Meine Anagramme

Nadia Saladmurre
Aside Lunardrama
Radarmania Dusel
Laura Addis-Reman
Laura Arden-Midas
Laura Sedan-Mardi
Muriel Sarandada
Ursa Dadamineral
Dana Madeira Slur
Ursa Madeiraland
Ursa Madeira Land
Irma Adrenal Saud
Aida Laundermars
Sara Dune Midral
Nadia Saladmurre
Diana Lard-Maseru
Adriana Ruledams
Adriana Dulerams
Sandal Maria Rude
Maria Sandal Rude
Diana Madraslura
Diane Maraudlars
Lisa Maraudarden
Linda Marudasera
Maud Landraires
Dana Married Saul
Dana Sumeria Lard
Sandra Aide Mural
Sandra Marie Dual
Nausea Mardiland
Marina Adler-Saud
Urania Addlemars
Andrea Maria Dusl

Migration

Mein Vater war Migrant. Meine Mutter war Migrantin. Großvater 1 war Migrant, Großmutter 1 war Migrantin, Großvater 2 war Kind einer Kaskade diversester migrantischer Familienvorgänge, Großmutter 2 war Kind zweier Migranten aus unterschiedlichen Ländern. Sie alle haben ihre Kulturen mitgenommen, neue angenommen. Friedlich. Ohne irgendein wehleidiges Intergrations-Mimini. Sie haben ihre eigene Kultur niemandem übergestülpt, weder den Kindern, noch der Umgebung. Ich habe also kein Verständnis für den Begriff der unverrückbaren „Kultur“ irgendeiner Heimat, sei es die überkommene der Einheimischen, sei es die Mitgebrachte der Zugezogenen. Wenn ich alle Sprachen aufzählen müßte, die die fünf Generationen vor mir gesprochen haben (es waren meist zwei oder drei), könnte ich den Sprachatlas Europas füllen. Meine Cousins und Cousinen können das ebenfalls. Und in der Regel unterhalten wir uns nicht in der Sprache unserer gemeinsamen Groß- oder Urgroßeltern, sondern in einer ganz anderen. Ich würde sagen: So geht Europa. Noch was: Religion war nie ein großes Thema bei uns.

Schmetterlinge, Schmauch, Sofa

Vorwort zu meinem nächsten Buch: „Wien wirklich“, (Metroverlag, Herbst 2017):

Im Dezember 1971 fasste der Weltgeist prägende Bestandteile meines Daseins in gleichzeitig Geschehendem zusammen. Keinen der Akteure habe ich jemals persönlich kennengelernt. Und auch der Ort der Handlungen will noch von mir erforscht werden: Montreux am Schweizer Lac Leman. Dort spielte ein gewisser Ritchie Blackmore, nervöser Gitarrist der englischen Rockgruppe Deep Purple, das Riff zur Hymne des Jahrhunderts ein: „Smoke on the Water“. Mit dem Rolling Stones Mobile Truck, einem fahrbaren Aufnahmestudio – im legendären Kleintheater „Pavillon“. Der Rest des Albums wurde in den Gängen und Treppenhäusern des leerstehenden Montreux Grand Hotels aufgenommen. Hinter Matratzenwänden, in der hallenden Leere vergangener Glorie. Die beiden Locations dienten als Ausweichquartiere, nachdem das ursprünglich für die Schallplatten-Aufnahmen angemietete Casino Montreux während eines Frank-Zappa-Konzerts von der Leuchtpistole eines Schweizer Fans abgefackelt worden war. Der Arbeitstitel für die epochale Tonfolge war „Title nº1“, nach anderen Quellen schlicht „Drrr Drrr Drrr“. Die Inspiration der einzigen Melodiefolge, die selbst Unbegabte auf einer Gitarre zu intonieren sich erlauben, will Ritchie Blackmore dem Anfangsmotiv von Beethovens 5ter extrahiert haben. Der Text des Songs bezieht sich auf den erwähnten Brand des Casinos am 4. Dezember 1971. Den Titel „Smoke on the Water“ soll Deep-Purple-Bassist Roger Glover ein paar Tage später im Traum erfahren haben.

Die akustischen und optischen Echos der geschilderten Vorkommnisse wurden von dritter Seite mit kritischem Unbehagen wahrgenommen. Auf der Terrasse seiner Suite im Montreux Palace Hotel stand der große Petersburger Vladimir Nabokov. Was er hörte, gefiel ihm nicht. Laute Rockmusik anglosächsischer Proletarier (Nabokov hielt den Lärm für „Jazz“), von den frühen Winterwinden durch den mondänen Ort und über den See getragen. Auch was er sah, muss den scheuen Autor irritiert haben: Feuer, Rauch, Langhaarige, Panik. Chaos im Panorama der Nabokovschen Ordnung.

Es ist nicht bekannt, ob die drei erwähnten Protagonisten der geschilderten Vorkommnisse einander am Ort des Geschehens begegnet sind. Ich jedenfalls saß in der ersten Klasse des Gymnasiums in der Wiener Wasagasse und träumte den vergangenen Sommer nach. Fern der Geschehnisse in Montreux war ich diesen doch ganz nah. Und mehr noch ihrem Personal: Dem aristokratischen Gestus des Schmetterlingsfängers Nabokov, der kritischen Pedanterie des Bürgerschrecks und Welt-Tschuschen Frank Zappa und der entrückten Manie des Rockproleten Ritchie Blackmore. Wie gut kannte ich deren Befindlichkeiten und Beweggründe aus meiner eigenen Familie! Dieses explosive Gemisch aus Kunst und Krach, Schreiben und Schweigen. Wie der dauerentwurzelte Nabokov war ich mit dem Botanisieren schöner Fluginsekten infiziert worden. Und mit dem Aufschreiben von Erfundenem. Wie Franz Zappa suchte ich die Dämonen der Bürgerlichkeit mit satirischer Anarchie zu bekämpfen, wie Ritchie Blackmore verlor ich mich im Handwerk des Gitarrespielens und in den Arabesken der Melancholie.

Der vorliegende Band handelt von Gleichzeitigkeiten und will nicht mehr sein als eine Botanisiertrommel, in der ich schillernde Schmetterlinge gesammelt habe und auch den einen oder anderen Käfer. Wiener Schmetterlinge und Wiener Käfer. Vieles in der Wiese Wien will noch gefunden werden und auch die Frage nach der Legitimität des Botanisierens darf gestellt werden. Hier kann Frank Zappa antworten, dessen Musik das Schreiben dieser Sammlung begleitet hat: „You are what you is.“

Oder genauer:

„Ich bin der Himmel
Ich bin das Wasser
Ich bin der Dreck unter deinen Walzen
Ich bin dein geheimer Schmutz
Und verlorenes Metallgeld
(Metallgeld)
unter deiner Ritze
Ich bin in deinen Ritzen und Schlitzen
Ich bin Wolken
Ich bin die Stick[erei]
Ich bin der Autor aller Felgen
Und Damast-Paspeln
Ich bin der Chrome-Dinette
Ich bin der Chrome-Dinette
Ich bin Eier aller Arten
Ich bin alle Tage und Nächte
Ich bin alle Tage und Nächte
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!“

Frank Zappa & The Mothers
The Sofa Suite (Live at Montreux Casino, 4th December 1971)

Unser seliger Vater war zu Neujahr nie zu Hause

Unser seliger Vater war zu Neujahr nie zu Hause. Er saß jahrzehntelang im Neujahrskonzert im Goldenen Saal. In der Balkonloge oben rechts. Er hatte einen Deal mit einem der Billeteure. Der stellte ihm für 30 Schilling einen Zusatzstuhl hin. Wenn das Parkett sich freigehustet hatte für den Auftakt von Boskovsky und Nachfolgern.

