Neue Grenzen

Die Autorin dieser Kolumne verbrachte ihre Kindheit am geographischen Mittelpunkt Österreichs. Dieser befindet sich, wie die Plakette eines Gedenksteines nachzuweisen versucht, im Kurpark des idyllischen Sommerfrischortes Bad Aussee.

Schon im Klassenzimmer, 15 Gehminuten vom österreichischen Mittelpunktgeschehen entfernt wurde es radikaler, regionaler. Der Heimatkundeunterricht sollte vom Österreichischen ablenken, in dem er das Steierische mobilisierte. Die Landeskultur, das Eigentliche. Diese trat uns in Form einer Figur entgegen, die der Volkschullehrer als Umriß des Bundeslandes präsentierte. Das Land, in dem wir uns befanden war also ein Umriß. Eine Linie. Die Grenze. Alles innerhalb der seltsamen Linie war Steiermark, alles außerhalb war Anderland, fremd, fern. Nun ging es ans Verstehen. Wie sah es aus, das Innere? Der Lehrer teilte das Steirerland diagonal (er sagte „schräg“) in zwei Hälften. Nun hieß es, die Buntstifte zu zücken, die hektograpierten Blätter vor uns zu füllen. Die linke obere Steiermarkhälfte sollten wir braun anmalen (der Lehrer sagte „hellbraun“), die rechte untere gelb. Zehn Färbelminuten später ging es an die Beschriftung unserer ersten Karte. Braun, sagte der Lehrer, das sind die Hörndlbauern, gelb, das sind die Körndlbauern. Die Trennlinie war mit dem Lineal gezogen, es gab nur Entweder-Oder.

Noch heute, weit weg vom volkschulischen Heimatgeschehen in der Grünen Mark, kann ich jederzeit nächtens mit der Frage aufgeweckt werden, wo ich denn sei. Schlaftrunken werde ich antworten: „Hörndlbauerland, braun, links oben!“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 13.September 2025.

Wien darf nicht Österreich werden!

Welchen Ursprung hat die Bezeichnung „Patzenlippel“? Wieso sagt man eigentlich, „der hod a Bankl grissen“, wenn jemand stirbt? Seit über 30 Jahren schreibt Andrea Maria Dusl für den Falter eine Kolumne, seit 24 Jahren heißt diese „Fragen Sie Frau Andrea“. Darin klärt Dusl über die Bedeutung und den Ursprung von Wiener Redewendungen auf. Doch Dusl, 64, ist viel mehr als nur eine Kolumnistin: Sie ist Künstlerin, Filmemacherin, Schriftstellerin, Kulturwissenschaftlerin – und ein absolutes Wiener Original. Nun hat Dusl gleich zwei neue Bücher veröffentlicht. In einem hat sie Essays über das Kolumnen-Schreiben zusammengetragen, und das zweite Buch trägt den Titel „Die Wiener Seele in 100 Antworten“. Aber was ist die Wiener Seele überhaupt? Stadtleben-Redakteurin Lale Ohlrogge hat das nach zehn Jahren in Wien immer noch nicht verstanden – und sich deshalb mit Dusl zu einem Interview getroffen.

in FALTER 37/25 STADTLEBEN, 10. September 2025, pagg. 40ff.

INTEGRATIONSKURS: LALE OHLROGGE

Lale Ohlrogge, Falter: Was ist an deiner Seele besonders wienerisch?

Dusl: Ich glaube, es ist eine besondere Art von Grant. Also eine Fröhlichkeit, die sich darin erschöpft, nicht fröhlich sein zu müssen. Eine Form von wahrhaftiger Ehrlichkeit: nicht zu lächeln, weil es nichts zu lächeln gibt.

Also authentisch sein dürfen – meinst du das?

Dusl: Na ja, manche sind authentisch, wenn sie dauernd grinsen. Im Englischen gibt es den Ausdruck resting bitch face, also ein schlecht gelaunter Gesichtsausdruck. Ich habe das – deswegen habe ich auch quasi ein Fernsehverbot vom ORF. Ich werde nur ins Radio eingeladen. Aber zurück zum Wienerischen: Ich glaube, an mir ist auch besonders wienerisch, dass ich nicht ganz wienerisch bin.

Wie meinst du das?

Dusl: Eigentlich bin ich ja Ausländerin. Meine Mutter war Schwedin, mein Vater kam aus Graz, und wir hatten nichtösterreichische Verwandte aus ganz Europa. Wienerisch ist nicht an die Geburt in Wien gebunden. Die ersten zehn Minuten, die du am Westbahnhof ankommst, verwienern dich.

Ist Wienerisch-Sein eine Entscheidungssache?

Dusl: Nein, es ist Schicksal. Es ist eine Sache, die dir zustößt, ohne dass du es beabsichtigst. Ich bin Wienerin. Ich bin Europäerin, aber keine Österreicherin. Früher gab es einmal ein kleines Wiener Kaffeehaus, das Salzgries. Heute heißt es Le Salzgries. Zu Beginn der Haider-Ära stand unten bei den Toiletten ein Spruch, der alles über Stadt und Land sagt: Wien darf nicht Österreich werden.

Was ist denn an Österreich so schlecht?

Dusl: Österreich ist zu klein. Zu Zeiten der Donaumonarchie war es groß und wirkmächtig …

Andrea Maria Dusl, 64, hat eine schwedische Mutter und einen österreichischen Vater. Heute sagt die Kulturwissenschaftlerin und Expertin des Wienerischen, dass sie den Dialekt in ihrer Kindheit wie eine Fremdsprache lernen musste. Mittlerweile
kennt sie fast jede lokale Redewendung, und wenn sie einmal ratlos ist, schlägt sie in ihrer großen Lexika-Bibliothek nach

… Es war ein Melting-Pot, wie eine kleine EU – politisch nicht okay, es war größtenteils eine Militärdiktatur, aber es war ein großes Land mit vielen Einflüssen. Und die sind alle hier in der Metropole Wien zusammengekommen. Aber das umliegende Österreich, die Kronländer damals, konnten das nicht leisten. Sie waren immer Provinz – das ist auch gut, aber eben nicht Metropole. Wien und das Wienerische sind ja immer noch geprägt von all diesen internationalen Einflüssen von einst.

