Harvey, Irma, Donald

Für meine Kolumne „Comandantina auf dem Kontrastblog.

Erinnern wir uns daran, welchen Impact 911 auf die USA (und die Welt) hatte und welche politischen Antworten darauf gegeben wurden. Milliarden wurden in sinnlosen Kriegen verpufft, die Gesellschaft wurde massiv umgebaut. Die Angst vor Terror bestimmt seither unser Leben. Auch unseres hier. IS (und ähnliche Untergangskrieger) gäbe es nicht, gäbe es nicht den Beweis für die politische Wirksamkeit von Terror.

Wie anders regieren die USA auf die Impacts der Klimaerwärmung. Es wird gebetet. Millionen werden evakuiert und flüchten auf verstopften Highways. Millionen Fenster wurden vernagelt. Noch mehr Sandsäcke aufgeschlichtet. Ein Umdenken der dominierenden politischen Kaste wie nach 911 findet nicht statt.

Für Trump und die kaum weniger Verblödeten um ihn gibt es keine Klimaerwärmung. Im Gegenteil. Das kaputte Wetter wird als heroische Herausforderung empfunden, in der der regierende Held die Hegemonial-Nation versammeln kann.

Welch düstere Einfalt wird hier sichtbar.

Solidarität

Für meine Kolumne „Comandantina auf dem Kontrastblog.

Es ist Abend. Vor dem Supermarkt sitzt ein nicht mehr ganz so junger Mann in zerschlissener und schmutziger Kleidung. Er sitzt am Boden, in einer Haltung zwischen Hocken und Knien, am Gehsteig, mitten vor dem Supermarktportal. In seiner rechten Hand hält er einen weissen Pappbecher. Vor seinen Knien liegt ein schulheftgrosses, ungelenk ausgeschnittenes Pappkartonschild. In Großbuchstaben steht da die Botschaft zum nicht mehr ganz so jungen Mann in der schmutzigen Kleidung:

BITTE! steht da,
ICH HABE NICHTS ZU ESSEN.

Mich stört das sehr. Mich stört das allgemein und speziell. Mehr noch, es verstört mich. Aber was sind die Ingredienzien dieser Verstörung? Ich will nicht, dass er da sitzt, ist mein ehrlicher Impuls, der nicht mehr ganz so junge Mann mit dem Pappbecher und der Bitte. Der Mann ist ein Problem für mich. Sein Sitzen vor dem Supermarkt ist ein Problem für mich. Seine schmutzige Haut ist ein Problem für mich, sein Gesichtsausdruck, seine ekelhafte Kleidung, der Pappbecher, das Pappschild. Ich will nicht, dass er da sitzt. Es stört mich. Es verstört mich. Und es stören und verstören mich die Menschen, die ihm ein bisschen Kleingeld in den Pappbecher werfen, oder einen Fünfer. Den Blick gesenkt, jede Möglichkeit vermeidend, Blickkontakt aufzunehmen, oder ein Gespräch zu führen. Sei es noch so kurz.

Und mehr noch. Mich stört und verstört nicht nur sein Anblick, mich stört der Anblick all der andern auch. Der Bettler, der Sandler, der Obdachlosen, der Junkies, der Tablettenzombies. Sie stören mich? Im Ernst? Das wage ich zu sagen? Wie schlecht, wie böse. Sie haben doch unsere Nächstenliebe verdient, sagen die einen, sie sind arm, diese Leute, und verlassen. Wir schulden ihnen Barmherzigkeit, die anderen. Wir sollten Mitleid mit ihnen haben. Mitleid. Nächstenliebe. Barmherzigkeit.

Barmherzigkeit? Nächstenliebe? Mitleid? Das haben sie nicht verdient. Die Männer und Frauen und Kinder mit den Pappschildern, den krummen Beinen, den schmutzigen Anoraks, den schlechten Zähnen, den zerzausten Haaren und verfilzten Bärten.

Mitleid, Nächstenliebe, Barmherzigkeit ist zu wenig. Mitleid, Nächstenliebe, Barmherzigkeit ändert ihre Lage nicht. Die Männer und Frauen und Kinder in bettelnder Not und starrender Armut haben etwas besseres verdient. Es steht ihnen etwas zu, das viel umfassender ist, viel radikaler, viel wirksamer, es steht ihnen

SOLIDARITÄT zu.

Sie ist mehr als das Werfen eines Zweiers, mehr als ein warmherziges Lächeln, eine vorbeigebrachte Jacke, ein Mittagessen im Pfarrhaus. Solidarität ist der Lebens- und Liebesentwurf einer aufgeklärten Gesellschaft. Solidarität ist Hilfe und Unterstützung, Beistand und Rat auf Augenhöhe. Solidarität ist die Gleichzeitigkeit von Sicherheit und Freiheit.

Solidarität ist die Liebe des Menschengeschlechts zu seinesgleichen. Sie ist unverhandelbar und grenzenlos, sie entspringt dem Recht des Menschen auf Freiheit. Und es darf in erinnerung gerufen werden: Freiheit ohne Solidarität ist undenkbar. Und wie die Freiheit vom Staat garantiert werden muss, muss auch die Solidarität Allmende sein, allen gewährt, die sie brauchen. Im Zweifelsfalle überschießend.

Warum stört mich der Anblick des nicht mehr ganz so jungen Mannes in seinem zerschlissenen Anorak und den schmutzigen Zähnen? Der Anblick ist es, der mich stört, und der Grund für sein dort sitzen, nicht der Mann. Der Mann selbst, er stört mich nicht. Jedenfalls nicht mehr als der Familienkutschenbesitzer, der an ihm vorbeigeht, um im Supermarkt den Portwein für den Tarockierabend zu besorgen, oder die Zahnpasta fürs Landhaus oder den Parmesan und die Pinienkerne.

ER stört mich nicht, der bettelnde Mann, ganz und gar nicht.

ES stört mich, es stört mich, dass er dort sitzt. Jeden Abend. Jeden Tag. Es stört mich, dass er dort sitzen muss, am Gehsteig vor dem Supermarkt. Es stört mich, dass er nicht zu Hause sitzt, kartenspielend von mir aus, mit Freunden, im Landhaus, und nachher vor dem Badezimmerpiegel steht, gesunde Zähne putzend, in die sich Pestokrümel verirrt haben.

Nun gut, könnte ich mir sagen lassen, so ist die Welt, die einen haben es besser getroffen, die anderen schlechter und in wessen Herz das Erbarmen schlägt und in wessen Seele das Mitleid schmerzt, der möge dem armen Teufel einen Zweier geben, der armen Seele, da kommt schon was zusammen, vielleicht macht er das ganze ja sogar professionell.

Das ist gut möglich, sage ich. Aber das ist mir egal. Ich will die Gründe für die Unfreiheit des Mannes mit dem Pappschild und dem Bettelbecher nicht kennen, ich will sie beseitigt wissen. Professionell beseitigt wissen. Deswegen fordere ich Solidarität für diesen Herrn. Ich fordere medizinische Behandlung, für die er sich nicht bei seinem Behandler bedanken muss, oder beim Almosenausschütter oder bei einem Gott, dessen Personal ihn in spiritueller Unfreiheit hält. Ich fordere Bildung für ihn und seine Kinder, die beste und meist umfassende, die sich denken lässt und ein Einkommen, das ihm Sicherheit gibt. Selbst wenn er für dieses Einkommen nicht arbeiten muss. Weil er vielleicht nicht arbeiten kann, weil er aus dem System gefallen ist, indisponiert ist, erkrankt oder verhindert. Ich fordere Solidarität für diesen Herrn, dem es nicht gut geht, sonst würde er sich nicht erniedrigen müssen, vor dem Supermarkt zu sitzen und um Geld zu betteln, keine leichte Arbeit übrigens, eine echte Leistung, für die der unfreie Herr mit der schlechten Kleidung übrigens auch Steuern zahlt, Mehrwertsteuern zum Beispiel, jedesmal, wenn er sich ein Red Bull oder anderes Zuckerwasser kauft um den Inhalt seines Pappbechers.

Ich fordere für diesen Herrn auf der Strasse und für uns alle, denn es kann jeden von uns treffen, wenn das Netz reisst, das größte Gut, das eine aufgeklärte Gesellschaft in Freiheit bieten kann:

SOLIDARIITÄT.

Barmherzigkeit und Nächstenliebe gelten als edle Tugenden, aber sie sind nicht uneigennützig. Sie erfüllen die Gebenden mit Freude. Und diese erwarten, dass die Empfangenden diese Freude mit ihnen teilen. Das aber ist kein Teilen auf Augenhöhe. Dieses Teilen ist dem Moment geschuldet. Es ist kein Recht, es ist ein Geschenk. Geschenke verpflichten. Zu Demut, zu Dank, zu Bescheidenheit. Zu Unfreiheit.

Errichten wir daher eine Gesellschaft der Solidarität. Alle haben in dieser Gesellschaft Platz. Jede und jeder nach ihren und seinen Fähigkeiten. Jede und jeder nach ihren und seinen Bedürfnissen.

Gott und der Markt

Für meine Kolumne „Comandantina auf dem Kontrastblog.

Wir leben in einer säkularen Welt. Es regiert der Markt, der Kurs, die Rendite. Glaube kommt aus der Geschichte, Information ist Macht, Religion privat. Aber stimmen diese Befunde?

Das Wort Glaube kommt vom althochdeutschen ‘ga-loubjan’ und bedeutete einst soviel wie “vertrauen”. Sprachlich gesehen ist Glaube damit eng verwandt mit „Lob“. Noch heute werden Preise, Wettbewerbe, Stellen ausgelobt. Man vermutet, dass die Begriffskaskade, die zum Ausdruck “Glaube” geführt hat, im Wort für Laub entspringt und in der Frühzeit der indoeuropäischen Sprachen bedeutete, das Vieh mit Laubbüscheln anzulocken. Glaube wäre demnach jene Zutraulichkeit, die gefüttertes Vieh entwickelt. Beziehungsweise der Vorgang, diese Zutraulichkeit zu erwecken. Glaube ist damit ein Kommunikationsvorgang zwischen ungleichen Partnern.

Noch weiter gehen die Erkenntnisse über die physiologischen Grundlagen des Glaubens, präziser: Des Glaubenkönnes und des Glaubenwollens. Lange Zeit wunderten sich Ärzte, warum soviele Nonnen und Mönche an Schläfenlappenepilepsie erkrankten. Kam das vom Beten? Die Korrelation von Erleuchtung und Epilepsie war nicht erklärbar. Bis sich bei der Gehirnuntersuchung eines religiös unauffälligen Patienten ein seltsamer Effekt manifestierte. Wurde die Schläfenlappenregion des Patienten mit einer Sonde elektrisch stimuliert, berichtete dieser über tiefe Gefühle des Einseins mit Zeit und Raum, von Gottesnähe und hellem Licht. Das erinnerte an die Verzückungen, mit denen spirituell Erleuchtete von ihrer Begegnung mit dem “Höheren Wesen” berichteten. War nicht auch Paulus, der Chefideologe des frühen Christentums, Epileptiker gewesen? Ist “Erleuchtung” somit ein irreguläres neurologisches Feuerwerk im Schläfenlappen? Waren Buddha, Moses, Johannes, Jesus, Jean d’Arc Opfer von schrägen Vorgängen in den seitlichen Hirnregionen? Und ist der Glaube an den Markt nicht auch ein spiritueller Vorgang?

Ja sagt der US-Genetiker Dean Hamer. Er hat ein Gen namens ‚Vmat2‘ isoliert, das direkt für die spirituelle Empfänglichkeit verantwortlich sein soll. Träger dieses Proteins sollen für Erlebnisse zugänglich sein, die sie als mystische Erleuchtung erfahren. Ist Vmat2 die Stimme Gottes?

Warum aber blieb uns die Gabe der spirituelle Entrückung erhalten? Die Fähigkeit, zu Glauben, so Genetiker Hamer, hätte für unsere steinzeitlichen Vorfahren einen evolutionären Vorteil gehabt, und sei deswegen bis heute vererbt worden. Der biologische Mechanismus ist einfach: Spirituelle Menschen neigen zu grösserem Lebensglück und setzten mehr Kinder in die Welt als ihre atheistischen Brüder und Schwestern. Es wäre zu untersuchen, ob marktgläubige Aufsichtsräte und Manager in religiös konstituierten politischen Bewegungen mehr Nachwuchs in die Welt setzen als marktpessimistische Arbeiterkinder in solidarisch-säkularen Ideengemeinschaften. Die Alltagsempirie spricht für einen schlichten Befund: Wem es besser geht, kann das an seinen Nachwuchs vererben.

Zurück zum Glauben. Er hat (vorrangig) die protestantische Welt mit einer spirituellen Dimension ausgestattet, die da lautet: Wen Gott liebt (und wer Gott liebt), den stattet der Weltenherrscher mit Erfolg aus. Erfolg im materiellen Sinne. Erfolg, der sich in Kapital und Freiheit ausdrückt. Das British Empire, die Kompanien der Niederländer und die neuen Kolonien in Nordamerika haben diese Ideologie weltweit als hegemoniale Pantasie etabliert. Ein rezentes Beispiel gefällig? Trumps Erfolg bei religiösen Rechten ist Erbe der beschriebenen ideengeschichtlichen Mechanismen. Ein Milliardär kann nach bibeltreuer Ansicht nur gottgewollt reich sein. Der Umkehrschluss ist bitter wirksam. Armut ist in kapitalistisch-religiöser Sicht Ausdruck von Gottesferne, ja Strafe duch den „Allmächtigen“. Auch hier ist das so, wengleich der Katholizismus komplexere Erklärmodelle zur Verfügung stellt.

Zeit, die Welt, auch die unsrige hier, auf säkulare Beine zu stellen. Armut ist nicht gottgewollt, sondern reichengewollt.

Workingman’s Death

Für meine Kolumne „Comandantina auf dem Kontrastblog.

In seinem preisgekrönten Dokumentarfilm „Workingman’s Death“ (2005) ging der österreichische Regisseur Michael Glawogger auf die Suche nach den letzten echten Arbeitern. Seine Haltung war von Respekt getragen, von Anerkennung, ja Liebe zu den von ihm Porträtierten, Glawogger lag das leichtfertig-distanzierte fern. Dokumentarischer Zynismus oder Sozialpornographie waren seine Sache nicht.

