Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Kindertaugliche Schimpfwörter

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2014

Liebe Frau Andrea,

da mein Töchterlein langsam der Sprache mächtig wird, stellt sich das Problem, welche Schimpfwörter ich aus ihrem Mund hören möchte. Babyworte wie Scheibenkleister finde ich blöder als das Original. Ich suche Alternativen zu "Scheiße/Fuck/Oasch" (genereller Ärger), "Oaschloch/Voitrottl"(für Mitbürger). In meiner Verzweiflung bin ich schon zu Erbstücken aus meiner Kindheit wie "Kreizsakarament", "Kruzinesa" und "Kruzifuchzgal"abgedriftet, bin mir aber nicht sicher, ob das im katholischen Kindergarten jemand hören soll. Können Sie mir bitte weiterhelfen?

Vielen Dank und liebe Grüße,
Viktoria Scherrer, per Email.


Liebe Viktoria,

Schimpfwörter und Flüche, wollen sie die damit Bedachten treffgenau erreichen und triebabbauend für die Anwendenden wirken, müssen auf der Messerschneide des Tabubruchs tänzeln. Die angeführten Erbstücke eignen sich bestens für Fluchen in katholischer Umgebung. Ich würde da jetzt nichts lindern, eventuell sogar zu Schärferem raten. Dass Sie die Flüche noch aus Ihrer Kindheit erinnern, beweist ihre semantische Kraft. Auch in der Vergangenheit haben sich besorgte Eltern um den Liebreiz der Sprache ihrer Sprösslinge gesorgt. Die Allermeisten unserer Schimpfwörter haben diesen Filter erfolgreich passiert. Hier würde ich mich keinen Illusionen hingeben. Fördern sie vielmehr die Fluchkünste Ihres Töchterchens. Im Bergwerk junger Begabungen können goldene Neologismen geschürft werden! In aller Kürze hier dennoch einige Vokabelvorschläge für generellen Ärger und Ideen zum Thema Insult. “Bam Oida!” und “Potztausend” wollen wir als Brückenköpfe klassenbewusster, aber nichtklagbarer Ärgerrufe verstehen. Auch “Karamba!”, “Donnerwetter”, “zum Kuckuck” und “Ei der Daus!” können Dienste am Felde der Harmlosigkeit leisten. Dünner ist das Vokabelheft der Beleidigungen, die treffen sollen, gleichwohl aber schmerzlos bleiben. “Versteher” und “Versteherin” mit vorgesetztem Konfliktobjekt attestieren wir momentan Konjunktur auch in der Vorschulstufe. Im Sinne postmodernen Denkens schlügen sich auch Schmähungen auf Metaebene gut. Sowas wie “Bravkind” oder “Elternstolz”. Ein Klassiker für Kinder und Erwachsene jeden Alters ist das doch sehr verletzende “Du Österreicher!” Ungegendert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

27. Juli 2014 (0) Comments

Wenn der Kranführer mal muss

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 30/2014

Liebe Frau Andrea,

vor vielen Jahren habe ich den Steffl bestiegen. Oben angekommen habe ich den Turmwart gefragt, wie er das mit der Notdurft denn macht. Es gibt ja dort oben kein Klosett. Leider erhielt ich keine Antwort. Die Kranführer auf den Baustellen stehen ja auch vor dieser Aufgabe. Wie lösen die ihr Problem? Sie können es ja nicht so machen wie die Radfahrer der "Tour de France".

MfG, Christoph Patak, pEm.


Lieber Christoph,

die Entledigung flüssiger und halbflüssiger Stoffwechselprodukte gehört zu den grossen Menschheitsthemen. Gleichwohl ist dieses Feld von zahlreichen und wirkmächtigen Tabus verhüllt. Einer Gesamtbetrachtung muss sich diese Kolumne aus Platzgründen versagen, wir wollen uns heute nur mit Detailfragen beschäftigen. Die Radfahrer der Tour de France (und anderer Radrennen) haben zweierlei Strategien des Urinierens entwickelt, die eine ist die kollektive Pinkelpause des Feldes, die andere das Wasserabschlagen während der Fahrt. Kranführer und Turmwarte sind strukturell völlig anders exponiert. Weder befinden sie sich in einem Feld, noch fahren sie. Kranführer drehen sich allenthalben. Als einfachste (aber anstrengendste) Variante für Turmwarte und Kranführer, auf die Toilette zu gehen, darf der Abstieg und das Aufsuchen mobiler oder festinstallierter Einrichtungen gelten. Der Turmwart des Stephansdomturmes, dies ist hochkonfidente Information, hat an seinem Arbeitsplatz oben Zugang zu einem kleinen Klo. Besuchern wird dies verschwiegen. Vor der Installation stiller Örtchen waren auf Türmen Regenrinnen und Nachttöpfe in Verwendung. Als moderne Entsprechung letztgenannter Utensile gelten tragbare Kleinstaborte mit chemischer Geruchsneutralisation und moderne Taschen-Urinale, wie sie Segler und Flieger verwenden. Die Kranführerszene berichtet schon mal von technisch weniger Aufwändigem. Uriniert wird in der Regel in mitgebrachte PET-Flaschen oder Kanister, die in der Mittagspause diskret auf der Baustelle entleert werden. Auch das Abschlagen gegen die Gegenballaststeine hoch oben am Kran wird von Kranführern als gängige Praxis beschrieben. Bei Regen oder grosser Höhe wird schon auch mal aus der Kabine geludelt, so geht die Saga, natürlich nicht gegen den Wind. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. Juli 2014 (0) Comments

Religion und Sonnenstand

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2014

Liebe Frau Andrea,

was macht ein Muslim oder eine Muslimin, wenn die Sonne im Ramadan weder auf noch untergeht? Sind die nördlichen Muslime oder Musliminnen nicht krass benachteiligt gegenüber ihren äquatornahen Brüdern und Schwestern ?