Aber in deinem Buch gibt es auch Beispiele, die zeigen, wie das Wienerische immer wieder auch den politischen Zeiten unterlag. Ich habe mich schon häufiger gewundert, warum sich manche Leute mit dem Wort „Mahlzeit“ begrüßen. Ich fand das immer befremdlich – bis ich in deinem Buch gelernt habe, was für einen heldenhaften Ursprung das hat.

Dusl: Diese Begrüßung wird vor allem in Ämtern und großen Büros gepflegt. Das kommt aus der Zeit, als sich die Österreicher dem Nationalsozialismus angeschlossen haben. Sozialdemokraten begrüßten sich damals mit einem „Freundschaft“ oder „Guten Tag“. Die Katholiken sagten „Grüß Gott“. Doch die Nazis wollten, dass man sich mit „Heil Hitler“ begrüßt. Die Behörden waren damals noch stark monarchistisch geprägt, man wollte sich dem nicht beugen und benutzte stattdessen eine Formel, die im Sinne der Nazis nicht strafbar war. „Mahlzeit“ war damals eine Umgehung – und die ist bis heute geblieben.

In deiner Kolumne „Fragen Sie Frau Andrea“ beantwortest du seit unglaublichen 30 Jahren Fragen von Lesern, die wissen wollen, woher gewisse Redensarten kommen. Wie arbeitest du eigentlich?

Dusl: Ich weiß natürlich nicht alles. Aber ich habe eine enorme Bibliothek mit Lexika, und da schaue ich nach – und im Internet natürlich auch. Die meisten schauen sich bei Google nur die ersten zehn Ergebnisse an. Ich schaue mir die ersten 300 Treffer an. Einiges davon ist völlig falsch, und dann geht es darum, herauszufinden, was stimmt. Es ist wie wissenschaftliches Arbeiten, und das habe ich als Kulturwissenschaftlerin gelernt. Außerdem kenne ich viele dieser Begriffe seit meiner Kindheit. Gleichzeitig ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Die Sprache meiner Mutter ist Schwedisch. Ich habe also ganz früh angefangen, Deutsch und Wienerisch als zwei verschiedene Fremdsprachen zu lernen. In der Volksschule wurde ich gemobbt, weil ich so seltsam gesprochen habe. Ich musste also lernen – es war eine Immunisierung gegen Mobbing.

Ich höre oft, wie sich Wiener – vor allem Eltern – beschweren, dass ihre Kinder kein Wienerisch mehr sprechen. Dass die Wiener Mundart verlorengeht und die junge Generation nur noch Hochdeutsch spricht, weil sie auf Tiktok, Youtube und Instagram deutschen Influencern folgt. Wenn ich mit jüngeren Wienern zu tun habe, höre auch ich selten einen der Ausdrücke, die in deinem Buch oder deiner Kolumne besprochen werden. Wird das Wienerische bald sterben?

Dusl: Ich glaube nicht – aber die Wahrnehmung ist richtig. Wien konnte lange kein ARD und ZDF empfangen. Wien war also sowieso später dran mit der Verhochdeutschung der Sprache als Westösterreich. Seitdem ist viel passiert. Die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den Deutschen trennt, ist durch Podcasts, Tik-tok und so weiter eingedrungen. Aber ich glaube nicht, dass das Wienerische aussterben wird – genauso wenig wie die Begriffe. Denn die Menschen hören sie von ihren Eltern und Großeltern und geben sie an ihre Kinder weiter. Ich bekomme ja nach wie vor Leserfragen, die ich in meiner Kolumne beantworte. Aber im Wienerischen gibt es Veränderungen.

Welche denn?

Dusl: Zum Beispiel „Oida“. Das hat früher kaum jemand so verwendet – das ist ein Wort, das die jungen Wiener eingeführt haben. Die Jungen schaffen ein neues Wienerisch. Es gibt zum Beispiel auch das Migranten-Wienerisch. Das wird überhaupt nie verschwinden.

Ich habe auch den Eindruck, dass diejenigen, die das Wienerische am meisten bewahren und somit quasi österreichische Tradition pflegen, Migranten sind.

Dusl: Das ist ein Soziolekt, also eine Sprache, die eine bestimmte soziale Gruppe gebraucht. Es gibt viele verschiedene Wienerische, Abstufungen, die du als Deutsche vielleicht gar nicht unterscheiden kannst. Da gibt es Leute, die sich anhören, als ob sie in einem Palais aufgewachsen wären, die ganz nasal sprechen, und so weiter.

Kürzlich erschien eine Studie, in der Österreicher zu ihrer Sprache befragt wurden. Sie fanden ihre Sprache sympathischer, gebildeter und schöner als deutsches Deutsch. Ich musste über diesen Stolz und diese Heimatliebe schmunzeln. Nun möchte ich es umkehren: Was gefällt dir als Wienerin an der Stadt und ihren Bewohnern gar nicht?

Dusl: Es gibt nichts, was mich stört.

Ehrlich? Auch schön, wenn du als Wienerin nichts zu granteln hast.

Dusl: Doch, mir fällt etwas ein. Es gibt Menschen aus anderen österreichischen Gegenden, die ihre Nicht-Wienerischkeit mitbringen. Denen würde ich gerne zurufen: „Heast, beruhig di a bissl!“

Was meinst du damit? Sind die Leute vom Land besonders laut, aufbrausend und pöbeln herum?

Dusl: Es geht nicht ums Aufbrausende. Das Wienerische antwortet mit Schmäh. Die Wiener antworten auf diese Leute mit einer eigenen Weisheit, die viele nicht verstehen. Kellner haben das drauf. In guten Wiener Kaffeehäusern gibt es gute, grantige Kellner – die haben diese Attitüde. Die Ehrlichkeit ist ein Goldstandard, eine Währung. Sei ehrlich – aber sag nicht, dass es ehrlich ist.

Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Dusl: Ein Beispiel, ganz radikal: Wenn Amerikaner zu uns kommen, sind die immer verzweifelt, dass man sie nicht fragt: „How are you?“ Oder Deutsche, die fragen dann: „Wie geht es Ihnen heute?“ Und der Wiener antwortet: „Na ja, wie soll’s mir schon gehen?“ Mich stört nichts an den Wienern, aber die Touristen sind mir ein bisschen zu anstrengend.