Die Bilder, die Glawogger in seinem Film zeigte, waren atemberaubend. Gefährlich. Verstörend. Unglaublich. Es waren Bilder der Schwerstarbeit, an diversen Orten rund um den Globus eingefangen. Exemplarisch sei an eine Sequenz erinnert, die selbst nur unter Lebensgefahr und körperlicher Extrembelastung gedreht werden konnte.

Drei Kumpels mit schwarzen, verschwitzten Gesichtern, Grubenlampen auf den Helmen, schieben sich irgendwo in der östlichen Ukraine in einen horizontalen Felsspalt, der gerade einmal so hoch ist, wie ihre Schultern breit sind. Mit ruhigen, gezielten Schlägen hauen sie tiefschwarze Steinkohle aus dem lebensgefährlich engen Flöz. Die Männer sind entlassene und in die Hoffnungslosigkeit gedrängte Bergleute, die in aufgelassenen Lagerstätten nach Kohle für den Eigenbefarf schürfen. Ihre Armut und die ihrer Familien zwingt sie dazu. Ein verrohter, von der Kapital-Oligarchie zersetzter Staat hat diese Menschen fallengelassen.

Auch eine andere Sequenz geht an die Grenzen menschlichen Daseinskampfes: An einem schmutzigen Sandstrand klettern Vermummte mit dicken Schutzbrillen das haushohe Wrack eines rostigen Öltankers hoch. Mit primitiven Schweißbrennern zerschneiden sie die armdicken Stahlplatten des riesenhaften Schiffsleibes vom Oberdeck bis zum Kiel und zerlegen den Tanker in Stücke von der Größe ganzer Häuserblocks. Kaum ist eines dieser gigantischen Rippenstücke ins flache Wasser gestürzt, wird es von einem anderen Team bestiegen, das es in kleinere und diese in noch kleinere Stücke zerschneidet, bis am Ende tischplattengroße, scharfkantige Eisenstücke, von nackten Händen getragen, auf riesige Stapel gelegt werden. Moderne Sklaven. Postmoderner Irrsinn.

Die beiden Szenen sind exemplarisch für Michael Glawoggers gewaltigen Film „Workingman’s Death“. Körperliche Schwerstarbeit ist unsichtbar geworden in unserer globalisierten Welt der Maschinen, Fabriken und Konzerne. Und mit der körperlichen Schwerstarbeit scheinen auch Arbeiter und Arbeiterinnen – in totalitären Regimen noch zu Helden stilisiert – verschwunden zu sein. Arbeiterinnen und Arbeiter werden längst nicht mehr in Hymnen bejubelt – sondern überhaupt nicht mehr. Arbeit hat den Makel des Schmutzigen, Erfolglosen bekommen. Wieder bekommen.

Glawogger stellte sich bei der Genese seines Streifens die Frage: Ist der Arbeiter tot, sein Ruhm verblasst, ersetzt durch die billige Kraft der Maschine? Sein Film antwortete in Bildern, die so eindrücklich sind wie brutal. Es gab (und gibt) ihn noch, den Arbeiter, schrien diese Szenen von der Leinwand, oft jedoch illegal und unterbezahlt, von keiner Gewerkschaft vertreten, von keinem Arbeitsgesetz beschützt. Weil es noch immer Regionen gibt, in denen Menschen schwere Arbeit billiger erledigen als Maschinen: Menschen, die in einem Vulkanschlot auf Java Schwefel brechen, in Nigeria Rinder zerlegen, in Pakistan Schiffe zerschneiden oder in aufgelassenen ukrainischen Flözen nach Heizgut für den Winter schürfen.

Diese Welt schien 2005 und scheint heute so weit weg. Und doch gibt es Kräfte, die an diesen Bildern nichts auszusetzen hätten. Politische Kräfte in österreichischen Parteien, die das Bild des geknechteten, rechtlosen Arbeiters nicht stören würde. Leistung will erschwitzt werden, sagen diese Kräfte. Wer kein Kapital hat, muss schuften.

Wie eine Welt aussieht, die sich die Rechten in unserem Land zurückwünschen, seien sie schwarz, türkis oder blau tingiert, kann man in Glawoggers Film sehen. Man sollte sie nur mehr dort sehen dürfen.

Hitze in der Stadt

Essay für ‚Der Standard – ALBUM‘ vom 12.8.2017

Die Straßen kochen, der Asphalt wird munter und beginnt zu fließen. Schlägt klebrige Wellen, wie das Meer, wenn es auf böse Gedanken kommt. Ein stählernes Firmament trägt den giftigen Tagesstern. Zieht ihn grausam langsam über unsere glühenden Scheitel. In ungekannter Rohheit brennt der wütende Ball aschfahle Narben in die Erdenhaut. Im Schatten liegt die Luft, sie ist zu heiß und zu müde, um zu stehen.

Die Grillen, lange schon zogen sie aus dem kühlen Süden zu uns, sie zirpen nicht mehr. Die Grillen sind tot. Tot wie das Gras, tot wie der Hunger (nicht aber der Durst), tot wie die Leidenschaft (mit Ausnahme des Zorns). Wenn die Nacht über die Stadt fällt, wie eine Decke aus Lügen, funkeln ein paar entfernte Sonnen und ein traurigheller Mond. Dann strahlen die Mauern und der Asphalt ihr Tagesleid als Hitze in die Nacht zurück.

Wenn der Sommer (er beginnt neuerdings im April) das Land überfällt, dann wird die Stadt ein böser Drache, voll Pesthauch und zündelndem Fieber. Der Echse Schuppen sind glühende Schollen, an denen wir kleben bleiben wie dumme Mücken an heißem Honig.

Wenn der Sommer die Stadt heimsucht, schickt uns die Wüste statt Erfahrung nur Hohn: Heißen, tödlichen Wind.

Die Botschaft ist in Schmerz geschrieben und sie ist kurz: Die Hitze und der Sand komme über Euch. Die Oasen und die Kühle der Nacht und die Geschichten aus tausendundeiner Idee aber behalten wir.

Offene Stadt? Ofen Stadt

Jenseits aller Gesellschaftssysteme, individueller Lebensverhältnisse und persönlicher Verfasstheiten verbindet uns eine Konstante voller Inkonsistenz. Das Wetter. Es ist so umittelbar wie allumfassend, so wirkmächtig wie unbeherrschbar, es durchdringt unsere Existenz, es ist um uns. Immer. Dieser Befund schlägt sich neben Baukultur und Bekleidungstechnik auch und besonders in unseren Gesprächen nieder. Mit der Entfernung voneinander steigt unser Bedürfnis danach, das Wetter zu thematisieren. Das kann bei transkontinentalen Abständen jegliches andere Informationsinteresse überstrahlen. „Wie ist das Wetter bei Euch“ ersetzt dann schon jedes „Wie geht es Dir?“ Das Wetter bestimmt unser Sein. Das Bewußtsein ist dem nur nachgeschaltet.
In früheren Zeiten haben die Bewohner unsere Breitengrade, sobald sie fermündlich oder depeschengestützt mit Verwandten, Bekannten und Freunden in meteorologisch anders disponierten Gegenden verkehrten, zur Sommerzeit nur einen Zustandsbericht präsentiert: „Wir haben prachtvolles Wetter“. Prachtvolles Wetter. Schönes Wetter. Sommerwetter. Badewetter. Vergangene Zeiten transportierten vielleicht auch den sommerlichen Temperaturbefund „warm“. Oder: „Schön warm“. Nur eine Befindlichkeit kannten unsere Gespräche über das Wetter nicht: „Es ist heiß.“ Heiß war es hierzulande nicht. Niemals. Heiß war es in Afrika, in Indien, in der Wüste (und vielleicht in der Sauna). Das hat sich geändert. Warm ist es jetzt sommers in Island und in Alaska. Warm ist es in Grönland und Spitzbergen. Hier ist es heiß. Sehr heiß. Besonders heiß ist es in der Stadt. Die Gründe für die Erwärmung des Planeten sind hinreichend bekannt. Sie werden weltweit (mit der Ausnahme des Schurkenstaates Trumpistan) mit schaudernder Beachtung und der hastigen Listenerstellung von Gegenmaßnahmen beantwortet. Warum es heiß ist, wissen wir. Aber wie gehen wir damit um? Was bedeutet der Befund „es ist heiß“? Und da die meisten von uns in verdichteten Verhältnissen leben: Welche Konsequenzen hat die nachmoderne Zustandsbeschreibung „Hitze in der Stadt?“ Wenn Hitze die Frage ist, was sind unsere Antworten?

Der deutsche Philosoph und Transzendentalbeletristiker Odo Marquart hat 1978 in einem vielzitierten Vortrag an der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel zu einem (scheinbar) ganz anderen Thema verblüffend Passendes zusammengestellt. Unter dem etwas spröden Titel „Der angeklagte und der entlastete Mensch in der Philosophie des 18. Jahrhunderts“ (FN1) beschäftigen Marquart die Konsequenzen, die die Theodizee, also die Frage nach der Allmacht und Verantwortung „Gottes“ im Denken der Betroffenen anrichte(te)n. Marquard findet als Remedien gegen das Unausweichliche, sprich das Ende der Gütigkeit: Kompensation und Flucht.

Kompensation durch Ignoranz

Im Versuch, Abweichendem und Unbekanntem von störendem Ausmaß zu begegnen, darf eine Generalstrategie ausgemacht werden. Das Ignorieren von Fakten. Ignoranz ist dabei nicht das Verleugnen von Feststellbarem, sondern die Unwissenheit bezüglich Festgestelltem. Kommt doch der Begriff vom lateinischen ignorare „nicht wissen“, „nicht kennen wollen“, der Negation von gnarus „einer Sache kundig“ sein.

Ignoranzkompensation ist ein allzu passiv-aggressiver Kommunikations-Vorgang. Gelernte Österreicher haben die Sätze vielfach in den Ohren, die Ignoranzkohorte spricht sie aus: „Haaß? Oiso i merk nix“, „Owa geh, friahra woa’s im Summa genau so haaß. Wann ned haaßa“. Selbst Denkkräftigere erkennen im Ungewöhnlichen vermeintlich Althergebrachtes: „Im Juli muss die Stadt glühen! Bis der Teer brodelt.“ Donald Trump darf als weltweit bekannteste Apologet dieser Bewegung genannt werden. Die intellektuell dünner besiedelten Gegenden menschlicher Erkenntnisproduktion sind fest davon überzeugt, dass übelmeinende Regierungen uns mittels Chemtrails und Handystrahlen manipulieren, dass eine Geheim-Kamarilla aus Bilderbergern, Freimaurern und ostküstenbasierten Rothschild-Angestellten unser Denken transformiert, dass Ausserirdische, Antlantoiden und Reptilienmenschen (und neuerdings die Presse) an der Macht sind und das Wetter heißlügen. Hinweise darauf, dass die Klimaerwärmung menschlichen Ursprungs ist, werden im Rahmen forengestützter Verschwörungstheorieproduktion ignoriert. Eine Begegnung mit den Fakten hieße, eine Mitverantwortung aller am Wetter anzunehmen. Das passt nicht ins Bild der Fremdbestimmung. Diese Leute schwitzen, ohne zu leiden. Weil sie auch leiden, ohne zu schwitzen. Dazu gibt es laute Musik.

Flucht in die Wut

Eine gänzlich andere Gemütskonstellation finden wir in unzufrieden Betroffenen. Ihr Leid ist so groß wie echt. Sie fächeln und hecheln, sobald der der Spätwinter unvermutet in den Hochsommer kippt und die Temperatur am 30er kratzt. Mit dem Grad der Wallungen steigt die Wut. Um gesteigerte Dosen vom kostbaren Nektar des Zorns zu kosten, fahren diese Leute leicht bekleidet und kurz beschürzt die heißen Gegenden der Stadt ab. Vorzugsweise. Fluchend, hustend, eine Tröpfchenspur aus dampfendem Transpirat hinterlassend. Vorrangig mittags sind die Wütenden unterwegs, oberirdisch, in der ungekühlten Bim, im sonnendurchfluteten Bus. Schattige Parks sind ihnen unbekannt, Gastgärten ebenfalls, dem kühlenden Nass öffentlicher Bäder (man könnte sich erkälten!) ziehen sie weite, baumlose Plätze vor. Im Flirren kochender Luft sehen sie die trügerische Fata Morgana lindernden Windes. Aus Gründen, die jenseits aller Erforschbarkeit liegen, essen die Hitzeleidenden ausschließlich Heißes. Heiße Würstel, heiße Schnitzel, heiße Laberl. Ja, heißen Salat. Dieser Stoffwechselzumutung antwortet der temperaturgeschädigte Körper mit zunehmender Schweißproduktion. Das macht Anwesende aus der Gruppe der Adaptierten zu ungefragten Beteiligten. Auch jenseits allen Verständnis für die Wunder des Irrens versteht man, dass diese Leute Vesuve der Wut sind. Sie sind auch wütend darüber, dass man sie riechen kann. Wo sich doch schon das Gesehenwerden nicht vermeiden lässt! Man würde diesen Leuten gerne helfen. Ihnen kühle Orte in der Stadt zeigen, vielleicht sogar Keller, Ihnen Hüte aufsetzen und die Schultern bedecken, ihre wutinduzierte Geschwindigkeit reduzieren. Die Fenster ihrer Autos herunterkurbeln und ihnen die Vorteile des Insults „Schattenparker“ beibringen. Indes, die Wutschwitzer sind unbelehrbar.

Nur vor dem Tiefkühlregal im Supermarkt erlangen sie etwas wie Würde. Wenn sie bei offener Türe verträumt Eishauch aufatmen, minutenlang die schockgefrorene Schelfeisscholle anstarren oder die bitterkalten Broccolibröckerl. Dann schenkt das Schicksal den Wutgewallten ein bisschen vom Glück. Bis ein anderer Schwitzer herantaumelt und auch drankommen will.

