Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Evil Weapons

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25. August 2015

Ist Muttermilch vegan?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 35/2015

Liebe Frau Andrea,

dürfen die Babys veganer Eltern eigentlich Muttermilch trinken? Was meinen Sie?

Herzlich!
Regina Danek, per Email
 

Liebe Regina,

für die Beantwortung Ihrer Frage ist meine Meinung völlig unerheblich. Ginge es nach mir, wäre Pudding verboten, Dille gälte als verfemtes Kraut, Aniskonsum als Kulturverfehlung und für das Zubereiten von Leber forderte ich gesellschaftliche Ächtung. Auch geht es nicht um ein Dürfen. Vegane und vegetarische Diätvorschriften sind weitgehend privater Natur und unterliegen der Selbstunterwerfung durch mündige und freie Erwachsene. Was aber verlangen diese Vorschriften von der sie befolgenden Community oder - etwas milder ausgedrückt - in welchen Grenzen bewegen sich diese Ernährungsideen? Unter Vegetarismus verstehen wir jene Lebensweise, bei der neben Nahrungsmitteln pflanzlichen Ursprungs nur die Produkte lebender Tiere verzehrt werden, also Eier, Milchprodukte und Honig. Ovo-Vegetarier essen Eier von Vögeln und anderen Tieren (Kaviar etwa) nur dann, wenn sie nicht befruchtet sind, keinen lebendigen Organismus enthalten und folglich beim Verzehr kein (höheres) Lebewesen aus dem Tierreich getötet wird. Einer noch strengeren ethischen Disziplinierung unterwirft sich der Veganismus. Dieser praktiziert eine Ernährungs-, ja Lebensphilosophie, die Produkte tierischen Ursprungs generell ablehnt. Dabei geht es im Kern um die Vermeidung von Tierleid durch Tötung, Zucht und Ausbeutung. Der Begriff “vegan” wurde 1944 vom englischen Pazifisten, Tierfreund und Komplettabstinenzler Donald Watson (1910 - 2005) im Rahmen der Etablierung der “Vegan Society” geprägt. Die Abkürzung gilt Veganismushistorikern als Wortneuschöpfung aus “veg”etari”an”, weil - so die flapsige Etymologie - Veganismus mit Vegetarismus beginne und diesen zu seinem logischen Ende führe. Verschärfte Logik dieser Art bringen die Frutarier in Stellung. Sie streben eine Ernährung durch pflanzliche Produkte an, die ohne Beschädigung oder Tod der Pflanze auskommen: Fallobst, Laub und verwaiste Samen also. Keine ethischen Konflikte bereitet Hardcore-Veganern indes das Stillen mit Muttermilch. Werden dabei doch nach gängigem Verständnis Tiere weder ausgebeutet, noch getötet. Auch Blowjobs gelten daher als vegan.www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

23. August 2015

Gute und böse Flüchtlinge

Ich habe nachgedacht, warum so viele Menschen in Österreich Aversionen und Ressentiments gegen die Asylsuchende aus Syrien hegen. Und warum die politische Agitation der FPÖ (und die Untätigkeit der Regierungsparteien) auf relativ breite Zustimmung in der Bevölkerung treffen.

In der familiären Erinnerung der meisten Österreicher ist Krieg gleichbedeutend mit Generalmobilmachung. Kein Mann im "waffenfähigen" Alter entkam der Nazi-Kriegsmaschinerie - egal ob freiwillig oder unfreiwillig. In der Erinnerung der Österreicher ist der kriegsflüchtige junge Mann aber niemals ein "guter Mann". Entweder ist er Desserteur, Feind, oder politisch/rassistisch Verfolgter. In der damaligen Ideologie (sie hallt nach) waren das Verbrecher. Waren das "hiesige", waren es Fahnenflüchtige, Kameradenschweine, "Judenpack", "Zigeunergesindel". Den "guten" Flüchtling sah man erst im Rückkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, und in den Vertriebenen aus den Sudentengebieten (zumeist Frauen, Kinder und Alte, wenig jungen Männer allerdings). Weil der Großteil der syrischen und afghanische, tschetschenische und pakistanische Flüchtlinge von jungen Männern gestellt wird, werden diese alten Reflexe der hasserfüllten Ablehnung mobilisiert.

Ungarn- noch Tschechoslowakeiflüchtlinge waren in der Wahrnehmung der Österreicher keine Kriegsflüchtlinge und damit relativ willkommen. Strache (sein Großvater war Sudetenflüchtling) gehört nicht zufällig einer willkommenen Grupppe an. Er nimmt sich genealogisch als Vertriebener wahr. Als Guter also.

Zusammengefasst: Es ist der junge männliche Zivilist, den die rechten Österreicher als "böse" wahrnehmen.

22. August 2015

Böse Waffen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 22.8.2015.

“Würden Wahlen etwas ändern, wären sie verboten!” Das griffige Zitat wird gerne Kurt Tucholsky zugeschrieben oder Mark Twain oder einem anderen Aphorismenschnitzer. Mit größerer Wahrscheinlichkeit stammt der demokratiepessimistische Spruch aber von der US-amerikanischen Anarchistin, Frauenrechtlerin und Aktivistin Emma Goldman (1869 - 1940). Kritiker herrschender Verhältnisse immunisieren ihre allfällige Wahlmüdigkeiten gerne mit der Floskel. Wenn sie nicht überhaupt der Befindlichkeit Raum geben, dass keine Partei und niemand von den Kandidierenden wählbar sei, und die kleineren Übel eigentlich die grösseren seien. Beweglichere unter den Verweigerern werfen zur Linderung ihrer Ohnmachtsgefühle regelmässig ungültige Stimmzettel ein. Sie tragen damit immerhin zur Wahlbeteiligung bei.

