Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

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Bimfahrer und Bezeichnungsmacht

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 28/2015

Liebe Frau Andrea,

ich habe neulich den ersten afroaustriatischen Bim-Fahrer gesichtet. Oder heißt es austroafrikanisch? Die Freude angesichts dieses neuen, lenkenden Mitarbeiters der Wiener Linien war groß. Ebenso aber meine Ratlosigkeit, was denn nun die korrekte “phänomenologische“ Bezeichnung wäre. In den USA spricht man von “african americans” – aber wie denn nun bitte auf Österreichisch?

Herzlich,
Thomas Nárosy, per Email


Lieber Thomas,

zunächst zu den technischen Details ihre Ratsuche. Bim-Fahrer lenken ihre Fahrzeuge nicht, da Straßenbahnen keine Lenkung haben. Sie fahren auf Schienen. Die korrekte (und offizielle) Bezeichnung des Triebwagenführers lautet StraßenbahnfahrerIn. Nun zum Kernanliegen Ihrer Anfrage, Ihrer Unschlüssigkeit in Bezeichnungsfragen. Ohne zu tief in das weite Feld politisch korrekten Handelns einzulaufen, will ich ein paar Gegenfragen stellen. Ich war neulich in Peking und habe dort den ersten flavosinen Busfahrer gesichtet. Oder heißt es sinoflav? Meine Freude angesichts dieses neuen, lenkenden Mitarbeiters der Pekinger Verkehrsbetriebe war groß. Aber ging es um Freude? Oder fiel mir nur das blonde Haar des Fahrers auf? Und warum fiel es mir überhaupt auf? Weil Chinesen in der Regel schwarzes Haar haben? Wer aber stellt diese Regel auf? Hätte ich Notiz genommen, wenn der Fahrer Mahlers Zweite liebte? Wäre mir aufgefallen, wenn der Mann Linkshänder wäre? Vegetarier? Cinematophiler? Teetrinker? Kaum. Ich habe in meinem fiktiven Beispiel einen Menschen im öffentlichen Raum auf sichtbare körperliche Merkmale reduziert. Nicht gut. Die US-amerikanische Üblichkeit, die Bevölkerung in “Rassen” einzuteilen und diese meist willkürlichen Zuordnungen in Dokumenten zu manifestieren, hat Wellen der Relativierung geschlagen, die auch bei uns als political correctness anbranden. Überschiessende Zustimmung bricht sich in Ethnophilie, Angst und Borniertheit ergießen sich in Fremdenhass und Rassismus. Als Österreicherin mit migrantischem Hintergrund bin ich Betroffene wie Betreffende. Die Zuschreibungen sind immer subjektiv. In Amerika hielt man mich schon für eine Inderin, in Russland für eine Kasachin, in Oberösterreich für eine Deutsche, in Ägypten für eine Russin. Es ist kompliziert. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

5. Juli 2015

Wie Österreichs Politiker
den Sommer verbringen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.7.2015.
 
Der österreichische Sommer, traditionell “Urlaub” genannt und schulfrei gestellt, speist sein Gedächtnis aus drei Quellen. Sie entspringen tief in der Klassengesellschaft des Absolutismus. Das Gebiet des heutigen Österreich war innerhalb der Lothringisch-Habsburgischen Besitzungen ein mäßig industrialisiertes Bauernland. Kinder konnten sommers nicht in die Schule gehen, ihren Eltern brauchten sie auf dem Feld. Zur Einbringung der Ernte. Es waren harte Zeiten für kleine Kinderkörper. Hart und heiß. Wer die Kindheit überlebte, wurde Bauer und Bäuerin oder Magd und Knecht. Aus der agrarischen Notwendigkeit entsprangen die schulischen Sommerferien und mit ihr die Ferialabsenz von Schullehrerenden und Universitätsprofessorium.
 