Es gibt Umfragen unter Expats, also Leuten aus dem Ausland, die hier leben und arbeiten, die besagen, dass Wien seit Jahren zu den unfreundlichsten Städten gehört. Auch weil es hier schwer ist, Anschluss zu finden. Sind die Wiener Ausländern gegenüber besonders gemein und verschlossen?

Dusl: Genau umgekehrt. Die Expats könnten hier viel lernen in Sachen Wahrhaftigkeit. Es gibt viele, die sich interessieren und diese Verwienerung annehmen. Aber viele bringen aus ihren Kulturen mit, dass sie sich eine freundliche Maske aufsetzen. Und in Wien nehmen sie wahr, dass die Leute ehrlich zu ihnen sind. Ein Beispiel: Jemand hat die Nachricht bekommen, dass die Krankenkasse seine Zahnbehandlung nicht zahlen wird. Soll er dann sagen: „Ja, mir geht es wunderbar, und Ihnen?“ Das machen Wiener eben nicht. Und das erzeugt dann das Bild eines mieselsüchtigen, unfreundlichen, tragischen Wieners. Und unseren Humor verstehen sie auch nicht. Und überhaupt Expats – wie können sie sich überhaupt anmaßen, hier nur drei Jahre zu bleiben? Das ist doch eine Beleidigung für die schönste Stadt der Welt. Außerdem sprechen viele von ihnen zu laut.

Lass uns einen Zeitsprung machen ins Wien des späten 19. Jahrhunderts. Diese Zeit war sehr prägend für die Stadt. Damals hatte Wien zwei Millionen Einwohner, es war viel los. Aus dieser Zeit gibt es berühmte Illustrationen von den sogenannten Wiener Typen, also Menschen, die damals das Stadtbild geprägt haben sollen: das Lavendelweib oder der Würstler zum Beispiel. Du hast ja dein Buch selbst illustriert – und da gibt es auch Wiener Typen. Was sind denn typische Wiener Gestalten von heute?

Dusl: Eine sehr wienerische Figur ist nach wie vor der Würstelmann. Oder der Strizzi. Dann gibt es eine Figur, die man nur sieht, wenn man nachts auf dem Gürtel unterwegs ist – die sogenannte Praterfee. Eine Prostituierte, eine Sexarbeiterin.

Eine Praterfee vom Gürtel?

Dusl: Nein, die Praterfee vom Gürtel heißt natürlich Gürtelhur. Aber das ist alles schon sehr unwoke Sprache, die aber existiert oder existiert hat. Und die Praterfee gehört zum Strizzi dazu, der betreut sie.

Dann gibt es noch den Gschaftlhuber. Dem habe ich das Gesicht von Elon Musk gegeben. Auf Deutsch heißt das „Hansdampf in allen Gassen“. Es gibt auch einige Politiker, die ausschließlich gschaftlhuberisch nach oben getrieben sind. Aber da das alles substanzlos ist, fliegen ihre Gebarungen irgendwann auf – und sind erfolglos. Aber der Gschaftlhuber findet immer wieder eine neue Betätigung.

In Deutschland würde man auch „Windbeutel“ sagen. Ein Typ in deinem Buch ist mir gefühlt schon tausendfach in dieser Stadt begegnet: der Hubertusmantler mit der Attersee-Familienfrisur.

Dusl: Das kommt von Lukas Resetarits, der hat den erfunden. Das sind Leute, die am Graben verkehren, die durch die Nase sprechen und sich in schicken Lokalen aufhalten. Sie haben altes Geld, Besitz und Attitüde. Sie sind in Wien zugegen, haben aber auch Villen am Attersee, im Salzkammergut, in Altaussee. Es sind alte Familien, wo sich Großbürgertum, Schickimicki und Aristokratie vermischen. Und eines der Kleidungsstücke, die sie tragen, ist der Hubertusmantel: Er besteht aus einem grünen, filzernen Stoff, die Knöpfe sind mit einem geflochtenen Leder überzogen. Das kommt von der Jagd, aber normale Jäger auf dem Land aus Oberösterreich oder Tirol, die tragen das nicht. Es ist ein Angebermantel, der nur in Wien und Salzburg getragen wird. Aber der Hubertusmantler ist nur eine von vielen Wiener Figuren. Diese Vielfalt, auch das ist Wien.

 

Würzen in Österreich

Als es noch Wirtshäuser gab und Bahnhofsrestaurants, in einer Zeit, die frei war von Schnick und Schnack, Social und Media, waren die Tischtücher noch weiß und gestärkt, von der Dicke florentinischer Mamorplatten. In der Mitte des Tisches war die Trias der österreichischen Individual-Gastronmie platziert: Ein Salzstreuer (mit der obligaten Rieselhilfe Reis), ein Pfefferstreuer, und für die Dentalhygiene ein Bund frischer Zahnstocher. Landauf landab war das so, niemand musste nach Salz oder Pfeffer fragen. In ungarischen Speisewägen fand sich auch noch feinstgemahlener Paprika in der Gewürzschaukel, obligatorisch, weil maygarisch. Irgendwann gesellte sich in Österreich die schlankhalsige Maggiflasche mit auf den Tisch, zur Unfreude der Tischtuch-Zuständigen (und unter heimlichen Tränen der Suppenköche).

Diese Zeiten sind perdu, wie man französelnd sagt. Mit den Ferial-Besuchen der Österreicherinnen und Österreicher in gastronomisch interessanten Ländern gerieten auch deren Gwürze und Geschmacksverstärker in den Fokus der Normalität. Olivenöl wurde modern, Meersalz und Balsamessig, die asiatischen Lokale junkten uns mit salzigen, süßsauren und scharfen Safterln an, und mit der Adaption US-amerikanischer Grillkultur traten die Steaksaucen in unser Geschmacksleben, und der Mundhöhlenverätzer Capsicum, verantwortlich für die Schärfe von Paprikas, Chilis und Pfefferoni.

