Soviet Hero

Comandantina Dusilova

 by Andrea Maria Dusl

          Subscribe Subscribe!


This work is licensed under a
Creative Commons License

Ribiseln auf der Nase

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 20/2012

Liebe Frau Andrea,

neulich in der Bim sitzend, wurde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs zweier älterer Wiener Damen aus der Vorstadt, die sich über ihre Augenärzte unterhielten. Dabei fiel neben anderen Erörterungen der despektierliche Satz: “I wass ned, ob ma eam trau’n soi, er miachtlt imma leicht noch Cognac und hod soiche Riwisln auf da Nosn.” Bitte um Erläuterung.

Beste Grüße, Adam Berger,
per Elektronachricht

Lieber Adam,

ein Urteil über die fachlichen Qualitäten des von Ihrer Mitpassagierein blumig beschriebenen Opthtalmologen kann ich kaum fällen. Österreichs Alkoholiker sind bewunderswerter Leistungen fähig. Der Wiener Ausdruck “Riwisl” oder “Ribisl” (vielfach auch “Ribisln”) auf der Nosn”, also “Ribisel auf der Nase” beschreibt in anschaulicher Weise eine Sonderform der Rosazea oder Kupferrose, einer meist im fünften Lebensjahrzehnt beginnenden entzündlichen Hautrötung des Gesichts. Die knollenartigen Wucherungen der Nase älterer Männer sind klinisch als Rhinophym bekannt, Nichtmediziner sprechen von der Trinkernase. Wohl, weil neben scharfen Gewürzen, Hitze, Kälte und Sonnenlicht die Volksdroge Alkohol das Wachstum der imposanten Nasenpusteln begünstigt. Eine Ribsilnase in Vollblüte zeigt das um 1490 entstandene Gemälde “Alter Mann mit Enkel“ des florentiner Renaissancemalers Domenico di Tommaso Curradi di Doffo Bigordi, genannt Ghirlandaio. Als Riwisl oder Ribisl bezeichnen die Wiener die Rote Johannisbeere (Ribes rubrum) aus der Familie der Stachelbeergewächse (Grossulariaceae). Das lateinische Wort “ribis” oder “ribes” geht trotz seiner Österreichischkeit allem Anschein nach auf persisch “riwās” oder “ribās” zurück und gelangte über Syrien ins Arabische. Es bezeichnete ursprünglich eine Rhabarberart (Rheum ribes). Der Name wurde im Mittelalter wegen des säuerlichen Geschmacks der Ribisl-Beeren, der an jenen des Rhabarbers erinnert, für die Johannisbeeren übernommen. Wollte man in Gegenwart von Betroffenen aus Gründen der politischen Korrektheit den Begriff Ribislnase für Rinophym vermeiden, wäre es zumindest etymologisch nicht falsch, von der persisch-rhabarberlichen Herausforderung zu sprechen.www.comandantina.com dusl@falter.at

14. Mai 2012 (0) Comments

Showtime ::: Trost und Rat ::: Radio Wien 19h ::: 13. Mai 2012

Meine Lieben!

Ich bin Sonntag, 13. Mai 2012 um 18:45h live zu Gast
bei Willi Resetarits in "Trost und Rat".
Vielleicht wollt Ihr vorbeischauen?

Karten kann man --> hier reservieren.

„Trost & Rat“ live aus „ORF-Kulturcafe“

Autorin, Zeichnerin, Filmemacherin und Kolumnistin Andrea Dusl gibt sich bei „Trost & Rat“ am kommenden Sonntag ein Stelldichein. Für die Live-Musik sorgen der Kontrabass-Virtuose Georg Breinschmid und der Trompeter Thomas Gansch.

Autorin, Kolumnistin und Filmregisseurin Andrea Maria Dusl, aka Comandantina Dusilova, bereichert die Sendung mit ihrem umfassenden Fachwissen über wienerische Wendungen und Verhaltensweisen - und präsentiert ihre sprachwitzige, scharfsinnige Beobachtungs-Sammlung „Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“. Ein persönlicher Wegweiser durch Havanna, Moskau, Lemberg, New York, Odessa - und Wien: „Wir waren elf und ziemlich blöd. Wir umrundeten einen ganzen Wiener Häuserblock. Nicht auf der Straße, nicht am Gehsteig, sondern oben, in der Dachrinne. So fing es an.“

Trost & Rat gibt es jeden Sonntag ab 19.00 Uhr auf Radio Wien und als Livestream, zudem wird die Sendung im Fernsehen auf „W24“ und dort auch als TV-Livestream übertragen. Wer live bei der Sendung im „ORF-Kulturcafe“ dabei sein will, kann um sieben Euro Tickets online reservieren.


..........
http://wien.orf.at/studio/stories/trostundrat/
http://www.ticketonline.at/rkh/de/tickets/trost-rat-wien-orf-radiokulturhaus-401463/performance.html

12. Mai 2012 (0) Comments

Bootlos alle Bot lang

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 19/2012

Liebe Frau Andrea,

meine Mutter, eine waschechte Floridsdorferin, hat immer wieder (olle bot) die Wendung "olle bot" verwendet. Als Zeitangabe, in etwa für "immer wieder einmal". Können Sie mir etwas zur Etymologie sagen? Mit dann und wann in einem Wiener Hafen einlaufenden Booten wird das ja wohl nichts zu tun haben, oder?

