Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Das Ei - hart oder herzlich

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 14/2015

Liebe Frau Andrea,

hoffentlich ist es noch nicht zu spät für eine wahrlich österliche Anfrage: Es geht um hartgekochte Eier. Wenn ich sie koche (oder fertige Ostereier kaufe), lassen sie sich mit wenigen Handgriffen binnen Sekunden abschälen. Wenn aber meine Freundin harte Eier kocht, ist das Abschälen jedes Mal eine ewige Fitzelei, und eine dicke Schicht des köstlichen Inneren bleibt an den Schalen-Fuzerln kleben. Ich glaube, das hat mit dem Abschrecken (oder eben nicht) nach dem Kochen zu tun, meine Liebste ist überzeugt, dass es um die Frische der Eier geht. Könnten Sie bitte Licht ins eiliche Dunkel bringen?

Danke und liebe Grüße,
Martin Bernert, Boboville, per Email


Lieber Martin,

im Sinne einer österlichen Dramaturgie darf ich Sie mit dem überraschen, was sie erwarten. Recht hat Ihre Liebste. Das Abschrecken hat keinerlei Einfluss auf die Schälbarkeit hartgekochter Eier, es beendet nur den Garungs- (eigentlich Denaturierungs-) Prozess, der sonst noch bis zu drei Minuten andauern würde. Kochen muss das Wasser, in dem Sie ihr Ei denaturieren übrigens nicht, Dotter gerinnt bereits bei einer Temperatur von 65 °C, Eiklar bei 82,5 °C. Diese Temperatur reicht also aus, um “hartgekochte” Eier zu erzeugen. Entscheidend für das Gelingen ist die Länge des Garvorgangs und die Seehöhe des Herdes - pro 285 m sinkt nämlich die benötigte Temperatur um 1° Celsius. Die Schälbarkeit (und das Aroma) hartgekochter Eier - Sie sollten dafür acht bis zehn Minuten Garzeit berechnen - steigt mit ihrem Alter. Einen idealen Reifezustand erreichen Eier zehn bis 14 Tage nach dem Legen. Mit zunehmender Lagerzeit ist genügend Luft durch die Eierschale in das Innere gelangt, Wasser und Kohlenstoffdioxid sind aus dem Ei austreten. Dieser Prozess hat den Zusammenhalt des äußeren Häutchens (es haftet an der Schale) und der inneren Membran (sie ist mit dem Eiweiß verbunden) in Hinblick auf eine ideale Schälbarkeit gelöst. Das Alter roher Eier lässt sich leicht feststellen: Frische Eier gehen in Wasser unter, nur der luftgefüllte Scheitel treibt etwas auf. Ältere Eier stehen senkrecht im Wasser, weil die Luftblase bereits größer geworden ist. Alte Eier schwimmen an der Wasseroberfläche. Letztere empfehlen sich für den Einsatz bei Wahlveranstaltungen und Pressekonferenzen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

29. März 2015 (0) Comments

Die Registrierkasse

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.3.2015.

Woher nehmen wir, wohin geben wir? Die Antworten auf diese beiden Fragen beschäftigen die Menschheit seit Anbeginn. Je nach weltanschaulicher Disposition unterscheiden sich die Vorschläge. Soll man nehmen? Darf man geben? Muß man sollen? Kann man dürfen? Wer fragt überhaupt und wer ist “wir”? Wir alle und wenn nicht, wer aller?

Österreich ist mit großem Fleiß in eine Neubewertung dieses Fragenkomplexes getreten. Volk und Vertreter haben Vorschläge, Gegenvorschläge und Rückschläge zum Thema erarbeitet. Dass die Reichen des Landes noch reicher werden dürfen, hat die Ärmeren insoferne irritiert, als diese ein Dürfen durch ein Müssen ersetzt wissen wollten. Die Reichen, erdrückt von der Bürde, ausschliesslich das eigene Wachstum zu stemmen, wollten sich durchaus in die gesellschaftliche Mitte zurückholen lassen, wurden aber von ihrem Personal und den von ihnen betriebenen Organisationen daran gehindert. Alles ginge, so der Aufschrei, aber das zu weit. Wird doch das Leben im Kapitalozän nicht als Leistungsgulag, sondern als Lotterieparadies wahrgenommen. Denn wenn ein Tellerwäscher (von Schicksals Hand gerufen) zum Milliardär werden kann, lohnt sich auch das schlechtbezahlte Tellerwaschen. Dass diese Erzählung auf Sand gebaut ist, und tatsächlich eine andere gilt, liesse sich bei Balzac nachlesen, von dem der bekannte Aphorismus stammt, demnach hinter jedem großen Vermögen ein Verbrechen stehe.

Dieser Wirkmechanismus gehört zu den ältesten Erfahrungen Schnitzellands. Dazu muss man Balzac nicht gelesen haben. Sechshundert Jahre Habsburgerei haben ihre Spuren hinterlassen. Die Diskussionen um das Für und Wider von Schaumweinsteuern, Kaviarabgaben, Schenkungszehenten und Erbschaftstaxationen - der Abschöpfung kumulierten Reichtums und dessen Verteilung nach unten also - gipfeln in einer Frage. Darf man den zentralen Stützen unserer Gesellschaft das weisse aus den Augen nehmen? Darf man ihre wirtschaftliche Entwicklung fahrlässig hemmen? Darf man sie der Zukunft berauben?

Wie lautet die böse Frage? Darf man Wirte, Gastronomen und Hoteliers dazu verpflichten, Registrierkassen zu verwenden?

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.3.2015.