Nicht nur die Bauern, auch die Großgrundbesitzer und Aristokraten mussten im Sommer auf den Acker. Die Herren sahen auf den fernen Gütern, deren Fruchtgenuss ihnen Reichtum und Stand sicherte, nach dem Rechten. Das hatte direkten Einfluss auf die Verwaltung. Amtsstuben wurden dichtgemacht, Landtage tagten nicht, die Parlamente schwiegen. Ministerien und Ämter reduzierten ihre Aktivitäten auf das Luftzufächeln mürrischer Portiere. Die Familien der Begüterten reisten gleich mit auf die Güter. Wer kein Gut hatte, aber Geld, fuhr ebenfalls aufs Land. Schaute dem Landvolk beim Roboten zu, las in klugen Büchern, erfreute sich an der Natur. Die Sommerfrische war erfunden. Die Luft flirrte vor Hitze und lustigen Gewittern, es roch nach Kaiserschmarrn, im Kurpark spielte die Kapelle. Wer es den russischen Aristokraten nachmachen wollte, fuhr ans Meer und kurierte Rachitis und Winterdepression. So entstand jeglicher Strandurlaub. 
 
Freilich sind mittlerweile die Standesgrenzen ausgefasert. Die reichen Bauernkinder fliegen auf die Malediven und lassen sich bedienen. Das verarmte Bürgertum urlaubt auf Balkonien und fächelt sich Stadtluft zu. Der alte Adel erntet schollennah Biogemüse. Urlaubszeit ist Arbeitszeit. Auch für die Kaste der Politiker.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 4.7.2015.

4. Juli 2015

Oxi.

Es häufen sich die Kommentare (ausschliesslicher Griechenlandhasser), die sinngemäss meinen, ein Volk wäre zu dumm für eine komplexe Entscheidung. Das ist nichts weniger als der Ruf nach dem "Führer" und die Abschaffung von Wahlen. Aber: Jede große Entscheidung ist komplex. Das ganze Leben ist komplex. Unwägbar. Auch im Falle von Entscheidungen hinter Polstertüren und Reichsratskanzleien ist das der Fall. Eine freie geheime Abstimmung aber ist demokratisch. Das ist der Unterschied, um den es geht.

4. Juli 2015

An Juncker, Merkel, Schäuble, Dijsselbloem, Lagarde:

In der Welt der Finanzen und des Geldverkehrs - und damit auch in den Grexitus-Verhandlungen dieser Tage, Wochen und Monate - wird beständig von Ultimaten und Fristen gesprochen. Termine liefen ab, heisst es im Minutentakt, Zeitfenster schlössen sich, die Zeit werde knapp. Es wird so getan, als wären das gottbestimmte Deadlines. Was für ein vermaldeiter Unsinn. Diese Termine sind Spielregeln in einem Spiel. In einem schlechten Spiel. Sie können jederzeit verändert werden (stellte man sich ausserhalb des theokratischen Systems "Finanzmarkt").

Die einzigen tatsächlichen Termine, die einzuhalten sind, sind menschliche Termine. Organische Termine. Medizinische. Sie werden vom menschlichen Körper bestimmt. Von Kranken, die ohne Medikamente siechen oder sterben. Von Menschen, die verdursten, verhungern oder verlottern. Von Hoffnung, die stirbt. Von Bildung, die nicht erfolgt. Die Termine werden gesetzt von Säuglingen, Gebrechlichen und Alten, die sterben, wie in Kriegszeiten. Das sind die Fristen, Juncker, Merkel, Schäuble, Dijsselbloem, Lagarde. Das sind die einzigen Fristen. Der Atem der Menschen. Das Leben der Menschen.

30. Juni 2015

Deutsche, Griechen, Bartel und Most

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 27/2015

Liebe Frau Andrea,
 
in den letzten Tagen hat sich ja einiges zugespitzt, europamässig, auch bei uns hier in meinem Freundeskreis. Wir sind in unseren Sympathien gespalten. Mein Freund und ich sind Griechenland-Fans und mögen Tsipras und Varoufakis. Die beiden Deutschen in unserer Fortgehrunde sind da ganz anders gepolt. Merkel werde den Griechen jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt, sagen sie. Bitte was?
 
