Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

          Subscribe Subscribe!


This work is licensed under a
Creative Commons License

Trick 17. Endlich gelöst

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2015 - 22.7.2015

Liebe Frau Andrea,

vor kurzem habe ich unseren Sohn mit dem Sprichwort “Das ist Trick 17“ konfrontiert. Er hat natürlich sofort nachgefragt, warum das nun nicht "Trick eins" hieße. Nun ist gewiss ein sogenannter „Einser-Schmäh" etwas was andere als der Trick 17. Das hilft mir allerdings wenig bei der Beantwortung der Frage. Können Sie mir bitte weiterhelfen? Unser Sohn hat mich schon mehrfach daran erinnert, Ihnen zu schreiben.

Mit lieben Grüßen,
Christina Pantucek-Eisenbacher, per Email


Liebe Christina, lieber Junior,

die Versuche, eine Antwort auf die 17er-Trick-Frage zu geben, geistern mit Regelmässigkeit durch die Foren der Internet-Frageportale und die Online-Ausgaben der Tageszeitungen. Erschöpfend wurde der Ursprung der Redewendung - sie ist ausschliesslich auf das deutschsprachige Gebiet beschränkt - dort nicht gelöst. Klar war bisher nur, was mit “Trick-17” gemeint ist: Die simple, aber originelle und ungewöhnliche Löung eines Problems. Zudem muss ein perfekter “Trick 17” immer und auf Anhieb funktionieren. Die Sprachberatung der Gesellschaft für deutsche Sprache tappt im Dunkeln, macht aber einige Verdächtige für den Ausdruck namhaft. So soll der Begriff auf das Kartenspiel Whist zurückgehen, bei dem ein Stich mit seinem englischen Begriff “trick” bezeichnet wird. Die Konnotation von Trick und der Zahl 17 beim Whist liege darin, dass 17 in diesem Kartenspiel die höchstmöglichen Stichzahl sei. Ähm, ja. Als weiteren Ursprung wird ein algebraischer Beweis des großen Mathematikers Carl Friedrich Gauss von 1769 bemüht, in dem dieser nachwies, dass sich mit Zirkel und Lineal ein regelmäßiges Siebzehneck kontruieren lässt. Auch in der Welt der Zauberkunst wurden Erklärkollegen fündig: So wird der Trick 17 einem (fiktiven) Magier Carlos Luminoso zugeschrieben. Dieser soll ein Buch mit Zaubertricks hinterlassen haben, in dem ausgerechnet jene Seiten fehlten, auf denen sein Trick Nummer 17 vermerkt gewesen sein soll. Des Rätsels Lösung, der Urprung der Redewendung ist indes prosaischer und einfacher. Mit Trick 17 ist die Möglichkeit gemeint, mit einem 17er-Schlüssel aus der Werkstatt oder vom Bau eine Bierflasche zu öffnen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

26. Juli 2015

Hitler, Sissi, Winnetou

Für die Salzburger Nachrichten Magazin vom 25.8.2015, pg. 7.

Der deutsche und österreichische Nachkriegsfilm spiegelt das Dilemma der Zeit. War man Täter oder Opfer? Wollte man aus der Geschichte lernen oder sie möglichst schnell vergessen? Essay von Andrea Maria Dusl

Der Film, le septième art, die siebente Kunst und im Verständnis seiner Kenner die umfassende, ist auf tragische Weise mit dem Aufstieg des Dritten Reichs und damit mit der Geschichte Deutschlands und Österreichs verbunden. Sehr früh erkannten die Nationalsozialisten die propagandistischen Möglichkeiten des Mediums Film. Die bewegten Bilder dienten als Kraftarm für die Gleichschaltung der Gesellschaft und die Durchdringung des “Volkes” mit Struktur und Inhalten totalitären Denkens.
Jedes Genre wurde missbraucht.

Die Präsenz filmischer Mittel im Nationalsozialismus ist einer der Gründe für die Sonderentwicklung, die das Medium nach dem Zusammenbruch des Faschismus genommen hat. Der Film ist nach Hitler, nach der “Stunde Null”, ein anderer. Der Film hat seine Reinheit für immer verloren. Produzenten und Publikum spiegeln in ganz spezifischer Weise die politische Verfasstheit der Zeit in das Medium.

Von welcher Zeit aber sprechen wir? Wann begann sie, wann endete sie? Mit der Beseitigung der Trümmer? Der Rückkehr der Kriegsgefangenen? Mit dem Abzug der Besatzungsmächte? Dem Anbranden des deutschen Wirtschaftswunders? Mit dem Bau der Berliner Mauer? Mit ihrem Fall gar? Die Erinnerung webt Zeiten und Ereignissen zu Mustern. Entwicklungen werden erst aus der Entfernung sichtbar. Geschehenes schiebt sich zu Geschichte zusammen. Erinnertes vermischt sich mit Erzähltem, Erfahrung mit Deutung.

