Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Hirten, Wiener Gauner und die Kleiderfrage

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 16/2014

Liebe Frau Andrea,

ich bin im Burgenländischen daheim - und Sie bewandert bis ins Indogermanische. Bei uns gibt es den Begriff “haitn“, sich “ohaitn“ (das “o“ lang gesprochen), a “Haita“ sein - im Sinne von sehr umtriebig und rege sein, aber auch sich plagen, sich verausgaben, einer sein, der sich um alles kümmert und alles erledigt, der nicht stillhalten kann. Ein zweites Wort ist “Tschunschal“ (kurzes “u“, kurzes “a“). Es bedeutet ganz schlecht gekleidet zu sein und unwürdig aufzutreten. Wo kommen diese wunderschönen Dialektausdrücke bloß her? Vielen Dank für Ihre Recherche!

Liebe Grüße,
Günter Karner, per NSA-Archivalie

Lieber Günter,

das Burgenland – burgenlandkroatisch Gradišće, ungarisch Felsőőrvidék, Őrvidék oder Lajtabánság – entstand 1921 aus Teilen der drei altungarischen, aber deutschsprachigen Komitate Moson (Wieselburg), Sopron (Ödenburg) und Vas (Eisenburg). Seinen Namen bekam das ehemalige “Deutsch-Westungarn” bekanntlicherweise von den drei Endungen auf “-burg” in den Bezeichnungen der erwähnten Komitate. Österreichs jüngstes Bundesland liegt an einer Sprachgrenze, die das Deutsche vom Ungarischen, und damit das Indoeuropäische vom Nichtindoeuropäischen trennt. Das kompliziert das Stochern in sprachgeschichtlichen Zusammenhängen. Der von Ihnen thematisierte Begriff “Haita” scheint der “Holda”, “Holta” zu sein, der Hirte. Auf der “Holt”, dem Weideplatz “holtet” er das Vieh, lässt es also weiden. Eine anstrengende und verantwortungsvolle Tätigkeit, die sich als Bezeichnung für einen verlässlichen Menschen bis in die Wiener Gaunersprache durchgeschlagen hat, wo der “Hoida” der Kumpel, der Freund, der Kollege ist, der dichthält, auf den man “halten kann”. Vor allem gegenüber der “He”, der “Höh”, der Obrigkeit. In großer Entfernung dazu hält sich das Wort “Tschunschal“ auf. Es kommt mit großer Wahrscheinlichkeit vom ungarischen “csúnya” (etwa “dschunnja”, “tschunnjå” ausgesprochen) und bedeutet “garstig”, “hässlich”, “schäbig”, “unansehnlich”, “unschön”, “aus der Form geraten zu sein”. “Csúnyaság” (ausgesprochen “dschunnjaschag”) ist die Häßlichkeit, die Unansehnlichkeit und Ungestalt. Ein Hoida der nicht hält, wäre nach diesem Sprachgebrauch – zumindest menschlich betrachtet - ziemlich tschunschal. www.comandantina.com dusl@falter.at

14. April 2014 (0) Comments

Die Leiden des jungen Erdem. War Goethe Türke?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 15/2014

Liebe Frau Andrea,

ein verschwörungstheoretisch unbeeindruckbarer Freund hat mir letztens erzählt, dass Johann Wolfgang von Goethe türkischer Abstammung gwesen sei. Das kann ja wohl nicht mit (R)echten Dingen zugehen. Ist was dran an der seltsamen Sage?
 
Güneş Karabulut, per NSA-Archivalie

Lieber Güneş,

ein Seitenstrang der Goetheforschung beschäftigt sich (wissenschaftlich durchaus lauter) mit der genealogischen Abstammung des deutschen Dichterfürsten. Mögen auch die Motive für diese Forschung weitgehend im Dunkel bleiben, liegen doch Ergebnisse vor, die spekulativ genützt werden können. Nach Ansicht der Erforscher des Stammbaums vom Herrn Geheimrat hatte dieser zumindest einen türkischen Vorfahren. Über seine Urgroßmutter mütterlicherseits, Elisabeth Katharina Seip (1680-1759), stammt Jowo Goethe von einem gewissen Heinrich Soldan ab, Mitte des 15. Jahrhunderts Bürgermeister des hessischen Städtchens Frankenberg. Die (noch heute blühende) Familie Soldan sieht als ihren Stammvater Johann Soldan an, Oberst in Diensten des Grafen von Württemberg. Das türkische daran? Johann Soldan (1270-1328) gilt als der erste urkundlich nachweisbare Türke in Deuschland. Mehmet Sadık Selim Sultan (auch: Sadok Seli Soltan) war türkischer Offizier. Er geriet während eines Kreuzzuges in Gefangenschaft des besagten Grafen und wurde aufgrund seiner Tapferkeit von seinem neuen Dienstherrn zum Oberst ernannt und nach Deutschland verschleppt. 1304 heiratete Soltan Rebecka Dohlerin, erst ein Jahr später wurde er in der Johanniskirche in Brackenheim christlich getauft, bei welcher Gelegenheit er den Namen Johann Soldan annahm. Trotz der ausgedünnten genetischen Komponente in Goethes Türkentum wird der Dichter, Freimaurer und Weltenwanderer von Partitionen der türkischendeutschen Community als Protagonist frühen Deutschtürkentums vorgeschlagen. Nahrung erfährt das Projekt einer friedfertige Konjunktion von Islam und Deutschem Wald durch Goethes 1819 publizierte Gedichtsammlung “West-östlicher Divan”. Das Werk gilt als Hommage und poetisches Zwiegespräch mit dem persischen Dichter Ḫāǧe Šams ad-Dīn Moḥammad Ḥāfeẓ-e Šīrāzī, kurz Hafis genannt. Über Länder, Religionen und Jahrhunderte hinweg kommunzieren hier westliche und orientalische Denkkunst. Alhamdulillah! Size iyi günler dileri! www.comandantina.com dusl@falter.at

7. April 2014 (0) Comments

Das Mittel aller Mittel

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 14/2014


Liebe Frau Andrea,

in einem Buch, dessen Titel ich vergessen habe, wird eine mittelalterliche Allheilmedizin erwähnt, deren Namen ich vergessen habe. Seit Jahren zermartere ich mein Hirn. Angeblich (meine Freundin behauptet dies) kommt es sogar in einem Mickymausheft vor. Ich bin verzweifelt. Jede Suche war bisher vergebens. Was könnte das sein?
 