Mittlerweile haben die Spezereiregale der heimischen Supermärkte die Ausdehnung orientalischer Gewürz-Bazare. Das freut die modernen Gaumen! Die weißen Tischtücher der Gasthäuser aber bleiben verschwunden.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 23. August 2025.

Neue Berufe

Jahrhundertelang war die Sache ganz einfach im Land der Berge. Bauernkinder wurden Knechte, Mägde oder übernahmen den Hof, der Handwerkernachwuchs erbte die Werkstatt oder ging auf die Walz, wurde Schuster, Schneider, Bäcker, Geigenbauer. Apotheken blieben in der Familie, Notariatskanzleien, Hammerwerke, Mühlen. Die Schloßbesitzer blieben im Schloßbesitzermilieu. Adel verpflichtete.

Aber irgendwann griff die Freiheit nach den Österreichern (die Österreicherin ist immer mitgemeint), Stand und Beruf wurden nicht mehr rigoros vererbt, sondern in Maßen Ziel eigener Wünsche und Talentvorgaben. Die Berufsphantasien der Nachkriegsgeneration zielten noch Richtung Lokomotivführer, Feuerwehrhauptmann, Astronaut (Buben), sowie Kindergartentante, Friseurin und Auslagendekorateurin (Mädchen). Und es hieß: Einmal Installateur, immer Installateur, einmal Lehrerin, immer Lehrerin, einmal Elektriker, immer Elektriker, Fernsehansagerin, Badewaschl, Stenotypistin. Das Bild sollte sich schon für die Boomer ändern. Die Sicherheit des Berufsweges geriet ins Taumeln.

Aus Berufen wurden Jobs, und die ändern sich mittlerweile im Monatstakt, boomen, verschwinden, kristallisieren sich neu. Branchen kommen und gehen, Lebensplanung zielt allerhöchstens auf Jahre. Laufbahnen verkürzen sich, enden in Sackgassen. Aus Kraftfahrzeugmechanikern werden Crypto-Berater, aus Verkäuferinnen Work-Life-Balance-Coaches, aus Grafikern Smoothie-Consultants, KI-Prompter, Directors of First Impressions, Mystery Shoppers, Happiness Officers, Team-Building-Managers, Food-Stylist·innen, Warm-Uppers, und ganz wichtig: Influencer.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 16. August 2025.

Austrosensor

Sprechen wir über das Gefühl. Bei den Gefühlen kennt sich Österreich aus. Es sei „Vü zvü Gfü“ (viel zuviel Gefühl), bringt es die Grundlseer Mundart-Band Die Seer auf den Punkt: „Kimm glei, sollst di beeiln“, ruft die Stimme des steirischen Herzens, „i mecht des Gfü heit mit dir teiln!“ Fühlen hat also, ganz im Gegensatz zu vielen anderen inneren Österreichvorgängen ganz viel mit Teilen, Mitteilen zu tun.

Und wie alles im Getriebe des Miteinander ist es die Schule, die unseren Blick für das Wesentliche weitet. Ein wichtiges Instrument zur Übermittlung von Gefühlen war lange Zeit und österreichweit das Mitteilungsheft. Hier kanalisierten Lehrkräfte ihre Gefühle zu individuellen Schulkindern. Die kleinen Botschaften an die Eltern waren Liebesbriefe ohne Liebe, aber reich an anderen Gefühlen. „Herbert schwätzt und stört den Unterricht“, „Renate hat wieder einmal den Atlas zuhause vergessen“, „Karl-Heinz stiehlt anderen das Pausenbrot“.

Die Mitteilungshefte sind aus den Schultaschen verschwunden, an ihre Stelle sind digitale Nachfolger getreten. Emails, Gruppen-Chats, warnende SMS und Alarm-Nachrichten in den diversen School-Apps. Das Gefährliche ist geblieben: Die Betroffenen sind vom Dialog weitgehend ausgeschlossenen. Früh entsteht so ein Gefühl für Macht und Ohnmacht. Hie die Verwalter, dort die Verwalteten. Und über und zwischen ihnen schriftliche Kommunikation. Nachrichten, Verlautbarungen, Eingeschriebenes. Gefahr.

Die österreichische Seele antwortet mit Gefühlen. Tiktok-Gerüchten, WhatsApp-Geraune, Twitter-Orkanen und Kommentar-Tsunamis. Vü zvü Gfü.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 2. August 2025.

Das Sommerloch

Als Sommerloch bezeichnet der Volksmund jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt auszudünnen scheint. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Die Deutschen, nie verlegen, die Welt anders zu sehen, kennen ihr Sommerloch als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake und eine Scheibe Brot, und die solcherart behandelt dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.  

Dass der aufmerksamkeitsüchtige Boulevard den Sommer traditionell als Herausforderung versteht, wird von Kritikern der Nachrichtenverflachung bemängelt, wenn auch weitgehend vergeblich. Die Schlagzeilenschleudern berichten also sommers von seltsamen, meist giftigen oder sonstwie auffälligen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und automobilistischer Unintelligenz.

Seriöse Zeitungen haben journalistisch andere, nämlich wirkliche Sorgen. Sind doch dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen die mitteleuropäischen Urlaubsgefühle weitgehend egal. Die internationale Politik hält sich nicht an die hiesigen Kalender. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art folgen eigenen Gesetzen.

Und seit der große Nachrichtenmacher Donald Trump die Schalthebel der US-amerikanischen (und damit der globalen) Politik bedient, gehen gesellschaftliche und Umweltkatastrophen nahtlos ineinander über. Der Sommer hat kein Loch mehr.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 19. Juli 2025.

 


Nicht erschienene Version:

Als Sommerloch bezeichnet die publizistische Welt jene Zeit, in der die Nachrichtenlage saisonbedingt ausdünnt. Familien mit Kindern röten sich im Urlaub, die Parlamente schlummern, Schulen und Universitäten haben Ferien und vorlesungsfreie Zeit, Ministerien und Ämter dösen auf Halbmast. Dem Weltgeschehen und den meteorologischen Zuständen ist das dennoch weitgehend egal, abgesehen davon gilt die Jahreszeit Sommer immer nur für die betroffene Hemisphäre. Wichtige Teile der Welt befindet sich momentan im Winter (oder Spielarten) davon.

