Wien darf nicht Österreich werden!

Welchen Ursprung hat die Bezeichnung „Patzenlippel“? Wieso sagt man eigentlich, „der hod a Bankl grissen“, wenn jemand stirbt? Seit über 30 Jahren schreibt Andrea Maria Dusl für den Falter eine Kolumne, seit 24 Jahren heißt diese „Fragen Sie Frau Andrea“. Darin klärt Dusl über die Bedeutung und den Ursprung von Wiener Redewendungen auf. Doch Dusl, 64, ist viel mehr als nur eine Kolumnistin: Sie ist Künstlerin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin – und ein absolutes Wiener Original. Nun hat Dusl gleich zwei neue Bücher veröffentlicht. In einem hat sie Essays über das Kolumnen-Schreiben zusammengetragen, und das zweite Buch trägt den Titel „Die Wiener Seele in 100 Antworten“. Aber was ist die Wiener Seele überhaupt? Stadtleben-Redakteurin Lale Ohlrogge hat das nach zehn Jahren in Wien immer noch nicht verstanden – und sich deshalb mit Dusl zu einem Interview getroffen.

in FALTER 37/25 STADTLEBEN, 10. September 2025, pagg. 40ff.

INTEGRATIONSKURS: LALE OHLROGGE

Lale Ohlrogge, Falter: Was ist an deiner Seele besonders wienerisch?

Dusl: Ich glaube, es ist eine besondere Art von Grant. Also eine Fröhlichkeit, die sich darin erschöpft, nicht fröhlich sein zu müssen. Eine Form von wahrhaftiger Ehrlichkeit: nicht zu lächeln, weil es nichts zu lächeln gibt.

Also authentisch sein dürfen – meinst du das?

Dusl: Na ja, manche sind authentisch, wenn sie dauernd grinsen. Im Englischen gibt es den Ausdruck resting bitch face, also ein schlecht gelaunter Gesichtsausdruck. Ich habe das – deswegen habe ich auch quasi ein Fernsehverbot vom ORF. Ich werde nur ins Radio eingeladen. Aber zurück zum Wienerischen: Ich glaube, an mir ist auch besonders wienerisch, dass ich nicht ganz wienerisch bin.

Wie meinst du das?

Dusl: Eigentlich bin ich ja Ausländerin. Meine Mutter war Schwedin, mein Vater kam aus Graz, und wir hatten nichtösterreichische Verwandte aus ganz Europa. Wienerisch ist nicht an die Geburt in Wien gebunden. Die ersten zehn Minuten, die du am Westbahnhof ankommst, verwienern dich.

Ist Wienerisch-Sein eine Entscheidungssache?

Dusl: Nein, es ist Schicksal. Es ist eine Sache, die dir zustößt, ohne dass du es beabsichtigst. Ich bin Wienerin. Ich bin Europäerin, aber keine Österreicherin. Früher gab es einmal ein kleines Wiener Kaffeehaus, das Salzgries. Heute heißt es Le Salzgries. Zu Beginn der Haider-Ära stand unten bei den Toiletten ein Spruch, der alles über Stadt und Land sagt: Wien darf nicht Österreich werden.

Was ist denn an Österreich so schlecht?

Dusl: Österreich ist zu klein. Zu Zeiten der Donaumonarchie war es groß und wirkmächtig …

Andrea Maria Dusl, 64, hat eine schwedische Mutter und einen österreichischen Vater. Heute sagt die Kulturwissenschaftlerin und Expertin des Wienerischen, dass sie den Dialekt in ihrer Kindheit wie eine Fremdsprache lernen musste. Mittlerweile
kennt sie fast jede lokale Redewendung, und wenn sie einmal ratlos ist, schlägt sie in ihrer großen Lexika-Bibliothek nach

… Es war ein Melting-Pot, wie eine kleine EU – politisch nicht okay, es war größtenteils eine Militärdiktatur, aber es war ein großes Land mit vielen Einflüssen. Und die sind alle hier in der Metropole Wien zusammengekommen. Aber das umliegende Österreich, die Kronländer damals, konnten das nicht leisten. Sie waren immer Provinz – das ist auch gut, aber eben nicht Metropole. Wien und das Wienerische sind ja immer noch geprägt von all diesen internationalen Einflüssen von einst.

Aber in deinem Buch gibt es auch Beispiele, die zeigen, wie das Wienerische immer wieder auch den politischen Zeiten unterlag. Ich habe mich schon häufiger gewundert, warum sich manche Leute mit dem Wort „Mahlzeit“ begrüßen. Ich fand das immer befremdlich – bis ich in deinem Buch gelernt habe, was für einen heldenhaften Ursprung das hat.

Dusl: Diese Begrüßung wird vor allem in Ämtern und großen Büros gepflegt. Das kommt aus der Zeit, als sich die Österreicher dem Nationalsozialismus angeschlossen haben. Sozialdemokraten begrüßten sich damals mit einem „Freundschaft“ oder „Guten Tag“. Die Katholiken sagten „Grüß Gott“. Doch die Nazis wollten, dass man sich mit „Heil Hitler“ begrüßt. Die Behörden waren damals noch stark monarchistisch geprägt, man wollte sich dem nicht beugen und benutzte stattdessen eine Formel, die im Sinne der Nazis nicht strafbar war. „Mahlzeit“ war damals eine Umgehung – und die ist bis heute geblieben.

In deiner Kolumne „Fragen Sie Frau Andrea“ beantwortest du seit unglaublichen 30 Jahren Fragen von Lesern, die wissen wollen, woher gewisse Redensarten kommen. Wie arbeitest du eigentlich?

Dusl: Ich weiß natürlich nicht alles. Aber ich habe eine enorme Bibliothek mit Lexika, und da schaue ich nach – und im Internet natürlich auch. Die meisten schauen sich bei Google nur die ersten zehn Ergebnisse an. Ich schaue mir die ersten 300 Treffer an. Einiges davon ist völlig falsch, und dann geht es darum, herauszufinden, was stimmt. Es ist wie wissenschaftliches Arbeiten, und das habe ich als Kulturwissenschaftlerin gelernt. Außerdem kenne ich viele dieser Begriffe seit meiner Kindheit. Gleichzeitig ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Die Sprache meiner Mutter ist Schwedisch. Ich habe also ganz früh angefangen, Deutsch und Wienerisch als zwei verschiedene Fremdsprachen zu lernen. In der Volksschule wurde ich gemobbt, weil ich so seltsam gesprochen habe. Ich musste also lernen – es war eine Immunisierung gegen Mobbing.

Ich höre oft, wie sich Wiener – vor allem Eltern – beschweren, dass ihre Kinder kein Wienerisch mehr sprechen. Dass die Wiener Mundart verlorengeht und die junge Generation nur noch Hochdeutsch spricht, weil sie auf Tiktok, Youtube und Instagram deutschen Influencern folgt. Wenn ich mit jüngeren Wienern zu tun habe, höre auch ich selten einen der Ausdrücke, die in deinem Buch oder deiner Kolumne besprochen werden. Wird das Wienerische bald sterben?

Dusl: Ich glaube nicht – aber die Wahrnehmung ist richtig. Wien konnte lange kein ARD und ZDF empfangen. Wien war also sowieso später dran mit der Verhochdeutschung der Sprache als Westösterreich. Seitdem ist viel passiert. Die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den Deutschen trennt, ist durch Podcasts, Tik-tok und so weiter eingedrungen. Aber ich glaube nicht, dass das Wienerische aussterben wird – genauso wenig wie die Begriffe. Denn die Menschen hören sie von ihren Eltern und Großeltern und geben sie an ihre Kinder weiter. Ich bekomme ja nach wie vor Leserfragen, die ich in meiner Kolumne beantworte. Aber im Wienerischen gibt es Veränderungen.

Welche denn?

Dusl: Zum Beispiel „Oida“. Das hat früher kaum jemand so verwendet – das ist ein Wort, das die jungen Wiener eingeführt haben. Die Jungen schaffen ein neues Wienerisch. Es gibt zum Beispiel auch das Migranten-Wienerisch. Das wird überhaupt nie verschwinden.

Ich habe auch den Eindruck, dass diejenigen, die das Wienerische am meisten bewahren und somit quasi österreichische Tradition pflegen, Migranten sind.

Dusl: Das ist ein Soziolekt, also eine Sprache, die eine bestimmte soziale Gruppe gebraucht. Es gibt viele verschiedene Wienerische, Abstufungen, die du als Deutsche vielleicht gar nicht unterscheiden kannst. Da gibt es Leute, die sich anhören, als ob sie in einem Palais aufgewachsen wären, die ganz nasal sprechen, und so weiter.

Kürzlich erschien eine Studie, in der Österreicher zu ihrer Sprache befragt wurden. Sie fanden ihre Sprache sympathischer, gebildeter und schöner als deutsches Deutsch. Ich musste über diesen Stolz und diese Heimatliebe schmunzeln. Nun möchte ich es umkehren: Was gefällt dir als Wienerin an der Stadt und ihren Bewohnern gar nicht?

Dusl: Es gibt nichts, was mich stört.

Ehrlich? Auch schön, wenn du als Wienerin nichts zu granteln hast.

Dusl: Doch, mir fällt etwas ein. Es gibt Menschen aus anderen österreichischen Gegenden, die ihre Nicht-Wienerischkeit mitbringen. Denen würde ich gerne zurufen: „Heast, beruhig di a bissl!“

Was meinst du damit? Sind die Leute vom Land besonders laut, aufbrausend und pöbeln herum?