28. März 2015 (0) Comments

Umpudern aber richtig

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 13/2015

Liebe Frau Andrea,

unlängst sprach ein älterer in einer Runde von Journalistinnen und Journalisten davon, dass eine Geschichte noch 'umgepudert' werden müsse. Das sich darauf einstellende Kichern disqualifizierte er mit der Feststellung, dass das nichts mit dem derben wienerischen Begriff für den Koitus zu tun hätte, da man diesen ja mit 'B' schreibe. Ich widersprach heftig, dass man das Wort sehr wohl mit 'P' schreibe, der schwache Wiener Initialplosiv es aber phonetisch zum 'B' mache - ein dreister Bluff aus meinem Drang zum Widerspruch, außerdem wollte ich 'Initialplosiv' sagen. Wer hat denn nun recht?

In Verbundenheit, Sebastian Fellner, per Email


Lieber Sebastian,

alles hat mit allem zu tun, insobesondere dann, wenn wir Zusammenhänge herstellen. Diskursmechanisch hat das auch Ihr älterer Kollege erfasst, indem er sein Verb gegen Fehldeutung zu immunisieren versucht. Wie Sie schon richtig andeuten, fallen im Wienerischen alle anlautenden “p” und “b” in einen Zwischenlaut, einen so genannten Halbfortis zusammen. Recht, beziehungsweise unrecht haben Sie beide, denn die Sache mit dem Pudern ist komplex. Gerne wird das aus dem Französischen entlehnte Zeitwort für das Aufbringen von Puder (poudre, aus lateinisch pulvis, Pulver) in Zusammenhang mit der wienerischen Bezeichnung für den Koitus gebracht. Ist doch auch ein ähnliches Wort in Zirkulation, nämlich tupfen (richtiger: dubfm). Das Pudern (Budan) kommt indes vom Buttern, dem stossenden Schlagen von Rahm zu Butter, das früher ebenfalls “budan” ausgesprochen wurde. Mit dem Verschwinden des Butterfasses (und seines Stössels) aus Küche und Haushalt verlor sich auch das bildliche Verständnis für die Metapher. Das Umpudern (umbudan) als Begrifflichkeit für den Vorgang der lustreichen Transformation nimmt also tatsächlich Bezug auf das Pudern (budan), die Mechanik der geschlechtlichen Vereinigung. Wem das Umpudern zu derb erschiene, könnte zum Umschustern (Umschuasdan) wechseln. Es ginge aber durchaus auch direkter. Alternativen zu umpudern wären das Umschnackseln, das Umpempern (Umbempan), das Umtitschkerln (Umditschkaln), und das - nur Hocheingeweihten zugängliche - Umschuarln, Umbomeisln (Umbomasln) und Umbankaniarn. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

22. März 2015 (0) Comments

Frühlingsdüfte

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.3.2015.

Der März gilt nach westlichem Kulturverständnis als das Ende des Winters. Kalendarisch betrachtet begann gerade eben, am 20. dieses Monats, der Frühling. Aus kalten Krumen spriesst erstes Grün, da und dort leuchtet es veilchenblau, krokusfarben und primelig. Eilfertig aufgestellte Schanigärten locken in die Sonne. Die Tage sind jetzt schon so lang wie die Nächte. Es wird heller, wärmer, die Sinne erwachen, die Gerüche kommen zurück.

Gemach. Die Idylle ist trügerisch. Der März ist nur scheinbar ein guter Gesell. Seinen Namen hat er von Mars. Der römische Kriegsgott ist zwar auch alte Vegetationsinstanz aber hauptberuflich für den Angriffskrieg zuständig. Als Vater der Gründungszwillinge Romulus und Remus ist er zudem Ahnherr der Römer und zentrale Zivilisationsinstanz des Abendlandes. März ist seit jeher Kriegsbeginn. Der Frühlingsbote kündet also nicht nur vom Erwachen der Natur sondern auch vom Erwachen des Kampfes. Der Geruch grünender Felder und Haine mischte sich seit jeher mit dem eisenrünstigen Blut geopferter Tiere und dem Verwesungsgeruch gefallener Helden und erschlagener Feinde.

Daran sollten wir denken, wenn wir die Frühjahrsbilanzen in die Sonne tragen und uns den Phantasien des Neubeginns hingeben. März ist und war immer auch Elend und Verwüstung. Ein alter Begleiter, ja Kündbote des Kampfes ist das Opfer. Auf dem Marsfeld, dem Märzacker wurde die Armee versammelt und kultisch gereinigt. Schwein, Stier und Widder wurden um die Soldaten getrieben, damit dem Mars geweiht und sodann auf seinem Altar geschlachtet. Daran knüpft sich die magische Vorstellung, dass bereits geflossenes Blut neue Wunden verhindern kann. Die Protagonisten der europäischen Austeritätspolitik mögen unbeleckt sein von der Kenntnis antiker Kulthandlungen, in der normativen Kraft ihres Handelns offenbaren sie indes die Erinnerung an die Heiligen Handlungen des Krieges. Wie sieht das Märzopfer der Nachmoderne aus? So roh, wie einst. Wenn Griechenland blutet, so der Zauber, wird es uns nicht widerfahren. Mutti nickt und schäubelt das Blut in den Acker.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.3.2015.