Alles überragt der Sissifilm. In diesem falschen Satz steckt viel richtiges. 1955, zehn Jahre nach Kriegsende, dreht der österreichische Komödienspezialist Ernst Marischka den Herz-Schmerz-Schinken Sissi, katapultierte damit Romy Schneider in den Filmhimmel und Karl-Heinz Böhm etwas tiefer daneben. Die Trilogie um Franzl und Sissi wird im Jahresrhythmus mit zwei Fortsetzungen komplettiert und gerät zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten deutschsprachigen Kinoereignisse aller Zeiten. Bei aller Verklärung - in ihrem Kern erzählen die Sissifilme vom Anschluss. Am kitschtriefenden Beispiel einer dynastischen Familienepisode: Liebesdinge und Heiratssachen der schüchternstolzen Bajuwarin Elisabeth und des bergdeutschen Jungkaisers Franz-Joseph. Der Kulturkniff gelingt: Um dem Unaussprechlichen der jüngeren Geschichte (zumindest österreichseits) zu entkommen, wird das historische Themenrad zurückgedreht. Die handelnden Personen werden als Opfer der Umstände, Berater und Einflüsterer als die eigentlichen Täter dargestellt. Der Erfolg der Sissi-Filme ist psychotherapeutischer Natur, seine Botschaft ist simpel: Das Buch der Geschichte hat viele Seiten. Der Untergang im Krieg ist nicht die einzige Erzählung. Auch die Hofburg, der Försterwald und der Erbbauernhof bieten Schicksalshaftes mit Endzeitstimmung. Viele Heimatfilme der Zeit sind Wiedergänger alter UFA-Produktionen, die nur oberflächlich der Blut-und-Boden-Schwere der Vorbilder aus der NS-Zeit entsagten, insgesamt aber von Kampf und Entbehrung künden. In gewisser Weise erzählen auch die Myriaden an Peterfilmen, Blödelstreifen mit Gesang, exemplarisch vorgeführt von Peter Alexander, Peter Kraus und Peter Weck vom Scheitern. Dem großen, weitgehend in die Komödie ausgelagerten Thema Deutschlands.

Der andere Filmstoff, in dem sich Deutsche (und Österreicher) wiederfinden, entsteht viel später und markiert das satte Ende der Nachkriegsfilmerei. Seichte und betulich wird die Geschichte einer frischeren Freundschaft thematisiert. Die Blutsbrüderschaft zwischen Deutschen und Amerikanern. Die Liebe zwischen Old Shatterhand (dem Alter Ego des Nationalschriftstellers Karl May) und dem edlen Wilden aus der Neuen Welt, dem schönen Häuptling Winnetou ist (zumindest in der Verfilmung) nichts weniger als eine Metapher für die transatlantische Allianz. Österreicher lesen den Film anders und meinen sich im Volk der Apachen wiederzusehen.

Die Cowboy-und-Indianer-Klamotte ist nur der harmlose Endpunkt martialischer Filmerzählkunst im Nachkriegsdeutschland. Mit der Wiederbewaffnung Westdeutschlands hat sich das Genre Kriegsfilm an der Kinokasse bemerkbar gemacht, die Stoffe stammen von Romanautoren wie Kirst und Konsalik. Die Streifen heroisieren den deutschen Soldaten als tapferes, aber weitgehend unpolitisches Opfer - Vergangenheitsbewältigung wird auf militärischen Widerstand gegen Hitler reduziert. Analytische Tiefenbohrungen gelingen seltener - so G.W. Pabst 1955, mit dem Film “Der letzte Akt” über das Lebensende Adolf Hitlers. (Der Führer ist der einzige Österreicher in diesem Genre.)

Seinen Ursprung nimmt der deutsche Trümmerfilm gleich nach dem Krieg, in der russischen Besatzungszone. Für die Ostberliner Defa dreht der Sohn eines Schauspielerehepaares und gelernte Autoschlosser Wolfgang Staudte 1946 “Die Mörder sind unter uns”, den ersten deutschen Nachkriegsfilm. In Mittelpunkt stehen Fragen von Schuld und Vergeltung für barbarische Kriegsverbrechen. Der politische Linke und erklärte Antifaschist Staudte widmet sich auch in seinen anderen, im deutschen Osten gedrehten Filme seinem zentralen Anliegen: Das fatale Verhältnis des Spiessers zur Macht zu zeigen - und den blinden Autoritätsglauben des deutschen Bürgers. In “Rotation” (1948/49) erzählt Staudte die Wandlung eines unpolitischen Druckereiarbeiters zum Nazi-Mitläufer und schliesslichen Regimegegner. Sehen will das kaum wer.

In Adenauers Bundesrepublik begreift man Staudtes Filme als ostzonale Propaganda: Der Regisseur wird als “Unruhestifter”, Nestbeschmutzer” und “ideologisch motivierter Provokateur” beschimpft. Seine Filme polarisieren Publikum, Kritik und die Politik. Das Westdeutschland des Kalten Kriegs punzierte den Aufarbeiter zur ungewünschten Reizfigur. Die Folgen der Ablehnung bekommt Staudte mit seinem Wechsel nach Westdeutschland hautnah zu spüren. Der dortigen Politik und Filmwirtschaft ist der streitbare Aufklärer suspekt. Staudte hält sich mit Hauptmann- und Spoerl-Verfilmungen über Wasser. Seinen Finger in die deutsche Wunde legt er schliesslich wieder in "Rosen für den Staatsanwalt" (1959). Der Film porträtiert einen Richter, der noch am Ende des Krieges Todesurteile verhängt hat und nun, in der Bundesrepublik des Wirtschaftswunders, zu neuem Ansehen gekommen ist. Auch mit “Kirmes“ (1960) und “Herrenpartie“ (1963) bleibt Staudte seiner politischen Linie treu, landet im hier und jetzt, brandmarkt die kollektive Verdrängung nationalsozialistischer Gräuel durch seine vom Wirtschaftswunder-Rausch erfassten Landsleute. Staudte bleibt provokanter Aussenseiter. Die wenigsten seiner späten Kinoarbeiten werden kommerzielle Erfolge. Im Fernsehen gelingt ihm mit dem Jack-London-Mehrteiler “der Seewolf” und Arbeiten für “Tatort” zumindest handwerklich respektables. Am 19. Januar 1984 stirbt der Mahner und Aufrüttler bei Dreharbeiten in Slowenien.