Der Rest des Volkes ist mittlerweile zu seiner Mehrheit angewachsen. Es sind die Bestrafer. Im sicheren Bewußtsein, im Alltag umfassend und nachhaltig chancenlos zu sein, benützen diese Leute ihren Stimmzettel als Waffe. Die eine Hälfte feuert dabei in die eigenen Reihen, die andere wählt Zahnmeister Bumsti oder einen ähnlichen Brandredner aus Nehmerkreisen. Eine offenherzige Wutbürgerin hat Inhalt und Perspektive dieser Bewegung erst neulich in einem Facebook-Statement auf den Punkt gebracht: Sie wähle, so die Stimme aus dem Volk, lieber eine korrupte inländerfreundliche Partei als eine korrupte inländerfeindliche Partei.

Dass hier die traditionellen Konzepte politisch sauberer Argumentation versagen müssen, hat die Think Tanks zwar als Erkenntnis erreicht, aber noch nicht als Botschaft verlasssen. Die schmutzige Arbeit verrichten ohnedies die Demoskopie-Bordelle. Hier lassen sich Spins jeder Art in Zahlen darstellen. Wahlen werden nicht an der Urne gewonnen, sondern mit der richtigen Umfrage. Auch Medien spielen dabei ihr Spiel: Sie drucken, so das Resumee, lieber eine falsche auflagensteigernde Umfrage ab, als eine falsche auflagensenkende. Faîtes votre jeu!

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 22.8.2015.

22. August 2015

Kanzlerfest aka Sommerfest

Lieber Werner Faymann,

vielen Dank für die Einladung zum Kanzlerfest aka Sommerfest der SPÖ. Sehr nett, daß Deine Leute mich da auf eine Liste mit anderen Wichtigtuern gesetzt haben. Zur Sache. Ich will nicht kommen. Ich könnte. Aber ich will nicht. Ich kann nicht über Parkwege stolzieren und Hors-d'oeuvre von Silbertabletts naschen, und Smalltalk über Kunst und Kultur führen, wenn in Traiskirchen Menschen auf der Erde schlafen müssen, ihre Kinder auf eben dieser Erde zur Welt bringen müssen, wenn sie sich um Essen und Trinken so lange anstellen müssen, wie das verdammte Kanzlerfest dauern wird. Wenn Ärzten der Zugang zu Patienten verwehrt wird. Kann sein, dass ich jetzt nie wieder zu irgendeinem Kanzlerfest eingeladen werde (zum Kanzlerfest von Strache würde ich gewiss nicht eingeladen werden). Wenn das der Preis dafür ist, dass nie wieder Menschen am Boden schlafen müssen in Österreich, wäre das ein schöner Preis. (Mein Niewiedereingeladenwerden. Nicht die Kanzlerschaft des Kickltoys.) Also, habt es nicht schön dort, liebe Freunde. Und hoffentlich seid Ihr nicht viele. Heute.

Mit freundschaftlichen Grüßen, Deine Andrea Maria Dusl, Sozialdemokratin, Leopoldstadt.

21. August 2015

Hoch sollst du leben

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2015

Liebe Frau Andrea,

seit wann werden Geburtstage eigentlich allgemein mit Glückwünschen, Geschenken und Gebäck zelebriert? Also nicht "Kaisers Geburtstag" als öffentliche Huldigung durch das Volk - sondern private Geburtstage? Wurden die auch vom Floristenverband erfunden wie der Valentinstag oder von Krawatten-Fabrikanten wie der Vatertag? Von Tortenbäckern gar?

Neugierig,
Ihr Armin Wolf,
von unterwegs gesendet
 

Lieber Armin,

ich darf Sie beruhigen, hinter der Idee der Geburtstagsfeier steckt keine Professionistengruppe. Statistisch gesehen finden Geburtstage an fast allen Tagen des Jahres statt - mit einer auffälligen Häufung in der zweiten September-Hälfte. Dafür gibt es einen Grund. Neun Monate zuvor, während der kuscheligen Weihnachtsferien, werden die meisten Kinder gezeugt. Umgekehrt haben signifikant weniger Menschen an gesetzlichen Feiertagen Geburtstag. Das liegt vor allem an der Geburtenpolitik der Krankenhäuser. Für die September-Geburstägler extra eine Marketingoffensive zu fahren, ist der Industrie bisher noch nicht eingefallen. Immerhin zehn Prozent Zuwachs im Torten- und Geschenkesegment würden die statistischen Daten für die Septembermitte erwarten lassen. Erfunden haben das Geburtstagsfest je nach Betrachtungszeitraum und hermeneutischer Ideologie die ägyptischen Gottkönige, die längerdienenden unter den römischen Kaisern, die Senatorenfamilien und der europäische Hochadel. Das gesamte Mittelalter indes stand der Compleanno weitgehend im Schatten des Geburtstages aller Geburtstage, der jährlichen Wiederkehr der Niederkunft Mariens mit dem Gottessohn. Weihnachten ist der Obergeburtstag. Im Zuge des Aufkommens bürgerlichen Selbstbewusstseins sickerte das Feiern von Geburtstagen dann langsam nach unten. Je protestantischer die Herkunft, desto wahrscheinlicher wurde das Feiern des individuellen Wiegenfestes. Katholische Länder hielten lange Zeit den Namenstag für das wichtigere Jahresfest. Für die verlässliche Infektion der Bevölkerung mit den zentralen Brauchtumsingredienzien Gesang, Geschenk und kerzenbeleuchteter Torte sorgen die Kindergärten in unseren Breiten. Hier werden auch erste Erfahrungen im Kerzenausblasen und Kronetragen gemacht. Eine alte ägyptische Kulturtechnik also. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

15. August 2015

Das Boot ist voll

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Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 8.8.2015.

