Liebe, Kälte, Bäume, Zelte

Es war eine ganz und gar seltsame Zeit. Österreich war ins Trudeln gekommen, Werte hatten ihr Legitimation verloren und die Handelnden waren aus ihren Rollen getaumelt. Andrea Maria Dusl war in der Au. Im Dezember 1984. 
Vor 25 Jahren.

Für Falter 51/2009

Im Mai 1984 hatte ein durchgeknallter Haufen Prominenter unter grossem Medienaufruhr zu einer “Pressekonferenz der Tiere” gerufen. Der grantelnde Wiener ÖVP-Stadtrat Jörg Mauthe, stets von einer Schwade Zigarettenrauchs umnebelt, kam als Schwarzstorch verkleidet, der Chef der freiheitlichen Jugend und spätere Grüßaugust Hubert Gorbach, parteifarblich korrekt als Blaukehlchen. Peter Turrini, polternder Wirtsstubenintellektueller betrat das Podium als Rotbauchunke und der junge ÖVP-Abgeordnete Othmar Karas als Kormoran. Primus inter pares war der Publizist Günther Nenning, der seine politischen Verantwortung als sozialdemokratischer Kasperl in der Rolle des “roten Auhirschen” wahrnahm. Die schrille Veranstaltung hatte einen Zweck: Mit den Mitteln poetischer Gschaftlhuberei und politischer Aufmüpfigkeit den Volkszorn gegen ein geplantes Wasserkraftwerk zu erigieren. 

Die Gegner waren die Koalition aus Kraftwerksbossen, Gewerkschaft und Innenministerium. Hinter allem thronte schwerfällig und schwach ein beleibter Historiker, den Sonnenkönig Kreisky zu seinem Nachfolger bestimmt hatte. Fred Sinowatz, der recht behalten sollte mit seinem legendären Satz: “Es ist alles sehr kompliziert.”

Ich selbst war damals, um mit Hermes Phettberg zu sprechen, ein kleines Studenty an der Akademie der Bildenden Künste. Neugierig, tatendurstig und alert. Und weil mich das Künstlerleben am Schillerplatz nicht ausfüllte, hatte ich mich erfolgreich an Günther Nenning herangemacht. Der FORVM-Herausgeber und Doppeldoktor war ein beliebtes Ziel für deviante Publizistikgroupies und praktischerweise mit der WG-Kommilitonin meines Freundes zusammen, gehörte also zur Familie. Und eines Tages schepperte das Telefon, Handies gab es ja noch nicht und Günther Nennings  franzeskojosefinische Zeitlupenstimme schnarrte aus dem Hörer. Ob ich Lust hätte, mitzukommen, es sei noch ein Platz frei im Taxi. Es ginge nach Hainburg, solidarisch zu sein mit den Besetzern der Bäume. Zu Verhindern, dass die Au geräumt werde. Aber sicher, sagte ich, schnürte den Rucksack, sagte den Eltern Lebewohl und setzte die Haube auf. Hainburg hatte ich bisher nur vom Postamt gekannt, von der knallvioletten Vierschillingmarke. Dass dort eine Au war, hatte ich nicht gewusst, Wasserkraftwerke hatte ich als herzensgut wahrgenommen und Revolutionen hatte ich bis dahin immer in sozialem Kontext gesehen. Das geplante Bäumeretten hatte immerhin avantgardistisches Potenzial. Und meinen Kumpan, den Dutschkefreund Nenning hielt ich für vertrauenswürdig in revolutionären Dingen. 

Mit dem Taxi in die Au. Das hatte etwas großbürgerliches, anarachistisches, man konnte die ganze Aktion auch als großes künstlerisches Happening sehen. Und eines war mir klar: Es wurde Geschichte geschrieben. Es war Krieg. Und ich war dabei! 

Meine erste Impression von der Naturschützerfront: Hainburg lag gar nicht in Hainburg. Hainburg war nur das Schlagwort, die Ikone. Das umkämpfte Gebiet selbst lag jenseits der Donau, über eine riesige Hängebrücke erreichbar, in einem Ort namens Stopfenreuth. Hainburg war nicht Hainburg, Hainburg war Stopfenreuth. Im Dorfwirtshaus brodelte es, Prominente gaben Interviews am laufenden Band. Ab in den Wald. Bäume retten. 

