„Erfolgsunternehmer“ werden gerne akklamiert. Richtigerweise sollten wir von „Erfolgsobernehmern“ sprechen.
Andrea Maria Dusl, 14. März 2025
Andrea Maria Dusl – Das Bureau
Diskursmanufaktur
„Erfolgsunternehmer“ werden gerne akklamiert. Richtigerweise sollten wir von „Erfolgsobernehmern“ sprechen.
Andrea Maria Dusl, 14. März 2025
Jetzt fängt wieder die elende Verkleiderei an. Die Zwangslustigkeit, die närrische Zeit. Piraten, Wahrsagerrinnen, Indianer, Panzerknacker. Das Innerste wird nach außen gestülpt. Kinder werden zu Maikäfern, Fliegenpilzen und Gestaltwandelautos degradiert und traumatisiert. Lasst ab.
Anfang 2000 stand die Welt Kopf in Österreich. Der Christdemokrat Wolfgang Schüssel hatte die Wahl verloren, es sich aber in den Kopf gesetzt, gegen den Willen Europas Bundeskanzler zu werden. Das wäre nur möglich, wusste man, wenn Schüssel einen Regierungspakt mit dem neopopulistischen FPÖ-Gott Jörg Haider einginge. Wenn er ein Tabu bräche, das bislang als unbrechbar gegolten hatte. In dieser brisanten Zeit, die von aufwühlenden Demonstrationen und gefährlichen europäischen Warnungen begleitet wurde, war nichts mehr in Schnitzelland, wie es vorher gewesen war.
Eines jener wilden Tage Abends schickte sich die gesamte Spitze der Volkspartei um Wolfgang Schüssel an, mit der gesamten Spitze der Freiheitlichen um Jörg Haider einen Pakt auszuhecken. Aus ganz Europa waren Fernsehteams angereist, um live zu berichten. Sogar Alessio Vinci, der sonst nur Bombenangriffe und Invasionen live zu reportieren pflegte, stand, für CNN entsetzt nach Worten ringend, vor der Hofburg.
Das Parlament, wo die Zukunft des Landes verhandelt wurde, glich einem Bienenstock. Es war gerammelt voll mit internationalen Journalisten, Kameraleuten, Pressesprechern und Tontechnikern. Nirgendwo auf der Welt befanden sich in diesen Stunden mehr Kameras als hier. Und nirgendwo wurde die Spannung so unerträglich wie in dem langen, von Hunderten Medienvertretern belebten Zimmer im Parlament. Lange ließen die beiden Parteichefs auf sich warten und eine Hoffnung schwitzte sich durch das wartende Journalistenvolk: „Tja, wenn das so lange dauert, dann ist das Ding wahrscheinlich geplatzt!“
Ich hatte mich für diesen Abend des Abscheus mehr aus persönlichem denn beruflichem Interesse akkreditieren lassen und saß in der zweiten Reihe jenes, mit all den Kamerateams voll gestopften Parlamentspressekonferenzzimmers. Wie all die anderen wartete ich auf die beiden Paktierer, wartete auf Wolfgang Schüssel und auf Jörg Haider.
Ein kleiner Tisch war auf abgewetztem roten Teppich aufgebaut worden, dahinter spannte sich ein Transparent, auf das ein riesengroßes Bild des Parlaments gedruckt worden war. Garniert war die Szene mit den bei solchen Anlässen beliebten eingetopften immergrünen Büschen. Der Tisch selbst war spartanisch gedeckt: Zwei Mikrophone und zwei Glas Wasser waren aufgestellt. Und zwei Schilder mit den Namen der beiden Verhandler: „Schüssel“ und „Haider“ stand darauf zu lesen. Ein paar Tontechnikern war inzwischen fad geworden. Sie ulkten herum, spielten „Schüssel“ und „Haider“, wie die Zwerge Schneewittchens lümmelten sie sich in Haiders Sessel, nippten von Schüssels Wasser. Das war schon sehr irreal und seltsam. Großes, Niedriges lag in der Luft. Geschichte wurde spürbar.
Nach elendsvielen Stunden rumorte es plötzlich, und in einem Blitzlichtgewitter schoben sich zwei Trauben von Entouragen aus der Türe hinter dem Tischchen. Das Blitzlichtgewitter wurde leiser, und es setzten sich zwei sehr kleine Männer.Man hatte gewusst, dass beide, Schüssel wie Haider, nicht gerade das Gardemaß erreichten, aber dass sie so klein waren, schockierte richtiggehend. Die beiden hatten gerade mal die Größe von Buben, die mit gefälschten Schülerausweisen und auf Zehenspitzen um Kinokarten für brutale Filme anstehen. Das sollten die Männer sein, derentwegen Europa rotierte?
Während die beiden ihr langweiliges, aber inhaltlich doch beunruhigendes Papier verlasen, legte sich bleierne Stille über den Saal. Mein exklusiver Sitzort in der zweiten Reihe sollte es zulassen, nicht nur dem Gerede zu lauschen, sondern auch die Kleidung des zukünftigen Bundeskanzlers und seines neuen Freundes zu studieren.
Jörg Haider, der damals noch die Rolle des gefährlichen Politdämons spielte und der es als Europas Erzbösewicht bis aufs Cover von Newsweek geschafft hatte, war geschminkt, aber unrasiert, und er trug das Zeug, das damals auch die Scientologen trugen: Werbefuzzikluft. Schwarz und teuer.
An Wolfgang Schüssel gefielen mir die dunklen Weichlederschuhe. Ihre Kreppsohle bog sich leicht nach oben, und sie waren ganz offensichtlich nicht mehr die Jüngsten. Dazu trug Schüssel kurze und von häufigem Waschen ausgeleierte Schlappsocken. Ihre Bündchen endeten kurz vor dem Hosenbein, sodass eine handbreite blitzende Lücke entstand – „the Gap“, wie die Fachleute sagen. The Gap erlaubte einen ungeschonten Blick auf Schüssels schütter behaarte Beinchen.
Das war schon sehr intim.
Weil nun der Tisch, an dem Schüssel und Haider saßen, keine Blende hatte, wie sie sonst bei staatstragenden Tischen üblich sind, hatte das Publikum freie Sicht auf noch Intimeres, auf die Vorgänge unter Tisch: Wolfgang Schüssel, der die Beine leger und im flachen Winkel vor sich aufgestellt hatte, hielt, wenn er gerade nichts zu sagen hatte und sein Partner Haider sprach, die Linke locker zwischen den Beinen. Und jetzt kam es: Schüssel kratzte sich am Wolfgang! Mehrmals und vor den Augen der Weltpresse! Seine Mundwinkel machten dabei kleine glückliche Grübchen, wie man sie von Ministranten kennt, wenn sie die Glöckchen läuten.
Selten habe ich etwas gesehen, das österreichischer gewesen wäre.
[aus: Dusl, Andrea Maria: Fragen Sie Frau Andrea, Wien, 2003, pagg. 186f.]