Liebe Grüße, Werner Bauer,
per Elektronachricht

Lieber Werner,

so verführerisch es klingt und so sehr Floridsdorfs ehemalige Lage als Brückenkopf am mächtigen (noch unregulierten) Donaustrom dafür spräche - mit Booten hat Bot nichts zu tun. Auch nicht mit anderen, dem Wasser verpflichteten Begrifflichkeiten. Das “Bad”, das “Bod” spräche eine Wienerin oder ein Wiener nämlich “Bood” aus, mit langem Vokal. Als Sohn einer waschechten Floridsdorferin haben Sie Bot etymologisch völlig richtig geschrieben, wiewohl es im Wienerischen weich endet und auch so transkribiert wird. Ollebod, olle Bod, mit kurzem “o”, eigentlich “alle Bot” heisst alles zwischen “alle Augenblicke”, sehr häufig”, “öfter”, “immer wieder”, “hie und da”. Bot ist das veraltete, nur mehr in bayerisch-österreichischen Dialekten konservierte Substantiv des Zeitworts “bieten”. Es versteckt sich allerdings auch in der Hochsprache noch erfolgreich in Wörtern wie Gebot, Verbot, Anbot, botmässig. Auch der Bote und sein Mitbringsel, die Botschaft kommen vom Verb “bieten”. Im alten Wienerisch sagte und sagt man, ganz im Sinne Ihrer Floridsdorfer Mama also: “Olle Bod long” und meinte und meint damit wörtlich “Alle Angebote lang”, “so oft es sich anbietet”. Ein anderer in Vergessenheit geratener Ausdruck aus der Bot-Wortwolke lautet “Kha Bod auf wos legn” und bedeutet soviel wie: “keinen Wert auf etwas legen”, “kein Angebot legen”, “nichts dafür bieten”. Dem Beispiel “allemal” folgend liesse sich, eine Konjunktur der Formulierung vorausgesetzt, “alle Bot” im modernen Wienerischen “ollebod” schreiben. Wollen wir also unsere Erkenntnise in folgender Kurzgeschichte zusammenzufassen: “Mia san olle bade in bod gsessn, wia ollebodlong a bood vuabei gfoan is.” Nix verstehen? Alle beide sind wir im Bad gesessen, wie alle Augenblicke ein Boot vorbei gefahren ist. www.comandantina.com dusl@falter.at

4. Mai 2012 (0) Comments

HOCH DER ERSTE MAI!

HOCH DER ERSTE MAI!

Arbeiterinnen und Arbeiter, Arbeitslose und Geknechtete.
Sorgenvolle und Unterbezahlte!
Ihr lebet hoch!

Es lebe die Revolution!

1. Mai 2012 (0) Comments

Wie man Botschaften faltet

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 18/2012

Liebe Frau Andrea,

es ist ja ganz aus der Mode gekommen, das Schreiben eines Briefes. Letztens sassen wir lange bei Wein und Gesang und erinnerten uns an selige Zeiten. Und plötzlich kam die Sprache auf das Falten von Briefen. Wie und warum man das tut. Und einer von uns wusste, sie wüsste da mehr. Kann das sein? Immerhin sind Sie beim Falter.

Beste Grüsse,
Trixi Bader, per faltenloser Elektronachricht

Liebe Trixi,

Briefe werden gefaltet, bevor sie in Kuverts gesteckt werden. Die eine Faltung halbiert den Brief, die zweite viertelt ihn. Langbriefe werden entlang von Markierungen drittelgefaltet. Das Falten eines Briefes hat nicht nur technische, sondern auch magische Gründe. Ein ungefalteter Brief ist selbst im Zustand des Fertiggeschriebenseins noch zu ungültig, um nicht in Gefahr zu geraten, zerknüllt und damit verworfen zu werden. Briefe, die es bis zur Faltung geschafft haben und damit den Weg in ein adressiertes Kuvert finden, werden in der Regel auch abgeschickt. Im Falten dürfen wir den Genehmigungsvorgang sehen. Das Zukleben des Kuverts, das Aufkleben von Marken, das Verfassen einer Adresse sind nur mehr Formsachen. Im Falten liegt der Geist des Sendens. Dabei braucht es gar kein Kuvert, um einen gefalteten Brief zu verschicken. Die Menschheit kam jahrhundertelang ohne Kuvert aus. Letzte Echos einer fast vergessenen, aber ingeniösen Falttechnik sind die kleinen Briefchen, in denen Apotheker selbstgemahlene Pulver verkaufen. Für unsere Betrachtung ist die Grösse des Faltbriefes grundsätzlich egal. Kopfwehlpulverbriefchen funktionieren so gut wie großformatige Liebeserklärungen. Aber wie geht das? Für einen selbstkuvertierenden Brief falten wir das Blatt der Länge nach in drei Teile, die Seitenteile klappen wir nach innen auf die Mitte, erst den linken, dann den rechten. Unser Brief sollte jetzt nur mehr ein Drittel so breit sein wie zuvor. Den langen Strudel falten wir nun zwei weitere male, nun aber breitseits. Und zwar so, dass links und rechts der Strudelmitte zwei hochgeklappte Flügel entstehen, die je ein wenig kürzer als das mittlere Drittel messen, sich aber gut überlappen. Nun schiebt man den einen in den andere Lappen und versiegelt den ineinandergesteckten Brief mit barbarischem Klebestreifen oder snobby Siegelwachs. Auf der Vorderseite ist Platz für Adresse und Postwertzeichen. www.comandantina.com dusl@falter.at

27. April 2012 (0) Comments

Showtime ::: Lesung ::: Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen

Lesung
"Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen"
24.4.2012
19h
phil
Gumpendorferstrasse 10-12

Anwesenheitspflicht

IH Phil Einladung April 2012.jpg

Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen
Kein Roman

Metroverlag, Wien, März 2012
160 Seiten
€ 19,90


...........