21. März 2015 (0) Comments

Frühstück oder Spätstück

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 12/2015

Liebe Frau Andrea,

jetzt ist schon wieder was passiert, wo ich nicht weiter weiß. Viele, sehr viele Lokale in Wien posaunen es heraus: "Frühstück von 8h früh bis 20h”. Was soll das? Ich will nicht zu Mittag oder am Nachmittag frühstücken! Wie im Namen schon enthalten: In der Früh ein Stück, zu Mittag ess’ ich gerne eine Suppe, Hauptspeise und Dessert, soll nicht zu lange dauern, weil ich mich auf meine Zigarre danach freue (Zitat Sigmund Freud) und abends ein Nachtmahl naturgemäß. Was soll diese Belästigung mit dem durchgehenden Frühstück? Das ist wohl nur für schlecht erzogene Leute (Tischsitten?) oder Chaoten! Bitte liebe Frau Andrea spenden Sie mir Trost und Rat,

Dietmar Werner, Chevalier Tarte d’Isy, Weinbauer in Poppendorf Bergen,
Südburgenland, per Email


Lieber Dietmar,

Sie müssen jetzt sehr stark sein. In der grossen Stadt gibt es “viele, sehr viele”, die nächtens nicht den Polster drücken, sondern in Spelunken und Tanzschuppen rummachen. “Drah’n”, wie die Wiener sagen. Getrieben sind Sie dabei von der Ökonomie der Lust. Im Schutze der Dunkelheit lässt sich besser munkeln, besser schunkeln, besser funkeln. Das Leben in der Nacht zollt indes Tribut. Schlaf will aufgeholt werden, zumindest aber absolviert. Wenn die Nachtvögel aufstehen, steht die Sonne meist schon hoch am Himmel. Das mag man beklagen oder unsittlich finden, gleichwohl ist es gelebte Realität, ja mehr schon - es ist urbanes Brauchtum. Es sei darin erinnert, dass die grösste Agglomeration des Westens, New York, sich rühmt, die Stadt zu sein, die niemals schlafe. Im Lichte dieser Zusammenhänge darf die Mode des späten Frühstücks, eingenommen bis zur Dämmerung, als eines von vielen Modellen in der Produktion von Freiheit und Individualität gesehen werden. Die grossen Hotels dieser Welt bedienen seit jeher diese Devianzen am Ernährungssektor. Morgenmahlzeiten werden rund um die Uhr serviert. Allenfalls wird das Frühstück aufs Zimmer gebracht - um konservative Gäste beim Mittagsspachteln oder beim Nachtmahlen nicht mit dem verstörenden Anblick weicher Eier, frischgepressten Orangensafts und dem Duft von Marmeladesemmeln zu inkommodieren. Im öffentlichen Raum, so fürchte ich, werden Sie das Spätstück gütig akzeptieren müssen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

15. März 2015 (0) Comments

Patient Europa

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14.3.2015.

Gerne und oft wird im Zusammenhang mit Europa von einer Familie gesprochen. Und von gemeinsamen Werten, die zu verteidigen es gelte, gegen wen auch immer. Der Befund der sich aus diesen wenigen, fast rührenden Sätzen ergibt, ist niederschmetternd. Wer solches von sich gibt, ist von bösem Zynismus befallen, mit grösserer Wahrscheinlichkeit aber Protagonist psychotischer Auffälligkeiten. Es gibt keine Familie Europa. Gäbe es sie, fänden wir keine ihr eigenen, gemeinsamen Werte. Und gäbe es gemeinsame Werte, niemand könnte konstatierten, dass sie diese auch verteidigte.

Moment. Es gibt kein Europa? Doch, es gibt Europa, es gibt die Europäische Union. Aber sie ist keine Familie. Sie ist ein festgezurrtes Bündel konkurrierender Halbgeschwister mit divergierenden Interessen und zweifelhaften Freudeskreisen. Europa hat eine gemeinsame Geschichte aber keine Geschichte der Gemeinsamkeit. Zwischen einem Unternehmer in Shanghai und einem in Stuttgart gibt es mehr Solidarität, als zwischen einem Arbeitslosen in Prag und einem in Piräus. Ein Aktienbesitzer in Miami fühlt sich einem Fondmanager in Madrid stärker verbunden, als alleinerziehenden Supermarktkassierinnen in Liverpool, Leipzig und Linz. Das war nicht immer so, aber es ist heute so.

Die Familie. Dort, wo wir eine suchen, finden wir keine. Möglicherwiese hantieren wir nämlich mit der falschen Metapher. Europa ist keine Familie, Europa ist ein Patient. Ein sehr junger, ängstlicher Patient, der sich für gesund hält, obwohl er nach einem voodoo-ökonomischen Motorradunfall mit multiplen Knochenbrüchen und inneren Verletzungen auf der Intensivstation liegt. Seine Verletzungen bezeichnet er als Heilungserfolge, Schmerz zeiht er der Verlogenheit, das Fieber hält er für eine Einbildung der Ärzte. Europa hustet und spuckt Lungenblut, raucht aber weiter die amerikanischen Zigaretten aus Nachbars Lade. Europa ist ein Patient mit sehr speziellen Bedürfnissen.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14.3.2015.

14. März 2015 (0) Comments

Faust 1984 - Erstes Bild

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Dezember 1984. "Faust" war mein Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien. Die Zeichnungen (more to come) hielt ich 18 Jahre lang für verschollen. Ich habe sie gestern wiedergefunden. Glückstaumel. Die Originale haben Plakatgrösse.

Dieses Bild ist auch der Ausgangspunkt des "Unendlichen Panoramas". Insoferne ein Schlüsselwerk in meinem Œuvre.

10. März 2015 (0) Comments

Eigenansicht oder Selbstbeschau

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 11/2015

Liebe Frau Andrea,

auf Twitter entspann sich letztens unter intelligenten Freunden eine Diskussion über Autopsie. Die eine Fraktion meinte zu wissen, eine Obduktion hiesse Autopsie (auto = selbst), weil man dabei ein Mitglied der eigenen Rasse sezierte. Dem entgegneten die anderen, Autopsie komme vom “eigenen Anschauen“, nicht dem “sich selbst Anschauen“. Wer hat da jetzt recht?

