Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Elegisches aus dem Rettichraum

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 44/2014

Liebe Frau Andrea,

beim häuslichen Ordnungsmachen ist mir eine alte Schallplatte mit Herwig Seeböcks legendärer “Häfenelegie“ in die Hände gefallen. Dort lernen wir, dass im Gefängnis vulgo “Häf’n” das WC “Rettich“ heißt! Wiederholt hatte man Seeböck zu verstehen gegeben, er solle sich in dasselbe, nämlich “in den Rettich hauen”. Wie ist das WC im Gefängnis zu diesem Namen gekommen? Vielen Dank für eine entsprechende Aufklärung!

Liebe Grüsse sendet
Hans Linzer, 1230 Wien, per Mail


Lieber Hans,

im legendären, 1965 uraufgeführten autobiographischen Theatermonolog "Die grosse Häfenelegie" verarbeitet Seeböck seine Erlebnisse in einem österreichischen Gefängnis. Der Maler, Schauspieler und Kabarettist war beim Fensterln in einem Heurigenlokal, insgesamt einer harmlosen, aber “bsoffenen Gschicht”, irrtümlich für einen Einbrecher gehalten worden. Wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt während der Amtshandlung wurde er zu einigen Monaten Bau verdonnert. Das im Gefängnis kompilierte Stück konserviert eine Vielzahl von gaunersprachlichen Ausdrücken aus der Halb- und Unterwelt. In über dreitausend Aufführungen des Textes und besagter Schallplatteneinspielung sind einige Begriffe in die bürgerliche Vokabelwelt übergetreten. Zunächst bezeichnet “Rettich” (lateinisch raphanus, von radix für Wurzel) die rübenförmige Wurzel einer krautigen Pflanze aus der Familie der Kreuzblütengewächse. Bei Besuchern des Wiener Biergartens Schweizerhaus steht die weisse Wurzel, wienweit “Radi” genannt, in hohem Ansehen. Man irrte, suchte man in Trichterform und Kanalanbindung des Gefängnisklos Verwandtschaft mit der tiefsteckenden Wurzel. Kommt doch die Bezeichnung Rettich für den Abtritt aus gänzlich anderer Richtung. Nach geltender Lehrmeinung der Sprachforscher ist Rettich aus Rediarád bzw. Rediaré verschliffen worden, einem heute nicht mehr geläufigen, eleganten Ausdruck für das Klosett. Im ersten Fall kommt es vom französischen retirade (Zufluchtsort), im anderen vom damit verwandten retiré (zurückgezogen). Die sarkastische Qualität der Vokabel (der freistehende Gefängnislokus ist alles andere als ein Zufluchtsort) verbindet sich hier mit der olafaktorischen Qualität, die Urin und Wurzel teilen. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

26. Oktober 2014 (0) Comments

Kaiser, Kaser, Schmer und Schmarren

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 43/2014

Liebe Frau Andrea,

ich bin zu später Stunde mit meinen Mitbewohnern über der Frage nach der Herkunft des Kaiserschmarren in Streit geraten. Die eine Fraktion von uns behauptet, er sei nach Kaiser Franz Joseph benannt, die andere (zu der ich gehöre), der Name beziehe sich nicht auf eine bestimmte Person, sondern auf die Vorzüglichkeit der Speise. So wie Kaiserwetter auf einen schönen Tag. Wer hat denn nun Recht?

Liebe Grüße aus Zehnvierzig,
Moritz Fischler-Penz, per Mail


Lieber Moritz,

Monarchisten und Heimatverklärer rücken die Entstehung der üppigen Teigspeise in die unmittelbare Nähe Kaiser Franz Josephs. Sie kolportieren die Legende, der gerissene Omlettenhaufen sei dem Kaiser bei einem seiner Jagdausflüge im Salzkammergut vorgesetzt worden sein. Einen simplen Holzfällerschmarren hätte man bei dieser Gelegenheit ihm zu Ehren mit guten Zutaten wie Milch, Rosinen, Eiern, Rum und Staubzucker verfeinert. So sei aus einem derben Waldarbeitergericht der vornehme Kaiserschmarren geworden. Andere Legenden wollen im Kaiserschmarrn eine Wortschöpfung kaisertreuer Landsleute sehen, die besonders beliebten und daher besonders vielen Grundgerichten ihrer Küche die Monarchensilbe voranstellte. So kennt die österreichische Küche den Kaiserauszug (Mehl der besten Qualität), das Kaiserfleisch (geräucherte Schweinebrust), den Kaiserg'spritzten (Mostschorle mit Hollunderblütensirup), das Kaisergulasch (eine Kalbfleischvariante mit Kapern), die Kaisermelange (Mokka mit Eigelb und Cognac), das Kaiserschnitzel (Kalbsnuss mit gehackten Sardellen, Kapern und Zitronensaft) und die Kaisersemmel. Tatsächlich ist der Kaiser-Schmarren der Kaser-Schmarren, der Schmarren der Kaser, der hochalpinen Käsemacher. Sprachlich hat der Schmarren oder Schmarrn seine Herkunft im Schmer, im Fettbrei. Gelte zu klären, wo es den besten Kaser-/Kaiser-Schmarren des Landes gibt. Easypeasy. Nirgendwo hat die Autorin dieser Zeilen je besseren Ka(i)serschmarren gegessen als bei Heli König auf der Loserhütte ob Altaussee. Liegt es an der würzig-kalkigen Luft des Loserberges, an den Nebelschwaden, die vom Altausseersee heraufziehen, oder geben die Augstalm-Kühe auf 1540 Meter andere Milch? Dieses Rätsel müssen wir noch klären. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

19. Oktober 2014 (0) Comments

Montag 20.10. 19h, Funkhaus Wien ::: Social Media ::: Ehalt, Herwig, Dusl

Podiumsgespräch mit
Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
Jana Herwig, M.A.