Albin Steinberger, per NSA-Archivalie

Lieber Albin,

das Aufspüren verschollener Gedächtnisinhalte Unbekannter gehört zu den schwierigsten Übungen, denen sich diese Kolumne unterwerfen kann. In vorliegendem Fall dürfen wir jedoch zuversichtlich sein, Licht ins Dunkel ihrer Verzweiflung zu bringen. Beim Zaubermittel, dessen Namen Ihnen entfallen ist (und dem Dagobert Duck im Lustigen Taschenbuch Nr. 33 nachjagt) dürfte es sich um Theriak handeln. Die Arznei wurde schon in der Antike zusammengemischt und galt ursprünglich als Gegengift gegen Schlangenbisse. Ein möglicher Ursprung seines Namens kommt von einer seiner wirkmächtigsten Zutaten. Im Persischen und Turkmenischen bezeichntete Teriak oder Theriaak die aus dem Mohn gewonnene Substanz Opium. Eine andere Etymologie leitet Theriak vom griechischen Wort therion, wildes Tier ab. Die Zusammensetzung des Mittels wurde schon in der Antike immer komplizierter, bereits Galen beschreibt eine Rezeptur mit 70 Zutaten. Kaiser Nero suchte sich mit Theriak vor Giftanschlägen zu immunisieren, im Mittelalter wollte man mit der “Himmelsarznei” gar Syphilis, Cholera und Pest behandeln. Die bedeutendste Fabrikation für Theriak befand sich in Venedig. Die Zubereitung des Venezianischen Theriac wurde mit großem Pomp als öffentliche, mehrtägige Zeremonie in Anwesenheit höchster Autoritäten begangen. Die Pharmacopoea Germanica zitiert noch 1882 eine Rezeptur für Theriak: Man nehme 1 Teil Opium, 3 Teile spanischen Wein, 6 Teile Angelikawurzel, 4 Teile Virginenhohlwurzel, 2 Teile Baldrianwurzel, 2 Teile Meerzwiebel, 2 Teile Zitwerwurzel, 9 Teile Zimt, 1 Teil Kardamom, 1 Teil Myrrhe, 1 Teil Eisenvitriol sowie 72 (!) Teile Honig. Falls sie von Privatmischkulanzen und dem harmlosen Theriak-Abkömmling Schwedenbitter Abstand nehmen möchten, empfähle sich Theriak für Arme. In ruralen Kreisen galt er seit jeher als Allheilmittel: Der “Bauerntheriak” Knoblauch. www.comandantina.com dusl@falter.at

31. März 2014 (0) Comments

Badezimmergeruch aus der Hölle

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 13/2014

Liebe Frau Andrea,

mein Freund und ich sind verzweifelt. Seit einiger Zeit plagt uns ein, naja wie sage ich es, bestialischer Geruch im Badezimmer. Er hat nichts mit unseren Hygienestandards zu tun, weil wir beide pingelige Sauberkeitsfanatiker sind. Selbst wenn das Badezimmer leergeräumt und frisch geputzt ist, taucht der Geruch auf. Allerdings nicht immer. Wir sind verzweifelt. Gibt es bei uns Gestankspuk?
 
Nina Koritschona, per NSA-Archivalie

Liebe Nina,

Im Lichte der von Ihnen geschilderten Umstände ist an Fäulnis aus herumliegenden Kleiderresten oder modernden Abfällen aus der Haushaltsgastronomie nicht zu denken. Auch Misthaufen, Jauchegruben und Senkgruben sind seltene Orte in der Stadt. Als Geruchsquelle von Pestilenzhauch in modernen Zweipersonenhaushalten muss vorrangig an die Waschmaschine gedacht werden. Meist steht diese, den Anschlüssen geschuldet, im Badezimmer. In der Regel wird die Waschmaschine junger Paare von diesen selbst aufgestellt. Schwer ist das Anschliessen nicht. Der Frischwasserschlauch wird an den dafür vorgesehenen Hahn geschraubt, Strom kommt aus der Steckdose und der Abwasserschlauch wird mit einem, etwas dickeren Stutzen verbunden, der in unittelbarer Nähe des Waschmaschinenwasserhahns aus der Wand rangt. Die Gewinde von Zuwasser- und Abwasser-Anschlüssen haben unterschiedliche Dimensionen, falsch kann man eigentlich nichts machen. Ein fataler Irrtum! Sehr oft hat der Anschluss, mit dem wir den den Abwascherschlauch der Waschmaschine verbinden, wandseitig keinen Geruchsabschluss. Fäulnisgeruch aus der Kanalisation kann ungehindert austreten. Einmal angeschlossen verbreitet sich der Übelhauch über die Waschmaschine. In bitterer Konsequenz dessen nimmt feuchte Wäsche in der Maschine nach dem Waschen Gestank an und beginnt ekelerregend zu riechen. Abhilfe im Geruchsdilemma schafft nur eine einfache, aber weitreichende Massnahme. Der Abwasserschlauch muss ein “S” bilden. “S” wie Syphon. Mit Schnur oder Kabelbinder gebunden, muss der Abwasserschlauch auf Höhe des Anschlusses in der Wand zwei etwa handgrosse permanente Schlaufen bilden - eine nach oben und eine nach unten. In diesem Syphon steht nun immer frisches Wasser aus dem letzten Schleudervorgang, das die Maschine von bösen Gerüchen abtrennt. www.comandantina.com dusl@falter.at

23. März 2014 (0) Comments

Zellophanismus und Menschenwürde

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 12/2014

Liebe Frau Andrea,

dass Ihre Kolumne erhebliche Umwälzungen des Geschehens am Erdenball bewirkt, ist allseits bekannt. Unser Diskurs in Falter 03/2008 hinsichtlich der falschen Einreihung von Wurstradln in Bezug auf die Öffnungsrichtung der Abdeckfolie führte bekanntlich zum radikalen Umdenken in der Plastikverpackungsindustrie. Nicht gelöst ist ein anderes Problem. Der CD-DVD-Hüllenverschweißungserfinder wurde immer noch nicht auf einem Baum aufgeknüpft.
 