Vor dem Wald, auf dem Hubertusdamm, standen die Gendarmen. Das Gebiet sei gesperrt, der Zutritt werde verweigert, sagten die Grauröcke. Wir gingen weiter, zwischen den Gendarmen hindurch, einige liefen. Und dann packte jemand meinen Ärmel. So fühlt sich das also an, jetzt bist du verhaftet, in Staatsgewahrsam, dachte ich, als die Gendarmen vier von uns zu fassen bekamen und in ihren VW-Bus bugsierten. Während die Gendarmen versuchten, andere aufzuhalten, öffnete ich seelenruhig die Bustür und begab mich wieder in Freiheit. Jetzt bist du Flüchtende, sagte ich mir. Die Positionen wechselten rasch in diesen Tagen. 

Auf Forststrassen ging es in den Wald. Die Menschen gingen in Grüppchen, ganz so wie sie überhaupt in die Au gekommen waren, mit dem Shuttledienst der ÖH, mit Privatautos oder wie wir, mit Nennings Taxi. Alle paar hundert Meter waren Baumstämme und Zweige zu mannshohen “Barrikaden” aufgetürmt. Die Barrikaden der 48er waren das nicht. Diese Barrikaden hier waren symbolisch, man konnte um sie herumspazieren. Ich erinnere mich an Transparente, die über die Äste gespannt waren, Leintücher, mit dünnen roten Buchstaben bemalt. “Donau-Au statt Kraftwerksbau” stand auf ihnen, oder “Wer Bäume fällt, tötet auch Menschen”. Je tiefer wir auf den Fortswegen in die kahle Au vordrangen, desto mehr Menschen trafen wir. Lager hatten sich gebildet, kleine Dörfer, es brummte in ihnen. Manche der Bewohner harrten hier schon aus, seit der Bescheid zur Rodung der Au ruchbar geworden war. Es gab Küchenzelte, Infostände, Campingzelte, Tipis aus Plastikplanen, Lagerfeuer, Transparentwerkstätten, Kindergruppen, Pow-Wow-Wiesen. Und zwischen Studenten und Landadeligen, Altachtundsechzigern, Naturfreunden und Obskuranten taumelten Prominente durch den Wald. André Heller, die Denkerstirn aufgesetzt, Erika Pluhar das Haar walkürenhaft geöffnet, Friedensreich Hundertwasser mit Hofstaat und Zwölfmannzelt. Und dazwischen wieselte Freda Meissner-Blau herum, jederzeit an ihrer leuchtendgrauen Brillofrisur erkennbar.

Nach den ersten Ausflügen mit dem Taxi hatten auch wir uns Zelte besorgt, das heisst, Nenning hatte ein Zelt gekauft, im Hochalpinistengeschäft und darin sollten wir alle lagern. Ich gestehe, das war mir zu intim, Nenning war kein Kind von Traurigkeit, er nahm Herztabletten und hatte den Zenit seiner Schaffenskraft überschritten, aber er war brünftig wie ein junger Eber. Meine erste Nacht verbrachte ich nicht an seiner Seite, sondern in Lager Zwei, im Dezembernebel, an einem der Lagerfeuer im Stroh liegend. Der Unbekannte neben mir sprach auffallend wenig, er hörte gerne zu, er war aufmerksam, neu hier, wie er sagte, wollte wissen, wie das alles hier funktionierte, wer wer sei, und was passiere. Ob er mir seinen Unterschenkel als Polster rüberstrecken könne, fragte ich den Mann - er trug blaue Moonboots. Gewiss. Meine erste Winternacht habe ich auf den luftgepolsterten Winterstiefeln eines Staatspolizisten verbracht. Es sollte nicht das einzige intime Erlebnis mit der Staatsmacht bleiben.  

War es in der selben oder der darauffolgenden Nacht, geheimnisvolles Funkgeräterhabarber lockte mich an. Es war stockdunkel, meine Augen waren verklebt vom Rauch der Lagerfeuer. Jederzeit sei mit dem Eintreffen von Gottfried Küssel zu rechnen, so ging das Gerücht aus dem Walkie-Talkie, der Neonazi habe die Stiefel angezogen, um mit seinen Recken die Linken im Wald ordentlich zu vermöbeln. 