Moderation: Univ.-Prof. Dr. Hubert-Christian Ehalt

Montag, 20. Oktober 2014
19 Uhr
ORF RadioKulturhaus
Großer Sendesaal
4., Argentinierstraße 30a

Anmeldung: +43 1 501 70 377
Info: www.wien.gv.at


"Geize nicht mit der Publikation von Sonnenuntergängen, lautet der Rat an den Facebook-Novizen, nicht mit der Veröffentlichung deiner braungebrannten Fußspitzen vor dem Weltmeer oder der frisch gebackenen Spinatlasagne im selbstgekneteten Römertopf. Sei ganz Künstlerin, ganz Künstler, schieb den Facebook-Deinen rüber, wenn du am Weltschmerz leidest, an einem logorrhoischem Schub oder dich eins fühlst mit dem Universum. Auf einschlägigen Seiten - Gleichgesinnte posten sie täglich - gibt es zu jeder Seelenbefindlichkeit einen passenden Konfuzius-Spruch. Schreibe den nicht bloß hin, sondern mach daraus ein Bild. Ein Schriftbild. Deine Freundinnen und Freunde werden es dir danken und die Erkenntnis zum Tag mit ihresgleichen teilen. Andrea Maria Dusl

16. Oktober 2014 (0) Comments

Google Dir mal den Chemtrail

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 42/2014

Liebe Frau Andrea,

vermehrt entdecke ich in der Stadt die handschriftliche Aufforderung "Google Chemtrails". Es steht auf Plakaten, an Häuserwänden, Elektrokästen. Aber ich werde den Teufel tun, und googeln. Ich frage lieber Sie. Wissen Sie Bescheid?

Grüße aus Elfhundert,
Phillip Feyerl, per Mail

Lieber Phillip,

zunächst darf ich Ihre Sichtungen zu den besagten Graffti bestätigen. Die meisten davon wurden mit dickem schwarzem Filzstift oder farbiger Fettkreide appliziert. Auch stammen sie augenscheinlich nicht aus gleicher Hand. Ihre Evidenz ist auch nicht auf Wien beschränkt, auch im slowenischen Maribor gibt es Aufforderer - dort allerdings wird der Slogan gesprayt. Es scheint also mehr als eine Person im öffentlichen Raum mit der Verbreitung der Aufforderung beschäftigt zu sein. Das deckt sich mit der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Webseiten, die sich unter Zuspruch einer besorgten Community von Postern mit dem Phänomen “Chemtrails” beschäftigt. Damit werden Kondensstreifen malefiziert, die in zunehmender Zahl am Himmel geortet werden. Bedenkenswert ist den Chemtrail-Observanten die Häufung der parallelen Abgaswolken, ganz böse ist das netzartige Überkreuzen der Jet-Streifen. Im Rahmen der Verschörungstheorie, die den Chemtrail-Geängstigten am Herzen liegt, werden hier von geheimen Mächten (der US-Regierung, den Bilderbergern, den Illuminaten, den Freimaureren, den Protagonisten der Einführung einer New-World-Order) Chemikalien in den Himmel gesprüht. Wahlweise soll damit das Wetter durch Regeninduktion manipuliert, die Erderwärmung durch Verwolkung hintertrieben, das Trinkwasser vergiftet, die Landwirtschaft monsantofiziert, die Zeugungsfähigkeit der Bevölkerung reduziert und (ganz ganz böse): die Gehirne Betroffener manipuliert werden. Im Rahmen verschwörungstheoretischer Wirkmechanismen verhallen alle Beteuerungen der Wissenschaft, es gäbe auch nur ansatzweise Grund für die angeführten Befürchtungen. Aber sagen Sie das mal einem Paranoiker: Er gäbe keinen Anlass für Paranoia. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Oktober 2014 (0) Comments

Bundesheer federleicht

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.10.2014.

Österreich ist ein Land der Pragmatik. Im Zuge dieser privaten wie öffentlichen Verwaltungstaktik geschieht laufend Unversehenes. Ja Österreich selbst ist Produkt normativer (aber gänzlich zufälliger) Faktenlagen. Seine Existenz wurde nicht durch Revolutionen, sondern durch Heirat und Zusammenbruch hervorgerufen. Herbeigeflüstert möchte man sagen. Es ist nur konsequent, daß sich die Verteidigung des Landes nachhaltig in den Dienst der realen Landesverfassung stellt. Diese ist zwar nirgendwo aufgeschrieben, aber überall verankert. Nach Qualtinger ist die einzige Nation, zu der sich Österreich nachhaltig bekennt, die Resignation. Sie ist eine profunde Handlungsanweisung. Jene zum Nichthandeln nämlich. Das Volk hat entschieden, das Bundesheer in Volkes Hand zu belassen, von einer Professionalisierung der Armee hat der Souverän abgesehen. Alles blieb, wie es war, dies aber deutlicher.

Man muss die kontroversenreiche Entscheidung zur Beibehaltung des Status Quo in die richtigen Zusammenhänge stellen: Es gibt in Schnitzelland keine Erinnerung an funktionierendes Militär. Feldzüge, Schlachten und Kriege endeten zuletzt stets in Desastern. Die Österreicher sind kein Heldenvolk. Sie wollen es gemütlich. Man sollte dies nicht unterschätzen. Gemütlichkeit ist eine böse Waffe. Das Nichtfunktionieren der Armee die beste Versicherung, niemals in kriegerische Auseinandersetzungen zu geraten. Die Helvetisierung des Landes, sie wird immer wieder eingemahnt, scheiterte an der bitteren Erinnerung an Tod und Verzweiflung. Zwei Weltkriege - von den Österreichern Habsburg, Franz Josef und Hitler, Adolf in Auftrag gegeben - reichen als Erfahrung. Der Verteidigungsminister hat dies klug erkannt und militärisch die Liechtensteinisierung des Landes eingeleitet. Hilfreich war in diesem Zusammenhang der Ankauf schadhaften, sündteuren und zunehmend flugunfähigen Großgeräts. Die Selbstverzwergung Österreichs ist auch in militärischer Hinsicht erfolgreich abgeschlossen.

11. Oktober 2014 (0) Comments

Zwischen Bankert und Pamperletsch

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 41/2014

Liebe Frau Andrea,

letztens habe ich im Fortgehtreff Anzengruber ein Wort aufgeschnappt, das meine Wienerisch-Experten am Tisch seit Urzeiten nicht mehr gehört haben wollen. Leider hab ich keine Ahnung mehr, in welchem Zusammenhang das Wort fiel. Was genau ist ein “Pamperletsch?
 
