Bezirksamt

DRAMOLETT

Bezirksamt, grüne Bezirksvorsteherin. Ich komme vom Wahllokal, will zum Pickerlreferat. Aus dem Foyer ein Ruf.

Stiller: Wohin?

Drei junge Männer hinter großen Tischen: Ein Stiller, ein Unscheinbarer und ein Knecht, Typ “Security Bobolokal”. Keine Corona-Masken.

Ich (durch die Maske): Pickerl.

Boboknecht: Was?

Ich (laut): Park Raum Bewirtschaftung. Pickerl.

Stiller: Geht nicht. Kann man nicht hin.

Ich (laut): Wieso? Ich war grad dort. Am Weg vom Lift.

Stiller: Da ist jetzt zuviel los.

Ich (laut): Da war nichts los.

Stiller: Da ist jetzt zuviel los. Da sind jetzt zuviele drin. Ausserdem sind zwei krank.

Ich (laut): Ich muss nur was fragen.

Boboknecht: Was müssen sie fragen?

Ich (laut): Ob mein Pickerl noch aktuell ist, oder ob sie wieder vergessen haben, mir den Zahlschein zuzuschicken.

Boboknecht: (händigt mir Zettel aus) Sie brauchen Anmeldung.

Ich (laut): Wo kann ich mich anmelden? (schaue auf Zettel mit Kontaktdaten des Referats Parkraumbewirtschaft).

Boboknecht: Anmelden geht telefonisch. Aber es wird niemand abheben.

Ich (laut, zum Stillen): Was soll das? Erst sagen sie mir, es ist grad viel los, deswegen kann ich nicht vorsprechen, dann sagen sie, man kann gar nicht vorsprechen, wegen Corona, und anrufen kann man zwar, es wird aber niemand abheben. Was ist das für eine Auskunft?

Boboknecht: Schreien sie nicht.

Ich (sehr laut): Ich schreie, wann ich will, ausserdem schreie ich, weil Sie mich mit Maske nicht verstehen. Sie können auch schreien, ich hab da nichts dagegen.

Boboknecht Wenn Sie schreien, rede ich mit ihnen nicht. Ich wollte ihnen einen Vorschlag machen.

Ich: Dann machen sie mir einen Vorschlag.

Boboknecht: Jetzt nicht mehr.

Ich (laut): Was soll das, wird das eine Machtdemonstration?

Boboknecht: Was bin ich, bin ich Regierung?

Ich: Nein, sie sind hier zuständig für Auskunft. Ich muss unter Umständen Strafe zahlen, wenn ich das Parkpickerl nicht verlängere. Verstehen sie das? Und sie machen hier Spiele und kosten ihre Macht aus.

Boboknecht: Ich rede nicht mit ihnen, wenn sie schreien.

Ich: Geben Sie mir jetzt Auskunft? Sie wollten mir einen Vorschlag machen. Machen Sie mir bitte einen Vorschlag.

Boboknecht: Nein, zu spät.

Ich: Wie, zu spät? Was soll das? Sie sind doch für die Bürger da.

Boboknecht: Zu spät.

Ich: Was ist das für ein Spiel?

Boboknecht: Wenn Sie nicht geschrien hätten, hätte ich ihnen einen Tipp gegeben.

Ich: Wie heißen sie?

Boboknecht: Datenschutz.

Ich: Zeigen sie mir den Dienstausweis.

Boboknecht: (schweigt).

Ich: Wie heißt Ihr Vorgesetzter?

Boboknecht: Bezirksvorsteher.

Ich: (gehe ungehindert Richtung Lift, wo auch das Pickerl-Referat läge, kehre aber um, weil der Satz mit dem Bezirksvorsteher ja ein Leger war, die Bezirksvorsteherin ist ja jetzt sicher nicht da.)

Ich: Sie haben doch einen unmittelbaren Vorgesetzten.

Boboknecht: Nein.

Ich: (wieder zurück bei den Tischen der Jungmänner): Was machen Sie hier eigentlich?

Stiller: Wir schauen, dass keiner hier reingeht ohne Maske.

Ich: Warum haben SIE keine Masken auf?

Boboknecht: Müssen wir nicht. (Maske liegt vor ihm). Geben Sie mir ihren Ausweis.

Ich: Zeigen Sie mir vorher ihren.

Boboknecht: Nein.

Ich: Sie werden Beton bekommen.

Boboknecht: (lacht) Sicher nicht.

Ich: Wieso brauchen sie meinen Ausweis?

Boboknecht: Ich gehe für sie rein, und mache einen Termin für sie aus.

Ich: Ich dachte, es ist niemand da. Und niemand darf rein?

Boboknecht: Ich darf.

Ich: Sie können doch für mich nicht einen Termin ausmachen! Sie kennen doch meinen Terminkalender nicht. Einen Termin kann ich nur selber ausmachen.

Boboknecht: Also sie wollen nicht.

Ich: Schon wieder so eine Machtdemonstration. Ich werde mich beschweren. Wenn sie mir Ihre Dienstnummer und ihren Namen nicht geben, werde ich ein Foto von Ihnen machen.

(hole mein Handy raus, mache KEIN Foto.)

Boboknecht: (baut sich vor mir auf, 2cm, keine Maske, drängt mich Richtung Ausgangstreppe): Verlassen Sie das Bezirksamt. Hau ab hier.

Ich gehe wortlos, ohne Information, ohne Vorsprachetermin, mit einem Datenzettel, der wertlos ist. Am Weg nach Hause rufe ich die Nummern am Zettel an: Niemand hebt ab.