Denke scharf wie ein Schwert, sprich klar wie ein Quell, handle sanft wie die Liebenden.
Konfuzius, 2025
(Mitarbeiter im Bureau Comandantina)





Es regnet Nachrufe. Aus der sicheren Distanz der Beschaulichkeit. Zu wünschen wären Vorrufe. Von denen hätten die Lebenden alles!
AMD, 19. Dez. 2024
Diese Leute wurden uns als epochal vorbildlich gepriesen. Als Speerspitze neoliberalen Heils. Wirkliche, große Leistungsträger. Unerreicht. Mit der hohen Politik im ständigen Austausch. Jetzt krachen ihre Imperien zusammen wie Kartenhäuser. Bis zur Kenntlichkeit entstellt sind sie nun, die Bauriesen, Möbeltandler, Mopedhändler.
Andrea Maria Dusl, 7. November 2024
Niemand liebt die Schwachen und Benachteiligten. Nicht einmal die Schwachen und Benachteiligten.
Und die Rattenfänger pfeifen die Schwachen und Benachteiligten herbei, indem sie erfolgreich behaupten, auch benachteiligt zu sein: Vom Süstem, von der Ostküste, vom Weltverschwörungsbund, von der Medikamentenmafia, von den Osländern. Davon fühlen sich die Schwachen und Benachteiligten abgeholt. Vom Oberbenachteiligten, der verspricht, aufzuräumen.
Andrea Maria Dusl, 7. November 2024
Das wird man ja noch sagen dürfen, sagen sie. Das ist meine Meinung, sagen sie. Wir haben Meinungsfreiheit, sagen sie, wir haben Redefreiheit. Dann sagen sie das, was sie wirklich wollen, wen sie wirklich wollen. Den starken Mann, der es den Schwachen so richtig reinsagt. Den Parasiten und Faulen, den Schädlingen. Den starken Mann, der dann aufräumt, mit dem ganzen linken, woken, genderverseuchten Spuk. Der dem heimatblinden Gesindel zeigt, wo der Hammer hängt. Der starke Mann, der es sich verdient hat, der starke Mann zu sein, der starke Mann, den das Volk verdient hat, der für das Volk da ist, ganz und gar. Mit Haut und Haar und Bart. Der das Ohr am Volk hat. Tag und Nacht. Immerzu. Der starke Mann, der weiß: Demokratie ist schlecht für das Volk. Meinungsfreiheit ist schlecht für das Folk, Redefreiheit ist schlecht für das Volk. Ja, Freiheit ist schlecht für das Volk. Wollt ihr die totale Diktaur, fragt der Diktator dann das Volk, und das Volk, das noch schreien darf, das Volk das noch schreien kann, sprich: Das Volk, das dann schreien muss, schreit: Ja so ist es, Führer befiehl, wir folgen Dir.
Ja aber, sagen dann die Kritiker, der Führer, der Volkskanzler, die Sonne des Landes, das Jahrunderttalent, er ist doch demokratisch gewählt worden! Ja, das stimmt. Ein einziges mal ist er gewählt worden. Sobald er an der Macht ist, schafft er die Demokratie ab. Die freie Presse, die Versammlungsfreiheit, die Redefreiheit, die Gewaltentrennung, die freien und geheimen, und regelmäßigen Wahlen. Die Minderheitenrechte. Die Freiheit, die Gleichheit, die Gesellschaft.
Es ist vielfach geschehen. Und es geschieht auch heute noch. Die Führer, die Verführer versuchen es immer wieder.
Demokratie heißt, dies zu erkennen, dies zu benennen, die Abschaffung der Demokratie zu verhindern. Wenn es sein muss jeden Tag. Wenn es sein muss, durch jede und jeden von uns.
Demokratie ist alternativlos.
Demokratie ist Leben – Diktatur ist Tod.
Andrea Maria Dusl, Wien, 7. August 2024
Ich plädiere dafür, André Heller sämtliche Eröffnungsfeiern (und Abschlussfeiern) auf dem Globus gestalten zu lassen. Lückenlos. Auf Lebenszeit. Selbst die allerschlechtesten Ideen von André Heller sind um Potenzen besser als das, was üblicherweise, und auch heute zu diesen Themenfeldern inszeniert wird. Sollte André Heller etwas zustoßen, sollen Eröffnungsfeiern (und Abschlussfeiern) aus seinem zu Verwirklichungsfundus bestritten werden. Ich plädiere weiters dafür, Sportkommentaristik bei Eröffnungsfeiern mit lebenslangem Sprechverbot zu bestrafen. Weltweit. Aber besonders in Österreich.
Am 25. Mai 2024 war ich bei der Autorin und Malerin Rosemarie Philomena Sebek und ihrer Enkelin, der Musikerin und Songwriterin Anna Timmler in Wien Favoriten zu Gast. Wir plauderten für die Folge 38 ihres Podcasts „G’schichtn aus Ramasurien – Über Mundart und Sprachmelodie“. Der Podcast ging am 12. Juli 2024 online und ist hier nachzuhören:
https://podcasts.apple.com/at/podcast/folge-38-%C3%BCber-mundart-und-sprachmelodie/id1620217934?i=1000661951377
Andrea Maria Dusl [AMD]: Früher hat man bei Popkonzerten, hat man gesagt, auf Wienerisch „Aans, zwaa, drää, Mikrocheck“. Die haben gesagt, in den 70er Jahren bei den Rock-Konzerten, wo ich auch war, „hallo hallo hallo, tak tak tak tak“.
Rosemarie Philomena Sebek [Philomena]: Ja, „tak tak tak tak“.
Anna Timmler [Anna]: Na gut, dann sag ich einmal: Hallo Oma und hallo Andrea, wir haben nämlich heute einen Gast bei uns.
Philomena: Einen ganz besonderen Gast, die Andrea Maria Dusl.
Anna: Vielleicht magst du dich einmal kurz vorstellen, wer du bist, was du so machst und ja.
AMD: Ja, also erstmal vielen Dank, dass ich überhaupt hier sein darf und ihr mich eingeladen habt in den schönen, ist es der Wienerberg oder es ist, jedenfalls im Zehnten?
Philomena: Das ist Favoriten.
AMD: Es ist im schönen Favoriten, im zehnten Hieb und wir sind hier auf einem Berg oben und es ist herrlich und man sieht über die Stadt, wenn man aber hinaussieht, dann wendet man sich vom Mikrofon ab und muss wieder an den Tisch schauen, um das hörbar zu machen. Ja, wer bin ich, das weiß ich manchmal selber nicht, aber was ich mache, ich mache sehr viel. Man könnte es zusammenfassen, ich versuche die Welt zu verstehen und bei diesem Verstehensversuch andere mitzunehmen, darüber zu schreiben, das zu zeichnen, oder sonst wie vielleicht auch musikalisch, wobei das Wort musikalisch klingt so ein bisschen abgenudelt. Also Musik ist mir wichtig, und das Erzählen in welcher Form auch immer. So könnte man das beschreiben. Und was auch immer dann beruflich daraus sich ergibt, findet statt.