Andrea Maria Dusl für eine Lesung buchen?
--> comandantina.dusilova@gmail.com

oder:

--> Sigrun Müller
Metroverlag
Telefon +43 1 513 14 02-19
mueller@metroverlag.at
Metroverlag
"Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen" bestellen.

23. April 2012 (0) Comments

Niemands Herr und niemands Knecht

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 17/2012

Liebe Frau Andrea,

seit Jahren spukt mir der Spruch „Niemands Herr und niemands Knecht, das ist der ... Recht!“, den ich irgendwo gelesen hatte, im Kopf herum. Leider habe ich mir nicht gemerkt, wessen Recht hier gemeint ist und meine Versuche, das heraus zu finden, scheiterten bisher kläglich. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, dürfte es das Motto irgendeiner mittelalterlichen Bauerngemeinschaft gewesen sein. Vielleicht können Sie mir weiter helfen?
 
Herzlichst Hans Uhlik,
Ottakring, per Elektronachricht

Lieber Hans,

Spuk und Scheitern finden heute ein glückliches Ende. Der Spruch, der in Ihnen herumgeistert, ist tatsächlich das Motto einer Bauerngemeinschaft, sie prosperierte lange über das Mittelalter hinaus. Vollständig zitiert lautet er: "Niemands Herr und niemands Knecht, das ist künisch Bauernrecht!" Der stolze Reim ist der Wahlspruch der heute nahezu in Vergessenheit geratenen Künischen Freibauern (tschechisch Králováci), einer Gemeinschaft großbäuerlicher süddeutscher Siedler-Familien, die im 12. und 13., vielleicht sogar schon im 11. Jahrundert damit begannen, die Wildnis des mittleren Böhmerwaldes zu kultivieren und sich um die Sicherung der Grenzen und Wege zwischen Bayern und Böhmen zu kümmern. Die Künischen (königlichen) waren als freie Bauern von der Leibeigenschaft und anderen hässlichen Frondiensten befreit und nur dem böhmischen König verpflichtet. Dieser gewährte ihnen zahlreiche Privilegien, wie die der Jagd, der Fischerei, das Recht Bäume zu fällen, Bier zu brauen und “Geist” zu brennen. Auch die Rechtssprechung lag in den Händen der Künischen. Das Gebiet der Künischen Freibauern bestand seit 1617 aus den acht Gerichten St. Katharina (Svatá Kateřina), Hammern (Hamry), Eisenstraß (Hojsova Stráž), Seewiesen (Javorná), Haidl (Zhůří), Kochet (Kochánov), Stadln (Stodůlky) und Stachau (Stachy). Im Zuge der allgemeinen Bauernbefreiung 1848 wurden ihre Privilegien überflüssig. Die Familiennamen der Künischen Freibauern lassen vage auf ihre Herkunft schliessen. Demnach stammen die Künischen ursprünglich aus Niederbayern, der Oberpfalz, aus dem Schwäbischen und dem Schwarzwald sowie aus dem österreichischen Waldviertel. www.comandantina.com dusl@falter.at

22. April 2012 (0) Comments

Wie die Nase eines Mannes

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 16/2012

Liebe Frau Andrea,
 
nachdem Ihre Kollegin Frau Heidi keine Fragen der Leserschaft beantwortet, wende ich mich an Sie. Aus unsicherer Quelle wurde mir mitgeteilt, dass der Vorgang des Niesens ein orgasmusähnliches Gefühl auslöst. Da mein Freund von regelrechten Niesanfällen geplagt wird, frage ich mich, ob die Theorie tatsächlich stimmen könnte und womöglich eine zu geringe sexuelle Befriedigung dahintersteckt.

Liebe Grüße,
Alice Breitner, per Elektronachricht

Liebe Alice,

als sicheren Ursprung ihrer unsicheren Mitteilungs-Quelle darf ich einen Artikel des britischen Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten Dr. Mahmood Bhutta vom John Radcliffe Hospital, der medizinischen Klinik der University of Oxford ausmachen. In seinem Paper in der angesehenen Fachzeitschrift „Journal of the Royal Society of Medicine“ stellt Bhutta eine Studie zum Orchideenthema Niesen und Orgasmus vor. Er geht darin Berichten von Patienten nach, die beim Sex häufig niesen müssten. Das Phänomen träte bei Männern und Frauen auf, aus Scham sprächen diese aber nicht allzugerne mit ihren Hausärzten darüber, sondern vertrauten sich lieber Unbekannten in Chatrooms und Internet-Foren an. Das Thema ist nicht neu. Schon 1897 erwähnt der renommierte Laryngologe Dr. John Noland Mackenzie bei einem Meeting der British Medical Association in Montreal den Fall eines Mannes, der beim Geschlechtsverkehr, ja schon beim Gedanken an “sexual pleasure with a female” von der spezielle Idiosynkrasie heftigen Niesens heimgesucht wurde. Dr. Bhutta, wir wechseln wieder das Jahrhundert, vermutet als Grund für die Verbindung zwischen Nase und Genitalien eine genetische Disposition bezüglich der Art und Weise, wie unser zentrales Nervensystem verkabelt sei. Der Reflex, so Bhutta, zeige evolutionäre Relikte in der Verdrahtung des sogenannten autonomen Nervensystems. Bisweilen seien die Signalwege in diesem System gekreuzt. Ein ähnliches Phänomen, die verstopfte Nase beim Sex, ist gar als “honeymoon rhinitis” (Flitterwochenschnupfen) bekannt. Lange Rede, kurzer Sinn: Es ist durchaus möglich, dass Ihr Freund vom Denken an Sex niesen muss. Immerhin denken Männer alle drei Minuten an das Eine.
www.comandantina.com dusl@falter.at

16. April 2012 (0) Comments

Der Nächste, bitte!