"Die vornehmste Aufgabe unserer Zeit ist zu vergessen", postuliert eine der Hauptfiguren in “Herrenpartie”. Staudte wollte das Gegenteil.

Andrea Maria Dusl für die Salzburger Nachrichten Magazin vom 25.8.2015, pg. 7.

25. Juli 2015

Hoffnungsprojekt Semikolon

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 30/2015 - 22.7.2015
Liebe Frau Andrea,

erst habe ich das kleine Tattoo bei einer Kellnerin gesehen, direkt über den Pulsadern, dann neulich in der Bim und heute im Bad. Ein Punkt und darunter etwas, das wie ein Beistrich aussieht. Gibts da eine Bedeutung dazu und wenn ja, wissen Sie mehr darüber?

Lieben Dank,
Nele Widesott, per Facebookdirektnachricht


Liebe Nele,

Sie haben richtig gesehen. Bei den von Ihnen beobachteten Hautmarkierungen handelt es sich um Tätowierungen. Das dargestellte Symbol - Punkt und Beistrich - ist tatsächlich ein typographisches Zeichen: Das Semikolon, im Deutschen etwas weniger prosaisch Strichpunkt genannt. Mit diesem Zeichen werden Teilsätze und Wortgruppen voneinander abgegrenzt. Es wird damit ein stärkeres Maß der Separation zum Ausdruck gebracht als mit dem Beistrich (Komma) und ein geringerer als mit dem Punkt (Kolon). Im Griechischen fungiert das Semikolon übrigens als Fragezeichen (das Semikolon ist dort der hochgestellte Punkt). Das erste gedruckte Semikolon setzte der italienische Drucker Aldus Manutius d. Ä. 1494 in die Welt. Als erster bekannter Autor verwendete der englische Dramatiker und Dichter Ben Jonson (1572 -1637) das Zeichen. Wann und warum aber büchste der Strichpunkt auf die Haut aus? Der Semikolonismus begann im Frühjahr 2013 als Blog-Projekt der US-amerikanischen Fotografin und Grafikdesignerin Amy Bleuel. Sie wollte damit ihres Vaters erinnern, den sie durch Selbstmord verloren hatte. Auch Bleuels eigene Lebensgeschichte prägten Episoden von Depression, Selbstverletzungen, Abhängigkeit und psychischen Erkrankungen. Im Internet-Projekt “Semicolon” sollte zum Audruck kommen, so Bleuel, dass die eigene Geschichte noch nicht vorüber sei. Dass man Autorin derselben sei und sich dafür entscheiden könne, dass diese weitergehe. Im Rahmen des schnell wachsenden Projekts und seiner zahlreichen Multiplikatoren wurde in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, Bilder von Handgelenken zu posten, auf die Semikolons aufgemalt waren. Der Semicolonstorm wurde stärker. Aus den Zeichnungen wurden bald Tattoos. Mittlerweile sind Millionen Betroffene; stolze Träger des lebensbejahenden Strichpunkts; Fortsetzung folgt;www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

19. Juli 2015

Euro Krisenmedizin

2015.07.18-Euro-Krisenmedizin.jpg

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.7.2015.
 
Die Medizin ist verordnet, die Tabletten sind eingeschachtelt, der Cocktail muss nun eingenommen werden. Dr. Seltsam hat im Rahmen einer Therapieverschärfung eine Erhöhung der Medikation vorgeschlagen. Tagschwester Angie hat dazu erwartungsgemäss zustimmend genickt. Auch Assistenzarzt Tusk, Oberarzt Holland und Pfleger Schulz befürworten die Therapie.

Der griechische Patient, nach einer Serie von Behandlungsirrtümern fortgeschritten an Hospitalismus erkrankt, ergibt sich schliesslich dem Diktat des Primars. Schwester Angie leitet und überwacht die orale Einnahme der verschriebenen Pillen und Kapseln solcherart, dass sie dem Patienten, sobald er die Genesungsmixtur aufgenommen hat, die Nase zuhält. Gewusst wie! Gelernt ist gelernt! Der Hellene, geschwächt von zermürbender Anamnese und langwierigen Voruntersuchungen, entscheidet sich fürs Schlucken.

Einen Patienten Athener Herkunft haben die Doktoren in der Klinik Juncker bereits verloren. Professor Yanis Varoufakis, selbst vom Fach, hatte sich geweigert, die bitteren Pillen von Oberärztin Lagarde zu schlucken. Sämtliche Vorschläge alternative Therapien betreffend, waren unerhört geblieben und dem Leidenden als Renitenz und Krankheitsuneinsicht ausgelegt worden. Zudem hatte sich herausgestellt, dass der Patient selbstverschuldet unterversichert war. Typisch für Kranke aus diesen Gegenden, so Bettenwart Schelling, fahrlässig und gemeingefährdend.