Philomena: Das ist sehr schön, was du jetzt gesagt hast, auch übers Erzählen. Da fällt mir ein der Ausdruck Mundart – ein anderer Ausdruck für Dialekt ist das. Aber Mundart löst bei mir aus, mit dem Mund, mit dem Sprechen, Kunst zu erzeugen, und Sprechen kann Kunst sein. Und daher auch die Sprachmelodie, die Sprachmusik, weil letztendlich ist alles Musik, weil alles Schwingung ist. Da hast du mich jetzt herausgefordert, das hinzuzugehen.
AMD: Wobei ich dich gerne wieder hereinfordere. Und ich muss zur Mundart gleich was bekennen. Ich bin Migrantin. Ich komme aus einer Migrantenfamilie. Ich bin zwar eine Wienerin, aber keine, und auch hier geboren. Aber meine Eltern sind von woanders. Ich bin sogar zweisprachig – eigentlich bin ich einsprachig aufgewachsen, aber musste Deutsch als Fremdsprache lernen. Und Wienerisch ist für mich auch eine Fremdsprache.
Anna: Für mich auch.
AMD: Das macht aber gar nichts. Man kann Fremdsprachen so erlernen als besser als die, die es in die Wiege gelegt bekommen. Weil die Leute dann aus der Mundart sagen, „na wer bist denn du? Ti ti ti ti.“ Und da hab ich gelernt beim Lukas und bei den Resetarits-Brüdern, wieso kennts ihr so gut Wienerisch, hab ich sie gefragt. Weil wir das lernen haben müssen, sonst hätten wir gleich Fotzen abgehaselt. Und das war wichtig, dass man richtig reden kann. Haben sie das gelernt als Fremdsprache? Und da bin ich draufgekommen, dass es mir auch so ergangen ist. Zwar jetzt nicht so, die sind auch in Favoriten aufgewachsen. Nicht nur in Stinatz und in Floridsdorf, sondern auch in Favoriten. Und richtig sprechen zu können, ist immer schon eine Art Überlebensstrategie gewesen. Im richtigen Augenblick das Richtige zu sagen.
Philomena: In der richtigen Sprache, die verstanden wird.
Anna: Ja, oder in der richtigen Art, wenn man die Sprache nicht ganz zusammenbringt. Das heißt, alles, was wir miteinander machen, ist Sprache. Wir können gar nichts anderes. Auch Bildsprache, Literatur, was weiß ich.
Philomena: Kommunikation, ja.
AMD: Es gibt nichts anderes. Und wenn man allein ist zu Hause, dann redet man mit sich selbst. Ich spreche auch zu Hause mit mir selbst.
Anna: Ich spreche auch zu Hause, aber nicht mit mir selbst, sondern mit meinem Kater.
AMD: Aha, gut, das geht auch. Aber man kann sich auch selber Witze erzählen.
Philomena: Ja, ich lache sehr viel, wenn ich allein bin. Ich lache pausenlos über mich, weil ich so viel Blödsinn mache. Und das ist lustig, ich ärgere mich nicht darüber.
AMD: Wir haben ja vorhin in dem, wie sagt man, Lockermachen-Gespräch, wir waren schon locker vorher, aber wir haben so ein bisschen gesprochen beim Frühstück – eigentlich war es ein Brunch, aber in Wien bruncht niemand, außer die Gstopften, da fällt mir das schwarze Kameel ein, da bruncht man wahrscheinlich um 11 und trinkt ein Prosecco und ein Jour-Gebäck und redet vernünftige Sachen. Aber gut, wir haben uns locker gemacht und da haben wir gesprochen über Blödheiten und so und dann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass natürlich alle blöd sind. Die Erfahrung der Blödheit ist universell, so könnte man es sagen. Niemand ist ausgeschlossen. Und man kann sich dem stellen, man kann von dem mitgenommen werden und man kann einfach die eigene Blödheit als eine Konstante annehmen. Das macht einen vielleicht sogar gütig. Es gelingt aber nicht immer, weil andere können das besser, das Blödsein.
Philomena: Na ja, aber wenn man sich selbst dazu bekennt, im Zuge des Prozesses der Selbsterkenntnis, kommt man irgendwann einmal zu diesem Punkt. Wünschenswert ist es zumindest. Eine meiner Töchter sagt dann immer zu mir, du kannst jetzt sagen, was du willst. Du kannst auch deine Meinung ändern, wie du willst. Denn du hast den Weishaar-Bonus. Ab einem gewissen Alter ist das alles offiziell möglich.
AMD: Ja, und dann haben wir auch darüber gesprochen, dass man natürlich immer ein Kind bleibt. Und das ist sogar, ja wie soll ich das sagen? Es ist in Vergessenheit geraten, weil es so ein unglaublicher Fetisch ist, erwachsen zu sein. Also ein richtiger Fetisch, an dem sich alle ergötzen und in dem sich alle verlieren. Die Kinder sind von Anfang an sehr klug und sehr neugierig und möchten alles verstehen und sind kritisch. Also die Verdammung des Kindseins, ja, das ist leider schon in der Gesellschaft angekommen, aber um Kunst zu machen, muss man wieder in dieses ursprüngliche Format zurückkehren.
Philomena: In das Staunen.
Anna: Da fällt mir ein, als ich ein Kind war, ist bei mir jetzt vielleicht noch nicht ganz so lange her, da wollte ich immer erwachsen sein, erwachsen sein, dann ist das Leben leichter. Jetzt bin ich erwachsen, jetzt denke ich mir, Kind sein, das wäre schon schön, vor allem jetzt, wo ich meinen Neffen sehr oft sehe. Und da habe ich letztens ein Foto gemacht, und der steht da und das war so lebensbejahend und wunderschön, dieses Kind, das hat mich so motiviert, dass ich gesagt habe, das war für mich damals, wenn ich jetzt so dran denke, die glücklichste Zeit, Unbeschwertheit, einfach lernen, Leben genießen, alles ist schön.
Philomena: Das Leben ist schön, ja.
Anna: Und das hat mich total positiv wieder in das zurückgeworfen ist. Auch jetzt kann das Leben schön sein. Nicht nur damals als Kind, sondern eben jetzt auch als Erwachsener. Vor allem mit meinem Neffen, der zeigt mir das immer wieder.
AMD: Ich muss dich dann auch ermahnen, dass du dich erinnerst dran, wie gut es immer ist. Nicht, wie gut es einmal war, die gute alte Zeit.
Anna: Das hört man immer früher, aber es ist besser.