Besten Dank für die Aufklärung und liebe Grüße!
Bettina Nachbaur-Köb, Feldkirch und Ottakring, per Email


Liebe Bettina,

das Wienerische ist ein Schmelztiegel von Mentalitäten und Sprachen. Tschechisches hat sich hier mit Allemannischem vermischt, Ungarisches mit Süddeutschem, Rumänisches mit Polnischem und Italienisches mit Jiddischem. Die Kombinationen sind vielfältig, die Zahl der Amalgame groß. Bringen wir Dunkel in ihren Nachtcafé-Fund. Als Båmpaledsch (etwas wackelig als Pamperletsch eingedeutscht) versteht man in der Schnitzelstadt ein Kleinkind. Die Bedeutungsfarbe des Ausdrucks oszilliert zwischen lieb-entzückend und lästig-ungezogen. Trotz der slawischen Anmutung des Wortes lassen sich zwei Herkunftsstränge völlig unterschiedlicher etymologischer Richtung ausmachen. So soll der Båmpaledsch nach Lehrmeinung der Einen eine Weiterbildung zum bairisch-österreichischen Båmpa sein, das (mit vielen Nebenbedeutungen) ein kleines rundes Ding bezeichnet. Als Bampal (ohne “å”) verstehen die Sprecher des alten Wienerisch die Kinderei, das dumme Zeug, den groben Unfug und (trotz Verkleinerungsform) auch einen ausgewachsenen, täppischen, dummen Kerl. Mit tschechischklingenden Anhängsel und unter Einwirkung der Vokabel ledschad (weich, nachgiebig) wurde aus dem Mundartwort Bampal der multilingual schillernde Båmpaledsch. Es geht aber auch einfacher. Nach anderer Theorie kommt unser Ausdruck vom italienischen bamboleccio, der dialektalen Verkleinerung von bambino (Kind). Die Italienerin in mir präferiert diese Deutung. Sollte ihnen die Conclusio zu unserer Causa zu romanisch sein, dürfen sie eigenen und fremden Fortpflanz auch als Budsal (Putzerl), Budse (Putzi), Frotss (Fratz), Boig (Balg), Rodsbippm (Rotzpippe) Bauksal oder Gfrasd bezeichnen. Weniger romantisch geht es auch. Mit dem derben Ausdruck Baungad (Bankert, vom mittelhochdeutschen Banchart) bezeichnet der Wienermund das auf der Bank der Dienstmagd gezeugte uneheliche Kind. Bussi. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Oktober 2014 (0) Comments

Pillen für den Herbst

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.10.2014.

In der ersten Publikation meiner Schullaufbahn, dem ”Lesebuch für kleine Leute” nimmt der Herbst eine tragende Rolle ein. 1966 war das, ein knappes Jährchen vor dem Summer of Love. Erzähltechnisch befinden wir uns noch in der Nachkriegszeit. Das Lesebuch bildet einen idealisierten Herbst in der heimatlichen Großstadt ab, niemand hustet, niemand schnupft, kein Lichtverlust trübt das Seelenwetter. Alle Lachen sich den Herbst schön, sogar der Obsthändler, der ungehobelte Obstkisten voll pampiger Zwetschgen auf seinen klapprigen Leiterwagen hievt. Unterm Apfelbaum gehts lustig weiter. Unter Anleitung des männlichen Familienvorstands werden rotbackige Äpfel vom Baum gedreht. Uneingedenk der Tatsache, dass Wiener Kinder vieles hatten, aber gewiss keinen Familien-Obstbaum. Den Autoren des Lesebuchs war das bekannt, weshalb sie auch den tatsächlichen Herbstbaum der Stadt in den Fokus der Ernteberichterstattung rückten: Den Kastanienbaum. Dessen Früchte, von stacheliger Schale beschützt, hatten keinerlei offiziellen Nutzen, sie taugten nur zur Herstellung von zündholzbeinigen Phantasietieren. Trotzdem wurde hier geerntet, was die Körbe aufnahmen. Wind und Wetter im Lesebuchherbst werden zu leuchtendgelben Erzählungen fliegende Laubes und fortrollender Hüte ausgewalzt. Ein klappriger Greis mit Stock wird vom Herbststurm durch den Park geschmissen. Heissa, auch die Alten haben’s schön! Sonntags geht es munter weiter durch den Herbst des Jahres 1966. Der Vater, ein Gutausseher mit Kreppsohlen und James-Bond-Sakko lässt zum Gaudium seines schulpflichtigen Nachwuchses einen gelbgesichtigen Drachen steigen, dessen Frisur (zwei abstehende Riesenquasten) jene eines späteren Landeshauptmanns vorwegnimmt. Sogar die Unbilden herbstlicher Regenstürme sind schulbuchseits so lustig wie eine Karusselfahrt. Nasse Beine und umgestülpte Regenschirme künden von Abenteuer und nicht von Grippe. Hund “Tim” springt durch Pfützen aus Mineralwasser. Nur Mama und Oma arbeiten hart. Die eine steht am Herd und rührt Einbrenn, die andere sitzt im Lehnstuhl und strickt sich eine Weste gegen das Zipperlein.

4. Oktober 2014 (0) Comments

Kleinster gemeinsamer Nenner

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 40/2014

Liebe Frau Andrea,

immer wieder höre und lese ich vom "kleinsten gemeinsamen Nenner", den Politiker oft untereinander suchen. Mich persönlich interessiert aber nur der "größte gemeinsame Nenner", also das größtmöglich Gemeinsame, auf das man sich noch einigen kann. Der "kleinste gemeinsame Nenner" wäre ohnehin unendlich klein. Haben Politiker und Journalisten den Mut verloren auf der Suche nach dem "größten" Nenner - oder können sie einfach nicht mehr rechnen?
 