Mit Funken letzter Hoffnung,
Leon Oberhollenzer, Landstraße, per Email


Lieber Leon,

nach landläufiger Meinung handelt es sich bei Bartel um einen gewissen Bartholomäus, und bei seinem Holgut um vergorenen Apfeltrunk. Redewendungsgewandte Deutsche verwenden den Terminus gerne, um drastisches Erkenntnisgefälle darzustellen. In der Metaphorik des Bartelschen Mostholens geht es um die normative Kraft des Möglichen und die Überlegenheit von Kenntnis. Der Most muss gar nicht geholt werden, es genügt zu wissen (und zu zeigen), wo Bartel dies tut. Ihre Freunde aus dem Diskursrund haben die Redewendung richtig eingesetzt, vermutlich aber in Unkenntnis der sprachlichen Zusammenhänge. Unser Spruch kommt nicht aus christlichsozialem, süddeutsch geprägtem Gröschlezählerkreis, sondern aus dem Rotwelsch, der Sprache der Gauner und Bettler und verwendet zwei Hebraismen, die aus dem Jiddischen entlehnt wurden und weder mit Apfelwein noch mit einem Herrn Bartel zu tun haben. Most ist in unserer Wendung nicht vergorener Obstsaft, sondern Moos, das Geld, von der Mehrzahl des jiddischen moo (Pfennig). Bartel ist eine Verschleifung des jiddischen Wortes Barsel (Eisen). Wenn der rotwelsche Barsel wusste, wo er das Moos holt, wusste das Brecheisen, wo das Geld lag. Diese alte Verbrecherweisheit ist als Redensart bereits im 17. Jahrhundert nachgewiesen. Welches Brecheisen der exostdeutschen Pastorentochter Merkel nun wiederum vorschwebt, um dem marxistischen Bauunternehmersöhnchen Tsipras zu zeigen, wo die Verhandlungssumme liegt, lässt sich momentan wegen gallopierender Ereignisabfolge nicht sagen. Dass Deutschland Griechenland mitteilen möchte, wo das Geld liegt, berechtigt immerhin zu sachter Hoffnung. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

28. Juni 2015

Griechenland wird getötet

So sieht also die europäische Solidarität aus. Weil die griechische Regierung ihr Volk nicht verhungern lassen will, ihre Kranken am Leben halten und der Wirtschaft eine Zukunft geben will, wird Griechenland verstossen. Dem Dämon Zins geopfert. Dem Moloch Finanzmarkt. Getötet. Die Schuld wird dem Opfer zugewiesen. Wie das Täter gerne machen. Wie das Täter immer machen. Der schwäbische Kassenwart und die Ossipastorin töten ein ganzes Land. Darin haben sie Übung. Man hätte die deutsche Einigung nicht zulassen sollen. Sie rächt sich mit Hybris und kleinkrämerischem Hass auf alles rechts der Muttimitte. Oh, Du elender, gespaltener Kontinent. Ersticken magst du an deiner Menschenfeindschaft. An deinen dummen Sprüchen, Deinen dummen Konzepten, Deiner zukunftslosen Gesinnung. Deinem Hass auf die Menschen.

28. Juni 2015

Werkzeuge der Ökonomen

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 27.6.2015.

Ende Februar 1962 hält ein gebürtiger Ukrainer, Sohn eines Rabbis aus Odessa, eine bemerkenswerte Rede. Auf einer Konferenz der American Educational Research Association, abgehalten in der Kongress- und Casinometropole Atlantic City spricht Abraham Kaplan vor Bildungswissenschaftlern - auf dem Bankett des dreitägigen Meetings. Kaplan, längst Amerikaner und Professor der Philosophie an der University of California, Los Angeles, spricht Klartext. Er ermahnt seine Kollegen aus der Wissenschaft zu klügerer Auswahl ihrer Forschungs-Methoden. Die Tatsache, dass bestimmte Methoden sich als praktisch erwiesen hätten, oder jemand auf eine Methode eingeschworen sei, biete keine Sicherheit dafür, dass diese ein brauchbares Werkzeug für die Lösung alle Probleme sei. Kaplan fasst seine Überlegungen in einem Aphorismus zusammen, der als “Kaplan’s Law of the Instrument” bekannt werden sollte: “Gib einem Jungen einen Hammer”, meint der Professor launig,”und alles was ihm begegnet, muss eingeschlagen werden.” 

Das talmudische Statement findet nicht zufällig in einer Stadt am Ozean statt - vorgetragen von einem Migranten aus legendärer Hafenstadt. Dürfen wir doch Menschen aus marinen Handelszentren die Fähigkeit zusprechen, weitere Gebiete als den eigenen Tellerrand zu überblicken. Mit den Schiffen kamen seit jeher nicht nur unbekannte Waren und fremde Seeleute in die Häfen, sondern auch neue Ideen und überraschende Sichtweisen. 