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 15/2012

Liebe Frau Andrea,

die “taz” hatte einst eine Kolumne, die "Letzte Fragen" hieß. LeserInnen stellten eine Frage, andere gaben Antworten. Seit langem schwirrt mir eine der "Letzten Fragen" durch den Kopf, für die die deutschen taz-LeserInnen einfach keine gute Antwort fanden. Wissen Sie aus dem katholischen Österreich eine? Die Frage, die die taz-LeserIn und mich beschäftigt: Warum soll ich meinen Nächsten lieben und nicht meinen Jetzigen?
 
Mit herzlichen Grüßen,
Maria Josefi, per Elektronachricht

Liebe Maria,

Sie dürfen Ihren Jetzigen lieben, müssen es aber nicht. Auch beim Nächsten können Sie den Grad ihrer Zuneigung ganz nach individueller Vorliebe bemessen. Jetzt schon. Sie können, wiewohl das Komplikatonen mit sich bringt, sowohl den Jetztigen als auch den Nächsten lieben, ja auch den Vergangenen oder derer mehrere. Viele Zeitgeniessenden praktizieren diese und ähnliche Modelle. Ob ich berufen bin, die Antwort auf Ihre Frage einer Schärfung zuzuführen, muss offen bleiben. Wiewohl ich in Schnitzelland praktiziere, bin ich weder Österreicherin noch katholisch. Ich bin Hochgrad-Wienerin. Und als solche befugt, weitere Fragen aufzuwerfen. Etwa die nach der Qualität eines Witzes. Oder jene nach der Qualität der deutschen Sprache, die keine Unterscheidung macht zwischen örtlicher und zeitlicher Bezogenheit. Woher der Nächste kommt, kann ich beantworten. Aus dem Tanach nämlich, der Heiligen Schrift der Juden. Dort ist “reah”, der Nächste, immer ein konkreter, gerade anwesender oder zum Gesichtskreis eines Israeliten gehörender Mitmensch. Die Nähe ergibt sich aus der aktuellen Beziehung zu diesem, sie kann für Nachbarn, Nahestehende, Geschwister, Freunde und Verwandte, ja auch nur für “jemand” oder “einen Menschen” gelten. Aus dem Tanach ist der Nächste, der Nahe (griechisch: πλησίον, plésion) über die Septuaginta in den Bibelkanon der Christen ausgebüchst. Mit allen dort geltenden moralischen Bedeutungen. Diese können wir bei all jenen, die die taz-Frage als semantischen Witz begreifen, als bekannt voraussetzen. Nicht aber die Herkunft des deutschen Wortes “nahe”. Es ist nach Etymologenmeinung am ehesten eine Adjektivbildung aus der lokalen Partikel *nē, mit der Bedeutung auf, an, zu, geneigt. Liebe also den Geneigten. Wie die Pisaner ihren Turm. www.comandantina.com dusl@falter.at

5. April 2012 (0) Comments

Dicke Luft im dünnen Tunnel

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 14/2012

Liebe Frau Andrea,
 
letztens habe ich diese günstigen "Westbahn" Tickets gekauft und mich auf den Weg nach Salzburg gemacht, übrigens traumhaftes Wetter und ein schöner und günstiger Tagesausflug. Nun passiert man auf dieser Strecke einige (enge) Tunnels unter (mir unbekannten) Bergen. Beim Einfahren in diese Tunnels verlegten sich meine Ohren, wie beim Flugzeug, wenn es im Steig- oder Sinkflug ist. Ich rätsle seither, warum. Beim Flugzeug macht es Sinn. Der Luftdruck verändert sich und die Ohren müssen sich anpassen. Aber im Tunnel?

Mit herzlichen Grüßen,
Inge Mayer, per Elektronachricht

Liebe Inge,

gewiss haben Sie in einer Wiener U-Bahnstation schon die Erfahrung gemacht, dass ein kommender U-Bahn-Zug sich durch sturmähnliche Luftveränderungen ankündigt. Die Tunnel-Bim schiebt die Luft geradezu vor sich her und bläst uns als Öffi-Orkan ins Gesicht. In der U-Bahnstation, sie ist nichts anderes als eine grosse und beleuchtete Undichtheit der U-Bahn-Röhre, kann die durch den Zug gestauchte Luft entweichen, ein Druckausgleich findet statt. Mit der Ausnahme einiger Schweizer Strecken gibt es in Bahntunnels keine Stationen. Die Luft kann nicht entweichen, sie wird durch den Zug gestaucht und mitgerissen, der Luftdruck steigt. In unseren Ohren macht sich das durch ein unangenehmes Gefühl bemerkbar, das jenem ähnelt, das sich in einem Flugzeug während des Landeanflugs einstellt. Geübte Reisende wissen zur Verminderung dieses unangenehmen Druckgefühls bestimmte Rachenmuskeln anzuspannen. Anatomisch Interessierte mögen diese sogar benennen: Der Musculus tensor veli palatini und der Musculus levator veli palatini öffnen beim Schlucken und Gähnen den Eingang zur Eustachischen Röhre (der Ohrtrompete oder Tuba auditiva Eustachii), einer etwa 3,5 cm langen Verbindung zwischen der im Mittelohr (hinter dem luftdichten Trommelfell) gelegenen Paukenhöhle und dem Nasenrachen. Der Druckausgleich entlastet das empfindliche Trommelfell und sorgt dabei für den typischen „Klick“ im Ohr. Otolaryngologen nennen das Erzeugen eines ebenfalls entlastenden Überdruckes im Nasen-Rachen-Raum durch das Pressen bei zugehaltener Nase und geschlossenem Mund Tubensprengung und etwas weniger martialisch: Valsalva-Versuch. www.comandantina.com dusl@falter.at

2. April 2012 (0) Comments

Wie teuer ist eisgekühlte Luft?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 13/2012

Liebe Frau Andrea,
 
in unserer Tiefkühltruhe lagern wir Vorräte und Sonderangebote zum späteren Verzehr. Vor jedem Urlaub versucht mein Freund, den Inhalt zu dezimieren, da laut seinen Angaben eine leere Tiefkühltruhe weniger Strom verbraucht als eine volle. Das scheint mir nicht logisch zu sein. Ist Luft wirklich leichter kühl zu halten als Fleisch und Gemüse? Wie immer vertraue ich Ihrer Weisheit und bitte um Aufklärung!