Josef Schneider, per NSA-Archivalie

Lieber Josef,

für Ihren Wunsch hätten Sie vor dem 13. Juli 1954 nach Zürich reisen müssen, um den Schweizer Chemiker und Textilingenieur Jacques Edwin Brandenberger noch vor seinem Ableben aufzusuchen. Brandenberger, der jüngste promovierte Chemiker der Schweiz hatte 1900 bei einem Restaurantbesuch Rotwein auf dem Tischtuch verschüttet. In Folge des Missgeschicks entwickelte er den festen und überaus eidgenössischen Wunsch, Tischtextilien zu erfinden, auf denen Malheure mit Flüssigkeiten folgenlos blieben. Brandenberger scheiterte zwar in Bezug auf seinen ursprünglichen Erfindewunsch, hatte aber nach mehr als 10 Jahren Forschung mit einem Spin-off der Tischtuchdichtmacherei ein viel besseres Produkt entwickelt: Cellulosehydrat oder Zellglas. Aus der Bezeichnung für den natürlichen Rohstoff Zellulose und dem griechischen Wort diaphan (durchsichtig) setzte Brandenberger den Markennamen seiner Erfindung zusammen: Cellophane - Zellophan. 1923 holte Brandenbergers Firma La Cellophane S.A. den Chemieriesen Du Pont ins Joint-Venture-Boot, um den US-Markt mit durchsichtigen Verpackungsfolien zu fluten. Der steinreiche Brandenberger wurde noch steinreicher. Bis in die 50erjahre war Zellophan der Verpackungsrenner. Noch heute werden Kekse, Zuckerl und Zigaretten in Zellophan verpackt. Und CDs. Als Verpackungsmaterial für Silberscheibenschachteln hat das schwer einreissbare Zellophan, anders als bei Büchern, wegen seiner Falzbarkeit Dauer-Konjunktur - in Schrumpffolien verschweisste CDs lassen sich wegen der unregelmässigen Wülste an den Schrumpfnähten nicht gut stehend präsentieren. Fragen des menschenwürdigen Öffnens von Tonträgern sind der Musikindustrie kein Anliegen. Fassen wir zusammen: Wer hat’s erfunden? Die Schweizer. www.comandantina.com dusl@falter.at

17. März 2014 (0) Comments

Aus einer studentischen Mitschrift, 17.11.1967:
Walter Benjamins Brille durch die von Adorno gesehen

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Für Ernst Strouhal.
Gezeichnet 1994, erschienen im Falter.

15. März 2014 (0) Comments

Das Burgtheater

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Für meine Doppel-Kolumne im Heftteil 'Freizeit' der Salzburger Nachrichten vom 15.3.2014

Der wichtigste Posten, der in Österreich bekleidet werden kann, ist der des Burgtheaterdirektors. Vergessen wir den Bundespräsidenten der Republik, den Bundeskanzler, Vizekanzler, das Präsidium des Nationalrats. Auch die Säckelwartschaft im Finanzministerium, die Zeichnungsberechtigung im Rechnungshof oder die romgeschuldete Kardinalswürde. Kein Vergleich. Alles Tinnef und von niedrigem Rang. Denn nichts ist höher gestellt, nichts wichtiger und nichts von größerem Glanz umstrahlt als die Chefsesselinhabung des Burgtheaters. Viele der Amtsträger am Deutschen Nationaltheater (so heißt die Bude am Ring unter Eingeweihten) haben das erkannt, Claus Peymann hat es ausgesprochen, aber es bedurfte eines Matthias Hartmann, um dieser Erkenntnis glanzvoll Raum zu geben. Das Burgtheater, die Wirkungsstätte des primus inter artifices, des Ersten unter den Künstlern, leitet seine Wichtigkeit aus dem habsburgischen Gottesgnadentum ab. War doch des Erzhauses größter Spaß neben dem Heiraten das Musizieren und in Krönung beider Disziplinen das Schauspiel. In konsequenter Fortsetzung gab es im Staat keinen Höheren als jenen, der den Kaiser und seinen Hofstaat belustigen und erbauen durfte. Seit es keinen Kaiser mehr gibt, ist der Burgtheaterdirektor der Höchste, der Herrscher über jegliches Spiel. Der Fürst der Sprache, der König der Gesten, der Imperator aller Texte. Alles unter dem Burgtheater ist Subkultur, Proletenspiel, billige Schmiere. Gedankenhoheit aber verführt zu Cäsarenwahn. Lang hat Matthias Hartmann (viele hielten ihn wegen der gespielten Bescheidenheit und dem Faible für Bargeld für einen Schweizer) den Verlockungen der Hybris widerstanden. Aber worin bestand der Hochmut des Matthias Hartmann? War er nicht dem Amt geschuldet? Ist theaterkönigliche Eitelkeit nicht Grundpfeiler des Anforderungsprofils? Wie auch fürstlicher Habitus und Großzügigkeit in der Administration der Kasse? Gewiss. Der Obersthofspielleiter wurde auch nicht wegen schnöselhafter Malefikation oder künstlerischer Unpässlichkeit gestanzt, sondern wegen Weinerlichkeit und Textunsicherheit. Dies steht dem höchsten Amtsträger des Sprachraums nicht zu Gesicht. Der Abgang Hartmanns war unausweichlich.

©Andrea Maria Dusl

15. März 2014 (0) Comments

Pumperlgsund und zappenduster

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 11/2014

Liebe Frau Andrea,

wieder Arbeit für Sie: Wir hatten in der Gedächtnisübungstunde Eigenschaftswörter finden sollen, die man durch das Vorsetzen eines Hauptwortes verstärkt, z.B. lammfromm, himmelblau, kerngesund, usw.  Als alte waschechte Wienerin fiel mir ’pumperlgsund’ ein. Was bedeutet dieses ‘pumperl’ und von wo kommt es? Dann kamen wir auch auf das sehr teutsche Wort ‘zappenduster’. Woher kommt das Zappen? 

Liebe Grüße,
Gertrude Ackermann, per NSA-Archivalie

Liebe Gertrude,

auf den ersten Blick verbirgt sich hinter ‘pumperlgsund’, jene offensichtliche und fühlbare Befindlichkeit des Körpers, die dem von Ihnen bereits erwähnten Adjektiv ‘kerngesund’ entspricht. Die Sprachgeschichte wäre demnach schnell aufgezeigt: Das Diminuitiv ‘Pumperl’ (eigentlich ‘Bumpal’) kommt von der ‘Bumpn’, der Pumpe, dem wienerischen Synonym für das Herz – ‘gsund’ erklärt sich von selbst. Pumperlgsund ist also, wessen Herz richtig schlägt. So einfach ist es nun nicht. Das urwienerische Bumpal ist nämlich nicht nur das pumpernde, pumpende, pochende Herz des Menschen sondern bezeichnet auch etwas Dickes, Rundes. “Des Madl is a blads Bumpal” würde jenseits des Weisswurstäquators bedeuten, dass “das Mädchen ein dickes Pummelchen” sei. Damit nicht genug, verstehen die alten Wiener unter Bumpal auch noch das weibliche Genital und unter dem sehr ähnlich klingenden Bumpara (auch Buffm) die Pistole. Das Wort Pumpe kommt vom mittelniederländischen ‘pompe’ und dieses, seemännisch akquiriert, vom spanisch-portugiesischen ‘bomba’, der Schiffspumpe. Zu brav? Wie so oft verbirgt sich auch im Falle von ‘pumperl’ noch eine tiefere, gaunersprachliche Herkunftsschicht. Im Rotwelschen ist der Pump das Geborgte, ‘pumpen’, ‘anpumpen’, bedeutet dort das Stechen, Anstechen. Demnach wäre pumperlgsund jemand, der oder die noch erfolgreich angeschnorrt, beziehungsweise lohnend zum Liebesakt verführt werden könnte. Zappenduster, wir kommen zu Ihrer zweiten Frage, klingt nur für hiesige Ohren sehr deutsch. Duster ist leicht als düster, dunkel indentifizierbar, das Eigenschaftswort ‘zappen’ jedoch kommt über das Rotwelsche aus dem westjiddischen, wo ‘zofon’, ‘zophon’ die Mitternacht bezeichnet. Pumperlzappen! www.comandantina.com dusl@falter.at