Das wirtschaftliche Handeln unserer Tage darf im Lichte dieser Überlegungen als zutiefst binnenländisch taxiert werden. Kritiker sprechen den Wirtschaftstheoretikern und ihrer praktischen Einflusssphäre - die Staatskanzleien, Finanzministerien und Analystenbüros des Westens - längst jede seriöse Wissenschaftlichkeit ab. Die Disziplin trägt die Züge eines abgeschlossenen quasitheologischen Systems. Wallstreet, Londoner City und Bankfurt sind Heilsorte neoliberalen Talibanismus. Das Werkzeug, mit dem die Probleme dieser Welt bearbeitet wird ist bekannt. Es ist der Hammer. Kein Wunder, dass die Welt der ökonomischen Theologie vor allem eines ist: Vernagelt.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 27.6.2015.


27. Juni 2015

Podiumsdiskussion ::: Seestadt Aspern
Sa. 27. Juni 2015, 20h

WAT IV
Wiener Achse Talks

WACKEL
mit Stefanie Sargnagel, Andrea Maria Dusl und Reinhardt Badegruber

Musik von Mira Lu Kovacs

27. Juni 2015
20 Uhr im Salotto Vienna
U2 Seestadt, Eintritt frei

in Kooperation mit MAK und OKTO

--> https://www.facebook.com/events/961704553880171/

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27. Juni 2015

Verärgert

Verärgert seien sie, sagen die Finanzminister und die Großkassiere. Was ist denn das für eine kleinliche Befindlichkeitsstörung? Verärgert zu sein. Ist das nicht ihr Job, Krisen zu meistern, Verhandlungen zu führen, monetär und gubernalisch kreativ zu sein? Statt ihre hochbezahltes Profession auszuüben, kommen von diesen Leuten andauernd Meldungen aus der Welt der Gefühle. Was sind das für Leute? Verärgert zu sein ist ein Luxusproblem. Verärgert sind sie. Sind sie nicht eher labil und persönlichkeitsgestört? Zickig? Wann hat man je von Kranführern, Krankenschwestern, Chirurgen, Kindergärtnerinnen, Feuerwehrleuten angesicht beruflicher Herausforderungen das Wort "verärgert" gehört?

24. Juni 2015

Frau Algo und Tante Rithmus

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 26/2015

Liebe Frau Andrea,
 
seit Jahren schätze ich Sie als zuverlässige Auskunftei für eh alles. Dennoch gehe ich in letzter Zeit des Öfteren fremd und suche Rat bei Ihrem elektronischen Konkurrenten Google. Fürchten Sie nicht um Ihren Arbeitsplatz? Oder sind Sie gar kein Mensch, sondern bloß – horribile dictu - ein vom Falter-Team gut getarnter Algorithmus?
 
Ein verunsicherter und besorgter
Josef Dollinger, Wien-Neubau, per Email


Lieber Josef,

wir wollen versuchen, Ihre Verunsicherung und Besorgnis in die jeweiligen Gegenteile zu verkehren. Ich fürchte nicht um meinen Arbeitsplatz, denn streng genommen habe ich keinen solchen. Ich beantworte sämtliche an mich herangetragenen Anfragen aus meinem privaten Atelier, bin aber fernschriftlich mit der Stadtlebenredaktion des Falter verbunden. Der Herr Google ist ein früher Freund von mir, wir kennen einander schon aus dem Yahoozän. Ich schätze den Central Scrutinizer in vielfacher Hinsicht. Lässt sich doch keine Frage ohne Konsultation des Kollegen G. erschöpfend beantworten. Insoferne sind Suchmeister G. und ich mehr Verbündete denn Konkurrenten. In der Frage meines Menschseins kann ich nur Positives berichten, ja ich bin ein Einzelindividuum, bewohnt von Es, Ich und Über-Ich sowie den Lacanschen Hauptmietern “moi“ und “je“. Wir sind unser eigenes Team, möchte ich, möchten wir sagen, unsere Handlunsanweisungen aber sind komplex und weitgehend metaalgorithmischer Natur. Grundlage der Erkenntnisproduktion, die diese Kolumne speist, ist eine vom deutschen Philosophen Odo Marquard eingeführte, hochpraktische Fähigkeit: Die Inkompetenzkompensationskompetenz. Dieses Talent ist erworben, wird aber mit grosser Sorgfalt gepflegt und stellt die belastbare Grundlage meiner Wissensakquise das. Im Einklang mit der Tatsache, dass ich nicht alles weiss, geschweige denn je wissen könnte, recherchiere das jeweilige Feld materialextensiv und befrage jene, die höher über den Zaun blicken als ich. Meine Bibliothek ist von ausgesuchter Breite, nach rhizomatischen Gesichtspunkten zusammengestellt und befindet sich noch innerhalb der Gutenberggalaxis. Was kann diese Kolumne leisten? Beantwortbares wird beantwortet. Unlösbares bleibt ungelöst. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