Nennen wir diese Periode des Zeitungsgeschehens also „unser Sommerloch“, das „österreichische Sommerloch“. Die Deutschen kennen ihres als „Saure-Gurken-Zeit“, benannt nach der Kulturtechnik, bei der Gurken nicht in Essig eingelegt werden, sondern in gewürzte Salzlake mit einer Scheibe Brot, und dank rascher Milchsäuregärung ganz von selber reifen.

Nehmen wir das Synonym beim Wort. Die Gurken (die Nachrichten) reifen im Salzglas (in der unterbesetzten Redaktion) ganz von selbst. Geschichten und Vorfälle schreiben sich ohne großes Zutun. Sie handeln von seltsamen Tieren, von außerterrestrischer Intelligenz und galoppierenden Berichten über US-präsidiale Unintelligenz. Dürren, Waldbrände und Unwetter aller Art tun das ihrige, um den Anschein zu erwecken, es sei viel los, obwohl nichts passiert.

Neu dazugekommen in den Kanon der Sommerlochthemen sind die Nachrichten von der künstlichen Intelligenz. Mittlerweile werden die Sommerlochgeschichten über die künstliche Intelligenz selbst mit Hilfe, und immer häufiger von künstlicher Intelligenz verfasst. Sauer!

Sommer

„Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“, sang der holländische Showmaster Rudi Carrell 1975, „ein Sommer, wie er früher einmal war, ja, mit Sonnenschein von Juni bis September, und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr!“ Ans Jahr 1975 und den Refrain des besagten Liedes erinnern sich vereinzelt noch die Boomer unter uns, an den schlaksigen Witzemacher und seine Sendungen auch nur die. Früher war alles besser, sagen die einen, stimmt so nicht, die anderen. Angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen sommerlichen Hitzewellen möchte man Rudi Carrell die österreichische Ansicht zum Thema in die Vergangenheit hineinrufen, er habe das damals gründlich „verschrien“, die Sache mit dem Sommer.

Wie war das damals? Deutsches Fernsehen brachte deutschen Humor in die Wohnzimmer Schnitzellands und deutscher Humor war der holländische des Rudi Carrell. Der Sommer der Deutschen und der Holländer fand in besagter Zeit mit Vorliebe in hiesigen Gegenden statt, wobei sich die Deutschen in den Hotelpensionen und Frühstücksbleiben verteilten, die Holländer aber die Campingplätze besiedelten. Lückenlos. Das Bild der schwankenden Wohnwägen auf den Landstraßen, und der kochenden Kühler auf den Pässen gehört zum visuellen Erbe dieser Zeit.

Neben der saisonalen Eiskarte mit neuen und alten Tiefkühllegenden (Twinni! Piper! Brickerl!) war es der jährliche Sommerhit, der die Ferienzeit bestimmte. Man muss weder Rudi Carrell noch seinem launigen Lied nachtrauern, um festzustellen, es ist alles anders geworden. Kochende Kühler gibt es keine mehr, und sibirische Sommer nicht einmal dort.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 5. Juli 2025.

Privatsachen

Der österreichische Privatmensch ist ein Sammler. Das Ansammeln ist dem Land der Berge eingeschrieben. Schon die Landesfürsten aus dem Hause Habsburg definierten sich über ihre Kunstsammlungen, Schatzkammern und Gemäldegalerien. Im Kleinen sind wir alle Kaiser. Im weiten Feld des Feinstofflichen werden Überstunden gesammelt, Pensionsjahre, Freiminuten, Bonusmeilen. Auch in den Räumen des Stofflichen horten die Österreicher emsig, die Österreicherin ist wie immer mitgemeint, weil selbstständig sammelnd. Rabattpickerl, Autogramme, Bierdeckel, Gartenzwerge, die Kategorien des Sammelbaren kennen kaum Grenzen. Die Exponate füllen die Wohnzimmer, Dachkammern und Keller.

Eine besondere Zuneigung, ja verklärende Besitzlust kann der Fetisch entfesseln. Er beginnt beim Zweitwagen, verirrt sich in Leder, Gummi und knapp sitzender Spitze, bereist die Universen zwischen den Buchdeckeln, versteigt sich in den Levels der Computerspiele und endet in der Vergänglichkeit von Gerüchen und Geschmäcken. Größte spirituelle Verzückung kitzelt das Gefährliche hervor, der Tanz auf dem gesellschaftlichem Vulkan, das Abspulen von Triathlonkilometern, die Schönheitschirurgie, das Beklettern tödlicher Gipfel, der Flugrausch an Schirm und Drachen.

All das und indviduell noch mehr vermag der Waffenbesitz einzulösen. Er verbindet Sicherheit mit Leidenschaft, Selbstbestimmung mit Werkzeugfreude, Jagdlust mit Verteidigungsbereitschaft. In der Waffe kulminiert das Kleine mit dem Großen, das Hehre mit dem Niedrigen. Wüßte man es nicht schlechter, könnte man sagen, Österreich ist die Waffe, die alle von uns besitzen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 21. Juni 2025.

Der österreichische Handschlag

Die alten Baiern zogen einander am Ohr, Kaiser, König, Edelmann siegelten, Ämter stempelten, die Welt des Kapitals kennt die Unterschrift. Jedes Schriftl ist ein Giftl, antwortet man in Österreich, denn für Akte des Vertrauens, für Abkommen und Vereinbarungen aller Art gibt es den Handschlag. Der Handschlag ist kein Griassdi und kein Hallo – für Begrüssungen tippt man sich an den Hutrand, hebt das Krügel, reißt einen Seawas runter. Der Handschlag ist tief empfundene Landeskultur, er gilt jenseits aller Vorschriften und Gesetze als rechtsverbindlich und echt, als willkürliche Gegenwartsgeste, die in die Ewigkeit reicht.

Der österreichische Handschlag ist nicht geschüttelt, wie die bürgerlich-amerikanische Guten-Tag-Geste des höflichen Händedrucks, der hiesige Handschlag ist fest wie die Gerichtslinde am Dorfplatz und klar wie der Affirmations-Obstler im Stamperl danach. Im (stets männlichen) Handschlag verdichtet sich die Erinnerung ans Armdrücken am Kirtag, an die helfende Hand nach dem Mopedausrutscher, an die klebrige Schwurhand nach dem nächtlichen Maibaumumsägen.