Mit freundlichen Grüßen, per Email,
Thomas Fröhlich

Lieber Thomas,

im Bemühen um Begriffdisziplin wollen wir unseren Sprachgebrauch justieren, wird doch “Rasse” in naturwissenschaftlichen Zusammenhängen nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet. Und auch hier erodiert der Begriff zunehmend. Im Sinne der von Ihnen zitierten Fremdwortdeutung wollen wir von Spezies oder Art sprechen. Gehen wir nun in medias res. In einer idealen Welt wäre allen Teilnehmern am Diskursrund seit jeher eine umfassende und genaue Kenntnis des Griechischen und des Lateinischen eigen. Die Erzeugung neuer Begriffe und ihr Verständnis griffen seit jeher in einander wie die Zahnräder einer gut gewarteten Maschine. Dem ist nicht so. Die Konfusion ist dabei eine doppelte. Manchmal werden und wurden Latinismen oder Graecismen schlecht konstruiert, wesentlich öfter falsch verstanden. “Autopsie”, vom griechischen Abstraktum autopsía, ist zusammengesetzt aus autós (selbst) und dem Verbalstamm op- (sehen). In unseren sprachlichen Breiten bildet es sich erst im 19. Jahrhundert, vermittelt über das französische “autopsie” heraus. Nach landläufigem Verständnis ist damit die gründliche medizinisch-pathologische Untersuchung einer Leiche gemeint, in der Regel, um die Todesursache festzustellen. Der Begriff ist indes weiter gefasst, benennt er doch jegliche genaue Untersuchung eines Gegenstandes oder Themas durch Augenschein. Gemeint ist der eigene Augenschein, als das Sehen mit eigenen Augen. Im diesem Sinne wird der Begriff auch in den hermeneutischen Wissenschaften verwendet - als das Erfassen von Dokumenten und Materialien anhand vorliegender Originale, und nicht anhand von Kopien und Abschriften. In diesem Sinne wäre Ihre sinnerfassende Lektüre dieser Erläuterungen keine Autopsie. Selbst wenn sie den Text mit eigenen Augen gesehen hätten. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

8. März 2015 (0) Comments

Facebook

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7.3.2015.

Face ist das Gesicht, book ist das Buch. Was aber ist ein Facebook? Ein Gesichtsbuch? Ein Buch der Gesichter? In seinen Anfängen, sie liegen erst gute zehn Jahre zurück, war Facebook noch kein weltumspannender Milliardenmoloch, sondern ein simpler Studentenjux. Ein Harvard-Bummelstudent hatte eine schnellgeschriebene Seite ins Netz gestellt, auf der man Komilitonen-Portäts bewerten konnte. Die Bilder, so geht das Gerücht, sollen von den Verwaltungs-Servern der Studentenheime runtergeladen worden sein. Es waren jene Fotos, die der Erstellung von Studentenausweisen dienten und die sich üblicherweise in den offiziellen Jahresberichten (vulgo Facebooks) der jeweiligen Colleges wiederfanden. Der Bilderraub blieb nicht ohne Folgen. Der Initiator wurde verwarnt, der Rest ist Mediengeschichte. Ohne jemals Tellerwäscher gewesen zu sein, wurde der Facebook-Erfinder Multimilliardär.

Facebook war indes schon bald viel mehr als eine launige Galerie von Automatenfotos. Es wurde zur allgegenwärtigen Nachrichtenmaschine, zum globalen Wirtshaus. Es spricht soziale wie asoziale Kompetenzen gleichermassen an und lebt von der Verwertung all jener Daten, die seine Beteiligten dort freiwillig abladen. Facebook ist böse, und das ist gut so. Sagen seine Betreiber. Aber ist Facebook überhaupt noch ein Facebook?

Facebook, so der jüngste Befund, ist längst kein Facebook mehr, sondern ein Catbook, eine Seite von Katzenbildern. Die Abbildungen feliner Familienangehöriger haben in Anzahl und Intensität längst die Schnappschüsse von Sonnenuntergängen überflügelt, die Fotos von Selbergekochtem und die Reportagen aus der Windelwelt. Die Katzen sind die wahren und wohl auch bleibenden Herrscher von Facebook. Warum ist das so? Weil sie Katzen sind, sagen die Katzenbildposter. Launige Kommentatoren haben jüngst die nicht unspannende These aufgestellt, nach der Catbook (offiziell noch Facebook genannt) in Kern und Wesen altägyptischen Ursprung sein. Was sei die Intention der Seite? Alles an Wände zu schreiben und dabei Katzen zu verehren.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7.3.2015.


6. März 2015 (0) Comments

Der Mythos vom 99-Cent-Ende

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 10/2015

Liebe Frau Andrea,

hat sich irgendwer schon philosophisch, psychologisch, wissenschaftlich mit dem Thema der 99-Cent-Preise auseinandergesetzt hat? Gibt es dazu schon Protestbewegungen, Publikationen und so in Richtung faire Preisgestaltung oder Aufrufe zu geraden Preisen?