Dr. Seltsam indes, von schwäbischer Genauigkeit mehr getrieben denn geleitet, ist sich der Behandlungssache sicher. Dass der Klinikleiter die Expertise weniger im Studium erlangt hat als in der oberflächlichen Lektüre dubioser Arztromane, kümmert nur den Leidenden. Der ist aber jetzt eingestellt, wie man so schön sagt, und laboriert nicht mehr ausschliesslich an der Krankheit, sondern auch an Wirkungen und Nebenwirkungen der verabreichten Präparate. Doktor Seltsam lächelt. Schwester Angie bereitet den Einlauf vor. Auch die alten Methoden werden hier noch geschätzt.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 18.7.2015.

18. Juli 2015

Letzter Ausgang Griechenland

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2015

Liebe Frau Andrea,

ich verstehe nicht, warum überall von Grexit gesprochen wird. Griechenland kann doch nicht aus Griechenland raus. Es könnte aus dem Euro rausgehen. Das müsste aber dann Euroxit heißen, oder?

Vielen Dank für diese und schon erfolgte Aufklärungen,
Thea Nieswasser, per Email


Liebe Thea,

wir werden versuchen, etwas Licht auf die Sache zu werfen. Das freiwillige oder gar erzwungene Ausscheiden eines Landes aus der Eurozone ist im "Vertrag über die Europäische Union" nicht vorgesehen. In den Gründungsverträgen kommt der Begriff “Eurozone” nicht vor. Seine Mitglieder werden als “Mitgliedstaaten, deren Währung der Euro ist“ bezeichnet. Das Amt zur Veröffentlichung der Europäischen Union spricht vom “Euro-Währungsgebiet” oder “Euroraum”, um “die am Euro teilnehmenden Länder als Ganzes“ zu bezeichnen. Der Begriff des Grexit bezeichnet ungeachtet dessen das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone. Es ist eine Wortverschmelzung (auch: Kofferwort, portmanteau oder frankenword) aus englisch “Greece” (Griechenland) und “Exit” (Ausgang, Austritt, Abgang). Den Neologismus haben nach neuerer Forschung Willem Buiter und Ebrahim Rahbari, Chef-Analysten der US-amerikanischen Großbank Citigroup in einem Papier vom 6 Februar 2012 geprägt. Nach Aussage Buiters ist Rahbari der Autor des Ausdrucks. Das englische Greece (von der lateinischen Bezeichnung Graeci, geht auf die Griechen zurück, die im 8. vorchristlichen Jahrhundert in Italien, der späteren Magna Graecia, siedelten und sich selbst als Graikoí bezeichneten. Längst wird damit der heutige moderne Staat Griechenland bezeichnet. Etwas komplexer liegen die Verhältnisse beim “Exit”. Er kommt vom lateinischen Verb exire, hinausgehen, abgehen, und meint metonymisch auch den Untergang, Tod, den Exitus. In der Ökonomenlingo bezeichnet “Exit” eine Investment-Strategie des Risikokapitals. Hier wird nach einigen Jahren der Austritt (Exit oder Desinvestition) angestrebt. Die Kapitalgeber ziehen sich aus dem Unternehmen zurück. Sie verkaufen ihre Anteile an andere Unternehmen, Risikokapitalgesellschaften oder bieten sie dem Unternehmenseigner zum Rückkauf an. Als schlimmste Exit-Strategie gilt die Liquidation. Aeger! (lat.: traurig, verdrießlich). www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Juli 2015

Der Think Tank

2015.07.11-Thinktank.jpg

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.7.2015.
 
Handeln ist weder immer noch selten das Ergebnis von Denken. Fast alles denkt. Selbst der Bauch denkt, auch wenn seine Möglichkeiten eingeschränkt sind. Denken birgt stets die Möglichkeit des Irrtums. Eine Fluchtroute aus diesem Befund bietet das gemeinsame Denken. Gibt es Zeit und Raum, frische Luft und belebendes Catering, bietet es Vorteile vor dem Denken des Einzelnen. Denken Denkkräftige gemeinsam, lassen sich blinde Flecken ergänzen. Vermeintlich Dummes kann von anderen als Genieblitz erkannt werden, Großes als Ideenmüll, Unausgereiftes kann weitergedacht werden.

Wer führt, weiß zu delegieren. Wer im Stau des Handelns steckt, lässt denken. Gibt es zuwenig Ressourcen für eine Universität, nervt das zeitlose Ideenplätschern einer Akademie, wird in das Institut des Think Tanks investiert. Befüllt wird dieser mit hochdotiertem Denkpersonal, mit Flip Charts und Thermoskannen. In Zeiten mäandernder Monotonie nennt sich der Think Tank schon mal Denkfabrik, in Wahlkämpfen und Zeiten krisenhafter Ereignisse: War Room. Das Englische hat gegenüber dem Deutschen den metaphorisch größeren, wenn auch verwirrenden Ausguck, es versteht unter Tank nicht nur den Flüssigkeitsbehälter, sondern auch den Kettenpanzer. Dies kulminiert in Illustrationen, die zum Thema Think Tank ein Panzerfahrzeug darstellen, dem statt des Geschützturmes ein Gehirn aufgesetzt ist. Na ja. Das Deutsche sieht im Think Tank eher die Immobilie. Einen Öltank ohne Öl, ein Silo ohne Getreide, eine Zisterne ohne Wasser. Einen Tank des Denkens eben. Jedwede Bewegung, vom Sparverein bis zum Großkonzern leistet sich heute einen Think Tank. Politische Parteien selbstredend.