Kompensation durch Kompensation

Die Hitzewellen der letzten Sommer haben die Zimmerwetterindustrie zu einer Wachstumsbranche aufgeblasen. Goldgräberstimmung machte sich unter den Generalimporteuren von Klimageräten breit, ihre Zielklientel war in kühleren Zeiten an den Zinken einer Gabel abzählbar gewesen. Mit dem Einsetzen tropischer Wetterlagen in heimischen Breiten ist der Bedarf nach mechanisch-chemischen Linderungshilfen sprunghaft angestiegen. Klimaanlagen sind der große Renner. Es gibt sie in allen Preisklassen, vom Taschenventilator bis zur Bezirkskühlanlage.
Die weniger Talentierten unter den Kompensationslogistikern fahren auf der Suche nach der maschineller Raumkühlung nicht weiter als in den nächsten Baumarkt. Dort decken sie sich mit Billiggeräten aus Weltgegenden mit asiatischen Zungenschlägen ein. Die Gebrauchsanweisungen sind in der Regel in koreanisch, kambodschanisch und vietnamesisch verfasst und gibt es eine deutschsprachige Seite mit Bedienungsvorschriften, hält diese oft nur einen Hinweis bereit: Gerät nicht falsch bedienen!

Die Apparate aus schneeweißem Kunststoff verprechen polaren Kunstwind aus Plastikpropellern oder arktische Luft aus fahrbaren Kisten. Die Ventilatoren und Klimakanister sind mit den neuesten Errungenschaften auf dem Gebiet der geplante Obsoleszenz ausgestattet, ansonsten aber schändlich zusammengeschusterte Drittweltprodukte mit Technologie aus der Pferdekutschenzeit. Bastelarbeiten aus der Volkschule haben mehr technischen Pfiff. Immerhin geben die Maschinchen einmal weniger den Geist auf, als sie nachgekauft werden.

Kapitalkräftigere mit Beraterstab greifen tief in die Investitionskiste und bauen die eigene Wohnung zur hermetischen Klimaoase um. Die Hotelindustrie hitzeerprobter Feriendestinationen hat hier wertvolle Vorarbeit geleistet. Auch die billigsten Kaschemmen in den übelbeleumundeten Tourismus-Gegenden blasen Kaltluft in die Gästezimmer wie einst nur Kashoggi in sein innerstes Gemach. Immerhin: Bei geschlossenen Fenstern können keine Gelsen aus dem Malariatümpel neben dem Ressort eindringen.

Dass beim Runterkühlen heimischer, sprich schlechtisolierter Altbauwohnungen großes Geld verbrannt wird, stört die Betroffenen nicht. Reiche schwitzen nicht. Geld hat man. Eine Klimaanlage ist ein Statussymbol geworden wie es früher ein Farbfernseher war oder später ein funktierendes WLAN. In Kreise mit Klimaregelung heiratet man ein. Transpiration ist was für Arme. Blöde. Arme und Blöde wissen auch nicht, was eine Eiswürfelmaschine ist. Sie trinken ihre Aperol-Spritz’ und ihre Mojitos lauwarm, heiß. Barbaren!

Die Hitzebewältigung durch Kompensation hält aber auch Gefahren und Rückschlägiges bereit. Dem vorfrühlingshaften Februarhauch, der neuerdings in Supermärkten und die Filialen von Billigkleiderketten Einzug gehalten hat, dem Verdunstungsnebel teurer Innenstadt-Schanigärten antwortet die menschliche Natur auf beiden Schenkel der Einkommensschere mit der Juligrippe und dem Augustinfekt. Man erzählt Geschichten von Hitzegeplagten, die ihre Bürotermine im Supermarkt ums Eck wahrnehmen und von Eiskantinengästen, die stundenlang am selben Mineralwasserglas lutschen. In die Hitze der Stadt zurück treibt die Unglücklichen nur die jeweilige Sperrstunde.

Kompensiert wird des Sommers Hitzeglocke von Kundigen mit Schatulle durch ein Leben am Wasser. Zum aquatischen Abkühlungskreis zählen sich auch die Besitzer privater Badeanlagen. Badenass ohne Zuschauer gibt es für jede Westentasche, vom familieneigenen Gegenstrombecken mit Sprungturm über den gekachelten Brackwasserteich bis zum Swimmingpool des kleinen Mannes (der trinkwassergefüllten Regentonne) und dem Jacuzzi des sehr kleinen Mannes (dem eiswürfelgegekühlten Fußbadschaffel). Zeigefreudige Kompensatoren verlegen ihre Existenzen in die großen Bäder der Stadt. Profis besitzen Kabanen in einem der Strombäder, oder illegale Datschas an entlegenen Ziegelteichen. Halbprofis kennen die schattigen Plätze in den Bädern und die Zeiten, zu denen Handtuchreservierungen vorgenommen werden müssen. Die Amateure unter den Pritschlern wissen wenigstens, wo die Bäder zu finden sind und wie sie heißen. Verwegene aus der Schicksalsgemeinschaft der Sommeralkoholiker steigen nächtens in die Freibäder ein oder tauchen die Brunnen der Stadt ab. Ein Vorteil darf notiert werden: Sonnenstich holt man sich dabei nicht.
Verückte Strategien überdauern kaum den Sommer, in dem sie ersonnen wurden. Mitglieder einer Facebook-Selbsthilfegruppe berichten von Ganzkörperwickeln mit nassen Tüchern, der Verdunkelung der Wohnung mit Alufolie oder dem Schlafen in der eiswürfelgefüllten Badewanne.

Flucht in bessere Gegenden

Auch unsere Großeltern und Urgroßeltern kannten (so sie begütert waren, oder Begüterten zur Diensten standen) die Kompensation der sommerlichen Hitze. Sie fuhren schon bei Temperaturen, die wir heute als milde bezeichnen würden, in die Berge. Ans Meer. Aufs väterliche Gut. Dort sassen sie bei ewigem Frühstück, kühlenden Salaten aus heute unbekanntem Gemüse und nippten den Schmelz vom Zitronensorbet. Dass dieser Luxus mit dem Leid schwitzender Untertanen erkauft wurde, liess man unter den Tisch fallen. Wo es die Kommunisten und Sozialisten behände aufklaubten.

Die Hitzeflüchtenden heutiger Tage haben sich in leerstehende Waldvierteldörfer eingekauft, betreiben dort kühlende Selbstschau und schreiben moralsierende Geellschaftsromane. Man ersetze das Waldviertel durch Landtriche jenseits des Polarkreises und über der Baumgrenze. Dort finde man Ruhe unter seines- und ihresgleichen. Hitzemigranten mit Stil und Portfolio.

Kompensation durch Adaption

Der Hipster und die Hipsterin sind weit gereist. Sie haben sich im Bergheim und in Goa die Gehirnrinde glattgetanzt, sie haben Wüsten durch- und die Abbey-Road überquert. Sie waren in Brooklyn und Shanhgai, in Odessa und in Aix. Sie haben in ägyptsichen Grabkammern geschlafen, in Harry’s Bar und am Dach der Welt. Sie waren in den Playas del Este schwimmen, im Stadionbad und im baltischen Meer. Sie sind den Stromboli hinaufgekraxelt, den Cotopaxi und die Trisselwand. Der Temperaturen Ungemach ist ihr Revier. Hitze lässt sie kalt. Diesen Leuten ist nichts fremd. Sie quälen uns mit dem Grad ihrer Unbeeindruckbarkeit. Wenn wir selber zu diesen Leuten gehören, zu den Adaptierten, den Unzerstörbaren, dann quält unser Habitus die weniger Adaptierten, die Zerstörbaren, die Normalfühligen, die Hitzeopfer. Man darf eine Empfehlung aussprechen. Haben wir Verständnis für die Leidenden, finanzieren wir ihre Sonnenschirmwälder, ihre Verdunstungsanlagen, ihre arktisch temperierten Appartments. Auch die Hitzewut und den Sonnenstich wollen wir nicht länger ins Lager der Trotteleien verbannen. Sie sind wertvolle Indikatoren im Ringen um eine neue Verständniskultur. Bessere jedenfalls als appbasierte Digitalthermometer und die Wetterdurchsagen der Verlautbarungskanäle.

Den Geflohenen wollen wir zurufen: Wir verstehen Euch! Kommt im Winter wieder, wenn das Mailüfterl weht und der Jännerweizen wogt. Auch die Nordmannpinie macht einen schönen Weihnachtsbaum. Und was wir uns in der dunklen Jahreszeit an Heizkosten sparen, bleibt uns für die Eiswürfelproduktion im Sommer. Es ist eine gute Zeit, die Wüstenzeit. Auch in der Stadt. Sie muss flirren! Sie muss heiß sein wie sizilianischer Espresso.

_________________________________
FN 1: Marquard, Odo: Der angeklagte und der entlastete Mensch in der Philosophie des 18. Jahrhunderts, in: ders., Abschied vom Prinzipiellen, Reclams Universalbibliothek Nr. 7724, Stuttgart 1981, S. 39-66.

Antworten auf vier Fragen

Fragen und Antworten erscheinen im Abschlussmagazin des Lehrgangs Journalismus der Wiener Bildungsakademie. 

Was gibst du angehenden JournalistInnen mit auf den Weg?

„Auf den Weg geben“ hieße, irgendwo an der Seite stehenzubleiben und in besserwissender Attitüde gute Ratschläge nachzuwerfen. Das ist mir schon deswegen unmöglich, weil ich ja selbst weitergehe. Was wir aber alle tun können, ist aus Erfahrungen produktive Erkenntnis zu gewinnen. Aus eigenen wie aus fremden. Diese Erfahrungen sind allgemein zugänglich. Wir können sie als Texte lesen (und hören). Die Fehler, die wir und andere ständig begehen, sind dabei erkenntnisproduktiv oft wertvoller, als die gelungenen Hervorbringungen.

Was sind die größten Herausforderungen für JournalistInnen derzeit?

Den galoppierenden Zweifeln der Öffentlichkeit an der Unverzichtbarkeit journalistischer Arbeit zu begegnen. Die Fackel der Aufklärung am Leuchten zu halten, und in Zeiten von Lug und Betrug, von Fake und News Wahrhaftigkeit und Besonnenheit walten zu lassen. Das Bewusstsein über Machtverhältnisse zu teilen.

Wie wird Journalismus in 20 Jahren aussehen?

„Anders“, wäre die leichteste Antwort. „Ähnlich wie heute“ die zweitleichteste. „Keine Ahnung“ käme meinen Prognosefähigkeiten am nächsten. Journalismus spiegelt die Machtverhältnisse. Soviel kann gesagt werden.

Ein Wort (!) zur Wiener Medienlandschaft.

Oida.


Mag. art. Dr. phil Andrea Maria Dusl, 55, ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie publizierte in fast allen Zeitungen und Magazinen des Landes. Sie lehrt Textkompetenz an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien und schreibt seit vielen Jahren wöchentliche Kolumnen für Falter und Salzburger Nachrichten. 

Fragen und Antworten erscheinen im Abschlussmagazin des Lehrgangs Journalismus der Wiener Bildungsakademie. 
Andrea Maria Dusl, 12. Juni, 2017

Schmetterlinge, Schmauch, Sofa

Vorwort zu meinem nächsten Buch: „Wien wirklich“, (Metroverlag, Herbst 2017):

Im Dezember 1971 fasste der Weltgeist prägende Bestandteile meines Daseins in gleichzeitig Geschehendem zusammen. Keinen der Akteure habe ich jemals persönlich kennengelernt. Und auch der Ort der Handlungen will noch von mir erforscht werden: Montreux am Schweizer Lac Leman. Dort spielte ein gewisser Ritchie Blackmore, nervöser Gitarrist der englischen Rockgruppe Deep Purple, das Riff zur Hymne des Jahrhunderts ein: „Smoke on the Water“. Mit dem Rolling Stones Mobile Truck, einem fahrbaren Aufnahmestudio – im legendären Kleintheater „Pavillon“. Der Rest des Albums wurde in den Gängen und Treppenhäusern des leerstehenden Montreux Grand Hotels aufgenommen. Hinter Matratzenwänden, in der hallenden Leere vergangener Glorie. Die beiden Locations dienten als Ausweichquartiere, nachdem das ursprünglich für die Schallplatten-Aufnahmen angemietete Casino Montreux während eines Frank-Zappa-Konzerts von der Leuchtpistole eines Schweizer Fans abgefackelt worden war. Der Arbeitstitel für die epochale Tonfolge war „Title nº1“, nach anderen Quellen schlicht „Drrr Drrr Drrr“. Die Inspiration der einzigen Melodiefolge, die selbst Unbegabte auf einer Gitarre zu intonieren sich erlauben, will Ritchie Blackmore dem Anfangsmotiv von Beethovens 5ter extrahiert haben. Der Text des Songs bezieht sich auf den erwähnten Brand des Casinos am 4. Dezember 1971. Den Titel „Smoke on the Water“ soll Deep-Purple-Bassist Roger Glover ein paar Tage später im Traum erfahren haben.

Die akustischen und optischen Echos der geschilderten Vorkommnisse wurden von dritter Seite mit kritischem Unbehagen wahrgenommen. Auf der Terrasse seiner Suite im Montreux Palace Hotel stand der große Petersburger Vladimir Nabokov. Was er hörte, gefiel ihm nicht. Laute Rockmusik anglosächsischer Proletarier (Nabokov hielt den Lärm für „Jazz“), von den frühen Winterwinden durch den mondänen Ort und über den See getragen. Auch was er sah, muss den scheuen Autor irritiert haben: Feuer, Rauch, Langhaarige, Panik. Chaos im Panorama der Nabokovschen Ordnung.

Es ist nicht bekannt, ob die drei erwähnten Protagonisten der geschilderten Vorkommnisse einander am Ort des Geschehens begegnet sind. Ich jedenfalls saß in der ersten Klasse des Gymnasiums in der Wiener Wasagasse und träumte den vergangenen Sommer nach. Fern der Geschehnisse in Montreux war ich diesen doch ganz nah. Und mehr noch ihrem Personal: Dem aristokratischen Gestus des Schmetterlingsfängers Nabokov, der kritischen Pedanterie des Bürgerschrecks und Welt-Tschuschen Frank Zappa und der entrückten Manie des Rockproleten Ritchie Blackmore. Wie gut kannte ich deren Befindlichkeiten und Beweggründe aus meiner eigenen Familie! Dieses explosive Gemisch aus Kunst und Krach, Schreiben und Schweigen. Wie der dauerentwurzelte Nabokov war ich mit dem Botanisieren schöner Fluginsekten infiziert worden. Und mit dem Aufschreiben von Erfundenem. Wie Franz Zappa suchte ich die Dämonen der Bürgerlichkeit mit satirischer Anarchie zu bekämpfen, wie Ritchie Blackmore verlor ich mich im Handwerk des Gitarrespielens und in den Arabesken der Melancholie.