Mit freundlichen Grüßen, per weitergeleiteter Email,
Gerhard Reibling

Lieber Gerhard,

wir alle kennen die Situation. Wir stehen im Supermarkt, haben einen Produkt auf unserer Einkaufsliste gefunden. 2,99 sagt das Preisschild. Nicht viel, aber doch etwas billiger als 3,00, der (gedachte) runde Preis. Wir nehmen das Produkt. Warum eigentlich? Alles Psychologie, sagen die Experten. Die Wissenschaft hat bewiesen, dass die Umsätze steigen, wenn die Preise auf die nächstkleinere 99er-Endung abgerundet werden. So erzählen es die verschiedenen Glaubensschulen der ökonomischen Theologie. Tatsächlich kommt die Wissenschaft zu ganz anderen Ergebnissen. Studien haben gezeigt, dass runde Preise weder den Umsatz über alles senken, noch, dass dann weniger Artikel verkauft werden. Ganz im Gegenteil, es kommt sogar zu einem leichten Anstieg beider Parameter. 99-Cent-Preise und ihr positiver Impakt auf die Wirtschaft gilt mittlerweile als selbsterfüllende Prophezeiung und als ökonomischer Unsinn. Wie viele populäre Wirtschafts-Märchen kommt auch der Mythos vom gewinnstiftenden 99er-Preis-Ende aus dem Land der Tellerwäscher und der Millardäre. Und da er noch nicht gestorben ist, wird er heute noch erzählt. Proteste gibt es keine. Und wenn, verhallen sie in den Gängen der Supermärkte. Wären damit runde Preise das Ideal? Keineswegs. Hat doch die Wissenschaft noch ganz andere Mechanismen zwischen Preis und Käufer entdeckt. So vertrauen wir, weil wir runde Preise zurecht als “gemacht” und willkürlich bewerten, eher unrunden Preisen ohne die Zahl neun. Einem Preis wie 512.- also eher, als der runden Summe 500. Dabei spielt, es so die Wissenschaft, keine Rolle, dass diese Preise ebenfalls willkürlich bestimmte sind. Und mehr noch: Der Trick mit den unrunden Preisen funktioniert bei uns sogar, wenn wir den psychologischen Menchanismus kennen. Auch dagegen haben sich übrigens noch keine Bürgerbewegungen formiert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

1. März 2015 (0) Comments

Griechenlandkunde

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015.

Eines der griechischen Nationalsymbole ist “I Galanolefki" (die Himmelblau-Weiße), auch "I Kianolefki" (die Azur-Weiße) genannt. Dem Status der Fahne entspricht seine poetisch-heroische Aufladung. Neben dem orthodox-christlichen Kreuzsymbol zeigt das Banner neun horizontale Streifen, die nach populärer Deutung den neun Silben der Phrase "Eleftheria i thanatos” (Freiheit oder Tod) entspricht. Der markige Spruch gilt als Motto Griechenlands, entstanden während des Griechischen Unabhängigkeitskrieges und eingängiges Mem im Kampfes gegen Tyrannei und Unterdrückung. In simplerer Deutung sollen die Streifen der Flagge exakt den Buchstaben des Wortes Ελευθερία (Freiheit) entsprechen. Ein anderer Mythos schreibt den neun Streifen die neun Musen der Antike ein. Demnach flattern bei gutem Wind stets die Töchter von Göttervater Zeus und Mnemosyne, der Göttin der Erinnerung mit - Klio (die Muse der Geschichtsschreibung), Melpomene (Tragödie), Terpsichore (Tanz), Thalia (Komödie), Euterpe (Flötenspiel und Lyrik), Erato (Liebesdichtung), Urania (Astronomie), Polyhymnia (Hymnengesang) und Kalliope (epische Dichtkunst). Ob Griechenlandbetreuer Wolfgang Schäuble, der große Kontrahent von Transzendentalökonom Yanis Varoufakis, je mit auch nur einer der Musen in Kontakt gekommen ist, ist nicht bekannt. Dennoch ist das Süddeutsche fester Bestandteil der griechischen Flagge. Zwar deuten moderne Interpreten das Hellblau und Weiß des Hellenenwimpels als jenes von Wolken und Himmel (oder dem der ägäischen Häuserfärbelung), mit größerer Wahrscheinlichkeit kommt das griechische Fahnenblauweiss aber von einem gebürtigen Salzburger. Datiert die griechische Nationalflagge doch aus der Regentschaft des ersten Königs von Griechenland, Otto. Óthon, Vasiléfs tis Elládos (1815 auf Schloß Mirabell geboren), war ein Wittelsbacher. Für die Fahnenkundler ist das Hellblau-Weiß der griechischen Flagge in Herkunft und Farbton das der Bayerischen Landesfarben. Es ist jenes Himmelblau, das die Isar zeigt, wenn sie an einem Hochsommermorgen über das Weiß ihrer Sandbänke rauscht. Ελευθερία!

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.2.2015.

28. Februar 2015 (0) Comments

Podiumsdiskussion ::: Seestadt Aspern
Do. 26. Februar 2015, 18:30h

Podiumsdiskussion
"Lebensqualität und neue Werte“
Donnerstag,
26. 2. 2015
18:30h
Club Seestadt
Aspern

Es diskutieren:
Anna Popelka, PPAG architects
Andrea Maria Dusl, Illustratorin, Kolumnistin, Filmemacherin
David Bogner, Chefredakteur Vice Magazin


Im Anschluss: Kulinarischer Ausklang mit musikalischer Begleitung
Moderation: Raimund Deininger, SALoTTo Vienna

18:00h Open Doors
18:30h Begrüßung + Projektupdate: Claudia Nutz, Vorstand Wien 3420 Aspern Development AG
18:45h Podiumsdiskussion Lebensqualität + Neue Werte mit

Location ist die 'FABRIK' auf der ehemaligen Rollbahn – aktuell nicht zu übersehen, da das davor positionierte 'Flederhaus' multimedial bespielt wird. --> Endstation U2 Seestadt --> Ausgang Seestadtstraße und von dort direkt auf die Rollbahn und weiter zum Flederhaus. Dahinter befindet sich die Veranstaltungshalle 'FABRIK', in der seit Jänner 'Salotto.Vienna' beheimatet ist.

Anfahrtsplan:
http://www.aspern-seestadt.at/resources/files/2014/11/12/3450/anfahrtsplan-dez-2014.pdff

26. Februar 2015 (0) Comments

Immer wieder “Immer wieder”

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 09/2015

Liebe Frau Andrea,

sooft ein sportliches Großereignis mit österreichischer Beteiligung ansteht, hört man in den Zuschauerrängen die Gesänge "Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich". Da Siege österreichischer Sportler außer im Winter nicht so zahlreich sind, ist die Anmaßung "immer wieder, immer wieder" etwas seltsam. Woher stammt dieser Gesang?