Mit herzlichen Grüßen,
Inge Mayer, per Elektronachricht


Liebe Inge,

bitte vertrauen Sie nie in Weisheit. Bleiben Sie skeptisch, vergleichen Sie Wahrnehmungen, prüfen Sie Quellen. Den geringsten, nämlich keinen Stromverbrauch stellen wir bei einer Tiefkühltruhe fest, die nicht in Betrieb ist. Das Kühlen einer leeren Kieftühltruhe ist im Lichte dieser Erkenntnis also keine gute Idee. Vermutlich ist Ihre gemeinsame Tiefkühltruhe nicht ganz leer. Es geht also um die Frage, ob es weniger Energie verbraucht, vergleichbare Volumina von Luft und Gefriergut auf konstant niedriger Temperatur zu halten. In einer gut isolierten Tiefkühltruhe sollte es nahezu egal sein, ob sie Gemüse und Fleisch oder kalte Luft tiefgekühlt halten. Prinzipiell arbeitet die Tiefkühltruhe gegen die Erwärmung an, sie “entfernt” die “Hitze”, die von aussen in das Kühlgut eingebracht wird. Ein extrem heisser Sommer und schlechte Dichtungsgummis sollten also dem Gefriergut und damit ihrem Strombudget eher zusetzen als ein Urlaub in kühler Jahreszeit und ideale Isolation. Eisbildung in ihrer Tiefkühltruhe wäre ein Indikator für schlechte Isolation oder oftmaliges Öffnen, weil Eis ein Hinweis auf die Luftfeuchtigkeit von warm eingebrachter Luft ist. Weil warme Luft leichter ist als kühle, sind Tiefkühlapparate idealerweise auch als Truhen konstruiert. Generell braucht es weniger Energie, bereits Gekühltes gekühlt zu halten, als Ungekühltem Wärme zu entziehen, weshalb es auch effizienter ist, eine volle Tiefkühltruhe zu öffnen. Ähnliches gilt für einen Stromausfall: Eine grössere Menge an Kühlgut taut länger als eine kleinere. Ein Gletscher hält leichter durch, als ein Schneefeld, das Eis der Antarktis ist durabler als jenes am Nordpol. 1:0 im Tiefkühlmatch Inge gegen Inges Freund. www.comandantina.com dusl@falter.at

26. März 2012 (0) Comments

Monetenmahnung, monatlich

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 12/2012

Liebe Frau Andrea,
 
neulich sassen wir in der ungewohnten Frühlingssonne und dachten an: Geld. Irgendwann fiel das Wort Monetarismus und einer von uns behauptete, der Ausdruck Moneten käme von Monat, weil ja Gehalt und Mieten monatlich überwiesen werden. Kann das sein?

Martin Gulder,
Margareten, per Elektronachricht


Lieber Martin,

ich darf Sie und ihre Denkrunde enttäuschen. Unser Wort Monat, mittelhochdeutsch mānōt, althochdeutsch mānōd, mānōth bezeichnete ursprünglich sowohl den Erdtrabanten, den Mond, als auch die Zeiteinheit Monat, weil Monate ursprünglich nach den Mondumläufen angesetzt wurden. Geld und Gehalt haben sprachlich weder mit dem einen noch dem anderen zu tun. Die Monete, ein studentensprachlicher Ausdruck aus dem 18. Jahrhundert, ist verwandt mit der Münze, dem englischen money und kommt vom lateinischen moneta, Münze. Moneta (lateinisch: die Mahnerin) war der Beiname der römischen Staatsgöttin und Monatspatin Juno (Iuno). Die altitalische Göttin der Geburt und der Ehe war die Tochter der Fruchtbarkeitsgötter Saturnus und Ops, als Gattin ihres Bruders Jupiters war sie die Königin der Göttinnen. Ihr war ein Tempel auf dem römischen Tempel- und Burgberg, dem Kapitol geweiht. Neben dem Tempel der Iuno Moneta befand sich die Münzprägestätte Roms. Ein Bild der Göttin zierte die dort geschlagenen Geldstücke. Der Junotempel dürfte ein älteres Heiligtum ersetzt haben, das sich schon länger auf der Arx (der römischen Burg) befand. Wir erinnern uns an die, vom römischen Geschichtsschreiber Livius erzählte Überlieferung von den kapitolinischen Gänsen der Iuno: Die heiligen Tiere verhinderten durch ihr Geschnatter, dass die Gallier 387 v.u.Z. neben der Stadt auch noch die Burg erobern konnten. Iuno war also die Mahnerin und Warnerin. Eine der wenigen überlieferten Abbildungen, die den Tempel der Iuno zeigen, hebt die Gänse besonders prominent hervor. Rom zeigte sich jedenfalls dankbar: Seit dem rettenden Geschnatter der Wächtergänse umfasste der römische Haushalt stets auch einen Posten für Gänsefutter. Sollte ihnen im Lichte dieser Erörterungen der Audruck Geld für Monete zu profan erscheinen, böte sich das sakralere “Mahnstück” an. www.comandantina.com dusl@falter.at