Der vorliegende Band handelt von Gleichzeitigkeiten und will nicht mehr sein als eine Botanisiertrommel, in der ich schillernde Schmetterlinge gesammelt habe und auch den einen oder anderen Käfer. Wiener Schmetterlinge und Wiener Käfer. Vieles in der Wiese Wien will noch gefunden werden und auch die Frage nach der Legitimität des Botanisierens darf gestellt werden. Hier kann Frank Zappa antworten, dessen Musik das Schreiben dieser Sammlung begleitet hat: „You are what you is.“

Oder genauer:

„Ich bin der Himmel
Ich bin das Wasser
Ich bin der Dreck unter deinen Walzen
Ich bin dein geheimer Schmutz
Und verlorenes Metallgeld
(Metallgeld)
unter deiner Ritze
Ich bin in deinen Ritzen und Schlitzen
Ich bin Wolken
Ich bin die Stick[erei]
Ich bin der Autor aller Felgen
Und Damast-Paspeln
Ich bin der Chrome-Dinette
Ich bin der Chrome-Dinette
Ich bin Eier aller Arten
Ich bin alle Tage und Nächte
Ich bin alle Tage und Nächte
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!“

Frank Zappa & The Mothers
The Sofa Suite (Live at Montreux Casino, 4th December 1971)

Der Geschaftlhuber

Kleiner Teaser aus meinem nächsten Buch. Enjoy:

„(…) Der Geschaftlhuber ist keine Erfindung Wiens, denn die Stadt zwischen Leopoldsberg und Lobau kreißt nur wenige Gschaftlhuber aus eigenem Steiß, aber im Möglichmachen sind der Ort und sein Personal groß: Im Roden gschaftlhuberischer Wirkungsflächen, in der Bestellung talentloser Talente und kopfloser Köpfe. Im Applanieren ihrer Hinterlassenschaften, und schließlich im Verklären der Unklarheiten, die gschaftlhuberisches Tunhinterlässt. Die Stadt ist ein titanisches Museum der Gschaftlhuberei, ein großes Silicon Valley der Unbrauchbarkeit, ein Ideenlager böser Dummheiten und dummer Bosheiten. Wie ein Magnet zieht Wien krumme Nägel aus der Provinz. Seit Marc Aurels Zeiten.

Wir dürfen die Ausdrucksmöglichkeiten und Befindlichkeiten zusammenfassen:

Im Wirken des Gschaftlhubers verbindet sich falsche Erotik mit vermeintlicher Strahlkraft. In Verkennung von Ursache und Wirkung vermeint der Gschaftlhuber, für alle Menschen (man lese: Wiener) zu arbeiten, die Lust an seinem Tun haben. Unbestellt aber unabstellbar. Der Gschafthuber kümmert sich um alles, auch um Dinge die ihn nichts angehen, besonders jedoch um solche, von denen er nichts versteht.

Die Gschaftlhuberei erstreckt sich sternförmig auf alle Möglichkeiten gesellschaftlichen Wirkens. Kein Genre wird ausgespart, keine Kunstrichtung, keine Profession nicht mit überschiessendem Dilettantismus bespielt.

Gemeinhin arbeitet der Gschaftlhuber als Soloartist mit eigenem Vortrag. Handwerklich ist er dem Hochstapler und dem Heiratsschwindler verwandt, intentional rührt er an den Macher, spirituell an den Schwindler. Elemente der Verführung paaren sich mit komödiantischer Selbstinszenierung. Der Gschaftlhuber liebt nicht, er will geliebt werden. Beides, Furcht und Wunsch hält er geheim. In diesem Dilemma gart Hoffnung auf ein besseres Leben. Dem steht nur einer entgegen: Der Gschaftlhuber selbst.“

Kasperl und Pezi

Kasperl und Pezi sind zentrale Figuren im Pandämonium Wiens. Sie sind apokalyptische Sendboten byzantinischer Dialektik, lebende Tote aus dem ständestaatlichen Gesellschaftskontinuum, Zeitzeugen einer ins Lächerliche geschmissenen, kleinbürgerlich-kleinstbürgerlich deformierten Vorzukunft. Und mit jeder Faser ihrer Puppenleiber sind die beiden Provinzler Kasperl und Pezi eines: Echte Wiener. Philosophen des Sch(m)erzes.

Andrea Maria Dusl: ‚Wien, Personal‘, Wien 2017, aus dem Manuskript.

Das Wiener Kaffeehaus

Ein Essay von Andrea Maria Dusl

Für die WELT am SONNTAG; geschrieben am 28.7.2016

-> Wiener Kaffeehäuser sind mythische Orte – in: Welt Am Sonntag vom 8.1.2017, S. 52/53.

©Andrea Maria Dusl - Wien - Café Sperl comandantina.com
Café Sperl, Wien.

Das Kaffeehaus ist der Minotaurus im Labyrinth Wien, jenem Irrgarten, in dem sich alle auskennen. Als Ariadnefaden dient der Diskurs, der hier gepflogen wird. Sei er selbstreferentiell oder dialogisch.

Viel Unsinn ist über diesen wienmythischen Ort geschrieben worden. Das meiste von Einheimischen, der Rest von unterinformierten Adoranten aus dem befreundeten Ausland. Effekt dieser Publikationsflut ist ein grundsätzliches Missverständnis Uneingeweihter über Funktion und Bestimmung des Wiener Kaffeehauses.

In Zirkulation befinden sich Deutungen, die dem Wiener Kaffehaus uneingelöste gastronomische Kompetenzen zusprechen – von der Eleganz und dem Charme der Oberkellner ist die Rede, von der fabulösen Mehlspeistradition, und der unnachahmlichen Qualität des hier gesiedeten Kaffees. Unsinn.

Wegen des Kaffees jedenfalls ging oder geht niemand mit ernsten Absichten und einigermassen Erfahrung in ein Wiener Kaffeehaus. Der Bohnenseich ist im besten Fall trinkbar, meist ärgerlich bitter, schal und nicht selten schlicht ungenießbar.

Warum also geht man in Wien in ein Kaffeehaus? Warum bleibt ein Wienbesuch leer und ereignislos, ohne den Besuch einer solchen gastronomischen Einrichtung? Die Frage ist so berechtigt, wie unbeantwortet. Im Triestiner Caffè degli Specchi gibt es den besseren Kaffee, das venezianische Caffè Florian hat die bessere Adresse (und das elegantere Ambiente), das New York kávéház in Budapest beeindruckt mit grösserem Prunk und in den Pariser Cafés Les Deux Magots und de Flore wird mehr und höherstehend philosophiert, geschrieben und debattiert. Was also macht das Wiener Kaffeehaus zu einer Institution von weltgeltender Einzigartigkeit?

Ins Wiener Kaffeehaus, so die lokale Sinnstiftung, ging und geht man, um sichtbar unsichtbar zu sein, ungestört zu stören, und, wie es so treffend heißt, nicht daheim zu sein und doch zu Hause. Das ist alles? Das ist alles.

Das Wiener Kaffeehaus, eine orientalische Idee, 1685 vom Armenier Owanes Astouatzatur vulgo Johannes Diodato erstmals eingerichtet, ist eine Akademie der Dialektik. Die Verhältnisse an diesem real-irrelen Ort können auch überschiessen und statt ins Paradies direkt in den Untergang führen. Das Wiener Kaffeehaus, so dürfen wir ein Zitat Winston Churchills abwandeln, produziert mehr Geschichte, als es lokal konsumieren kann.

Gehen wir näher ran. Dort wo der Schmerz sitzt. Wiens Öffentlichkeit ist spärlich entwickelt. Es gibt eine Presse, aber sie hat nur lokale Bedeutung. Es gibt eine Intelligenzija, aber sie meldet sich kaum zu Wort. Die Menschen in der Metropole der Depression haben nie Gelegenheit ergriffen, eine heterogene zivile Gesellschaft aufzubauen, geschweige denn, ein Sensorium dafür zu entwickeln, was Öffentlichkeit bedeutet, bedeuten kann und in letzter Konsequenz: bedeuten soll. Es wundert also nicht, dass sich in der Versuchsstation des Weltuntergangs stattdessen eine Kultur der Halböffentlichkeit entwickelt hat.

Die einzige brauchbare Begegnungsstätte dieses verborgenen Austauschs, eine Agora aphana, war und ist das Kaffeehaus. Es ist die einzige funktionierende Aufklärungsmaschine des Landes. Im Kaffeehaus wurden und werden Nachrichten gedealt, Revolutionen geplant, Symphonien geschrieben. Im wörtlichen, nicht im metaphorischen Sinn.

Eine oft erzählte Anekdote des sozialdemokratischen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky kolportiert einen Ohrenzeugenbericht seines Vaters. Als in dessen Stammlokal, dem Café Central die Nachricht von der Oktoberrevolution eintraf, sei sie von einem anwesenden Minister mit Unglauben aufgenommen worden: “No, sag, mir einmal, wer soll dort eigentlich Revolution machen, vielleicht der Herr Bronstein dort drüben?“ Lew Dawidowitsch Bronstein, schachspielender Stammgast im neogotischen Kaffeehaus in der Wiener Herrengasse, war niemand geringerer als der russische Revolutionär, spätere Außenminister und Gründer der Roten Armee: Leo Trotzki. Besagter Bronstein, die späteren Diktatoren Stalin und Hitler, der nachmalige Jugo-Marschall Tito und ein gewisser Dr. Freud sind, so die oft angestrengte Überlegung, mit einiger Wahrscheinlichkeit im Jahr 1913 gleichzeitig im Café Central gesessen und haben ihr jeweiliges Leibblatt studiert, vielleicht sogar die eine oder andere Partie Schach oder die Kaffeehauszerstreuung Karambol miteinander gespielt, jedenfalls aber Kaffee aus der selben Maschine getrunken.

Viel wurde geschrieben und berichtet vom Lieblingscafé, vom Stammcafé. Auch dieser Mythos steht auf schlechtem Fundament, denn die Wienerin und der Wiener und alle, die es ihnen gleichtun, haben für jeden Zweck ein eigenes Kaffeehaus. Für das Ungestörtsein eines, für schwierige Treffen ein anderes, ein drittes für das Rendezvous, ein weiteres für den Tortenheißhunger und ein fünftes, in dem man jederzeit ungefragt aufs Klo gehen kann.

Die Kaffeehäuser der Stadt sind Maschinerien mit vielfältigem Kharma. Manche hat der Kaffeehausgott zu früh von uns genommen (und in Autosalons und Fluglinienbüros überführt). Manche hat er bis zur Kenntlichkeit entstellt, manche hat er dem Dämon touristischer Tauglichkeit geopfert. Nicht wenige hat die Vergangenheit in den bösen Strudel der Vernichtung gezogen. Auf der Suche nach einem typischen Wiener Kaffeehaus bietet etwa der Zweite Wiener Gemeindebezirk ein trostloses Bild. Das hat Gründe und sie sind bitter. Die Mazzesinsel, vorrangiger Wohnbezirk des jüdischen Mittelstandes, wurde von den Nazis grausam entvölkert. Wo es kein Publikum für die Institiution Kaffeehaus gab, sperrten auch die arisierten Cafés bald zu.

Die Liste derer, die in einem spezifischen Kaffehaus verkehrten, war stets länger als das Verzeichnis der Abwesenden. Würde Wien bis auf alle Grundmauern verschwinden und nur ein einziges Café bleiben, man könnte die Stadt wiedererrichten aus den Geschichten, die hier erlebt wurden, aus dem Personal, das es bevölkerte, aus der Sprache, die hier gesprochen wurde.

Im Paralleluniversum Kaffeehaus wurde und wird ein Jargon gepflogen, der das Amüsement des Alltäglichen auf der Schaumkrone des Abgründigen spazierenschippert. Für Hege und Pflege dieser Sprache, die als „Kaffeehauswienerisch“ noch nicht endgültig erforscht und beschrieben ist, sorgt eine (meist kleine) Stammkundschaft, die sich in hingebungsvoller Treue um einen sogenannten “Lieblingskellner” schart. Einer dieser Protagonisten, das Original “Herr Peter”, des verlustig gegangenen Intellektuellen-Cafés Salzgries, führte allen ernstes Visitenkarten, die ihn als „Peter Ferber, Leitenden Direktor der manuellen Getränke-, Kaffee- und Lebensmittelspedition auf mikroregionaler Ebene“ auswies. Besagter ist nicht das einzige Original im Kosmos Café. Legendenhafte Verklärung wurde etwa dem Kaffeesieder-Ehepaar Hawelka zuteil, das im gleichnamigen Künstlercafé die Polarität von Oberkellner-Depression und Kuchenküchen-Manie zelebrierte. Ein Besipiel anderer Dimension manifestierte sich in “Herrn Robert”, der drei Jahrzehnte hindurch im ehrwürdigen Politiker-Café Landtmann amtierte. An seinem letzten Arbeitstag ehrte ihn zahlreich erschienene Prominenz. Wiens Bürgermeister Michael Häupl servierte dem Scheidenden, der ihn so oft bedient hatte, einen kleinen Braunen und überreichte ihm die populärste Auszeichnung der Stadt, den “Goldenen Rathausmann”. Für den „berühmtesten, diskretesten und zuvorkommendsten Kellner Wiens“.

Zuvorkommend muß nicht freundlich heißen. Ist doch die zentrale Befindlichkeit eines Wiener Kaffehauskellners (Arbeitskleidung: schwarzer Smoking, weisses Hemd, schwarze Fliege) der “Grant”. Touristen und Stadtnovizen haben bei Identifizierung und Einordnung dieser spezifisch Wienerischen Befindlichkeit schlechte Karten, sind sie doch durch die gastronomischen Usancen in angloamerikanisch empathisierten Gegenden verweichlicht und empfinden Groll und Unsicherheit gegen jene wortkarge Befindlichkeit, die unter der wienerischesten aller Wiener Gefühlswetterlagen summiert werden.