Mit freundlichen Grüßen,
Stefan Schauer, per Email

Lieber Stefan,

jenseits der Diskussion über eine töchterreiche oder gabalierende Text-Auslegung der Österreichischen Bundeshymne gibt es Einvernehmen darüber, dass die Nation zwischen Bodensee und Langer Lacke genau drei Lieder fehlerfrei intonieren kann. Nummer eins ist die Geheimhymne Schnitzellands, der textfreie Schunkelwalzer “An der schönen blauen Donau”, im Winter 1866/67 von Johann Strauss Sohn komponiert. Dicht folgt der weltberühmten Silvester-Marseillaise das sentimentalen Rührstück “I Am From Austria”, 1989 von Nationalblondl Rainhard Fendrich in die Welt gesetzt. Der uns hier und heute interessierende Imma-Wie-Da-Ö-Sta-Rech-Hymnus hält indes Rätsel bereit. So einfach und massentauglich Melodie und Text des Schlachtgesangs erscheinen, so schwer sind seine Autoren zu fassen. Der Fußballschlachtruf muß zumindest knapp vor 1978 entstanden sein, taucht er doch auf auf dem Fußball-WM-Sampler “Immer wieder Österreich” auf, der in prophetischer Weise rechtzeitig vor dem Nationalereignis Cordoba mit dem “Stadionchor” eingesungen und auf Platte gepresst wurde. Als Autoren firmieren der langjährige ORF-Big-Band-Leader Richard Oesterreicher (fälschlich oft Österreicher genannt) und ein geheimnisvoller Emanuel Morel. Reizvoll erscheint allerdings eine andere Theorie zur Urheberschaft des Stadionliedes. Demnach stammt der patriotische Kickermarsch von der Wolfgang-Lindner-Band, arrangiert und komponiert vom Duo Wolfgang Lind und Peter Ciri. Hinter den Pseudonymen verbergen sich Musikantenstadl-Bandleader Wolfgang Lindner (Senior) und der Kapellmeister und Tanzorchestermusiker Dipl.-Ing. Peter Hrncirik (Senior). Eine Lösung der Frage muss heute offen bleiben. Für Oesterreicher spricht das gewaltige Oevre, für Lind und Ciri ein anderer Hit von österreichischer Weltgeltung: Ihr 1971 so eingängig wie simples komponiertes “Ja, mir san min Radl da”. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

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Am 17.03.2015 um 20:03 schrieb Huamer Hans:

Hallo Fr. Comandantina,

entschuldigen Sie die Verspätung auf die "immer wieder, immer wieder Österreich" Frage.

Meines Wissens wurde dieser Singalong erstmals 1975 beim WM-Auswärtsqualifikationsspiel in Izmir erwähnt, das AT 0:1 durch einen "Sauspitz" von "Schneckerl"-Prohaska gewonnen hat und damit zur WM qualifiziert war.

"Der Spitz von Izmir" - ein Spitz ist ein Schuss bei dem der Ball entgegen aller Fussballtraineranstrenungen, der mit der Schuhspitze geschossen wird, in der Not/Bedrängnis aber wird der auch mal auch erfolgreich eingesetzt.

Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube das kommt schon ganz gut hin.

lg, Huamer Hans, Steiermark

21. Februar 2015 (0) Comments

Fifty Shades of Grey

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.2.2015.

Der Roman, mit dessen Titel wir hier spielen, erzählt bekanntlicher- (und unbekanntlicherweise) die Geschichte einer jungen Studentin und eines kaum älteren, aber milliardenschweren Unternehmers. Die Verbindung der beiden ist vom Magnetismus sexueller Praktiken bestimmt, die aus dem sadomasochistischen Formenkreis von Dominanz und Submission stammen. Der Erfolg des schlicht geschriebenen und schlecht recherchierten Erotikziegels hat nicht nur die Literaturkritik auf den Plan gerufen, sondern auch die Soziologie. So legte Eva Illouz, Professorin an der Hebräischen Universität in Jerusalem 2013 einen Essayband über E.L. James' Grey-Bestsellertrilogie vor. In einem Interview mit der deutschen Tageszeitung taz resümierte Illouz ihre Anlalysen. “Shades of Grey” spiegle vieles davon, was in modernen Beziehungen Realität sei. Ein wiederkehrendes Thema sei dabei jenes der Unsicherheiten. Für diese halte das Buch eine Formel symbolischer Problemlösung bereit: Sadomasochismus. Dieser sei, so Illouz, ein Weg ist, von Unsicherheit geprägte Identitäten zu restabilisieren. Die philosophische Frage, die dabei gestellt werden könne, erwarte die Antwort darauf, inwieweit ein Partner seinen Willen zugunsten des Willens des anderen Partners abzuändern bereit sei - weil der eine den anderen liebe. Illouz bezieht sich auf die im Roman beschriebenen Protagonisten. Ein junges Ding aus der Welt der Sehnsüchte und der Sprachkraft. Und einen saturierten Sadisten aus der Welt der Hyperkapitalisierung. Der essayistische Befund der renommierten Soziologieprofessorin reicht weiter. Wir dürfen ihn an eine republikkonstituierende Beziehung anlegen. Jene zwischen einer jungen urbanen Liebesbedürftigen und einem altklugen Provinzprinzen. Gemeint sind die österreichische Sozialdemokratie und der Bund der Bünde, die Volkspartei. In masochistischer Manier wirft sich die Unsichere dem sadistischen Grantscherm in die Arme. In der Hoffnung auf eine Zukunft stabilisiert sie dabei eine einzige Wahrscheinlichkeit. Die, keine Zukunft zu haben.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.2.2015.