Würden in dem Lager Hunde auf diese Weise gehalten, ein Aufschrei ginge durch Österreich. Die Erregung wäre groß, müßten kleine süße Welpen im Freien schlafen - in brütender Hitze und im kalten Regen. "Tierquälerei!" würden die Hundefreunde schreien, "Bestien!", "Unmenschen!". Und recht hätten sie. Im Lager von dem wir sprechen sind aber keine geängstigten Hunde zusammengepfercht und keine süssen Welpen, sondern Menschen. Frauen, Männer, Kinder, Babys. Manche alleine, ohne Eltern.

Wer sich ohne die Gnade der frühen Ankunft im Lager Traiskirchen aufhält, wer also nicht in überfüllten Zimmern, Sälen, Gängen nächtigen kann, muss im Freien schlafen. Auf dem Rasen, auf dem Asphalt der Wege. Das muß man sich vorstellen. Das eben erst gerettete Leben auf dem nackten Erdboden zu verbringen. Dies ist weit entfernt von unseren Erfahrungen mit der Planetennarbe - vom Erlebnis eines Picknicks auf gepflegtem Rasen etwa. Vom überschaubaren Abenteuer, das frischgewaschene Handtuch im Park auszubreiten, oder im Sand, am Urlaubsstrand.

Kein Dach über dem Kopf zu haben, ist das schiere Erlebnis, kein Mensch mehr zu sein. Ist der Verlust jeder Würde, jeder Privatheit. Der Verlust? Das Beraubtsein jeder Würde. Leben ohne Dach über dem Kopf bedeutet ein Menschsein unter elementaren Bedürfnissen. Elementar im Wortsinne. Ausgeliefert der Suche nach Schatten, nach Geborgenheit vor Wind, nach Schutz vor Regen. Von hygienischen Bedürfnissen ganz zu schweigen.

Wer dies Menschen antut, macht sich schuldig. Wer dies andere gewähren lässt, macht sich mitschuldig. Die Gründe, kein Dach über dem Kopf zu gewähren, in einem der reichsten Länder dieses Planeten, sind sattsam bekannt. Kein einziger Grund kann halten angesichts dieser Situationen. Kein Gesetz, keine Angst, kein Hinsichtl, kein Rücksichtl, keine Befindlichkeit rechtfertigt es, Menschen solches anzutun.

Das Boot ist voll, sagen die Gemeinden, die Bürgermeister, die Landeshauptleute. Es gibt mehr als ein Boot, muss das Herz sagen.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 8.8.2015.

9. August 2015

Don’t feed the troll

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 33/2015

Geschätzte Comandantina!

Die Beendigung elektronischer Kommunikation bereitet vielen Menschen Probleme. Auf ein letztes Dankesmail wird neuerlich geantwortet, was wiederum zu einem weiteren Rückmail führt und so weiter. Nicht anders beim SMSen. Warum gibt es hier kein “Roger and over!“ wie beim Funken, damit endlich klar ist: So, das war’s! Keine weitere Mail oder SMS notwendig! Gefürchtete Comandantina, bitte, werden Sie Ihrem Titel gerecht und befehlen Sie endlich mehr Disziplin beim elektrischen Kommunizieren! Und aus!
 
Untertänigst
Josef Dollinger, Wien 7


Lieber Josef,

wie Sie erkennen, habe ich Ihren Wunsch nach Kommunikationsbeendigung nicht entsprochen. Aber auch im Anderfalle gälte die Erkenntnis der Axiome, die Paul Watzlawick, Janet Beavin-Bavelas und Don Jackson 1967 im Rahmen ihrer Kommunikationstheorie “Some Tentative Axioms of Communication” entwarfen. Der Satz ist weithin bekannt und lautet: “Man kann nicht nicht kommunizieren!“ Es geht also um Methoden der Verknappung und Disziplinierung. Dahin zielt ja Ihr Appell an mein Tauromachianym “Comandantina”. Dieses ist aber ein weitgehend ironisches Konstrukt. Im Rahmen seiner Anwendung, die mit den Werten der Gleichheit, Geschwisterlichkeit und Freiheit einhergeht, verbieten sich Wendungen wie “befehlen”, “fürchten” und “Untertänigst”. Davon bitte ich also abzusehen. In der Sache selbst gibt es wenig mehr als meine Zustimmung. Ja, die elektronische Kommunikation verlangt nach Regeln. In Nerdheim gilt die Handlungsanweisung “don’t feed the troll”. Die Funkerkürzel “Out” (I have finished talking to you and do not expect a reply) und “Roger” (I have received all of the last transmission) wären brauchbare Vokabel für kommunikatorische Befindlichkeiten, nicht jedoch das von Ihnen vorgeschlagene “Over” (I have finished talking and I am listening for your reply”. Dieses würde den Dialog weiter befeuern. Ich schlage subtileres Vorgehen vor. Antworten Sie in mathematisch hyperbolischer Form: Immer nur halb oder ein Drittel so lang wie ihre eigene vorhergegangene Botschaft. Dabei können jegliche Formen des Respekts und der Höflichkeit eingehalten werden. Als letztes Mail darf ein schlichtes “Danke” oder das Rufezeichen reichen: !
www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

6. August 2015

Du bist gebenedeit unter den Frauen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2015

Liebe Frau Andrea,

trotz katholischer Erziehung kann ich mir nicht erklären, warum bei Hochzeiten so oft das "Ave Maria" gesungen wird. Was hat denn diese jungfräuliche Jüdin, deren Sohn nicht dem Samen ihres Verlobten entspriessen wird, mit dem katholischen Sakrament zu tun, dessen einziger Zweck es ist, ehelich gezeugte Kinder in die Welt zu setzen? Für klärende Worte wäre ich dankbarst.