Andrea Maria Dusl ::: Bio

BIO sehr kurz:

Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien. Magistra Artium, Doktorin der Philosophie. Lehrt an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. “Blue Moon“ (Spielfilm, 2001). Zuletzt erschienen: “Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“ (2012), „So geht Wien!“ (2016). Essays, Kolumnen und Zeichnungen für Falter, Standard, Salzburger Nachrichten.


BIO kurz:

Mag. Dr. Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien. Lebt in Wien und San Francisco. Bühnenbild-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Dissertationsstudium der Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Magistra Artium. Doktorin der Philosophie. Universitätslektorin an der Angewandten. Spielfilm: “Blue Moon“ (Locarno 2001; Großer Diagonale-Preis). Publikationen: “Die österreichische Oberfläche” (2007), “Boboville” (2008), „Channel 8“ (2010), “Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“ (2012). “So geht Wien!” (2016). Essays, Kolumnen und Zeichnungen v.a. für Falter, Standard, Salzburger Nachrichten.

comandantina.com
@Comandantina


BIO mittel:

Mag. art. Dr. phil. Andrea Maria Dusl
Filmemacherin, Autorin, Zeichnerin, Kulturwissenschaftlerin

Andrea Maria Dusl, geboren 1961 in Wien in eine österreichisch-schwedische Architekten- und Industriellenfamilie. Sozialdemokratin, Freimaurerin.

Aufgewachsen in Wien, Bad Aussee und in Schweden. Meisterschülerin bei Lois Egg an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. 1985 Diplom, Magistra Artium. Engagements an Theater an der Wien, Theater in der Josefstadt, Volkstheater, Burgtheater. Medizinstudium an der Universität Wien. In den Achtzigerjahren beginnt Dusl Kurzfilme zu drehen, zeichnet und schreibt für österreichische Magazine und Zeitungen. Seit 1985 erscheint im FORVM, später im Falter in bisher 223 Folgen ihr zeichnerisches Opus Magnum, das “Unendliche Panorama”. Seit den Neunzigerjahren schreibt Dusl regelmässig Kolumnen und gesellschaftspolitische Essays u.a. für Falter (”Fragen Sie Frau Andrea”), Standard und die Salzburger Nachrichten (”Die illustrierte Kolumne”).

2001 dreht sie das preisgekrönte Roadmovie „Blue Moon (Locarno-Wettbewerb, 2001, Großer Diagonale-Preis, Festivalkarriere auf 55 internationalen Film-Festivals, Kinoeinsatz in A, D, CH, NL, I). Im Residenzverlag erschienen 2007 der Essayband „Die österreichische Oberfläche“, 2008 und 2010 die Romane „Boboville“ und „Channel 8“. 2012 erscheint im Metroverlag der Kurzgeschichtenband “Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“, im Frühjahr 2016 der Essayband “So geht Wien!”. 2016 realisiert sie den Essayfilm “Zeitreisen”, mit und über Dietmar Steiner, Direktor des Architekturzentrum Wien.

2009-2014 absolviert Dusl am Institut für Kulturwissenschaften der Universität für angewandte Kunst ein Dissertationsstudium – 2014 Promotion summa cum laude zur Doktorin der Philosophie mit der Arbeit “Aufnahme und Auswahl – Strategien fotografischer Praxis“. Andrea Maria Dusl ist Lehrende an der Universität für angewandte Kunst in Wien, lebt und arbeitet in Wien, Triest und San Francisco und bereitet ihren nächsten Spielfilm vor: „Reise ans Ende der Zeit“.

comandantina.com
@Comandantina


©Andrea Maria Dusl - Wien - Café Sperl comandantina.com
©Andrea Maria Dusl – Wien – Café Sperl comandantina.com

Ich habe fertig

Es klingt so einfach: „Ich habe fertig“, aber es ist ein schmerzhaftes Ringen um Klarheit, ein Kampf, gegen die eigene Unterdurchschnittlichkeit, die Dämonen des Versagens. Behände lauern sie, wo ich sie nicht brauchen kann, in mir selbst. Ach, es ist nie lustig, es ist ein Ringen. Und nachher bin ich kaput. Im Kopf und im Körper. Die Hände schmerzen, das Hirn trieft. Schauer! Und immer fange ich bei Null an, schiebe den Sisyphosstein hoch und rutsche ab. Es ist ein dauerndes Rutschen. Wenn der Berg abgearbeitet ist unter den Bemühungen, brennt der Kopf und schreit nach Ruhe und Linderung.

Fetisch Dilemma

So seltsam das klingt. Ich kämpfe noch immer um Anerkennung. Weil ich nie bei diesem lausigen Trottelwettbewerb in Klagenfurt mitgemacht hab und auch sonst immer zwischen den Stühlen stehe. Das geht nicht. Das macht man nicht. Man sitzt zwischen den Stühlen, man steht dort nicht. Ausserdem bin ich zu goschert und keine richtige Österreicherin. Deutsche bin ich auch nicht. Ich bin verdammt. Vielleicht ist es aber noch viel schlimmer und ich will gar keine Anerkennung und halte das nur für einen Fetisch aus fernem Traumland. Worin ich aber Expertin bin, ist das Dilemma. Die Zweinahme.

Zeitfrage

Ich habe mal, es ist schon 30 Jahre her, meine Zeichnungen an die große alte Tante ZEIT geschickt. Ich war jung und talentiert und ich glaubte an mich. Ich bekam dann (nicht gerade bald) Post von der ZEIT. Mit einem Schreiben: „Zeichnungen wie die Ihren können wir in unserer Zeitung eher nicht brauchen.“ Das hat weh getan. Sehr weh. So sehr, dass ich mir schwor: Sollte mich einmal jemand fragen von der ZEIT, würde ich antworten „Zeitungen wie die Ihre kann ich in meiner Vita eher nicht brauchen.“ Dabei war und bin ich sehr ungerecht mit der ZEIT, denn meine Zeichnungen kamen – Kuvert im Kuvert – unbetrachtet zurück, die Nachricht war ein Schimmelbrief. Egal. Meine Liebe war und ist erkaltet. Ich hatte die ZEIT nämlich gelesen. Und tue es noch immer akzidentiell. Obwohl ich den Guardian und die NYT lieber mag. Ich hab mal mit Paul Flora darüber gesprochen, was mit seinen ZEIT-Zeichnungen passiert ist, ober er die noch habe. Nein, habe er nicht, sagte Flora. „Angschirrt“ habe er sie, im Garten vor seinem Haus, angezündet, Alle. Im Gegensatz zur ZEIT habe ich Zeichnungen von Flora und er hatte welche von mir. Wir haben nämlich getauscht.

Wenn ich mich recht entsinne, entstand diese Zeichnung des Unendlichen Panoramas in dieser Zeit.

Promotion

2009 begann Dusl bei Ernst Strouhal an der Universität für angewandte Kunst in Wien ein Dissertationsstudium der Philosophie. Im Winter 2013 reichte sie ihre Dissertation ein, im Jänner 2014 promovierte Dusl mit ausgezeichnetem Erfolg zur Doktorin der Philosophie. Titel der Dissertation: “Aufnahme und Auswahl. Strategien fotografischer Praxis“. In der kulturwissenschaftlichen Arbeit beschäftigt sich Dusl am Beispiel von sieben eigens für die Arbeit geführten Filminterviews – interviewt wurden die FotografInnen Lukas Beck, Hertha Hurnaus, Manfred Klimek, Erich Lessing, Ingo Pertramer, Lisl Ponger und Peter Rigaud – mit dem holistischen Prozess von Aufnahme und Auswahl in der professionell-künstlerischen Fotografie. Dusl interpoliert aus dem hermeneutisch ausgewerteten Material sechs Strategien fotografischer Praxis: “Das Schütteln des Kaleidoskops“, “Die Jagd“, “Der Fang“, “Die Inszenierung“, “Serendipity“ und “Das Glöckchen des Kairos“.