21. Februar 2015 (0) Comments

Der Schiheld und sein Balkon

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 08/2015

Liebe Frau Andrea,

in kleiner Runde haben wir uns die Opernball-Direktübertragung angeschaut. Beim Abfilmen der Festlogen stach uns Karl Schranz ins Auge. Der stand doch einst mit Bruno Kreisky am Heldenplatzbalkon. Ist das eigentlich schon aufgearbeitet?

Danke für die Aufklärung!
Lydia Patat, Landstraße, per Email

Liebe Lydia,

die Autorin dieser Kolumne hat die Begebenheit in der Monographie “Die österreichische Oberfläche” gewürdigt. Das Balkonereignis, das Sie ansprechen, fand allerdings am Ballhausplatz statt, nicht am Heldenplatz. Wie war es dazu gekommen? Nach dem Urteil des Präsidenten des IOC, Avery Brundage, Schranz wegen eines Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen von den Olympischen Spielen in Sapporo, Japan, nach Hause zu schicken und damit einer sicheren Goldmedaille zu berauben, hatte sich Österreich in den Ausnahmezustand gefiebert. Karl Schranz war in dieser Zeit der am meisten bewunderte Mann Österreichs. Zehntausende Leserbriefe wurden geschrieben, vier Schallplatten mit Protestliedern kamen heraus, darunter "Der Karli soll lebn!" von Georg Danzer und André Heller. Im Dienstwagen von Unterrichtsminister Fred Sinowatz fuhr Schranz schliesslich am 8. Februar 1972 in einem Triumphzug vom Flughafen Schwechat Richtung Innenstadt, hunderte Autofahrer schlossen sich dem Konvoi an, der zeitweise mehrere Kilometer lang gewesen sein soll. Karl Schranz stand aufrecht im Schiebedach seines Wagens. In der Wetterlage spiegelte sich die Gemütslage der Nation wieder: Es hatte zwei Grad und es nieselte. Gegen 14 Uhr erreichte die Wagenkolonne den Ballhausplatz. Im Bundeskanzleramt wurde Schranz von Kanzler Kreisky erwartet. Der Regierungschef ermunterte den den St. Antoner Skifahrerhelden, sich auf dem Ballhausplatzbalkon der jubelnden Menge zu zeigen, weigerte sich aber anfangs, ihn dabei zu begleiten. Erst als Schranz zum dritten Mal auf den Balkon getreten war, gelang es dem Pistenidol, Kreisky zu überreden, gemeinsam die Ovationen mit "Karli"- und dann auch "Kreisky"-Rufen entgegenzunehmen. Schifahrer und Kanzler profitierten wechselseitig vom Nimbus des jeweilig anderen. Diesem Strahlen sollte später auch Vladimir Putin erliegen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

15. Februar 2015 (0) Comments

Das Stockerl

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14.2.2015.

26 Tage hat sich der österreichische Schriftsteller Jura Soyfer in Freiheit befunden. Im Zuge einer Amnestie für politische Gefangene ist er entlassen worden. In sicherer Erwartung einer abermaligen Verhaftung nach dem Anschluß Österreichs an Hitlerdeutschland beschließt er, das Land zu verlassen. In dem schlichten, aber existentiellen Vorhaben, sein Leben zu retten.

Soyfer hat keinen gültigen Pass, an eine “normale” Ausreise ist nicht mehr zu denken. Mit seinem Freund Hugo Ebner fährt er am 13. Februar 1938, einen Tag nach dem Anschluß, in einem überfüllten Schweizer D-Zug von Wien nach Bludenz und von dort mit der Montafontal-Bahn nach Schruns. Die beiden steigen schliesslich mit Schiern zum tiefverschneiten Luftkurort Gargellen auf. Unter dem Vorwand, eine Schitour zu unternehmen, wollen Soyfer und Ebner über das Schlappiner Joch in die rettende Schweiz flüchten. Am Nachmittag, schon hinter Gargellen, werden sie angehalten und perlustriert. (Die Gendarmeriepatrouille ist vermutlich ebenfalls auf Schiern unterwegs). In Ebners Rucksack finden die Beamten eine Sardinenbüchse, die in eine Gewerkschafts-Zeitung eingewickelt ist. Der jüngste der drei Gendarmen, ein glühender Nazi, will sich schon in den allerersten Tagen der ‘Ostmark’ seine Sporen verdienen. Daß die beiden Angehaltenen etwas Gedrucktes mit sich führen, ist Grund genug zur Verhaftung. Soyfer und Ebner in der Folge ins KZ Dachau und später ins KZ Buchenwald. Soyfer stirbt dort 1939 an Typhus, Ebner kommt frei und kann nach Großbritannien emigrieren.

In der Geschichte dieser Verhaftung vermählen sich Groteske und Tragödie der österreichischen Königsdiziplin. Ausgerechnet eine Schitour dient der Camouflage einer Flucht. Das Corpus Delicti ist eine Zeitung. Ein Nazi-Gendarm auf Schiern sichert sich einen “Stockerlplatz” als Vorarlbergs frühester Verhafter. Die Verhafteten sind die besseren Schifahrer, aber sie haben den schlechteren Startplatz. Ein sozialistischer Rechtsanwalt und ein jüdischer Literat unterliegen gegen das Team mit dem Heimatvorteil.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14.2.2015.

14. Februar 2015 (0) Comments

Lager und Mauer, Mütze und Trauer

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 07/2015

Liebe Frau Andrea,

im letzten Falter sind unter "JENSEITS" die Skimützen (oder "Schimützen"?) von Bundespräsident und Bundeskanzler beim Gedenken der vor 70 Jahren erfolgten Befreiung von Auschwitz als die Würde störend empfunden worden. Mich würde interessieren, wie man am besten "mit Würde" gedenkt - ist dies eine Frage der inneren Einstellung oder der äußeren Erscheinung?