10. März 2014 (0) Comments

24 Stunden ohne alles

Für Der Standard ALBUM vom 8. März 2014

Offline gehen: Unsere Autorin Andrea Maria Dusl hat es gewagt und beschreibt ihr freiwilliges Blackout. (Der Standard)

11.27 Ich beschließe, es jetzt zu machen, ohne Vorbereitung. Mein freiwilliges Blackout wird 24 Stunden dauern und alle Sorten des Onlineseins betreffen. E-Mail, Twitter, Gesichtsbuch, das Internet. Den Strom abzuschalten und damit eine sehr unmittelbare, existenzielle Form des Onlineseins zu kappen, verbiete ich mir dann doch. Im Tiefkühlfach liegen Sachen. Der Strom bleibt an.

11.37 Ich kann nicht mehr zurück. Lächerlich, denke ich mir, was ich da mache. Lächerlich allerdings auch, das lächerlich zu finden. Beim Stichwort "lächerlich" denke an die Standard-Kommentar-Trolle und dass ich sie 24 Stunden lang nicht lesen werde. Wieso fallen mir jetzt diese Dolme ein? Gehen sie mir schon ab?

11.44 In 16 Minuten beginnt das Mittagsjournal. Radio. Aber halt. Ich habe kein Radiogerät. Ich höre Radio übers Handy. Online. Geht also nicht. Werde ich Radio über Telekabel hören. Die haben Radiokanäle. Nochmal halt. Telekabel ist Online. Die Mutter allen Onlineseins. Wo ist das Radio? Mein kleines süßes ITT-Schaub-Lorenz-Retro-Radiogerät? Auf dem Land. Warum ist es auf dem Land? Weil ich dort kein Internet habe. Weil dort ein Handy-Funkloch klafft. Ich könnte mich in den Wagen setzen, denke ich, und dort Radio hören. Das gute alte Kurzwellenradio. Im Sinne meines Selbstversuchs wäre ich dabei offline. Soll ich das machen? Ich könnte. Wo sollte ich hinfahren? Ins Funkhaus. Dorthin, wo das Radio gemacht wird. Auf dem Weg könnte ich Radio hören. In der Radiokantine einen Tee trinken, dabei das Mittagsjournal hören (die werden ja Radio haben) und so das Offlinegebot umgehen. Gute Idee. Geht aber nicht. Ich müsste einen Handyparkschein lösen. Das wäre ein Onlinevorgang. Wäre es nicht, denkt es in mir, die Handypark-App kommuniziert per SMS. Das ginge. Telefonieren ist erlaubt. Telefonieren ist Oldschool.

11.57 Ich bin in die Falle gelaufen. Habe aufs Twitter-Icon geklickt. Ohne mir dessen bewusst zu sein. Beim zweiten Tweet erst bemerkt, dass ich Tweets lese. He! Das geht nicht, sage ich mir, Du musst auch deine Automatismen abschalten. Ich drehe das Mailprogramm ab. Und den Browser. Ich merke, dass mir dazu die Begriffe fehlen. Was heißt abdrehen? Heißt das so? Wer dreht das Internet ab? Man schaltet den Rechner aus. Niemand schaltet das Internet ab. Am iPhone bin ich weiterhin online. Nada. Ich darf nicht. Ich schalte das Handy offline. Absurd.

12.06 Das Handy läutet. Ich zucke zusammen. Darf ich rangehen? Ich muss tatsächlich überlegen. Ist Handyfonie eine Onlineaktivität? Läuft das Gespräch übers Netz? Nein. Ich hebe ab. Puh.

13.28 Ich lebe noch. Soll man wissen, da draußen.

15.03 Habe zwei Telefonate geführt. Sie dauerten länger als sonst. Ich war nicht abgelenkt. Ich hatte Zeit fürs Telefonieren. Falls in der Welt was Entscheidendes passiert, wird man mich anrufen. Ist es so schlimm um mich bestellt? Kann ich keine drei Stunden ohne Information leben?

15.14 Auf dem Weg zur Kaffeemaschine habe ich gedankenlos den Computer aus dem Schlaf gerissen. Wollte offenbar sehen, ob neue Mails reingekommen sind. Einem Automatismus folgend, an dem das "Ich" als Instanz nicht beteiligt war. Nicht "ich" wollte sehen, ob neue Mails hereingekommen sind, "etwas in mir" wollte das. Ich erinnere mich daran, wie das war, als ich zu rauchen aufgehört habe. Da war der Griff zur Zigarettenschachtel auch so ein Automatismus, der mir erst durch das Fehlen der erforderlichen Objekte bewusst wurde. Ist "Onlinesein" eine Sucht? Sind Nachrichten ein Kick? Egal welche? Mails, Tweets, Facebook-Statusmeldungen? Standard-Onlineforum-Trolltrottelpostings? Geht es hier um Sucht?

15.19 Ich fühle, mehr Zeit zu haben. Paradox. Es ist auch ruhiger im Atelier. Es ist wie Urlaub. Nein, besser. Im Urlaub war ich online.

15.28 Schon wieder automatisiert zum Computer gegangen, um "nachzusehen" . Es gibt nichts nachzusehen. Ich werde spazieren gehen. Die Sonne scheint.

16.17 Im Stadtbefindlichkeitsblatt lese ich einen Artikel über einen Fahrradhändler, der Räder mit dicken Reifen verkauft. Leider steht nirgends die Adresse. Normal würde ich jetzt "Fette Bikes Simmering" googeln und mehr wissen. Aber jetzt ist nicht normal. Jetzt ist offline.

16.18 Vielleicht hat mir jemand gemailt. (Oder sagt man e-gemailt?) Ich schwanke zwischen sicher und sehr sicher. Vielleicht würde ich aber nur auf den üblichen Spam treffen. Vermisse ich jetzt den Spam auch schon? Ja, ich vermisse auch den Spam.

16.22 Ich habe viel zu viel Zeit. Ich könnte jetzt spazieren gehen. Ich muss nichts in Erfahrung bringen. Vielleicht ist unterwegs die eine oder andere Schlagzeile aufzufangen. Was macht die Ukraine? Was macht die Laura-geht-nach-Stanford-Debatte? Was gibt es Neues? Mir fällt Heinz Conrads ein. Und das ist gut so.