19. März 2012 (0) Comments

Titanenaufgabe Triangel

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 11/2012

Liebe Frau Andrea,
 
ich war gerade im hervorragenden Konzert der Symphonie Nr. 7 E-Dur von Anton Bruckner und ließ mich vom geschätzte-zehn-Sekunden-Auftritt des Triangel-Orchestermusikers ablenken. Können Sie mir sagen, wie so eine Woche im Leben eines Triangel-Orchestermusikers aussieht? Was wird da gelernt bzw. gelehrt? Wieviel verdient so jemand? Mit freundlichen Grüssen,

Bettina Strausz,
per Elektronachricht


Liebe Bettina,

in bescheidener Kenntnis des Wiener Konzertlebens nehme ich an, dass Sie ein klassisches Konzert des Budapester Festival-Orchesters unter ihrem Gründer Iván Fischer besucht haben - der Klangkörper ist bei unseren magyarischen Nachbarn als “Budapesti Fesztiválzenekar” bekannt. Die von Ihnen bewunderte Triangel-Passage ist das legendäre und unter Brucknerianern vielgeliebte Crescendo im Adagio, dem zweiten, langsamen Satz der Symphonie. Als triangelistisch Auführender, mit grosser Wahrscheinlichkeit sass er links von Paukisten Dénes Roland, kommt einer der Perkussionisten des Orchesters in Frage, einer der Herren Herboly László, Kurcsák István, Pusztai Gábor und Szente Gáspár. Ein Blick auf die Orchestermitgliederparade der Website der Kapelle könnte Ihnen hier endgültige musikalische Sicherheit bieten. Damit wären auch die anderen Ihrer Fragen fast beantwortet. Als Mitglied eines grossen, vielbeschäftigten Orchesters dürfte eine Woche im Leben eines brucknertriangelspielenden Perkussionisten mit Proben und Konzerten gefüllt sein, mit Reisen, Üben und Lehrtätigkeit. Den Verdienst eines hochqualifizierten Orchstermusikers, Triangelspieler berherschen auch eine Vielzahl anderer hochkomplexer Schlaginstrumente, dürfen wir in jenen Sphären ansiedeln, die eine gutbürgerliche Existenz ermöglichen. Eine satirische Annäherung an die Stimmungen, denen Triangelspielende während eines grossen Konzerts ausgeliefert sind, hat der geniale Kabarettist Georg Kreisler in seinem Lied “Das Triangel” versucht: “Ja, da sitz' ich mitten im Orchester drin und halte bereit mein Triangel. Und endlich zeigt der Dirigent auf mich hin, und schon steh' ich auf und mach: Ping. Ich komm' erst auf Seite neunundachtzig dran, ja, an Zeit hab' ich keinen Mangel. Ich könnt' ja was lesen, doch da schaut er mich an, und schon steh' ich auf und mach: Ping.” www.comandantina.com dusl@falter.at

12. März 2012 (0) Comments

Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen

Ins-Hotel-Cover-300.jpg

»Ich kann die Welt nur aus mir heraus sehen und beschreiben. Was ich nicht erlebt habe, existiert nicht.“ Ein Glück: Andrea Maria Dusl erlebt viel. Ein größeres Glück: die stilistische Brillanz und sprachliche Originalität, mit der die Autorin von »Boboville« ihre vielen Erlebnisse beschreibt. In sieben skurrilen Odysseen entführt uns die begnadete Beobachterin Dusl via sechs traumhaften Metropolen zu ihrer schwarz-weiß changierenden Seele. Voll Witz und Selbstironie. Was anderes sollte man von jemandem erwarten, der über sich selbst sagt: »Und der Stil, ach weißt du, der Stil, ich schreibe, wie es will in mir, ich habe hochblühende Schreibtourette."

Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen
Kein Roman

Metroverlag, Wien, März 2012

160 Seiten, 11,5 x 18,5 cm. Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, € 19,90


...........

"Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen" bestellen.

Andrea Maria Dusl für eine Lesung buchen?
--> comandantina.dusilova@gmail.com

oder:

--> Sigrun Müller
Metroverlag
Telefon +43 1 513 14 02-19
mueller@metroverlag.at
Metroverlag

6. März 2012 (0) Comments

Weder Wurst noch Fleisch?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 10/2012

Liebe Frau Andrea,
 
der Salzburger Fußballspieler Georg Teigl meinte nach einer Niederlage (0:1 gegen Mattersburg): „Das war weder Wurst noch Fleisch.“ Diese Aussage war offenbar metaphorisch gemeint, aber hätte er die Wurst nicht durch Fisch ersetzen müssen? Und was wollte er uns mit diesem Vergleich eigentlich mitteilen? Besten Dank für die Auskunft,
 
