend einführt – eine Periode zur Vorbereitung; die zweite, in der man die Einführung beginnt; und die dritte Periode, in der man das flächendeckend umsetzt.
Was jetzt geschieht, ist die Periode eins. Jetzt finden die Versuche in diesen fünf Modellregionen statt, die noch vor der nächsten Nationalratswahl ausgewertet werden. Danach kann man mit der Einführung beginnen. Wir werden uns auf dem Weg dorthin nicht aufhalten lassen. Dieser Weg ist vielleicht nicht so schnell, wie er sonst sein könnte, aber die Entwicklung geht in jedem Fall in die richtige Richtung. Und es gibt immer mehr aus der ÖVP, die erkennen, dass in Wirklichkeit kein Weg daran vorbeiführt.

Standard: Da müssten Sie über drei Legislaturperioden lang Bundeskanzler bleiben.

Gusenbauer: Das wäre das Gescheiteste.

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Dusl: Ich würde mir wünschen, dass Du radikaler wirst. Ich mag einen radikalen Regierungschef. Das hat auch etwas mit der Projektion von Sehnsüchten zu tun. Die Menschen wollen doch Helden haben. Wie sehr möchtest Du dich zum Helden eignen?

Gusenbauer: Zum Helden wird man durch die Geschichte.

Dusl: Das Heldentum findet auch auf symbolischer Ebene statt. Che Guevara war in Wirklichkeit Finanzminister und Asthmatiker, kein großer Held. Aber auf symbolischer Ebene war er natürlich einer. Was spricht dagegen, dass Du ein österreichischer Che wirst? Der Schüssel kann es ja nicht sein.

Gusenbauer: Österreich rückt nach links. Wie auch Deutschland. Das hat unlängst auch die Zeit festgestellt. Es gibt ein starkes Bedürfnis: Die Welt ist aus der Balance geworfen, und es wäre wieder einmal an der Zeit, dass das Pendel in die andere Richtung geht. Dass es wieder mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Fairness, mehr Chancen für den Einzelnen gibt. Das ist nicht nur ein starkes Bedürfnis, sondern völlig berechtigt. Darum dreht sich auch die aktuelle Auseinandersetzung. Ich betrachte mich als Anwalt der sozialen Fairness.

(Redigiert von Michael Völker/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.8.2007). Anmerkung AMD: Das ursprüngliche Du zwischen Gusi und Dusi habe ich wieder eingefügt. Die Bilder in diesem Interview hat Matthias Cremer gemacht. –> Hier geht’s zu seinem Photoblog im Online-Standard.

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George Tabori

Der Zauberer ist tot. George Tabori ist 93-jährig in Berlin gestorben. Zur Erinnerung an den „Alten“, wie wir ihn am Theater nannten, hier ein Text, den ich 2001 geschrieben habe.

In den 80er Jahren arbeitete ich als Bühnenbildassistentin, war sehr unglücklich und wollte dringend nach London auswandern um dort vom Glück einer wirklichen Stadt zu naschen. Ich sparte und sparte Geld und sagte mir, ‚ich mache alles, um endlich aus dem grauslichen Wien rauszukommen‘.

Tabori.gifIch studierte den Stadtplan von London, als das Telefon schrillte. Es schrillte wie in einem schlechten Film. Und wie in einem schlechten Script war am anderen Ende ein Agent mit einem Angebot. Ob ich nicht dringend Lust hätte, ans Burgtheater zu kommen. Als Bühnenbildassistentin. In eine Inszenierung von George Tabori. Es gäbe allerdings einen Haken. Der Haken sei die Frau, mit der ich arbeiten sollte. Drei Bühnenbildassistenten vor mir seien entweder im Irrenhaus oder in der Donau gelandet. Die Frau sei unmöglich, das sei der Haken. Und schlecht bezahlt sei der Job.

Ich sagte zu und die Frau war unmöglich.
Und schlecht bezahlt.
War mein Job.

Mit George Tabori, dem Regisseur des Stücks hatte ich zuerst wenig Kontakt, ich genoss seinen Ruhm sozusagen aus der Entfernung. Ich schuftete schwer. Es war auch ein schweres Stück. Das Stück hiess ‚Mein Kampf‘ und handelte vom jungen Hitler und der Freundschaft mit seinem jüdischen Bettnachbarn im Männerheim.