VORHANG.

1. August 1976

Am Sonntag, den 1. August 1976, zwischen 4:53 Uhr und 4:55 Uhr, also vor genau dingsundvierzig Jahren und fünfzehn Stunden stürzte die Wiener Reichsbrücke ein. Mit großer Wahrscheinlichkeit das Ergebnis einer „haaßen Arbeit“. Am selben Tag wurde Schnellfahrer Niki Lauda Opfer eines ebenso heißen Ereignis. Ich erfuhr von beiden Vorkommnissen, während ich mit meinem Vater in Gumpoldskirchen beim Weinfest saß. Auf einem Heurigenbankerl in der Wiener Straße. Es gab Brathendl. Vater trank Gumpoldkrichner, ich Fanta. Reichsbrücke und Niki Lauda machten nach Wiederherstellung weiter. Lauda war natürlich auch dabei schneller.

Restaurant Seidl

Heute Nacht geträumt, ich wäre mit Freundinnen und Freunden, allesamt Burgtheaterschauspielerinnen mit Auftrittsverbot in einer Stadt am Meer gewesen, die aber aussah, wie eine Mischung aus Rimini, Berlin Mitte, Naschmarkt und Karmeliterviertel. Wir lungerten im Schanigarten einer Coronabar unter großen Sonnensegeln und frühstückten gelangweilt, ohne Perspektive. Das Lokal wurde von Kollegen Ulrich Seidl geführt, der im Traum rote Haare und Sommersprossen hatte, und etwas dick war, jedenfalls aber eine Kochschürze mit dem eingestickten Logo „Seidl Restaurant“ trug. Er kam raus, um die Speisekarten zu verteilen. Dabei nahm er mich zur Seite und gab mir eine Speisekarte zu lesen, in die er mit Bleistift Sachen gekritzelt hatte, die nur für mich gedacht waren. Eine Art Motivationsschreiben. Mit mahnendem Blick forderte er mich auf, filmisch weiterzumachen, ein bisschen gehetzt und müde war er dabei. In die Speisekarte eingelegt war zudem der Zeitungsausschnitt eines Boulevardblatts, in dem ich zusammen mit noch wem (keine Ahnung wer), und mit Kollegen Nikolaus Geyrhalter namentlich erwähnt wurde. Inhalt der Meldung war, dass die Filmbranche am Boden liege, und nicht mal wir drei was von uns gäben.

DNA Test

Ich habe in den US of A eine DNA-Analyse von mir machen lassen (don’t try this at home!) und nach der bin ich zu 44% Hunter-Gatherer, zu 43% Farmer und zu 14% Metal Age Invader. Letzteres beruhigt und beunruhigt mich gleichzeitig.

Ethnisch (heikles Terrain) bin ich zu 99% Europäerin, zu 69% West- und Zentraleuropäerin, zu 26% Osteuropäerin und sehr seltsam: zu 4% Finnin. 

Als Cousins 3-5. Grades (niemand näherer) werden durchwegs mir völlig unbekannte Finnen, Schotten und Schweden gelistet. Nur einer ist dabei, den ich tatsächlich kenne. Keine Osteuropäer, keine Westeuropäer, keine Mitteleuropäer, keine Balkanos. Irgendwas stimmt da nicht. Es sei denn, ich wurde in der finnischen Botschaft in Paris ausgetauscht. Ich muss mal mit meinen Eltern sprechen. Leider sind sie schon tot.  

Vier Stunden gegen 12 Stunden – Demo am 30.6.2018

Comandantina ©Tano Bojankin
Comandantina ©Julya Rabinovich
Comandantina Fahne ©Andrea Quatember @AndreaQuatember
Comandantina und Julya Rabinovich. ©Sonja Kato-Mailath @sonjakato
Comandantina und Julya Rabinovich. ©Sonja Kato-Mailath @sonjakato

Straßenbahn

Dramolett.

Straßenbahnstation Ring-Börse. Frühling,
Samstagmittag vor dem Stadt-Marathon.

Wientouristin aus dem Schwabenland (starker schwäbischer Dialekt): Ach entschuldige sie mal, wann geht hier die Straßabahn?

Wienerin (ich): Da müssens da oben auf die Anzeigetafel schauen. Da oben, göb. Da steht immer ois, auf die Minute genau.

Wientouristin aus dem Schwabenland: Es ist aber aine Veranschdaltung.

Wienerin: Sie können trotzdem auf der Anzeigetafel da oben lesen, was los ist, wann was kommt. Ob überhaupt wos kommt. Mehr weiß ich auch nicht.

Wientouristin aus dem Schwabenland schaut nicht auf die Tafel: Jaja.

Wienerin: Was is, sans jetz beleidigt?

Wientouristin aus dem Schwabenland: Nainnain.

Wienerin geht weiter, entdeckt Informationstafel über Umleitungen wegen Veranstaltung: Da schauns her, da steht alles!

Wientouristin aus dem Schwabenland (unbeeindruckt): Jaja.

Wienerin: Was sans’n so ignorant?

Wientouristin aus dem Schwabenland sagt nichts.

Wienerin (schon aus der Ferne): Na daun woatst hoid.