Obschon die Handschläger mit gleicher Festigkeit zudrücken, wissen sie insgeheim, wer der Stärkere ist. Gleichheit wird nur simuliert, behauptet, sie schwindet spätestens beim Bündnisbruch. Ehrhaftigkeit (nicht Ehre), Verlässlichkeit in Männerbelangen wird daher, gerne auch von Lokalpolitikern, in die Formel von der „Handschlagqualität“ gegossen. Kaum je wurde diese einer Frau zugesprochen. In Sachen Gleichberechtigung gibt es also noch Ritualbedarf.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 6. Juni 2025.

Eiskarte 2025

Österreich ist ein Land des Verkehrs. Im Verkehr kennt es sich aus. Im Straßenverkehr, im postalischen Verkehr, im Fremdenverkehr. Das Werkzeug zur Vermittlung verkehrlicher Anliegen ist die Karte. Je nach Sparte bedient sie Wünsche und Möglichkeiten der Beteiligten.

Sehen wir uns die Karten an. Die österreichische Straßenkarte (heute die virtuelle im Navi) organisiert das friedliche Hin und Her im Land, das Ankommen und das Wegfahren, den Durchzug, den Transit. Die österreichische Wanderkarte (heute die am Handy) erschließt die Bergwelt, führt zu Hütten und Herbergen, zu Gipfeln, Graten und Gletschern. Die Fahrkarte erlaubt die Reise mit Öffis aller Art, die Eintrittskarte den Zugang zu musealen Österreichischkeiten, erschließt Burg und Schloß, Ausstellung und Erlebniswelt. Mit der Postkarte (heute dem Posting) werden Anwesenheitsbeweise, Kurznachrichten und familiär-bekanntschaftliches Allerlei übermittelt. Die Speisekarte endlich erschließt Kochkunst, Preismoral und Ästhetik des individuellen Verköstigungsbetriebs. Nach französisch-italienischem Vorbild kann sie auch mündlich vorgetragen werden, in Form eines kulinarischen Kurz-Epos. Die kürzeste Form dieser gesprochenen Karte erzählt alles über Weniges, und damit alles über Österreich: „Schnitzel hätt ma, Gulasch, und a Eierspeis“, im Kaffeehausfall „den Spezialtoast.“

Die Zusammenfassung all dieser Karten ist die Eiskarte. Die Fahrkarte in die Hitze-Stillung sommerlicher Akut-Gustos. Die Eintrittskarte ins Feriengefühl, die Wanderkarte in die Welt der transportablen Mikrogletscher.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2025.

Weltuntergang

Ein alter Witz, der fälschlicherweise Karl Kraus, Gustav Mahler und in einigen Varianten auch Bismarck, Hegel, Heinrich Heine, Abraham Lincoln und Mark Twain zugeschrieben wird, geht so: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Österreich. Dort passiert alles zehn Jahre später.“

In Maßen ist die Republik jüngst von jener Untergangs-Bewältigungs-Philosophie gestreift worden, die in US-Amerika (und verbandelten Gegenden) als Preppertum firmiert. Prepper sind Leute, die sich auf mögliche Katastrophen und Notfälle vorbereiten. Die Bezeichnung leitet sich vom englischen Ausdruck „to be prepared“ ab, was soviel „bedeutet, wie „vorbereitet zu sein“. Auf den Bürgerkrieg, den Atomkrieg, die Apokalyse. Auch die Schweizer haben jahrzehntelang gepreppert – unser westliches Nachbarland gilt als nahezu lückenlos unterbunkert. Österreich ist immerhin weitgehend unterkellert.

Minimal preppern auch Österreichs Ministerien und und andere Behörden, indem sie vor Blackouts (Stromausfällen) und Brownouts (Netzschwächeanfällen) warnen. Man möge sich für diese Fälle Getränkevorräte anlegen, Nassrasierer, Kerzen und ein Kurbelradio vorrätig halten. Dass der Notfall rituell verankert ist, manifestiert sich am Land jeden Samstagmittag in der Sirenenprobe (in Wien findet diese nur am ersten Samstag im Oktober statt.) Sinn der Testung ist es, die Bevölkerung auf die Existenz von Sirenen aufmerksam zu machen. Was im Ernstfall zu tun ist, wissen die wenigsten. Mit einer Ausnahme: Die Prepper. Sie begeben sich im Alarmfall in den gut gefüllten Bunker.

In Österreich haben sie dazu 10 Jahre Zeit.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 10. Mai 2025.

Wien

Eine Freundin von mir lebt im Burgenland, in einer angenehm hügeligen Gegend, touristisch noch weitgehend unentdeckt. Dörfer, Wiesen, Felder, Weingärten. Die älteren Dörfler leben nebenerwerbsbäuerlich in weißgetünchten Vierseithöfen, die jungen haben sich bunte Einfamilienhäuser gebaut. Die Nahversorgung stellt das Lagerhaus zur Verfügung, und die lokale Tankstelle. Wirtshäuser gibt es keine mehr. Man trifft sich bei der Blasmusik und in der Buschenschank. Österreichische Provinz. Meine Freundin hat sich als Kräuterpädagogin ausbilden lassen, pendelt aus, heilt und berät.

Wenn wir telefonieren, gilt die erste Frage dem jeweiligen Wetter, dann wird gefragt, ob alle gesund seien und dann wird es politisch. Wie ist die Stimmung bei euch? Im Südburgenland ist sie sozial konservativ, hin und wieder gibt es Unmut. Hagel, Frost, Überschwemmungen. Von Wien hat meine Freundin ein düsteres Bild. In diesem Bild gibt es täglich Schießereien zwischen Mafia-Gangs von Balkan, in den Gassen marodieren Messerstecher und Drogendealer, kurz Wien ist gefährlich wie die Armenviertel von Caracas, über beleumundet wie Kabul, Khartum, Karachi. Ob ich mich noch auf die Straße traue? Jederzeit, antworte ich dann. Das Schlimmste was mir in den letzten Monate passiert sei? Dass die Bim 7 Minuten Verspätung hatte und ich keinen Sitzplatz mehr bekam. Die letzte Polizeisirene hätte ich 2024 gehört. Nur die Post wäre so unzuverlässig wie in einer Bananenrepublik. Das verbitte sie sich, sagte meine Freundin. Ihre Schwester lebe in Guatemala, und da käme die Post zuverlässig an.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 26. April 2025.