Dusl: Es geht nicht ums Aufbrausende. Das Wienerische antwortet mit Schmäh. Die Wiener antworten auf diese Leute mit einer eigenen Weisheit, die viele nicht verstehen. Kellner haben das drauf. In guten Wiener Kaffeehäusern gibt es gute, grantige Kellner – die haben diese Attitüde. Die Ehrlichkeit ist ein Goldstandard, eine Währung. Sei ehrlich – aber sag nicht, dass es ehrlich ist.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Dusl: Ein Beispiel, ganz radikal: Wenn Amerikaner zu uns kommen, sind die immer verzweifelt, dass man sie nicht fragt: „How are you?“ Oder Deutsche, die fragen dann: „Wie geht es Ihnen heute?“ Und der Wiener antwortet: „Na ja, wie soll’s mir schon gehen?“ Mich stört nichts an den Wienern, aber die Touristen sind mir ein bisschen zu anstrengend.

Es gibt Umfragen unter Expats, also Leuten aus dem Ausland, die hier leben und arbeiten, die besagen, dass Wien seit Jahren zu den unfreundlichsten Städten gehört. Auch weil es hier schwer ist, Anschluss zu finden. Sind die Wiener Ausländern gegenüber besonders gemein und verschlossen?

Dusl: Genau umgekehrt. Die Expats könnten hier viel lernen in Sachen Wahrhaftigkeit. Es gibt viele, die sich interessieren und diese Verwienerung annehmen. Aber viele bringen aus ihren Kulturen mit, dass sie sich eine freundliche Maske aufsetzen. Und in Wien nehmen sie wahr, dass die Leute ehrlich zu ihnen sind. Ein Beispiel: Jemand hat die Nachricht bekommen, dass die Krankenkasse seine Zahnbehandlung nicht zahlen wird. Soll er dann sagen: „Ja, mir geht es wunderbar, und Ihnen?“ Das machen Wiener eben nicht. Und das erzeugt dann das Bild eines mieselsüchtigen, unfreundlichen, tragischen Wieners. Und unseren Humor verstehen sie auch nicht. Und überhaupt Expats – wie können sie sich überhaupt anmaßen, hier nur drei Jahre zu bleiben? Das ist doch eine Beleidigung für die schönste Stadt der Welt. Außerdem sprechen viele von ihnen zu laut.

Lass uns einen Zeitsprung machen ins Wien des späten 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war sehr prägend für die Stadt. Damals hatte Wien zwei Millionen Einwohner, es war viel los. Aus dieser Zeit gibt es berühmte Illustrationen von den sogenannten Wiener Typen, also Menschen, die damals das Stadtbild geprägt haben sollen: das Lavendelweib oder der Würstler zum Beispiel. Du hast ja dein Buch selbst illustriert – und da gibt es auch Wiener Typen. Was sind denn typische Wiener Gestalten von heute?

Dusl: Eine sehr wienerische Figur ist nach wie vor der Würstelmann. Oder der Strizzi. Dann gibt es eine Figur, die man nur sieht, wenn man nachts auf dem Gürtel unterwegs ist – die sogenannte Praterfee. Eine Prostituierte, eine Sexarbeiterin.

Eine Praterfee vom Gürtel?

Dusl: Nein, die Praterfee vom Gürtel heißt natürlich Gürtelhur. Aber das ist alles schon sehr unwoke Sprache, die aber existiert oder existiert hat. Und die Praterfee gehört zum Strizzi dazu, der betreut sie.

Dann gibt es noch den Gschaftlhuber. Dem habe ich das Gesicht von Elon Musk gegeben. Auf Deutsch heißt das „Hansdampf in allen Gassen“. Es gibt auch einige Politiker, die ausschließlich gschaftlhuberisch nach oben getrieben sind. Aber da das alles substanzlos ist, fliegen ihre Gebarungen irgendwann auf – und sind erfolglos. Aber der Gschaftlhuber findet immer wieder eine neue Betätigung.

In Deutschland würde man auch „Windbeutel“ sagen. Ein Typ in deinem Buch ist mir gefühlt schon tausendfach in dieser Stadt begegnet: der Hubertusmantler mit der Attersee-Familienfrisur.

Dusl: Das kommt von Lukas Resetarits, der hat den erfunden. Das sind Leute, die am Graben verkehren, die durch die Nase sprechen und sich in schicken Lokalen aufhalten. Sie haben altes Geld, Besitz und Attitüde. Sie sind in Wien zugegen, haben aber auch Villen am Attersee, im Salzkammergut, in Altaussee. Es sind alte Familien, wo sich Großbürgertum, Schickimicki und Aristokratie vermischen. Und eines der Kleidungsstücke, die sie tragen, ist der Hubertusmantel: Er besteht aus einem grünen, filzernen Stoff, die Knöpfe sind mit einem geflochtenen Leder überzogen. Das kommt von der Jagd, aber normale Jäger auf dem Land aus Oberösterreich oder Tirol, die tragen das nicht. Es ist ein Angebermantel, der nur in Wien und Salzburg getragen wird. Aber der Hubertusmantler ist nur eine von vielen Wiener Figuren. Diese Vielfalt, auch das ist Wien.

 

O Schreck, ein Spreck!

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2025 vom 10. September 2025

Liebe Frau Andrea,
Im Lokal „Roter Hiasl“ fiel mir ein Ausspruch meiner Großmutter im Jahr 1975 ein. Mein gerade geborener Bruder sollte einen Namen bekommen und ich schlug Matthias vor. Worauf meine Oma (Jahrgang 1908) abwehrend meinte: „Jeder Hiasl hot an Spregg“. Der Name kam also nicht infrage, kein Kind sollte so einen Namen tragen, da würde er ständig damit gehänselt werden. Mein Vorschlag war vom Tisch, er wurde Leopold genannt. Die Geschichte hat sich übrigens im nördlichen Weinviertel zugetragen. Jetzt bin ich gespannt, ob Sie dazu irgendetwas sagen können, was dieser Spreck oder Spregg (oder so ähnlich) bedeuten könnte?
Liebe Grüße,
Brigitta Beile, Wien Donaustadt, per Email

Liebe Brigitta,

viele Sprichwörter beginnen ihre Karriere lokal. Und manche bleiben auch dort, dem Ort verhaftet, und der Zeit ihrer Entstehung. Im Falle Ihrer großmütterlichen Namensangst gibt es dennoch reiche wortgeschichtliche Information. „Hiasl“ ist bekanntlich die bairisch-österreichische Kurzform des Heiligennamen Matthias, der, wie die Apostelgeschichte des Lukas berichtet, nach dem Tod des Judas Iskariot zum zwölften Apostel aufrückte. Wegen der großen Verbreitung unter der bäuerlichen Bevölkerung wurde „Hiasl“ zum Spottnamen für den einfältigen, unbedarften Menschen. Die sehr ähnlich lautenden Synonyme „Hiafla“ (vom Huf der Tiere), und „Hiabla“ (jemand mit Hieb, Dachschaden) haben gewiss mitgewirkt, den Rufamen Hiasl zu diskreditieren.

Wie aber kommt der Hiasl zum Spreck? Das Wort zirkulierte schon früh als Bezeichnung für den Fleck (auf der Haut oder auf dem Fell), die Etymologen leiten es von einem indoeuropäisch erschlossenen *sper- *sprei- (soviel wie streuen, säen, sprengen, spritzen) und protogermanisch *sprekla-, Fleck ab. Das Althochdeutsche kennt fleckig als „sprehhiloht“, das Mittelhochdeutsche als „spreckeleht“. Aus dem Sprëckel, Spreck wurde später der Fehler, Makel und schließlich die kognitive Behinderung. 

Der hierorts nicht mehr geläufige Spreck ist im Englischen täglich in Gebrauch. Die anglosächsische Sprachwelt bezeichnet mit „spreckle“ noch immer den ganz normalen Fleck. Der Hiasl ist dort allerdings unbekannt.


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Über das Gebenedeite

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 36/2025 vom 3. September 2025

Liebe Frau Andrea,
ich darf Ihnen im Namen meines Vaters dieses E-Mail übermitteln: Mit meinen 83 Jahren habe ich schon oft ein „Vaterunser“ gebetet. Da gibt es den Satz: „Gebenedeit sei dein Name.“ Dieses Wort verstehe ich nicht. Meine Frage: Kann ich gebenedeit werden und was ist das eigentlich, woher stammt der Begriff?
Bis zum nächsten Gebet freundliche Grüße,
Manfred (Vater) und Thomas (Sohn) Schreiner, Felixdorf, Niederösterreich, per Email
PS: Bin durch meinen Sohn zu Ihrer Kolumne gekommen – sie ist sehr gut!

Lieber Manfred, lieber Thomas,

das Vaterunser (lateinisch Pater noster) ist einer der bekanntesten Texte der Bibel, es gehört mit den Zehn Geboten zum Grundwissen der christlichen Religionen. Das Neue Testament überliefert es in zwei nahezu identischen Fassungen, eine im Evangelium des Matthäus, die andere in jenem des Lukas. Im Erinnungsschatz katholisch sozialisierter Menschen ist das Gebet schon durch die Kultur der mechanischen Wiederholung in der Messe tief verankert. „Gebenedeit“ kommt allerdings nicht vor. Über das seltsame Wort stolpern Katholiken in einem anderen Gebet, dem Ave Maria oder „Gegrüsset seist du Maria“. Der erste Teil dieses Gebets stammt ebenfalls aus dem Lukasevangelium. Dort (Lk 1,28) verkündet der Erzengel Gabriel Marien, dass sie den Sohn Gottes gebären werde: „Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir“. Kurze Zeit später (Lk 1,41f) besucht Maria ihre ebenfalls schwangere Verwandte Elisabeth. Die wird vom Heiligen Geist erfüllt und ruft Marien zu: „Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ Das Gebet hat, anders als die Bibelübersetzung Luthers, in der Passage „benedicta inter mulieres“ (gesegnet bist du unter den Frauen) das viel ähnlichere „gebenedeit“ bewahrt. Ist doch das mittelhochdeutsche „gebenedeit“ nichts anderes als die lautliche Übertragung von „benedicta“, soviel wie „man spricht gut über sie“.