Auf der Suche nach dieser Seelenregung werden wir bei bei Thomas Bernhard fündig, der diese überaus Wienerische Laune wie eine Exoprothese einzusetzen wusste. In anderen Gegenden als der Bitterwelt Bernhards wäre der “Grant” eine Sünde wider das Miteinander, im Wien der Ichleidenden ist er nicht die Krankheit, sondern sein Remedium. Wer in Wien grantelt (und nur hier lässt es sich granteln), der ist schon auf die sichere Seite therapeutischer Sinnstiftung gekrochen. Der Grant ist tiefgefühlter Ausdruck ehrlichen Ringens um Güte. Man hüte sich, befinde man sich in Wien, vor der Lüge der Freundlichkeit.

Eine beliebte Herkunftshypothese will den Grant, die Miene gewordene Unzufriedenheit, in den Gesichtern der neuzeitlichen spanischen Granden ausmachen, die Wien im Zuge der habsburgischen Imperialexpansion aufsuchten. Nach dieser Erklärversion hätten die Wiener die blasierten und übelgelaunten iberischen Aristokraten als grandig, grantig wahrgenommen und die höfische Bezeichnung für die Hohen Herren flugs zur Vokabel für hiesiges Stimmungsklima gemünzt. Etwas wahrscheinlicher ist eine Wortherkunft vom althochdeutschen “grintan”, mit den Zähnen knirschen. Mit größerer Sicherheit kommt der Grant aber vom oberdeutschen “grennen”, weinen. Hier schliesst unser heute noch verwendetes Greinen an, das lautmalerisch dem Weinen ähnelt, und das leise in sich Hineinflennen meint, ursprünglich aber wohl – wie das verwandte Grinsen –  jegliche Form des Mundverziehens bezeichnete. Wir fassen die Kaffeehausgefühle zusammen: Einzig der Grant ist Glückes Garant.

Als es in den späten Neunzigern kalt geworden war in der Stadt und die politische Rechte erstmals ihre populistische Schraube angezogen hatte, leimte die Freiheitliche Partei Jörg Haiders gequirlten Unsinn an die Wände: „Wien darf nicht Chicago werden“.

Kaffeehausliteraten antworteten an der Toilettenwand des Café Salzgries: „Wien darf nicht Österreich werden.“


Die Filmemacherin und Autorin Andrea Maria Dusl ist promovierte Kulturwissenschaftlerin. Sie lebt und arbeitet in Wien. Zuletzt erschien ihr Essayband “So geht Wien! Von Arschkappelmuster bis Zwiebelparlament” (Metroverlag, Wien, 2016; ISBN 978-3-99300-244-2).

 


Die nachfolgenden Empfehlungen sind eine subjektive Auswahl der Autorin und folgen jahrzehntelanger Expertise im Shortening von Longlists.

Café Bräunerhof

Stallburggasse 2, 1010
Mo-Fr 8-19.30, Sa 8-18.30; So, Feiertag 10-18.30
+43 1 512 3893

Thomas Bernhard saß hier, das Glück der Depression auskostend, in kritischer Nähe zu seinem lebensbestimmten Leiden: Österreich. Die Kellner gelten als die grantigsten Wiens, ihr Servierhabitus ist dennoch olympisch. Das Bräunerhof ist die ideale Mischung aus Nachrichtenbörse, Echokammer, Therapiesalon und Denkklause.

Kaffee Alt Wien

Bäckerstraße 9, 1010 Wien
täglich 10-02
+43 1 512 5222

Die Lokalität mit der düsteren Anmutung einer mittelalterlichen Kaschemme hat einen Ruf als Nachtcafé der Wiener Bohéme, den es mit großer Beharrlichkeit auch unter Tag zu verteidigen sucht, wo diese Leute gemeinhin noch schlafen. Obwohl als Kaffeehaus etabliert, trinken Stammgäste Kaffee hier nur als Akut-Weckamin. Bier und Rotwein sind die Getränke der Wahl, gart die slawischen Höhle Alt Wien doch das beste Gulasch der Stadt. Korrigiere: der Welt.

Café Landtmann

Universitätsring 4, 1010 Wien
täglich 7.30–24
+43 1 24 100-100
cafe@landtmann.at
www.landtmann.at

Das Kaffeehaus in unmittelbarer Nähe von Universität, Burgtheater und der Parteizentrale der Sozialdemokraten hat als eines der wenigen Ringstraßen-Cafés die Reise durch die Zeit mit Würde überstanden und gilt in Ausstattung und Bedienung als elegantestes Kaffeehaus Wiens. Im Landtmann werden nach Angabe der Betreiberfamilie im Durchschnitt 2,8 Pressekonferenzen pro Tag abgehalten. In der Verschwiegenheit seiner Polsterlogen werden Kabinette zusammengestellt und Regierungen gestürzt.

Café Hawelka

Dorotheergasse 6, 1010 Wien
Mo-Mi: 8-24, Do-Sa: 8-01, So und Feiertage: 10-24
+43 1 512 8230
office@hawelka.at
www.hawelka.at

Das plakatpatinierte Café in einer kleinen Seitengasse des Grabens wurde 70 Jahre lang von Kaffeehaus-Legende Leopold Hawelka und seiner böhmische Buchtel backenden Frau Leopoldine geführt. Die Fama besagt, Hawelka hätte das Café bei seinem Ableben als Hundertjähriger zum erstenmal verlassen. Das Hawelka, das sich seit 1912 in unverändertem Zustand befindet, verstand sich stets als Wohnzimmer für angehende und etablierte Künstler und ihre Bewunderer.

Café Westend

Mariahilfer Straße 128, 1070 Wien
täglich 7–02
+43 1 523 3183

Trotz (oder wegen) seiner Nähe zum Westbahnhof atmet hier alles den verblichenen Charme klassischer Wiener Kaffehaustradition. Auf den durchgesessenen Polsterbänken, den knarrenden Thonetstühlen und den marmornen Tischen hat die Zeit, nicht aber die Kaffehaus-Renovations-Mafia ihre Spuren hinterlassen. Dankbar wird das von einem egalitär zusammengesetzten Publikum aus Reisenden, Gelegenheitsspionen und Genre-Connaisseuren angenommen.

Zeit und Punkt

Essay für die Silvesterausgabe der Salzburger Nachrichten
31.12.2016, geschrieben am 12.12.2016.

Sie ist so ungreifbar wie allgegenwärtig, nichts entzieht sich ihrem Wirken, sie selbst aber vergeht unablässig. Die Zeit. Gibt es sie überhaupt? Wie können wir sie fassen? Und wenn das nicht gelingt, wie können wir ihr das entringen, was sie von uns trägt? Die Gegenwart, den Augenblick.

Die Fotografie versucht das. Sie stellt sich dem Vergehen der Zeit entgegen, indem sie den Augenblick einfängt. Dabei ist Augenblick nicht gleich Augenblick. Manche von ihnen, der Zeit entrissen, erzählen mehr als andere.
Der berühmte österreichische Fotograf Erich Lessing merkt zur Wahl des ‘richtigen fotografischen Augenblicks’ an, dieser könne nicht vorherbestimmt werden. Lessing illustriert dies mit einer Anekdote über den österreichischen Nachkriegs-Fotografen Erich Kopetzky. Wenn man diesen gefragt habe, wie er seine großartigen Bilder geschossen habe, habe er geantwortet: “Auf meinem Sucher ist ein Glöckerl montiert. Ich schau‘ durch, und wenn sich das richtige Bild ergibt, läutet das Glöckerl. Dann muß ich nur mehr auf den Auslöser drücken.”

Der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson (und Magnum-Kollege Lessings) bezeichnet in seinem 1952 erschienenen Buch ‘Images à la sauvette’ den Augenblick, in dem das ‘richtige Bild’ entsteht, ja gewissermassen überhaupt entstehen kann, als ‘l’instant décisif’ – als ‘den entscheidende Augenblick’: “Photographieren: Das ist das gleichzeitig und im Bruchteil einer Sekunde sich vollziehende Erkennen der Bedeutung eines Ereignisses und das Wahrnehmen der genauen Anordnung der Form, die diesem Ereignis den richtigen Ausdruck gibt.” “Es gäbe”, so Cartier Bresson in einem späteren Interview, “diesen kreativen Sekundenbruchteil bei der Aufnahme eines Bildes. Das Auge müsse eine Komposition oder einen Ausdruck, den das Leben selbst ihm offenbare, erkennen. Und der Fotograf müsse intuitiv wissen, wann die Kamera auszulösen sei. Dies sei der Moment, in dem der Fotograf kreativ sei, sagt Bresson: “Ups! Der Augenblick!” Einmal versäumt, sei er für immer weg.

Lessing, Kopetzky und Cartier-Bresson bezeichnen, die Fotografie betreffend, eine Erfahrung in der Wahrnehmung von Zeit, die schon in der Antike beschrieben wird und in Figuren aus dem Götterensemble personifiziert werden.

Kairos, der ‘entscheidende Zeitpunkt’, ‘der günstige Augenblick’ bedeutet zunächst, adjektivisch gebraucht (kairios) ‘am rechten Platz zu sein’ (so bei Homer), bei Hesiod dann die zu beachtende Norm der Treffsicherheit einer Entscheidung. Kairos entspricht also jenem Augenblick, in dem etwas ‘bestimmtes’, etwas ‘besonderes’ passiert.

Kairos (lateinisch Caerus), jüngster Sohn des Zeus galt in der Antike als Personifizierung der ‘Gelegenheit’. In einer Fabel Aesops wird Kairos (Caerus) als schnelllaufender, auf Messers Schneide balanzierender Jüngling beschrieben – nackt und kahl bis auf eine Stirnsträhne. Nur an dieser Haarlocke könne der Kairos erfasst werden, war die Botschaft zum Ergreifen der Zeit, und dies auch nur von vorne, en face. Gut vorbereitet musste man dazu sein, ein einziger Versuch war möglich. Sei der Kairos einmal vorbeigelaufen, gelänge es nicht einmal Jupiter, diesen zu fassen und wieder zurückholen. Kairos war für die antiken Griechen das Symbol der augenblicklichen Gelegenheit. Bemühungen, so die intendierte Botschaft zur Personifikation, sollten nicht durch Laschheit und Zögern untergraben werden.

Aesops Fabel bezieht sich selbst auf einen Versuch, Zeit einzufangen. Sie übersetzt den Anblick einer Statue des griechischen Bildhauers und Bronzegiessers Lysipp in ein Narrativ.

Von gänzlich anderem Charakter war Chronos, der Urgott der Zeit. In der orphischen Weltentstehungslehre tauchte er zu Schöpfungsbeginn auf, selbstgestaltet, aus dem Chaos. Chronos stellte man sich schlangengestaltig vor, mit drei Köpfen, dem eines Mannes, eines Stieres und eines Löwen. Gemeinsam mit seiner Gemahlin, der Schlangen-Göttin Ananke (Unvermeidbarkeit), umschlang er das silberne Urwelt-Ei in Spiralen und spaltete es, um das geordnete Universum der Erde, des Meeres und des Himmels zu bilden. Nach diesem Schöpfungsakt umkreiste das Paar den Kosmos, und trieb dabei die Drehung des Himmels und den ewigen Gang der Zeit an.

Spätere antike Darstellungen des Chronos zeigen ihn als bartlose Gestalt mit großen Flügeln. Dabei war der Gott der Zeit nur Personifikation einer abstrakten Vorstellung und kein Objekt kultischer Verehrung. Seine Gleichsetzung mit Kronos, dem Vater des Zeus ist ein volketymologischer Irrtum, Chronos und Kronos hatten ursprünglich nichts miteinander zu tun.

Das Mittelalter wird Chronos schliesslich als bärtigen Greis mit Sichel und Stundenglas darstellen, jenem Gerät, mit dem vor der Erfindung mechanischer Uhren das Verrinnen der Zeit gemessen wurde.

Chronos, Kairos und das Glöckchen des Augenblicks sollten Jahrhunderte später an einem modernen Ort wieder aufeinandertreffen. Am Bahnhof.

Bis zu Vernetzung unserer Welt mit Eisenbahnschienen hatte jeder Ort seine individuelle Zeit. Stand die Sonne am höchsten Punkt, sprach man vom Mittag. Der Blick auf den Himmel, zu späteren Zeiten jener auf die Zeiger der Kirchturmuhren erlaubten eine Referenz auf diesem Zeitpunkt.

Stieg man nun in, sagen wir Kirchturmstetten, in den Zug, um nach Uhrenhausen zu fahren, fiel spätestens nach Ankunft am Zielbahnhof eines auf: Die Uhrzeiten in Kirchturmstetten und Uhrenhausen, jeweils an den lokalen Mittag gebunden, passten nicht zusammen. Reisende aus Kirchtumstetten mussten in Uhrenhausen ihre Taschenuhren auf die Lokalzeit umstellen. Für einen vernünftig organisierten Bahnbetrieb waren diese Zeitdifferenzen ein Unding. Mit der Eisenbahn zog also die einheitliche Zeit ins Land.

Chronos, der alte Flügelmann mit der Zeitsichel und dem Stundenglas konnte nun gemütlich am Bahnhof sitzen, tagaus, tagein, und mit größter Präzision das Kommen des Zuges erwarten. Kairos, der Augenblick lief nun nicht mehr auf Messers Schneide durch die Gegend, sondern reiste zweigeleisig, als Passagier vom Zeus des Maschinenzeitalters, der Dampflokomotive. Der Augenblick seines Kommens war vorauszusehen. Kairos wollte nie wieder versäumt werden. Der Augenblick hatte seine Unschuldigkeit verloren, seine Freiheit.

Nur die Fotografen spüren ihn bisweilen noch auf. Und auch nur dann, wenn sie auf Termine und Uhren vergessen.

Tee mit Leibniz

Gmunden ist eine Kleinstadt in Oberösterreich, es ist, wenn man so will, das Genf des Salzkammerguts. Gmunden unterschiede sich trotz seiner splendiden Lage am schönen Traunsee nicht weiter von Nestern seines Kalibers, wäre es nicht auch das Exil der Exkönige von England.