Meine Ordnung leidet unter dem Chaos

AndreaMariaDusl_024C-LisiSpecht.jpg
Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl wohnt in einer Wiener Biedermeier-Wohnung, hätte aber gerne eine Flugzeughalle. Foto © Lisi Specht

Vor langer Zeit errichtete die Wiener Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl einen Legoturm. Dieser ist nun fixer Bestandteil der ansonsten reduzierten Biedermeier-Wohnung, erfuhr Wojciech Czaja. 

6. Jänner 2013, 21:45.

„Vor vielen Jahren hatte ich einmal einen Anflug langer und ausgiebiger Depressionen. Durch Zufall habe ich erfahren, dass C. G. Jung im Garten seines Hauses, um seiner eigenen Depression zu begegnen, einen Turm errichtet hat. Ich dachte mir: ‚Super Idee, Herr Jung! Das ist das Beste, was du mir je geraten hast!‘ Und so habe ich beschlossen, ebenfalls einen Turm zu bauen, allerdings nicht aus Ziegel-, sondern aus Legosteinen.

Ich bin damals durch sämtliche Spielzeuggeschäfte Wiens gelaufen und habe in der Lego-Auslieferungsstelle in Auhof sämtliche Steine in Schwarz und Blau aufgekauft. Damals konnte man Legosteine noch solo kaufen! Gebaut habe ich den Turm anhand eigener Pläne, nahm mir dann aber die künstlerische Freiheit, diese während des Baus abzuändern. So wie in der Gotik.

Insgesamt habe ich an diesem Turm – sämtliche Stürze und Wiederaufbauten miteinbezogen – einige Monate herumgebaut, wobei ich sagen muss, dass das Zerbrechen eines solchen Turmes eine tiefgehende Katastrophe im persönlichen Bereich darstellt. So mit Heulkrämpfen und allem Drum und Dran. Der Turm ist jetzt 2,85 Meter hoch und besteht aus circa 15.000 Steinen. Bei der Fertigstellung war ich wieder gesund.

Ich habe noch mehr Legosteine. Ich glaube, es sind einige zigtausend, die sind aber in Kisten verpackt. Vielleicht baue ich ja eines Tages wieder einmal einen Turm. Ich komme ja aus einer Architektenfamilie, und da wird man mit der Faszination des Planens und Errichtens schon als Kind infiziert. Abgesehen von Lego jedoch konterkariere ich diese Gabe mit dem bewussten Nichtbauen in meiner rund 80 Quadratmeter großen Wohnung.

Konkret: Ich habe fast keine Möbel. Auch keine Kästen. Mein Hab und Gut ist in blauen Transportkisten verpackt. Und dieses Blau ist so schiach und so unfassbar blau, dass es in der Masse fast schon wieder schön ist. Insgesamt habe ich an die 80 Kisten, die mit Werkzeugen, Gelacken und Gespachteln, mit Tonbändern, Familienfotos und Reiseführern gefüllt sind. Wobei die Ordnung noch etwas unter meinem Chaos leidet. Die Gewürze befinden sich unter Weihnachten. Das ist nicht sehr praktisch, denn das eine braucht man oft und das andere nicht so oft. Das muss ich noch ändern.

Generell kann ich sagen, dass ich eine Freundin der mobilen Möbel bin. Immobiles liegt mir nicht. Auch nicht unter dem Gesichtspunkt, dass ich in diesem Biedermeier-Haus in der Leopoldstadt aufgewachsen bin und hier schon seit meinem dritten Lebensjahr wohne. Einbaumöbel machen mich unglücklich. Ich will, dass alles verstellbar ist. Küche, Badewanne und WC sind ein ganz fairer Kompromiss. Das einzige immobile Ensemble, auf das ich niemals verzichten könnte, ist mein Handapparat. Manche sagen auch Bibliothek dazu. Meine Bücherordnung hat Struktur, und trotzdem finde ich nichts. Alles, was unter 30 Euro kostet, kaufe ich lieber ein zweites Mal, anstatt es zu suchen. Das ist echt mühsam.

Im Rahmen der Reduktion meiner Lebensinhalte lebe ich ansonsten so, dass alles auf einem einzigen Tisch stattfinden kann. Ich glaube, in diesem Punkt bin ich japanisch veranlagt. Von den Japanern, zumindest bilde ich mir das ein, habe ich übrigens auch die Neurose übernommen, dass in meiner Wohnung alles rechtwinkelig sein muss.

Die Wohnung, von der ich träume? Das wäre eine Halle in der Dimension einer Flugzeughalle, sagen wir so mit 10.000 Quadratmetern. Es würde keine Wände geben, und das Bett würde ich hinstellen, wo immer ich gerade will. Sonst wäre alles leer. Da könnte ich dann sogar auf meinen Handapparat verzichten. Wenn ich mir eine Wohnhalle leisten kann, dann kann ich mir auch einen Buchbutler leisten.“
Interview: Wojciech Czaja für DER STANDARD, 5./6.1.2013)

Wikipedia-Bild

Liebe Wikipedia-Nerds, ich weiß, es ist nicht leicht, ein Leben in der Anonymität zu führen. Schöner wäre es, wenn man für die Arbeit gelobt würde. Das mache ich hiermit. Wikipedia-Nerds, Ihr seid grossartig! Ihr seid das Gewissen der Welt, Ihr seid die Informationsgesellschaft, Ihr pflegt und hegt die Daten, die andere erzeugen. Das macht Ihr prima!

Bei den Bildern tut ihr Euch schwer, ich weiss, Ihr dürft kaum welche aus dem Netz verwenden, weil die Rechte nicht geklärt sind.

Deswegen treibt Ihr Euch auf Friedhöfen herum und fotografiert die Grabsteine der von Euch wikipedierten. Nicht ganz das Wahre, ich weiss. Ausserdem gibt’s von Lebenden keine Grabsteine. Das ist der Grund, warum es auf Wikipedia kaum Bilder von Lebenden gibt. Mal anmailen und um ein Bild bitten bei den lebenden Wikipedierten ist nicht drinnen, da könnte ja ein anderer Wikipedia-Nerd aufschreien. Versteh ich.

Ich mach da jetzt mal was ganz anders. Ich stell hier auf meiner Seite, sie ist auf mich, Andrea Maria Dusl angemeldet, ein Bild von mir, Andrea Maria Dusl, rein. Es ist ein Bild (©Andrea Maria Dusl), das ich selbst gemacht habe. Man kann das auf dem Bild (©Andrea Maria Dusl) sogar sehen, ich halte eine Kamera und fotografiere mein Spiegelbild. Zusätzlich gebe ich hier bekannt, dass ich das Bild nicht nur gemacht habe, dass es mich darstellt, Frau Andrea Maria Dusl, sondern dass ich auch die Rechte dazu besitze. Ich gebe aber die Rechte für einen allfällige Publikation in Wikipedia frei. Im Rahmen einer Creativ-Commons-Lizenz: CC-BY-2.0-AT . Dieses Bild und nur dieses.

Also. Hier ist das Bild von mir, wer auch immer es in den Wikipedia-Artikel zu meiner Person stellen möchte: Just do it. Beste Grüsse an Euch Alle! Wikipedia ist super! Und mit Ihr alle, die es pflegen.

Andrea Maria Dusl, 1. Jänner 2012

AMD-Andrea-Maria-Dusl-Mirror.jpg
Selbstbildnis Andrea Maria Dusl (©Andrea Maria Dusl, für Wikipedia unter CC-BY-2.0-AT lizensiert.)