Ganz altmodisch per E-Mail,
Christian Goldstern (was dem Aufmerksamen auch unlogisch klingen mag)


Lieber Christian,

die sachkundigen Instanzen der katholischen Kirche sind gar nicht glücklich über den galoppierenden Einsatz von Ave-Marias bei Vermählungen. Die bekannteste Version wird Johann Sebastian Bach zugeschrieben. Tatsächlich liegen die Dinge komplexer, stammt doch besagte Vertonung von Charles Gounod, der das erste Präludium aus Bachs Wohltemperiertem Klavier unter Einschub mehrerer zusätzlicher Takte mit einer berührenden Singstimme versah und als Text das lateinische Grundgebet der katholischen Kirche, das ‘Ave Maria’ - unser ‘Gegrüßet seist du, Maria’ - verwendete. Zur jüdischen Mame gesellt sich in dieser Anrufung auch noch ein semitischer Zuruf: “Ave” (eigentlich "Hawe") stammt aus dem Phönizischen und heisst “Lebe!” Als wäre dies der Verwirrungen noch nicht genug, zirkuliert noch ein anderes Ave Maria durch die Vermählungsfeiern - von manchen wird es gar für das gleiche Lied gehalten. Es handelt sich dabei um das 1825 von Franz Schubert komponierte Lied ‘Ellens dritter Gesang’ (D 839, op. 52 Nr. 6) aus dem Liederzyklus ‘Das Fräulein vom See’. Das oft als ‘Schuberts Ave Maria’ bezeichnete Stück basiert auf Walter Scotts Gedicht ‘Lady of the Lake’ und hat mit der Gottesmutterhuldigung nur den Texanfang und Refrain gemein. Dies führte zu häufiger Verwendung des Lieds als Hochzeitshymne. Pfarrer bestehen meist auf dem lateinische Text des Ave-Maria-Gebets, die Schubertversion ist vielen Priestern zu profan: "Ave Maria! Jungfrau mild / Erhöre einer Jungfrau Flehen / Aus diesem Felsen starr und wild / Soll mein Gebet zu dir hinwehen. / Wir schlafen sicher bis zum Morgen, / Ob Menschen noch so grausam sind. / O Jungfrau, sieh der Jungfrau Sorgen, / O Mutter, hör ein bittend Kind! /Ave Maria!” www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

2. August 2015

Es war heiß

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 1.8.2015.
 
Temperaturen gelten als sichere Refugien der Individualität. Was die eine für kalt hält, treibt dem anderern schon den Schweiss ins Gesicht. Auch in der Bewertung geistiger und künstlerischer Vorgänge greifen wir gerne zu Metaphern aus der Wärmewelt. Kants Geisteskunst ist für die einen kühl und klar wie ein Königsberger Oktoberlüftchen, für die anderen malte Leonardo wärmste Chiaroscuri, temperiert von toskanischer Maienmilde. Der hitzige Heissporn Caravaggio hielt sich werkkonform im fiebrigen Rom und im gleissenden Messina auf. Kälte, Kühle, Wärme und Hitze werden im Universum der Talente nicht in Gut und Böse aufgespalten.

Anders nehmen wir die Rolle der Temperatur in der Nationenkritik wahr. Hier gibt es ein drastisches Bewertungsgefälle zugunsten der Kälte. Skandinavier und Holländer gelten ethnopsychologisch als kühl und kalkulierend, also grundgut, Deutsche und Schweizer als idealtemperiert und damit besser. Bei Franzosen und Österreichern (und den temperaturdepressiven Slawen) schmelzen die Tugenden ökonomischen Handelns, während der Südländer Lebensumstände - brütende Sonne und heisse Winde - klares Denken und klugen Handelns gänzlich behindern. In dieser Beziehungen dienen Grieche und Griechin als ultimative Projektionsfläche für Vorurteile. Die Hellenen gelten als temperaturbeschädigt. In extremer Lesart, sprich in deutscher, heißt das: Faul und unberechenbar, hinterlistig und dröge, unvorbereitet und nachlässig. Hausaufgaben? Oxi.

Der Primat der Kälte geht gewiss mit der Heroisierung des Kühlschranks einher. Sie macht vergessen, dass die Menschheit und ihre grossen Kulturleistungen auf Wärme, ja Gluthitze gebaut sind. Kein Kochen ohne Feuer, kein Brennen von Ziegel und Keramik, kein Schmieden ohne die Hitze der Esse. Ja, schon, aber! In griechischer Hitze leidet das Denken. Die Inspiration. Ach ja? Was wohl Homer dazu gesagt hätte? Was Platon, Pythagoras und Ptolemäus? Was Euklid, Eratosthenes und Euripides? Was Sokrates, Sophokles und Sapho? Und was Aristophanes, Archimedes und Aristoteles?

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 1.8.2015.

1. August 2015

Zwischendurch dies:

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31. Juli 2015

Trick 17. Endlich gelöst

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2015

Liebe Frau Andrea,

vor kurzem habe ich unseren Sohn mit dem Sprichwort “Das ist Trick 17“ konfrontiert. Er hat natürlich sofort nachgefragt, warum das nun nicht "Trick eins" hieße. Nun ist gewiss ein sogenannter „Einser-Schmäh" etwas was andere als der Trick 17. Das hilft mir allerdings wenig bei der Beantwortung der Frage. Können Sie mir bitte weiterhelfen? Unser Sohn hat mich schon mehrfach daran erinnert, Ihnen zu schreiben.