Die Exkönige von Hannover, von Großbritannien und von Irland, Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und Dukes of Cumberland sind dem deutschen Publikum unter ihrem Familiennamen „Welfen“ bekannt und leben seit ihrer Exilierung aus dem British Empire, von der Yellowpress relativ unbeachtet, in dem verträumten Städtchen am Traunsee. Als Buckingham Palace von Gmunden diente ihnen ab 1866 die komfortable „Villa Cumberland“, heute tut es auch die etwas bescheidenere „Cöniginvilla“.

In der Gmundner Cöniginvilla ging mein Freund Conrad ein und aus. Das war in den 1960ern. Conrad war mit den Royal Highnesses, den Herzögen von Hannover, befreundet, ja, er war schon fast so was wie ein Teil der Familie geworden, und er unterrichtete die Sprösse des Hauses, die beiden Welfenherzöge Ernst August und seinen jüngeren Bruder Ludwig Ernst, in der Sprache Voltaires. Erster sollte später als „Haugust“ und Ehemann der monegassischen Prinzessin bekannt werden.

Weil nun die Welfen einerseits exilierte Könige von Hannover, andererseits aber legitime Exilregenten von England waren, kam es bisweilen zu schizophrenen Situationen. Die Ironie des Familienschicksals ließ es nicht zu, bei Fußballmatches Deutschland gegen England eine der beiden Mannschaften gegenüber der anderen zu favorisieren. Bei Deutschland-England jubelten die Welfen also bei jedem Tor, völlig unabhängig davon, welche Mannschaft es gerade erzielt hatte.

In der Cöniginvilla trank man traditionell „Calenberg-Tea“, ein Getränk, das Herzogin Ortrud, eine geborene Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Glücksburg-Sonderburg, kreiert hatte und das auch Gästen gerne und oft gereicht wurde. Calenberg-Tea war aber kein Tee, sondern unverdünnter Whiskey aus dem Supermarkt, der aus Gründen der Etikette in feinem Teeporzellan und stets und ausschließlich zur Teatime serviert wurde.

Fünf Uhr hieß bei den Hannovers deshalb auch schlicht und einfach „Calenberg-Time“. Schlag fünf unterbrach der alte Welfenherzog Ernst August, was immer er auch gerade tat, und näselte mit durstiger Stimme: “It is Calenberg time!“ 

An einem dieser Nachmittage saß mein Freund Conrad mit den königlichen Hoheiten zu Teetische. Man sprach über dies und sprach über das, und irgendwann bekam die Konversation eine naturwissenschaftliche Färbung. Man plauderte erst über Äpfel, dann über Newton, und während man ausgiebig am Calenberg-Tea nippte, griff jemand nach einem Keks, und es kam die Rede auf Gottfried Wilhelm Leibniz.

Und als der Name des deutschen Philosophen fiel, guckte der kleine Herzog Ludwig Ernst, gerade mal acht Jahre alt, von seiner Tasse Calenberg-Tea auf und hauchte altklug: „Leibniz, hat der nich auch mal für uns gearbeitet?“

Aus: Andrea Maria Dusl: Fragen Sie Frau Andrea, Falterverlag, 2003, pagg. 181f.

Formatfragen

Traum in der Nacht: Ich bin Zeugin eines Vulkanausbruchs. Eigentlich war da gar kein Vulkan, sondern nur wüstenartiges, steiniges Gelände. Mein erster Gedanke: Wow! Mein zweiter Gedanke: Ich muss das mit dem Handy aufnehmen. Mein dritter Gedanke: Hochformat oder Querformat? Mein vierter Gedanke: Wieso denke ich sowas, ich fotografiere und filme niemals im Hochformat. Wieso jetzt? Bei diesen Überlegungen verstrich wertvolle Zeit, der Ausbruch war schon in vollem Gange. Schliesslich Gedanke fünf: Flüchten.

Klebergate

Ich halte die Blauen für willens und fähig, Sabotage zu betreiben. Wir sind geneigt, in jeder österreichischen Unzulänglichkeit „Schlamperei“ zu sehen. Kann „Schlamperei“ als Erklärungsmodell dienen? Nein. Ein Auftrag dieser Größe, professionell durchgeführt, bringt keine fehlerhaften Produkte in Umlauf. Die Industrie erlaubt (und erlaubt sich) keine „Schlamperei“. Schlamperei ist traditionell eine Produktionsform des Ärars und der Kleinwirtschaft, von untermotivierten Beamten, schlecht ausgebildeten Handwerkern.

Ich halte die grinsende Nonchalance des Wahlleiter für fahrlässiges Beamtenmikado. (Der Innenminister exerziert dies nur auf höherer Ebene.) Die Aussagen und Unterlassungen der Behöreden sind Schlamperei in Hochblüte. Unfassbar, die Fotografiesession des obersten Wahlleiters, wo er mit der Amteurkamera Maschinenteile in der Vöcklabrucker Druckerei fotografiert. Die Message: Schauts her: alles im Griff. Tatsächlich wissen wir nun: nichts im Griff.

Okay. Das alleine wäre ein Grund, den Zuständigen (Name und Titel irrelevant) von seinem Job abzuziehen. diese Groteske verstellt aber nur den Blick auf mögliche, ja wahrscheinliche, gezielte Malefikationen.

Sabotage.

Ich will, dass das dieser Fall, er ist republikgefährdend, minutiös aufgeklärt wird. Und öffentlich gemacht wird. Jedes Detail dieser Pannen. Jede klitzekleine chemische, fertigungstechnische Einzelheit. Und genau das wird nicht. Der Staat versagt, weil der Schattenstaat der Effen hat die Republik bereits strukturell unterwandert. Zumindest in Teilen.

Sie sitzen in den Schlüsselpositionen. In den Gerichten. In den Höchstgerichten. Sie wollen nur eines: Die Macht. Diese in die Hände zu bekommen, darf ihnen nicht gelingen. Nicht durch Akte der Sabotage. Nicht durch Schlamperei, nicht durch, legistische, exekutive und spruchtechnische Dummheit.

Theorie des Strandes

Für ‚Der Standard ALBUM‘ vom 23.7.16.

Ein Versuch von Andrea Maria Dusl.

Wer von uns könnte ihn je vergessen? Den ersten Sommer am Strand. Wer denkt nicht voll Wehmut an bunte Liegestühle und ausgeblichene Schirme, an die Schatten hinter den Badehäuschen, an nimmermüde Melonenverkäufer und an brennheißen Hochsommersand? Dem zweiten Sommer folgte ein dritter und irgendwann haben wir zu zählen aufgehört. Alle Sommer am Strand verschmolzen zu einem Kontinuum, zu “dem” Sommer am Strand. Und der Strand war nicht nur Sommer, er war auch Musik. Haben wir nicht alle “Azzurro“ von Adriano Celentano im Ohr, “Ti amo“ von Umberto Tozzi, oder die Sommerhitseuche “Macarena”?

Wer weiß nicht, wie es war, erstmals unbekannte Muscheln aus den Schaumzungen der Wellenzipfel zu fischen, dampfende Pasta Asciutta in der Touristentrattoria zu wickeln, und abends am Corso radebrechend Stracciatella con Nocciola zu bestellen? Un cono per favore! Oder Fragola con Limone? Oder eine Aranciata mit Strohhalm leerzusaugen? Unvergessen.

Wer erinnert sich nicht an eine Kindheit, deren hartes Los aus Luftmatratzenaufpumpen bestand, aus Sandburgenbauen und aus dem ungleichen Kampf zwischen Sonnenöl und roter Haut?

Wer teilt nicht die Expertise, auf Zehenspitzen im flachen Salzwasser stehend die Wellen auszuwippen, wenn sie kühl und unerbittlich, trockene und sonnenwarme Partien des Badekörpers benetzend, reif machen fürs erste Eintauchen, jenen magischen Moment der Meerwerdung, der Vereinigung von Sehnsucht, Furcht und Wirklichkeit. Wer kennt die Gedanken nicht, die durch Körper und Seele taumeln, diesen Moment bis ins Lächerliche zu dehnen, sich der Unausweichlichkeit der Submersion schliesslich in titanenhafter Mutanstrengung auszuliefern.

Wer kennt nicht das Prickeln händisch aufgewirbelten Meeresschaums, den Geschmack salziger Lippen, die Logistik hinter dem schwimmenden Unterfangen, Seegras auszuweichen, oder verdächtigen Schaumbläschen.

Wieder in die Sicherheit des sandigen Strandlandes zurückgekehrt – wer hat nicht den Geruch staubtrockener Krimiseiten verinnerlicht, in der prallen Mittagssonne als Schattenwedel aufs Gesicht gelegt? Wer kennt nicht das olfaktorische Amalgam aus salzignasser Badekleidung, der vanilligen Süße klebriger Sonnenmilch und den dünnen Schwaden einer irgendwo eilig abgebrannten Strandzigarette. Verborgen im Wind, im anonymen Wald der Schirme.

Der Urlaub am Strand gehört zum kollektiven Gedächtnis Österreichs, das Italien der Strände zu den prägenden Erfahrungen der Nation. Auch wenn es andere Ferienmodelle gibt, den Aufenthalt in den Bergen etwa, die Reisen in den kühlenden Norden, oder abweichende Strategien der Litoralritualistik – den Meeresurlaub in Kroatien, Iberien, der Türkei und fernerer Destinationen – der Urlaub am südlichen Sandstrand ist das Ideal. Wie kamen wir dazu und wie sieht es aus? Wie real ist das Ideal?

Warum tun wir uns das an? In der Hitze in der Sonne zu liegen? Weil wir es nicht anders gelernt haben.

Woher kommt der Urlaub am Strand? Wie viele andere Segnungen des Kapitalismus wurden die Ferien im Sand im Mutterland unsere Hegemonialideologie erfunden: In England. Als Geschäftsmodell. Der Strandurlaub gilt als Weiterentwicklung der Gesundheitsmodelle traditioneller Bade-Kurorte. Den salinen Augustfluten wurden prophylaktische Kräfte zugesprochen, in der Exposition der Haut gegenüber der Sonne erkannte man Rachitis-Vorbeugung, frische Meeresluft kurierte lädierte Stadtlungen.

Erste, vorrangig von der Aristokratie besuchte Seebäder gab es schon um 1720 in den North-Yorkshire-Städtchen Whitby und Scarborough. Dort hatte sich, in Zusammenhang mit einer Heilquelle, schon im 17. Jahhrhundert ein angesehener Kurbetrieb entwickelt. Das touristische Potential der Imperialmetropole Londons nutzten schliesslich die südenglischen Bäder Margate, Brighton and Weymouth. Die Vergnügungsindustrie, längst in den Kurorten und Bädern Europas etabliert, fand auch hier beste Bedingungen. Strand und Zerstreuung gingen eine unauflösliche Verbindung ein. Zumindest in kommerzieller Hinsicht. Piers und Vergnügungsparks, Hotelstädte und Gatronomie-Cluster wucherten hinter den Stränden, aufgefädelt an einer zentralen Achse, der Promenade. Der Strand, die Brandung und das Wolkentheater stillte die romantischen Sehnsüchte des Publikums nach friedlicher Urgewalt und unverbastelter Natur. Wie alles am Theater war und ist aber auch der Strand ein Kunstprodukt.

Das Baden am Strand selbst, genauer das Eintauchen ins Wasser, sei es schwimmend oder gehend, folgte noch lange Zeit viktorianischen Etikette-Vorschriften, die weitgehend von körperfeindlicher Prüderie und modischen Normen der Verhüllung bestimmt waren. Um der Sehnsucht nach dem Bad mit Förmlichkeit zu begegnen bediente man sich sogenannten Bathing Machines. Die fahrenden Badehäuschen, um das Jahr 1735 erfunden, waren großrädrige Wagen, meist von Pferden ins badetiefe Wasser gezogen. Im Inneren der fensterlosen Karre zogen sich die Badegäste um. Sobald die mobile Mitekabane ins Wasser gezogen war, stiegen die Badegäste, in hochgeschlossene Ballonkleider gewandet, auf einer kleinen Holztreppe ins Meer.

Die Liebe der Engländer für den Strand war mit der Entwicklung des europäischen Eisenbahnnetzes nach Europa exportiert worden. Die sonnenhungrige und vergnügungssüchtige britische Oberschicht hatte da schon längst die französischem Riviera und die Mittelmeerstrände entdeckt. Nicht zuletzt wegen der laxerern Vorstellungen Kontinentaleuropas Glücksspiel und Nacktheit betreffend. Monte Carlo ist das prominenteste Beispiel auf dem Gebiet der ludischen Extreme, der mallorquinische Ballermann (eigentlich: “Balneario Nº 6“, spanisch für “Heilbad“) nur einer von vielen tragischen Endpunkten in der Evolution des Strandes als Glücksinstitut.

War es im 19ten Jahrundert die Eisenbahn, die Sandstrände als touristische Destination erschloss, diente dazu im 20ten das Flugzeug. Von den englischen Beaches ausgehend zog das Konzept nach Koninentaleuropa und etablierte sich in der Folge weltweit. Scarborough und Brighton liegen jetzt auf den Malediven und auf Ko Samui.

Betrachten wir den Strand aus mitteleuropäischer Perspektive.

Die allerersten heimischen Strandurlauber waren schwindsüchtige Töchter und frauenleidende Gattinnen, tuberkulose Söhnchen und frischlufthungrige Mätressen. Die Strandurlaube der österreichisch-ungarischen Oberschicht hatten Heilcharakter und waren in der Regel vom Medikus verordnet. Sie linderten etabliertes Leiden oder suchten solchem vorzubeugen. Die österreichischen Strandkurorte eiferten den großen Vorbildern an der Côte d’Azur und deren Publikum nach und orientierten sich an der Strandpromenierlust der zaristischen Aristokratie und des englischen Adels.

Die Weltkriege unterbrachen die meisten familiären Urlaubstraditionen. Die gutbürgerliche Sehnsucht nach dem oberadriatischen Meer aber blieb lebendig und verband sich schliesslich, verstärkt und überholt von den den Italienüberfällen der deutschen Wirtschaftswunderkinder zu einem deutsch-österreichischen Adriafimmel. Die Arbeiterfamilien der Kreiskyära waren liquide und mobil. Bibione und Caorle waren ihr Ziel.