Mathematische Grüße!
Josef Dollinger, Wien 7 (Primzahl), per Email


Lieber Josef,

ein geläufiges Beispiel der Darstellung ökonomischer Verhältnisse und Vorgänge ist der Gebrauch von Metaphern aus der bäuerlichen Sprache. Felder werden bestellt, Ernte eingefahren, Richtige oder Falsche sitzen an den Futtertrögen, Ställe werden ausgemistet, Sümpfe und saure Wiesen trockengelegt, Ökonomie wird als Zyklengezuckel fetter und magerer Jahre dargestellt. Mit weniger Erfolg werden Sinnbilder aus der Mathematik in Stellung gebracht, um politische Prozesse und deren Ergebnisse darzustellen. Das von Ihnen angeführte Beispiel des "kleinste gemeinsamen Nenners" bezeichnet für gewöhnlich eine politische Lösung (Nenner), bei der die Ansprüche aller Beteiligten berücksichtigt werden. Der Hinweis auf das Gemeinsame wird dabei als das Positive gesehen, jener auf das Kleinste gilt als Verweis auf die enttäuschende (aber gerade noch erzielbare) Qualität des Verhandlungsergebnisses. In mathematischer Hinsicht wird diese Metapher unzureichend verwendet, weil ja der Nenner, also jene Zahl, die unter dem Bruchstrich steht, wenig über das Ergebnis aussagt. Dazu müsste auch der Zähler, also die Zahl über dem Bruchstrich bekannt sein. Je grösser dieser im Verhältnis zum Nenner, desto grösser (sprich: besser) das Ergebnis. Als Metapher für die hohe Qualität einer erzielten Lösung empfähle sich der größte gemeinsamen Teiler. Jene natürliche Zahl, durch die sich zwei ganze Zahlen ohne Rest teilen lassen. Gleichwohl gehört es zur kollektiven Erfahrung der Gesellschaft, dass die Begabungen zu mathematisch konzisem Denken in der Bevölkerung ungleich verteilt sind. Politiker und ihre schreibenden Beobachter sind hier keine Ausnahme. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

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Hans Christian Luschützky
07.10.2014, 19:31, per Email:

Verehrungswürdige und über alle Maßen geschätzte Frau Dusl,

Zur Ihrer Beantwortung der Anfrage des Herrn Dollinger erlaube ich mir anzumerken, dass, zum Unterschied vom vielfach missbrauchten "Quantensprung", der tatsächlich die Verhältnisse umkehrt, die Floskel vom "kleinsten gemeinsamen Nenner" einer gewissen Sinnhaftigkeit nicht entbehrt, wenn man sie als isolierte Größenbestimmung der Einheit "Nenner" erkennt, ohne Berücksichtigung des numerischen Wertes der Bruchzahl, in der sie enthalten ist. Klarer ausgedrückt anhand eines Beispiels: der Nenner "drei" in einem "Drittel" ist eine kleinere Zahl als der Nenner "zwölf" in einem "Zwölftel": je kleiner die Zahl, die den Nenner bildet, desto größer der numerische Wert der Bruchzahl, in der er enthalten ist. Die Metapher vom "kleinsten gemeinsamen Nenner" in der Sprache der Politik, des Managements usw. ist somit sinnvoll und gültig, da ein kleiner Nenner einen größeren Anteil am erzielten Gesamtergebnis bedeutet.

Mit den allerbesten Grüßen
Mag. Dr. Hans Christian Luschützky

Institut für Sprachwissenschaft
Universität Wien
Sensengasse 3a
1090 Wien


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Andrea Maria Dusl,
7.10.2014, per Email:

Sehr geehrter Herr Dr. Luschützky,

vielen Dank für Ihren wertvollen und klugen Debattenbeitrag.
Ich kann Ihren Ausführungen zustimmen, was die isolierte Bewertung des
Term-Partikels "Nenner" in Hinblick auf eine günstige Qualität
einer Division betrifft.

Indem dabei aber keine Aussage über die numerische Größe des "Zählers" getroffen wird, bleibt unklar, ob das Ergebnis der Teilung als "gutes" bewertet werden darf.

Zudem gehen wir stets von ganzen und positiven Zahlen aus. Die Frage der Null als Nenner bleibt aus Axiomgründen ausgeklammert.

Auch gibt es keine Einigung in der Frage, ob ein großes Ergebnis ein besseres ist als ein kleines. Das hängt wohl vom Anlassfall ab.

Ich stimme Ihnen jedoch in einem, zu. Die Metapher ist für den Einsatz in Politik und Management bestens geeignet. Verschleiert es doch (indem es den Zähler ungenannt belässt) die tatsächlichen mathematischen Verhältnisse.

Mit besten Grüßen,
Mag. Dr. Andrea Maria Dusl

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16. Oktober 2014.
Peter Jürß, per Email:


Zur Aussage "man hat sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner geeinigt".

1) Wenn man von einem positiven ganzzahligen Wert spricht, dann ist der "kleinste gemeinsame Nenner" immer nur 1 (Eins). Das ist fix, darauf braucht man sich nicht zu einigen. Und dieser Nenner steht für etwas Ganzes, das ist jedoch kaum gemeint.

2) Der Leserbriefschreiber meint anscheinend, dass ein kleinerer Nenner mehr wert sei, als ein größerer. Beispielsweise hat 1/3 (ein Drittel) eine größeren Wert als 1/4 (ein Viertel). Aber es gibt eine Abhängigkeit vom Zähler: 3/4 (drei Viertel) sind mehr als 1/3 (ein Drittel) - trotz eines kleineren Nenners. 0/1 (null von Eins) oder 0/3 (null Drittel) sind ebenso nichts wie 0/4 (null Viertel). Ohne einem Zähler ist ein Nenner - nichts, überhaupt nichts.

In der Mathematik wird nicht grundlos vom "größten gemeinsamen Teiler/Nenner" und vom "kleinsten gemeinsamen Vielfachen" gesprochen. Was Politiker aus einer PISA-Wissenslücke heraus als kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichnen, ist zumeist der größtmögliche Kompromiss. Sie sollten diesen auch so bezeichnen. Akzeptabel wären Aussagen wie beispielsweise, man hat sich auf einen Nenner geeinigt oder man hat einen gemeinsamen Nenner gefunden. Dann frage ich - und was ist mit dem Zähler? Die Rede vom "kleinsten" gemeinsamen Nenner ist weder sinnvoll noch gültig sondern einfach ein Blödsinn.