Innerhalb des Think Tanks - das ist ja seine offizielle Bestimmung - wird, nun ja, gedacht. In einer Vielfalt von Möglichkeiten. Vorgedacht, nachgedacht, angedacht und weitergedacht. Dreht sich das Tankdenken im Kreis und versteinert zur Andacht, kann auch schon mal quergedacht werden. Teilnehmer an Think Tanks haben die berechtigte Vermutung geäussert, dass die Erkenntnisproduktion des Think Tanks nicht der Qualität des auftraggeberischen Handelns zufliesst, sondern einzig dazu dient, den Entscheidungsträgern das Denken vom Leib zu halten.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.7.2015.

11. Juli 2015

Schande Deutschland

Als Deutschland die Wiedervereinigung anstrebte, waren alle voller Hoffnung. Alle schauten auf die armen geknechteten Leute aus der DDR, wie auf misshandelte Kätzchen. Den Westdeutschen glaubte man ihr herzliches und brüderliches Ansinnen, den gedemütigten, von einer Kleptokratie und von bösartigen Bürokraten ausgelutschten Unrechtsstaat ins Paradies der Waren und Werte zu führen. Zum Wohle der Menschheit, am Exampel einer geteilten Nation. Wo ist diese Menschlichkeitsnation jetzt? Wo sind diese, das Größere liebschätzenden deutschen Europapolitiker? Und wo ist die Intelligenz geblieben? Die Vernunft? Der Humanismus? Alles aufgesogen im Furor des dumpfen Griechenlandhasses. Schande Deutschland.

8. Juli 2015

Professor Varoufakis

Immer wieder die Leier von den "anstrengenden professoralen Vorträgen" des Yannis Varoufakis. Anstrengend. Professoral. Vorträge. Aber hey, Dumpfbacken, der Mann ist Professor. Ein Professor spricht so. Auch wenn er Motorrad fährt. Vielleicht habt ihr, nichtprofessorale Finanzminister, kein Wort verstanden, von dem, was der Ökonomieprofessor erläuterte. Vielleicht ist aber auch euer Englisch nur zu schlecht, vielleicht seid ihr ganz schwach in wirklicher Ökonomielingo. Stellt sich die Frage, warum ihr im Amt seid. Aus politischen Gründen, gewiss, ja. Mehr nicht? Expertise anyone? Professionalität? Genau das bedeutet das Wort Professor. Dass er Profi ist. Aber gut, das zu verstehen ginge über eure Hutschnur.

8. Juli 2015

Bimfahrer und Bezeichnungsmacht

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 28/2015

Liebe Frau Andrea,

ich habe neulich den ersten afroaustriatischen Bim-Fahrer gesichtet. Oder heißt es austroafrikanisch? Die Freude angesichts dieses neuen, lenkenden Mitarbeiters der Wiener Linien war groß. Ebenso aber meine Ratlosigkeit, was denn nun die korrekte “phänomenologische“ Bezeichnung wäre. In den USA spricht man von “african americans” – aber wie denn nun bitte auf Österreichisch?

Herzlich,
Thomas Nárosy, per Email


Lieber Thomas,

zunächst zu den technischen Details ihre Ratsuche. Bim-Fahrer lenken ihre Fahrzeuge nicht, da Straßenbahnen keine Lenkung haben. Sie fahren auf Schienen. Die korrekte (und offizielle) Bezeichnung des Triebwagenführers lautet StraßenbahnfahrerIn. Nun zum Kernanliegen Ihrer Anfrage, Ihrer Unschlüssigkeit in Bezeichnungsfragen. Ohne zu tief in das weite Feld politisch korrekten Handelns einzulaufen, will ich ein paar Gegenfragen stellen. Ich war neulich in Peking und habe dort den ersten flavosinen Busfahrer gesichtet. Oder heißt es sinoflav? Meine Freude angesichts dieses neuen, lenkenden Mitarbeiters der Pekinger Verkehrsbetriebe war groß. Aber ging es um Freude? Oder fiel mir nur das blonde Haar des Fahrers auf? Und warum fiel es mir überhaupt auf? Weil Chinesen in der Regel schwarzes Haar haben? Wer aber stellt diese Regel auf? Hätte ich Notiz genommen, wenn der Fahrer Mahlers Zweite liebte? Wäre mir aufgefallen, wenn der Mann Linkshänder wäre? Vegetarier? Cinematophiler? Teetrinker? Kaum. Ich habe in meinem fiktiven Beispiel einen Menschen im öffentlichen Raum auf sichtbare körperliche Merkmale reduziert. Nicht gut. Die US-amerikanische Üblichkeit, die Bevölkerung in “Rassen” einzuteilen und diese meist willkürlichen Zuordnungen in Dokumenten zu manifestieren, hat Wellen der Relativierung geschlagen, die auch bei uns als political correctness anbranden. Überschiessende Zustimmung bricht sich in Ethnophilie, Angst und Borniertheit ergießen sich in Fremdenhass und Rassismus. Als Österreicherin mit migrantischem Hintergrund bin ich Betroffene wie Betreffende. Die Zuschreibungen sind immer subjektiv. In Amerika hielt man mich schon für eine Inderin, in Russland für eine Kasachin, in Oberösterreich für eine Deutsche, in Ägypten für eine Russin. Es ist kompliziert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Juli 2015

Wie Österreichs Politiker
den Sommer verbringen

2015.07.04-Oesterreichs-Politiker-im-Sommer.jpg

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.7.2015.
 