Mit freundlichen Grüßen,
Wolfgang Mähr, per Email.


Lieber Wolfgang,

als Fastenmonat oder Ramadan, abgeleitet von der arabischen Wurzel ramiḍa oder ar-ramaḍ, soviel wie “brütende Hitze”, wird der neunte Monat des islamischen Kalenders bezeichnet. Gläubige weltweit (ausgenommen sind Kinder, Kranke, Schwangere, Stillende, Menstruierende und Reisende) beachten den Ramadan als eine der fünf Säulen des Islam. Die Enthaltsamkeit beginnt mit Sonnenaufgang, endet mit dem Untergang des Zentralgestirns und erstreckt sich auf Essen, Getränke jeder Art, Rauchen und sexuelle Handlungen, in Fällen strengerer Auslegung auch auf Fluchen, Streiten, und vergleichsweise moderne Sünden wie Prokrastination. Weil der islamische Kalender ein Mondkalender ist, und ein Mondjahr zehn bis elf Tage kürzer ist als ein Sonnenjahr, wandert der Ramadan durch die Jahreszeiten. Heuer, die islamische Zeitrechnung schreibt das Jahr 1435, dauert der Ramadan von 29. Juni bis 27. Juli. Ein großes Problem für Migranten in den skandinavischen Ländern. Wollen sie den Ramadan einhalten, können es in Stockholm oder Helsinki schon mal 19 Stunden ohne Wasser und Brot oder eine lindernde Zigarette werden. Musliminnen und Muslime aus diesen hohen Breiten, vor allem aber solche aus Orten nördlich des Polarkreises - hier geht die Sonne im Sommer nicht unter - wandten sich aus begreiflichen Gründen an die religiösen Autoritäten. Es ergingen widersprechende Fatwas. Die liberaleren ägyptischen Theologen trugen den Gläubigen auf, sich im Falle einer länger als 18 Stunden währenden Tagesdauer nach den Zeiten der Heiligen Städte Mekka oder Medina zu richten. Orthodoxere Gelehrte aus Saudi-Arabien hingegen urteilten, die religionswirksamen Effekte fehlender Sonnenuntergänge seien streng einzuhalten, in der Wüste sei man auch nicht zimperlich. Versäumtes könne immerhin später nachgeholt werden. Das Dillemma am Polarkreis ist prolongiert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. Juli 2014 (0) Comments

Sprünge der Saison

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 12.7.2014.

Sommer ist Sonne und Sommer ist Bad. Sonne und Bad aber sind Figur. Figur ist alles in einem richtigen Sommer. Umgekehrt ist alles Figur in einem Sommer voll Richtigkeit. Hier fangen die Probleme an. Die einen haben sie, die anderen sehen sie. Der Figur kann sich niemand entziehen. Im Idealfall wird sie als jugendverboten kurvenreich beschrieben und von knappen Bikinidreiecken mehr ent- denn verhüllt. Für den Begleiter sieht der Modehegemon den Cornettokörper vor. Als maskulines Badekleid von Rang gilt monentan noch die flattrige Schwimmbermudas unter Waschbrettbauch oder Sechserpack. Wir kennen diese Figurentypologie eines idealen Badegastpäärchens vor allem aus der Werbung. Im Freibadalltag kommt er nicht vor. Niemand hat also Figur, alle machen welche. Als Konsequenz dieser Zusammenhänge hat sich eine Volkssportart etabliert, die so variantenreich ist wie beliebt - das Beckenrandspringen. Im Beckenrandspringen offenbaren sich Tugenden wie Untugenden des Österreichertums. Eine traditionelle Förderungsmassnahme besteht darin, das Beckenrandspringen zu verbieten. Was verboten ist in Österreich, so haben wir es gelernt, wird umso lieber getan. Schon die Kleinkinder werden Von Vätern und Brüdern in kunstvollen Schwüngen ins Sommernass geworfen, kaum krabbeln sie heraus, werfen sie sich selbst von allen Ufern. Zahllos sind die Namen, die den Sprungfiguren gegeben werden. Die meisten heissen “Achtung!”, “Jetzt ich!” oder lautmalerisch “Booooombe” und werden in unmittelbarer Nähe älterer Schwimmender ausgeübt. Wo die ballistischen Benennungen versagen, wird geschrien und geprustet. Was in den weiten Ebenen der Badegeländes als adipöse Körpermehrleistung verstanden wird, gilt an der Absprungkante als Tugend. Je dicker die Figur, desto grösser die Wasserexplosion und der Eintauchknall. Man sollte das Phänomen nicht verurteilen. Zwischen Absprung und Impakt, jener Zeit und jenem Raum also, den wir “die Figur” nennen wollen, wird Freiheit produziert. Ein Phantasma, nach dem Bedarf besteht in diesem Land.