21. Juni 2015

Die letzte Schlacht

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 20.6.2015.

In seinen “Vorlesungen über Philosophie der Geschichte“ macht sich der deutsche Philosoph Georg F.W. Hegel Gedanken über die Staatsumwälzung. Im traditionellen Verständnis ist damit die Revolution gemeint. Mangels Erfahrungen auf diesem Gebiet sprechen Österreicher eher vom “Gürtelengerschnallen”, vom “Schraubenanziehen” und gelinde und diffus vom Mittel der “Sanktionierung”. Auch mit der hierzulande etablierten Parole “es denen zu zeigen”, beziehungsweise “es denen einmal ordentlich zu zeigen” liesse sich die Phantasie der Staatsumwälzung zumindest andeuten. Wie auch immer, Hegel hat die Idee der erfolgreichen Revolution dahingehend bearbeitet, dass diese im Dafürhalten der Menschen erst dann angenommen werde, wenn sie sich wiederhole. So sei Napoleon zweimal gefangen worden, erläutert Hegel, und zweimal habe man die Bourbonen vertrieben. Durch die Wiederholung, so fasst Hegel zusammen, werde das, was anfangs nur als zufällig und möglich erschiene, zu einem Wirklichen und Bestätigten.

Diese Überlegungen wurden von einem zweiten Deutschen ein weiteres mal zu Geschichtsphilosophie gesponnen und damit ihrerseits zu zu Wirklichem und Bestätigtem. In “Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" entschärft der Autor das Hegelzitat, in dem er zur Verdoppelung geschichtlicher Ereignisse und Personenkonstellationen hinzufügt: Das eine Mal fänden diese als Tragödie statt, das andere Mal als Farce.

Karl Marx schrieb das.

Es lässt sich kaum ein Ereignis der Geschichte finden, an den Marx’ Aphorismus noch nicht angelegt wurde. Wie bei anderen Messvorgängen ist aber auch hier nicht ohne Belang, wo die Latte angelegt wird. In Bezug auf unser Zitat von der Tragödie und der Farce und die Vermessung der politischen Ereignisse in Schnitzelland werfen sich Fragen auf, deren Beantwortung erst der Zukunft gelingen wird: Ist Werner Faymann die Tragödie oder schon die Farce? Ist Rotblau (Niessl) die Farce von Schwarzblau (Schüssel) oder eine eigene Qualität politischer Rohheit? Und wenn alle Farcen verbraucht sind, überrascht uns das Rad der Geschichte mit neuen Tragödien?

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 20.6.2015.

20. Juni 2015

Zu viele irren sich zu oft

Die eine Hälfte des Übel kommt daher, Gefährliche für harmlos zu halten und Harmlose für gefährlich. Die andere Hälfte kommt daher, Verrückte für gesund zu halten und Gesunde für verrückt. Zusammengefasst: Zu viele irren sich zu oft.

Zu viele irren sich zu oft.gif

19. Juni 2015

Rotblau

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 13.6.2015.

Die burgenländische Sozialdemokratie hat in beispielloser Geschwindigkeit und bislang unbekannter Konsequenz zu einer Liaison mit der sozialen Heimatpartei gefunden. Dieses rasche Zusammengehen wirft einige Fragen, aber noch mehr Antworten auf. Erblüht die neue blaurote Liebe auf einem schon lang bestellten Feld? Soll das Modell einer sozialdemokratisch-sozialheimatlichen Parteienehe Schule machen? Wird die Sozialdemokratie durch ihren neuen Partner brauner und schollennäher oder werden die Freiheitlichen mit marxistischer Ideologie infiziert? Darf man lachen oder muss man weinen?