Wolfgang Federmair, Sattledt,
per Elektronachricht


Lieber Wolfgang,

Georg Teigl, gebürtiger Wiener, gelernter Gablitzer, Purkersorfer und Pöltener steht heute in Diensten von Limonadenmogul Dietrich „Didi“ Mateschitz’ für den FC Red Bull Salzburg auf dem Rasen. "Das war weder Wurst noch Fleisch”, wird der 21jährige nach der bitteren Heimpleite zitiert, nur mit Ballbesitz gewinne man kein Spiel. “Wir sind uns festgelaufen, das war eine Katastrophe. Mehr brauche ich gar nicht zu sagen. Wenn man Meister werden will, braucht man Kontinuität. Die haben wir einfach nicht, die haben wir in der Meisterschaft bisher nur phasenweise gebracht." Wie schon von Ihnen vorgeschlagen, lieber Wolfgang, wollen wir uns auf das Sprachbild am Anfang von Teigls Spielanalyse konzentrieren. Nach rhetorischen Gesichtspunkten handelt es sich bei Teigls Spruch um eine metonymisch-synkritische Katachrese mit solözistischer Tönung. Metonymisch (von griechisch meta, danach und onoma, Name) wegen der poetisch wirkenden Ersetzung eines Wortes durch einen verwandten oder suggestiven Ausdruck, hier Fisch durch Wurst; synkritisch (von griechisch synkrinein, verbinden) wegen des Vergleichs von Ausdrücken. Katachretisch (von griechisch kata, gegen und chresthai, gebrauchen) arbeitet Teigl hier, indem er eine Metapher gebraucht, die an sich inkompatible Bilder enthält, solözistisch (nach Soloi, einer griechischen Kolonie, wo besonders fehlerhaft Griechisch gesprochen wurde) ist das Bild, weil es sprachlich falsch ist. Sehr wahrscheinlich wollte Teigl das gängige Sprichwort von der Alternativenlosigkeit zwischen Fisch und Fleisch, also der Unbestimmbarkeit einer Sache bemühen. “Weder Wurst noch Fleisch” verweist auf katholische Fastentraditionen. Nicht zufällig befinden wir uns gerade im bußzeitlichen Quadragesimum ante pascha, dem vierzigtägigen Fasten vor Ostern. Den Gedanken an DADAimus ausschliessend dürfen wir am ehesten einen Freudschen Versprecher diagnostizieren. Es gilt der ewige Spruch Hans Krankls: “Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär.” www.comandantina.com dusl@falter.at

5. März 2012 (0) Comments

Ja dissen's das überhaupt?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 09/2012

Liebe Frau Andrea,

vor einigen Jahren wurde das Wort “dissen” von meinen Söhnen in unserer Familie eingeführt. Anfangs konnte ich damit nichts anfangen, mit der Zeit bekam ich ein Gefühl für die Anwendungsmöglichkeiten (und würde so übersetzen: ich hab dich gedisst: ich hab dich reingelegt, angeschmettert, verarscht; dissing: cool, überraschend gut). In einer der letzten Falternummern habe ich mit großem Erstaunen nun erstmal das Wort “gedisst” medial verwendet gelesen. Woher kommt dieser Begriff?

Vielen Dank für Deine  Aufklärung!
Deine Schulfreundin Birgit Cottogni, per Gesichtsbuchdirektnachricht 


Liebe Birgit,

die Karriere des D-Verbs nahm ihren Anfang in der Umgangssprache US-amerikanischer Rapper. Der Slang-Ausdruck “(to) diss” bedeutet ganz im Einklang mit Deinen familiären Wahrnehmungen “jemanden schlechtmachen”, “respektlos behandeln”, “schmähen”. Das Dissen hat neben seinem Charakter als Instrument der privaten Beleidigung auch eine Funktion als Promotion-Tool in der medialen Positionierung von Hip-Hop-Tracks. Es gehört zum guten Ton in der Welt des Sprechgesangs, andere Marktteilnehmer zu “dissen”. Dies geschieht institutionell in Radiointerviews, bei Bühnenauftritten, und in Diss-Songs und Diss-Tracks. Der überwiegendende Teil der Aggression ist gespielt und ähnelt damit den gegenseitigen Beschimpfungen von Boxern vor grossen Faustkämpfen. Selten münden Diss-Battles in schwere Gewalt, wie bei den tödlichen Schussattentaten auf die legendären Rapper 2Pac und The Nortorious B.I.G.. Sprachforscher vermuten den Ursprung des Zeitwortes “diss” im umgangsprachlichen Englisch der Jamaikaner, es gilt als Abkürzung von “disrespect” oder “disparage”, repektlos sein, jemanden ungleich behandeln. Rappern wie Jamaikanern ist die Herkunft des Wortpartikels “diss” meist nicht bekannt, allerhöchstens wird ein französischer Wortursprung vermutet . Tatsächlich dürfen wir in “dis” eine lateinische Vorsilbe sehen, mit Bedeutungen von “entzwei”, “auseinander”, “zwischen”, “zer-” bis “un-”. Bedeutungsgleich mit “dis” ist die Vorsilbe “dif”, die stets vor “f” auftritt, wie in Differenz oder Diffusion, sowie die gekürzte Variante “di”, wie in Dirigent oder Distanz. Zurück zu Deiner Familie, liebe Birgit. Disse Deine Söhne, in dem Du sie “diffst”. Vielleicht damit, dass Du Ihnen Latinismus vorwirfst. High Five!
www.comandantina.com dusl@falter.at

27. Februar 2012 (0) Comments

Avanti, Ampelmann, die Räumzeit kommt!

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 08/2012

Liebe Frau Andrea,

ich gehe viel in Wien zu Fuß. Mir ist aufgefallen, dass manche "gehenden" Ampelmännchen in der Stadt grün sind (auf schwarzem Grund), bei manchen jedoch einen gelbes Männchen auf grünem Grund "geht". Welches der beiden ist das Original? Gibt es ein EU-genormtes Männchen? Werden Ampeln sukzessive mit anderen Männchen ausgestattet? 