17.28 Um halb sieben kommt meine Freundin Ulli. Wir müssen das Drehbuch durchgehen. Die Fassungen stimmen nicht überein. Ich habe keine Kohle im Haus für den Chinesen. Für dann, wenn wir Hunger haben. Darf ich zum Bankomaten gehen? Ist ein Bankomat online? Ich entscheide: Der Bankomat hängt an einer Art Telefonnetz. Egal woran er wirklich hängt. Telefonieren ist erlaubt, sage ich mir, also ist auch der Bankomat erlaubt. Vielleicht gibt es unterwegs Neuigkeiten.

18.36 Zurück vom Bankomaten. Mit meiner Freundin Karin telefoniert. "Was, E-Mail auch?", "E-Mail auch!" war der Sukkus unseres Gesprächs. Meine Erkenntnis: Andere haben andere Vorstellungen vom Netz. Im Postkastel (dem realen, unten im Erdgeschoß des Wohnhauses) lag ein Brief. Unfrankiert, an mich gerichtet, mit einem Logo versehen: Wiener Netze. Im Kuvert eine einfache Botschaft: Ich möge doch bitte den Zählerstand von "Strom" und "Gas" ablesen und in die jeweils danebenstehenden "Kästchen" eintragen. Strom, Gas, die Wiener Netze. Ich bin froh, dass die Netze nicht zum Netz gehören. Zumindest nicht im Sinne dieser Geschichte hier. Duschen wäre dann mal heute nicht. Schreiben nur mit Bleistift und Papier. Im Lichte einer Kerze. Ich habe keine Kerzen. Sind zu Weihnachten abgebrannt.

23.30 Freundin Ulli ist gegangen. Den Chinesen konnten wir mit dem Handy erreichen. Fast war ich stolz: Ullis Handy ist nicht internetfähig. Die Zeit verging im Flug. Einmal hätte ich was im Internet nachschauen wollen. Das hat dann Ulli von ihrem iPad aus gemacht. Ich versuchte, nicht zuzuschauen. Mein Über-Ich überfiel mich dennoch mit einer Ladung schlechten Gewissens. Hätte mir vor zwanzig Jahren jemand aus der Glaskugel vorlesen sollen: "Ich sehe, du schämst dich, weil deine Freundin neben dir ins Internet einsteigt." "Bitte was?", hätte ich gesagt.

00.18 Ich habe keine Lust auf Netz. Ich habe vergessen, dass es Internet gibt. Vergessen, was E-Mails sind. Twitter? Zuckerberg? Google? Im warmen Bettchen werde ich ein Buch lesen. Ein gutes altes Buch. Ich könnte auch fernsehen. Nein. Könnte ich nicht. Fernsehen kommt aus dem Kabel. Kabel ist Online. Borgen könnte ich schauen, auf DVD, die dritte Sendung der zweiten Staffel. Es gibt ein Leben jenseits des Internets. Der Computer fühlt sich irgendwie sauberer an. Ja doch, sauberer. Wie wird das morgen früh sein? Ohne Netz? Ich habe seit zehn Jahren nicht offline gefrühstückt. Panik.

00.34 Die Zeit steht still. So fühlte sich Lemberg an, als ich 1903 dort war. Alles still. Sogar die Droschkenpferde schliefen.

01.26 In Borgen (die Fernsehserie über Politiker und Nachrichtenmacher) hängen alle im Internet herum. Alle wissen alles. Niemand ist glücklich.

09.32 Erstmal das Mailprogramm wegklicken (es fährt ja automatisch hoch), und den Browser. Ich verspüre die Versuchung nachzusehen, wie viele ungelesene Mails auf mich warten. Was sich in der Welt tut, das interessiert mich momentan Nüsse. Das E-Mail-Programm hat sich aufgehängt. Meinetwegen? Meinetwegen.

09.41 Erste Hochrechnung der Gefühle: Ich habe Zeit wie Heu. Alles riecht besser. Die Welt um mich existiert. Mein Rechner fühlt sich wie ein Werkzeug an und nicht wie eine Spielhalle.

11.13 Einen Berg Geschirr abgewaschen. Vom Gefühl wie Surfen. Dreckige Töpfe putzen ist viel befriedigender als das Löschen des Spams. Mir geht also nichts ab.

11.27 Ich war jetzt 24 Stunden offline. Sollte ich was versäumt haben, so fehlt es mir zumindest nicht. Ich könnte jetzt wieder online gehen. Könnte ich. Es eilt nicht. Die Sonne scheint.

Andrea Maria Dusl, Album, DER STANDARD, 8./9.3.2014

9. März 2014 (0) Comments

Krim - Krieg

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Für meine Doppel-Kolumne im Heftteil 'Freizeit' der Salzburger Nachrichten vom 8.3.2014

Die Ereignisse überschlagen sich, können wir lesen und dabei feststellen, dass sich vor allem die Schlagzeilen überschlagen. Putin überfalle die Ukraine, heißt es, er marschiere in die Krim ein, breche Völkerrecht, internationale Verträge und überhaupt die guten Sitten slawischen Miteinanders. Die Demokratie in der Ukraine (eben noch ein Schurkenstaat) werde mit Füßen getreten. Im Schatten des olympischen Feuers habe Putin heimtückisch den Krieg vorbereitet.

Holla! Feurio! Oida! Österreichs Blogs und Blätter erleben eine Hochzeit politischer Expertisen. Im Fernsehen treten Putinologen auf, Maidan-Veteranen und Ukraine-Kenner aller Kaliber. Mit dem Zirkel werden Europakarten vermessen, Flugstunden verglichen und Handelsbeziehungen untersucht. Eine These will verfestigt werden: Wir sind Ukraine. Kiew geht uns alle an.

Und erst die Invasion in die Krim! Kriminell, wie schon das Wort verrät. Erst fällt die Halbinsel im Schwarzen Meer, morgen ist Salzburg an der Reihe, dann Kitzbühel und Sankt Anton. Ihre Wohnungen und Villen haben sie schon da, die Russen, jetzt kommen dann die Panzer. Da wird uns auch der Karli Schranz nicht helfen können. Was zu Zeiten des Kalten Kriegs der Kremlastrologe war, ist dieser Tage der Kenner der Putin’schen Seele.

Putin habe den Zusammenbruch der Sowjetunion als Urkatastrophe seines Lebens empfunden, sagen die einen, als Kind habe er in einer zu kleinen Wohnung wohnen müssen, wissen die anderen. Der nervenzerrüttende Anblick einer rettungslos in die Ecke getriebenen Ratte habe sich als Lebensmotiv manifestiert. So wolle er nie werden, berichten die Experten aus Putins Innerstem. Wo aber waren die Putinologen, als der emeritierte Boxchampion Klitschko zum Oppositionskönig ausgerufen wurde, wo, als die Auferstehung der rollstuhlfahrenden Zopfkrone Timoschenko stattfand? Was dachten sie, als die Kiewer Übergangsregierung den ukrainischen Russen den Gebrauch ihrer Muttersprache verbot?