12. Juli 2014 (0) Comments

Piketty und Comandantina

Piketty-und-Comandantina.jpg
©Günther Peroutka

Capitalberechner Thomas Piketty und Comandantina prüfen die Zahlen.
Wien, Arbeiterkammer, 4. Juli 2014.

9. Juli 2014 (0) Comments

Neologismus

Aufregeria, die. Urbane Empörungsgesellschaft. Auf Twitter, in Blogs und auf Facebook referentiell und kommunizierend tätig.

©AMD, 7.7.2014

Aber:

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7. Juli 2014 (0) Comments

Aus Kopf, Kern und Herz gewunden

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 28/2014

Liebe Frau Andrea,

trotz intensiven Grübelns komme ich auf keine sinnvolle Erklärung für das Wort "auswendig". Im Englischen und Französischen lernt man etwas "vom Herzen", im Niederländischen "aus dem Kopf", im Portugiesischen "aus dem Kern", alle diese Ausdrücke verweisen nach Innen, nur im Deutschen nach Außen? Oder hat das gar nix mit 'Außen' zu tun? Wie ist das mit Sprachen aus einem anderen Kulturraum, Asien zum Beispiel? Ich bitte höflichst, mich von der Grüblerei zu erlösen!

Herzliche Grüße aus dem 7. Bezirk ('inwendig' des Gürtels),
Inge, per Email.

Liebe Inge,

bis zur Erfindung der Schrift war das Auswendiglernen, also die minutiöse orale Tradition die einzige Methode, Inhalte wortgetreu zu überliefern. Schon damals beklagten die Vertreter der älteren Technik das Aufkommen der neueren, es wurde (zu Unrecht) befürchtet, das Aufschreiben korrumpiere die Fertigkeit des Erinnerns. Im Judentum wurden konsquenterweise beide Traditionen gleichermassen am Leben gehalten, das Memorieren und das letterngenaue schriftliche Kopieren. Von den Kelten, heißt es, sei deswegen so wenig Schriftliches erhalten, weil ihre Gelehrten, die Druiden Wissen ausschliesslich mündlich reproduzierten. Unser heute geläufige Ausdruck “etwas auswendig zu lernen” ist erst relativ spät, im 16. Jahrhundert mit der momentanen Bedeutung aufgeladen worden. Ursprünglich bedeutete die Phrase “auswendig” etwas, zum Beispiel ein Kleidungsstück, nach aussen zu wenden. Konsequenterweise müsste man also vom “auswendig lehren” sprechen und vom “inwendig lernen”. Nach meiner bescheidenen Annahme sollte auch in Erwägung gezogen werden, die Phrase nicht von Auswenden, sondern vom Auswinden abzuleiten, dies würde die mit Wissensreproduktion verbundenen Anstrengungen einigermassen gerecht abbilden. Soweit die Ungenauigkeiten aus unserem Sprachkreis. Im Schwedischen lernt man “utantill” (ohnezu), Spanier können etwas “de memoria” (aus der Erinnerung), Georgier lernen “mündlich”, im Chinesischen und in Hindi spricht man, ähnlich wie im anglofranzösischen von der “Assoziation des Herzens” beziehungsweise vom “Herzlernen”. Hoffe mich hiermit hinreichend schriftlich ausgewunden zu haben! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

7. Juli 2014 (0) Comments

Bachmannwettlesen oder: Tage der deutschsprachigen Literatur

Aus jährlich gegebenem Anlass.

Ich finde die Idee eines Wettkampfes von Texten extrem bescheuert. Als denkender Mensch in schreibender Haltung gibt es nur zwei Positionen. Unaufgeregte Ablehnung oder aufgeplusterten Zynismus. Die Zusammensetzung der inzwischen einschlägig bekannten "Jury" (samt ihrer Emeriti) spricht für die Konjunktur der zweiten Warte. Ich tu' mir schwer. Wie soll ich etwas kritisieren, das ich aus grundsätzlichen Erwägungen lächerlich und unnötig finde? Aber darf man etwas lächerliches lustig finden? Falls das möglich ist, würde ich mich dafür entscheiden, es aber insgesamt vorziehen, der Trottelveranstaltung - auch in Gedanken - möglichst fern zu bleiben.

6. Juli 2014 (0) Comments

Volkskundliches über den Ball

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 5. Juli 2014.