Hass im Netz

Sie heißen Raecher0851, BauxiEins11, Seppi13 und Gemmagetscho1. Die Zahl der anonymen Internetpersönlichkeiten mit halblustigen Kurznamen und Zahlenendung geht in die Millionen. Sie verstehen sich als mutige Individueen, als Kreuzritter der Freien Rede. Vereint sind sie zur Stelle, wenn der Shitstorm aufkommt, wenn es gegen die Aufgeklärten geht, gegen die vermeintlich Mächtigen, weil öffentlich Auftretenden. Das Mächtige meinen sie schon im schieren Realnamen zu erkennen, Aufgeklärtes, wissenschaftlicher Evidenz oder schlicht Fakten Folgendes desavouieren sie als Fake-News und Lügenpropaganda. Journalistinnen erregen ihren Umut, Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen. Die Zornigen tummeln sich in den Online-Foren der Zeitungen, in den diversen (Un)sozialen Medien, vor allem aber auf X, der toxischen Verlautbarungsplattform des Elon Musk. Mistgabeln braucht es keine für ihre Krawallstürme, keine lodernden Fackeln, es genügt eine abgewetzte Tastatur und ein alter PC-Kübel. Viele rücken inzwischen am Handy aus, um Gutmenschen fertigzumachen. Es scheinen Männer mit brüchigen Biographien zu sein, gesellschaftlich marginalisiert, fremdbestimmt und verbittert. Sie schreiben keine Gedichte, keine Lieder, keine Romane, ja nicht einmal Pamphlete, um ihren ungestillten Zorn zu kanalsieren, ihnen genügt kurzzeiliger Hass. Mit zwei, drei Fingern getippt, im Stil schnellverfasster Klotüren-Polemik.

Vor Gericht gestellt, in Reportagen erforscht entpuppen sich die Hassposter als harmlos auftretene Biedermänner, Familienväter, Durchschnittsbürger. Der amtierende US-Präsident und sein südafrikanischer Berater-Buddy sind bekannte Ausnahmen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 12. April 2025.

Farben der Saison

Leise und ausdrucksarme (sprich: fade) Politiker werden auch in Österreich, Traditionsgegend der Halbschatten und Zwischentöne als „farblos“ diskreditiert. Sehen wir rüber ins Weltgeschehen: Der Vorwurf der verbalen und mimischen Unbuntheit hat dem scheidenden deutschen Kanzler Scholz das Amt gekostet, auch Joe Biden und seiner Karriereverlängerung wurde lähmendblasse Grauheit zum Verhängnis. Farblosigkeit ist zwar bei Herrenanzügen, teuren Limousinen und den Dreitagesbärten der Manager gängiges Muss, auf dem Tanzparkett der Temperamente aber ist graue Zurückhaltung mittlerweile verpönt.

Man versteht, dass die amerikanische Gesellschaft Gefallen an orangen Gesichtern und knallroten Schirmmützen entwickelt hat, an kajalschwarzen Krawallaugen und pennälerhaftem Brachialgehopse. Diplomatische Besonnenheit und elegantes Auftreten sind dank Trump und Musk, und ihrem geheimen Stilberater, dem argentinischen Kettensägenonkel Millei wenig bis gar nicht mehr gefragt. Nicht ganz unschuldig daran ist das weltweite Mediennetz, das nach Aufruhr und Politikgekreische im Minutentakt verlangt. Die Castingshow läuft auf allen Kanälen und hat nur wenige Regeln: Schrill schlägt jederzeit schrullig, böse und berechnend obsiegen immer über berufen und befähigt. Die Grenzen des Möglichen wurden verschoben. Der Politikertypus Horrorclown hat die Bühne betreten und verweigert Aktwechsel, Schlussapplaus und den Gang in die Garderobe.

Man muss dem hiesigen Kanzlerduo Christian Stocker und Andi Babler geradezu dankbar sein, dass sie dem Genre „farblos“ neue Würde verleihen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 29. März 2025.

Trio Infernal

Wir befinden uns im Kino-Frankreich der Siebzigerjahre, blicken aber zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Ein für militärische Tapferkeit ausgezeichneter Anwalt (Michel Piccoli) und zwei von der Deportation bedrohte deutsche Schwestern (Romy Schneider und Mascha Gonska) beginnen, Lebensversicherungsgesellschaften durch kurze, stets tödliche Ehen mit betuchten alten Männern zu betrügen. Angestachelt vom Erfolg ihrer ausgeheckten Gaunereien scheuen sie schließlich auch vor Mord nicht zurück, töten einen Zufallskomplizen und seine Frau, eine reiche Wuchererin. Die Leichen lösen sie in Badewannen voller Schwefelsäure auf. Ein weiteres Unterfangen erweist sich für eine der Schwestern als tödlich. Tief verbunden durch ihr bestialische Tun heiratet der Anwalt, mittlerweile in die Politik gegangen, die Verbliebene des Trios. Eine Lebensversicherung wurde abgeschlossen. Hier endet der Film, der Ausgang ist so offen wie wahrscheinlich.

Filmisches auch heute. Mutet die US-amerikanische Politik dieser Tage, Wochen und Monate doch an wie eine Melange aus tabuloser Horrorgroteske und monumentalem James-Bond-Film. Mit einer verstörenden Ausnahme. Im laufenden Thriller im Weißen Haus gibt es nur Weltbösewichte, rettende Agenten mit Stil und Absichten sind nicht in Sicht, sie wurden erst garnicht ins Drehbuch geschrieben.

Das Publikum sieht dem Treiben mit einer Mischung aus Angstlust und Abscheu zu. Popcorn und Sportgummi sind längst ausgegangen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. März 2025.