AMD: Ja, und man vergisst die furchtbaren Sachen, die man erlebt hat. Sogar die furchtbaren Sachen, die einen wirklich bedroht haben, werden romantisiert, in eine anekdotenhafte Schönheit gestellt. Und, ja, ich muss gestehen, es gibt Furchtbarkeiten, die niemand romantisiert. Wenn es um Leben und Tod geht und um Vernichtung, das ist nicht mehr romantisch. Aber diese Pimperlprobleme, die wir, wenn wir es gut gehabt haben, als schlecht in Erinnerung kamen, die werden dann, „mein Gott, wir haben noch Ravioli auf einem verkehrten Bügeleisen heiß gemacht. So haben wir gekocht.“ Ja, als man das gemacht hat, war es nicht so lustig. Mim verkehrten Bügeleisen.
Anna: Ich finde, das klingt schon sehr lustig.
AMD: Es klingt lustig. Ravioli ist die Speise der sehr, sehr armen Künstlerinnen gewesen. Eine Dose Ravioli am Tag oder in der Woche. Man hat nicht verhungert. Man ist nicht verhungert. Ich kann die deutsche Sprache nicht wirklich gut. Ist man verhungert oder hat man verhungert? Man hat sich vielleicht verhungert.
Philomena: Man hat sich verhungert und man ist verhungert. Ja, man ist, aber das darf man dann… Man ist verhungert. Dieses ist darf man nicht mit scharfem S schreiben.
AMD: Man darf überhaupt das scharfe S nur sehr vorsichtig benutzen. Dort, wo man darf und es verändert sich immer. Ich habe eine Zeit lang nur Doppel-S verwendet, damit ich ja keinen Fehler mache. Und sofort sind die Sprachpolizisten gekommen und haben mich verhaften wollen. Du weißt aber schon, dass dort ein scharfes S hingehört. Und dann war ich beschämt und habe gesagt, ja, ich weiß natürlich, aber ich habe es absichtlich falsch gemacht.
Philomena: Diese seltsamen Rechtschreibänderungen, die um die Jahrtausendwende waren, die glaube ich nicht, das hat mir dann auch große Schwierigkeiten gemacht. Weil ich war vorher ja Lektorin. Ich musste korrigieren und Beistrichregeln und scharfe S und Doppel S und das alles genau wissen und Groß- und Kleinschreibung. Und auf einmal hat sich so viel geändert. Und diese Prägung von vorher loszuwerden, ja, ich muss es ja nicht mehr.
Anna: Da muss ich aber was dazu sagen, weil ich mache ja Musik und wenn ich etwas veröffentliche, brauche ich Presse-Texte. Und wenn ich diese Presse-Texte fertig habe, schicke ich sie immer sofort an die Oma. Und sie sagt, bitte liebe Oma, kannst du kontrollieren? Und dann tut sie mir immer die Beistriche ausbessern. Und ich glaube, die werden sicher immer gleich bleiben, die Beistriche, wie sie schon damals waren. Aber da bin ich so froh, dass ich die Oma habe, weil sonst, glaube ich, wäre das ein bisschen peinlich, meine Texte.
Philomena: Ach so, tragisch ist es auch nicht. Nein, passt schon.
AMD: Das ist wirklich ein Problem in der modernen Publizistik. Früher hat man ja einen Presse-Text zwar geschrieben, aber da konnte man nicht ins Internet stellen, da hat es kein Internet gegeben. Nichts. Das hat dann jemand bekommen und das wurde lektoriert, immer. Das ist ein großer Luxus, und der verliert sich langsam. Aber ich glaube, es macht nichts. Dann schreibt man halt irgendwas. Früher hat man sich auch, Goethe hat geschrieben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Texte, die in Originalausgaben [vorliegen], da sind nicht die richtigen Beistrichsetzungen erfolgt. Das würde man heute sagen, Herr Goethe. Dann hätte er gesagt, Geheimrat bitte, so viel Zeit muss sein. Also Herr Goethe, da müssen wir noch drüberfahren, mit dem Korrekturstift. Na gut, bittesehr.
Anna: Wenn wir gerade drüber sprechen, du hast nämlich ein Buch mitgebracht. Vielleicht wollen wir das kurz ansprechen. Wien für Alphabeten. Wunderwelt von A bis Z. Magst du da vielleicht ein bisschen was drüber erzählen?
Philomena: Entschuldige, lustig. Alpha und Beten.
AMD: Ja, das ist nicht zufällig.
Philomena: Die das Alpha beten. Bitte erzähl uns etwas darüber.
AMD: Ich fange mal mit dem Schlimmsten an. Das Buch wurde gedruckt und geschrieben. Zuerst wurde es geschrieben und ausgedacht. Von mir gezeichnet und lektoriert und gedruckt. Und dann ist es nicht erschienen. Weil der Verlag eingegangen ist. Wir sprechen über etwas, was sich niemand kaufen kann. Das macht aber nichts. Ich verteile es trotzdem. Es ist im Metro-Verlag „nicht“ erschienen. Die haben es aber gemacht. Die Details kenne ich selber nicht. Aber das Buch handelt eigentlich von mir. Alle Bücher handeln von mir. Wie überhaupt alle Bücher von den Autorinnen immer handeln. Egal was.
Philomena: Entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Alles, was jemand schreibt, ein Autor, es ist alles autobiografisch. Auch wenn es am Fantastischsten daherkommt. Es ist autobiografisch.
AMD: Man entleuchtet sich.
Anna: Das kann ich bei der Musik auch sagen.
AMD: Man kann auch nichts erfinden. Man kann es nur anders erzählen. Und alles, was man erzählen kann, ist, was man erlebt hat, was man nicht erlebt hat. Egal, und wenn man von einer Mars-Kolonie erzählt, im 37.000. Jahrtausend, es ist immer eine Erzählung vom eigenen Ich und was das Ich sich gerade gedacht hat beim Schreiben. Dann schreibt man das um. Dann kommt es dazu, was man in diesem Moment sich denkt.
Schreiben ist immer eine Ich-Offenbarung. Ich wollte ein Lexikon. Das prägende Buch meiner Kindheit hat geheißen Die Kinderwelt von A bis Z. Das war ein Lexikon für Kinder mit Zeichnungen. Da haben sie so betulich erklärt, wie die Welt funktioniert, sodass Kinder das verstehen. Die Kinder, so wie ich, haben natürlich die Lexika der Eltern auch gelesen und haben sich gedacht, na gut, sie versuchen es uns so zu erzählen, weil sie halt lieb sind und glauben, wir sind Trotteln. Und dann schreiben sie das für Kinder, das Kinderbuch. Wir sind ja ununterbrochen von Erwachsenen umgeben und nicht von Kindern. Man kann uns auch alles zutrauen. Wir wissen auch, was die Eltern machen im Ehezimmer. Wir turnen herum aufeinander. Aber gut. Und da dachte ich mir, so was könnte man über Wien schreiben. Man könnte über Wien, ich will jetzt nicht sagen ein Kinderbuch, aber ein Buch der Genauigkeit, ein Lexikon über Wien und wienerische Befindlichkeiten in einer für mich notwendigen Genauigkeit.