Erz, Berg, Gummi, Löcher

Nachwort zum Gedichtband ‚breaking poems‘ von Stephan Eibel Erzberg

Andrea Maria Dusl, 26.1.2018

Stephan Eibel Erzberg trat mehrmals in mein Leben. Er schritt. Er raste. Er stürmte. Er sprang. Alle eibelschen Eintritte in mein Leben haben sich in eine Erinnerung verdichtet, die sich vor dem Café Bräunerhof in Wien zutrug und neben den Protagonisten Erzberg und Dusl auch einen Kinderwagen und ein Fahrrad als Requisiten aufbrachte. Zentrales Moment dieser Erinnerungverdichtung ist jene eidottergelbe Schauwand, mit der das Café Bräunerhof außen bekachelt ist. Im Lichte dieser Kachelwand strahlen die Gesichter Begegnender doppelt hell. Die krokusfadengelbe Bräunerhofwand erzeugt Damaskuserlebnisse.

Wer von uns beiden das Rad schob und wer den Kinderwagen, ist mir nicht direkt erinnerlich, Rahmen und Gestelle der beiden Gefährte schieben sich im Wachrufen der Ereignisse zu einem eisernen Kontinuum. Das liegt auch und gerade daran, dass sich die Gegenwart in der Anwesenheit von Stephan Eibel Erzberg zu einer Singularität zusammenschiebt. Es gibt niemals ein Gestern oder ein Morgen in archimontanen Begegnungen. Alles ist glückendes Jetzt. Zurück an den Faden. Möglicherweise war Stephan Eibel Erzberg auch mit beiden Transportgestellen, dem Fahrrad und dem Kinderwagen unterwegs. Ich wäre in diesem Falle glückliche Eigentümerin poetischen Trugs. Aber auch die verdichtete Erinnerung ist verlässliche Gefährtin der Genauigkeit. Sie schiebt die Dinge zu Wahrhaftigkeit zusammen.

Die Pfeilspitze der Begegnung zwischen und Eibel und Dusl war ein tiefer freudiger Schrei. Etwas, das nach „joh“, „nah“, am ehesten aber als Verschmelzung dieser Laute in meine Sinnschale schoss. Eibel sprang mit diesem Schrei, der das Wesen einer Umarmung hatte (und eine solche wohl auch körperlich war) auf mich. Direkt aus seiner Produktion des Fahrrad-Kinderwagen-Kontinuums. Dieser Moment löschte alle Momente aus, die sich in zeitlicher und emotioneller Umgebung befanden. Erodierte und radierte alles bis auf die Begegnung vor der dottergelben Bräunerhofwand. Zehn Jahre davor und zehn Jahre danach wurden ausgelöscht von der Kraft der stattfindenden Unmittelbarkeit. Augenblicklich. „Bwou“ schrie Eibel und sprang mich an wie ein kluges Tier aus Weisheit und Liebe und führte aus, was ihm am Herzen lag: „Ein Gedicht“. Stephan Eibel Erzberg schrie mir ein Gedicht in die Seele, wie ich noch nie eines gehört hatte. Es schrieb sich ins Hier und Jetzt wie kein Gedicht je zuvor, wie nichts Gedachtes je, es war singulär, eine Ahnung des Ewigen, nein, sein Ausweis. In einem kleinen Kämmerchen im Palast meines Glücks schrieb eine Zeugin Hermeneutisches mit: Ich brauche keine Gedichte mehr aus der Kiste der Einsamkeit, sagte es in mir, als das Eibelsche Gedicht gerade verhallte, keine Lyrik aus dem Zärtlichkeitskarton, keine Poetik aus der Rock ’n’ Roll-Tasche. Ich brauche, das dachte ich und denke es seither, nur Solches. Gedichte aus dem Jetzt, aus dem Mund des auf mich springenden Erzbergs. Gewiss, mich haben schon andere Gedichte berührt in diesem Leben, davor und danach. Aber keines und keine sind vom Berg, an dem Eibel schürft. Eisen aus Gold. Gold aus Gedichten. Und kein Dichter dieses Planeten hat mich während des poetischen Berühung auch tatsächlich berührt. Das kann nur Stephan Eibel Erzberg.

Eines Tages werde ich ein Theaterstück schreiben, das vor jener herrenlulugelben Bräunerhofkachelwand spielt, an der mich Stephan Eibel Erzberg mit der Großartigkeit infizierte. Meister Erzberg produziert Großartiges. Großartige Gedichte, großartige Gedanken, großartige Begegnungen. Sein Schatten hinterlässt großartige Ideen. Heldenhaft aufmüpfige. Haltlos dauerhafte. Handfest gegenwärtige.

Dazu muß man nicht wissen, dass Stephan Eibel Erzberg und mich eine spezielle Deformation verbindet – das ins Steiermärkische Gerissene. Jede Begegnung mit Stephan Eibel Erzberg ist auch jene (fiktive) Begegnung, in der wir beide noch steirische Schulkinder sind, die auf steirischen Puch-Fahrrädern sitzen, deren Sättel so weit hinuntergeschraubt sind, dass sich auch mit steirischen Kinderbeinen noch die Pedale erreichen lassen. Die Pedale wohlgemerkt, nicht aber die steirische Landstrasse. Ein Stratum aus Steinchen und hellgrauem Aphalt, darin der steirische Winter kürbishälftengroße Löcher gerissen hat, in denen sich winzige Lacken aus Mopedreifengummi, Zweitakterruß und Kernölhusten sedimentiert haben.