PS: Compliments to the members of intelligence services reading this email.

Pfüat gott // Adieu
Freundlich grüßt // Best regards
Peter Jürß // Peter Juerss
Informationstechnologe (i.R.) // IT Consultant (retired)

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29. September 2014 (0) Comments

Für immer zusammen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 27.9.2014.

Wir gehen jetzt miteinander, hieß das in der Schule, wenn sich zwei, in pubertärer Verliebtheit verbunden, als Paar verstanden. Wir gehen miteinander - hieß Händchenhalten am Schulweg und Schmuserausch im Dunkel des Kinos. Ganz genau wusste man nicht, was da ablief, während es passierte und noch weniger Ahnung hatte man davon, wie das ging. Machte man es richtig? Was war das überhaupt, das Gemeinsame? Diese durch das Irresein an den eigenen Gefühlen ausgelöste Verstörung. Sie war einzigartig und teilsam zugleich. Sogar die Alleinstehenden konnten mitreden, weil sie die Äußerlichkeiten des Miteinandergehens als Ritualmatrize ständig vorgeführt bekamen. In der Bilderfibel Bravo las man, wie das in Deutschland ging, dort, wo alles von Gründlichkeit durchzogen war und vom Gestus der Perfektion. Sogar das Scheitern hatte in den Fotostories mehr logistische Würde, als in der Wirklichkeit jugendlicher Österreicherei. Tu felix Austria, nube. Der launige Spruch aus den Herzenstiefen fürstlichen Denkens erinnert daran, dass Ländereien einst, so sie nicht durch Krieg zusammenkamen, bei Vermählungen zusammengeschmiedet wurden. In mehr oder weniger heißer Esse. Auf dem Amboß dynastischer Liebe. Oder was man dafür hielt.

Schottland und England gehen also wieder miteinander. Als die Kaledonier sich angeschickt hatten, mit dem Händchenhalten aufzuhören, war Mutti Queen aus Albion auf den Plan getreten. Überleg Dir das gut, hatte die Monarchin geraunt. Ein paar Tage war die Zukunft ungewiss gewesen. Und dann ging Schottland wieder mit England. Aber wie geht gehen gut? Wie groß muß das Miteinander sein? Niemand weiß es, es gibt kein Bravo für Nationen. Keine Photostories und auch nicht Dr. Sommerschen Rat. Die Geschichtsbücher kennen die absurdesten Verbindungen. Und undenkbare Trennungen. Und doch ist es wie in der Schule. Wer den gleichen Schulweg hat, weil die Häuser neben einander stehen, hat grössere Chancen auf gemeinsame Verstörung. Aber auch hier gilt die Erkenntnis: Niemand weiß, was das ist, das Gemeinsame. Und sogar die Alleinstehenden können mitreden.

27. September 2014 (0) Comments

Bezirksspott und Stadtteilhohn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 39/2014

Liebe Frau Andrea,

in einer lachsfarbenen Zeitung (oder deren graugrüner Internetversion) las ich in einem Essay übers Vorarlbergersein die Ausdrücke “Seebrünzler” für die Bregenzer und “Süasslarschnitz” für die Dornbirner. Die Wiener sind da nicht so, oder? Gibt es solche Insulte auch bei uns? Von Bezirk zu Bezirk quasi? Und warum heissen die Dornbirner Süasslarschnitz?

Grüssi,
Benni Sagrader, 1040 Wien, per Email


Lieber Benni,

fangen wir im Westen an, wo Ihre Fragen beginnen. Der Spottname der Nichtbregenzer für die Leute aus “Breagaz” ist angesichts des dort anbrandenden Bodensees selbsterklärend. Etwas stärker verhüllt tritt uns “Süoßlarschnitz” entgegen, der Spottname für die Anrainer von “Dorabira”. Obwohl die größte Stadt Vorarlbergs eine Birne im Wappen führt, kommt ihr Name nicht von dieser, so die Toponymologen, sondern von “Torrin Puirron“ der Ansiedlung eines alemannischen Bauern namens Torro. Dessen ungeachtet bezieht sich die Schmähung “Süoßlarschnitz” auf eine süßlich schmeckende Birnensorte, die sich vorzüglich zum Dörren eignete. Deren Birnenschnitten, die “Schnitz” waren in der Gartenstadt besonders beliebt. Nach anderer Deutung bezieht sich die Bezeichnung, ähnlich dem Süssholzraspeln, auf den süßlichen Konversationsstil der Dornbirner. Werden diese doch auch “Braschlar” genannt, Prassler, nach dem Geräusch des Regens – Quassler also.

Das Wienerische hatte und hat als Schmelztiegel weniger Bedarf an geographischen Schmähungen. Abgesehen davon, dass Provinzler von den Wienern traditionell als Großkopferte sprechen, als Scheißweana und Weana Bazi (verkürzt aus der Figur des Lumpazivagabundus). Dennoch wollen wir ein paar Spottnamen aus dem Alten Wien in Erinnerung rufen. So hieß man die Grinzinger wegen der dort erzeugten Blutwürste Blunznstricka, die Sieveringer Bochbrunza, die Nussdorfer Wossarotzn und die Oberdöblinger - wegen des dort einst grassierenden Milchschwunds - Müchmarder. Die Pötzleinsdorfer galten als Fisolenbauern, die Stammerdorfer als Erdäpfelbehm. Wegen der steinreichen Seidenfabrikanten im heutigen 7. Bezirk, galt Lerchenfeld als der Diamantengrund. Die Bezeichnungen Mazzesinsel für den zweiten Bezirk und Boboville für die gentrifizierten Teile innerhalb des Wiener Gürtels sind frischeren Datums. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. September 2014 (0) Comments

Gesund leben

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 20.9.2014.