Mit besten Grüßen,
Peter Belada, Ottakring, per Email

Lieber Peter,

zur Etymologie der inkriminierten Kopfbedeckungen darf ich Wortkundliches von den Brettern berichten, die in Österreich die Welt bedeuten. Das Wort Schi wurde im 19. Jahrhundert dem norwegischen Ski entlehnt, das vom altnordischen skíð abstammt und mit den deutschen Wörtern Scheit und Schindel urverwandt ist. Die skandinavische Aussprache des Wortes Ski erzeugt eine Silbe, die ähnlich, wenn auch nicht gleich wie das deutsche “Schi” klingt. Schwieriger erachten wir die Klärung der Frage nach der Würde einer Schimütze. Die Kollegen haben in Falter 6/15, pag. 21 insoferne kein klares Urteil gefällt, als sie den Befund der mützentragenden österreichischen Staatsrepräsentanten als “jenseits” taxierten. Die Sache ist tatsächlich komplex, verweist doch die Garderobe von BP Fischer und BK Faymann auf ein Dilemma. Die Schwarze Wand (oder Todeswand), ein Nachbau jenes Kugelfangs aus schwarzen Isolierplatten, der sich an der Steinmauer im Hof zwischen Block 10 und 11 des Stammlagers des KZ Auschwitz befand, ist ein historischer Ort und eine Weihestätte. Das Bedecken des Hauptes dort darf als Geste des Respekts vor Opfern und Angehörigen verstanden werden. Das Tragen beitkrempiger Herrenhüte mochten sich Fischer und Fayman wegen der Assoziation zu den Hüten jüdischer Orthodoxer verbeten haben. Griffen sie deshalb zur Mütze? Mit der Trauerfarbe Schwarz wollte man immerhin sichergehen, jeden Gedanken an Sporthauben ausschliessen zu können. Ein Irrtum. In moralischer Hinsicht dürfen beiden Protagonisten dennoch ehrenvolle Absichten und redliche Haltung attestiert werden. Papst Benedikt Benedikt XVI. trug bei seinem Besuch der Schwarzen Wand im Mai 2006 die blütenweisse Papstsoutane. Dazu rostrote Slippers aus dem Hause Gammarelli. Die Aufregung der Würdewächter hielt sich in Grenzen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

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Ad Beitrag Falter VII/2015 - Skimützen bei Gedenkfeier

Kommentar:

Hatte mich auch über die sportlichen Skimützen gewundert - meines Erachtens wäre
ein grauer Homburg mit schwarzem Hutband angemessen gewesen. In Wien auf der
Mariahilfer Straße bei Mauerer erhältlich und auf deren Homepage auch darauf
verwiesen wird, dass Kreisky ihm bevorzugt getragen hat.

http://www.hut-online.at/saks-furfelt-stetson.html

MfG
O. Urban

http://urgeschichte.univie.ac.at/otto-urban/

8. Februar 2015 (0) Comments

Die großen Fragen des Landes

2015.02.07-Die-grossen-Fragen-des-Landes.jpg

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7.2.2015.

Der Opernball ist die Antwort in jenem Kurzdiskurs, zu dem Österreich die Frage ist. Wer das Land verstehen will, muß dieses Fest verstehen. Wenn dies denn ginge. Führt doch jede intensive Beschäftgung mit dem Opernball in die Labyrinthe der österreichischen Seele. An ein Entkommen aus ihnen, an Kartographierung oder Enträtselung derselben ist nicht zu denken. Die Hochglanzveranstaltung ist an das katholische Kalendarium gebunden, sie findet üblicherweise am letzten Donnerstag vor dem Aschermittwoch statt. Entgegen landläufiger Mythologisierung ist der Opernball keine urwienerische Erfindung und noch weniger eine von aristokratischer Eleganz. Sein gerne verschwiegenes Vorbild waren die berüchtgten Pariser Opernbälle. Der Kaiser, in dessen Singspielhaus der Abend am 11. Dezember 1877 erstmals gegeben wurde, war nicht amüsiert und verbat aus Angst vor Pariser Tumultzuständen das Tanzen. Der erste Opernball hieß daher Hofopern-Soirée. Spätere Veranstaltungen mit stärker ausgeprägtem Ballcharakter nannten sich Opernredoute. Es war eine feine, aber halbseidene Fete. Die höchsten Kreise verkehrten ohnedies auf den hocharistokratisch exklusiven Ahnenbällen in der Mehlgrube (auf dem Areal des heutigen Hotel Ambassador). Der Opernball war also ab origine ein Treffpunkt der zweiten und dritten Gesellschaft. Singendes Hofpersonal, Wirtschaftstreibende, Kleingeldsäcke und Lebedamen. Uniformiert war und ist man damenseitig mit leichter und mittelschwerer Ballrobe, falschem Nerz und einfacher Perlenkette, der Begleiter betrat und betritt nach Tunlichkeit im eigenen, in der Regel aber im Leihfrack die Feststiege. Der Staatssender ORF trägt dem Rechnung und Rache und überträgt das Tanzereignis wie ein Schirennen. Heroisiert wird der nationale Mummenschanz mit dem Hinweis auf den Mythos, dass hier (und nur hier) die grossen Geschäfte des Landes gemacht würden. Schamlos zeigt und kommentiert das staatliche Fernsehen die Ballgäste schon im Zustand des Emporkommens. Auf der Feststiege. Kein Bild könnte eine Gesellschaft schlechter Haltung, falscher Manieren, aber guter Hoffnung besser beschreiben, als jenes. Alles Walzer. Alles Österreich.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7.2.2015.

7. Februar 2015 (0) Comments

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