Zu den Antworten. Man muß lachen und darf weinen. Was aus Rotblau wird, interessiert vor allem die Schwarzpartei. Feuer züngelt auf deren Kartenhausdach, ein jahrzehntelang praktiziertes Erpressungsmodell ist in Gefahr. Auch die Grünen empören sich mit Fug. Durch die Etablierung neuer Mehrheitsmöglichkeiten geraten ihre Koalierformeln ins Trudeln. Einzig die Linken in der Sozialdemokratie könnten gewinnen. Bislang waren sie Gefangene einer Doppelmühle, zerrieben zwischen der normativen Kraft des Faktischen und der düsteren Angst vor dem Eintreten des Unaussprechlichen. Seit dem burgenländischen Rotblau braucht niemand mehr alleinige Angst vor Schwarzblau zu haben. Ein billiger Gewinn, errungen an den Spieltischen des Absurden.

Auch magische Probleme wurden gelöst. Die Frage nach dem Wert des Tabus etwa. Die Unberührbarkeit der Toten, Kern jeden Tabus, wurde von der Erkenntnis aufgehoben, dass die Verstorbenen untot sind. Der Schoss des Bösen ist nicht nur fruchtbar, er gebiert Nachwuchs mit den Wankelmütigen unter den Bessermenschen. Das Tabu hingegen, wir bleiben bei diesem zentralen Begriff, das Verbot einer rotblauen Koalition, wurde nicht übertreten. Das Tabu ging verloren. Es existiert nicht mehr. Zeit, auch andere Tabus in die Verlustzone zu schieben. Unerhörtes wäre wieder denkbar. Die Rückkehr der Zukunft. Die Produktion von Visionen. Der Wiedereintritt des Menschen in Mündigkeit und Zonen gegenseitigen Respekts. Heisse Eislutschka. Besser als keine Eislutschka.

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 13.6.2015.


14. Juni 2015

Abortschmus und Häuslschmäh

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 25/2015

Liebe Frau Andrea,

letztens wurde mir ein recht seichter Witz erzählt, welcher generell als "Häuslschmäh" zu titulieren wäre. Wäre besagter Witz komischer gewesen, wenn er mir am Abort dargebracht worden wäre?
 
Mit freundlichen Grüßen,
Johannes Poglitsch, Wien, per Email


Lieber Johannes,

sehen wir uns den Begriff an, bevor wir ihn zerlegen. Mit “Häuslschmäh” bezeichnet das Wienerische, wie von Ihnen beobachtet und bedauert, eine niedrige, billige, ja gewissermassen hilflos stolpernde, am Ungenügenden scheuernde Variante des “Schmähs”, jener hohen Kunst Wienerischer Dialektik. Der Häuslschmäh ist ein Schmäh, der metaphorisch (wenn auch nicht zwingend topographisch) in der Toilettenanlage, am “Häusl” dargebracht wird. Am Männerklo, wie die Genderwissenschaft anmerken würde - vornehmlich in der irritierenden Halböffentlichkeit eines Pissoirs. Zum Pissoir kann mithin jede Situation semi-intimen Beisammenseins werden.

Der Schmäh ist nur scheinbar verwandt mit der hochdeutschen Schmähung. Stadt-Novizen und mentalitätsgeschichtlich Aussenstehende halten den Schmäh für einen abgeschlossenen Witz oder eine Pointe. Tatsächlich ist er eine pointierte und hochkomplexe Art des Sprechens und Denkens. An seinen Rändern apert der Schmäh in Gerede, Gefasel und Geschwätz, nicht selten in Täuschung und List aus. Schmäh wird “geführt”, den Schmäh lässt man “rennen”, am Schmäh “hält” man Unbedarfte und Unterlegene. Wir kennen den “Schmähfiahra”, den “Schmähbruada”, den “Schmähtandla” und den Zustand ernsten Verstummtseins, das “schmähstad” sein. Sprachlich kommt der Schmäh über das Rotwelsche “Schmee” vom jiddischen “Schmue”, “Schmuo”, ja dem, was auch im Berlinerischen als “Schmus” bekannt ist. Im Rotwelschen und sehr tiefen Wienerisch hat sich noch das Zeitwort “schmeulern” für das Schmähführen erhalten. Schmäh und Schmus kommen beide (über das Jiddische) vom Hebräischen “Schemuá”, dem Gehörten, dem Gerücht, der Neuigkeit. Auch eine nonverbale Form des Schmähführens dürfen wir zu unserer Wortgruppe zählen: Das Schmusen, jiddisch “schmuéßn”, das sich Unterhalten. Zuletzt die Antwort auf ihre Frage: Ein Häuslschmäh wird auch am Häusl nicht besser. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