Früher war alles anders. Früher war alles gesünder. Äpfel schmeckten noch nach Apfel, sie waren scheckig, gelb, grün und rot. Wenn man sie rieb, begannen sie zu glänzen. Zwetschgen waren groß wie Eier, prall wie Katerhoden. Wenn man sie gegen die Sonne hielt, leuchteten sie wie der Karfreitag. Kirschen konnten rot sein wie Glut oder schwarz wie die Nacht. Der Zwiebel war feist und fest, er brannte zu Tränen, wenn man ihn schnitt, Salat knirschte nach Erde, erst recht der Spinat und die Farbe von Erdäpfeln konnte man erst nach langem Waschen in kaltem Wasser in Augenschein nehmen. Wenn die Hände schon taub waren vor Kälte. Im Herbst roch die Stadt nach pelzigem Eisen, Hausbrand nannte man die dicke Luft, sie kratzte im Hals und trübte die Augen. Aus den Lastwägen qualmte Russ, die Strassenbahn roch nach Schweröl und Schuhpasta, die Bahnhöfe nach Rost und Urin, die Postämter nach kaltem Rauch und Gummi Arabicum. Wer krank war an den Gerüchen, hielt sich die Hand vor, hüstelte und nestelte ein Eukalyptusbonbon aus dem Silberpapier. Auch der Gebrauch von 4711 war noch in Mode. Ein paar Tropfen Kölnischwasser reinigten die Luft für ein paar wervolle Momente, liessen von Capri träumen und von Amalfi, zumindest aber von Köln. Gesund war, wer nicht hustete, kein Fieber hatte, keine Bauchschmerzen und keine Schwellung an sichtbaren Körperstellen. Gesund war, wer nicht krank war. Gesund war, was nicht stank oder faulte. Olmützer Quargel brach diese Regel. Wer Zucker hatte, also Diabetiker war, kaufte Schokolade und Kekse im Reformhaus. Abführtee gab es in der Apotheke. Und allerlei Pulverl. Salben für dies, Salben gegen das, immer gab es was zu Rühren beim Herrn Magister. Fand man sich mit der Mutter in der Apotheke ein, um Sanostol zu tanken, einen harzigsüssen Trank, oder Lebertran, die trinkbare Hölle auf Erden, musste man konstatieren: Richtig gesund war eigentlich nichts. Bis auf eines. Gesundheitsschuhe. Ihre Farbe entsprach in etwa dem Ton, den eine Tasse Milchkaffee annimmt, wenn sie, übers Wochenende stehen gelassen wird: Einen fahlen Stich ins Grüngraue.

20. September 2014 (0) Comments

To coq or not to coq au vin

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 38/2014

Liebe Frau Andrea,

bei meinem letzten Urlaub konnte ich feststellen, dass die Hennen auch auf französischen Misthaufen eindeutig die Mehrheit sind. Wo sind die Hähne? Enden sie wirklich fast alle als “coq au vin“ im Kochtopf? Oder handelt es sich auch hier mehrheitlich um “poules au vin“?

Au revoir! Josef Dollinger, 1070 Wien, per Email


Lieber Josef,

geht man von der Prämisse aus, dass jeder Misthaufen, ob in Frankreich oder in hiesigen Gefilden, von einem Hahn regiert wird, sieht es gut aus für Ihre Theorie. Es gibt mit großer Wahrscheinlichkeit mehr “coqs au vin“ in Kochtöpfen als auf Misthaufen. Wir müssen dabei aber eher an eine Rezession der Misthaufen als an eine Konjunktur der Gockel denken. Schlimmer noch, selbst in Frankreich, jenem Land, das den bunten Hühnermann als Nationaltier begreift, ist der Hahn als Speisevieh selten geworden. Die regional durchaus verschiedenen Originalrezepte sehen zwar einen einjährigen Hahn vor (der etwa 3 Kilogramm schwer sein soll) aber selbst Spitzenköche bereiten den “coq au vin”, wörtlich “Hahn in Wein” als “poule au vin”, als Huhn in Wein zu. Sind doch Hähne selbst auf gut sortierten Märkten nur mehr schwer erhältlich. Eine lukullische Notlösung stellt der fette “chapon“ (Kapaun) dar, der junge kastrierte Hahn. Das Dilemma verweist auf das Geschlechterverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Hühnervögeln. Hähne leben, wie die männlichen Exemplare vieler Tierarten, polygam. Artgerechte Haltung sieht daher mehrere Hennen für jeden Hahn vor, die dieser nach Lust und Laune treten kann – so bezeichnet die Fachwelt den Kopulationsvorgang beim Federvieh. Für den Hahn ist die Reproduktion Schwerarbeit, je nach Rasse ist das Verhältnis von Hahn zu Hennen unterschiedlich. Schwere Hühnerrassen sollten im Verhältnis 1 (Hahn) zu 7 bis 10 (Hennen) gehalten werden, bei leichten Rassen kann ein Hahn hingegen durchaus 15 Hennen betreuen. In der Phantasie eines idealen Bauernhofs kämpfen mehrere Hähne um ihre Vormachtstellung unter den Hennen. In Realitas landen die weniger starken Hähne vor, nach, meist aber statt eines Hahnenkampfs im Kochtopf. Die fehlenden Hähne der von Ihnen besuchten Misthaufen dürften also alle dem gastronomischen Kreislauf zugeführt worden sein. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

14. September 2014 (0) Comments

Was wir an Russland mögen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 13.9.2014.