Die österreichische Oberfläche ::: Chronisch krank
Interview

Dusl-Oberflaeche-Cover-220.jpgAm 22.11.2007 hat sich Veronika Leiner mit mir im Café Wortner in der Wiedner Hauptstrasse getroffen und mich für den Anzeiger zur „österreichischen Oberfläche“ interviewt.
……………………
Die Filmregisseurin und Essayistin Andrea Maria Dusl untersucht in ihrem kulturphilosophisch – anekdotischen Buch Die österreichische Oberfläche (Residenz Verlag) „das Land, an dem wir alle leiden“.

Sie sind Filmemacherin, Zeichnerin, kommen von der bildenden Kunst her, in der öffentlichen Wahrnehmung sind Sie aber am bekanntesten als Kolumnistin im Falter. Welchen Stellenwert hat das Schreiben für Ihr Arbeiten?

Außer E-Mails und handschriftlichen Notizen, die ich für meine Filme mache, gibt es eigentlich nur das Schreiben an etwas, das schon ein Projekt ist. Ein Drehbuch ist ja eine ganz besondere Art von geschichtenerzählendem Schreiben, das aber in dieser Form natürlich nie publiziert wird. Drehbücher sind Literatur, die nicht gelesen wird, jedenfalls nicht von einem lesenden Publikum. Schreiben ist bei mir eigentlich immer etwas, wo die Öffentlichkeit schon dabei ist. Die Kolumnen, oder wenn ich eine Geschichte für eine Zeitung schreibe, oder wenn ich, was ich jetzt begonnen habe, zwischen Buchdeckel etwas hineinschreibe. In Zeitungen ist beträgt die Verzögerung zwischen Schreiben und Veröffentlichen ja manchmal nur ein Tag, da ist das Schreiben etwas sehr Unmittelbares, etwas sehr Fokussiertes und sehr Präsentes. Und etwas, was ich eigentlich auch ununterbrochen tu, es gibt keinen Tag, an dem ich nicht schreibe, und es wird sozusagen jedes Mal besser, es gibt ein ständiges In-der-Form-sich-Verbessern.

Die Texte für Die österreichische Oberfläche sind teilweise ja aus Kolumnen entstanden.

Das, was da zwischen diesen beiden Deckeln vorliegt, ist zu ungefähr einem Fünftel schon einmal in der einen oder anderen Form irgendwo gestanden, aber es gibt keinen Buchstaben in dem ganzen Buch, den ich nicht umgedreht hätte. Ich habe das nicht nur hineingehängt, so wie es ist, sondern tatsächlich auch umgeschrieben, entweder inhaltlich oder in der Form bearbeitet. Ich habe die Texte weitergeschrieben oder fortgeschrieben. Die anderen vier Fünftel, die sind ganz neu passiert. Aber es sind zum Teil Gedanken, die schon viele Jahre in mir herumspuken, manchmal ein ausführlicherer Gedanke, und manchmal wie Schneeflocken, die ganz einsam an einem Sommernachmittag plötzlich durch die Gegend wehen, und ich hab keine Ahnung, warum jetzt eine Schneeflocke vorbeikommt, und sie ist auch sofort wieder weg, aber ich erinnere mich daran. Und aus diesen verschiedenen Zugängen besteht dieses Buch. Warum ich dieses Generalthema der österreichischen Oberfläche gewählt habe, das hat sich eigentlich daraus ergeben, dass alle diese Geschichten, Erlebnisse, Erzählungen, Essays, manchmal sind es auch fast journalistische Glossen, im weitesten oder im engsten Sinn mit dem Land zu tun haben, an dem wir alle leiden.

Dieses Leiden war der Ausgangspunkt für das Schreiben?

Ich bin hocherkrankt an Österreich, es ist wirklich tragisch, und es ist chronisch, und ich habe mir das, so wie fast alle Österreicherinnen und Österreicher, nicht ausgesucht. Es ist ja absurd, dass diejenigen, wie Asylwerber, die sich Österreich willentlich aussuchen, weil sie das Land so lieben und unbedingt hier sein möchten, von allen anderen, die sich dieses Land nicht ausgesucht haben, abgelehnt werden, obwohl sie – die Fremden – Österreich richtig gern haben. Und alle anderen sind chronisch daran erkrankt.

Gleichzeitig sind die Österreicher aber extrem selbstbezogen, extrem auf ihr kleines Land und was darin passiert, konzentriert.

Ja, und zwar aus einer Not heraus. Denn wo sollten sie sonst hin? Das, was jetzt Österreich ist, dieses kleine, langgestreckte, irrsinnig zerknitterte, unrunde Ding, besteht eigentlich aus Bundesländern, das sind ja die „Nationen“, aus denen Österreich besteht. Ich glaube auch nicht, dass Österreich Schwierigkeiten mit seiner Identität hat, aber ich weiß, dass diese Identität eine sehr mühsam errichtete ist. Darin gibt es keinen Zweifel.

Steirer haben schon seit hunderten Jahren das Gefühl, dass sie Steirer sind, Niederösterreicher und Oberösterreicher sind ja schon per Definition Österreicher, die sind in der Mitte auseinander geschnitten. Salzburg, das ja früher überhaupt nicht zu Österreich gehörte, ist eine sehr überschaubare Entität. Und Kärnten war einmal wichtiger als Österreich überhaupt. Und dann wird es schon ein bisschen seltsam, schon Tirol ist nur mehr die Hälfte von sich selbst, das Burgenland ist zusammengebaut aus Teilen von Westungarn, Vorarlberg war überhaupt nur kleine Grafschaften im Rheintal und auf der einen Seite vom Arlberg. Und so hat sich, sozusagen aus ganz verschiedenen Richtungen kommend, plötzlich etwas ergeben.

Eines wird immer ausgeklammert: Das einzige, was diesen Ländern gemeinsam ist: Sie haben in der einen oder anderen Form immer den Habsburgern gehört. Das ist jetzt an den Rand gedrängt, als Postkartenidylle oder als historische Nettigkeit, die lieben guten Habsburger, die eigentlich immer alles richtig gemacht haben. Aber die stecken in diesem Österreich so tief drinnen, dass Österreich dieser Geschichte auch nie entkommen wird. Der Bundespräsident, eine sehr würdige und republikanische Erscheinung, ist eigentlich nur der Kaiser ohne Krone, alles andere hat er von den Habsburgern übernommen: er sitzt im selben Zimmer in der Hofburg, und die heißt heute nicht Staatsburg oder Österreichburg. Hofburg heisst sie. Und wenn er Staatsgäste empfängt, der Bundespräsdient, dann sitzt er unter dem Bild der Maria Theresia, dort ist die Zeit stehen geblieben. In ihrem Selbstgefühl haben die Bundespräsidenten noch immer etwas Monarchisches, mit Klestil ist gar ein Straßenbahnersohn Kaiser geworden. Eigentlich wurde dieses Amt auch eingeführt, um das Vakuum nicht entstehen zu lassen, dass es niemanden gibt, der würdevoll in der Hofburg sitzt. Aber kein Zweifel: Die Präsidenten Das sind jetzt Kaiser in republikanischer Verkleidung.

Die Habsburger sind als historisches Analysethema in den letzten Jahren aber wenig präsent?

Ich muss da widersprechen, ich glaube, es gibt zwei voneinander scharf abgegrenzte Betrachtungsschulen. Dass über Habsburger und Österreich nicht geschrieben würde, stelle ich nicht fest, die Bücherregale biegen sich vor Habsburgerliteratur. Über jeden nur denkbaren Aspekt der Habsburgerei gibt es ein dickes Buch. Diese Bücher haben immer einen historischen Fokus, manchmal einen folkloristischen, manchmal einen anekdotischen Zugang, aber nie einen republikanischen. Die Habsburgermonarchie wird darin durch das Vergrößerungsglas der historischen Distanz betrachtet, aber dass die Schatten dieser Vergangenheit ununterbrochen um uns herumspuken, das klammern diese Bücher aus.