Eines Tages lud ‚Dschohdsch‘ – so sprach man den Namen des Theatergottes George aus – das gesamte Team, Schauspieler, Regieassistenten, die Souffleuse und mich in ein feuriges ungarisches Lokal in der Wiener Kärntnerstrasse. (George Tabori ist Ungar.)
Dort assen und tranken wir ausgiebig ungarisch und hatten viel ungarischen Spass. ‚Dschohdsch‘ kam neben mir zu sitzen und zwischen einem Paprikahuhn und einem Pörkölt erzählte er mir, er sei Geheimagent. Geheimagent im Vorruhestand. Er erzählte, wie er in den letzten Kriegsmonaten in einem Kloster in Istanbul einquartiert gewesen sei, um dort mit anderen ungarischen Intellektuellen für den britischen Geheimdienst an ungarischen Radiosendungen zu basteln.

Ein ganzes Jahr lang hätten Sie Sendungen gemacht für Ungarn. Tolle Sendungen mit tollen Geschichten. Tolle Geschichten voll Feuer und tollen Gags. Keine einzige wurde je gehört. Keine einzige. Er habe nach dem Krieg seine ungarischen Freunde gefragt, wie ihnen die Radiosendungen aus dem Kloster in Istanbul gefallen hätten. „Welche Radiosendungen?“

George wusste viel über das Agentengeschäft zu berichten. Unter anderem, daß sämtliche Geheimpost mit Zitronensaft zwischen die Zeilen von ordinären Liebesbriefen geschrieben wurde. (Ganz genau so, wie wir als kleine Mädchen unsere Geheimbriefe verschickten.)

Tabori kannte auch einen ungarischen Schuster. Den 007 der ungarischen Schuster. Dieser Schuster sei so geschickt gewesen im Umgang mit Leder, daß er die Schuppen von Krokodillederhandtaschen so raffiniert aufschlitzen konnte, dass man darin Mikrofilme unterbringen konnte. Mit den krokodilledernen Mikrofilmhandtaschen des ungarischen Schusters wurden die Agentinnen des britischen Geheimdienstes bestückt und so manche kriegsglückwendende Geheimbotschaft herumgetragen.

Als es zum Zahlen kam, im ungarischen Lokal in der Kärntnerstrasse und George seine diamantene Kreditkarte zückte, erwarteten alle insgeheim, dass er die kolossale Rechnung einer hungrigen Truppe von 12 Theaterleuten mit ebendieser Kreditkarte zahlen würde. Die George-Aficionados hatten ihre Geldbörsen symbolischin der Hand, machten aber keine Anstalten, Hundertschillingscheinchen herauszurücken. Niemand raschelte mit den Hundertschillingscheinchen und niemand sagte den berühmten Satz. Keiner von den 12 gut bezahlten Burgtheaterangstellten.

Niemand sagte: „Also ich hatte….“

In diese Theaterstille hinein wurde es in George Licht und seine gleichermassen sonore wie zerbrechliche Bassstimme errichtete einen Satz von poetischem Realismus: „Alle hier zahlen selbst, nur ich zahle das Essen von Andrea. Sie hat kein Geld.“

Ich fand das sehr sehr ungarisch und bin daher auch sofort geschmolzen.

Vom Knattern am Dünenkamm

Für das Ösi-Blog in der ZEIT.
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Hier am Land geht es um die Qualität des Knatterns. Das Land von dem ich schreibe, liegt im Osten der Steiermark und heisst phantasieloserweise auch schlicht: Oststeiermark. Die Oststeiermark hat wellige, langezogene Hügel, die sich wie waldige Riesendünen dort entlang gelegt haben, wo die Alpen ihr ungarisches Ufer haben.

Am Abhang einer dieser Riesendünen sitze ich nun, mit einem silbernen Apple in der Wiese und tippe vor mich hin.

Unten im Tal, wo die Holztransporter rasen und die Semmelautos und die Alfas der Kellner, unten im Tal heisst es Ebersdorf. Oben am Dünenkamm: Ebersdorfberg.