In der Beschreibung dieser Bilder ist nicht störend, dass sich die eine Straße im salzigen Aussee befindet und die andere im rostigen Eisenerz. Auf steirischen Straßen und steirischen Fahrräder fahrend kommt man jederzeit vom einen zum anderen Bergarbeiterstädtchen. In Gedanken sowieso. Zur Begegnung. Auf den wackeligen Packlträgern der Puchradln ist stets die Schultasche festgeschnallt, die Legitimation für die Welterkundung, mit einem hakenendigen Gummi, der soviel Kraft hat, dass sein Losschnalzen jederzeit in die Bewusslosigkeit führen kann. Die Schultasche ist aus Rindsleder genäht, riecht nach Schule und mit etwas Glück, das in den Straßenlöchern aufgetunkt wird, nach der Weite jenseits allen Steiermärkischen. Das größte, das heilige Glück aber verdichtet sich in jenem ovalen Aufkleber, ohne den eine steirische Schultasche der Sechzigerjahre nicht komplett war: Ein Werbeaufkleber der Motorenölkompanie STP. Kein steirisches Kind dieser Zeit wusste, was das Kürzel bedeutete. Aber allen steirischen Schulkindern standen diese Buchstaben wie Heilige Zeichen vor Augen. Stets und immerdar. Auch den Kindern Eibel und Dusl. Die Heiligkeit dieser Buchstaben, sie übertraf jederzeit jene von IHS und ÖVP hat gewiss in Stephan Eibel Erzberg die milde Zuneigung für die Kleinschreibung ausgelöst. Denn nichts anderes konnte neben STP je groß geschrieben werden. Sollte Eibel Erzberg andere Gründe für seine Minuskulophilie anführen, werde ich sie ihm nicht glauben. Alles andere glaube ich Stephan Eibel Erzberg jederzeit. Er ist der einzige Schreibende, dessen Schriften, der einzige Dichter, dessen Gedichte ich jederzeit und immerdar glaube. Sie sind in Wahrhaftigkeit getränkt und in der Ewigkeit des Jetzt.

Dies alles werde ich in einem Theaterstück bekennen, das vor einer sinalcofarbenen Kachelwand vor dem Café Bräunerhof im fernen salzigrostigen Wien spielt, das seine Kraft und Heiligkeit einzig den Begegnungen und Bewegungen verdankt, die von Dichtern wie Stephan Eibel Erzberg erzeugt werden. Er hat sich alles ausgedacht, Aussee, Eisenerz, Wien. Das Bräunerhof. Mich. Alles ein Gedicht.

ein gedicht.

Seltsamer Traum

Seltsamer Traum. In einem Hotel in der Provinz begegneten einander Madonna (Louise Ciccone) und ich. Vor einem Auftritt. Es ergab sich eine Melange aus Seelenverwandtschaft, Bewunderung des jeweilig Fremden und manifester körperlicher Anziehung. Es barg alle Verstörungen einer Affäre. Sehr seltsam. Weder höre ich Madonna noch tat ich das je absichtlich. (In Aussertraumland.) Undeutlich war das Setting in einer Art oberösterreichisiertem Kärnten verortet. Eine der Kellnerinnen des Hotels erzählte, sie sei in ihrer Jugend schreibend für den Residenzverlag tätig gewesen. Madonna war in mich verknallt, dies aber sehr verhalten, von gespielten Gleichgültigkeiten durchmischt. Sie sprach ausgezeichnet Deutsch, verbarg dies aber vor ihrem Personal.

AMD, FB 23. Januar 2018 12:04

Hans Hurch.

„Sehr schön haben sie es gemacht, die Leinwand steht schön, viel Aufmerksamkeit, Filmarchiv, Filme, betrunken, muss bleiben, noch, ja, Archiv, Filme, Stadt, Signal jetzt schlecht. Ist Hurch herum? Hurch? Hurch herum, er wird doch was sagen, Hurch, Hans Hurch. Verstehe nur Hurch, genau, Hurch, Hans Hurch, wird er reden? Sehe ihn nicht. Er wird wohl reden.

Hans Hurch hatte das Reden bei den Katholiken gelernt, deswegen sprach er auch wie ein Pfarrer. Hurch, Bobovilleurgestein, in die Stadt gekommen, als Boboville noch aus drei Stühlen bestand und einem Regal.

Hurch darf bei mir alles, dachte es in mir, pfäffisch reden, einen Mullahbart tragen und existenzielles Schwarz, Hurch darf bei mir alles, denn er hat meinen Film gezeigt. Auf dem dicken Festival, meinen ersten Film, nie hätte ich darauf gehofft, aber er hatte es getan. Meinen Film gezeigt, ohne mich zu kennen, ohne Freundschaft oder Liebe, weil er den Film gesehen hatte. Auf dem Rad hatte er gesessen, in Locarno. Habe den Film gesehen, hatte er wackelig gesagt, der Schweiß war in Strömen aus seiner schwarzen Klu gelaufen, werde ihn zeigen. Den Film. Deswegen darf Hurch alles. Wenn Hurch mal in der Patsche sitzt, werde ich kommen, die Hand reichen und Hurch aus der Patsche ziehen. Hat mir geholfen, Hurch darf alles, werde ich dann sagen, Mullahbart hin, schwarze Kluft her, Hurch darf das, pfäffisch reden und in Rätseln, Freunde nicht mögen, ungerecht sein. Hurch darf.