Gleichzeitig kämpft die republikanische Literatur gegen einen noch viel größeren Dämon, nämlich gegen die Nazi-Barbarei und gegen das, was davor war, den Bürgerkrieg, den Austrofaschismus, den Ständestaat. Diese Bruchlinien, wenn man so will „der permanente Bürgerkrieg“, hat vielleicht mit Kanonen aufgehört, aber er ist in den Parteienlandschaften noch nicht aufgearbeitet. Der Graben des Bürgerkriegs zwischen dem linken und dem konservativen Lager ist nicht zugeschüttet. Es gibt nur das berühmte Bild des Schulterschluss in der Lagerstraße, in der gemeinsamen Ablehnung der Nazi-Zeit sind sie sich einig, aber auch nur deshalb, weil sie beide ins Nazi-Gefängnis gewandert sind. Aber das Land hat es nicht geleistet, die davor liegenden Konflikte gemeinsam aufzuarbeiten. Und diese Polarität kommt direkt aus der Habsburgermonarchie.

Dieser Auseinandersetzung ist aber wahrscheinlich der Nationalsozialismus sozusagen dazwischen gekommen. Eine Auseinandersetzung damit gibt es ja mittlerweile, das hat die Beschäftigung mit den Habsburgern vielleicht auch an den Rand gedrängt?

Diese Lüge, dass Österreich ein Opfer des Nationalsozialismus war! Natürlich war Österreich ein Opfer, aber nicht alle Österreicher waren Opfer, ganz viele Österreicher waren auch Täter, die es sehr gut verstanden haben, sich in die Opferschar einzureihen. Die allgemeine und umfassende Opferrolle ist eine der Lügen, die in diesem Land herumgeistern.

Unserer Generation, die diese Zeit nicht miterlebt hat, wurde ja in der Schule beigebracht, dass 1945 plötzlich die Uhren alle auf 0 gestellt worden sind. Tatsächlich war es aber keine Stunde 0, sondern das Jahr 1946 ist unmittelbar auf das Jahr 1945 gefolgt. Dass das eine große Zäsur war, ist ja unbestritten, aber eine Stunde 0 ist es nur in einem symbolischen Sinn gewesen: Die Häuser waren die gleichen, auch wenn sie zerbombt waren, die Toten waren die gleichen, und die Erinnerung ist die gleiche gewesen, sie ist nur plötzlich anders erzählt und beschrieben worden. Die Leute haben ihre Uniformen ausgezogen und verbrannt, und plötzlich waren sie keine Nazis mehr, sondern normale Leute mit schlechten Anzügen, die von nichts gewusst haben. In einem gewissen Ausmaß hat sich eine Lügenindustrie etabliert, die zum Teil verständlich ist, weil irgendwann ja sozusagen neu begonnen werden musste.

Aber wenn es keine Geschichte gibt, die man erzählen kann, weil sie so grauslich ist, muss man die Geschichte eben, während sie passiert, neu erfinden. Und da hat Österreich, die zweite Republik, begonnen, grandiose Mythen zu schreiben. Einer dieser Mythen ist der Staatsvertrag und die Staatsvertragsverhandlungen, dieser Mythos ist ja mit einem großen nationalen, österreichischen Heiligenschein angestrahlt, was da alles an großartigen Taten vollbracht wurde! Und die Protagonisten dieser Großartigkeit sind uns, obwohl wir diese Zeit nicht miterlebt haben, ganz präsent: Figl und Raab und wie sie alle heißen, so viele waren das ja gar nicht. Bruno Kreisky, den wir erst aus den Siebzigerjahren in Erinnerung haben, und der ganz aktiv daran beteiligt war, den Staatvertrag einzufädeln, der wurde nicht in diesen Heiligenschein eingewoben. Nur um ein Beispiel einer prominenten Persönlichkeit zu nennen, die aus dieser mythischen Staatswerdung, aus dieser phönixhaften Wiederaufflatterei aus den Ruinen, herausgefallen ist.

Da wurde aktiv ein Bild geschaffen, in dem sehr viel erfunden oder umgedichtet wurde. Es wurde auch sehr viel darüber geschrieben, wie das gemacht wurde. Ich habe nur ein bisschen nachgeforscht und Geschichten aus diesem Drehbuch herausgeholt. Das sind manchmal sehr skurrile Sachen! Eine Skurrilität, die den Österreichern gar nicht bewusst ist, ist, dass das wichtigste Dokument des Staates, der Staatsvertrag, gar nicht in Österreich liegt, sondern im Aktenspeicher des russischen Außenministeriums in Moskau. Er ist erst einmal außerhalb von Russland gewesen, als er im Belvedere unter einer Vitrine ausgestellt wurde. Im Staatsvertrag sind auch für die österreichischen Verhältnisse sehr typische Dinge zu sehen. Zum Beispiel hat Figl mit salatgrüner Tinte unterschrieben, und diese Tinte ist im Laufe der Zeit schon mehrere Male verblasst und von den russischen Restauratoren nachgemalt worden. Die Unterschrift ist also eigentlich gar nicht mehr auf dem Staatsvertrag drauf, weil diese Tinte keine Dokumententinte ist. Das ist so etwas typisch Österreichisches, finde ich: Auf der symbolischen Ebene werden Akte gesetzt, wie mit grüner Tinte zu unterzeichnen, weil das Land viele grüne Bäume hat und viele Äcker. Wenn der Sommer sehr dick ist, dann sind die schön saftig grün, und da geben wir grüne Tinte in unsere Füllfeder, obwohl die nicht hält. Streng genommen steht Figls Unterschrift schon gar nicht mehr im Staatsvertrag. Was auch ein Licht auf die Brauchbarkeit österreichischer Urkunden wirft.

Das Buch besteht ja aus ganz vielen solchen historischen Bohrungen, mit denen sehr vielen historischen Mythen auf den Grund gegangen wird?

Ich will ja nicht alles verraten, was in dem Buch drinsteht, aber zumindest kann ich verraten, weil es so plakativ ist, woher das Rot der SPÖ kommt. Das ist natürlich ein linkes Rot, das in linken Parteien auf der ganzen Welt verwendet wird, und direkt aus der Französischen Revolution und aus den Bewegungen kommt, die sich davor mit dem Gedanken an die Freiheit beschäftigt haben. Als die damals ein Symbol gesucht haben, sind sie auf die phrygische Mütze gekommen, weil da mitgeschwungen ist, dass die Phrygier sich selbst aus der Sklaverei befreit hatten. Die Mütze selbst ist immer rot dargestellt worden, und ich habe dann nachgeforscht, welche Geschichte die Mütze erzählt und warum sie rot ist: Der Ursprung dieser Mütze ist einfach das Leder von Stierhoden, die phrygische Mütze ist eigentlich eine aufgesetzte Stiersacklederhaut, rot angestrichen. Und wenn am 1. Mai Wien und andere sozialdemokratisch regierte Städte in Österreich rot beflaggt sind, dann ist das eigentlich Stiersackmützenrot, obwohl das niemand weiß.