Wie ist das mit den Fragen?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 10/2025 vom 5. März 2025

Liebe Frau Andrea,
Immer wieder werde ich, meist von Freundinnen und Freunden, zur Metabene dieser Kolumne befragt. „Wann denkst du dir die Fragen für deine Kolumne aus?“ heißt es dann, und „Das sind echte Fragen, von echten Leuten? Nein, komm!“ Stellvertretend für diese wiederkehrenden Erörterungen stelle ich also wieder die eine alte Frage an mich: „Beantwortest Du hier echte Fragen?“Beste Grüße, Andrea Maria Dusl (ich),
Upper Westside Leopoldstadt,
in kolumnistischer Introspektionspermanenz

Liebe Andrea,

eingedenk einer legendären Kabarett-Nummer Fritz Grünbaums, in der dieser sich in vorgegebener Doppelfunktion als Kabarett-Direktor und kabarettistischer Conférencier in einem fiktiven Vorstellungs-Gespräch mit sich selbst verzettelt, versuche ich mich also wieder einmal in kolumnistischer Persönlichkeitsspaltung.

Ja, lautet die kurze Antwort, hier werden echte Fragen von realen Menschen beantwortet. Nichts ist ausgedacht. Die Fragen kommen auf verschiedenen Kanälen zu mir, meist per Email, manchmal als Direktnachricht auf Facebook oder Bluesky, und auch Postkarten trudeln ein. Fragen anonymer Individuen, herangetragen von „@Trollmeister42“, „@Elfenheil7“ oder „@Halligallitrude“ erfahren keine Behandlung, sie verletzen den Anspruch auf Augenhöhe.

Das Beantworten echter Fragen realer Menschen hat einen sinnstiftenden Aspekt. Niemand könnte sich all die vielen, aus so unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnissen gespeisten Fragen ausdenken. Schnell würde den Lesenden (und auch mir) fad werden. Der bittere Geschmack der Fake-Dichterei würde das Geschriebene vergiften, die Kolumne würde in Schwurbelei und Ratgeberkitsch ersticken. Mahnt doch das Beispiel der berühmten Antwortonkel Dr. Sommer und Dr. Korff aus der Teenie-Illustrierten BRAVO. Die vielen verschiedenen Autor·innen der legendären Kolumnen schmissen regelmäßig hin. Ging ihnen doch schnell die Themenluft aus.

Schließen wir mit einer Zusatzfrage. Woher weiß ich das alles? Ich weiß nicht alles, nicht einmal einen Bruchteil davon. Ich mache mich schlau. Womit? Mit der guten alten Methode Recherche.


comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social

Oscar-Nominierungen

Österreich gilt, so Hymne und Tatsachensubstrat, als Land der Berge. Besungen werden der Donaustrom, dann Äcker, Dome, Hämmer, und schließlich: Große Töchter, große Söhne. Nach heutigen Prominenzkriterien wäre dies das Seitenblickepersonal, die Fernsehmenschen und der Schauspieladel. Allesamt Leute mit großem darstellerischem Talent. Die Forderung nach mimischer Leistung übersteigt daher auch in der Politik jene nach fachlicher Kompetenz. Umfragekaiser müssen nichts können, aber jederzeit den Nachweis erbringen, das sie etwas laut sagen können. Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn, wie das am Theater und im Film üblich ist, bei den handelnden Figuren nach der Kraft der „Erzählung“ gefragt wird, die sie mittelbar über die Rampe zu bringen im Stande sind. Pressekonferenzen und politische Reden müssen überzeugen, Faktentreue oder Wahrhaftigkeit sind nebensächlich, wenn nicht gar störend. Geschliffene Sprache wir bevorzugt, selbst wenn sie aus Stehsätzen und Telepompterlektüre besteht. Reden werden von Marketingpersonen geschrieben, oder von ChatGPT.

In der Vergangenheit hat das sattsam bekannte Schaupolitiker in höchste Ämter gespült, Auftrittssicherheit war ihr größte Stärke, slim waren ihre Anzüge, lackiert der Teint, geföhnt und gelegt das Haar. Das Lächeln konnte so gut überzeugen wie die ernste Miene, die Lüge geriet zur Message. Die Message wurde Wirklichkeit. Die Medien wurden massiert.

Das Land von Burg und Oper ist stabil mimisch. Auch wenn die Pressekonferenzen jetzt Doorstep heißen.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 1. März 2025.

Wissenschaft in Österreich

„Wissen ist Macht“, sagt die Kalenderspruchdichtung, Österreich antwortet: „Nichtwissen macht auch nichts.“ Im Einklang mit diesem Befund wird Bildung als Einbildung diskreditiert, dem Können das Auskennen vorgezogen. Der Hättiwari konkurriert mit dem Diafensoiti und dem Kennantati.

Das will nicht heißen, dass es im Land der Berge nicht auch Experten gäbe, ganz im Gegenteil, sie sitzen aber lieber auf Traktorsitzen als auf Lehrstühlen. Statt Praxen und Kanzleien aufzusuchen, vertrauen die gelernten Österreicher Dr. Google, Professor ChatGPT und wie immer schon: Dem Wirtshaustisch. Dort weiß man, was man wissen muss – Bücher und Broschüren verwirren, Anleitungen und Beschreibungen irren. Gedrucktes ist Druck, und Druck schmerzt. Also gilt das gesprochene Wort, das Posting, und die Instanzen Hausverstand und Bauchgefühl. Die Politik des kleinen Mannes (die kleine Frau ist immer mitgemeint) hat diese Mechanismen verinnerlicht und zu stabilen Verhältnissen geformt.

Jüngst zirkulierte in Verhandlerkreisen die Forderung, Englisch (die lingua franca der Wisssenschaft) zu verbieten, Studien, Thesen und Disserationen nur mehr auf Deutsch zuzulassen. Dem liegt die bauchgefühlte Angst zugrunde, hiesige Nachdenker könnten sich im Ausland wichtig machen, und schlimmer (weil umgekehrt), nachdenkliche Ausländer bei uns.

Österreichs galoppierende Wissenschaftsskepsis ist Legion. Der legendäre Tiroler Satiriker Otto Grünmandl hätte sie so zusammengefasst: „Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus.“

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 15. Februar 2025.