Schlechte Zeiten. Schuld ist der Mann mit dem eiskalten Blick. Wladimir Wladimirowitsch Putin. Der Krimdieb. Der Separatistenversteher. Der Absender grüner Männchen und umlackierter Militärtransporter. Der Ukraineverstörer. Der Sowjetnostalgiker. Der Pussyhasser. Nach Saddam Hussein, bin Laden, Gaddafi und Assad hat die westliche Welt einen neuen Bösewicht gekürt - Vladimir den Schrecklichen. Was er im Schilde führt, weiss keiner, sagen die einen. Er will alles, sagen die anderen. Erst die Ostukraine, dann Transnistrien, dann das Baltikum, dann Polen und dann: uns. Uns alle. Die Nichtrussen. Die Unrussen. Je slawischer wir Fürchtenden, je depressiver also unsere mentale Konsititution, desto unrunder unser Russlandbild. Russland ist Putin und Putin ist Russland. Konnte man früher noch sagen, den kleinen Mann mit den Mädchenhänden mag niemand ausser seinen Prätorianern, steht propagandatechnisch mittlerweile fest: Die Russen stehen hinter dem Mann im Kreml. Und Russen, die hinter so einem Heini von Ivan stehen, müssen böse Russen sein. Man hat gefälligst hinter einem Massenmörder zu stehen wie Stalin, hinter einem Neanderthaler wie Breschnjew oder zumindest hinter einem Schlitzohr wie Chruschtow. Hinter einem bleichen Geheimdienstakrobaten und gasreichen Kapitalismusgutfinder hat man nicht zu stehen. Der Antichrist aus dem Kreml will uns russifizieren. Neurussifizieren. Conchita rasieren und uns die Augenbrauenpinzetten wegnehmen. Uns gesellschaftlich unterjochen und uns die bolschewistische Kultur überjubeln. Das freie Denken verbieten, den eigenen Geschmack, das Europäische in uns. Ach ja. Das sagen wir, nach bald 70 Jahren Impräginierung mit amerikanischer Leitkultur. Zeit in Erinnerung zu rufen, was wir an Russland alles mögen. Bolschoi und Borschtsch. Doktor Schiwago und die Brüder Karamasow, Kandinsky und Chagall, Rachmaninow und Prokofjew, Tschechow und Tolstoi, Eisenstein und Tarkowski. Die Weiten des Landes und der Herzen. Weinende Männer und lachende Frauen. привет!

13. September 2014 (0) Comments

Goldberger Vienna Wien Schreygasse 6

Message to the two nieces of Mr. Goldberger from Vienna, Schreygasse 6. You visited Vienna, Wien in 2003 searching for the former apartment of your grandfather Mr. Goldberger (Ph. Goldberger, Schneider, taylor):

Please contact me: Dr. Andrea Maria Dusl comandantina.dusilova@gmail.com

10. September 2014 (0) Comments

Du und Sie synchron

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 37/2014

Liebe Frau Andrea,

an einem der vergangenen Fernsehabende bin ich auf folgende Frage gestoßen: Wie wird bei der Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche entschieden, wann die beteiligten Personen sich siezen, und wann diese zum Du übergehen? Meine Versuche, diesbezüglich auf ein System zu stoßen (z.B. eine Kopplung mit der Verwendung des jeweiligen Nachnamens) scheiterten bisher kläglich.
Ich hoffe auf Ihre Hilfe.
 
Benjamin Mörzinger, per Email


Lieber Benjamin,

die Synchronisation von Kinofilmen und Fernsehserien (traditionell nur in Mitteleuropa und den romanischen Ländern durchgeführt) steht unter dem deutlichen Zwang ökononomischen Handelns. Mehr noch als die Produzenten der Stoffe haben die Verwerter von Filmen und Serien großes Interesse daran, ihre Kosten möglichst gering, ihren Gewinn möglichst hoch zu halten. Wir dürfen konstatieren, dass Filme und ihre künstlerische Intention (so denn eine vorliegt) unter Synchronisation eher leiden. Eine Ausnahme von dieser Regel erfuhr die britische Early-70ties-Krimiserie “Die Zwei” (Originaltitel: The Persuaders!), die nicht trotz, sondern wegen der schnoddrigen Synchronisation im Deutschsprachigen Kultstatus erlangte. Ähnliche erfolgreich waren die Ergebnisse sprachlicher Translationskunst im Fall der Bud-Spencer-und-Terence-Hill-Filmen. Auf der Wasserscheide zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik tänzelt die Übertragung von englischen Anredeformen in das deutschsprachige Duzen und Siezen. Hier kann festgestellt werden: Je billiger die Serie, desto billiger die Synchronisation. Das Anredeproblem - im Englischen sind ja alle per Ihr (you) - ist dabei nur die Spitze eines Eisbergs sprachlicher Missverständnisse. Eine gewissenhafte Synchronsiation sollte die Originaldrehbücher, ja die Figuren-Backstories und die Entwicklung der Charaktere kennen, um im Einzelfall zu entscheiden, wie die gesellschaftlichen und hierarchischen Verhältnisse der Protagonisten zueinander liegen, wie die handelnden Personen einander ansprächen, wären sie nicht in der Bronx oder am Kapitol zu Gange, sondern in Duisburg-Hochfeld oder im Bundestag. Tatsächlich ist dieses Feld eines der ständigen Irrungen, was selbst österreichische Ohren bisweilen verstört. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

8. September 2014 (0) Comments

Was der Herbst bringt

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 6.9.2014.

Ohne polemisch zu werden, dürfen wir konstatieren, dass der August schon alles gebracht hat, was wir vom Herbst befürchten. Schneefall bis in die höheren Täler, Vorbereitung auf den Ernst des Lebens vulgo Schule. Die Bäder haben ihre Pforten geschlossen, die Schilifte mit ihrem schmutzigen Geschäft begonnen. In den Vizekanzlersattel ist ein alter Bekannter gestiegen, von dem wir alles zu wissen vermeinten bis auf seine Couleur-Nämlichkeit in der katholischen Studentenverbindung Austro-Danubia: 

Django. 

Dem eigenen Vernehmen nach bezog sich der neugekürte Volksparteiobmann Reinhold Mitterlehner auf die “klare Linie” seines Namensvorbildes in den Filmen Franco Neros. Habe er, Mitterlehner doch damals auch “anders ausgesehen”. Wie er das meint, gibt uns Mitterlehner auch bekannt: Django habe er als Kontrapunkt gegen Verbindungsnamen wie “Burli” gesehen. Noch in Unkenntnis seiner späteren Aufgabe setzte Django Mitterlehner damit Akzente gegen die Biernamen prominenter Vorgänger in Amt. Hatte sich doch der kleinwüchsige Engelbert Dollfuß “Laurin” genannt. Nach dem sagenhaften Zwergenkönig und Bewirtschafter des Rosengartens. Staatsvertragsveteran Leopold Figl hiess in unverblümter Würdigung seiner Fähigkeiten verbindungsintern “Onkel Schwips”. Nicht weniger unpathetisch wurden (und werden) Josef Klaus und Alois Mock auf der Bude gerufen - “Ulk” und “Bimbo”. Nur scheinbar seriöser hielt und hält es Mitterlehners unmittelbarer Amtsvorgänger in couleueronomastischen Fragen. In seiner Studentenverbindung hört Michael Spindelegger auf den Namen “Cato”. Unklar blieb und bleibt, ob Djangovorgänger Spindi sich namentlich auf Marcus Porcius Cato Censorius, genannt “der Ältere” bezieht, oder auf einen seiner beiden, mit unterschiedlichen Müttern gezeugten Söhne Marcus Porcius Cato Licinianus und Marcus Porcius Cato Salonianus. Cato Vater hatte, glaubt man zeitgenössischen Marmorbüsten, neben der sorgenfaltigen Stirn eine prominente Nase. In dieser Frage hat die Couleurwissenschaft noch Forschungsbedarf. 