Der österreichische Sommer, traditionell “Urlaub” genannt und schulfrei gestellt, speist sein Gedächtnis aus drei Quellen. Sie entspringen tief in der Klassengesellschaft des Absolutismus. Das Gebiet des heutigen Österreich war innerhalb der Lothringisch-Habsburgischen Besitzungen ein mäßig industrialisiertes Bauernland. Kinder konnten sommers nicht in die Schule gehen, ihren Eltern brauchten sie auf dem Feld. Zur Einbringung der Ernte. Es waren harte Zeiten für kleine Kinderkörper. Hart und heiß. Wer die Kindheit überlebte, wurde Bauer und Bäuerin oder Magd und Knecht. Aus der agrarischen Notwendigkeit entsprangen die schulischen Sommerferien und mit ihr die Ferialabsenz von Schullehrerenden und Universitätsprofessorium.
 
Nicht nur die Bauern, auch die Großgrundbesitzer und Aristokraten mussten im Sommer auf den Acker. Die Herren sahen auf den fernen Gütern, deren Fruchtgenuss ihnen Reichtum und Stand sicherte, nach dem Rechten. Das hatte direkten Einfluss auf die Verwaltung. Amtsstuben wurden dichtgemacht, Landtage tagten nicht, die Parlamente schwiegen. Ministerien und Ämter reduzierten ihre Aktivitäten auf das Luftzufächeln mürrischer Portiere. Die Familien der Begüterten reisten gleich mit auf die Güter. Wer kein Gut hatte, aber Geld, fuhr ebenfalls aufs Land. Schaute dem Landvolk beim Roboten zu, las in klugen Büchern, erfreute sich an der Natur. Die Sommerfrische war erfunden. Die Luft flirrte vor Hitze und lustigen Gewittern, es roch nach Kaiserschmarrn, im Kurpark spielte die Kapelle. Wer es den russischen Aristokraten nachmachen wollte, fuhr ans Meer und kurierte Rachitis und Winterdepression. So entstand jeglicher Strandurlaub. 
 
Freilich sind mittlerweile die Standesgrenzen ausgefasert. Die reichen Bauernkinder fliegen auf die Malediven und lassen sich bedienen. Das verarmte Bürgertum urlaubt auf Balkonien und fächelt sich Stadtluft zu. Der alte Adel erntet schollennah Biogemüse. Urlaubszeit ist Arbeitszeit. Auch für die Kaste der Politiker.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.7.2015.

4. Juli 2015

Oxi.

Es häufen sich die Kommentare (ausschliesslicher Griechenlandhasser), die sinngemäss meinen, ein Volk wäre zu dumm für eine komplexe Entscheidung. Das ist nichts weniger als der Ruf nach dem "Führer" und die Abschaffung von Wahlen. Aber: Jede große Entscheidung ist komplex. Das ganze Leben ist komplex. Unwägbar. Auch im Falle von Entscheidungen hinter Polstertüren und Reichsratskanzleien ist das der Fall. Eine freie geheime Abstimmung aber ist demokratisch. Das ist der Unterschied, um den es geht.

4. Juli 2015

An Juncker, Merkel, Schäuble, Dijsselbloem, Lagarde:

In der Welt der Finanzen und des Geldverkehrs - und damit auch in den Grexitus-Verhandlungen dieser Tage, Wochen und Monate - wird beständig von Ultimaten und Fristen gesprochen. Termine liefen ab, heisst es im Minutentakt, Zeitfenster schlössen sich, die Zeit werde knapp. Es wird so getan, als wären das gottbestimmte Deadlines. Was für ein vermaldeiter Unsinn. Diese Termine sind Spielregeln in einem Spiel. In einem schlechten Spiel. Sie können jederzeit verändert werden (stellte man sich ausserhalb des theokratischen Systems "Finanzmarkt").

Die einzigen tatsächlichen Termine, die einzuhalten sind, sind menschliche Termine. Organische Termine. Medizinische. Sie werden vom menschlichen Körper bestimmt. Von Kranken, die ohne Medikamente siechen oder sterben. Von Menschen, die verdursten, verhungern oder verlottern. Von Hoffnung, die stirbt. Von Bildung, die nicht erfolgt. Die Termine werden gesetzt von Säuglingen, Gebrechlichen und Alten, die sterben, wie in Kriegszeiten. Das sind die Fristen, Juncker, Merkel, Schäuble, Dijsselbloem, Lagarde. Das sind die einzigen Fristen. Der Atem der Menschen. Das Leben der Menschen.

30. Juni 2015

Deutsche, Griechen, Bartel und Most

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 27/2015

Liebe Frau Andrea,
 
in den letzten Tagen hat sich ja einiges zugespitzt, europamässig, auch bei uns hier in meinem Freundeskreis. Wir sind in unseren Sympathien gespalten. Mein Freund und ich sind Griechenland-Fans und mögen Tsipras und Varoufakis. Die beiden Deutschen in unserer Fortgehrunde sind da ganz anders gepolt. Merkel werde den Griechen jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt, sagen sie. Bitte was?
 