Mit lieben Grüßen,
Christina Pantucek-Eisenbacher, per Email


Liebe Christina, lieber Junior,

die Versuche, eine Antwort auf die 17er-Trick-Frage zu geben, geistern mit Regelmässigkeit durch die Foren der Internet-Frageportale und die Online-Ausgaben der Tageszeitungen. Erschöpfend wurde der Ursprung der Redewendung - sie ist ausschliesslich auf das deutschsprachige Gebiet beschränkt - dort nicht gelöst. Klar war bisher nur, was mit “Trick-17” gemeint ist: Die simple, aber originelle und ungewöhnliche Löung eines Problems. Zudem muss ein perfekter “Trick 17” immer und auf Anhieb funktionieren. Die Sprachberatung der Gesellschaft für deutsche Sprache tappt im Dunkeln, macht aber einige Verdächtige für den Ausdruck namhaft. So soll der Begriff auf das Kartenspiel Whist zurückgehen, bei dem ein Stich mit seinem englischen Begriff “trick” bezeichnet wird. Die Konnotation von Trick und der Zahl 17 beim Whist liege darin, dass 17 in diesem Kartenspiel die höchstmöglichen Stichzahl sei. Ähm, ja. Als weiteren Ursprung wird ein algebraischer Beweis des großen Mathematikers Carl Friedrich Gauss von 1769 bemüht, in dem dieser nachwies, dass sich mit Zirkel und Lineal ein regelmäßiges Siebzehneck kontruieren lässt. Auch in der Welt der Zauberkunst wurden Erklärkollegen fündig: So wird der Trick 17 einem (fiktiven) Magier Carlos Luminoso zugeschrieben. Dieser soll ein Buch mit Zaubertricks hinterlassen haben, in dem ausgerechnet jene Seiten fehlten, auf denen sein Trick Nummer 17 vermerkt gewesen sein soll. Des Rätsels Lösung, der Urprung der Redewendung ist indes prosaischer und einfacher. Mit Trick 17 ist die Möglichkeit gemeint, mit einem 17er-Schlüssel aus der Werkstatt oder vom Bau eine Bierflasche zu öffnen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

26. Juli 2015

Hitler, Sissi, Winnetou

Für die Salzburger Nachrichten Magazin vom 25.8.2015, pg. 7.

Der deutsche und österreichische Nachkriegsfilm spiegelt das Dilemma der Zeit. War man Täter oder Opfer? Wollte man aus der Geschichte lernen oder sie möglichst schnell vergessen? Essay von Andrea Maria Dusl

Der Film, le septième art, die siebente Kunst und im Verständnis seiner Kenner die umfassende, ist auf tragische Weise mit dem Aufstieg des Dritten Reichs und damit mit der Geschichte Deutschlands und Österreichs verbunden. Sehr früh erkannten die Nationalsozialisten die propagandistischen Möglichkeiten des Mediums Film. Die bewegten Bilder dienten als Kraftarm für die Gleichschaltung der Gesellschaft und die Durchdringung des “Volkes” mit Struktur und Inhalten totalitären Denkens.
Jedes Genre wurde missbraucht.

Die Präsenz filmischer Mittel im Nationalsozialismus ist einer der Gründe für die Sonderentwicklung, die das Medium nach dem Zusammenbruch des Faschismus genommen hat. Der Film ist nach Hitler, nach der “Stunde Null”, ein anderer. Der Film hat seine Reinheit für immer verloren. Produzenten und Publikum spiegeln in ganz spezifischer Weise die politische Verfasstheit der Zeit in das Medium.

Von welcher Zeit aber sprechen wir? Wann begann sie, wann endete sie? Mit der Beseitigung der Trümmer? Der Rückkehr der Kriegsgefangenen? Mit dem Abzug der Besatzungsmächte? Dem Anbranden des deutschen Wirtschaftswunders? Mit dem Bau der Berliner Mauer? Mit ihrem Fall gar? Die Erinnerung webt Zeiten und Ereignissen zu Mustern. Entwicklungen werden erst aus der Entfernung sichtbar. Geschehenes schiebt sich zu Geschichte zusammen. Erinnertes vermischt sich mit Erzähltem, Erfahrung mit Deutung.

Alles überragt der Sissifilm. In diesem falschen Satz steckt viel richtiges. 1955, zehn Jahre nach Kriegsende, dreht der österreichische Komödienspezialist Ernst Marischka den Herz-Schmerz-Schinken Sissi, katapultierte damit Romy Schneider in den Filmhimmel und Karl-Heinz Böhm etwas tiefer daneben. Die Trilogie um Franzl und Sissi wird im Jahresrhythmus mit zwei Fortsetzungen komplettiert und gerät zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Kinoereignisse aller Zeiten. Bei aller Verklärung - in ihrem Kern erzählen die Sissifilme vom Anschluss. Am kitschtriefenden Beispiel einer dynastischen Familienepisode: Liebesdinge und Heiratssachen der schüchternstolzen Bajuwarin Elisabeth und des bergdeutschen Jungkaisers Franz-Joseph. Der Kulturkniff gelingt: Um dem Unaussprechlichen der jüngeren Geschichte (zumindest österreichseits) zu entkommen, wird das historische Themenrad zurückgedreht. Die handelnden Personen werden als Opfer der Umstände, Berater und Einflüsterer als die eigentlichen Täter dargestellt. Der Erfolg der Sissi-Filme ist psychotherapeutischer Natur, seine Botschaft ist simpel: Das Buch der Geschichte hat viele Seiten. Der Untergang im Krieg ist nicht die einzige Erzählung. Auch die Hofburg, der Försterwald und der Erbbauernhof bieten Schicksalshaftes mit Endzeitstimmung. Viele Heimatfilme der Zeit sind Wiedergänger alter UFA-Produktionen, die nur oberflächlich der Blut-und-Boden-Schwere der Vorbilder aus der NS-Zeit entsagten, insgesamt aber von Kampf und Entbehrung künden. In gewisser Weise erzählen auch die Myriaden an Peterfilmen, Blödelstreifen mit Gesang, exemplarisch vorgeführt von Peter Alexander, Peter Kraus und Peter Weck vom Scheitern. Dem großen, weitgehend in die Komödie ausgelagerten Thema Deutschlands.