Philomena: Das wären viele Bände, das wäre sehr umfangreich.
AMD: Die Phantasie hätte das eh angestrebt, einen großen Umfang, aber der Herr Verlagspräsident hat gesagt, ja, nein, wir haben da, da gibt’s immer so magische Zahlen, wie viel ein Buch, wie dick ein Buch sein darf, bevor es überhaupt gemacht wird, wissen Sie immer, wie dick das Buch ist und welchen Umfang. Und kannst du uns schon eine Inhaltsangabe oder für den Pressetext schon was schreiben? Dann schreibt man was und das ist natürlich erfunden. Dann ist es eine ganz seltsame Welt geworden oder vielleicht war die immer schon so.
Philomena: Nein, sie war nicht immer so. Ich habe in den 60er Jahren in einem Verlag oder in den 70er Jahren in einem Verlag gearbeitet.
AMD: Und das war anders?
Philomena: Ganz ganz anders.
AMD: Dann ist das, wie man auf Wienerisch sagt, eingerissen. Und das ist so weit fortgerissen, dass es inzwischen gar nicht mehr erscheinen muss. Das Buch, wichtig ist, dass es geschrieben wurde. Aber die anderen Bücher sind erschienen. Und ich wollte einfach eine… Ich wollte Wien für die, die es… Der Qualtinger hat das so gesagt. „Helmut Qualtinger, wer ihn kennt“, sagte der Resetarits, wenn er einen Namen hervorgerufen hat, der Willi hat immer gesagt, „Helmut Qualtinger, wer ihn kennt.“ Also Helmut Qualtinger hat gesagt „Österreich ist das Labyrinth, in dem sich alle auskennen.“
Philomena: Sehr gut, das ist ein toller Ausdruck.
AMD: Es kann auch sein, dass es nicht von ihm ist, es ist aber völlig egal. Es wird ihm zugeschrieben. Und in Wien kennen sich natürlich die Leute noch besser aus in diesem Labyrinth. Also kann man etwas schreiben für die Leute, die Labyrinth-Wissenschaftler sind, nämlich alle Wienerinnen und Wiener sind Wissenschaftlerinnen des Wienerischen. Und zwar ununterbrochen. Ja. Es gibt kein Entkommen. Und denen kann man das erzählen, was sie eh schon wissen. Das ist die Aufgabe dieses Buches gewesen. Und das hat große Freude gemacht. Weniger Freude hat es gemacht, als es nicht erschienen ist. Also es klingt jetzt so, als ob mich das bedrückt. Und ich das nur mit einem Lächeln überspiel. Ja, man kann auch tragische Sachen lustig finden. Oder es ist ja nicht so tragisch. Was ist denn das im Vergleich zum Weltfrieden, dass irgendetwas momentan nicht in der Buchhandlung steht? Das ist doch ein Luxusproblem, oder?
Philomena: Wichtig ist eigentlich, dass man es geschrieben, oder dass du es geschrieben hast. Es ist, ich sag dann immer, also die ersten Materialisierungsprozesse, es kommt die Idee, dann kann sich in einem Gedanken materialisieren, dann in der Sprache, dann in der Schrift. Und der nächste Materialisierungsprozess ist das Buch. Und dann bedarf es der Menschen, die das lesen und etwas anfangen können damit. Aber das mit dem Verlagswesen, das ist schon sehr bergab gegangen. Und es geht nur mehr ums Geld und um die Schickeria, weil die bringt Geld.
AMD: Gibt’s eine Schickeria noch?
Philomena: Ich glaube, ich weiß es nicht. Na ja…
AMD: Sind die nicht schon alle … ?
Philomena: Da gibts ja die Wichtelhuber. Die Wichtelhuber!
AMD: Die Geschaftlhuber.
Philomena: Die Geschaftlhuber ist auch gut. Wichtelhuber is auch gut!
AMD: Ja, und so funktioniert die Sprache. Plötzlich ist ein Wort da. Und dann ist es da und ist richtig.
Und hat Bedeutung. Wichtelhuber! Der Geschaftlhuber ist eine ganz wichtige Figur. Also er selbst hält sich ja noch wichtiger als man glaubt. Und er muss es unterbrochen unter Beweis stellen, die Geschaftlhuberei. Und natürlich sind alle die Kunst betreiben, und es herzeigen auch Geschaftlhuberinnen. Und wie?
Philomena: Und wie!
AMD: Und das ist leider, wenn man drüber nachdenkt, denkt man sich, oje, oje, oje. Ich würde viel lieber im Elfenbeinturm sitzen und dann kommt eine Fee vorbei und entnimmt mir das Kunstwerk. Und ohne, dass ich drüber nachdenke, wird es jemandem überreicht. Und ich werde gelobt und spüre es durch einen kleinen, feinen Wind, der es mir zuträgt oder so. Und ich bin nicht gestört durch Lob und Anerkennung, weil ich es gar nicht brauche. Aber nein, man muss herumtun und sich wichtig machen. Und wird von den anderen der Wichtigmacherei bezichtigt. Und dann sagen sie, „na ja, mir gefällt das nicht, das haben andere schon besser gemacht“. Oder wie es in der abstrakten Kunst so oft war: „das kann ja jedes Kind“. Und dann musste man sagen, obwohl es natürlich nicht stimmt, „ja, natürlich, darum geht es ja“. „Das könnte ich auch“, war auch so ein Satz früher, „das könnte ich auch“. „Ja, dann machen sie es doch!“
Anna: „Das kann ich aber besser.“
AMD: Auch das ist erlaubt. „Machen sie es doch besser! Und ich werde sie nicht dran hindern.“ „Ja, aber das war jetzt nicht die Frage.“ Jetzt haben sich die Diskursformen schon wieder verändert. Also, alle sind Autorinnen. Alle sind Autoren. Sie können ununterbrochen von überall einen Tweet, jetzt ein Xerl oder wie das heißt, ein Posting absetzen und für 15 Sekunden die Meldung Nummer 1 sein.
Philomena: Ja, so ist es.
AMD: Und das auch genießen. Und was sie nicht bedenken, und das fällt mir auf, ist, sich des eigenen Namens zu erfreuen. Die meisten Menschen wollen nur publizieren, aber nicht, dass man weiß, wer sie sind. Sie haben immer alle so… Die meisten Poster, so heißen diese Leute, jeder von uns weiß, was Poster sind, was da erzähle ich da, also die haben dann so, heißen dann „Willibald015“ oder so, oder „das große Weltungeheuer“ oder irgendwelche blöden Namen, weil sie Angst haben, da könnte jetzt was passieren. Es könnte jemand zu Hause anrufen und sagen, „sie Falott sie!“
Anna: Ja, aber da frage ich mich schon, wenn ich schon Angst habe, dass da was passieren könnte, dann kann ja irgendwas nicht stimmen mit dem, was ich da grad preisgeben möchte.
Oder?