„Gebenedeit“ ist außerhalb des Gebets nicht mehr in Gebrauch. Nicht so sein Gegenteil, das Schlechtbesprochene. Es zirkuliert noch immer als „vermaledeit“. Fixlaudon!


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Über die Schwärmerei

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 35/2025 vom 27. August 2025

Liebe Frau Andrea,
mein Schwärmen für Ihre Kolumne hat sich inzwischen so weit herumgesprochen, dass ich schon mitleidig gefragt werde, ob ich denn überhaupt wüsste, woher der Begriff „schwärmen“ komme, was er bedeute, und wie man ihn korrekt verwende. Meine ehrliche Antwort: natürlich nicht. Aber ich tröste mich, im Schwarm der Fragenden ist es um die Kenntnis nicht besser bestellt. Also wende ich mich vertrauensvoll an Sie. Ich ahne schon, dass Ihre Erklärung nicht etwa meine Schwärmerei bremst, sondern ihr fröhlich frische Flügel verleiht.Vielen Dank und freundliche Grüße,
Erich R. Hoffmann, Liesing, per Email

Lieber Erich,

mentalitätsgeschichtlich führt Sie Ihre Leidenschaft in die Zeit des Sturms und Drangs. Dort möchte ich Sie mit einer zeitgenössischen Reflexion abholen. So schreibt der passionierte Melancholiker und Kantschüler Daniel Jenisch 1787 im „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“, der ersten psychologische Zeitschrift in Deutschlands den luziden Beitrag „Über die Schwärmerey und ihre Quelle in unseren Zeiten“. Die aufklärerische Erfahrung der kalten Vernunft, so Jenisch,  habe zu einem Übergewicht der „untern Seelenkräfte“ geführt, die „wie eine Art von Verschwörung wider die obern, wider Vernunft und Urtheilskraft angesehen werden“ könnten. Den Schwärmer benennt Jenisch als gesteigerte Variante des unkritischen Metaphysikers. Mit Hilfe seiner Einbildungskraft versinnlichte dieser die Vernunftideen.

Die Konjunktur der Schwärmerei in der Spätaufklärung darf als Reaktion auf ein menschliches Grundbedürfnis verstanden werden, das die Philosophie der Zeit nicht mehr befriedigen konnte. Befriedigt werden kann hier allerdings das Bedürfnis nach dem etymolgischen Aspekt des Schwärmens. Das Althochdeutsche kannte noch den lautmalerischen „swarm“, aus germanisch *swarma, der den Taumel, aber insbesondere den summenden Bienenschwarm bezeichnete. Als verwandtes Schallwort gilt das Schwirren, anordisch sverra, wirbeln. In der Reformationszeit werden die Sektierer abschätzig als Schwärmer, Schwarmgeister bezeichnet. Das Wort erfährt erst später die positive Bedeutung des glücklichen Fans und fernörtlichen Verehrers.

Die Autorin dankt!


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Würzen in Österreich

Als es noch Wirtshäuser gab und Bahnhofsrestaurants, in einer Zeit, die frei war von Schnick und Schnack, Social und Media, waren die Tischtücher noch weiß und gestärkt, von der Dicke florentinischer Mamorplatten. In der Mitte des Tisches war die Trias der österreichischen Individual-Gastronmie platziert: Ein Salzstreuer (mit der obligaten Rieselhilfe Reis), ein Pfefferstreuer, und für die Dentalhygiene ein Bund frischer Zahnstocher. Landauf landab war das so, niemand musste nach Salz oder Pfeffer fragen. In ungarischen Speisewägen fand sich auch noch feinstgemahlener Paprika in der Gewürzschaukel, obligatorisch, weil maygarisch. Irgendwann gesellte sich in Österreich die schlankhalsige Maggiflasche mit auf den Tisch, zur Unfreude der Tischtuch-Zuständigen (und unter heimlichen Tränen der Suppenköche).

Diese Zeiten sind perdu, wie man französelnd sagt. Mit den Ferial-Besuchen der Österreicherinnen und Österreicher in gastronomisch interessanten Ländern gerieten auch deren Gwürze und Geschmacksverstärker in den Fokus der Normalität. Olivenöl wurde modern, Meersalz und Balsamessig, die asiatischen Lokale junkten uns mit salzigen, süßsauren und scharfen Safterln an, und mit der Adaption US-amerikanischer Grillkultur traten die Steaksaucen in unser Geschmacksleben, und der Mundhöhlenverätzer Capsicum, verantwortlich für die Schärfe von Paprikas, Chilis und Pfefferoni.

Mittlerweile haben die Spezereiregale der heimischen Supermärkte die Ausdehnung orientalischer Gewürz-Bazare. Das freut die modernen Gaumen! Die weißen Tischtücher der Gasthäuser aber bleiben verschwunden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 23. August 2025.

Woher der Rauml kommt

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2025 vom 20. August 2025

Liebe Frau Andrea,
meine Mutter verwendete immer das Wort raumlig („du bist raumlig um den Mund“), wenn ich nach dem Essen oder generell keinen ganz sauberen Mund hatte bzw. rund um den Mund also raumlig war. Meine Kinder lachen mich aus, das Wort gibt es nicht. Können Sie mir weiterhelfen?
Lieben Gruß,
Manuela Gutmeyr,  Graz, per Email

Liebe Manuela,

in einem erstens Verstehensversuch läge es für Hochdeutsch Sprechende nahe, das Adjektiv „raumlig“ mit dem „Raum“, dem „Räumlichen“ in Verbindung zu bringen. Was aber hätte die Bezeichnung für eine örtliche Ausdehnung mit Essensresten zu tun? Hat es womöglich mit dem Mundraum zutun?

Auf die richtige Fährte bringt uns die Stadt, aus der Sie schreiben. In der Steiermark wird nicht gefallen, sondern gefaullen, im Gausthaus wird nach dem Essen gezauhlt, am grünen Rausen rollt der Baull, die Laterne steht am Straußenraund. Außerhalb der grünen Mark wären Kinder nach dem Essen demnach nicht raumlig, sondern ramlig, rammlig. Das Bild wird klarer, denn den Rammel kennen die Wienerinnen und Wiener und manche dazwischen als das getrocknete Nasensekret, bundesdeutsch den Popel. Dies oder das habe nur einen Nasenrammel gekostet, sagt der Volksmund, wenn etwas günstig erworben wurde. Wie aber kommt der Rammel an den Mund? Und wieso beim Essen?

Noch Anfang des letzten Jahrhunderts kannte man als „Raml“ auch die in den Kochgeschirren angetrockneten Speiseteile. Ältere Lexika schreiben das Wort noch Rame (ganz wie Rammel im Bairisch-Österreichischen ausgesprochen wird), kommt es doch vom mittelhochdeutschen „rām“, Schmutz, Ruß, und dieses vom gleichbedeutenden germanischen *rēmi-, *rēmiz. Das Wort hat sich in unserem Rahm (bundesdeutsch: Sahne) erhalten, wurde der fettreiche Teil der Milch doch ebenfalls als sich ansetzende Schmutzkruste verstanden.

Der Bedeutungsinhalt rußig, schwarz hat sich in anderen Begriffen sedimentert. So hieß der Hofhund mit schwarzem Maul „Rammel“. Desgleichen das schwarze Schaf und ganz unwoke das dunkelhaarige Mädchen oder die vagante Dame von feurigem Temperament und rabenschwarzem Haar: „A liaba Ramme“ oder „a wüüda Ramme“.


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Neue Berufe

Jahrhundertelang war die Sache ganz einfach im Land der Berge. Bauernkinder wurden Knechte, Mägde oder übernahmen den Hof, der Handwerkernachwuchs erbte die Werkstatt oder ging auf die Walz, wurde Schuster, Schneider, Bäcker, Geigenbauer. Apotheken blieben in der Familie, Notariatskanzleien, Hammerwerke, Mühlen. Die Schloßbesitzer blieben im Schloßbesitzermilieu. Adel verpflichtete.

Aber irgendwann griff die Freiheit nach den Österreichern (die Österreicherin ist immer mitgemeint), Stand und Beruf wurden nicht mehr rigoros vererbt, sondern in Maßen Ziel eigener Wünsche und Talentvorgaben. Die Berufsphantasien der Nachkriegsgeneration zielten noch Richtung Lokomotivführer, Feuerwehrhauptmann, Astronaut (Buben), sowie Kindergartentante, Friseurin und Auslagendekorateurin (Mädchen). Und es hieß: Einmal Installateur, immer Installateur, einmal Lehrerin, immer Lehrerin, einmal Elektriker, immer Elektriker, Fernsehansagerin, Badewaschl, Stenotypistin. Das Bild sollte sich schon für die Boomer ändern. Die Sicherheit des Berufsweges geriet ins Taumeln.

Aus Berufen wurden Jobs, und die ändern sich mittlerweile im Monatstakt, boomen, verschwinden, kristallisieren sich neu. Branchen kommen und gehen, Lebensplanung zielt allerhöchstens auf Jahre. Laufbahnen verkürzen sich, enden in Sackgassen. Aus Kraftfahrzeugmechanikern werden Crypto-Berater, aus Verkäuferinnen Work-Life-Balance-Coaches, aus Grafikern Smoothie-Consultants, KI-Prompter, Directors of First Impressions, Mystery Shoppers, Happiness Officers, Team-Building-Managers, Food-Stylist·innen, Warm-Uppers, und ganz wichtig: Influencer.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 16. August 2025.

Peter Weck

Aus meinen Erinnerungen. 