Herzlichst,
Marlen Sabetzer, per Elektrobrief

Liebe Marlen,

trotz aller Normierungsbestrebungen der EU ist die Stilisierung von Menschen auf Verkehrsschildern und Lichtzeichen weit von jeder Einheitlichkeit entfernt. Das hat weniger mit einer Normkraftschwäche Brüssels auf diesem Gebiet zu tun als mit der schieren Unmöglichkeit, Millionen teurer Ampelanlagen, Milliarden kostspieliger Verkehrsschilder auszutauschen. Die Geschichte der Strassensignale ist auch eine des Individualverkehrs. Mit dem Beginn der Motorisierung nahm die Zahl der Fahrzeuge in den Städten rapide zu. Um der steigenden Zahl der Unfälle zu begegnen, wurden Ampeln installiert. Erste Fußgängerampeln wurden 1933 in Kopenhagen, 1937 in Berlin in Betrieb genommen - verkleinerte Fahrzeugampeln mit rotem und grünem Leuchtfeld. New York führte 1952 die legendären Fußgängergampeln WALK (grün) und DONT WALK (rot) ein, Italien borgte sich die Idee aus und signalisierte ALT und AVANTI. Der Rest der Welt führte nach und nach das, besonders in der DDR mit famoser Beliebtheit verbundene Ampelmännchen ein. Ein roter, stehender Mann für “Stop” und ein grüner, gehender für “Go”. Die Umrisse und Figuren der Männchen mögen variieren, sie mögen Männer darstellen, Frauen, ja sogar Soldaten, sie mögen lümmeln oder strammstehen, schlurfen oder laufen, stets sind es rot oder grün leuchtende Figuren in Schwarz. Überall. Bis auf bei uns. Bei uns leuchtet der Ampelfußgänger gelb. Gelb in rotem oder grünen Feld. Zum ersten mal 1951 am am Stock-im-Eisen-Platz. Wie schnell sich der weltweite Standard durchsetzen wird, ist nicht abzusehen. Werden es Jahrzehnte sein? Jahrhunderte? Ein erster Schritt in die Welt der Zwischenlösungen wurde mit der “Räumzeitampel” an der Kreuzung Landesgerichtsstraße/Josefstädter Straße gesetzt. Die neue Ampel illuminiert neben grünen und roten Männern in schwarz auch ein orange blinkendes Rund mit einem R in der Mitte. Dieses steht für "Räumzeit" und soll die Zeit angeben, die Fußgehenden noch bleibt, um die Fahrbahn zu verlassen. Go! Räum! www.comandantina.com dusl@falter.at

20. Februar 2012 (0) Comments

Kastenfenster, Spaghettiwasser, Eisblumen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 07/2012

Liebe Frau Andrea,

bei allen Unannehmlichkeiten hat so eine Kältewelle auch sehr schöne Seiten. Auf meinen Fenstern wachsen wunderschöne Eisblumen. Ich kenne die nur aus Erzählungen. Liegt es an der Wiener Luft? Und wieso wachsen die Eiskristalle überhaupt in Blumenform?

Mit besten Grüßen,
Lidi Gulder, per Elektrobrief

Liebe Lidi,

Eisblumen an den Fenstern unserer Wohnungen sind tatsächlich ein seltener Anblick geworden. Und sie wachsen auch nicht an jedem Fenster. Klimatische Wetterbedingungen müssen raumklimatischen Situationen begegnen. Ideale Bedingungen für das Wachsen von Eisblumen liefern Tieffrostperioden und Wiener Altbauwohnungen in prethermofenestralem Zustand. Kristallfarne wachsen auf alten Kastenfenstern besser, als, ja wenn überhaupt, auf modernen Thermoglassscheiben. Gasherde und das Kochen von Suppen, weichen Eiern und Spaghettiwasser fördern die Fenstereisflora wesentlich stärker, als die Kartonpizza in der Mikrowelle und das Kurzanbraten von Mintensteaks am Elektro-Herd. Duschen ist besser für die Kristalle als Baden, ausgiebiges Heissduschen produktiver als lauwarme Katzenwäsche. Fassen wir zusammen: Draussen muss es bitterkalt sein, drinnen feucht. Aus dem Physikunterricht erinnern wir uns daran, dass warme Luft mehr Feuchtigkeit halten kann, als kalte. Feuchte Luft kondensiert an kalten Oberflächen, das kennen wir vom kühlen Bier im Hochsommer. Altwiener Kastenfenster, sie bestehen aus einem inneren und einem äusseren Flügelpaar, bieten gute Bedingungen für Eisblumenwachstum. Warme, feuchte Luft kondensiert an der Innenseite der äusseren Fenster. Und nur hier. Wenn es draussen hinreichend kalt ist, wemn es, wienerisch gesprochen “einen Festen Zapfen hat”, gefriert das Kondenswasser zu Eis. Kleine Unebenheiten, Kratzer und Schlieren liefern die Bahnen für das Wachstum der Kristalle. Diese wachsen in der Regel von unten nach oben, von den Rändern zur Mitte hin. Untere Scheiben produzieren mehr und grössere Kristalle als Scheiben weiter oben. Poetischerseits darf angemerkt werden, dass die Formen der Scheibenkristalle weniger an Blumen erinnern, als an scharflappige Farne und Distelgestrüpp. Man möge daher in Zukunft von Eisgedistel und Frostfarnen sprechen. www.comandantina.com dusl@falter.at

13. Februar 2012 (0) Comments

  weiter »
2010: August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2009: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2008: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2007: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2006: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2005: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2004: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2003: Dezember Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2002: Dezember November Oktober September August Juni März Februar Januar 2001: Oktober September August April Februar Januar 2000: August März Februar Januar 1999: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 1998: Dezember November Oktober September August 1997: August Juni März 1996: August Juli 1995: September 1994: Mai 1984: Juli 1977: Februar 1969: März 1924: Januar 1876: Juli 1009: Juli