Auch wenn die österreichische Durchschnittsfamilie mittlerweile in Griechenland und Mallorca, im Indischem Ozean und im Roten Meer planscht, das Maß aller österreichischen Litoralphantasien wird stets der Urlaub am oberadriatischen Badestrand sein, jener sandigen Kunstküste, die von schattigheißen Pinienwäldern in ein flaches und friedliches Kleinmeer läuft. Der Himmel? Azzurro. Con gelato.

Wie sieht das genau aus? Was macht den Strand zum Strand?

Drei Elemente konstituieren ihn. Sand, Meer, Wind. Der Sand muss fein sein und trocken, das Meer sauber und friedlich, der Wind sanft und stetig. Auch die Tätigkeiten, die uns der Strand auferlegt sind dreifältig elementar: Liegen, ins Wasser gehen, schwimmen. Obschon wir uns dem Phantasma hingeben, hier Verhältnisse radikaler Naturnähe zu erleben, sorgt eine ausgeklügelte Bewirtschaftung für diese Bedingungen. Nichts am Strand ist Natur, alles ist künstlich. Was aussieht, als hätte es das Meer in Jahrmillionen kreativer Romantikarbeit herangeschoben, wurde mit schwerer Technik planiert oder von weither mit dem Lastwagen herangekarrt. Von dort, wo es das Meer (und meistens ein Fluss) tatsächlich abgelagert hat.

Der Strand ist an das Funktionieren einer etablierten Logistik gebunden und symbolhaft personalisiert in braungebrannten Ferialhelden, die sich als Schirmspanner und Liegenwarte verdingen, und dabei das Charisma allzeitbereiter Gigolos abstrahlen. Rettungsschwimmer und Badewarte tragen Spiegelbrillen und sind aus ähnlichem Athletenholz geschnitzt. Sie retten Leben im trügerischen Wasser. Auch im flachen. Der Tod lauert hier überall. Wenn niemand stirbt, sitzen sie am Ende der Piers und dröhnen sich mit Strandmucke aus dem Handy zu.

Das Meer selbst ist in Resten lebendig, aber nicht künstlich wie Strand und Pier, es zeigt seinen Charakter in Ebbe und Flut und in seiner vom Wind gestalteten Oberfläche – Wellen genannt. Die Natur des Meeres offenbart sich, in dem es weitere Natur anschwemmt. Im besten Falle sind das die schleimigen Karkassen der Quallen, die toten Körper kleiner Krabben und das allgegenwärtige Seegras. Vor der Strandöffnung kommt der Bagger und räumt auf. Das eine oder andere Schäufelchen, die eine oder andere Sandkuchenform ist da auch dabei. Bisweilen ein Kanister. Verkippter Plastikscheiss vorbeituckernder Jachten. Und die leeren Joints der illegalen Strandschläfer.

Der Wind ist nur ein Besucher. In der Regel kommt er vom Meer. Nichts anderes sollte man sich wünschen. Zu nahe sind Pizzerias, Grillstationen und die örtliche Kanalisation.

Blauer Himmel, sauberes Meer, eine leichte Brise sind das Ideal. Dann wird der Strand zu einem Sehnsuchtsort und kann uns fortbringen. Überall hin. Ist doch der Strand jener Sehnsuchtsort, der sich nicht selbst erzählt, sondern ausschliesslich die Sehnsucht nach anderen Orten bedient. Zur Produktion dieser Sehnsüchte dient die Lektüre. Das Strandbuch. Der Urlaubswälzer. Dafür braucht es einen steten Ort. Die Strandliege. Sie soll beschattet sein, von übergrossem Schirm, und bequem mit dem Strandtuch gepolstert, stundenlanges Lesen ermöglichen. Elektrolesern stellt der Strand längst ein dichtes WLAN-Netz bereit.

Der bewirtschaftete Strand bildet territorial betrachtet eine Klassengesellschaft des ausgehenden 19ten Jahrhunderts ab, modetechnisch und infrastrukturell orientiert er sich an egalitären Strukturen der späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahre.

Die territoriale Komponente des Strandes ist auf radikale Minimalismen zurückgeworfen. Als zugewiesenes Zuhause am Strand kann die Strandhütte fungieren, die Mietliege mit Schirm, oder das schlichte Tuch im Sand. Der soziale Rang manifestiert sich in einer dieser drei Möglichkeiten. Als erste Klasse dürfen sich Dauermieter eine teuren Strandhäuschens verstehen (letztere bilden in Form und Grösse die Aufbauten der Strandkarren des 18ten Jahrhunderts nach). Als Angehörige der Mittelklasse gelten Tagesleiher zweier Liegen unter einem zentralem Schirm. Die Unterschicht der Strandgäste leistet schlicht den Tageseintritt und darf am Vorstrand, der Brandung schon nahe, ein Handtuch auflegen, oder am Pier sitzen – auf Planken oder verwittertem Beton.

Platzfragen mögen ans Theater erinnern und haben dort wohl auch ihren Ursprung. Je besser die Sicht auf die Bühne ist, desto höher sind die Preise. Die Bühne, das zeigen diese Verhältnisse, ist die Zone vor den Schirmreihen. Das Niemandsland zwischen Land und Meer, die Brandungsstirn, das anlaufende Meer, der Horizont und seine Qualität als Theater der Navigation: In der Ferne ziehen Containerschiffe und Kreuzfahrtriesen vorbei, davor präsentieren sich Jachten und geringere Kähne. Die Staffage bilden die Badenden.

Modetechnisch ist der Strand, entsexualisierte Zone sexualisierter Verhältnisse, tatsächlich egalitär konstituiert. Die gängige Bademode lässt nur binäre Entscheidungen zu und diese bilden keine Klassendistinktionen ab: Badeanzug oder Bikini, Slip oder Short, uni oder geblümt, neu oder vintage. Über die tatsächlichen sozialen Verhältnisse erzählen indes die somatischen Konditionen, der Gang, die Haltung und der Grad der Tattooisierung. Der Grad der Nacktheit, der heute als etabliert gilt, hat einen seltenen, aber tödlichen Begleiter: das Melanom.

Ein Antagonist der Direttissima zwischen Strandliege und Meer (der vorherrschenden Bewegung an einem Strand) ist der Strandspaziergang. Er kann zwei Ziele haben, beide dienen dem Stoffwechsel. Der nächstgelegenen Duschpavillion erlaubt es, sanitären Bedürfnissen auf mitteleuropäischem Niveau nachzugeben, sich allenfalls umzuziehen, oder in der Fußrinne Hände, Füße und versalzte Badekleidung süss zu waschen. Die anderen Destinationen sind Strandbar oder Strandcafé. Ihre Namen bezeichnen ihre Funktion. Die erste bedient alkoholische, die zweite nichtalkoholische Bedürfnisse.

Der ideale Strand ist breit und lockt zu Horizontalerkundung. Der Strandspaziergang gilt als moderne Zerstreuung verweist aber auf eine alte Funktion flacher Küstenabschnitte: Hier wird und wurde Material angelandet, das sogenannte Strandgut. Besonders nach Stürmen trugen Wind und Wellen die Übereste gekenterter oder gesunkener Schiffe an Land. Eine gutgehütete Technik vornehmlich englischer Strandgemeinden bestand darin, mit Lampen die Leuchtfeuer weit entfernter Leuchttürme oder die Schiffsbeleuchtungen nicht vorhandener Schiffe zu imitieren und behufs dieser Methodik Schifffe gezielt stranden oder an Riffen zerschellen zu lassen. Der Strandspaziergang mitsamt der Üblichkeit, dabei seltsam geformtes Holz, schöngemusterte Steine und allerlei Muschelzeug aufzulesen ist ein Echo auf eine alte Kulturtechnik strandnaher Küstenbewohner.

Störungen am Strand sind üblich und durchaus willkommen und werden von einer Vielzahl von Vaganten vorgenommen. In der Reihenfolge ihrer Beliebtheit sind das ein Verkäufer wassergekühlter Kokosspießchen, der vielgerühmte Cocobellomann mit seinem Cocobellorap, sodann der tunesische Handtuchverkäufer (”Kofen, kofen, Hantuch, Hantuch”), der zentralasiatische Masseur, der ägyptische Schundliteraturdealer, der subsahranische Kettenhändler und der traurigste in dieser Reihe, der rumänische Kochlöffelverkäufer. Wenn die Carabinieri ihren Rundgang machen, sind sie alle weg.

Die hier beschriebene Prospektierungen eines Strandes teilen nicht alle. In der Sehnsucht nach dem idealen Strand, dem einsamen, dem perfekten, dem naturbelassenen, unverfälschten, haben Aussteiger und Suchende diesen und alle anderen Kontinente bereist. Wurden sie fündig, mussten sie ihre Erlebnisse der Absolutheit strändischen Erlebens dem Dämon der Verschwiegenheit opfern. Jeder Verrat galt als Ende des Geheimtipps. Nicht wenige fanden den Strand fürs Leben. Und blieben dort. Für immer.

Der ideale Strand, das bleibe nicht unverhehlt, ist jener, der Sehnsüchte nicht verbraucht. Der Strand, will er dem Ideal dienen, kann und muss wieder verlassen werden, um diesen Sehnsüchten Raum zu geben. Und sei es jene Sehnsucht, die ganz anderen Orten gilt. Der Strand kann uns dort hinführen.

Manche sagen: Nur der Strand kann das.

…………….

Theorie des Strandes: Warum machen wir Urlaub am Meer? ESSAY ANDREA MARIA DUSL 23. Juli 2016.

Andrea Maria Dusl ist Wiener Autorin, Regisseurin und Zeichnerin. Zuletzt erschien von ihr „So geht Wien“ (Metro-Verlag, 2016).
derstandard.at/2000041588115/Theorie-des-StrandesWoher-kommt-der-Urlaub-am-Meer

Muhammed Ali

„Ich bin Boxer. Halbschwergewicht. Aber meine Zeit ist vorbei. Vorbei, bevor sie begonnen hat. Ich will den König besuchen. Er wohnt in Michigan. Hinter der Ampel, der einen Ampel, die sie haben in Berrien Springs, Michigan, Postleitzahl 49103. Hinter der Ampel links, dann die schmale Allee runter bis zum Ende. Dort ist sein Haus, ein weißes Farmhaus, die Scheune, die Bäume, der Teich. Kann man auf den St. Joseph sehen von dort. Dort lebt der König der Welt. 8105 Kephart Lane, Berrien Springs, Michigan. Mein Vorbild, mein Held, der König der Welt. Ich werde anklopfen, Guten Tag sagen, hier bin ich, Rotor! Lehre mich zu tanzen wie der Schmetterling, und ich werde dein Fahrer sein, ich, Rotor. Ich werde dich fahren. Wohin du willst, wann immer du willst. Ich, Rotor, der Minderste. Und dann werde ich ihn bitten, während der dreiunddreißigsten Fahrt wird das sein, mir den Traum zu erzählen, den der Schmetterling hatte, als er am Boden lag, zertreten zu Staub. Dann wird mir der König seinen Traum erzählen, den er hatte, als er noch ein Rotor war. Als er angeschlagen am Boden lag und sah, wie er gefangen war in einem Roten Raum. Er wird mir erzählen, wie die Alligatoren Gitarre spielten, wie die Bären Trompete bliesen. Er wird mir erzählen, wie er den Zauberer sah, an der Wand hängen, auf einem Kleiderbügel. Wie er in das Kostüm des Zauberers schlüpfe, den Raum verließ, zu sich kam und den Kampf gewann. Danach werde ich ihn fragen, während der dreiunddreißigsten Fahrt, den König der Welt, Muhammad Ali.“

Andrea Maria Dusl: Channel 8, Residenz, 2010, pagg. 111f.

Zur Frage des 1. Mai.

Vielfach wird die Bedeutung des Aufmarsches der Wiener Sozialdemokratie am 1. Mai falsch verstanden. Von Aussenstehenden, wohlwollenden wie übelwollenden, in der Regel aber neutralen, wird der Sternmarsch aus den Bezirken und Sektionen Wiens zum Rathausplatz als Huldigung der Stadtspitze, der Gewerkschaft und (so der Fall) des Bundeskanzlers verstanden. Wie wird das Ereignis wahrgenommen? Auf massiv erhöhter Tribüne stehen Auserkorene, winken mit roten Taschentüchern und freuen sich über die Einziehenden. Das ganze wird als seltsame Parade verstanden, die Traditionen des Vorbeimarsches an der Ehrentribüne am Roten Platz (i.e. der Balkon des Leninmausoleums) nacherzählt.
 
Es ist ganz anders. Auch Teilnehmende auf der Tribüne mögen das nicht in aller Konsequenz wissen.
 
In den Bezirken Wiens formiert sich die sozialdemokratische Basis, die Mitglieder und Bewegten von Sektionen, Organisationen, Vorfeldorganisationen, Verbänden, Fraktionen der SPÖ, in der Regel jener der Stadt. Unter Mitnahme ihrer Fahnen, von Transparenten und anderen Sichtbarkeiten marschieren Sie auf alten Routen Richtung Rathausplatz. Zu einem einzigen, gerne vergessenen Zweck: Dem Rathaus, also der Obrigkeit ihre Stärke zu zeigen. Gehuldigt wird nicht den dort stehenden, sondern einzig einer Idee, der Sozialdemokratie und ihren Werten. Und so heißt der 1-Mai-Aufmarsch auch „Demonstration“.
 
Wenn sich nun die Tribüne (oder ausgewählte Partizipierende dort) von den Zielen der Sozialdemokratie entfernt haben, wird das von der Basis sichtbar und hörbar kundgetan. Zugegeben, das geschah noch nicht so oft. Aber wenn es notwendig ist, geschieht es. Muss es geschehen.
 
Im Lichte dieser Erkenntnis war also dieser 1. Mai und die gellenden Pfiffe, Buhrufe und Schilderwälder für Werner Faymann und seine Prätorianer ein Zeichen der Stärke der Sozialdemokratie, nicht eines der Schwäche.
Freundschschaft!

Sie hassen mich jetzt in Unterberglberg

Darf ich mich von Bücher trennen?