Mit Funken letzter Hoffnung,
Leon Oberhollenzer, Landstraße, per Email


Lieber Leon,

nach landläufiger Meinung handelt es sich bei Bartel um einen gewissen Bartholomäus, und bei seinem Holgut um vergorenen Apfeltrunk. Redewendungsgewandte Deutsche verwenden den Terminus gerne, um drastisches Erkenntnisgefälle darzustellen. In der Metaphorik des Bartelschen Mostholens geht es um die normative Kraft des Möglichen und die Überlegenheit von Kenntnis. Der Most muss gar nicht geholt werden, es genügt zu wissen (und zu zeigen), wo Bartel dies tut. Ihre Freunde aus dem Diskursrund haben die Redewendung richtig eingesetzt, vermutlich aber in Unkenntnis der sprachlichen Zusammenhänge. Unser Spruch kommt nicht aus christlichsozialem, süddeutsch geprägtem Gröschlezählerkreis, sondern aus dem Rotwelsch, der Sprache der Gauner und Bettler und verwendet zwei Hebraismen, die aus dem Jiddischen entlehnt wurden und weder mit Apfelwein noch mit einem Herrn Bartel zu tun haben. Most ist in unserer Wendung nicht vergorener Obstsaft, sondern Moos, das Geld, von der Mehrzahl des jiddischen moo (Pfennig). Bartel ist eine Verschleifung des jiddischen Wortes Barsel (Eisen). Wenn der rotwelsche Barsel wusste, wo er das Moos holt, wusste das Brecheisen, wo das Geld lag. Diese alte Verbrecherweisheit ist als Redensart bereits im 17. Jahrhundert nachgewiesen. Welches Brecheisen der exostdeutschen Pastorentochter Merkel nun wiederum vorschwebt, um dem marxistischen Bauunternehmersöhnchen Tsipras zu zeigen, wo die Verhandlungssumme liegt, lässt sich momentan wegen gallopierender Ereignisabfolge nicht sagen. Dass Deutschland Griechenland mitteilen möchte, wo das Geld liegt, berechtigt immerhin zu sachter Hoffnung. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

28. Juni 2015

Griechenland wird getötet

So sieht also die europäische Solidarität aus. Weil die griechische Regierung ihr Volk nicht verhungern lassen will, ihre Kranken am Leben halten und der Wirtschaft eine Zukunft geben will, wird Griechenland verstossen. Dem Dämon Zins geopfert. Dem Moloch Finanzmarkt. Getötet. Die Schuld wird dem Opfer zugewiesen. Wie das Täter gerne machen. Wie das Täter immer machen. Der schwäbische Kassenwart und die Ossipastorin töten ein ganzes Land. Darin haben sie Übung. Man hätte die deutsche Einigung nicht zulassen sollen. Sie rächt sich mit Hybris und kleinkrämerischem Hass auf alles rechts der Muttimitte. Oh, Du elender, gespaltener Kontinent. Ersticken magst du an deiner Menschenfeindschaft. An deinen dummen Sprüchen, Deinen dummen Konzepten, Deiner zukunftslosen Gesinnung. Deinem Hass auf die Menschen.

28. Juni 2015

Werkzeuge der Ökonomen

2015.06.27-Werkzeuge-der-Oekonomen.jpg

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 27.6.2015.

Ende Februar 1962 hält ein gebürtiger Ukrainer, Sohn eines Rabbis aus Odessa, eine bemerkenswerte Rede. Auf einer Konferenz der American Educational Research Association, abgehalten in der Kongress- und Casinometropole Atlantic City spricht Abraham Kaplan vor Bildungswissenschaftlern - auf dem Bankett des dreitägigen Meetings. Kaplan, längst Amerikaner und Professor der Philosophie an der University of California, Los Angeles, spricht Klartext. Er ermahnt seine Kollegen aus der Wissenschaft zu klügerer Auswahl ihrer Forschungs-Methoden. Die Tatsache, dass bestimmte Methoden sich als praktisch erwiesen hätten, oder jemand auf eine Methode eingeschworen sei, biete keine Sicherheit dafür, dass diese ein brauchbares Werkzeug für die Lösung alle Probleme sei. Kaplan fasst seine Überlegungen in einem Aphorismus zusammen, der als “Kaplan’s Law of the Instrument” bekannt werden sollte: “Gib einem Jungen einen Hammer”, meint der Professor launig,”und alles was ihm begegnet, muss eingeschlagen werden.” 

Das talmudische Statement findet nicht zufällig in einer Stadt am Ozean statt - vorgetragen von einem Migranten aus legendärer Hafenstadt. Dürfen wir doch Menschen aus marinen Handelszentren die Fähigkeit zusprechen, weitere Gebiete als den eigenen Tellerrand zu überblicken. Mit den Schiffen kamen seit jeher nicht nur unbekannte Waren und fremde Seeleute in die Häfen, sondern auch neue Ideen und überraschende Sichtweisen. 