Ich war erst im zweiten Jahr meines Bühnenbildstudiums an der Akademie und schon ging es los. Ein Telefonat erreichte die Meisterklasse, jemand wurde gesucht für eine großartige Sache. Gleich drüben, in den heiligen Räumen der Zauberflöte. Im Theater an der Wien. Das war an sich schon großartig. Dass die einen die anderen anriefen. Wir senden die Beste, sagte der Meisterschulleiter. Die Beste? Man zeigte auf mich. Ich konnte es nicht glauben. Ich war die Beste? Wie großartig! 

Ich wurde also Assistentin. Assistentin. In einem Musical! Assistentin im Musical CATS! Wie stolz war ich, wie stolz meine Eltern, denen ich davor nur Kummer gemacht hatte, die ganze Schulzeit hindurch. Das Salär war bescheiden, aber es war mein Salär und es war mein erstes. Ich baute ein Modell, so fing meine Arbeit an, minutiös, riesengroß, es sollte jahrelang das Foyer zieren. Das Modell diente dem Bühnenbau als Anschauung, dann der Regie und der Choreographie. 

Alles war großartig an diesem Engagement. Das Theater an der Wien, die Londoner Produktion, die Genauigkeit der Bühnenpläne, die Korrepetition, die Tänzerinnen (Ute Lemper, alert wie ein junges Reh!). Die Musik war noch nicht mein Ding. Kam ich doch von Zappa, von Zeppelin und Zawinul. In 87 Bühnenproben aber griff das Stockholmsyndrom nach mir, und aus Dopamin, Koffein und Müdigkeit baute sich Resilienz auf in meinem funky Gehirn. Es begann mir zu gefallen, was Andrew Lloyd-Webber da zusammengeklimpert hatte. 87mal hatte ich CATS gesehen, oder 92mal? Das war bis dahin Weltrekord. Und großartig schon in sportlicher Hinsicht. Wenn sich irgendwo eine Plastikflasche aus den Bühnenbild löste, oder ein Autoreifen verrutschte, ich war zur Stelle, wußte wo der Kanister X eingebaut war, wo die eine Zeitungsseite Y angeklebt. Und wenn jemand von den anderen nicht da war, wußte ich, wo Ute Lemper stehen sollte, wohin Rum Tum Tugger stolzierte, nach dem Sprung vom Autowrack, wie die eine vergessene Songzeile ging. Ich war CATS. Durch und durch. Und ich war unendlich stolz, schon so früh im Showbiz zu sein. Eine Assistentin nur, aber mitten im Geschehen, am Theater, im Welterfolg. Ich war Teil eines Teams. Des Teams. 

Einen Tag vor der Premiere lud der Direktor und Regisseur der ganzen Sache in sein Büro, mit mürrisch-strengem Blick war er während der Proben am Regiepult gesessen, sinnierend wie ein Altgraf, wissend wie Isaac Newton, beobachtungsfrisch wie ein Seeadler: Peter Weck, Peter der Große, anerkannt und altbekannt aus tausenden Klamaukfilmen und knietiefen Komödienhits. Und nun lud der Direktor das Team in sein Büro. 23 Menschen aus dem Team. Es sollte angestoßen werden. Im Büro des Direktors. Am Tag vor der Premiere, in einem Get-together-toi-toi-toi. Langsam quetschte sich die Traube des Teams in Weckens Büro: Garderobieren, Katzenpelzfriseure, die Maske, der Bühnenbau, Bühnenarbeiter, Requisiteure, Regieassis, Souffleusen, Inspizienten, Dramaturgen, der Autor des Programmhefts. Das Team. Und ich. Aus Höflichkeit drängte ich nicht nach vorne, war also die letzte, die ins Büro des Direktors trat. Ich sah hinter mich. Niemand war draußen geblieben, alle waren wir hier. Wir. Das ganze Team. Drinnen. Im Büro des Direktors. 

Der Direktor wackelte altfrisch, aber schon weißhaarig zu seinem enormen Tisch, ließ sich in den gepolsterten Chefsessel fallen. Freudige Stille griff nach dem Raum. Peter Weck musterte die Anwesenheit mit launigem Grandseigneurblinzeln. Dann sah er mich an, ganz Seeadler, und sprach mit Altgrafenstimme: „Ohne Assistenten.“ Er meinte mich. Seine Hand machte dazu diese Geste des Wegwischens, Hinauswischens, wie man Domestiken aus dem Raum komplimentiert. Tausendemale hatte er das geübt, wenn er einen Direktor spielte, einen König, einen Potentaten. Peter Weck.

Wieviel Zunge ist in der Sprache?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 33/2025 vom 13. August 2025

Liebe Frau Andrea,
während einer Unterhaltung in unserer mehrsprachigen Verwandtschaft ist uns ein Kuriosum aufgefallen. Meines Wissens nach sagen lediglich die Deutschen als Sprachendefinition: „die deutsche Sprache“. Alle mir bekannten und verwendeten Sprachen: Ungarisch, Slowakisch, Tschechisch, Italienisch, Russisch und Englisch verwenden den Ausdruck „slovensky jazyk“ für slawische, „la lingua italiana“ für romanische Sprachen und sogar die ural-altaische Sprache der Ungarn sagt: „Magyar nyelv“, was in der wortwörtlichen deutschen Übersetzung als „ungarische Zunge“ sicherlich ungewohnt, wenn nicht gerade lustig klingt. Auch die englische Mischkulanz-Sprache der keltischen, anglosächsischen und normannischen Idiome verwendet den Ausdruck „language“, Zunge. Meine Frage: Seit wann verwendet das Deutsche diesen Ausdruck? Seit Luther? In meinem philologischen Bücheregal habe ich umsonst gesucht.
Ich hoffe, Sie können Sie mir helfen. Vielen Dank,
Ladislaus Toth, per Email

Lieber Ladislaus,

die Sprache, althochdeutsch „sprāhha“, westgermanisch *sprækō ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und damit weit älter als Martin Luthers Bibelübersetzung. Es gilt als Abstraktbildung zu sprechen und ist wohl lautmalerischen Ursprungs, kannte doch das Altnordische „spraka“ noch als Bezeichnung für das Knistern und Prasseln. Immerhin hat das Englische (unter Verlust des r) das Wort in speak (sprechen) und speech (Rede) behalten.

Dass Körperteile und Sinnesorgane zu Bezeichnungen für Wahrnehmungs- und Kommunikationsvorgänge werden, gibt es auch im Deutschen. Etwa wenn wir sagen, wir hätten „ein Auge“ auf, oder eine „Nase“ für etwas. Das Lateinische (und damit die romanischen Sprachen, aber auch das Englische) verwendet(e) für Sprache nicht nur lingua, sondern (unter anderen) sermo, oratio, vox, locutio, idioma.

Das Wienerische kennt zwar die Schbrooch (die Sprache) und die Dsung (Zunge), gesprochen aber wird hier nicht, sondern gredt (geredet), blauschd (geplauscht), drodschd (getratscht) und einedruggd (reingedrückt).


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Der Batzenlippel

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 32/2025 vom 6. August 2025

Liebe Frau Andrea,
ich glaube, ich wurde in meiner Kindheit von meiner Mutter manchmal so bezeichnet, wenn ich mich beim Essen besonders ungeschickt angestellt habe. Können Sie mir sagen, welchen Ursprung die Bezeichnung „Patzenlippel“ hat und was genau damit gemeint ist?
Mit freundlichen Grüßen,
Burkhard Maier, Wilhelmsburg, Niederösterreich, per Email

Lieber Burkhard,

das Wienerische, niemals um Zuspitzung verlegen, kennt den Bodsnlippl, Batzenlippel als einfältigen, aufgeblasenen Menschen, wohl weil er sich hier mit dem Botssnjanka, Batzenjanker vermischt hat, dem eingebildeten Träger eines Uniformrocks mit goldenen Rosetten und anderen protzigen Applikationen.

Im bairisch-österreichischen Dialektraum, wo unser Wort herkommt, versteht man unter Batzenlippel, Botzenlippl, Bodsnlippö in der Regel und in meist liebevoller Absicht das kleckernde, unbeholfene Kind. In den Städten, die größeren Bedarf an Insulten haben, wird auch der ungeschickte Erwachsene so bezeichnet, der dumme Kerl, der Langweiler und Knauser, der Traumichnicht, der derbe, rohe, leichtsinnige, schlampige oder gleichgültige Mensch.

Der Batzenlippel ufert auch ins Freche, Schalkhafte aus, bezeichnet den Schlingel, scherzhaft den Bäcker, Töpfer und Maler, und schließlich den Verlierer im Kartenspiel, synonym mit dem Schwarzen Peter. Warum der doppelte Holzrechen, mit dem die Bauern, nach dem Einfahren des Getreides „das Grecharad (das liegengebliebene Getreide), das Gstaarat (das Verstreute) zusammenrechten, früher ebenfalls Batznlippl hieß, gilt es noch zu klären.

Die Wortbestandteile des Begriffs sind leicht erfasst. Batzen ist der teigig-breige, kleine Klumpen, Lipp die Koseform des Vornamens Phillipp. Es hat im Bairischen noch den Goschlippl (den frechen Schwätzer), den Kramalippl (den Kleinkrämer), den Göidsgottlippi (Geltsgottlippel, den bettelhaften Schmarotzer), das Spatznlipperl (das tapsige Kleinkind) und die Konfliktteilnehmer Streitlippi und Watschnlippi hervorgebracht. Der bürgerliche Zappel-Philipp, der nicht still bei Tische sitzen will, hat eine tragende Rolle im Struwwelpeter.


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Austrosensor

Sprechen wir über das Gefühl. Bei den Gefühlen kennt sich Österreich aus. Es sei „Vü zvü Gfü“ (viel zuviel Gefühl), bringt es die Grundlseer Mundart-Band Die Seer auf den Punkt: „Kimm glei, sollst di beeiln“, ruft die Stimme des steirischen Herzens, „i mecht des Gfü heit mit dir teiln!“ Fühlen hat also, ganz im Gegensatz zu vielen anderen inneren Österreichvorgängen ganz viel mit Teilen, Mitteilen zu tun.