Er sah aus wie ein spanischer Grande, den zwei Zeitmaschinen in der Mangel gehabt hatten, eine hatte den Hurghe-Duque aus Medina-Sidonia gebeamt, aus der ältesten Stadt Europas, mitten aufs Land, in ein kleines Poughkeepsie, wo sie Käse reifen lassen und Cinematophilie. Eine zweite Zeitmaschine hatte Hurch als einen der ersten aus dem Käsepoughkeepsie ins Protoboboville expediert. Protobobovillains wie Hurch tragen ihr Leben lang Schwarz. Am Schwarz ihrer Couture ist Sartre schuld. Und Camus. Hurch darf schon deswegen alles, weil ich die Schwarztragenden schätze. Als Atheisten sind sie mir lieber, ich gebe es zu, aber Hurch darf alles, darf auch pfäffisch sein und den Katholiken in sich schüren. Sogar das Kloster ließe ich ihm durchgehen, er darf alles. Schwarzgekleidet, mit dukalem Bart, das Kino im Herzen, hat er, Hurch, Boboville erbaut. Nicht alleine, gewiss, und keine einzige Farbe hat er angerührt. Für die Farbe haben mein Bäcker gesorgt und die kitrauchenden Bauerntöchter, die Bergaufschuhe vertrieben und Kristalle auflegten und John McLaughlin auf ihren Plattenteller legten und mit dem Further nach Haight-Ashbury pendelten.

Hurch hatte sich noch nicht gezeigt, am Bobovillegartenspitz, aber auch das durfte er, Hurch durfte alles.“

Aus: Dusl, Andrea Maria: Boboville, Wien, 2008, pagg. 137f.

Schmetterlinge, Schmauch, Sofa

Vorwort zu meinem nächsten Buch: „Wien wirklich“, (Metroverlag, Herbst 2017):

Im Dezember 1971 fasste der Weltgeist prägende Bestandteile meines Daseins in gleichzeitig Geschehendem zusammen. Keinen der Akteure habe ich jemals persönlich kennengelernt. Und auch der Ort der Handlungen will noch von mir erforscht werden: Montreux am Schweizer Lac Leman. Dort spielte ein gewisser Ritchie Blackmore, nervöser Gitarrist der englischen Rockgruppe Deep Purple, das Riff zur Hymne des Jahrhunderts ein: „Smoke on the Water“. Mit dem Rolling Stones Mobile Truck, einem fahrbaren Aufnahmestudio – im legendären Kleintheater „Pavillon“. Der Rest des Albums wurde in den Gängen und Treppenhäusern des leerstehenden Montreux Grand Hotels aufgenommen. Hinter Matratzenwänden, in der hallenden Leere vergangener Glorie. Die beiden Locations dienten als Ausweichquartiere, nachdem das ursprünglich für die Schallplatten-Aufnahmen angemietete Casino Montreux während eines Frank-Zappa-Konzerts von der Leuchtpistole eines Schweizer Fans abgefackelt worden war. Der Arbeitstitel für die epochale Tonfolge war „Title nº1“, nach anderen Quellen schlicht „Drrr Drrr Drrr“. Die Inspiration der einzigen Melodiefolge, die selbst Unbegabte auf einer Gitarre zu intonieren sich erlauben, will Ritchie Blackmore dem Anfangsmotiv von Beethovens 5ter extrahiert haben. Der Text des Songs bezieht sich auf den erwähnten Brand des Casinos am 4. Dezember 1971. Den Titel „Smoke on the Water“ soll Deep-Purple-Bassist Roger Glover ein paar Tage später im Traum erfahren haben.

Die akustischen und optischen Echos der geschilderten Vorkommnisse wurden von dritter Seite mit kritischem Unbehagen wahrgenommen. Auf der Terrasse seiner Suite im Montreux Palace Hotel stand der große Petersburger Vladimir Nabokov. Was er hörte, gefiel ihm nicht. Laute Rockmusik anglosächsischer Proletarier (Nabokov hielt den Lärm für „Jazz“), von den frühen Winterwinden durch den mondänen Ort und über den See getragen. Auch was er sah, muss den scheuen Autor irritiert haben: Feuer, Rauch, Langhaarige, Panik. Chaos im Panorama der Nabokovschen Ordnung.

Es ist nicht bekannt, ob die drei erwähnten Protagonisten der geschilderten Vorkommnisse einander am Ort des Geschehens begegnet sind. Ich jedenfalls saß in der ersten Klasse des Gymnasiums in der Wiener Wasagasse und träumte den vergangenen Sommer nach. Fern der Geschehnisse in Montreux war ich diesen doch ganz nah. Und mehr noch ihrem Personal: Dem aristokratischen Gestus des Schmetterlingsfängers Nabokov, der kritischen Pedanterie des Bürgerschrecks und Welt-Tschuschen Frank Zappa und der entrückten Manie des Rockproleten Ritchie Blackmore. Wie gut kannte ich deren Befindlichkeiten und Beweggründe aus meiner eigenen Familie! Dieses explosive Gemisch aus Kunst und Krach, Schreiben und Schweigen. Wie der dauerentwurzelte Nabokov war ich mit dem Botanisieren schöner Fluginsekten infiziert worden. Und mit dem Aufschreiben von Erfundenem. Wie Franz Zappa suchte ich die Dämonen der Bürgerlichkeit mit satirischer Anarchie zu bekämpfen, wie Ritchie Blackmore verlor ich mich im Handwerk des Gitarrespielens und in den Arabesken der Melancholie.