Diese Bohrung ist schon wichtig, aber bei der Bohrung bin ich immer auf neue Oberflächen gestoßen. Oberfläche ist ja, das muss man niemandem erklären, immer das, was zwischen innen und außen ist. Innen ist der Inhalt, beim Punschkrapfen ist das diese braune Masse, die ein bisschen alkoholisiert ist, und die Oberfläche ist dieser rosa Zuckerguss. Wir sind außen und schauen den Punschkrapfen an, und wenn wir den Finger hineinstecken, durch die Oberfläche bohren, kommen wir zwar scheinbar an den Inhalt, aber unser Finger berührt doch auch wieder nur eine neue Oberfläche. Den Inhalt gibt es immer nur in der Phantasie, aber die Oberfläche ist immer das, dem wir begegnen. Es ist unmöglich, den Inhalt außer durch Phantasie oder Projektion oder Nachdenken oder Wunschdenken zu erfassen, weil immer die Oberfläche dazwischen ist. Und jedes Nachbohren fördert neue Oberflächen zu Tage, bis alles zu einer Art Staub geworden ist. Und der Staub ist nur eine wahnsinnig vergrößerte Oberfläche, der nicht einmal mehr in der Phantasie eine Oberfläche hat, weil das Staubkorn ja so klein ist, dass es wahrscheinlich keinen Inhalt mehr hat. Und wenn wir jetzt bei diesem Bild bleiben: Dieser Staub der Geschichte liegt überall ganz dick herum, in vielen Schichten in ganz Österreich.

Ist dieses Oberflächenphänomen etwas genuin Österreichisches?

Ich bin ja eine extrem unösterreichische Landesbewohnerin, weil ich im österreichischen Sinn kaum österreichische Wurzeln habe. Ich habe tschechische, slowenische, schwedische, deutsche und italienische Wurzeln, lauter Wurzeln, die im engsten Sinn nirgendwo in Österreich auffindbar sind, weil ja dieses Land früher ein viel größeres Land war. Mit Österreich haben sie zwar ein Land bezeichnet, in Wirklichkeit war es aber nur ein Etikett für das, was die Habsburger regierten. Die Habsburger haben das Heilige Römische Reich Deutscher Nation von Wien aus regiert. Und Wien ist ja so ein Vielvölkergebilde, ein Drittel der Wiener ist nicht in Wien geboren, und das war eigentlich nie anders. Wien ist ja schon seit Jahrtausenden ein Schmelztopf, ganz lang bevor New York überhaupt zu schmelzen begonnen hat, ist das hier schon perfekt abgelaufen.
Ich glaube schon, dass dieses Oberflächenphänomen ein sehr österreichisches ist. Aus dem Blickwinkel, aus dem ich es betrachte, hat Österreich schon einen sehr starken Fassadencharakter. Ein Beispiel, das nicht im Buch steht: Die österreichischen Häuser sind sehr schmuckvoll, obwohl drunter nur Ziegel sind. In anderen Ländern, zum Beispiel in Holland, ist es kein Problem, Häuser zu bauen, wo man die Ziegel auch sieht, es wäre in Österreich aber ganz streng verboten, ein Haus zu bauen, wo man die Ziegel sieht, außer unfertige Reihenhäuser am Land. Das hat aber, glaube ich, steuerrechtliche Gründe, solange die Fassade nicht drauf ist, ist das Haus nicht fertig, obwohl die Leute wohnen aber schon drin. So gibt es sehr viele Ziegelhäuser, die genau genommen noch gar nicht existieren. Das ist auf einer sehr sachlichen Ebene schon etwas Österreichisches, dieses Über-die-Oberfläche-noch-eine-andere-Oberfläche-legen. So etwas wie das Schnitzel ist zwar nicht in Österreich erfunden worden, aber hier zur Hochblüte gediehen. Ein dünnes Stück Kalbfleisch, das eigentlich ganz gut schmecken würde, so wie es ist, aber nein, man muss noch eine Panier drumherummachen, und die Äpfel in einen Strudel einwickeln, und jeder Wirtshaustisch hat so gern sein kariertes Tischtuch, und früher ist alles mit Tapeten zugepickt worden. Was es in anderen Ländern nicht gibt, ist dieses Selbstverständnis, dass alles dekoriert wird, sogar die Landschaft wird dekoriert, zum Teil künstlich. Außer in schneereichen Wintern, werden ja die Hänge zum Schifahren extra mit Kunstschnee belegt. Das ist ja auch so eine Erfindung, die in Österreich in großer Blüte steht.

Wieviel persönliches Leiden an Österreich steckt in diesen Anekdoten und Betrachtungen?

Ich leide schon sehr darunter! Und ich schau den anderen Patienten dabei zu, wie sie hocherkrankt durch dieses riesige Siechenhaus stolpern. Wie in jedem guten Krankenhaus gibt es ja auch Behandlung. Aber ein gutes Krankenhaus und gute Ärzte schauen immer, weil sie ja davon leben, dass die Patienten nie wirklich geheilt werden. Die Oberärzte und Oberärztinnen des Landes, die die Krankheiten diagnostizieren, sind Teil der Krankheitsgeschichte. Ich will mich da gar nicht freisprechen von der Täterschaft. Indem ich eine Geschichte erzähle, inszeniere ich mich ja auch selber, indem ich eine Anekdote erzähle, mache ich mich selber zum Teil einer literarischen Oberfläche. Die Sprache ist eben auch eine Oberfläche, die Oberfläche der Gedanken, Meinungen, Haltungen, und der Buchstaben, aus denen sich die Wörter zusammensetzen, und der Sätze, die aus den Wörtern kommen. Im Grunde genommen besteht jede Geschichte, die in dem Buch vorkommt, ja nur aus diesem gedruckten Papier, das ist ja auch ein Oberflächenphänomen, die Tiefe des Buches lässt sich nur durch die Untersuchung dieser Oberfläche feststellen.

Das ist jetzt natürlich sehr dahergeschwurbelt, aber dieses Gefühl für den Unterschied zwischen Inhalt und Oberfläche ist uns da schon sehr abhanden gekommen. Weihnachten zum Beispiel ist ein Fest, wo es sehr stark um Verpackung und Oberfläche geht, und um den Reiz, diese Oberflächen erst einmal zu errichten und dann wieder zu enthüllen, und sich durch diese Papierberge und Schleifen und Girlandenwelten durchzukämpfen. Und dann ist eh etwas ganz Banales drin, ein Karton mit einem Bügeleisen, und da ist draußen das Bügeleisen abgebildet, als ob man nicht „Bügeleisen“ draufschreiben könnte. Nein, da ist die Fotografie eines Bügeleisens Fotografie auf der Verpackung abgebildet, weil man sonst nicht glauben würde, dass ein Bügeleisen drin ist. Das ist zwar nichts typisch Österreichisches, aber dies Oberflächenwelt ist permanent da. Und wenn wir fernsehen, oder einen Film sehen, sehen wir nicht die Wirklichkeit, sondern immer nur die Oberfläche von etwas, eine Glasoberfläche oder eine Leinwand. Wir sind schon sehr geübt darin, die Oberfläche für den Inhalt zu halten. Und die Österreicher können das eigentlich noch viel besser.

Ich bin ja halbe Schwedin, und mir ziemlich sicher, dass es keine schwedische Selbsthassliteratur gibt, sehr wohl aber dieses große Genre der österreichischen Selbstgeißelung. Und selbst Figuren wie Thomas Bernhard geißeln ja, indem sie Österreich geißeln, nur sich selber. Er ist nie nach Liechtenstein ausgewandert, oder nach Ungarn, oder an den Comer See, wo es schön ist, und warm, und Palmen stehen. Nein, er hat sich an diesem Österreich festgebissen. Denn selbst wenn wir in Mallorca, oder am Indischen Ozean sitzen, das Österreichische geht ja nicht raus aus uns, das fährt ja immer mit. Inzwischen ist ja sogar Kalifornien schon von einem Österreicher regiert, ob denen ganz klar ist, was sie sich da eingehandelt haben, einen österreichischen Gendarmensohn als König von Kalifornien!?