12. Juni 2015

Gastvortrag am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien

Gastvortrag im Rahmen der Lehrveranstaltung
“Textsorten, Textqualität, Textwirkung“ (Dr. Mag. Renate Resch, M.A.)
Zentrum für Translationswissenschaft
Universität Wien

HS 5
10. Juni 2015, 13h
Gastvortragende: Univ. Lekt. Mag. Dr. Andrea Maria Dusl
(Universität für angewandte Kunst Wien)

Am Beispiel der Textsorte Essay - vermessen wird der Text "Das digitale Blatt" (--> http://derstandard.at/2000010965841/Andrea-Dusl-Im-Netz-mit-dem-Online-Lachs) - beschäftigt sich der Vortrag mit internen Prozessfeldern der Medienbeobachtung. Als Tangenten an das Thema gelegt werden Kritik und Analyse der Machtverhältnisse, die sich in Medienproduktion abbilden.

10. Juni 2015

Kernkompetenz Gesprächsbasishaben

Wir erinnern uns, was als Kernqualität des Werner Faymann galt, als der unbeliebte (aber bei Wahlen erfolgreiche) Kanzler Gusenbauer demontiert wurde. (Die Demontage selbst war offiziell ein Werk von "Es-reicht"-Willi Molterer). Faymann, hieß es, hätte eine ausgezeichnete Gesprächsbasis mit seinem damaligen Ministergegenpart Josef Pröll. Eine 1A-Super-Kern-Kompetenz war das. Das Gesprächsbasishaben mit Josef Pröll. Niemand hatte das drauf. Das Gesprächsbasishaben. Nur Werner Faymann.

Die Bundesregierung Faymann I, die am 2. Dezember 2008 angelobt wurde, war wunschgemäß wieder eine große Koalition. Sie kam hauptsächlich durch die Verhandlungen der schon in der Regierung Gusenbauer für Koalitionsfragen zuständigen Minister Werner Faymann und Josef Pröll zustande.

Fassen wir zusammen. Was ist das große Talent des Werner Faymann? Koalitionsfragenbeantwortung. Gesprächsbasishaben. Von Ideen, Visionen, von sozialdemokratischen Inhalten war und ist in Zusammenhang mit Faymann nie die Rede. Inhalt war stets und ausschliesslich das Gesprächsbasishaben.

Neu ist das Gesprächsbasishaben mit den Blauen. Sehr schwer ist das nicht, das kann auch der Burgenlandler ausverhandeln. Aber auch dort geht es nicht um Inhalte. Brav sein, sagt er Burgenlandler. Brav sein, sagt der Bundesparteiobmann. Dann haben wir eine Gesprächsbasis.