Der andere Filmstoff, in dem sich Deutsche (und Österreicher) wiederfinden, entsteht viel später und markiert das satte Ende der Nachkriegsfilmerei. Seichte und betulich wird die Geschichte einer frischeren Freundschaft thematisiert. Die Blutsbrüderschaft zwischen Deutschen und Amerikanern. Die Liebe zwischen Old Shatterhand (dem Alter Ego des Nationalschriftstellers Karl May) und dem edlen Wilden aus der Neuen Welt, dem schönen Häuptling Winnetou ist (zumindest in der Verfilmung) nichts weniger als eine Metapher für die transatlantische Allianz. Österreicher lesen den Film anders und meinen sich im Volk der Apachen wiederzusehen.

Die Cowboy-und-Indianer-Klamotte ist nur der harmlose Endpunkt martialischer Filmerzählkunst im Nachkriegsdeutschland. Mit der Wiederbewaffnung Westdeutschlands hat sich das Genre Kriegsfilm an der Kinokasse bemerkbar gemacht, die Stoffe stammen von Romanautoren wie Kirst und Konsalik. Die Streifen heroisieren den deutschen Soldaten als tapferes, aber weitgehend unpolitisches Opfer - Vergangenheitsbewältigung wird auf militärischen Widerstand gegen Hitler reduziert. Analytische Tiefenbohrungen gelingen seltener - so G.W. Pabst 1955, mit dem Film “Der letzte Akt” über das Lebensende Adolf Hitlers. (Der Führer ist der einzige Österreicher in diesem Genre.)

Seinen Ursprung nimmt der deutsche Trümmerfilm gleich nach dem Krieg, in der russischen Besatzungszone. Für die Ostberliner Defa dreht der Sohn eines Schauspielerehepaares und gelernte Autoschlosser Wolfgang Staudte 1946 “Die Mörder sind unter uns”, den ersten deutschen Nachkriegsfilm. In Mittelpunkt stehen Fragen von Schuld und Vergeltung für barbarische Kriegsverbrechen. Der politische Linke und erklärte Antifaschist Staudte widmet sich auch in seinen anderen, im deutschen Osten gedrehten Filme seinem zentralen Anliegen: Das fatale Verhältnis des Spiessers zur Macht zu zeigen - und den blinden Autoritätsglauben des deutschen Bürgers. In “Rotation” (1948/49) erzählt Staudte die Wandlung eines unpolitischen Druckereiarbeiters zum Nazi-Mitläufer und schliesslichen Regimegegner. Sehen will das kaum wer.

In Adenauers Bundesrepublik begreift man Staudtes Filme als ostzonale Propaganda: Der Regisseur wird als “Unruhestifter”, Nestbeschmutzer” und “ideologisch motivierter Provokateur” beschimpft. Seine Filme polarisieren Publikum, Kritik und die Politik. Das Westdeutschland des Kalten Kriegs punzierte den Aufarbeiter zur ungewünschten Reizfigur. Die Folgen der Ablehnung bekommt Staudte mit seinem Wechsel nach Westdeutschland hautnah zu spüren. Der dortigen Politik und Filmwirtschaft ist der streitbare Aufklärer suspekt. Staudte hält sich mit Hauptmann- und Spoerl-Verfilmungen über Wasser. Seinen Finger in die deutsche Wunde legt er schliesslich wieder in "Rosen für den Staatsanwalt" (1959). Der Film porträtiert einen Richter, der noch am Ende des Krieges Todesurteile verhängt hat und nun, in der Bundesrepublik des Wirtschaftswunders, zu neuem Ansehen gekommen ist. Auch mit “Kirmes“ (1960) und “Herrenpartie“ (1963) bleibt Staudte seiner politischen Linie treu, landet im hier und jetzt, brandmarkt die kollektive Verdrängung nationalsozialistischer Gräuel durch seine vom Wirtschaftswunder-Rausch erfassten Landsleute. Staudte bleibt provokanter Aussenseiter. Die wenigsten seiner späten Kinoarbeiten werden kommerzielle Erfolge. Im Fernsehen gelingt ihm mit dem Jack-London-Mehrteiler “der Seewolf” und Arbeiten für “Tatort” zumindest handwerklich respektables. Am 19. Januar 1984 stirbt der Mahner und Aufrüttler bei Dreharbeiten in Slowenien.

"Die vornehmste Aufgabe unserer Zeit ist zu vergessen", postuliert eine der Hauptfiguren in “Herrenpartie”. Staudte wollte das Gegenteil.

Andrea Maria Dusl für die Salzburger Nachrichten Magazin vom 25.8.2015, pg. 7.