Der deutsche Philosoph und Transzendentalbelletrist Odo Marquard hat sich in einer brillant argumentierten Eigenbekundung zur Fertigkeit der Inkompetenzkompensationskompentenz bekannt. Auch wenn hier ein Stuntman des Denkens große Akrobatik im Schreiben zeigt: Man sollte die Kraft und Gültigkeit der hier namhaft gemachten Eigenschaft nicht der Elfenbeintürmerei zeihen, steckt sie doch in vielen von uns. Inkompetenzkompensationskompentenz wird zu Hochzeiten des Weltfußballs regelmäßig und öffentlich abgerufen. So sitzen (oder liegen) während großer Fußballturniere Nichtfußballer vor den Kommentatormikrophonen des öffentlich-rechtlichen Staatsfunks, um uns zu berichten, was wir zeitgleich selbst sehen. Vorgänge auf dem Rasen. In ihren Vortrag streuen sie nationalistische Bonmots, Herrenwitzpartikel und die eine oder andere rasentechnische Pointe. Seit dem Jahrtausendereignis Córdoba (jeder Österreicher, jede Österreicherin zehrt von dieser Erinnerung) wird zudem der fußballkundliche Simultanbericht nicht gesprochen, sondern geschrien. Die Geschwindigkeit des Gesagten korreliert dabei mit der Ungenauigkeit des Beschriebenen. Die Reportagetechnik, die zum Einsatz kommt, wird dem Medium Fernsehen insofern nicht gerecht, als sie im Hörfunk entwickelt wurde, der bekannterweise ohne Bilder auskommen muss. Kompetenzloses Gefasel ist ein Radiospezifikum. Nur dort entwickelt es Zauber. Noch der größte in den Äther gelallte Unsinn ist wirklichkeitsnäher als das Nichthören der spezifischen Ereignisse. In schlichter Ahnung all dieser Zusammenhänge kompensieren die Kommentatoren des Landes (es sind überschaubar wenige) ihre Inkompetenz durch den öffentlichen Diskurs mit scheinbar Kompetenten – emeritierten Landesfußballern. Diese wissen zwar, wovon sie sprechen, vermögen dies aber nur in seltenen Fällen auch sprachlich auszudrücken. In direkter Konfrontation gewinnen die Kommentatoren als Kommentierende des Originalbefunds an scheinbarer Kompetenz. Fußballberichterstatter wissen zwar nicht, wovon sie sprechen, können dies aber einigermaßen gut ausdrücken. Inkompetenzkompensationskompentenz auf nationalem Weltniveau. Wir sollten dankbar sein für diese Showleistung.

5. Juli 2014 (0) Comments

Fragen der Urlaubsentösterreicherung

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 27/2014

Liebe Frau Andrea,

Wir sind kurzurlaubend an der himmelblauen Adria gestrandet und haben ein Identitätsproblem. Wie können wir vermeiden, hier unten für Österreicher gehalten zu werden, oder, was schlimmer wäre, für Deutsche. Und wofür sollte man uns idealerweise halten?

Mille grazie, cara dottoressa,
Jana Wehle, Hotel Diana, Grado, Italia


Liebe Jana,

die sprachliche Camouflage gehört zu den schwierigen, wenn auch lohnenden Aufgaben, die uns die Etikette stellt. Wir dürfen davon ausgehen, dass zumindest das Rezeptionspersonal des Hotels sich nicht in Unklarheit über die Nämlichkeit und Nationalität ihrer Gäste befindet. Keine Angst. Diese Leute sind geschult im Umgang mit der Befindlichkeit Kurzzeitentwurzelter. Man darf ihnen gegenüber durchaus ehrlich sein, ja wird dafür mit Diskretion belohnt. Alle anderen darf und soll man täuschen, schon aus Eigenschutz. Wer sollte man also nicht sein, beziehungsweise wofür sollte man nicht gehalten werden? Keineswegs wolle man in Gesprächen die starken Idiome Kärntens, der Steiermark oder Oberösterreichs durchscheinen lassen. Auch derbes Grazerisch und breites Wienerisch wären tunlichst zu vermeiden. Das Deutscheln (umgangssprachlich pieffkenieseln genannt) lässt sich kaum erfolgreich verhindern. Es lässt sich aber dämpfen. Etwa durch tunliches Leise- und Langsamsprechen. Mitteleuropäische Sprachbegabung vorausgesetzt, wäre als Idealposition dialektaler Verstellkunst ein Grafbobbyidiom anzusehen, wie es von Gregor von Rezzori selig oder Lotte Tobisch bekannt ist. Selbst bei falscher Ausführung wird man Sie für Senffabrikantenkinder oder Sprösslinge aus verarmtem russischem Großfürstenhaus halten. Auch eine Herkunft aus Santa Monica, der Upper Westside oder Washington Heights wird man Ihnen jederzeit gerne abnehmen. Wenn Sie eine Faible für Übertreibungen haben, rufen Sie den inneren André Heller auf, er wird Sie als Eleganz aus Hietzing ausweisen. Obacht ist dennoch angebracht. Radebrechen Sie nie italienisch! Radebrechen Sie deutsch! Eine italienische Färbung Ihrer Aussprache wird Ihnen jede Ehre machen. Auch die Einheimischen können Sie so besser verstehen. Geizen Sie nicht mit dem Ausrufen “Brachtvohl!” und “Grossahtig!” Und prägen Sie sich für Dankesdiskurse einen Satz aus Gold ein: “Molto gentile, carissimo/carissima!” www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

28. Juni 2014 (0) Comments

Basteln mit dem Sommerloch

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28. Juni 2014.