Also: Unten Ebersdorf, oben Ebersdorfberg. So ist das hier. Soundsodorf und Soundsodorfberg. Zwei Kilometer weiter südlich, Richtung Fürstenfeld, heisst es Sebersdorf und Sebersdorfberg. dann Waltersdorf und Waltersdorfberg und soweiter Dorf und Berg, bis einmal Schluss ist mit den Dünen und Slowenien. Und dann heisst ohnedies alles irgendwie anders, altösterreichisch, karantanisch, krainerisch, slowenisch, windisch.
Eine kleine avantgardistische Freunde habe ich nun an dem Örtchen Wagerberg, hier ums Eck. Das liegt, obwohl es doch ein Berg zu sein scheint, im Tal. Oke. Schon mal gut. Und wie heisst es dann oben? Heisst es da dann Wagerbergberg? Richtig. Der Dünenkamm von Wagerberg heisst Wagerbergberg. Sowas gefällt mir. Die Steiermark kann mir mit solchen nomenklatorischen Schnalzern eine grosse, kindische Freunde bereiten. Die Steiermark bringt ja auch so fantastische Orte hervor wie: Großklein und Kleinklein.
Nachbars-Rasenmaeher.jpgSonst hält es die Oststeiermark mit dem guten alten Knattern. Mein Bruder, der hier mit mir die Wiese und das dazugehörige Bauernhaus besitzt, hat sich deswegen vorgestern einen benzinbetriebenen Rasenmäher der Marke “ALKO” zugelegt. (Das Wording der Alko-Fabrikanten möchte ich an dieser Stelle extra loben!) Der Alko ist silberfarben, mit Rennschürzen und Spoilern, knattert gehörig und legt auf das frischgemähte Gras jenen würzigen Landduft, den nur das Verknattern öligen Mähmaschinensprits hervorzurufen vermag.

Gut. Die Wiese war auch in nullkomma58 Stunden gemäht – bis auf die Inseln mit den seltenen Wiesenblumen. Und das Knattern war gehörig!
Ganz gewiss deshalb hat sich unser Ebersdorfberger Nachbar, ein feister und wortkarger Tischlermeister namens Hörzer, auf die Gummistiefel gemacht, um den englischen Rasen vor seiner Tischlerei zu mähen. Weil das öffentliche Auftreten auch hierzulande den Status bemisst, ging das natürlich nicht mit einem handgeschobenen Gerät vor sich, wie bei uns, sondern mit einem ferrarirot gelackten Vorgartentraktor. Das Knattern war naturgemäss nicht ohne. Landtischler haben hier die dickeren Hosen.

Hermes Phettberg ::: Der Phillishave

REKONVALESZENZ. Nach einem Schlaganfall war Österreichs berühmtester Talkmaster und Kolumnist monatelang ausser Gefecht. Was passiert ist und wie es Hermes Phettberg jetzt geht, berichtet Andrea Maria Dusl.

Für Falter 14/2007

FA-Phettberg-3.4.2007.jpgWenn man bei Hermes Phettberg aus dem Haus tritt und sich im Augenblick der Gehsteigberühung um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn dreht, kann man ohne gröberen Richtungswechsel geradewegs bis Reggio di Calabria wandern. Vor Hermes Phettbergs Haustüre in der Grabnergasse beginnt sozusagen der Weg nach Süden. Nach Süden wandte sich Hermes am 23. Oktober letzten Jahres, bei seinem, bis dahin ersten Gang auf ein Sozialamt.

Am Weg zum Amtshaus Margareten sah Hermes Phettberg, wie er sich erinnert, alles doppelt. Zwei Tage vorher hatte das Zwiegesicht begonnen, bei einem Happening in der Wiener Sargfabrik – Phettberg musste eine Stunde regungslos in einem Sarg liegen.

Auf dem Weg zum Sozialamt sah Phettberg vier Wienzeilen, zwei Ramperstorffergassen und zwei Schönbrunnerstrassen. Jeder Wagen, der aus dem Wiental kommend, Richtung Stadt raste, war doppelt vorhanden.

Phettberg hält es nachträglich und eingesichtig betrachtet für eines der Wunder seines Lebens, dass er unbeschädigt eines der beiden gesehenen Amtshäuser erreichte und dort eine der beiden Frau Stiefsöhne sprechen konnte, denen er dort begegnete. Frau Stiefsohn, von Phettbergs Zustand besorgt, alarmierte die Rettung, der Parteienverkehrer wurde ins Spital gebracht. Dort diagnostizierten Neurologen nichts weniger als einen Schlaganfall.

Vier Wochen verbrachte Hermes Phettberg im Wilhelminenspital. Genas langsam vom Doppeltsehen. Das Predigtdienen, wie Phettberg sein Kolumnieren im Falter nennt, war ihm indes nicht mehr möglich. Nach einem Monat kam Hermes wieder nach Hause, drehte einen Film mit Kurt Palm, seinem Dompteur aus Nette-Leit-Show-Zeiten. Thema des Films: Hermes Phettberg, Hauptdarsteller: Hermes Phettberg. Die Zerwürfnisse und Dispute der Jahre nach der Trennung Palms und Phettbergs von Couch und Tisch waren überwunden.