Der vorliegende Band handelt von Gleichzeitigkeiten und will nicht mehr sein als eine Botanisiertrommel, in der ich schillernde Schmetterlinge gesammelt habe und auch den einen oder anderen Käfer. Wiener Schmetterlinge und Wiener Käfer. Vieles in der Wiese Wien will noch gefunden werden und auch die Frage nach der Legitimität des Botanisierens darf gestellt werden. Hier kann Frank Zappa antworten, dessen Musik das Schreiben dieser Sammlung begleitet hat: „You are what you is.“

Oder genauer:

„Ich bin der Himmel
Ich bin das Wasser
Ich bin der Dreck unter deinen Walzen
Ich bin dein geheimer Schmutz
Und verlorenes Metallgeld
(Metallgeld)
unter deiner Ritze
Ich bin in deinen Ritzen und Schlitzen
Ich bin Wolken
Ich bin die Stick[erei]
Ich bin der Autor aller Felgen
Und Damast-Paspeln
Ich bin der Chrome-Dinette
Ich bin der Chrome-Dinette
Ich bin Eier aller Arten
Ich bin alle Tage und Nächte
Ich bin alle Tage und Nächte
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!
Ich bin hier 
Und du bist mein Sofa!“

Frank Zappa & The Mothers
The Sofa Suite (Live at Montreux Casino, 4th December 1971)

Unser seliger Vater war zu Neujahr nie zu Hause

Unser seliger Vater war zu Neujahr nie zu Hause. Er saß jahrzehntelang im Neujahrskonzert im Goldenen Saal. In der Balkonloge oben rechts. Er hatte einen Deal mit einem der Billeteure. Der stellte ihm für 30 Schilling einen Zusatzstuhl hin. Wenn das Parkett sich freigehustet hatte für den Auftakt von Boskovsky und Nachfolgern.

Tee mit Leibniz

Gmunden ist eine Kleinstadt in Oberösterreich, es ist, wenn man so will, das Genf des Salzkammerguts. Gmunden unterschiede sich trotz seiner splendiden Lage am schönen Traunsee nicht weiter von Nestern seines Kalibers, wäre es nicht auch das Exil der Exkönige von England.

Die Exkönige von Hannover, von Großbritannien und von Irland, Herzöge von Braunschweig und Lüneburg und Dukes of Cumberland sind dem deutschen Publikum unter ihrem Familiennamen „Welfen“ bekannt und leben seit ihrer Exilierung aus dem British Empire, von der Yellowpress relativ unbeachtet, in dem verträumten Städtchen am Traunsee. Als Buckingham Palace von Gmunden diente ihnen ab 1866 die komfortable „Villa Cumberland“, heute tut es auch die etwas bescheidenere „Cöniginvilla“.

In der Gmundner Cöniginvilla ging mein Freund Conrad ein und aus. Das war in den 1960ern. Conrad war mit den Royal Highnesses, den Herzögen von Hannover, befreundet, ja, er war schon fast so was wie ein Teil der Familie geworden, und er unterrichtete die Sprösse des Hauses, die beiden Welfenherzöge Ernst August und seinen jüngeren Bruder Ludwig Ernst, in der Sprache Voltaires. Erster sollte später als „Haugust“ und Ehemann der monegassischen Prinzessin bekannt werden.

Weil nun die Welfen einerseits exilierte Könige von Hannover, andererseits aber legitime Exilregenten von England waren, kam es bisweilen zu schizophrenen Situationen. Die Ironie des Familienschicksals ließ es nicht zu, bei Fußballmatches Deutschland gegen England eine der beiden Mannschaften gegenüber der anderen zu favorisieren. Bei Deutschland-England jubelten die Welfen also bei jedem Tor, völlig unabhängig davon, welche Mannschaft es gerade erzielt hatte.

In der Cöniginvilla trank man traditionell „Calenberg-Tea“, ein Getränk, das Herzogin Ortrud, eine geborene Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Glücksburg-Sonderburg, kreiert hatte und das auch Gästen gerne und oft gereicht wurde. Calenberg-Tea war aber kein Tee, sondern unverdünnter Whiskey aus dem Supermarkt, der aus Gründen der Etikette in feinem Teeporzellan und stets und ausschließlich zur Teatime serviert wurde.

Fünf Uhr hieß bei den Hannovers deshalb auch schlicht und einfach „Calenberg-Time“. Schlag fünf unterbrach der alte Welfenherzog Ernst August, was immer er auch gerade tat, und näselte mit durstiger Stimme: “It is Calenberg time!“ 

An einem dieser Nachmittage saß mein Freund Conrad mit den königlichen Hoheiten zu Teetische. Man sprach über dies und sprach über das, und irgendwann bekam die Konversation eine naturwissenschaftliche Färbung. Man plauderte erst über Äpfel, dann über Newton, und während man ausgiebig am Calenberg-Tea nippte, griff jemand nach einem Keks, und es kam die Rede auf Gottfried Wilhelm Leibniz.

Und als der Name des deutschen Philosophen fiel, guckte der kleine Herzog Ludwig Ernst, gerade mal acht Jahre alt, von seiner Tasse Calenberg-Tea auf und hauchte altklug: „Leibniz, hat der nich auch mal für uns gearbeitet?“

Aus: Andrea Maria Dusl: Fragen Sie Frau Andrea, Falterverlag, 2003, pagg. 181f.

Douglas Adams‘ legendäre Cookies-Geschichte

Douglas Adams describes why you never want to share a table with a stranger (Late Night with David Letterman, 14 February 1985):

„This actually did happen to a real person, and the real person is me. I had gone to catch a train. This was April 1976, in Cambridge, U.K. I was a bit early for the train. I’d gotten the time of the train wrong. I went to get myself a newspaper to do the crossword, and a cup of coffee and a packet of cookies. I went and sat at a table. I want you to picture the scene. It’s very important that you get this very clear in your mind. Here’s the table, newspaper, cup of coffee, packet of cookies. There’s a guy sitting opposite me, perfectly ordinary-looking guy wearing a business suit, carrying a briefcase. It didn’t look like he was going to do anything weird. What he did was this: he suddenly leaned across, picked up the packet of cookies, tore it open, took one out, and ate it.