25. Juli 2015

Hoffnungsprojekt Semikolon

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 30/2015
Liebe Frau Andrea,

erst habe ich das kleine Tattoo bei einer Kellnerin gesehen, direkt über den Pulsadern, dann neulich in der Bim und heute im Bad. Ein Punkt und darunter etwas, das wie ein Beistrich aussieht. Gibts da eine Bedeutung dazu und wenn ja, wissen Sie mehr darüber?

Lieben Dank,
Nele Widesott, per Facebookdirektnachricht


Liebe Nele,

Sie haben richtig gesehen. Bei den von Ihnen beobachteten Hautmarkierungen handelt es sich um Tätowierungen. Das dargestellte Symbol - Punkt und Beistrich - ist tatsächlich ein typographisches Zeichen: Das Semikolon, im Deutschen etwas weniger prosaisch Strichpunkt genannt. Mit diesem Zeichen werden Teilsätze und Wortgruppen voneinander abgegrenzt. Es wird damit ein stärkeres Maß der Separation zum Ausdruck gebracht als mit dem Beistrich (Komma) und ein geringerer als mit dem Punkt (Kolon). Im Griechischen fungiert das Semikolon übrigens als Fragezeichen (das Semikolon ist dort der hochgestellte Punkt). Das erste gedruckte Semikolon setzte der italienische Drucker Aldus Manutius d. Ä. 1494 in die Welt. Als erster bekannter Autor verwendete der englische Dramatiker und Dichter Ben Jonson (1572 -1637) das Zeichen. Wann und warum aber büchste der Strichpunkt auf die Haut aus? Der Semikolonismus begann im Frühjahr 2013 als Blog-Projekt der US-amerikanischen Fotografin und Grafikdesignerin Amy Bleuel. Sie wollte damit ihres Vaters erinnern, den sie durch Selbstmord verloren hatte. Auch Bleuels eigene Lebensgeschichte prägten Episoden von Depression, Selbstverletzungen, Abhängigkeit und psychischen Erkrankungen. Im Internet-Projekt “Semicolon” sollte zum Audruck kommen, so Bleuel, dass die eigene Geschichte noch nicht vorüber sei. Dass man Autorin derselben sei und sich dafür entscheiden könne, dass diese weitergehe. Im Rahmen des schnell wachsenden Projekts und seiner zahlreichen Multiplikatoren wurde in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, Bilder von Handgelenken zu posten, auf die Semikolons aufgemalt waren. Der Semicolonstorm wurde stärker. Aus den Zeichnungen wurden bald Tattoos. Mittlerweile sind Millionen Betroffene; stolze Träger des lebensbejahenden Strichpunkts; Fortsetzung folgt;www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

19. Juli 2015

Euro Krisenmedizin

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.7.2015.
 
Die Medizin ist verordnet, die Tabletten sind eingeschachtelt, der Cocktail muss nun eingenommen werden. Dr. Seltsam hat im Rahmen einer Therapieverschärfung eine Erhöhung der Medikation vorgeschlagen. Tagschwester Angie hat dazu erwartungsgemäss zustimmend genickt. Auch Assistenzarzt Tusk, Oberarzt Holland und Pfleger Schulz befürworten die Therapie.

Der griechische Patient, nach einer Serie von Behandlungsirrtümern fortgeschritten an Hospitalismus erkrankt, ergibt sich schliesslich dem Diktat des Primars. Schwester Angie leitet und überwacht die orale Einnahme der verschriebenen Pillen und Kapseln solcherart, dass sie dem Patienten, sobald er die Genesungsmixtur aufgenommen hat, die Nase zuhält. Gewusst wie! Gelernt ist gelernt! Der Hellene, geschwächt von zermürbender Anamnese und langwierigen Voruntersuchungen, entscheidet sich fürs Schlucken.

Einen Patienten Athener Herkunft haben die Doktoren in der Klinik Juncker bereits verloren. Professor Yanis Varoufakis, selbst vom Fach, hatte sich geweigert, die bitteren Pillen von Oberärztin Lagarde zu schlucken. Sämtliche Vorschläge alternative Therapien betreffend, waren unerhört geblieben und dem Leidenden als Renitenz und Krankheitsuneinsicht ausgelegt worden. Zudem hatte sich herausgestellt, dass der Patient selbstverschuldet unterversichert war. Typisch für Kranke aus diesen Gegenden, so Bettenwart Schelling, fahrlässig und gemeingefährdend.

Dr. Seltsam indes, von schwäbischer Genauigkeit mehr getrieben denn geleitet, ist sich der Behandlungssache sicher. Dass der Klinikleiter die Expertise weniger im Studium erlangt hat als in der oberflächlichen Lektüre dubioser Arztromane, kümmert nur den Leidenden. Der ist aber jetzt eingestellt, wie man so schön sagt, und laboriert nicht mehr ausschliesslich an der Krankheit, sondern auch an Wirkungen und Nebenwirkungen der verabreichten Präparate. Doktor Seltsam lächelt. Schwester Angie bereitet den Einlauf vor. Auch die alten Methoden werden hier noch geschätzt.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.7.2015.

18. Juli 2015

Letzter Ausgang Griechenland

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2015

Liebe Frau Andrea,

ich verstehe nicht, warum überall von Grexit gesprochen wird. Griechenland kann doch nicht aus Griechenland raus. Es könnte aus dem Euro rausgehen. Das müsste aber dann Euroxit heißen, oder?