Die österreichische Literatur ist ja eigentlich eine große Diagnosestation, ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendeine gute Literatur gibt, in der Österreich als Problemfall ausgeklammert wäre. So absurd das klingt, andere beneiden uns auch noch um diese Erkrankungsliteratur. Und die flott dahingeschriebene, und folkloristische Habsburgverklärungs-Literaturmaschine, da gibt es ja auch Entsprechungen in den Krankheiten. Ein manischer Patient hat auch nicht das Gefühl, krank zu sein, er fühlt sich extrem wohl in seiner Manie.

Ist dieses Reiben an Österreich für Sie auch so etwas wie ein künstlerischer Motor?

Ich würde schon gern ohne das auskommen, diese Sehnsucht gibt es schon. Wenn es wieder großen Anlass zur Sorge gibt um dieses Land, dann frage ich meine Mutter, Warum hast du hierher kommen müssen? – Dann sagt sie, Ich habe nicht gewusst, dass es so schlimm ist. Aber es war so schön, und mir haben die Berge so gut gefallen, und alle haben immer erzählt wie toll Österreich ist. -Und dann sag ich: Und mein Vater, der hat dich nicht gewarnt? – Ja, irgendwie hab ich gespürt, irgendwas ist da. – Mein Vater war ein ganz typischer Schmelztiegelösterreicher, einmal ist er nach Schweden geflüchtet für fünf Jahre, und dann hat er wieder zurück müssen, aus Sehnsuchtsgründen.

Ich glaube auch, dass Schwarzenegger irgendwann wiederkommt, sobald das Alter dann ordentlich in seine dann schlaffen Wadeln hineinbeißt. Wenn er die Sonne nicht mehr aushält, dann kommt er sicher wieder. Dort wo er her ist, ist es ja sehr unkalifornisch, dafür aber sehr österreichisch. Sie kommen dann doch alle wieder. Vielleicht ist es ein Magnetismus. Joe Zawinul ist auch wiedergekommen. Besser kann es einem doch gar nicht gehen als Exilösterreicher: weltberühmt zu sein als Jazz-Pianist, dort, wo er sein wollte, wieso hat der unbedingt wieder herkommen müssen? Weil es ihn erwischt hat. Das Österreich. Er hätte genauso gut in Kalifornien sein letztes Stündlein verbringen können, wo die Sonne scheint und wo er ja gelebt hat. Aber ausgerechnet der ein Jazzgigant wie Zawinul muss, wie die Elefanten auf den Elefantenfriedhof, wieder hierher kommen. Und der war, obwohl er ein Weltbürger war, ein echter Wiener, Wienerischer hab ich übrigens noch nie jemand sprechen gehört.

Es gibt auch Österreicher, die sich Österreich willentlich auswählen, so hat George Tabori erzählt, dass er nirgendwo so glücklich gewesen wäre, wie in Österreich. Auch Peymann war nirgendwo so glücklich wie in dem Land, in dem sie ihn als die größte Kulturschande der Welt bezeichnet haben, so eine Leidenschaft hat er nirgendwo bekommen wie diesen Hass der Österreicher auf den Piefke. Das hat ihm so wahnsinnig viel gegeben, dass ich behaupte, es sei schon wieder sehr österreichisch, diese Liebe, gehasst zu werden. Du erkennst die Liebe daran, dass du gehasst wirst.

Der einzige, der mir einfällt, der das Land hochbetagt geflohen ist, war Bruno Kreisky, der hat ja das Alter auf seiner Finca in Mallorca ausgesessen.

Sie analysieren in dem Buch zwar viele österreichische Phänomene, Mythen usw., es wird aber niemals belehrend, es ist kein Standpunkt wirklich ausformuliert.

Weil ich das Pädagogische zutiefst ablehne. Ich hab manchmal Schule geschwänzt, um zu Hause die Bücher zu lesen, die in der Schule vorgetragen worden sind. Das haben mir die Lehrer natürlich nicht geglaubt. Selbstredend bin ich auch oft im Kaffeehaus gesessen, dort haben sich der Religionslehrer und die Physiklehrerin heimlich getroffen, die dann später geheiratet haben. Weder sie, die techtelnden Lehrer, noch wir, die Schülerinnen und Schüler haben einender je verraten. Deshalb kommt das auch im Buch vor, weil ich das sehr österreichisch finde, das heimlich im Kaffehaus sitzen ist ja keine aktive Lüge, sondern eine passive Lüge. Und etwas nicht zu erzählen ist ja eigentlich schon ein literarischer Akt. Und noch keine Lüge im katholischen Sinn, das Verschweigen ist noch nicht die Unwahrheit. Und Diese Gedankengänge sind ja insgesamt sehr österreichisch, mir ist es darum gegangen, diese Denkarten zu sezieren. Einer der Kniffe, warum das Buch nicht belehrend ist, ist, dass ich mich als Opfer wie als Täterin in diesem österreichischen Oberflächenzirkus darstelle. Ich will niemanden belehren, höchstens aufmerksam machen auf etwas, was mir eingefallen ist oder ich entdeckt habe. Das hat etwas sehr Kindliches und dadurch auch wenig Professorales. Ich bin ja sehr neugierig und stelle mir Fragen wie diese:. Warum ist ein kleines Land ein Reich und was ist das überhaupt: ein „Öster“? Dem muss ich nachgehen. Was mich auch nachdenkrasend macht: Wenn die Dinge Bezeichnungen haben, die mir nichts sagen. Was ist eine „Donau“? Oder was ist ein „Inn“. Ich verstehe Worte wie Lichtenfels, Lerchenfeld, Wasserburg. Aber was ist ein „Ybbs“ mit Y und zwei b, irgendetwas stimmt da nicht, das muss ja Gründe haben, das etwas Ybbs heißt oder Steyr. Und es hat Gründe, die muss ich dann ausgraben. Die Dinge haben oft die unglaublichsten Hintergründe, obwohl sie uns ununterbrochen begegnen, und die meisten Hintergründe werden nie öffentlich hinterfragt. Geschweige denn beantwortet.

……………………………….
–> Leseprobe Download pdf
Andrea Maria Dusl <http://www.residenzverlag.at/?m=20&o=2&char=D&id_author=400>
Die österreichische Oberfläche
Residenz Verlag
Mit 34 Elektroholzschnitten der Autorin
240 Seiten, Klappenbroschur
EUR 19,90 / sFr 33,80
ISBN: 9783701714865
–> Hier bestellen
………………..
–> Dusl buchen:
Constanze Drumm, Residenzverlag
Telefon 0043 2742 802 1411
c.drumm@residenzverlag.at

Leise, schreiend, vertrottelt und genial

An einer Akademie muss nichts vermittelt, sondern der Austausch von Ideen in jede Richtung ermöglicht werden, erklärt Andrea Maria Dusl, Filmregisseurin, Cartoonistin und Kolumnistin für die Stadtzeitung „Falter“, im Gespräch mit Anne Katrin Feßler.

Originalfassung des Emailinterviews über mein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, das am 22.6.2006 im Standard erschien. Das Bild von mir war mal Falter-Cover und ist von Heribert Corn vor der Gartenfassade des Café Rüdigerhof geknipst worden

Andrea-Maria-Dusl-Akademie.jpg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anne Katrin Feßler: Rückblickend auf ihre Ausbildungszeit an der Akademie: Worin bestand die Ausbildung?