AMD: Meistens bei Beschimpfungen ist ja das so. Das ist eine… Und das sogenannte… Wie heißt das? Es ist ja nicht anonym, in dem Sinne, weil die Poster ja nicht wissen, dass sie gar nicht anonym sind, weil sie ihre IP-Adresse immer mitschicken. Sie können dann auch geklagt werden. Es ist ein Fetisch, dieser… Gut, die Künstlerinnen aller Zeiten haben sich immer auch eigenen Namen gegeben, aber das hat einen anderen Grund. Du weißt das ja aus deiner Künstlerbiographie, Lebensgeschichte. Man wollte sich selbst einen Namen geben, weil man autonom war. Es war nicht eine Verstellung, sondern es war eine Präzisierung. Man hat sich einen Namen gegeben, um man selbst zu sein.
Philomena: Ja!
AMD: Kannst du das bestätigen?
Philomena: Ja, das kann ich. Ich war zum Beispiel mit dem Namen „Rosemarie“ überhaupt nicht einverstanden, lange Zeit. Ich wäre glücklich gewesen, Lieselotte zu heißen. Ich hab daher meine Puppe „Lieselotte“ genannt. Es hat also lange gedauert, bis ich mich mit „Rosemarie“ angefreundet gehabt habe. Und jetzt steht in meiner Geburtsurkunde „Rosemarie Philomena“. „Philomena“ ist von meiner Großmutter der Name, die aus Südtirol kam. Das hat mich sehr angesprochen. Jetzt nenne ich mich eben „Rosemarie Philomena“. Und dann halt irgendeinen Nachnamen, der Nachname bei Frauen meiner Generation. Also der hat ja immer sich geändert. Und ich habe einmal auch gesagt, es ist egal, ich könnte Rosemarie Philomena Blau oder Rosarot oder wie immer heißen, denn der Nachname hat für mich wenig Bedeutung. Also ich hieß Dubkowicz, Schwarz, Mayrhofer, Sebek. Es ist total egal. Ja, so ist das mit den Namen bei mir zumindest gewesen.
AMD: Aber dein…, oder Annas Großvater, sagen wir das so, damit wir dich da…, hat sich ja Barabbas genannt. Er hat mehrere Namen eigentlich genannt.
Philomena: Also er hat sich „Barabbas“, er hat Claus Mayrhofer geheißen, „Claus“ mit C geschrieben. Und als er mit dem Padhi Frieberger zusammen war und beschlossen hat, dass er nicht Künstler wird, sondern bereits Künstler ist, hat er nachgedacht über einen Künstlernamen. Und da ist er auf die Geschichte gestoßen, wo Jesus bei Pontius und Pilatus ist, weil ich meine, auch der Padhi Frieberger, der war ja biblisch beschlagen bis zum Gehtnichtmehr. Und da kam die Geschichte von Pontius zu Pilatus, wo Jesus kam und dann ist es darum gegangen, wer wird zum Tode verurteilt. Und der Pilatus sagt, na ja, ich frage das Volk soll entscheiden. Wen wollt ihr haben? Und das Volk rief, wir wollen den Barabbas. Und da hat der „Barabbas“ gesagt, der Jugendliche, 15jährige, ich bin ein Rebell und mich will das Volk und meine Malerei und meine Kunst wird heiß begehrt sein. Und daher hat er sich „Barabbas“ genannt. Und dann ist er zum Islam konvertiert und hat den [Namen] „Harun Ghulam“ angenommen, „Harun Ghulam Barabbas“. Und dann ist er wieder auch von dem Islam abgekommen. Und wie er nach Australien ist, musste er, also ging das mit dem „Harun Ghulam“ nicht mehr, musste er ja seinen nachweislichen Namen nennen. Und da hat er sich „Claus Mayrhofer“ und den „Barabbas“ als Künstlernamen noch angehängt. Also es war so eine komplizierte Namensgeschichte eigentlich.
Anna: Ich möchte jetzt noch auf eine Sache ganz kurz, die möchte ich gerne fragen, weil mir die aufgefallen ist, wie ich deine Wikipedia-Seite gelesen habe. Und das hat mich gewundert, weil da steht, du bist Freimaurerin.
AMD: Ja.
Anna: Kannst du, darfst du da vielleicht ein bisschen was erzählen? Oder ist das mehr…
AMD: Ja, ich kann drüber was erzählen. Und warum darf ich das überhaupt? Also es gibt ja Gerüchte, das darf man nicht erzählen.
Anna: Genau, das hat mich nämlich gewundert, weil…
AMD: Ja, also man selber darf es erzählen. Man darf sagen, man ist das, es ist kein Geheimnis. Es ist allerdings in Österreich nicht immer üblich, weil manche haben Berufe, in denen sie, sagen wir mal so was wie, leichte Schwierigkeiten bekämen. Es ist noch immer ein bisschen… Es ist nicht verpönt, aber es gibt eine Geschichte des Verbots, der Freimaurerei in Österreich, insbesondere in Österreich. In Ländern, wo es keine Verbote gab, so wie England, Skandinavien, Südamerika, teilweise Italien, also Länder, in denen es keinen Faschismus gab. Oder keinen Faschismus als Staatsdoktrin. Und da zähle ich auch die Sowjetunion, den Stalinismus dazu.
Überall, wo es totalitäre Regime gab, war die Freimaurerei sofort verboten. Noch bevor irgendwas anderes verboten wurde. Und aus dieser Tradition erklärt sich, dass es in Österreich nicht darum erzählt wird. Ich kümmere mich da nicht darum, aus zwei Gründen. Die, die es herausfinden wollen, um mich zu töten, wenn das Kalifat kommt, dann bin ich dran. Wenn der Hitler noch einmal kommt, auch. Also, die finden das raus, ohne dass ich das jetzt bekenne. Aber, ich kann anderen ein Signal geben und sagen, Schauts her, habt keine Angst, das ist etwas, was mit Humanismus zu tun hat. Und es können auch Frauen Freimaurer werden. Und das ist nicht so bekannt. Es gibt Frauen in der Freimaurerei seit fast 140 Jahren. Nicht in Österreich, aber in Österreich zumindest seit den 20er Jahren.
Und das weiß man nicht. Und das sollte man aber wissen, weil es gibt viele Frauen, oder es gibt Frauen, die sich dafür interessieren würden. Und um denen ein Signal zu geben, habe ich das nicht verschwiegen. Ich gebe aber jetzt da keine großen Pressekonferenzen oder irgendwelche, schreibe es auch nicht irgendwie. Ich schreibe keine Bücher darüber, aber man kann mich befragen. Und was darf man erzählen?
Natürlich darf man erzählen, dass man dabei ist. Man darf erzählen, was die Freimaurerei ist. Es ist ein Projekt, ein demokratisches, humanistisches Projekt der Gleichheit, Geschwisterlichkeit, manche sagen Brüderlichkeit, sehr hohe Ideale, die die Gesellschaft verbessern. Und gegen etwas auftreten, was man unter Faschismus zusammenfassen könnte oder auch Rassismus, [das] liegt der Freimaurerei fern. Im Gegenteil, es ist ein Projekt der Menschlichkeit. Ja, aber warum muss es geheim sein?