Den vielen Vorzügen, die der Sommer mit sich bringt, stehen nur wenige Nachteile entgegen. Gelten Extremhitze oder Gelsenplage noch als tolerable, weil allfällige und vor allem natürliche Begleiterscheinungen der Jahresmitte, finden menschengemachte Vorkommnisse weniger Urteilsmilde. Neben Baustellenlärm und Touristenflut ist es vor allem das jährliche Sommerloch, das mit Skepsis und Ablehnung bedacht wird. Völlig zu Unrecht, wie wir gleich sehen werden. Die Konjunktur der seltsamen Pressemeldungen, sie gelten traditionell Sichtungen des scheuen Monsters von Loch Ness und anderer verhaltensauffälliger Tiere aus der Kryptozoologie, wird vom Publikum als seicht und konturenlos wahrgenommen. Gänzlich in Misskredit gerät dabei das Sprachbild selbst. Sommer (gut) und Loch (schlecht) werden in sträflicher Methaphernlust aneinander gekettet. Was genau ist jetzt schlecht am Loch? Welcher Sommerhit hätte je aufgelegt werden können, ohne das zentrales Nichts im Nabel einer Schallplatte? Welche laumilde Kinonacht hätte je stattgefunden, ohne Perforationslöcher in einer Filmkopie? Musik-Cassetten und ihre klobigen Cousins, die VHS-Cassetten, hätten keine einzige Party befeuert und niemals einen Heimabend versüsst, ohne die gezähnten Löcher in ihren klapprigen Magnetbandspulen. Nun mag eingewendet werden, dass hier von historischen Löchern berichtet wird, moderne Unterhaltung aber auf digitale Information setze. Diese lasse sich lochfrei abspielen. Ach? Und wo stecken wir unseren Kopfhörer an? Wo den USB-Stecker, wo das Ladekabel? Löcher. Löcher also, wohin wir sehen. Noch immer. Auch im Sommer, gerade im Sommer. Bliebe ein Rat für die Schreibenden unter uns. Wie wäre es, Kolleginnen und Kollegen, wenn wir sommers weniger über Katzen und Könige berichteten, mehr hingegen über die brennenden Themen der Zeit? Wenn wir uns variantenreich fragten, wie die Gesellschaft wieder ins Lot geriete, wie die Natur und wie das Seelenheil des Einzelnen? Auch das Unaussprechliche - das Meldungsloch - liesse sich exemplifizieren. Mit Schlagzeilen wie dieser: “Heute nichts passiert. Und das ist gut so. Danke, Sommerloch.”

28. Juni 2014 (0) Comments

Jimi Hendrix und die Frage der Karte

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 26/2014

Liebe Frau Andrea,

ich bin kein förmlicher Mensch und kenne mich in Fragen der Etikette nicht sonderlich gut aus, ich weiß nicht mal, ob Etikette hier überhaupt gilt, daher meine Frage: Brauche ich eine Visitkarte?

Danke für Ihre Bemühungen,
Georg Schwärzl, per NSA-Archivalie


Lieber Georg,

als soziale Lebewesen sind wir kommunizierende Subjekte. Ja wir kommunizieren sogar, wenn wir nicht kommunizieren. Radikale Positionen auf dem Feld des Informationsaustausches behaupten gar, wir betrieben nichts anderes denn Kommunikation. Nun gut, wie gehen wir im Detail vor? Ein hochblonder aber trinkfester Schwermetallgitarrist aus dem mir halbheimatlichen Schweden errichtete unsere Bekanntschaft auf der Übergabe seiner “business card”. Das war ein kleines Kartonstückchen von weisser Farbe, auf das er seinen Namen, seine elf Vornamen, seine zwei Spitznamen, die Namen seiner Mutter, seiner drei Bands und seiner (einen) Freundin hatte drucken lassen, dazu überbordende Adressdetails, etliche Telefonnummern und einen Sinnspruch. Auf die Rückseite schrieb er schwungvoll “Love xx” oder etwas in der Art. “You like my card?”, wollte er von mir wissen. Ich musste ihn enttäuschen. Jimi Hendrix, gab ich zu bedenken, hatte gar keine Visitkarten. Der deutsche Kaiser hatte welche, auf ihnen stand in Fraktur-Lettern gedruckt: “Wilhelm”, in der nächsten Zeile, etwas kleiner: “Deutscher Kaiser u. König von Preussen.” Weniger wäre auch hier mehr gewesen. Drängt heute gemeinhin der Staubsaugervertreter, Bankfilialknecht und der Regalbetreuer vom Baumarkt Krethi und Plethi eine (meist originelle) Visitkarte auf, diente das kleine Kärtchen früher Standespersonen als Botschaft. Bei unbestellten Hausbesuchen legte man die Visitenkarte (daher der Begriff) auf ein Sibertablett. Der Empfangs-Diener brachte die Karte nach oben, wo der Empfänger entscheiden konnte, ob er oder sie unpässlich war oder einen Besuch gestattete. Adressen wurden nicht übermittelt. Der Name genügte. Die Eleganz dieser Vorgänge war indes nur höherern Personen zugänglich. Personal traf sich im Wirtshaus, der Pöbel hatte andere Sorgen. In Summa mein Rat: Lassen Sie sich feine Visitkarten drucken, sparen Sie mit Information und geben sie wenige Karten überhaupt aus. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

23. Juni 2014 (0) Comments

Sommerloch

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21. Juni 2014.