Und wie alles im Getriebe des Miteinander ist es die Schule, die unseren Blick für das Wesentliche weitet. Ein wichtiges Instrument zur Übermittlung von Gefühlen war lange Zeit und österreichweit das Mitteilungsheft. Hier kanalisierten Lehrkräfte ihre Gefühle zu individuellen Schulkindern. Die kleinen Botschaften an die Eltern waren Liebesbriefe ohne Liebe, aber reich an anderen Gefühlen. „Herbert schwätzt und stört den Unterricht“, „Renate hat wieder einmal den Atlas zuhause vergessen“, „Karl-Heinz stiehlt anderen das Pausenbrot“.

Die Mitteilungshefte sind aus den Schultaschen verschwunden, an ihre Stelle sind digitale Nachfolger getreten. Emails, Gruppen-Chats, warnende SMS und Alarm-Nachrichten in den diversen School-Apps. Das Gefährliche ist geblieben: Die Betroffenen sind vom Dialog weitgehend ausgeschlossenen. Früh entsteht so ein Gefühl für Macht und Ohnmacht. Hie die Verwalter, dort die Verwalteten. Und über und zwischen ihnen schriftliche Kommunikation. Nachrichten, Verlautbarungen, Eingeschriebenes. Gefahr.

Die österreichische Seele antwortet mit Gefühlen. Tiktok-Gerüchten, WhatsApp-Geraune, Twitter-Orkanen und Kommentar-Tsunamis. Vü zvü Gfü.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. August 2025.

Wer hat Angst vorm Wauker?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 31/2025 vom 30. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in meiner Kindheit wurde uns Kindern von den Eltern immer gedroht, dass der Wauga käme, wenn wir nicht brav seien. Gesehen haben wir ihn zwar nie, aber allein die Vorstellung war furchteinflößend genug. Wer oder was ist der Wauga eigentlich wirklich?
Danke! Liebe Grüße,
Brigitte Domittner, per Email

Liebe Brigitte,

die gesuchte Schreckgestalt ist lexikalisch schwer fassbar, denn trotz weicher Aussprache schreibt sie sich „Wauker“, „Waucker“. Zudem ist sie wegen des Vordringens angelsächsischer Bösgestalten und der Erosion der heimischen Dialekte ins Verschwinden gestellt. Wie viele Begriffe im Zauberreich der Kindheit hat der Wauker eine harmlose und eine gefährliche Bedeutung. Als Wauckerl, Waukal, Waugal kennen wird den getrockneter Nasenschleim, also den Nasenrammel, sodann den Wollabfall, die Fussel, die Staubansammlung (wienerisch den Lurch, Luach), und die Laus. „Waukserl“, „Baukserl“ sind Kosenamen für das herzige, niedliche Kleinkind, das kleine Teuferl.

Seine große, dämonische Form, der Wauker dient in der von Ihnen erfahrenen Form als Schreckgestalt. Volketymologisch wurde die Schrecksilbe „Wau“ und seine Verdoppelung „Wauwau“ mit dem Hund und seiner historischen Gefährlichkeit für kleine Kinder in Verbindung gebracht. Das ist nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig, denn der Wauker ist der wahre Bösewicht, das pure Gefährliche, der Teufel selbst. Er packt, beißt, ist böse, nicht selten in Gestalt eines bösen Mannes. Als Waukerl wird schließlich der Schinderknecht bezeichnet, der Abdecker, zuständig für die Verwertung toter Tiere.

In der Silbe „Wau“ erkennt die Etymologie den germanischen Wutgott Wotan. Der lauert im Wald und auf der Wiese, des Abends und besonders in der Nacht, „bei jeder Gelegenheit“. In des Waukers Nebenform Gankerl, Gankal schlummert ebenfalls der Teufel, ist „gangari“ (der Gänger) doch der Beiname Odins, Wuotans, Wodans. Von Erwachsenen wurde er bocksfüßig, als Jäger verkleidet, am abendlichen Waldrand gesehen. Und in Hohlwegen, leichten Fußes vorüberschreitend.

Wow!

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Wie glamourös ist clamoros?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 30/2025 vom 23. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
in Zukunft sollen „clamorose Fälle“ nicht mehr am Schreibtisch der Justizministerin oder am Laptop von Pilnaceken landen, sondern bei einer unabhängigen Bundesstaatsanwaltschaft. Das ist natürlich gut so. Woher kommt dieses seltsame Wort „clamorös“? Von „glamourös“?
Danke für Ihre stets unclamorose Aufklärung und liebe Grüße,
Bettina Zeitlhuber, Wien Meidling, per Email

Liebe Bettina,

ich darf fast mit Karl Valentin antworten: Es wurde schon von allen etwas gesagt, nur noch nicht alles. Nach Übereinkunft unter den Beforscher·innen des besagten, die österreichische Justizberichterstattung dominierenden Begriffs wird mit „clamoros“ der medial auffällige, Prominente betreffende Fall bezeichnet. Ministerium und Anklagebehörden wurde nachgesagt, eine Zweiklassenjustiz zu betreiben, die Normalos streng anzufassen, die clamorosen, meist politischen Berühmtheiten weitgehend zu schonen. „Daschlogtsas“ (erschlagt es) war die dazu kolportierte Weisung, das clamorose Verfahren zu beenden.

Eingeführt in die Alltagssprache, vor allem aber in den polit-medialen Diskurs dürfte das Wort Egmont Foregger haben, von 1987 bis 1990 parteiunabhängiger Justizminister des Kabinetts Vranitzky II. Der einstige Justizsprecher der ÖVP, Michael Graff hatte allerdings schon 1983 seiner freiheitlichen Kollegin Partik-Pable vorgeworfen, clamoros und glamourös zu verwechseln, ein Vorwurf den diese wiederum an die Parlamentsstenografie weiterreichte. „Clamor“ [lateinisch Krach, Lärm, Geschrei], so Graff in seiner Ausführung, sei früher einmal ein eigener Haftgrund gewesen. Wenn eine Strafsache besonderes Aufsehen erregt habe, dann wäre der Beschuldigte in Haft zu nehmen, um die tobende Volkswut zu besänftigen.

Sehen wir uns nun „glamourös“ an, soviel wie blendend, betörend, zauberhaft. Es kommt vom neuenglischen glamour. Das ursprünglich schottische Wort bedeutete „Zauberspruch oder Magie“, und war eine Lautform von grammar, vom griechischen Wort gramma kommend, „Buchstabe des Alphabets, Geschriebenes”.

Wie sagen die Clamorosen? „Jedes Schriftl is a Giftl“.

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Das Sommerloch

Als Sommerloch bezeichnet der Volksmund jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt auszudünnen scheint. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Die Deutschen, nie verlegen, die Welt anders zu sehen, kennen ihr Sommerloch als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake und eine Scheibe Brot, und die solcherart behandelt dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.  

Dass der aufmerksamkeitsüchtige Boulevard den Sommer traditionell als Herausforderung versteht, wird von Kritikern der Nachrichtenverflachung bemängelt, wenn auch weitgehend vergeblich. Die Schlagzeilenschleudern berichten also sommers von seltsamen, meist giftigen oder sonstwie auffälligen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und automobilistischer Unintelligenz.

Seriöse Zeitungen haben journalistisch andere, nämlich wirkliche Sorgen. Sind doch dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen die mitteleuropäischen Urlaubsgefühle weitgehend egal. Die internationale Politik hält sich nicht an die hiesigen Kalender. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art folgen eigenen Gesetzen.

Und seit der große Nachrichtenmacher Donald Trump die Schalthebel der US-amerikanischen (und damit der globalen) Politik bedient, gehen gesellschaftliche und Umweltkatastrophen nahtlos ineinander über. Der Sommer hat kein Loch mehr.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 19. Juli 2025.

 


Nicht erschienene Version:

Als Sommerloch bezeichnet die publizistische Welt jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt ausdünnt. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen ist das dennoch weitgehend egal, abgesehen davon gilt die Jahreszeit Sommer immer nur für die betroffene Hemisphäre. Wichtige Teile der Welt befindet sich momentan im Winter (oder Spielarten) davon.

Nennen wir diese Periode des Zeitungsgeschehens also „unser Sommerloch“, das „österreichische Sommerloch“. Die Deutschen kennen ihres als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake mit einer Scheibe Brot, und dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.

Nehmen wir das Synonym beim Wort. Die Gurken (die Nachrichten) reifen im Salzglas (in der unterbesetzten Redaktion) ganz von selbst. Geschichten und Vorfälle schreiben sich ohne großes Zutun. Sie handeln von seltsamen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und galoppierenden Berichten über US-präsidiale Unintelligenz. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art tun das ihrige, um den Anschein zu erwecken, es sei viel los, obwohl nichts passiert.

Neu dazugekommen in den Kanon der Sommerlochthemen sind die Nachrichten von der künstlichen Intelligenz. Mittlerweile werden die Sommerlochgeschichten über die künstliche Intelligenz selbst mit Hilfe, und immer häufiger von künstlicher Intelligenz verfasst. Sauer!