Es muss eh nicht geheim sein. Es muss nur deswegen geheim sein, weil es die Gegner nicht wollen. Das ist eine Sache, die [wir] in Österreich oder in Gesellschaften mit einer politischen Geschichte des Faschismus haben. Es gibt Länder, wo das nicht ist. Da stehen die Mitglieder der Logen auf den Websites. Die Mitglieder mit ihren Namen stehen auf den Websites. Man kann das lesen in Schweden, Norwegen, teilweise in Amerika. Es ist nicht geheim. Was geheim ist, teilweise geheim ist, es gibt ein paar Dinge, die mit freimauerischem Erleben zu tun haben, die geheim sind, weil man sie nicht erzählen kann.
Man muss sie erleben. Man muss sich diesen Idealen verpflichten. Man muss sich jetzt nicht verpflichten im Sinne, ich muss jetzt einen heiligen Eid schwören und dann werde ich geköpft und zerrissen, wenn ich das breche. Aber man bekennt sich sozusagen zu einer Menschlichkeit und zu einem, wir nennen das „Arbeit,“ zu einer „Arbeit am Tempel der Menschlichkeit“. Die besteht darin, dass man sich regelmäßig trifft. Das Vereinslokal heißt Loge, bekannt. Da drinnen finden Arbeiten statt. Da wird aber nicht der Teufel angebetet oder Kinder zerstückelt oder die Weltverschwörung geplant, sondern es wird darüber gesprochen, worüber man sprechen kann. Im Wesentlichen war es das, was heute in Universitäten gemacht wird. Es werden Vorträge gehalten und über Erkenntnis gesprochen.
Und die Demokratie wurde dort… Natürlich wurde die Demokratie als Wort und als Idee schon im alten Griechenland erfunden, aber einige haben nicht teilnehmen können. Die Sklaven haben nicht an der Demokratie teilnehmen können oder irgendwelche Barbaren, aber an der Freimauerei können alle teilnehmen, die sich dem nahe fühlen. Es gibt, ob es ein König ist oder ein Lakai, wobei Lakaien gibt es ja nicht, aber es kann ein Arbeiter sein, es kann der Präsident sein und der Präsident ist dort in der Loge genauso wichtig wie der Gärtner vom städtischen Garten oder ein Müllkübler, weil es nicht geht darum, wie reich bin ich, wie gut bin ich, was für einen Beruf habe ich, sondern: Wie denke ich.
Und das ist gefährlich für die, die das nicht wollen. Und deswegen ist es teilweise verboten. Und man kann jemandem das kaum erklären, der es nicht… Was ist das Schöne daran? Da sitzts ihr alle herum und tuts euch Geschichten erzählen? Ja, so könnte man es sagen. Aber da kann ich auch in den Yogakurs gehen und in einen Sitzkreis. Ja, eben, kannst du auch.
Philomena: Ja, kann man auch.
Anna: Sehr, sehr spannend. Danke, dass du uns das jetzt erzählt hast. Ich fand das immer schon sehr interessant. Und ebenso, dass es halt doch nicht jetzt ganz so geheim ist, sondern diese Ideale einfach man so auch offen kommunizieren kann, was ich ja generell wichtig finde, dass man humanitär denkt.
Philomena: Na, sehr schön, sehr schön. Vielen Dank, dass du das so verständnisvoll gebracht hast, jetzt.
AMD: Ja, gerne.
Philomena: Und jetzt donnerts uns krachts.
Anna: Danke, dass du da warst heute. Sehr gerne auch wieder, wenn du Lust hast.
AMD: Ja, ich komm gern. Ihr müsst nur sagen, komm und erzähl uns was anderes. Oder das gleiche noch mal.
Philomena: Es gibt genug, ja.
Anna: Na gut, dann sagen wir Tschüss.
Philomena: Ahaja…
Anna: Bussi, Bussi und Baba.
Philomena: Bussi, Bussi und Baba müssen wir ja jetzt sagen.
AMD: Bussi, Bussi und Baba?
Philomena, Anna: Bussi, Bussi und Baba.
Neue Wirklichkeit. Wir leben im Zeitalter der postphotographischen Evidenz.
Andrea Maria Dusl, 7. Juli 2024
Melancholie, du unbrauchbare Drecksau, flieg ab. Befalle die Nominierinstanzen für Orden und Ehrenzeichen, Großpreise und Langlisten. Mögen die in ihrer Verwirklichungspermanenz erstarren wie Elektrikergips im Gummihäferl.
Kann man sich selber stören?
Gestern keine Leitkulturauffälligkeiten festgestellt. Mit Ausnahme der heimischen Zubereitung eines hoch leitkulturellen Käseleberkäse-Mini-Laibs. Gedämpft war der Genuss durch Zugabe von „Englischem Senf“. Werde mich bessern.
In der Leitkulturpublikation „Krone“ bei Exzellenz Ida Metzger erfahren, dass Leit-Kultur ein Sprachspiel mit der Bedeutung „Leit“, soviel wie „Leut“, „Leute“ sein sollte. Die Leute leiten also! Gut so! Dabei denkt es in mir und es entflammt die Drittbedeutung von Leitkultur, Leutkultur, die „Läut-Kultur“, das Bewegen der Glocken in unseren Kirchtürmen. Wie schön dazu die Erinnerung an die Sendung „Autofahrer Unterwegs“, mit dem Läuten einer jeweils anderen österreichischen Pfarrkirchturmglocke. Bim Bam!
Kritikerinnen des Leitkulturellen haben Bedenken geäußert, man dürfe die Leitkultur nicht propagieren, wenn man sie aus aufklärerischen Gründen und solchen der Menschlichkeit ablehne. Die Satire stellt sich jenseits dieser Forderung. Satire darf im Falschen wildern, um das Richtige aufzutischen!
Dennoch wird es mir trotz Volksschulerinnerungen ans Steirische Salzkammergut nicht gelingen, heute das Dirndl anzulegen, um mich auf den tiefroten Rathausplatz der roten Gfrieser zu begeben, und mich beim Steiermark-Frühling mit viel Kulinarik, steirischem Brauchtum und vielfältiger Unterhaltung einzufinden. Der Herr Kaplan wird mir zürnen. Bim Bam.