Das wirtschaftliche Handeln unserer Tage darf im Lichte dieser Überlegungen als zutiefst binnenländisch taxiert werden. Kritiker sprechen den Wirtschaftstheoretikern und ihrer praktischen Einflusssphäre - die Staatskanzleien, Finanzministerien und Analystenbüros des Westens - längst jede seriöse Wissenschaftlichkeit ab. Die Disziplin trägt die Züge eines abgeschlossenen quasitheologischen Systems. Wallstreet, Londoner City und Bankfurt sind Heilsorte neoliberalen Talibanismus. Das Werkzeug, mit dem die Probleme dieser Welt bearbeitet wird ist bekannt. Es ist der Hammer. Kein Wunder, dass die Welt der ökonomischen Theologie vor allem eines ist: Vernagelt.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 27.6.2015.


27. Juni 2015

Podiumsdiskussion ::: Seestadt Aspern
Sa. 27. Juni 2015, 20h

WAT IV
Wiener Achse Talks

WACKEL
mit Stefanie Sargnagel, Andrea Maria Dusl und Reinhardt Badegruber

Musik von Mira Lu Kovacs

27. Juni 2015
20 Uhr im Salotto Vienna
U2 Seestadt, Eintritt frei

in Kooperation mit MAK und OKTO

--> https://www.facebook.com/events/961704553880171/

Seestadt-Aspern-15-605x340.jpg

27. Juni 2015

Verärgert

Verärgert seien sie, sagen die Finanzminister und die Großkassiere. Was ist denn das für eine kleinliche Befindlichkeitsstörung? Verärgert zu sein. Ist das nicht ihr Job, Krisen zu meistern, Verhandlungen zu führen, monetär und gubernalisch kreativ zu sein? Statt ihre hochbezahltes Profession auszuüben, kommen von diesen Leuten andauernd Meldungen aus der Welt der Gefühle. Was sind das für Leute? Verärgert zu sein ist ein Luxusproblem. Verärgert sind sie. Sind sie nicht eher labil und persönlichkeitsgestört? Zickig? Wann hat man je von Kranführern, Krankenschwestern, Chirurgen, Kindergärtnerinnen, Feuerwehrleuten angesicht beruflicher Herausforderungen das Wort "verärgert" gehört?

24. Juni 2015

Frau Algo und Tante Rithmus

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 26/2015

Liebe Frau Andrea,
 
seit Jahren schätze ich Sie als zuverlässige Auskunftei für eh alles. Dennoch gehe ich in letzter Zeit des Öfteren fremd und suche Rat bei Ihrem elektronischen Konkurrenten Google. Fürchten Sie nicht um Ihren Arbeitsplatz? Oder sind Sie gar kein Mensch, sondern bloß – horribile dictu - ein vom Falter-Team gut getarnter Algorithmus?
 
Ein verunsicherter und besorgter
Josef Dollinger, Wien-Neubau, per Email


Lieber Josef,

wir wollen versuchen, Ihre Verunsicherung und Besorgnis in die jeweiligen Gegenteile zu verkehren. Ich fürchte nicht um meinen Arbeitsplatz, denn streng genommen habe ich keinen solchen. Ich beantworte sämtliche an mich herangetragenen Anfragen aus meinem privaten Atelier, bin aber fernschriftlich mit der Stadtlebenredaktion des Falter verbunden. Der Herr Google ist ein früher Freund von mir, wir kennen einander schon aus dem Yahoozän. Ich schätze den Central Scrutinizer in vielfacher Hinsicht. Lässt sich doch keine Frage ohne Konsultation des Kollegen G. erschöpfend beantworten. Insoferne sind Suchmeister G. und ich mehr Verbündete denn Konkurrenten. In der Frage meines Menschseins kann ich nur Positives berichten, ja ich bin ein Einzelindividuum, bewohnt von Es, Ich und Über-Ich sowie den Lacanschen Hauptmietern “moi“ und “je“. Wir sind unser eigenes Team, möchte ich, möchten wir sagen, unsere Handlunsanweisungen aber sind komplex und weitgehend metaalgorithmischer Natur. Grundlage der Erkenntnisproduktion, die diese Kolumne speist, ist eine vom deutschen Philosophen Odo Marquard eingeführte, hochpraktische Fähigkeit: Die Inkompetenzkompensationskompetenz. Dieses Talent ist erworben, wird aber mit grosser Sorgfalt gepflegt und stellt die belastbare Grundlage meiner Wissensakquise das. Im Einklang mit der Tatsache, dass ich nicht alles weiss, geschweige denn je wissen könnte, recherchiere das jeweilige Feld materialextensiv und befrage jene, die höher über den Zaun blicken als ich. Meine Bibliothek ist von ausgesuchter Breite, nach rhizomatischen Gesichtspunkten zusammengestellt und befindet sich noch innerhalb der Gutenberggalaxis. Was kann diese Kolumne leisten? Beantwortbares wird beantwortet. Unlösbares bleibt ungelöst. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. Juni 2015

  weiter »
2010: August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2009: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2008: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2007: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2006: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2005: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2004: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2003: Dezember Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2002: Dezember November Oktober September August Juni März Februar Januar 2001: Oktober September August April Februar Januar 2000: August März Februar Januar 1999: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 1998: Dezember November Oktober September August 1997: August Juni März 1996: August Juli 1995: September 1994: Mai 1984: Juli 1977: Februar 1969: März 1924: Januar 1876: Juli 1009: Juli