Kurt Tucholsky hat einst eine Definition in der Sache geliefert, demnach ein Loch da sei, wo etwas nicht sei. Schlimmer noch: Das Loch ist etwas, das gar nicht existiert, denn etwas, das nicht ist, kann nicht sein. Unser Wahrnehmungsapparat und die mit seiner Signalproduktion befassten Instanzen unseres Gehirns sehen das bekanntermassen gemütlicher. Ein Loch kann man definitiv sehen, sagt uns die graue Masse zwischen unseren Schläfen. Die Beatles, Piloten der Aufbruchsgeneration, sahen das ähnlich, obgleich sie das Loch poetisch-musikalisch aus der Welt schaffen wollten. “I’m fixing a hole”, sang Paul McCartney, er repariere ein Loch. Beatles-Hermeneutiker haben dies als unverhohlenen Hinweis auf Heroinkonsum gedeutet, die Pilzköpfe selbst berichteten von ihren undichten Dächern und von Löcher in der Strasse. Wie auch immer, das Loch beschäftigt die Seele und fordert den ganzen Menschen. In grossem Umfang tritt es jeden Sommer auf, wenn die Parlamente verwaist sind, die Schulen geschlossen und sich Arbeitnehmer fabrikweise an den Strand legen. Wenn es nichts zu berichten gibt, weil nichts passiert, tritt das Sommerloch auf den Plan und generiert publizistische Nullmeldungen. Beliebte Topoi der Berichterstattung in der Saure-Gurken-Zeit sind die Saure Gurke selbst, Reflexionen über das Sommerloch, und in großem Umfang das Sommerlochtier. Wer erinnert sich nicht gerne an die freiheitsliebende Kuh Yvonne, die eines Sommers aus bäuerlicher Obhut entwich, um sich drei Monate versteckt zu halten. Tragischer, aber nicht weniger spannend blieb uns die Walz von Problembär Bruno in Erinnerung. Eines schönen Mais war er von Italien bis nach Bayern getrottet. Hier war er ganz Bär, verging sich an Bienenstöcken, riß Schafe und Ziegen und naschte in Hühnerpferchen und Kaninchenställen. Unter medialer Großbegleitung wurde er dingfest gemacht. Ausgestopft erinnert er an das Sommerloch 2006. Konkurrenz erwuchs Problembär Bruno in der verliebten Schwänin Petra, die einen ganzen Sommerlochsommer hindurch unglücklich ein weißes Tretboot in Schwanenform anhimmelte. Die Welt schluchzte mit. Wir sehen, auch wenn es nicht da ist: Das Loch bewegt.

21. Juni 2014 (0) Comments

Oi oi oi, schicker ist der Goi!

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 25/2014

Liebe Frau Andrea,

wir haben da also den Life-Ball angeschaut, eine seltsame Sache das Ganze, etwas öd, aber doch irgendwie bunt. Auffallend rot waren die Nasen der Promireporter, es war ja kalt. An der Sprache aber liess sich erkennen, dass die trotz oder wegen Temperatur alle angeschickert waren. Bitte, das sagt sich so leicht, aber woher kommt der Ausdruck eigentlich?

Liebe Grüße, Barbara Malthes,
Volkertviertel, per Gesichtsbuchdirektnachricht


Liebe Barbara,

das Schickern und sein Effekt, das Angeschickertsein hat nichts mit dem Schick oder seinem französischen Original, dem “chic” zu tun, und auch nichts mit Geschicklichkeit oder Schickeria. Obschon es das Bundesdeutsche als Sprachtransporter benutzt, kommt das Schickern, das Sich-einen-antrinken aus dem Jiddischen, wo der “Schicker” den durch Alkohol herbeigeführten, meist vorübergehenden Zustand bezeichnet. Vater der Worfamilie ist der Schikkor, Schikker, der Betrunkene, Berauschte, der Trunkenbold, gern auch der nichtjüdische Angesäuselte, der betrunkene Orel oder Goi. Im augenzwinkernden Refrain heißt das dann: “Oi oi oi, schicker ist der Goi!” Treten Schicker, Beschickerte, Angeschickerte in der Gruppe auf, nennt sie das Jiddische die Schikorem, Schikoren. Wir sehen, es ist nicht mehr weit zum Schifohren. Das Wienerische mögen Sie einwenden, hat andere Ausdrücke. Gewiss. Das Dschechan etwa und das davon abgeleitete Audschechatsei (Angetschechertsein). Dem Dschechan (trinken) geht der Dschecharant (der Trinker) in einem Dschech(al) oder Dschoch(al), einem Wirtshaus nach. Die Sitzung nennt der Wiener Dschecharei. Die Volksetymologie hat die Wortherkunft des Dschech(al) fälschlicherweise einem Kaffehaus am Graben zugeschrieben, dessen seinerzeit berühmter Besitzer Czech geheissen haben soll. Dem kann leicht widersprochen werden. Über Scheicher, Schecher, Schechor, das berauschende Getränk, das Bier, und seinen Wirt, den Schecher, Schächer, Schöcher kommt auch das urwienerische Dschechern, Dschechan und seine Verwandten aus dem Jiddischen. Das Schickern und das (D)schechan sind also Geschwister. Der Tschik ist nur scheinbar ein Cousin. Der Qualmstengel kommt bekanntlicherweise von der Zigarette. Mahr darüber auf Nachfrage. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

16. Juni 2014 (0) Comments

Fußball und Aufstieg

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 14. Juni 2014.