9. Juni 2015

Eintreten statt austreten

Es wird wieder ausgetreten. Der Austritt ist ein Statement mit großer, pathetischer Geste. Der Austritt aus der SPÖ etwa. Aber ist er sinnvoll? Ausgetreten, inhaltlich ausgetreten sind ja eigentlich Figuren wie Niessl, Darabos e.a. Und in früheren Zeiten Haidergutfinder wie Zilk und Machtschleichen wie Ambrozy (falls sich noch jemand an ihn erinnert). Die Annäherungen der SPÖ an die FPÖ gab es immer schon. Inhaltliche wie strategische. Die Annäherungen an die FPÖ sind deswegen unanständig, weil die FPÖ unanständig ist. Nun gibt es einige, die aus persönlichem Ressentiment, aus Enttäuschung etwa, aus Verbitterung gar, der SPÖ den Rücken zuwenden. Ich nenne das Verrat. Verrat an der Idee. Eine Partei ist immer nur so gut wie ihre Protagonisten. Es müssten, um ein Zeichen zu setzen, jetzt, ja jetzt, möglichst viele kritische Stimmen in die SPÖ eintreten. Klingt absurd. Ist es aber nicht. Auch die SPÖ bildet nur interne Machtverhältnisse ab. Diese können nur dort verändert werden, wo sie wirken. Eine Revolution kann nie von aussen kommen. Eine Veränderung muss Innen ansetzen, die Gremien durchsetzen, die Institutionen. Diesen Mechanismus haben Haider und Strache jeweils genutzt für ihre innerparteilichen Putsche. Aber wäre sowas nicht auch für die SPÖ denkbar? In die andere Richtung allerdings. Demokratisch ablaufend natürlich, sanft bis mittelsanft im Ton, zur Not (und die liegt vor) auch unsanft? Von außen geht das nicht. Das geht nur von innen. Neugründungen von linken Parteien (es wird sie mangels Geld ohnedies nicht geben) führen nur zu einer Zersplitterung des Lagers. Insoferne wundert es ja geradezu, dass die IV noch keine Mittel zur Gründung einer Neo-SPÖ bereitgestellt hat. Conclusio: Eintreten und umbauen, statt austreten und beleidigt sein. Jetzt. Freundschaft.

9. Juni 2015

Negerant, Nebbochant, Nabelbohrer, Neige

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 24/2015

Liebe Frau Andrea,

unlängst dachten wir drüber nach, woher die wienerische Formulierung "neger sein" stammt. Den Zusammenhang mit dunkelhäutigen Menschen will ich nicht erkennen, viel mehr hab ich das französische "nègre" im Verdacht, denn wenn im Portemonnaie nichts ist, blickt man beim Blick in eben jenes eben nur ins Schwarze. Allerdings ist man ja – so ganz ohne Kohle – ja auch abgebrannt. Aber was dilettier’ ich da rum, ich frag lieber jemanden, der sich auskennt.

Liebe Grüße und schon mal besten Dank für die Antwort,
der Christoph Reicher, per Email


Lieber Christoph,

das rassistisch besetzte, erst im Zuge des Kolonialismus ins Deutsche übergetretene “N-Wort” mag in manchen Volksetymologien noch als Ursprung unseres Begriffs herumspuken, tatsächlich liegen die Dinge (auch in der Schreibweise) anders. Mit “néga sein” und “néga gehn” bezeichnet der Wiener den (momentan) geldlosen Zustand, beziehungsweise das zur Neige gehen der Liquidität. Erst spät ist der “Négerant” zu lyrischen Ehren gekommen. Reimtechnisch liegt hier eine Anspielung auf “Fabrikant” vor, inhaltlich eine auf “Nebbochant” (Kleinkarierter, Schnorrer). Blondel Rainhard Fendrich hat die groteske Überzeichnung des zahlungsunfähigen Schwindlers in einem Schlager untergebracht. Zurück zum unserem Begriff. Der Familienname “Neger” hilft uns insoferne weiter, als er von der alten Berufsbezeichnung “Näher”, “Neher” kommt und der Schneiderberuf auch im alten Wien gemeinhin mit Schulden verbunden wurde. Im Wienerischen heißt die Näherin allerdings “Nodarin”. Auch eine andere handwerkliche Betätigung fällt für der Ursprung von “néga” aus, das Bohren von Nabenlöchern. Mit Neiger, Näbiger, Naber, Neber bezeichnte man das spitze Eisen (gêr) mit dem man eine Nabe bohrte. Den Hinweis auf den sehr wahrscheinlichen Urprung von “néga” hielten wir indes schon kurz in der Hand. Es ist die Neige, altwienerisch die Nāg, das Zuendegehen des Vorrats. Tschecheranten (Alkoholikern) und ihren Beobachtern ist das Wort als Nāgl, Nāgerl, dem flüssigen “Restl” in etwas deutlicher Erinnerung. Wollte man dennoch jeglichem Rassimusverdacht ausweichen, und “néga” vermeiden, griffe man zu Begrifflichkeiten wie “schdia” sein, “floch”, “sockbaads” oder “walád”. www.comandantina.com dusl@falter.at Twitter: @Comandantina

7. Juni 2015

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