Heiliges Bimbam

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 29/2025 vom 16. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
als langjähriger Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel in Wien beschäftigt mich schon länger eine Frage: In den alten Straßenbahngarnituren hört man zwischendurch Signaltöne, die sich wie „Ding“ und „Dong“ anhören. Ich konnte bis heute nicht herausfinden, welchen Sinn diese Töne haben, da sie (zumindest für mich) willkürlich und in keinem erkennbaren Muster zu hören sind. Haben Sie eventuell nähere Informationen dazu?
Mit besten Grüßen,
Klemens Grünwald, per Email

Lieber Klemens,

die Wiener Straßenbahnen erzeug(t)en eine Vielzahl von Geräuschen, das zweitberühmteste (wenn auch meistgefürchete) war das schrille Quietschen alter Garnituren in engen Schienenkurven. Das berühmtes Geräusch war das kurze oder lange Bimmeln, das warnend Achtung gebot. Gerald Pichowetz’ Figur des Franzi Mayerhofer, genannt „Fünfer“, in der Kultserie „Kaisermühlen Blues“ war eng verbunden mit dem lautmalerischen Warnwort „Bimbim“. Zuletzt wurde „Bim“ gar zum Synonym für die, bis dahin „Tramway“ und „Elektrische“ genannten Wiener Straßenbahn-Garnituren.

Nach Konsultation eines mir nahestehenden Experten der Geschichte der Wiener Straßenbahnen wird das Hör-Bild der von Ihnen wahrgenommenen Klänge deutlicher. Sehr wahrscheinlich meinen Sie die Signale, die früher dem Fahrer meldeten, dass Beiwagen und Triebwagen abfahrtsbereit waren, also die Türen geschlossen waren. In den alten Straßenbahnen mit offenen Türen (zum Auf- und Abspringen während der Fahrt) waren in jedem Wagen Schaffner·innen zugange, die dafür sorgten, in jeder Haltestelle die Abfahrbereitschaft des Wagens zu melden. Von „hinten nach vorne“ betätigten sie an einem ledernen Glockenzug eine Glocke, zuerst der (hinterste) Beiwagen, danach der eventuell mittlere, und schließlich der Schaffner des Triebwagens. Nach Einführung elektrischer Falttüren und auf dem Schaffnerplatz sitzendem Personal wurde das Glockensignal durch Knopfdruck ausgelöst. Das des Beiwagen klang wie „Ding“, das des Triebwagens wie „Dong“.

Die akustischen Signale heutiger Garnituren sind ferne Reminiszenzen, allesamt elektronisch im Soundstudio erzeugt.


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Woher kommt der Sandler?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2025 vom 9. Juli 2025

Liebe Frau Andrea,
beim Besuch der Dauerausstellung des Wien Museums stieß ich auf eine Erklärung des Worts „Sandler“. Das seien jene Menschen gewesen, die in den Ziegelwerken den Sand in die Formen streuten. Der Duden, den ich zuhause hinzuzog, sagt hingegen, der Begriff käme aus dem Mittelhochdeutschen – „seine“ bedeutet langsam, träge. Was stimmt denn nun?

Ihre Anna Stibitznik, 1010 Wien, per Email

Liebe Anna,

Sandler ist einer der Begriffe im Wienerischen, denen Volksetymologie und Wörterbuchautor·innen eine Vielzahl von Ursprüngen zuspricht. Als Sandler wurde bis in die Zeiten politischer Korrektheit und woken Sprachgebrauchs der meist männliche, verwahrloste und unprofessionell bettelnde Obdachlose bezeichnet, der Faulpelz, Schnorrer und Arbeitslose. Ein bedeutungsidentes Wort im Wienerischen ist der Griaßler (nicht zu verwechseln mit dem Greißler, dem kleinen Lebensmittelhändler). Aus dem wienerischen Griaß (mittelhochdeutsch griez, griesch) für Sandkorn, Kiessand, Strand entwickelte sich um 1900 die Bezeichnung Griaßler für die, auf den Sandbänken der Donau und des Wienflusses lagernden Obdachlosen. Die häufig zirkulierende Theorie der Abkunft des Begriffs von sandstreuenden Ziegelarbeitern ist schön aber falsch, ebenso wie die, es käme von althochdeutsch „-seimi“, mittelhochdeutsch „seine“ (langsam, träge), gehört dies doch im Sinne von langsam fließend, tröpfelnd zum Substantiv Seim, das Sämige. Demnach müsste der Sandler ja Seimer heißen.

Wie so Vieles hat der Sandler seinen Ursprung im Rotwelschen, wo mit „Sand“ die Läuse bezeichnet werden. Sandig sein bedeutete Ungeziefer zu haben, angesandelt zu sein, Läuse zu haben. Zandik, Sandig bezeichnet im Neuhebräischen den Gevatter. Im Rotwelschen nahm das Wort die Bedeutung Parasit, Mitwisser an, der etwas von der Beute verlangte und erpreßte, synonym mit Blutsauger. Der Sandler ist also der von Läusen befallene, hygienisch unterversorgte Mensch.

Ist das so weit weg von uns? Nein. Die Wiener Alltagssprache kennt das Wort „ansandeln“, soviel wie anstecken für den Infektionsvorgang durch Niesen und Husten.

Gesundheit!


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Wiener Gitarrenbau

Wien, über Jahrhunderte Reichshaupt- und Residenzstadt eines Vielvölkerstaates galt mehrmals als respektables Zentrum des europäischen Lauten-und Gitarrenbaus. So am Ausgang der Renaissance, in der die Laute als Königin der Instrumente galt, dann während der ersten Blütezeit der sechssaitigen Gitarre, und später, während ihrer Konjunktur im 20. Jahrhundert. [FN1] Von Wiener Gitarrenbaumeistern, insbesondere von Johann Georg Stauffer (1778-1853) [FN2] gingen zentrale Impulse aus, die bis heute den internationalen, insbesondere den US-amerikanischen Gitarrenbau prägen. So beruft sich die Gitarrenbaufirma Martin Guitars explizit auf die Wiener Tradition des Gitarrenbaus, arbeitete deren Gründer Christian Friedrich Martin (1796–1873) doch über Jahre als Instrumentenbauer in Wien. Ob der nach Amerika ausgewanderte Martin sein Handwerk bei Johann Georg Stauffer perfektionierte, wird von der Forschung noch debattiert. [FN3] [FN4] Frühe, in Amerika entstandene Gitarren Martins folgen jedenfalls minutiös dem Modell Stauffers. [FN5]

Lautenbau in Wien

Mit dem (meist höfischen) Lautenspiel gedieh der Lautenbau auch in Wien. [FN6] Schon aus dem ersten Viertel des 15. Jahrhunderts gibt es Belege dafür, so werden ein Hans Vollrat und ein „Lautenmacher Peter“ erwähnt. Die Wiener Bürgerlisten aus dem 16. Jahrhundert nennen die Lautenmacher Christoph Helm, Thomas Kern, Hans Kuechler, Bernhard Lindmair, Georg und Reinhart Sumerauer, sowie Wolf Wackher. Im 17. Jahrhundert werden Andreas Bär, Matthias und Johann Jakob Fux, Hans Haringer, Georg King, Heinrich Kramer und Antony Posch als Lautenmacher benannt. Aus Füssen, der Wiege des Lauten- und Geigenbaus in Europa wanderten Georg Epp, Magnus und Jörg Feldtle(n), Marzellus und Tobias Hollmayr, sowie Hans Khögl zu. Weitere berühmte Wiener Lauten- und Geigenmacher des 18. Jahrhunderts waren Martin Mathias Fichtl, sowie die Gitarrenbauerfamilien Bartl (Partl) und Stadlmann. [FN7]

Die Wiener Schule des Gitarrenbaus

Johann Georg Stauffer (26. Jänner 1778 in Wien- ebenda 24. Jänner 1853) begann wohl um 1800 mit dem Gitarrenbau. Er hatte beim Geigenbauer Franz Geissenhof die Lehre absolviert und das Meisterrecht erhalten. Anfangs baute er seine Instrumente nach demVorbild der italienischen Meister Fabricatore und Vinaccia, perfektionierte deren Modell, fand aber über mehrere Zwischenstufen zu einem eigenen Stil. In den Jahren um 1814 entstanden bereits Instrumente mit Mechanik, aufgeleimtem Griffbrett und neuentwickeltem Steg, Design-Elementen, die ab ca. 1820 beim Modell „Legnani“ und schließlich bei den Instrumenten fast aller Wiener Gitarrenbauer verwirklicht wurden. Die nach einem Instrument des italienischen Gitarrenvirtuosen und Musikinstrumentenbauers

Luigi Legnani (1790-1877) gebaute Gitarre hatte zudem eine neue Form mit breiteren Ausbuchtungen und einem gewölbten Boden, sowie ein erhöhtes, manchmal frei schwebendes Griffbrett mit mindestens 21 Bünden für das virtuose Spiel in hohen Tonlagen. [FN8] [FN9] [FN10]

Johann Georg Stauffer war ein überaus kreativer Instrumentenbauer, der noch in seinen letzten Lebensjahren Innovationen in den Gitarrenbau einführte. Trotz großen Erfolgs geriet Stauffer wirtschaftlich in existentielle Turbulenzen. Nach Abbüßen eines Schuldenarrests 1831-1832 musste er 1833 sein Gewerbe aufgeben. Den Bau und die Weiterenwicklung von Instrumenten führte er aber vermutlich in der Werkstätte seines Sohnes Johann Anton Stauffer (1805-1871) fort. Bis zu seinem Tode im Jahre 1853 lebte Vater Stauffer im alten Bürgerversorgungshaus zu St. Marx auf der Wiener Landstrasse. Auch dort entwickelte er weitere Ideen zum Gitarrenbau. Es entstanden Gitarren nach gänzlich neuen Entwürfen, etwa eine 9-saitige Streich- bzw. Bogengitarre und diverse Gitarrenmodelle mit ovalem Korpus und doppeltem Boden. [FN11]

Ab etwa 1827 trat erstmals Stauffers Sohn Johann Anton Stauffer als Inhaber der Firma Johann Anton Stauffer und Comp. in Erscheinung. Der Betrieb bestand zwar nur ein einziges Jahr, in dieser Zeit wurden jedoch an die 1000 Gitarren produziert. Vater und Sohn Stauffer arbeiteten noch über viele Jahre gemeinsam in der Werkstatt. Die Instrumentenzettel, tradititionell im Inneren der Resonanzkörper angebracht, tragen aber nun den Namen des Sohnes. Historiker des Instrumentenbaus sprechen dessen Arbeiten den selben hohen Rang an Qualität zu, wenngleich Stauffer junior im Gegensatz zum experimentierenden Vater eher Wert auf Beständigkeit und Modelltreue legte. Johann Anton Stauffer wirkte noch bis ins Jahr 1848 in Wien, die Werkstätte wurde an Franz Seraph Schmidt verkauft, einen früheren Konkurrenten. 