6. September 2014 (0) Comments

Gequetschten Quatsch kwetchen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 36/2014

Liebe Frau Andrea,

auf Facebook habe ich einen amerikanisch-englischen Test ausgefüllt, der ermittelt, welcher jiddische Begriff meinen Charakter am besten beschreibt. Heraus gekommen ist “kvetch”. Ein Querulant! Ich! Ist das arg? Ich solle Rechtsanwalt werden oder Journalist. Was glauben die!

Und vor allem, was glauben Sie?
David Barta, Wieden, per Gesichtsbuchdirektnachricht


Lieber Boris,

selbstverständlich habe auch ich diesen Online-Fragebogen längst ausgefüllt. Was soll ich Ihnen sagen, ich bin auch “a kvetcher”. Aber der Reihe nach. Der satrirische Multiple-Choice-Test “Which Yiddish Word Describes Your Personality?” wirbt mit dem Bild von Yetta Rosenberg. Die graublau dauergewellte Lady mit den fingerdicken 70ties-Brillen und dem glitzy Blazer (gespielt von Ann Morgan Guilbert) ist die senil-skurile, jedenfalls aber europäisch-anstrengende Großmutter von Fernseh-Nanny Fran Drescher und dem Vernehmen nach deren eigener Babe (jiddisch für Oma) nachgeraten. Das newyorkerische Verb “to kvetch” ist dem jiddischen “kwetschn” entlehnt. Als Substantiv bezeichnet es alle, die meckern, maulen oder nörgeln, langsam, ineffizient oder bürokratisch arbeiten, kleine Beschwerden aufblähen, ständig Ausreden für die eigenen Leistungen und Missfallen an denen der anderen finden. Unser Lexem kommt, obwohl vielfach behauptet, nicht von mittelhochdeutsch “quetzen, quetschen”, vom Auspressen also, wie es etwa in der Wienerischen Version der Ziehharmonika, der “Quetschen”, oder in der gleichlautenden Bezeichnung für das kleine Geschäft, den kleinen Handwerksbetrieb vorliegt, sondern von “quatschen”. Das lautmalerische Verb beschreibt “den Ton, wie er hörbar wird, wenn man mit Vehemenz in breiigen Schmutz stapft”. Einen weiteren Hinweis auf die Herkunft von “kwetch(e)n” liefert das Wort “Quatsch”, soviel wie Unsinn, Geschwätz, Gerede. Es kommt mit großer Wahrscheinlichkeit vom mittelhochdeutschen “quât”, Kot, Schmutz, Dreck, Unflat. Als Kwetcher (m.) und Kwetscherke (f.) befinden wir uns dennoch in guter Gesellschaft, berichtet doch Leo Rosten, Verfasser der Jiddischen Enzyklopädie von der Sichtung eines Buttons mit der Aufschrift: “Franz Kafka is a Kvetch.” www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

1. September 2014 (0) Comments

Der Gartenzwerg

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 30.8.2014.

Das Verbrechen geschah bei Nacht und Nebel. Unbekannte schnitten zur Tat und stahlen vierhundert Zwerge von den Lampenmasten zwischen Rankweil und Bregenz. “Coolmen” hiessen die hässlichen Figuren, sechs Studenten hatten sie tags zuvor mit Kabelbindern montiert. Die Meldung vom Zwergenfrevel schaffte es bis in die BBC News. Die kleinen Kerle waren Teil einer Heiterkeitsoffensive der im Ländle marginalisierten und ums politische Überleben kämpfenden Sozialdemokratie. Bei den Wahlen Ende September müssen diese befürchten, unter die Zehnprozentmarke zu fallen. Von den politischen Absichten der Vorarlberger Roten ist weniger bekannt, als von ihren Marketingideen. Sind doch die vierhundert Entführten nur ein kleiner Teil eines fünfzigfach grösseren Selbstdarstellungsprojekts. In einem Auflodern ökonomischer Unvernunft waren insgesamt 20.000 Gartenwichtel bestellt worden. Zwanzigtausend.

Der Diebstahl der Kleinplastiken kamoufliert eine Reihe anderer Verbrechen. Verbrechen, die nicht den Dieben, sondern den Bestohlenen in der Causa Coolman anzulasten sind. Da wäre das semiotische Verbrechen. Sich und die eigene Wirkung in die Figur eines Gartenzwergs, eines erstarrten Ziergarten-Gnoms also, zu projizieren, kündet von falscher Identifikation. Klügere Völker haben sich, in Kleinheit geworfen, erfolgreich in der Figur des David gespiegelt, wir erinnern uns: Der Goliathbezwinger. Schuldig machen sich die Zwergenverteiler auch des ästhetischen Verbrechens. Innerhalb des als süsskitschig verpönten Genres der Gartenfigur nimmt der Zwerg eine subalterne Position ein. Den Cool-Men-Wichtel gelang es mühelos, diesen Rang zu unterlaufen. Kaum ein Gartenzwerg ist hässlicher, als der rote. Rot? Verbrechen Nummer drei. Der inkriminierte Original-Däumling ist nicht in den traditionellen Signalfarben der Linken gewandet, sondern in schwarz-blau, den Tinkturen des politischen Gegners. Die SPÖ-Vorarlberg sollte mit der ÖVP-Wien fusionieren. Dort arbeiten ähnliche Kaliber.

30. August 2014 (0) Comments

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