Now this, I have to say, is the sort of thing the British are very bad at dealing with. There’s nothing in our background, upbringing, or education that teaches you how to deal with someone who in broad daylight has just stolen your cookies. You know what would happen if this had been South Central Los Angeles. There would have very quickly been gunfire, helicopters coming in, CNN, you know… But in the end, I did what any red-blooded Englishman would do: I ignored it. And I stared at the newspaper, took a sip of coffee, tried to do aclue in the newspaper, couldn’t do anything, and thought, What am I going to do?

In the end I thought Nothing for it, I’ll just have to go for it, and I tried very hard not to notice the fact that the packet was already mysteriously opened. I took out a cookie for myself. I thought, That settled him. But it hadn’t because a moment or two later he did it again. He took another cookie. Having not mentioned it the first time, it was somehow even harder to raise the subject the second time around. “Excuse me, I couldn’t help but notice…” I mean, it doesn’t really work.

We went through the whole packet like this. When I say the whole packet, I mean there were only about eight cookies, but it felt like a lifetime. He took one, I took one, he took one, I took one. Finally, when we got to the end, he stood up and walked away. Well, we exchanged meaningful looks, then he walked away, and I breathed a sigh of relief and st back.

A moment or two later the train was coming in, so I tossed back the rest of my coffee, stood up, picked up the newspaper, and underneath the newspaper were my cookies. The thing I like particularly about this story is the sensation that somewhere in England there has been wandering around for the last quarter-century a perfectly ordinary guy who’s had the same exact story, only he doesn’t have the punch line.“

Muhammed Ali

„Ich bin Boxer. Halbschwergewicht. Aber meine Zeit ist vorbei. Vorbei, bevor sie begonnen hat. Ich will den König besuchen. Er wohnt in Michigan. Hinter der Ampel, der einen Ampel, die sie haben in Berrien Springs, Michigan, Postleitzahl 49103. Hinter der Ampel links, dann die schmale Allee runter bis zum Ende. Dort ist sein Haus, ein weißes Farmhaus, die Scheune, die Bäume, der Teich. Kann man auf den St. Joseph sehen von dort. Dort lebt der König der Welt. 8105 Kephart Lane, Berrien Springs, Michigan. Mein Vorbild, mein Held, der König der Welt. Ich werde anklopfen, Guten Tag sagen, hier bin ich, Rotor! Lehre mich zu tanzen wie der Schmetterling, und ich werde dein Fahrer sein, ich, Rotor. Ich werde dich fahren. Wohin du willst, wann immer du willst. Ich, Rotor, der Minderste. Und dann werde ich ihn bitten, während der dreiunddreißigsten Fahrt wird das sein, mir den Traum zu erzählen, den der Schmetterling hatte, als er am Boden lag, zertreten zu Staub. Dann wird mir der König seinen Traum erzählen, den er hatte, als er noch ein Rotor war. Als er angeschlagen am Boden lag und sah, wie er gefangen war in einem Roten Raum. Er wird mir erzählen, wie die Alligatoren Gitarre spielten, wie die Bären Trompete bliesen. Er wird mir erzählen, wie er den Zauberer sah, an der Wand hängen, auf einem Kleiderbügel. Wie er in das Kostüm des Zauberers schlüpfe, den Raum verließ, zu sich kam und den Kampf gewann. Danach werde ich ihn fragen, während der dreiunddreißigsten Fahrt, den König der Welt, Muhammad Ali.“

Andrea Maria Dusl: Channel 8, Residenz, 2010, pagg. 111f.

Zur Frage des 1. Mai.

Vielfach wird die Bedeutung des Aufmarsches der Wiener Sozialdemokratie am 1. Mai falsch verstanden. Von Aussenstehenden, wohlwollenden wie übelwollenden, in der Regel aber neutralen, wird der Sternmarsch aus den Bezirken und Sektionen Wiens zum Rathausplatz als Huldigung der Stadtspitze, der Gewerkschaft und (so der Fall) des Bundeskanzlers verstanden. Wie wird das Ereignis wahrgenommen? Auf massiv erhöhter Tribüne stehen Auserkorene, winken mit roten Taschentüchern und freuen sich über die Einziehenden. Das ganze wird als seltsame Parade verstanden, die Traditionen des Vorbeimarsches an der Ehrentribüne am Roten Platz (i.e. der Balkon des Leninmausoleums) nacherzählt.
 
Es ist ganz anders. Auch Teilnehmende auf der Tribüne mögen das nicht in aller Konsequenz wissen.
 
In den Bezirken Wiens formiert sich die sozialdemokratische Basis, die Mitglieder und Bewegten von Sektionen, Organisationen, Vorfeldorganisationen, Verbänden, Fraktionen der SPÖ, in der Regel jener der Stadt. Unter Mitnahme ihrer Fahnen, von Transparenten und anderen Sichtbarkeiten marschieren Sie auf alten Routen Richtung Rathausplatz. Zu einem einzigen, gerne vergessenen Zweck: Dem Rathaus, also der Obrigkeit ihre Stärke zu zeigen. Gehuldigt wird nicht den dort stehenden, sondern einzig einer Idee, der Sozialdemokratie und ihren Werten. Und so heißt der 1-Mai-Aufmarsch auch „Demonstration“.
 