Fußball gilt vielen als die wichtigste Erfindung der Menschheit. Der Tanz am grünen Rasen kommt gänzlich ohne Feuer oder das Rad aus (die beiden anderen wichtigsten Erfindungen der Menschheit). Viel ist geschrieben und gedacht worden über die friedenstiftende Kraft, die dem Kicken innewohnt. Man hat für diese Theorie ins Treffen geführt, dass der Krieg zwischen Städten, Ländern und Nationen obsolet sei, seit sich feindliche Männer in Form von Fußballmannschaften einem ritualisierten Kampf unterwerfen können, der zu Ergebnissen führt, die weder in Blut noch Menschenleben gemessen wird, sondern in Toren, Punkten und Pokalen. (Dass die Theorie hinkt, spielt keine Rolle, denn hinken gehört zum fussballerischen Repertoire.) Ein anderes Theoriekonvolut beschäftigt sich mit dem Chancengewinn, der jungen Männern mit migrantischem oder proletarischem Hintergund offensteht, handelt es sich beim Fußball doch um ein Oberklassespiel, das vorwiegend von Talenten aus der Unterklasse betrieben wird. Diese Theorie wird von der Tatsache gefoult, dass die Geschäfte, die mit Fußball gemacht werden, in den Händen weniger Oligarchen und noch weniger Sportartikelkonzerne liegen. Hin und wieder hält ein Schiedsrichter die Hand auf, oder ein Tormann mit Kapitalbedarf, denn Geld wird im Fußball auch mit Wetten gemacht. Womit wir in Österreich wären und bei den Fußballkonsumenten. Das Land der Berge hat sich relativ konsequent aus dem internationalen Fußball verabschiedet, was von einigen zwar beklagt wird, von der Mehrheit aber als wahrhaftige Projektion der eigenen Möglichkeiten verstanden wird. Dabei sein, heißt eingeschaltet zu haben. Österreichs Fußballbewegte haben das Zusehen längst zum einzigen eigenen Spiel ausgebaut. Das hat nicht wenige Vorteile. Ganze Sehergemeinschaften, sie finden einander bei Bier und Bier in der Public-Screening-Gastronomie, können rechtzeitig zur besseren Mannschaft halten und so unangestrengt und risikolos bei den Siegern sein. Für Nostalgiker wiederholt das öffentlich rechtliche Fernsehen regelmässig die unvergessene Nationalerinnerung, neuerdings in voller Spiellänge: Cordoba. Ein Sieg für die Ewigkeit.

14. Juni 2014 (0) Comments

Zwischen Elektronachricht und Schmelzarchiv

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 24/2014

Liebe Frau Andrea,

am Ende Ihrer wöchentlichen Frage gibt es einen Hinweis auf den Weg der Fragenübermittlung. Zur Zeit erfolgt diese meist "per NSA-Archivalie", machmal noch "per Gesichtsbuch-Direktnachricht". Früher war "per Bernsteinfunk" in Mode, die doch reichlich direkte Übersetzung der "Elektronachricht". Davor gab es das eine oder andere "Email", und massig Angaben des Wohnbezirks, was wohl auf eine Fragenstellung per Brief schließen lässt. Suchen sich die Fragensteller*innen diesen "per ..."-Text selber aus, oder handelt es sich hierbei um redaktionelle Arbeit Ihrerseits?

Schöne Grüsse, Thomas Klausner,
“per mutt->sSMTP->Postfix->SMTP->
(internet)->POP3-oder-hoffentlich-IMAP”.


Lieber Thomas,

um die Adressen Fragenstellender nicht türgenau zu publizieren und dennoch die Herkuftsdynamik einigermassen plastisch abzubilden, schrieb die Autorin dieser Kolumne den Stadteil- oder Bezirksnamen hinter den jeweiligen Namen. Mit der Konjunktur von Emailkorrespondenz verschwand diese Information jäh. Um Abwechslung in die doch öde Herkunftsbezeichnung “per Email” zu bringen, wurde die Zweitbedeutung der Buchstabenfolge (Emaille nämlich) ins Deutsche rückübersetzt. So entstand “per Schmelzglas”, oder “per Smalt” (die altfränkische Version). War doch das französische “émail” sprachlich gesehen aus unserem “Schmelz” entstanden. Um dem Neologismus “Email” gerecht zu werden, kamen die Bezeichnungen “Elektropost” und “Elektronachricht” auf. “Elektro” ist nun auch nur ein geborgtes Wort, das vom altgriechischen élektron kommt und den Bernstein (eigentlich Brennstein) bezeichnet. Idem verstieg sich Frau Andrea darin, den Fluss der Ladungen in einem Medium als Bernsteinfunken zu verstehen und die elektronische Botschaft “Bernsteinfunkennachricht” zu nennen. Zu dieser gesellten sich Direktnachrichten aus Gesichtsbuch (Facebook) und Zwitscherhausen (Twitter). Als Oberbegriff für alle gebräuchlichen, ja noch zukünftig entwickelten Arten von Fragenübermittlung bot sich im Zuge der Affäre Snowden der Ausdruck “NSA-Archivalie” an. Appelativ sei dennoch an die Möglichkeit erinnert, mit der Nennung des Grätzel oder Stadtteils Herkunft abzubilden. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

9. Juni 2014 (0) Comments

Eis

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 7. Juni 2014.