Vielen Dank für diese und schon erfolgte Aufklärungen,
Thea Nieswasser, per Email


Liebe Thea,

wir werden versuchen, etwas Licht auf die Sache zu werfen. Das freiwillige oder gar erzwungene Ausscheiden eines Landes aus der Eurozone ist im "Vertrag über die Europäische Union" nicht vorgesehen. In den Gründungsverträgen kommt der Begriff “Eurozone” nicht vor. Seine Mitglieder werden als “Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist“ bezeichnet. Das Amt zur Veröffentlichung der Europäischen Union spricht vom “Euro-Währungsgebiet” oder “Euroraum”, um “die am Euro teilnehmenden Länder als Ganzes“ zu bezeichnen. Der Begriff des Grexit bezeichnet ungeachtet dessen das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone. Es ist eine Wortverschmelzung (auch: Kofferwort, portmanteau oder frankenword) aus englisch “Greece” (Griechenland) und “Exit” (Ausgang, Austritt, Abgang). Den Neologismus haben nach neuerer Forschung Willem Buiter und Ebrahim Rahbari, Chef-Analysten der US-amerikanischen Großbank Citigroup in einem Papier vom 6 Februar 2012 geprägt. Nach Aussage Buiters ist Rahbari der Autor des Ausdrucks. Das englische Greece (von der lateinischen Bezeichnung Graeci, geht auf die Griechen zurück, die im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Italien, der späteren Magna Graecia, siedelten und sich selbst als Graikoí bezeichneten. Längst wird damit der heutige moderne Staat Griechenland bezeichnet. Etwas komplexer liegen die Verhältnisse beim “Exit”. Er kommt vom lateinischen Verb exire, hinausgehen, abgehen, und meint metonymisch auch den Untergang, Tod, den Exitus. In der Ökonomenlingo bezeichnet “Exit” eine Investment-Strategie des Risikokapitals. Hier wird nach einigen Jahren der Austritt (Exit oder Desinvestition) angestrebt. Die Kapitalgeber ziehen sich aus dem Unternehmen zurück. Sie verkaufen ihre Anteile an andere Unternehmen, Risikokapitalgesellschaften oder bieten sie dem Unternehmenseigner zum Rückkauf an. Als schlimmste Exit-Strategie gilt die Liquidation. Aeger! (lat.: traurig, verdrießlich). www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Juli 2015

Der Think Tank

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.7.2015.
 
Handeln ist weder immer noch selten das Ergebnis von Denken. Fast alles denkt. Selbst der Bauch denkt, auch wenn seine Möglichkeiten eingeschränkt sind. Denken birgt stets die Möglichkeit des Irrtums. Eine Fluchtroute aus diesem Befund bietet das gemeinsame Denken. Gibt es Zeit und Raum, frische Luft und belebendes Catering, bietet es Vorteile vor dem Denken des Einzelnen. Denken Denkkräftige gemeinsam, lassen sich blinde Flecken ergänzen. Vermeintlich Dummes kann von anderen als Genieblitz erkannt werden, Großes als Ideenmüll, Unausgereiftes kann weitergedacht werden.

Wer führt, weiß zu delegieren. Wer im Stau des Handelns steckt, lässt denken. Gibt es zuwenig Ressourcen für eine Universität, nervt das zeitlose Ideenplätschern einer Akademie, wird in das Institut des Think Tanks investiert. Befüllt wird dieser mit hochdotiertem Denkpersonal, mit Flip Charts und Thermoskannen. In Zeiten mäandernder Monotonie nennt sich der Think Tank schon mal Denkfabrik, in Wahlkämpfen und Zeiten krisenhafter Ereignisse: War Room. Das Englische hat gegenüber dem Deutschen den metaphorisch größeren, wenn auch verwirrenden Ausguck, es versteht unter Tank nicht nur den Flüssigkeitsbehälter, sondern auch den Kettenpanzer. Dies kulminiert in Illustrationen, die zum Thema Think Tank ein Panzerfahrzeug darstellen, dem statt des Geschützturmes ein Gehirn aufgesetzt ist. Na ja. Das Deutsche sieht im Think Tank eher die Immobilie. Einen Öltank ohne Öl, ein Silo ohne Getreide, eine Zisterne ohne Wasser. Einen Tank des Denkens eben. Jedwede Bewegung, vom Sparverein bis zum Großkonzern leistet sich heute einen Think Tank. Politische Parteien selbstredend.

Innerhalb des Think Tanks - das ist ja seine offizielle Bestimmung - wird, nun ja, gedacht. In einer Vielfalt von Möglichkeiten. Vorgedacht, nachgedacht, angedacht und weitergedacht. Dreht sich das Tankdenken im Kreis und versteinert zur Andacht, kann auch schon mal quergedacht werden. Teilnehmer an Think Tanks haben die berechtigte Vermutung geäussert, dass die Erkenntnisproduktion des Think Tanks nicht der Qualität des auftraggeberischen Handelns zufliesst, sondern einzig dazu dient, den Entscheidungsträgern das Denken vom Leib zu halten.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.7.2015.

11. Juli 2015

Schande Deutschland

Als Deutschland die Wiedervereinigung anstrebte, waren alle voller Hoffnung. Alle schauten auf die armen geknechteten Leute aus der DDR, wie auf misshandelte Kätzchen. Den Westdeutschen glaubte man ihr herzliches und brüderliches Ansinnen, den gedemütigten, von einer Kleptokratie und von bösartigen Bürokraten ausgelutschten Unrechtsstaat ins Paradies der Waren und Werte zu führen. Zum Wohle der Menschheit, am Exampel einer geteilten Nation. Wo ist diese Menschlichkeitsnation jetzt? Wo sind diese, das Größere liebschätzenden deutschen Europapolitiker? Und wo ist die Intelligenz geblieben? Die Vernunft? Der Humanismus? Alles aufgesogen im Furor des dumpfen Griechenlandhasses. Schande Deutschland.

8. Juli 2015

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