Prabo Kottan, riefen sie, endlich hat’s mal wer dem Brutalinski Putin so richtig gezeigt! Davon erholt der sich nicht mehr.

Aja.

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©Andrea Maria Dusl

8. März 2014 (0) Comments

Pennäler pennen in der Penne

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 10/2014

Liebe Frau Andrea,

war es ein Sonntagnachmittagsfilm mit Peter Alexander, war es ein Mickymausheft, war es ein Erinnerungsflash aus den 7oerjahren, ich weiß es nicht, aber plötzlich kam mir neulich das Wort ‘Penne’ in den Sinn. Das ist doch pieffkinesisch für Schule. Wieso heißt die so?

Vielen Dank und liebe Grüße,
Günther Traun, per NSA-Archivalie

Lieber Günther,

obwohl schon die Begriffe ‘Sonntagnachmittagsfilm’, ‘Peter Alexander’ und ‘Mickymausheft’ für die Schüler-Generation ‘SMS-Daumen’ schwer erklärungsbedürftig wären, wollen wir uns heute ausschliesslich mit deren Vorläufern, den Pennälern beschäftigen. Das Wort Pennäler hat einen angestaubten und weitgehend bundesdeutschen Klang und bezeichnet(e) bei unseren nördlichen Nachbarn den meist männlichen Gymnasiasten. Pennäler hießen so nach dem Pennale, der Federbüchse der Lateinschule, woraus im 15. Jahrhundert das uns geläufige Pennal entlehnt wurde. Das lateinische Wort penna (englisch pen) bezeichnet bekanntlich die Feder des Vogels und in Folge die daraus gefertigte Schreibfeder. Der Alterskohorte ‘Vierteltelefon’ ist das Täschchen für das schulische Schreibwerkzeug noch als Federpennal bekannt. (An der Koppelung der Synonyme Feder und Penna(l) lässt sich zudem die Migration dieses Begriffs aus dem lateinkundigen Gymnsasium in die Volksschule ablesen.) Ursprünglich waren mit dem Ausdruck Pennäler nicht die Mittelschüler gemeint, sondern scherzhaft und in leicht spöttischer Weise die Universitäts-Studenten der ersten Semester, die, so der Spott der älteren Komilitonen, alle Vorlesungen nachschrieben, und dafür stets ihr Schreibzeug bei sich führten. Die verkürzende Eindeutschung Penne für ‘höhere Schule’ geht nur scheinbar auf das lateinische Wort für Feder und die daraus abgeleiteten Begriffe zurück. Penne (älter Benne oder Bonne) kommt vermutlich vom hebräischen binjan, Bau, Gebäude, und bezeichnet im Rotwelschen die Kneipe, schlechte Herberge und Schlafstelle. Die ‘stille Penne’, das Gefängnis oder Zuchthaus kommt hingegen vom romasprachlichem štilepen, Gefängnis. Vom jiddischen pannai, müßig, und dieses von hebräisch penai, freie Zeit, Zeit der Muße kommt das, gerne in Verbindung mit der Schule gebrachte Synonym für das Schlafen, das schöne Verb 'pennen'. Gähn! www.comandantina.com dusl@falter.at

3. März 2014 (0) Comments

Frühling

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Für meine Doppel-Kolumne im Heftteil 'Freizeit' der Salzburger Nachrichten vom 1.3.2014

Der Frühling, auch Lenz genannt, hat uns heuer mit überaus frühem Eintreten überrascht. Kaum hatte der Winter Platz genommen im kalendarischen Geschehen, war er auch schon vorüber. Die närrische Zeit, üblicherweise von klirrender Kälte begleitet, geht forsch-warm in die Schanigartenzeit über. Ostern werden wir zu schwitzen beginnen, ab Mai werden uns afrikanische Temperaturen überfallen, die das Wasser der Swimmingpools verdunsten lassen und die Felder in Staubwüsten verwandeln. Das Wetter macht, was es will, die Frage aber bleibt: Was will das Wetter? Die einen meinen, es wolle uns sagen, mit dem Planeten ginge es bergab, Treibhausgase und Luftverpestung führten zu Klimaerwärmung, Eisschmelze und dem Anstieg des Meeresspiegels. Die anderen verweisen auf dicke Jahresringe in Baumriesen, winken mit Themsenilpferdknochen und behaupten das Gegenteil. Dass alles schon mal ziemlich kalifornisch war in unseren Breiten. Ja, bald werde am Wörthersee wieder Wein gekeltert.

Der Frühling, darauf verweist schon sein Name, ist früh dran, und es sollte uns eher wundern, dass uns das wundert. Der März galt in römischen Zeiten nicht nur als Vegetationsbeginn, sondern auch als Kriegsmonat, benannt nach Mars, dem Gott des Schlachtengemetzels. Weil sich die Römer nicht ganz sicher waren, was für sie wichtiger war, die Landwirtschaft oder der Krieg, konstruierten sie einen botanischen Ursprung für Mars. Der römische Dichter Ovid erzählt von der jungfräulichen Geburt des Mars durch Juno. Um das Gleichgewicht zwischen ihr und ihrem Gatten Jupiter in Fragen der Mütterlichkeit wiederherzustellen – Jupiter hatte Mamafreuden insofern an sich gerissen, als er Minerva direkt aus seiner Stirn geboren hatte – konsultierte Juno die Göttin Flora (heute würde man sagen: eine Spezialistin außerhalb der Schulmedizin) und bat um Rat. Flora besorgte sich eine magische Blume und testete diese an einer Kuh, welche daraufhin fruchtbar wurde. Um nun Juno den Kinderwunsch zu erfüllen, pflückte sie eine weitere Zauberblume, und zwar rituell, mit dem Daumen, berührte mit dieser Junos Bauch und schwängerte sie solcherart. Zur Geburt von Baby Mars zog Juno nach Thrakien an die Gestade des Marmarameers. Ganz schön Hippie, diese Frühlingsgötter!

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©Andrea Maria Dusl

1. März 2014 (0) Comments

Blutgasse und Heilige Hallen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 09/2014

Liebe Frau Andrea,

manchmal denke ich, die Wiener neigen besonders zu Rache und Revanche. Zum Beispiel, wenn ich höre: Der kommt no' in mei Gass'n. In welche Gasse, bitte schön? In die Blutgasse, die es ja in Wien wirklich gibt? Andererseits kennt man in den von Sarastro besungenen heil'gen Hallen die Rache nicht. Kann man ausschließen, dass die in Wien sind?