Der Erfolg der Gitarren von Vater und Sohn Stauffer verleitete zu zahlreichen Nachahmungen und Fälschungen, auf die die Stauffers mit warnenden Hinweisen in den Zeitungen antworteten, und mit Signaturen auf den Etiketten ihrer Instrumente. [FN12]

Der Wiener Gitarrenbau des 19. Jahrhunderts stand generell unter dem Einfluss der Stauffers. Die Gitarrenbauer der Zeit bezeichneten sich oft als Stauffer-Schüler, so Johann Bucher, Anton Mitteis, Dominik Prokop, Friedrich Schenk und Johann Gottfried Scherzer.

Von spezieller, weil transkontinentaler Bedeutung ist dabei Christian Friedrich Martin (1796- 1873), der 1833 nach New York auswanderte und dort die US-amerikanische Gitarrenbauschule begründete. Manche Baumerkmale heutiger Western- und E-Gitarren gehen auf Martins Lehrmeister Johann Georg Stauffer zurück, so das schmale, leicht gewölbte Griffbrett und die (auch in der Fender-Stratocaster evidente Voluten)- Form des Kopfes mit seitlich angebrachten Mechanik. [FN13] [FN14] [FN15]

Viele in Wien arbeitende Geigenbauer (zu nennen sind Anton Kulhawy, Martin Stoß, Johann Baptist Schweitzer) bauten ebenfalls Gitarren (lautete der Name der Zunft doch noch „Lauten- und Geigenmacher), aber einige Instrumentenmacher konzentrierten sich auf den Bau von Gitarren. Johann Ertl (1776-1828), ab 1811 Untervorsteher der Zunft baute Instrumente hoher Qualität, und besaß gemeinsam mit Johann Georg Stauffer das historisch bedeutsame Patent des verstellbaren Halses. Gesundheitlich beeinträchtigt konnte er allerdings mit dem Erfolg Stauffers nicht mithalten. [FN16]

Neben Stauffer galt der aus Füssen stammende Bernard Enzensperger (1788-1865), Schüler des Wiener Geigenbauers Johann Georg Thir (1710–1781) als weiterer bedeutender Gitarrenbauer. Obwohl Enzenspergers frühe Gitarren noch stark an die Modelle der Stauffers angelehnt waren, emanzipierte sich Enzensperger und entwickelte eigene Ideen. Der bekannte Gitarrist Franz Bathioli regte den Bau einer „Akustick-Guitarre“ an. Diese wurde 1831 verwirklicht. Sie besaß einen wappenförmigen Korpus, am Hals waren Flageolettstreifen eingearbeitet, Markierungen, die zum Auffinden der Flageoletttöne dienten. Auch der Sohn Enzenpergers, Bernhard (1828-1896) und der Enkel Viktor (1867-1918) werden zu den begabten Gitarrenbauern Wiens gezählt. Eng an die Instrumente Stauffers und das Modell Luigi Legnani angelehnt waren die Gitarren Nikolaus Georg Ries’ (1790-1857). Friedrich Schenk (1836-1875) entwickelte mehrsaitige Gitarren, in Wappenform oder als Bogenguitarre. [FN17] [FN18]

Nach dem Abgang Stauffers wurde Anton Fischer (1794-1879) als führender Wiener Gitarrenbauer angesehen. Fischer war für die Imstrumente des Konservatoriums verantwortlich. Auch Gabriel Lemböck (1814-1892), sein Schwiegersohn, baute Instrumente in hoher Qulität. Weitere anerkannte Wiener Gitarrenbauer der ersten Hälfte des 19. Jahrunderts waren Johann Ambrosius Bogner, Franz Brunner, Johann Bucher, Franz Charwath, Franz und Ferdinand Feilnreiter, Johann Götz, Andreas Jeremias, Joseph Klimits, Jakob Krasny, Johann Kulik, Johann Rudert, Jakob Stöhr und Andreas Zettler. Hochwertige Gitarren der Stauffer-Werkstatt stammten aus der Hand von dessen meisterlichem Mitarbeiter Johann Gottfried Scherzer. [FN19] [FN20] Scherzer baute 1856 eine zehnsaitige Gitarre [FN21], sie errang den ersten Preis im Internationalen Wettbewerb in Brüssel. Scherzer war vor allem für den Bau hervorragender Kontragitarren bekannt. Er hatte einige Epigonen, die Ende des 19. Jahrhunderts in seinem Stil Instrumente bauten, so Ignaz Bucher, Franz und Wendelin Lux, Josef Swosil und Ludwig Reisinger (1863-1943), der als der wichtigste Wiener Gitarrenbauer der Jahrhundertwende gilt.

Reisinger wird als ähnlich vielseitig und kreativ beschrieben wie Stauffer. In seiner Werkstatt entstanden zahlreiche Varianten und Sondermodelle, alle in ausgezeichneter Qualität. Reisingers erste Gitarren folgten streng dem Vorbild Johann Anton Stauffers. In dieser Zeit waren auch Franz Angerer (1851-1924) und Franz Xaver Güttler (1857-1924) als Gitarrenbauer aktiv. Die großen und einflussreichen Meister des Wiener Gitarrenbaus waren nicht die einzigen Marktteilnehmer. Einige Betriebe fokussierten auf den Bau einfacher und preiswerter Gitarren für den Markt privater Gitarristinnen und Gitarristen. Sie hatte zudem die Manufakturinstrumente aus Sachsen und Böhmen im Angebot. Zu nennen sind hier die Gebrüder Placht, sowie Hoyer, Lutz und Comp, und auch Stauffers Geschäftsnachfolger Schmidt. [FN22]

Varianten der Wiener Gitarre

Die Entwicklungen im Gitarrenbau erfolgten in Wien besonders schnell und variantenreich. Nur wenige Jahre nach der bleibenden Einführung der sechsten Saite regte der Musikforscher und Gitarrist Simon Molitor (1766-1848) zusätzliche Basssaiten an. Um 1825 entstanden erste Instrumente mit erweitertem Tonumfang. Schon 1840 spielten die führenden Virtuosen Gitarren mit acht- bis zehn Saiten, wobei die Basssaiten, je nach gewünschter Tonart diatonisch gestimmt wurden. Selbst zwölfsaitige Gitarren wurde diatonisch gestimmt, dies bedeutete eine zusätzliche Oktave im Bass. Obwohl beim Solospiel üblich, verlangte die Begleitung zu Stücken aus der Wiener Volksmusik

wegen des häufigen Wechsels der Tonarten allerdings eine chromatische Stimmung. Bis heute bevorzugen traditionsbewusste Wiener Kontragitarristen die ausgereiften dreizehnsaitige Instrumente vom Bautyp Johann Gottfried Scherzers. Diese Gitarren optimieren Tonumfang und Spielkomfort in hohem Maße. Vereinzelt wurden Instrumente mit noch mehr Saiten bestellt und gebaut. Nach 1900 waren Fünfzehnsaitige Instrumente populär, die eine Saite besaßen, die auf das häufig vorkommende G gestimmt waren. Auch 17-saitige Gitarren kamen vereinzelt vor (gestimmt bis zum F). Eine „Helikan-Guitarre“ mit 2 Hälsen und 16 Saiten gilt als Erfindung Stauffers. [FN23]

Die Forschung vermutet darin einen Prototyp der Kontragitarre. Ebenfalls zwei Griffbretter mit je sechs Saiten, von denen das eine nach einer 31-teiligen Tonskala unterteilt war, besaß Johann Gottfried Scherzers „Guitharfe“, Das Instrument war 1862 vom Mathematiker Josef Petzval erfunden worden. „Guitaron“ hieß Johann Dubez’ Gitarrenmodell mit vier Basssaiten und eigentümlicher Korpusform. 

Längere Konjunktur als diese experimentellen Instrumente hatte die so genannte „Bogenguitarre“. Sie wird wegen Namensgleichheit immer wieder mit der Streichgitarre bzw. dem „Arpeggione“ verwechselt. Bei der Bogenguitarre verbindet ein bogenförmiger Resonanzkörper den Korpus mit Hals und Kopf. Ein Exemplar mit neun Saiten ist vermutlich eine Erfindung Johann Georg Stauffers aus seiner letzten Schaffensphase, bekannt wurde das Instrument aber durch den Stauffer-Schüler Friedrich Schenk. Der Typus der skandinavischen und amerikanischen „Harpguitars“ hat seinen Ursprung in diesen Wiener Instrumenten. [FN24]

Die Wiener Gitarrenbauer ließen ihre zahlreichen Verbesserungen und Erfindungen patentieren, dazu zählten spezifische Hals-Korpus-Verbindungen, neuartige Stimmvorrichtungen, und andere Innovationen, wie Wenzel Soukups lyraartige „Apollo- Guitarre“ (mit Saitenbefestigung am Resonanzboden), oder Rudolf Knaffl-Lenz’ „Pedal-Guitarre“, die mit Pedalen die Erhöhung der Saiten um einen Halbton erlaubte und so Spiel in unbequemen Tonarten erleichterte. Stauffer und Schenk bauten Instrumente mit ähnlichen Vorrichtungen auf der Rückseite des Halses.