AMD: Vier Jahre Bühnenbildstudium. Das waren eine Menge Vorlesungen. Bühnentechnik und Lichtmachen, technisches Zeichnen, Kostümkunde, was weiss ich, was noch alles, Dramaturgie, Kunstgeschichte, ein dicker Katalog an Lehrfächern.
Aber für mich war die Akademie morgens Frühstücken mit Lois Egg, dem Meisterschulleiter, einem feinen, eleganten und weltoffenem Herrn. Er trug feinste italienische und englische Anzüge und konnte unfassbar gut zeichnen. Wen er mochte, den lehrte er, die Welt zu sehen. Nach einem Jahr war ich seine Assistentin und arbeitete am Theater. Am richtigen Theater! Ich baute Modelle, leitete Bauproben, sass mich müde in Proben. An der Akademie entwickelten wir Ideen für Eigenes. Von meinen Kolleginnen und Kollegen Stefan Riedl, Ulf Stengl und Raja Reichmann habe ich Zeichnen und Malen gelernt, von Josef Mikl in vier Jahren täglichen Aktzeichnens das Schauen, in der Bibliothek die Bewunderung für alte Bücher. Dazwischen sassen wir mit den narrischen Malern beim Smutny, tranken Budweiser und assen Gulasch.

Was ist Ihnen gut in Erinnerung geblieben?

Der Geruch des Leinöls aus den Malerklassen. Das Haus am Schillerplatz und sein stiller Zauber. Die vielen, vielen Feste. Das aussergewöhnliche dieses „Studiums“. Lois Eggs Turm. Das Zimmer, in dem Professor Griepenkerl den jungen Adolf Hitler abgelehnt hat. Dort habe ich mir mit einem Stanleymesser fast die Zeigefingerspitze abgeschnitten. Es hat Hölle geblutet.

Vermisst habe ich Sloterdijk. Für Sloterdijks gesprochene Sprache kann ich mich begeistern. Den hätte ich gerne während des Studiums kennengelernt. Den hätte ich zum Smutny geschleppt.

Was soll Ihrer Meinung nach den StudentInnen an der Akademie vermittelt werden?

Vermittelt soll gar nichts werden, ich halte diesen ganzen neoliberalen Vermittlungsquatsch nicht mehr aus. Die Akademie soll den Austausch von Ideen zwischen Professoren und Studenten, Studenten und Studenten und Professoren untereinander ermöglichen. Das ist das Wesen einer Akademie. Seit den griechischen Akademien ist das so. Kunst kann nicht gelernt werden, sondern nur gesucht und gefunden. Die meisten Künstler kommen schon als Künstler auf die Welt, das kann nicht gelehrt werden. Nur ermöglicht. Oder verunmöglicht, wie unter dem Krixikraxizeichner Wolfgang Schüssel, der den Künstlern aus persönlicher Perfidie das soziale Messer angesetzt hat.

Was hat Ihnen persönlich die Ausbildung gebracht?

Alles. Ich habe gelernt, mich zu entschulen, mich selbst zu entdecken.

In künstlerischer Hinsicht oder hinsichtlich der Positionierung am Kunstmarkt ?

Den „Kunstmarkt“ halte ich für eine Perversion. Der Kunstmarkt hat mit Markt zu tun, nicht mit Kunst. So wie eine Schlafzimmerausstellung nichts mit Liebemachen zu tun hat.

Was fehlt in der Ausbildung? Was sollte anders gemacht werden?

Wie das jetzt ist, weiss ich nicht, 1981 fand ich die Akademie sehr gut. Sie war alles: Verstaubt und modern, leise und schreiend, vertrottelt und genial.

Von wann bis wann haben Sie an der Akademie studiert und in welcher Klasse/Professor?

1981 bis 1985. In der Meisterschule für Bühnenbild bei Lois Egg. Diplomiert habe ich mit zwölf riesigen Illustrationen eines fantastischen Bühnenbilds für Goethes Faust. Das war ein Quantensprung für mich. Der Zwängler Wonder, der in meinem Diplomjahr Lois Egg beerbt hatte, hat meinen Faust nicht begriffen, Arnulf Rainer und Josef Mikl schon. Damals gab es noch Diplombegehungen des Kollegiums. Das Kollegium und nicht der zuständige Professor hat die Diplome und den Magistertitel verliehen. Ich glaube, heute ist das alles wie bei den Juristen. Das läuft heute vielleicht sogar vollautomatisch.

Contact

Andrea Contact Gruenstern.jpgANDREA MARIA DUSL, geboren am 12. August 1961 in Wien als Tochter des Österreichischen Architekten Erwin H. Dusl und Mutter Monica Dusl-Jüllig, die aus einer schwedischen Kapitänsfamilie stammt. Aufgewachsen in Wien, Bad Aussee und Schweden. Nach einer glücklichen Kindheit unter Nonnen und Ausseeern folgte eine rasante, überaus sozialdemokratische Schulzeit im Wiener Wasagymnasium und ein revolutionäres Studium an der Akademie der Bildenden Künste. Während sieben Jahren an den wichtigsten Bühnen Österreichs und eines Medizinstudiums an der Alma Mater Rudolphina beginnt sie Kurzfilme zu drehen, zeichnet und schreibt für Österreichische Magazine und Zeitungen.

Seit 1996 schreibt sie wöchentlich im ‚Falter‘, seit 2013 auch wöchentlich für die ‚Salzburger Nachrichten‘. 2001 dreht sie ihren Debutfilm Blue Moon mit Josef Hader und  Detlev Buck in den Hauptrollen. Der Film wird ein internationaler Erfolg, kommt in halb Europa in die Kinos und reist mit ihrer Regisseurin von Festival zu Festival um die Welt. 2003 wird Blue Moon mit dem Grossen Preis der Diagonale für den Besten Österreichischen Film ausgezeichnet. Andrea Maria Dusl ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, lehrt in Wien, lebt und arbeitet in Wien, Paris und San Francisco und bereitet gerade ihren nächsten Film vor.

Filme

Around The World in Eighty Days, 1991
Blue Moon, 2002
Heavy Burschi, 2005
Ritchie, 2013

In Development

Crazy Day
Speisewagen/Dining Car
Channel 8


Bücher

Fragen Sie Frau Andrea, Falter Verlag, 2003
Die österreichische Oberfläche, Residenz Verlag, 2007
Boboville, Residenz Verlag, 2008
Channel 8, Residenz Verlag, 2010
Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen, Metroverlag, 2012
Aufnahme und Auswahl, Diss., Univ. f. angewandte Kunst, 2014
So geht Wien! Metroverlag, 2016


Jury Member

2003 International Filmfestival Zlin
2003 International Filmfestival Innsbruck
2004 Diagonale Graz, Grosser Preis
2004 Academy Awards, Oscar, Category Foreign Film, Austria
2004 Viennale, Wiener Filmpreis
2005 ÖFI, Austrian Film Institute, Auswahlkommission
2015, 2016 Diplomkommission Angewandte

Biografie ::: Andrea Maria Dusl

Crewinformatie – Dusl, Andrea Maria

Andrea Maria Dusl is de dochter van Erwin H. Dusl, een Oostenrijkse architect en van Monica Dusl-Jüllig een geboren Zweedse uit een zeemansfamilie.

Ze volgde de masterclass in decorontwerp aan de Weense Academie voor schone kunsten. In 1985 behaalde ze daarvoor haar diploma. Vervolgens was ze werkzaam als decorontwerpster en produktieassistente voor verschillende Oostenrijkse theaters waaronder het Burgtheater/Akademietheater (alwaar ze met George Tabori and Ignaz Kirchner samenwerkte), het Theater an der Wien, het Theater in der Josefstadt, het Raimundtheater, en de Weense Staats Opera.

Vanaf 1985 schreef en illustreerde ze regelmatig voor de Oostenrijkse geillustreerde pers. In 1996 begon Andrea met het schrijven van een column voor het bekende Oostenrijkse kunsttijdschrift, Falter.
Tussen 1993 en 1997 studeerde ze medicijnen in Wenen.

Na zes korte films, onder de titel Around the World in Eighty Days (Oostenrijk 1989/91) is Blue Moon (2002), haar eerste lange speelfilm.
Deze crew is voor het laatst bijgewerkt op 2003-12-22 door Chris van Rooijen.