Auf die Frage, ob sich der Schlaganfall angekündigt habe, weiss der Phettberg Eindrückliches zu berichten. Schon ein Jahr vor der Apoplexie habe er Blitze gespürt, „de facto explodierte dabei jedes mal ein kleines Blutgefäß“. Es seien kleine explosionsartige Einschläge gewesen, Stiche. Kleine Schauer im Kopf. Im Jänner diesen Jahres, lange schon wieder zu Hause in seiner Wohnung in der Gumpendorfer Grabnergasse, muss in Phettbergs Gehirn ein zweites mal zu dickes Blut zu dünne Äderigen verstopft haben. Jedenfalls passierte etwas, was ihn in dreitägigen Schlaf warf, aus dem ihm erst das heftige Klopfen „der Frau Schweiger“ an der Eingangstüre erweckte. Die Erinnerungen an diese drei Tage sind ausgelöscht, zwei volle Gläser mit Urin seien, so Phettberg, detektivisch gesehen, ein Indiz dafür, das er die drei Tage nicht ausschließlich mit Schlaf zugebracht haben könne.

Kurt Palm suchte mit Hermes den Neurologen Dr. Wolf auf, der diagnostizierte nach einem EEG einen neuerlichen Schlaganfall und liess Phettberg mit der Rettung ins Kaiser-Franz-Josef-Spital führen. Dort wurde Hermes, wie er berichtet, am späten Abend “wegen Geheiltheit“ entlassen. Hermes hatte aber unglücklicherweise den Haustorschlüssel vergessen. Er fuhr palmlos wieder ins Spital, und verbrachte die Nacht in der Notunterkunft. Am Morgen fuhr er mit dem Taxi nach Hause. In die Wohnung gelangte er mit einem Ersatz -Schlüssel, den Palm mitgebracht hatte.

Auf Vermittlung von Kurt Palm, Armin Thurnher und Werner Vogt kam der König von Gumpendorf schliesslich für 6 Wochen in das Rehabilitationszentrum auf der Lassnitzhöhe nahe Graz.

Wir erinnern uns: Man muss sich vor Hermes Phettbergs Haustüre nur ein einziges mal nach links drehen, um geradewegs auf fast schnurgeraden Strassen Richtung Süden zu gelangen. Konstruierte man einen Auferstehungsmythos, wäre Phettberg nach seiner öffentlichen Einsargung schon am 23. Oktober automatisch in Richtung Genesung aufgebrochen.

Auf der Lassnitzhöhe absolvierte Phettberg einen minutiös geplanten Rehabilitationsplan aus Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Psychologie und Akupunktur. Sogar Joga und die Kunst des richtigen Atmens gehörten zum Wiederherstellungsparcour.

70 Kilo hat Phettberg in den letzten 12 Monaten abgenommen. Er passt in längst archivierte Hosen aus seinem persönlichen Jeans-Museum. Seltsamerweise, so Phettberg, sei der Gewichtsverlust kein Effekt der Apoplexie gewesen, sondern sei schon vorher eingetreten. Wiewohl das Spital zur Entschlackung beigetragen habe. Wochenlang habe er keinen Bissen hinuntergebracht. 14 Tage lang konnte Phettberg nur riechen an den Speisen.

Was seine Verdünnung ausgelöst habe? Phettberg hatte sich im letzten Jahr von enormen Mengen bedruckten Papiers getrennt. Im Augenblick des grössten Loslassens von gesammeltem Material habe ihn dann buchstäblich der Befreiungsschlag getroffen. Während der Rehabilitation habe aber ein anderes Phänomen Besitz von seiner Oberfläche ergriffen. Weil Phettberg wegen der Blutverdünnung das Rasieren mit Klingen nicht wagte, hatte er sich einen elektrischen Rasierapparat zugelegt. “Der macht was er will”, berichtet Hermes, “und egal wo man ihn hinführt, ober der Lippe lässt er die Stoppel stehen.” Phettberg trägt also, wiedergenesen und predigtdienstbereit, einen Schnurrbart. “Bitte nicht Schnurrbart zu schreiben. Nenne ihn den Phillishave!”

Es wird gebaut

Im Haus neben meinem wird gebaut. Gebaut. In der kleinen bescheidenen Wienerwelt ist das ein magischer Vorgang. Seitdem die Stadt im zweiten Weltkrieg von Bombenhageln zerschrammt wurde, hat das Bauen eine zweite Konnotation. Bauen muss nicht das Errichten neuer Gebäude bedeuten. Bauen in den engen Gassen der inneren Bezirke heisst: Wiederaufbau. Wohnungszusammenlegung. Kategorie-Upgrading. Mietrenditenmaximierung.