Man hat es kommen gesehen. Der Tag fing gut an. Morgens, ein Jungscharlied auf den Lippen, auf den Markt gegangen, Zwiebel gekauft und marginal ausländische, zumindest schon hier im Kistl aufhältige Clementinen. 2 Kilo, das stärkt den Nahversorger. Leider Serben! Beim Taditionsfleischhauer mit Leitkulturware ein Viertelkilo Schwarzes Scherzl und eine Scheibe Kümmelbraten gekauft. Fast bar bezahlt! Jedenfalls heimlich in Schilling umgerechnet. Beim Inländertürken dann nur den Hauch eines runden Brotes erstanden. Name ist mir leitkuturell entfallen, irgend etwas mit Fladern. Zuhause angekommen eine Inländerfrage in der heimischen Stadtzeitung beantwortet, es ging um die Namenkunde von „Krankensesserl“. Leitkulturell vorbildlich, möchte man sagen: Grüssgott Jetzt aber, Schande mit Scheitelknien: esse ich ein ganz und gar vollverbotenes Ausländergericht. Beef Tartare. Mit der Petersilverstörung Koriander. Das gibt gewiss ein dickes Minus, wenn nicht mehr. Der Herr Kaplan wird vermutlich eine Woche Fernsehverbot aussprechen oder Schlimmeres. Ich habe es verdient.
Heute beim Passamt gewesen. Dabei den anwesenden sitzenden Männern im Warteraum nicht den Sitzplatz durch blödes Schauen und schlichte Anwesenheit streitig gemacht. Dann (nach kurzen 46 Minuten) mit dem Beamten sehr österreichisch gesprochen, im Smalltalk immer wieder die Worte „heans“ und „gengans“ untergebracht und mich artig für die magistral gute Bearbeitung meines Anliegens bedankt. Verständnis gezeigt, dass mein mitgebrachtes Paßbild zu alt und schon vorausgeschnitten war. Schließlich den Wunsch unterdrückt, das Bonmot „ausgmoid ghearat do scho, oda?“ anzubringen. Ein Bezirksamt hat Würde, auch im Retro-Bereich. Leitkulturell war das ein schöner Vormittag heute.
Joseph DUSEL (Fleischermeister aus Horn, Niederösterreich)
Barbara ZANITZER (Horn, Niederösterreich)
Joseph ZÖCHMANN (Hauer in Roseldorf, Niederösterreich)
Rosalia HIRSCH (Roseldorf, Niederösterreich)
Biagio PATAT (Gemona del Friul)
Lucrezia FORGIARINI (Gemona del Friul)
Martin ZOHAN (Schmelzknecht, Petrovce, Slowenien)
Helena MOYSI (Magd in Cilli)
Heinrich Ernst Friedrich GELPKE (Höxter in Westfalen, Buchdrucker in Pyrmont)
Anna Marie Elisabeth LANGE (Fürstenau, Westfalen)
Liborius LANGE (Fruchthändler, Fürstenau, Westfalen)
Judith WIEDRICH (Windhag in der Capelln, Niederösterreich)
Anton SCHMELZER (Dobritschan, Böhmen)
Theresia KEMPE (Oberleutensdorf, Böhmen)
Georg GULDER (Viechtach in der Oberpfalz, Hutmacher in Oberleutensdorf, Böhmen)
Veronika KEMPE (Oberleutensdorf, Böhmen)
Bernard JÜLIG (Oberlehrer, Ottersdorf bei Rastatt, Baden)
Catharina MAYER (Baden-Baden)
Franz II. POSSANNER von EHRENTHAL (Graz, Verwalter, Bezirksrichter in Krain)
Susanne FRÖHLICH (Cilli, Unter-Steiermark)
Franz SCHEIMPFLUG (Mödling, Wirt in Iglau. Kaufmann in Znaim)
Jeanette WEHRL (Müllerstochter, Trautmannsdorf, Niederösterreich)
Dr. med. Ernst RINNA von SARENBACH (Görz, Hofarzt in Wien)
Anna HUFNAGEL (Tabakdirektorstochter, Klagenfurt)
Carl Wilhelm PATERSON (Seekapitän, Göteborg, Schweden)
Maja Lena MAGNUSDOTTER (Gärdhem, Schweden)
Jöns JÄDERLUND (Schiffszimmermann, Gävle, Schweden)
Brita Greta SJÖBERG (Gävle, Schweden)
Johann Christian RAABE (Sachsen-Anhalt)
Johanna Rosina Wilhelmine KUNZE (Niederholzhausen, Sachsen-Anhalt)
Hugo Adolf HAMILTON af HAGEBY (Freiherr, Generalpostmeister, Schloss Boo, Schweden)
Lena Stina NILSDOTTER (Magd, Hällestad, Östergötland, Schweden).
Aus gegebenem Anlass eine kleine Nachilfe für die Österreich-Werte-Kommission:
Schnitzel, Volksmusik, Osterhase, Krampus. Schifahren, Großglockner, Schnaps, Schönbrunn. Völlig irrelevant. Essentiell hingegen: Kenntnis und Bekenntnis zu:
Frauenrechten, Kinderrechten, Demokratie, Laizismus, Sozialstaat, Antifaschismus, Pluralismus, Wissenschaft, Republik, Gewaltentrennung, Menschenrechten.
An diesem Wertekatalog scheitern schon manche Einheimische.
Hauptjob momentan: Verwaltung. Kunst läuft nebenher. Das ist auch alles kein Wunder, weil die Welt vom ökonomischen Hegemon regiert wird. Und dort ist die Maxime: Gewinnsteigerung. Schönheit und Weisheit sind völlig unbekannt. Und von Gefühlen wird nur gefaselt (Stichwort: das „scheue Reh“ Kapital). Ich fordere die Beendigung dieser Weltschieflage.
Meine Wohnung hier in der Upper Westside Leopoldstadt ist an meinem Haus ausgerichtet, und dieses an der Gasse und der daranstossenden. Die beiden Gassen (und damit das Haus) sind parallel zum Donaustrom ausgerichtet und zum nächstliegenden Ufer-Abschnitt des Donaukanals. Ich habe die Gasse, in der ich wohne, in Gedanken (und auf der Landkarte) verlängert und nochmals verlängert, als würde sie geradewegs irgendwo hin führen. In eine ferne Stadt, eine Gegend mit Klang. Und mit der anderen Wienerischen Himmelsrichtung, der Gasse nämlich, die auf meine stosst, bin ich gleich verfahren. Weil ja das Haus und darin meine Wohnung an beiden ausgerichtet ist. Wenn ich also vom Bett zur Kaffeemaschine gehe, ist das die Achse Pilsen-Timișoara. Und wenn ich vom Küchenfenster ins Bad gehe, und gedankenhalber, rein vorgestellt, immer weiter ginge, käme ich zwischen Kattowitz und Krakau nach Polen. Ginge ich wieder zurück, vom Bad zum Kühlschrank, und noch weiter und weiter, käme ich irgendwann nach Venedig. Wie gesagt, immer in gerader Line. Meine Bücher, drüben im nördlichen Trakt, stehen Pilsnerisch-Temeswarisch. Hier, am Schreibtisch sitzend, ist mein Kopf und mein Gedankenstrahl genau nach Venedig ausgerichtet. Lehne ich mich zurück, polstert es mich polnisch.