Der Sommer hatte, wenn er denn kam, und damals kam er immer, ein paar Geschenke im Gepäck. Die Länge der Tage. Das Nebeneinander unterschiedlicher Temperaturen. Die Explosion der Gerüche. Damals, als ich ein Kind war. Das war in einer Zeit, als man sich diese heute hier noch nicht vorstellen konnte, als 1984 nur ein Buch war und das Jahr 2000 ein Slogan ohne irgendein dahinter. Das Dahinter war nicht vorstellbar. Man wusste nur: Menschen werden auf dem Mars leben, jeder wird ein Flugzeug haben und zuhause einen kleinen Atomreaktor. Bis dahin aber war Sommer, und das war der saftige Duft der Nachbarwiesen, der eisernharzige des Dorfbahnsteigs, der öligsüsse des Asphalts auf der Bundesstrasse und der ledrigdumpfe auf der harten Rückbank in Mamas Puch 500.

Das Eis hatte keinen Geruch. Das Eis war ein Bote aus ferner Galaxie. Es war bunt, wie Winterschnee nie sein durfte. Die Ausserirdischen hatten es hergestellt und heimlich wie die Zwerge in Schneewittchensärgen verstaut, irgendwann in der kurzen Nacht, wenn die Sterne funkelten und der Mond über den Himmel schaukelte. Eis war Traumware. Das wussten die. Die Ausserirdischen. Zwerge, aber Kapitalisten. Sie wussten, wie sie Kinderseelen verführten. Wie sie ihre Barbieseelen und Legoherzen gewannen, wie sie zu Hunger und Durst noch eine dritte Sehnsucht gesellten: Die Lust aufs Eis. Sie wussten den Schmerz der Kälte mit der Zuckergier zu vermählen, die Sauerfreude mit den Fruchtjubel. Welten taten sich im Schmelzen auf, fleissig schnell floss Sahniges auf, langsam nur liess sich Wässriges lösen. Bald war man Expertin und konnte die Zunge ans Eis kleben, und warten, wie warmes Blut in den Muskel quoll, um ihn vor dem Frost zu retten. Die halbtote Zunge dankte es ihrer Besitzerin mit taubem Prickeln. Sommer war und alles wurde in Eis gemessen. Das Vermögen in Eisbomben, der Kredit im elterlichen Bankhaus in Twinnis pro Stunde, die Hungerkraft in Haselnussbechern, die Geschwindigkeit in Cornettos und der persönlichen Artistik, schleckend zum Ziel zu kommen, bevor es zerschmolzen war. Das Ziel? Die Waffelspitze - ein zweites Eis im ersten, zwei Kinderdaumen hoch, Schokolade pur. Ja. Sommer war Eis und Eis der Himmel.

7. Juni 2014 (0) Comments

Maria, Jesus, Strahlen, Conchita

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 23/2014

Liebe Frau Andrea,

als im Ländle auf einem Berg Geborener, noch ohne Fernseher Aufgewachsener, stand ich als Kindergartenbub in einer engen Kapelle vor Maria im Strahlenkranz. Seltsam: Mit Conchita Wurst falle ich gefühlig in meine Kindheit zurück. Mehr noch, die Strahlenkranzmadonna fällt mir mit dem Auferstandenen ins Eine. Was passiert da? Und darf ich das zugeben? Zugeben, im doppelten Sinn?

Es fragt dankbar der verwienerte
Kurt Vallaster, per NSA-Archivalie


Lieber Kurt,

sie dürfen zugeben, was sie zugeben möchten! Da es mir fernsteht und auch unmöglich wäre, den Grad ihrer religiösen Befindlichkeit zu diagnostizieren, wollen wir uns auf die Entschlüsselung von Zeichen und Symbolen in der Darstellung des oben erwähnten Personenkreises beschränken. Das christlich-mittelalterliche Motiv der Strahlenkranz- oder Mondsichelmadonna nimmt Bezug auf eine Passage in der Offenbarung des Johannes (Offb, 12,1-6): “Dann erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet; der Mond war unter ihren Füßen und ein Kranz von zwölf Sternen auf ihrem Haupt. Sie war schwanger und schrie vor Schmerz in ihren Geburtswehen (...)” Religionsgeschichtlich geht das Bild der apokalyptischen Frau auf den Isiskult zurück. Bereits das frühe Christentum deutete die zwölf Sterne als den Tierkreis, die Sonne als Christus, den Mond als die Vergänglichkeit der Welt und die Frau als Maria, die “Königin des Himmels”. Licht spielt auch eine grosse Rolle in der Jesusrezeption. In der “Verklärung des Herrn” schildern die Evangelien ein Offenbarungsereignis, das drei Apostel mit Jesus ben Josef auf einem nicht näher beschriebenen Berg erleben. Der Evangelist Matthäus schreibt: “Sein Antlitz strahlte wie die Sonne und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“ (Mt 17,1-8). Für das Zusammenfallen dieser Licht-Bilder sorgt wohl Conchita Wurst, die madonnenhaft in Licht getaucht, den Bart des Erlösers tragend, eine ikonografische Traditionslinie betritt, die vom schwulen französischen Künstlerpaar Pierre et Gilles (der Fotograf Pierre Commoy und der Maler Gilles Blanchard) nachhaltig profaniert und für die Populärkultur zugänglich gemacht wurde. Once I'm transformed, once I'm reborn (...) I will rise like a phoenix! www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

2. Juni 2014 (0) Comments

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