Nun sind zwar die Narben der Bombennächte längst mit den sauberen Fassaden der Fünfzigerjahre verputzt und mit den Kleinplattenbauten der Sechziger kaschiert, im Gedächtnis der Bewohner ist Wien aber noch immer die Trümmerstadt der späten Vierziger. Im Gedächtnis der Bewohner ist das Hämmern und Klopfen, das Knattern von Baumaschinen und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundung.

Lärm ist leiwand. Denn Lärm heisst Bauen. Und Bauen ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was verspachtelt, was niedergerissen. Das Geräusch fallender Ziegel, der Geruch eröffneter Keller, der Anblick frischer gegrabener Kineten erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht aufwärts. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf.

Tatsächlich bedeutet das Knattern von Baumaschinen nichts Gutes. Das Klingeln der Baugerüste kündigt Böses an. Teurer Wohnraum wird geschaffen. Wohnraum für Bobos. Linkswählende, gründenkende, wirtschaftsliberale Enddreissiger und Mittvierziger mit überkrusteten Katholikenseelen und bürgerlichen Herzklappen. Fretitagtaschenjunkies, die Kaiser Chiefs hören und Second Life spielen, Muqualiegen bewohnen und Zitronengras kauen.

Die Bobos, die die Wohnungen im Haus neben meinem beziehen werden, werden sich über frischverlegte Parketten freuen, fugendicht schliessende Fenster, wireless-LAN-Buchsen und sanft federnde Aufzüge. Sie werden bei den lesbischen Blumenhändlerinnen neben dem 1000-Sessel-Händler eingetopfte Farne kaufen und Bäume mit Feigen, Rosmarin und Salbeibüsche. Sie werden Karottenbrot bunkern und ungespritzte Limonen pressen und in fair getradetem Kupfergeschirr handgeschriebene Rezepte verkochen.

Bis im übernächsten Nachbarhaus der kleine Bagger einfahren wird. Ein Sechsachser aus dem Burgenland die Mulde kippen und zwei Mietarbeiter damit beginnen werden, das Nachbarhaus zu entkernen. Dann wird es knattern und rütteln. Dann wird der Kran singen und die kleine Schaufel des Zimmerbaggers unsere Bobos aus dem Futon heben.

Brav, werden die Omas mit den dackelgelähmten Dackeln sagen. Elender Proletenlärm! werden die Bobos schnauben und die Emailadresse der nächsten Polizeiwachstube googeln.

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Mein Hippie-Bäcker

Der Hugo-Wiener-Platz, gegenüber von meinem französischen Atelierfenster herbirgt nun schon einige Monate keine polnische Pizzeria mehr. Das Lokal ist waise und west vor sich hin. In der gut beleuchteten Telefonzelle vor dem Friseur hat das Werbebild von Heinz Conrads Strache einem von Franz Klammer Platz gemacht. Wofür Franz Klammer wirbt, sieht man von hier oben nicht. Schlecht gelaufen, würde der Werbeprofi sagen. Message versemmelt. Anwohner missen die Message. Und bloggen es bis Zeitland.

Semmeln selbst gibts dafür auch nächtens am Hugo-Wiener-Platz, gegenüber von meinem französischen Atelierfenster.

Mein Bäcker. Er trägt ein weisses, mehlstaubiges Unterhemd und eine mehlstaubige kurze Hose, die den Ausdruck Hot Pant nicht verachten würde. Mein Bäcker. Seine LSD-farbigen, nicht minder mehlstaubigen Haare werden von einem mehlstaubigen Zopf und einem mehlstaubigen Stirnband gebändigt. Mein Bäcker spricht breites Wienerisch und seine Nase hat den eleganten breiten Höcker, den auch Mundls Sohn Karli mit proletarischem Stolz trug.

Mag es zwölf sein oder drei, sieben oder elf, stets dampft und duftet, staubt und semmelt es in der Bäckerei. Durchs offene Bäckerfenster gibt es Milch und Salzstangerl, Marmelade und Eckerlkäse. Eine kleine Oase der Unversperrtheit, die mehlstaubige Bäckerei schräg gegenüber von meinem französischen Atelierfenster. Nur Nachmittags hat er zu, mein Bäcker. Wenn er schläft. Dann träumt er von San Francisco und Monterey, von Iron Butterfly und Canned Heat, von Grateful Dead, Steppenwolf und Zappa und den Mothers. Mehlgestaubt natürlich.

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