Experimentalen Charakter hatten die „Doppel-Guitarre“ und der „Arpeggione“. Beide Innovationen wurden sowohl von Johann Georg Stauffer als auch von Teufelsdorfer für sich reklamiert. Die Doppelgitarre, eine Standardgitarre mit eingebauter Oktavgitarre, wurde von Stauffer 1807 in der Wiener Zeitung inseriert, hatte aber nur geringen Erfolg. [FN25] [FN26]

Wiener Gitarrenbau seit 1900

Der historisch bedeutsame Wiener Gitarrenbaus des 19. Jahrhunderts reichte ebenso wie die musikalische und spieltechnische Tradition noch weit ins nächste Jahrhundert. Zu den Gitarrenbauern dieser Zeit zählen Franz Angerer, Ignaz Bucher, Franz Xaver Gütter, Franz Nowy, Ernst Mönnig, Otto Mostböck, Ludwig Reisinger, und Josef Swosil. Sie produzierten meist weiterhin das von Stauffer perfektionierte Legnani- Modell und vor allem die für die Wiener Schrammelmusik wichtigen Kontragitarren, die sich auch im Ausland gut verkauften.

Das klassische Wiener Modell wurde schließlich auch von dem Münchner Gitarrenbauer Hermann Hauser I. (1882-1952) kopiert, der zu seiner Zeit als wichtigster Gitarrenbauer außerhalb Spaniens galt. Sein Sohn Hermann Hauser II. baute und verkaufte das Modell noch bis in die 1960er Jahre.

Inzwischen erstellte Ludwig Reisinger (1863-1943) verschiedenen Varianten des Wiener Modells, dazu Wappengitarren, Wandervogel- und historische Lauten. Er baute nach Stauffers Vorbild einen Arpeggione, und in Zusammenarbeit mit dem Künstler Richard Teschner (1879-1948) eine spezielle Theorbe.

Die Kontragitarren Reisingers waren sehr gefragt (und sind es heute noch). Reisingers Geselle und Nachfolger Josef Wesely galt ebenfalls als hervorragender Gitarrenbauer. Bis heute wird das traditionsreiche Geschäft in der Wiener Westbahnstraße durch den meisterlichen Gitarrenbauer Richard Witzmann geführt. Selbst die Saitenspinnmaschine aus Reisingers Werkstätte kann dort noch besichtigt werden. Zu den bekannten Schülern Reisingers zählen Josef Manomics und Josef Obrecht.

Die Geschichte der Gitarrenbauerdynastie Nowy reicht von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Für die Restaurierung historischer Gitarren galt Franz Nowy (1875-1967) lange als führende Wiener Adresse. [FN27]

Ein weiterer Gitarrenbauer mit Wurzeln in der alten Wiener Schule war Georg Haid. Sein Betrieb soll bis 2023 bestanden haben. Haid entwickelte das Wiener Modell weiter, versuchte aber später, die Grundlagen des spanischen Gitarrenbaus in seine Instrumente einzubeziehen und für die neue Mode in der Spieltechnik zu adaptieren. [FN28] 

Mit dem Siegeszug der spanischen Schule eroberten sukzessive spanische Gitarren den Markt. Anton Jirowsky (1904-1951) kopierte Luise Walkers Santos-Hernández-Gitarre und baute selbst an die 120 Gitarren dieses Typs, die Modelle wurden serienmäßig in Schönbach und Markneukirchen hergestellt. Jirowsky, der eigentlich Geigenbauer war, entwickelte 1925 eine „neue Gitarrform“ mit gewölbtem Boden, einer stimmstockähnlichen Versteifung und einer Decke mit f-Löchern. [FN29]  Auch sein Schüler Hans Jirowsky (1906-1974) war als Gitarrenbauer hoch geschätzt. [FN30] 

Zur jüngsten Generation von Wiener Gitarrenbaumeistern, die allesamt experimentelle und innovative akustische und elektrische Gitarrenmodelle auf international wahrgenommenen Niveau bauen und entwickeln zählen Andreas Neubauer (geb. 1963), Adam Wehsely-Swiczinsky (geb. 1971), Michael Spalt (geb. 1957) und Johannes Auly . Nupi Jenner (geb. 1959) baut und restauriert eine Vielzahl historischer Streich- und Zupfinstrumente.

FUßNOTEN:

FN1 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 209. 

FN2 Rudolf Hopfner: Staufer, Stauffer, Johann Georg, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume, Zweite, neubearbeitete Ausgabe, herausgegeben von Ludwig Finscher, Personenteil 15, Kassel, 2006, S. 1350f. 

FN3 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 82.

FN4 Michael Lorenz: „Stauffer Miscellanea“ (http://michaelorenz.blogspot.co.at/2014/03/stauffer-miscellanea.html), Wien, 2014. 

FN5 Tony Bacon: The Ultimate Guitar Sourcebook, Race Point Publishing, ISBN-13: 978-1-937994-04-4, London, 2012, S. 26ff.

FN6 Willibald Freiherr von Lütgendorff: Die Geigen- und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 5. und 6. (durchgesehene) Auflage, Frankfurt 1922 (Kraus Reprint, Nendeln 1968), Bd. 1, S. 223-228. 

FN7 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 24.

FN8 Erik Pierre Hofmann/Pascal Mougin/Stefan Hackl: Stauffer & Co. Die Wiener Gitarre des 19.Jahrhunderts, Editions Les Robins, Germolles sur Grosne 2011. 

FN9 Rudolf Hopfner: Staufer, Stauffer, Johann Georg, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Allgemeine Enzyklopädie der Musik begründet von Friedrich Blume, Zweite, neubearbeitete Ausgabe, herausgegeben von Ludwig Finscher, Personenteil 15, Kassel, 2006, S. 1350f.

FN10 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 79f.

FN11 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 80.

FN12 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 8of.

FN13 Tony Bacon: The Ultimate Guitar Sourcebook, Race Point Publishing, ISBN-13: 978-1-937994-04-4, London, 2012, S. 26ff.

FN14 Vgl. Robert Shaw: Hand Made, Hand Played/ The Art & Craft of Contemporary Guitars, Sterling Publishing, ISBN 13: 978-1-57990-787-7, New York, London, 2008, S. 172.  

FN15 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 82.

FN16 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 82.

FN17 Martin Hurtig: Quellenstudie zum Manuskript „Materialien zu einer Geschichte der Guitarre und ihre Meister von Eduard Fack“. Unveröffentlichte Projektarbeit der Westsächsischen Hochschule Zwickau 2009, S. 39. 

FN18 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 82.

FN19 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 83ff.

FN20 Vgl. Gitarrefreund, Jg. 12, H. 3 (1911), S. 23-24.

FN21 Robert Shaw: Hand Made, Hand Played/ The Art & Craft of Contemporary Guitars, Sterling Publishing, ISBN 13:978-1-57990-787-7, New York, London, 2008, S. 172.

FN22 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 86.

FN23 Wilhelm Hebenstreit: Wissenschaftlich-literarische Enzyklopädie der Ästhetik, Wien 1843, S. 340.

FN24 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bisZykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 88.

FN25 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978-3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 90.

FN26 Martin Hurtig: Quellenstudie zum Manuskript „Materialien zu einer Geschichte der Guitarre und ihre Meister von Eduard Fack“. Unveröffentlichte Projektarbeit der Westsächsischen Hochschule Zwickau 2009, S. 39.

FN27 Siehe auch eine Aufstellung von historischen Gitarren mit Maßangaben in Zeitschrift für die Gitarre, Jg. 5, H. 5 (1926), S. 137ff.

FN28 Inserat derMusikalienhandlung Josef Leopold Pick in Wien, in: Die Mandoline, 1924, S. 32.

FN29 Inserat in Zeitschrift für die Gitarre, Ig. 4, H. 7 (1925), S. 22. 

FN30 Stefan Hackl: Die Gitarre in Österreich/Von Abate Costa bis Zykan, StudienVerlag, ISBN 978 3-7065 4980 6, Innsbruck/Wien/Bozen 2011, S. 168f.

Sommer

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“, sang der holländische Showmaster Rudi Carrell 1975, „ein Sommer, wie er früher einmal war, ja, mit Sonnenschein von Juni bis September, und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr!“ Ans Jahr 1975 und den Refrain des besagten Liedes erinnern sich vereinzelt noch die Boomer unter uns, an den schlaksigen Witzemacher und seine Sendungen auch nur die. Früher war alles besser, sagen die einen, stimmt so nicht, die anderen. Angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen sommerlichen Hitzewellen möchte man Rudi Carrell die österreichische Ansicht zum Thema in die Vergangenheit hineinrufen, er habe das damals gründlich „verschrien“, die Sache mit dem Sommer.

Wie war das damals? Deutsches Fernsehen brachte deutschen Humor in die Wohnzimmer Schnitzellands und deutscher Humor war der holländische des Rudi Carrell. Der Sommer der Deutschen und der Holländer fand in besagter Zeit mit Vorliebe in hiesigen Gegenden statt, wobei sich die Deutschen in den Hotelpensionen und Frühstücksbleiben verteilten, die Holländer aber die Campingplätze besiedelten. Lückenlos. Das Bild der schwankenden Wohnwägen auf den Landstraßen, und der kochenden Kühler auf den Pässen gehört zum visuellen Erbe dieser Zeit.

Neben der saisonalen Eiskarte mit neuen und alten Tiefkühllegenden (Twinni! Piper! Brickerl!) war es der jährliche Sommerhit, der die Ferienzeit bestimmte. Man muss weder Rudi Carrell noch seinem launigen Lied nachtrauern, um festzustellen, es ist alles anders geworden. Kochende Kühler gibt es keine mehr, und sibirische Sommer nicht einmal dort.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 5. Juli 2025.