Mit besten Grüßen,
Ihr Mirko Burijan, per NSA-Archivalie

Lieber Mirko,

Wolfgang Amadeus Mozart und Emanuel Schikaneder, Komponist und Librettist der 1791 erstaufgeführten Zauberflöte haben in Figuren und Plot der Oper freimaurerisch-aufklärerische Motive verarbeitet. Die masonische Forschung interpretiert Mozarts letzte Oper als Kampf zwischen Licht (Aufklärung) und Finsternis (selbstverschuldete Unmündigkeit) und ortet die Identität des Lichtspenders Sarastro im damaligen geistigen Haupt der Wiener Freimaurer, dem Mineralogen Geologen und josephinischen Hofrat Freiherrn Ignaz von Born. Sarastro, Vertreter edelsten Menschentums, und seine Priester sind die Vorkämpfer von Weisheit, Schönheit und Stärke gegenüber dem von der Königin der Nacht personifizierten Reich der Finsternis und des Aberglaubens. Mozart hatte in der Wiener Loge “Zur neugekrönten Hoffnung” Emanuel Schikaneder, den späteren Autor des Librettos kennengelernt. Auch der deutsche Tänzer, Schauspieler, Jurist, Polarforscher und Mineraloge Karl Ludwig Giesecke, von dem Anregungen zum Textbuch stammten, gehörte Mozarts Loge an. Bei den Heiligen Hallen, in denen es keine Rache gäbe, wie Sarastro in der berühmten Arie singt, ist wohl an den Tempel der Freimaurer zu denken, beziehungsweise an seine Vorhallen und Begleiträume. Vorbild für diesen architektionisch-spirituellen Raum ist der Tempel Salomons. Sarastros Heilige Hallen dürfen im Sinne Ihrer Fragen (zumindest von mozartinisch-schikanederesker Seite) in Wien verortetet werden, wenngleich die masonische Forschung von einer baldigen lokalen Eintrübung der postulierten Idealverhältnisse berichtet. Auch die Gasse, in der ein Übelwicht sprichwortgemäß irgendwann komme, darf in Wien verortet werden. Nicht notwendigerweise muss es die Blutgasse sein. Mittlerweile stehen auch Aufgeklärten subtilere Methoden der Rache zur Verfügung. Literatur etwa. www.comandantina.com dusl@falter.at

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27.2.2014

Liebe Frau Andrea,
verehrte Comandantina!

Ihre Ausführungen zu Sarastros heil'gen Hallen habe ich wie immer mit Genuss und Belehrung gelesen.
Ein Einwurf allerdings zur "Gassn", in die jemand noch kommen werde: Als bekennender Bildungsbürger habe ich den starken Verdacht, dass dieser Ausdruck auf das legendäre Zitat aus dem "Wilhelm Tell" zurückgehen könnte, nach dem "kein andrer Weg nach Küßnacht" führt.
Nicht denkbar?

Mit freundlichen Grüßen

Christian Goldstern

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1.3.2014

Lieber Kollege Goldstern,

vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis!
Sehr leicht möglich, dass hier Schillers Stück
entscheidenden sprachlichen Einfluss ausgeübt hat!

Beste Grüße,
Andrea Maria Dusl

24. Februar 2014 (0) Comments

Gefinkelt übers Finkeln sprechen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 08/2014

Liebe Frau Andrea,

neulich ist mir ein Wörtchen zart über die Lippen gerutscht, welches des öfteren da und dort zu lesen und zu vernehmen und dessen Ursprung man vorschnell in der Tierwelt vermuten würde. Agieren Finken gar so gefinkelt, dass die gefiederten Freunde gar Pate standen für dieses Wörtchen?

Die Antwort mit Vorfreude erwartend und im Voraus dankend,
Christoph Reicher, per NSA-Archivalie

Lieber Christoph,

die großen etymologischen Wörterbucher der deutschen Sprache sehen eine deutliche Verbindung zwischen den singenden Kornbeissern und den Herren der Schöpfung. Obwohl der Wortursprung des Vogels mit großer Wahrscheinlichkeit in der Nachahmung des Rufs desselben liegt, soll Fink, Pink, Bink aus dem Rotwelschen, der Gaunersprache stammen und aus Pink, der Bezeichnung für das männliche Glied übertragen worden sein. Seine Bedeutung spannt sich zwischen dem feinen Pinkel und dem Pinkeln auf - Pink heißt im Ostfriesischen und Niederländischen nicht nur der kleine Finger (pinkie im Englischen) sondern übertragen auch der Penis. Im Wienerischen bedeutete finkeln (wohl eher verwandt mit funkeln) das Glätten eines hölzernen Werkstücks auf der Drehbank. Mit dem Gefinkeltsein im Sinne Ihrer Frage hat das allerdings nichts zu tun. Dieses kommt weder vom Singvogel noch von Finger oder Glied, und auch nicht von glattgedrechselten Tischbeinen, sondern vom jenischen Wort finkeln, soviel wie kochen. In der Sprache der Fahrenden und Eingeweihten – jenisch kommt von romani džin, wissen - gibt es einen ganzen Katalog an Finkeleien. Finkelei ist im Jenischen die Küche, Finkeleifinchen das Küchengeschirr, Finkeljochem der Branntwein, Finkelkaffer der Hexenmeister, Kartenschlager, Schwarzkünstler und Zauberer, Finkelmosch die Hexe und Wahrsagerin. Gefinkelt wäre also passend mit ausgekocht zu übersetzen. In urspünglicher Konsequenz dürfte aber auch das jenische finkeln von den Fingern kommen, jenen Instrumenten, mit denen gekocht, gezaubert und kartengelegt wird. www.comandantina.com dusl@falter.at

17. Februar 2014 (0) Comments

Elefantenhaus, Wien Graben, 1740

Elefantenhaus Wien 1740.JPG

16. Februar 2014 (0) Comments

Ausgeschweizt

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Für meine Doppelkolumne in der Wochenendausgabe der Salzburger Nachrichten vom 17.02.2014.