Wenn sich nun die Tribüne (oder ausgewählte Partizipierende dort) von den Zielen der Sozialdemokratie entfernt haben, wird das von der Basis sichtbar und hörbar kundgetan. Zugegeben, das geschah noch nicht so oft. Aber wenn es notwendig ist, geschieht es. Muss es geschehen.
 
Im Lichte dieser Erkenntnis war also dieser 1. Mai und die gellenden Pfiffe, Buhrufe und Schilderwälder für Werner Faymann und seine Prätorianer ein Zeichen der Stärke der Sozialdemokratie, nicht eines der Schwäche.
Freundschschaft!

Wassermair sucht den Notausgang XIII

Wassermair sucht den Notausgang – comandantina hilft dabei

Gespräch zu Politik und Kultur in Krisenzeiten
Sendetermin: Dienstag, 19. April 2016, 13.00 Uhr
Gast: Andrea Maria Dusl
Die Sendung war per Live-Stream auf dorf TV zu sehen und ist hier abrufbar: https://dorftv.at/video/24673

 

In der dreizehnten Ausgabe der Sendereihe auf dorf TV ist Andrea Maria Dusl zu Gast. Die Comandantina tritt gerne auch als Buchautorin, Kolumnistin, Zeichnerin, Filmemacherin und Kulturwissenschafterin in Erscheinung – und inspiriert damit politische und mentalitätsgeschichtliche Diskurse.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen u.a. Fragen, wie mit Veränderungswillen den politischen Realitäten am besten entgegentreten, inwieweit identitäre Volkstribune für die satirische Kritik eine Herausforderungs darstellen und warum die Sozialdemokratie noch immer Hoffnung auf Erneuerung verdient.

Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien; lebt in Wien und San Francisco; Bühnenbild-Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien; Dissertationsstudium der Philosophie an der Universität für Angewandte Kunst in Wien; Magistra Artium; Doktorin der Philosophie; Universitätslektorin an der Angewandten; Spielfilm: „Blue Moon“ (Locarno-Wettbewerb, 2001, Großer Diagonale-Preis); Publikationen: „Die österreichische Oberfläche“ (2007), „Boboville“ (2008), „Channel 8“ (2010), „Ins Hotel konnte ich ihn nicht mitnehmen“ (2012). „So geht Wien!“ (2016). Essays, Kolumnen und Zeichnungen v.a. für Falter, Standard, Salzburger Nachrichten.

http://wassermair.net/media/notausgang_190416/

https://dorftv.at/video/24673

 

Danke Heinz!

Badewitz02Der liebe Heinz Badewitz ist gestorben. Ich mochte ihn sehr gerne. Er war ein Kinomensch. Er war DER Kinomensch. Ich erinnere mich, wie ich mit ihm hinter dem Vorhang stand, in Hof, vor der Projektion meines Films. Er war mehr aufgeregt als ich. Wir lugten durch das kleine Loch im Vorhang, schauten auf das Publikum im Saal, wie eine Kamera in die Welt. Wer das nie gemacht hat, sollte es erleben. Danke Heinz Badewitz für Deine Liebe zum Film!

Zeitfrage

Ich habe mal, es ist schon 30 Jahre her, meine Zeichnungen an die große alte Tante ZEIT geschickt. Ich war jung und talentiert und ich glaubte an mich. Ich bekam dann (nicht gerade bald) Post von der ZEIT. Mit einem Schreiben: „Zeichnungen wie die Ihren können wir in unserer Zeitung eher nicht brauchen.“ Das hat weh getan. Sehr weh. So sehr, dass ich mir schwor: Sollte mich einmal jemand fragen von der ZEIT, würde ich antworten „Zeitungen wie die Ihre kann ich in meiner Vita eher nicht brauchen.“ Dabei war und bin ich sehr ungerecht mit der ZEIT, denn meine Zeichnungen kamen – Kuvert im Kuvert – unbetrachtet zurück, die Nachricht war ein Schimmelbrief. Egal. Meine Liebe war und ist erkaltet. Ich hatte die ZEIT nämlich gelesen. Und tue es noch immer akzidentiell. Obwohl ich den Guardian und die NYT lieber mag. Ich hab mal mit Paul Flora darüber gesprochen, was mit seinen ZEIT-Zeichnungen passiert ist, ober er die noch habe. Nein, habe er nicht, sagte Flora. „Angschirrt“ habe er sie, im Garten vor seinem Haus, angezündet, Alle. Im Gegensatz zur ZEIT habe ich Zeichnungen von Flora und er hatte welche von mir. Wir haben nämlich getauscht.

Wenn ich mich recht entsinne, entstand diese Zeichnung des Unendlichen Panoramas in dieser Zeit.

Das Dirigat

Seltsamer starker meschuggener Traum von übervorgestriger Nacht. Mir träumte ich sei mit Jill Mercedes​, Manfred Klimek​, Olga Susman​ und Lena Doppel​ an einem wichtigen Ort. Boston, MA, Turin, Lyon, sowas. Das Künstlerzimmer einer sehr großen Konzerthalle. „Du kannst das“, sagten sie und ich war nervös. Worum ging es? Es ging darum, das Boston Symphony Orchestra oder einen anderen großen Klangkörper in dieser Liga zu dirigieren. Zu dirigeren. Zu dirigieren. Ein großes Konzert, Mahler, Sibelius, Holst, sowas. Ich war sehr nervös, denn ich kann das nicht und ich war mir dessen auch im Traum bewusst. „Du kannst das, sagten sie“ und es gab kein Entkommen. Den Stab hatte ich dabei schon in der Hand.