Andrea Maria Dusl. Für ‘DER STANDARD Album‘ vom 19.3.2016

Am Anfang war das Wort. Und das Wort stand im Buch. Bücher sind der Schatz der Welt, lernen wir, das Wissen, die Erkenntnis, der Geist. Büchern bauen wir Tempel und Tresore, Bücher lenken das Glück unserer Welt, leuchten in unser Dasein und in das Unbekannte dahinter. Bücher sind alles. Sie sind überall. Auch bei mir daheim. Nicht eines, nicht zwei. Viele. Als westlicher Buchmensch habe ich den Kahn der Erkenntnisgier ungekentert durch den Silbersee gesteuert, las mehr als Buch und Zweitbuch, besitze eine, ja das Wort ist Krawall, Bibliothek. Sie wollte den Rand des Nachtkästchens niemals verlassen, aber sie tat es, ergoss sich in Regale, füllte Räume. Das Dilemma hieß mich willkommen.

Darf man Bücher wieder loswerden? Es besteht weitgehend Einigkeit über die barbarischen Aspekte von Bücherverbrennungen. Aber dürfen wir Bücher, egal, wie sie zu uns gekommen sind, sei es durch Kauf, Tausch, Diebstahl oder Schenkung, wieder loswerden? Dürfen wir Unlesbares verstoßen, Lähmendes weggeben, Schlechtes weg …? Dürfen wir es überhaupt aussprechen? Dürfen wir Bücher wegschmeißen? Faulstellenlose? Kurz angelesene? Frisch hereingetrudelte?

Nein, sagt die bibliothekarische Krämerseele in mir. Nicht ohne Schande und Scham, nicht ohne schlechtes Gewissen, nicht ohne dessen verhängnisvollen Biss. Bücher haben gehortet zu werden, sagt der gutenberggalaktische Weltgeist in mir. So weit die Moral. Bin ich allein?

Ich bin nicht allein. Flohmärkte und Leihbibliotheken, Book-Crossing-Projekte und Romanauswilderungen sind die schmutzigen Ufer der Bücherflut. Denn selbstverständlich werden Bücher orphaniert. Neuen Besitzern aufgedrängt. Mitgebringselte wie selbsterstandene. Um die Bücherzirkulation muss sich die westliche Welt keine Sorgen machen.

Erst stellte ich sie in die zweite Reihe. Hinter die guten Bücher. Hinter das Herzeigbare, das Griffbereite, das Gerngelesene, das Wiedergelesene. Bei jedem Umzug fielen sie mir entgegen. Die schlechten Schinken, die Räuberromane, die Fadgasführer, die Beratungsbelletristik. Manche waren unter der Staubschicht noch in Plastik verschweißt. Ich schichtete sie in separate Umzugskisten. Schrieb „Vorsicht, schlecht!“ darauf, oder „Unwichtiges“, hoffte, sie würden vom Zufall geholt werden, vom Laster fallen, von Dummköpfen gestohlen werden. Vergebens. Die bösen Bücher blieben. Ich brachte sie kistenweise in unterentwickelte Gegenden. In die Oststeiermark. In der Gemeindebibliothek von Unterberglberg rümpfte man die Nase. Coffeetableklassiker seien das, wertvoll, lehrreich, wertvoll, log ich. Das Buch über die Aale des Amazonas. Das Kümmel-Kochbuch, der Wanderführer der Westwalachei. Die Romane Frischverblühter, die Gedichte Unentdeckter, leidbringende Lebensberater. Die Werke von Freunden. Kiloweise. Ich tauschte mein Glück gegen den Unmut und die staubigen Finger der Gemeindesekretärin. Sie hassen mich jetzt in Unterberglberg. Ich finde, zu Recht.

http://derstandard.at/2000033197203/Buecher-ausmisten-Gutenberggalaktische-Geister

So geht Wien!
Anekdote und Essay

Wien ist anders. Alles ist hin. 

Dusl-So-geht-Wien

Anstelle eines Vorworts.

Wien ist weitgehend unbekannt. Wo es liegt, ist nicht ganz klar, wie es tatsächlich heißt, schon gar nicht. Was kann Wien und was nicht? Wie sagt wer was und wann und vor allem: Warum? Wer war wer und wieso nicht? Dieses Buch hat die Phantasie, in die Pestgruben der Überlieferung zu leuchten und den Geigenhimmel des Bekannten zu verdüstern. Wien, das wissen die Griechen unter uns schon längst, ist die Fortsetzung von Byzanz mit den gleichen Mitteln, der Minotaurus im Labyrinth, in dem sich alle auskennen.Wie soll man schreiben über diese Stadt? Welche Form will gefunden werden, um ihr Wesen zu ergründen, ihre Eigenheiten zu erkunden, ihre Protagonisten zu beschreiben?

In seinem Essay „Der Essay als Form“ versucht der Kurzzeitwiener Theodor W. Adorno ein Textgenre zu fassen, das im Deutschen nur selten als das verstanden wird, was es im Französischen bezeichnet: Den Versuch.

„Das Wort Versuch“, so Zwölfonstudent Wiesengrund, „in dem die Utopie des Gedankens, ins Schwarze zu treffen, mit dem Bewußtsein der eigenen Fehlbarkeit und Vorläufigkeit sich vermählt, erteilt, wie meist geschichtlich überdauernd Terminologien, einen Bescheid über die Form, der um so schwerer wiegt, als er nicht programmatisch sondern als Charakteristik der tastenden Intention erfolgt.“ Im Wien von heute hieße das verkürzt aber hochfrisiert: „Bam, Oida!“

Ein anderer Leitsatz des vorliegenden Kompendiums muss Egon Friedell entwendet werden. In der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ gibt er einen Fahrplan aus, an dessen Takt ich mich gehalten habe. Möglichste Unvollständigkeit war überall angestrebt. Wien kann immer nur unvollständig gesehen werden. Die Anekdote, so Friedell, sei in jederlei Sinn die einzig berechtigte Kunstform der Kulturgeschichtsschreibung.

Meine eigenen Versuche intentionalen Tastens hatten schon bisher oft auf das Objekt dieses Buches fokussiert: Wien. Alle Essays und Kolumnen zur Stadt und seinen Eigentümlichkeiten erschöpfen sich im Ergebnis, diese Verhältnisse in Hinblick auf das Unvollständige auszuloten.

Ich habe versucht, die Stadt, an der ich leide, die mich auslebt und bearbeitet, in essayistischer Form zu fassen. Der Versuch trägt das Scheitern in sich. Und ein Buch über Wien kann immer nur ein Buch über das Scheitern an Wien sein. Der Weg in das Dickicht dieser Erkenntnis führt indes ins Undurchdringliche selbst. Wien ist jener Teig, hinter dessen Konsum kein Schlaraffenland liegt, sondern nur neuer Teig. Und paradox: Wien wird unsichtbar, ja geradezu unwienerisch, sobald man zum Inneren vordringt. Das Phänomen ist bekannt, Warnungen verhallen ungehört.

Nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit der Stadt, in die ich geboren wurde, in der ich mit Abwechslungen aufwuchs und in die ich Wege und Gassen einer Biographie schlug, kenne ich mich weniger aus denn je. Vielleicht war ich zum Zeitpunkt meiner Geburt die echteste Wienerin der Geschichte, um dann schlicht und schlecht zu verunwienern.

Man erwarte sich nicht zu viel von meinen Beobachtungen, davon aber im Übermaß. Dieses Buch erzählt vom Scheitern. Das Scheitern im Beckettschen Sinne. Es könnte eine Betriebsanleitung für Wien sein:

Alles seit je.
Nie was anderes.
Immer versucht.
Immer gescheitert.
Einerlei.
Wieder versuchen.
Wieder scheitern.
Besser scheitern.

Samuel Beckett, Wiener des Herzens

Andrea Maria Dusl, Jänner 2016

Großstadthausbrand, 1982

Heute einen alten, fernen Geruch wieder sehr stark wahrgenommen. Den scharf-stechenden Großstadtwintergeruch aus dem letzten Jahrhundert. Hausbrand, wie er niemals am Land vorkam. Ölig-pfeffrig-stechend-dumpf. Ganz Berlin roch so vor dem Mauerfall (und noch lange danach). Prag roch so und Budapest. Und Wien. Und dann verging der Geruch für Jahrzehnte. Und heute war er wieder da. Vielleicht nur im Zweiten Hieb, aber egal. Da ist da. Und mit dem Geruch war auch das Feeling zum Geruch da. Sardinen aus der Büchse, Butterbrot, Tee mit dicker Zitrone. Im Zweikanal-Fernsehen Dalli-Dalli. Oder sowas in der Art. Und heisse Sitze in der eisigen Straßenbahn.

Herberge und Suche

Für die Weihachtsausgabe der Salzburger Nachrichten vom 24.12.2015.

Es gab eine Zeit vor dieser und das war eine gute Zeit. Es kam der Sommer und mit ihm kam die Sehnsucht nach dem Meer. Der Lehrer teilte die Zeugnisse aus, die Mutter packte die Koffer, der Vater packte den Wagen, dann stiegen wir alle ein. Vater, Mutter, Kinder, Kegel.

Als wir ankamen, war es finster, aber es roch nach Meer und es hörte sich fremd an. Albergo hieß es hier. Albergo, das war das Wort für Freiheit, das Wort für ein besseres Leben. Der Vater parkte den Wagen und ging in den Albergo. Wie sah sein Gesicht aus, wenn er wiederkam? Verzog er keine Miene, stieg er wieder ein. Nichts frei, sagte der Vater dann. Nächste Woche, sagte er, oder Scheissbude, verwanzte, oder zu teuer, der Palast. Typisch, sagte der Vater dann, Grant lag in seiner Stimme, da waren wir schon wieder gefahren. Zum nächsten Albergo. Auch der war verwanzt, oder zu teuer, oder ideal, und das hieß dann: nicht frei. So ging das. Der Vater hinein, der Vater heraus und wir alle wieder weiter. Vom einen Wanzenalbergo zum nächsten. Von einer Teuerbude zur nächste. Und wenn etwas ideal war, dann war es belegt. So ging das und wir fuhren weiter. Wenn wir durstig waren, tranken wir kalten Tee aus Mamas Thermoskanne. Wenn wir müde waren, fielen uns die Autoquartettkarten aus der Hand und die Augen zu. Bis der Vater in den nächsten Albergo sprang. Und irgendwann war es soweit. Der Vater kam wieder und strahlte. Seine Augen lachten. Sein Atem roch nach Fernets Kräutern, er hatte die Pässe schon deponiert. In seiner Rocktasche klingelten die Zimmerschlüssel. Das war in der Zeit vor dieser, in einer Zeit, die eine gute war. Albergosuchen hieß das beim Vater und so hieß es auch bei uns und es machte ihm Spaß. Wieso macht es Spaß, fragten wir den Vater, wir sind müde, wir wollen ein Eis, wie wollen ein Fanta, wir wollen Baschgetti. Und wo ist das Meer? Das Meer ist hinter den Pinien, sagt der Vater. Und dann gingen wir rein in den Albergo. Unser Zuhause hier. Unsere neue Heimat. Vater, Mutter, Kinder und alle hatten Kegel in der Hand. So war das, in der Zeit vor dieser, in einer Zeit, die eine gute war. Es war eine schöne Zeit.

Nicht jede Zeit ist eine schöne Zeit, sagte der Vater. Aber das viele Suchen! Es sind schöne Zimmer, sagte der Vater, die Betten sind gut, das Bettzeug ist sauber. Keine Wanzen, und sie wollen uns hier. Sie nehmen unser Geld. Sie haben nichts gegen Kinder. So war das im ersten Jahr dieser Zeit, und so war es in den anderen. Kamen wir an, im Albergoland am Pinienmeer, suchte der Vater nach der Herberge. Sollten es Stunden sein, dann waren es Stunden. Es zählte: wir waren da. Die Müdigkeit und der Durst waren der Preis für ein besseres Leben. Nie sprach der Vater, wo er gelernt hatte, die Hoffnung niemals aufzugeben. In der Zeit vor dieser. In einer Zeit die eine schlechtere war. In der Zeit, die man den Krieg nannte. Die Zeit, über die der Vater nicht sprach, die Zeit, die in seinem Herzen lag, wie ein schwerer Stein.

Es gab eine Zeit vor dieser und das war eine gute Zeit. Aber dann kam der Krieg und mit ihm kam die Flucht. Der Lehrer teilte keine Zeugnisse aus, der Lehrer war tot. Die Mutter packte eine Tasche, der Vater packte eine andere, dann gingen wir los. Vater, Mutter, Kinder. Kegel? Nein. Als wir ankamen, war es finster, aber es roch nach Meer und es hörte sich fremd an. Europa hieß es hier. Europa, das war das Wort für Freiheit, das Wort für ein besseres Leben. Der Vater ging vor ins Lager. Wie sah sein Gesicht aus, wenn er wiederkam? Verzog er keine Miene, gingen wir weiter. Nichts frei, sagte der Vater dann. Nicht hier, sagte er, oder Scheisslager, kein Dach, oder zu hoch, der Zaun. Typisch, sagte der Vater dann, ein Kloß lag in seiner Stimme, da waren wir schon längst wieder gegangen. Oder in den Bus gestiegen. Oder in den Zug. Ins nächste Land gefahren. Zum nächsten Lager. Auch das war verwanzt, oder hatte kein Dach. Und wenn es gut war, hieß es: Hier nehmen sie uns nicht. So ging das: Der Vater hinein, der Vater heraus und wir alle wieder weiter. Vom einen Lager zum nächsten. Von einem Zaun zum nächsten. Und wenn etwas ideal war, dann war es belegt. Oder man durfte nicht rein. So ging das und wir zogen weiter. Wenn wir durstig waren, tranken wir kalten Tee aus irgendeiner Flasche. Wenn wir müde waren, fielen uns die Taschen aus der Hand und die Augen zu. Bis der Vater vom nächsten Land erzählte. Und irgendwann war es dann soweit. Der Vater strahlte. Seine Augen lachten. Sein Atem roch nach warmem Tee, er hatte die Pässe schon deponiert. In seiner Rocktasche klingelte der Schlüssel zu unserem Spind. Das war jetzt, in einer Zeit, die eine bessere war. Das Parkhaus war jetzt unser Zuhause. Unsere neue Heimat. Vater, Mutter, Kinder. Und alle hatten Tränen in der Hand.