Wenn man die Schweizer beleidigen möchte, bringt man die seicht-witzige Frage in Stellung, was denn deren größte kulturelle Errungenschaft sei. Die Kuckucksuhr, will dann geantwortet werden. Und nicht einmal das. Die Verschärfung des Insults besteht nämlich in der Zusatzbemerkung, dass dieser Befund nur eine urbane Legende sei, denn die Schweizer hätten die Kuckucksuhr gar nicht erfunden, die Schwaben seien es gewesen. Seit jeher gibt es ein gespanntes Verhältnis zwischen Österreichern und Schweizern. Die einen haben es den anderen nicht vergeben, dass sie die Habsburger des Landes verwiesen, die anderen den einen nicht, dass sie diese mit offenen Armen empfangen haben. Statt malevolentem Feudalismus und imperialem Absolutismus haben die Schweizer Eidgenossenschaft und Basisdemokratie etabliert. Auf diesem Gebiet kann Österreich nur die freiwillige Feuerwehr erfolgreich ins Treffen führen. Der Blick der Österreicher auf die Schweizer ist seit jeher von Seufzern begleitet. Die Helvetier stellen die Leibgarde des Papstes, haben die höheren Berge, die spektakulärere Landschaft, die mondäneren Skiorte und die fetteren Banken. Im Schatten dieser Erfolge gedeihen Witze wie der, wonach der Wiener Zentralfriedhof halb so groß sei wie Zürich, aber doppelt so lustig. Geschenkt. Jetzt haben die Schweizer schon wieder ganz ordentlich geschweizt. Angestachelt von der rechtskonservativen Volkspartei haben die Eidgenossen über den Zuzug von Ausländern – in populistischer Lesart: gegen Masseneinwanderung – abgestimmt und damit faktisch ihre Bande zur Europäischen Union gekappt. Schweiz den Schweizern lautet die Botschaft des (überdies äußerst knapp ausgegangenen) Volksentscheids. Bedenken, die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz betreffend, können zerstreut werden. Großkontoinhaber und Geldkofferboten werden weiterhin die Flugzeuge nach Züri besteigen, um nicht schweizerisches Geld in Schweizer Tresore zu bringen. Bravo Schweiz, applaudiert die Zahntechnikerpartei und verkennt dabei die Tatsache, dass es vor allem saisonierende Österreicher und Deutsche sind, gegen deren Unterwanderung sich die Schweizer stemmen. Grüezi, drei Bierli!

15. Februar 2014 (0) Comments

Wem was z’fleiß mochn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 07/2014

Liebe Frau Andrea,

gesprochen fiel es mir noch nie so auf, aber unlängst kam mein Schreiben - mit dieser neumodischen Verschiebung des Schwerpunkts der Kommunikationskultur ins Schriftliche - plötzlich zum "z’fleiß", "zu Fleiß“ oder“ zu fleiß“ machen. Ein so sprechender wie häufig umgesetzter Begriff. Aber? Woher kommt diese Verquickung von etwas so positiv Konnotierten wie Fleiß
mit der Boshaftigkeit des Jemandem absichtsvoll etwas zuwider tuns? Einer Äußerung Ihres geschätzten Wissens entgegensehend,

mit Dank und Gruß,

Ama Stern, per NSA-Archivalie

Liebe Ama,

jemandem etwas zu Fleiß zu tun (wienerisch: wem was z’fleiß mochn) hat bekanntlich die Bedeutung, jemand bewusst, böswillig und mit vorsätzlicher Akribie zu schaden. Die Wendung hat ein Epizentrum in Wien und verliert sich rasch in der nieder- und oberösterreichischen Provinz. Schon in Bayern wird nicht z’Fleiß geschadet, sondern mit Fleiß. Auch der Gebrauch des Dativs, mit dem auf den Schadensnießer des Fleißes verwiesen wird, scheint ein Wiener Spezfikum zu sein. Der Terminus gilt außerhalb der Donaumetropole als weitgehend veraltet. Keinen brauchbaren Hinweis auf seine Entstehung liefert uns das Wort Fleiß. Das mittelhochdeutsche vliz, althochdeutsche fliz kommt von einem erschlossenen westgermanischen Wort *flita, *fleita und bezeichnet den Streit, die Anstrengung – jüngere Verwandtschaft erkennen wir im Beflissenen und im Geflissentlichen. Aber zurück in die Laborräume des Weltuntergangs, in die Stadt der honigsüßen Niedertracht. Dass man jemand schaden kann, in dem man fleissig ist, sich also in Ausübung einer Tugend absichtlichen zur Unbill eines anderen aufwerfen kann, verweist auf beamtliche Tätigkeit in der Reichshauptstadt. Jahrhunderte der notariellen Übung und der Aktenschriftstellerei waren im vormärzlichen Kanzleiabsolutismus kulminiert. Die byzantinische Fingerfertigkeit der Perfidie stand im Überwachungsstaat des Fürsten Clemens Wenzel von Metternich in Hochblüte. Im Zentrum unserer Betrachtungen darf also auch der bureauinterne Aspekt des Zfleißmachens stehen. Schädigt in Kanzleifragen doch der Übereifer des Einzelnen das verwalterische Kollektiv. www.comandantina.com dusl@falter.at

10. Februar 2014 (0) Comments

Winterglück

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Für meine Doppelkolumne in der Wochenendausgabe der Salzburger Nachrichten vom 07.02.2014.

Das Wetter spielt verrückt. Ein Zeugnis dieses Befunds ist der Ausdruck Wetterkapriole. Das Meteorologengezeter gilt nicht nur der beispiellosen Temperatur, dem Rekordtief oder dem Jahrhunderthochwasser, schon das Eintreten einer Wetteränderung wird neuerdings von medialem Geschrei begleitet. Jüngster Anlass für die Positionierung der Vokabel Wetterkapriole lieferte tagelanger, unablässiger Schneefall. Schnee fiel auf Dächer, auf die Landschaft, ja auf die Straßen! Die Wetterredaktionen legten Schneeketten an, setzten den Katastrophenhelm auf und begaben sich „vor Ort“. In den Schneefall. Direkt hinein. Von unwirklichem Licht angestrahlt, hauchten bibbernde Reporter in die Mikros, dass es, man ahnte es, dass es – schneite. Überall schneite es, um den ganzen Reporter und bis weit hinter ihn. Man sah es deutlich. Selbst wenn man nicht aus dem Fenster sah, sah man deutlich: Es schneite. Heftig. Hier und dort und überall. Besonders in den Tälern. (Von den Bergen wagte man nicht zu sprechen). Eine abermalige Wetterkapriole, ganz klar. Zeit, sich das Wort anzusehen. Was das Wetter ist, wissen wir, das Wetter ist alles, was draußen ist und im Wetterbericht Widerhall findet. Was aber ist eine Kapriole?

Auskunft gibt uns der Stallmeister Ludwigs XIV., François Robichon de la Guérinière. In seinem epochalen Pferdeschulwerk „École de Cavalerie“, 1783 erschienen, schreibt der Hippologe und Erfinder des noch heute gültigen korrekten Sitz des Reiters: „Die Capriole ist der höchste und vollkommenste von allen Sprüngen. Wenn das Pferd mit Vor- und Hinterhand gleich hoch in der Luft ist, so streicht es stark hinten aus, und die Hinterschenkel sind in diesem Augenblick nahe beisammen und es streckt sie so viel als möglich aus.“ Wie vieles, worin wir uns nicht auskennen, kommt auch der Ausdruck Kapriole aus dem Italienischen. Dort bezeichnet „capriola“, abgeleitet von capro, dem Bock, den Bocksprung und (gymnastisch etwas unsauber) den menschlichen Purzelbaum.

Beunruhigung ist dennoch nicht angezeigt. Sowohl das bockspringende Pferd als auch der purzelbäumende Mensch kommen schnell und sicher wieder in ihre Ausgangsposition.

7. Februar 2014 (0) Comments

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