Sehr klug, sagte ich zum Mann mit dem Funkgerät, den Funk der Bullen abzuhören, blendende Idee. Ich bekam keine Antwort. Wortlos standen wir neben einem Barackenwagen, den die Kraftwerkserrichter auf einer Lichtung geparkt hatten. War es seine Idee oder meine? Jedenfalls brachen wir gemeinsam den Bauwagen auf, der Funkgerätemann und ich, machten es uns im fahrbaren Büro gemütlich und entfachten Feuer im kleinen Kanonenofen. 

Eine seltsame Nacht. Nenning zeugte in seinem Hochleistungsbiwak gerade ein Kind, Friedensreich Hundertwasser feierte Party mit Green-Groupies, Schamanen trommelten sich in Extase und im Plastiktipi tanzten nackte Punks zu den sedierenden Schwaden eines “Megageräts”. Und ich, ich sass auf einem Stuhl in einem Bauwagon und starrte mit einem Staatspolizisten ins Zweigefeuer. “Glaubst, war des Illegal, den Wagon aufbrechen”, fragte ich den Unbekannten an meiner Seite. “Bevur dass i dafrier, bin i lieber Illegal”, sagte der Mann.  

16. Dezember 2009 (0) Comments


Das Gespenst der Freiheit

Für ALBUM in der Standard-Printausgabe vom 17./18.10.2009

Andrea Maria Dusl über den wilden Osten und die Dame mit dem Hermelin

Da war der Eiserne Vorhang und dahinter der Kommunismus und die Raketen, und alles war gefährlich. Osten nannten wir es. Osten, das Reich des Bösen. Und eines Tages war das nicht mehr so. Eines Tages war der Eiserne Vorhang gefallen, hatte sich die Welt verändert. Nicht auf grünen Tischen und in präsidialen Besprechungsbunkern war das Undenkbare geschehen, sondern auf den Straßen, direkt vor unseren Augen. Eines Tages waren die Busse gekommen, zu Hunderten, stinkende, schmutzige Reisereptile, und in ihnen war die Reinheit gesessen. Die Ausgesperrten, die Entmündigten. Mit leuchtenden Augen waren sie zu uns gekommen in den goldenen Westen, hatten fassungslos in die Auslagen geschaut, nur ein wenig geschaut und geweint, weil das Glück der Freiheit in ihren Herzen Feuer entfacht hatte. Nie vorher und nie nachher habe ich das Glück in solch reiner Form gesehen, wie damals an einem kalten, verhangenen Herbsttag, als die Slowaken nach Wien gekommen waren, in ihren düsteren und schlecht riechenden Bussen.

Leonardo-Lady-with-Ermine.jpgAn diesem Tag hatte sich auch meine Welt verändert. Was waren das für Menschen, die solch tiefer Gefühle fähig waren, die weinen konnten wie Kinder? Ich wollte dorthin, wo sie herkamen, den Strom der Emotionen aufwärtsrudern. Wollte in den Osten, in das Reich des Bösen. Auf dem Weg vom Heldenplatz, wo ihre Busse parkten an diesem einen Tag des kollektiven Reiseglücks, kam ich in der Herrengasse vorbei und stolperte in eine Kunstbuchhandlung. Und in dieser Kunstbuchhandlung fiel ich in eine Postkartenkiste. Und in der Postkartenkiste taumelten meine Finger durch Picassos und Mirós und Botticellis und Ucellos, und mein Gehirn rauchte. Ich wollte ein Bild finden für das Gesehene. Und dann blieb die Welt, die sich eben für immer verändert hatte, endgültig stehen. In der kleinen braunen Postkartenkiste, zwischen Mona Lisas und Anna selbdritts, sah ich das schönste Bild der Welt. Nie zuvor hatte ich es gesehen. Und auf magische Weise verband sich meine Ergriffenheit über die Freiheitstränen der Ostler in ihren rußigen Bussen mit dem Bild hier, mit der billigen Postkarte eines fernen Porträts.
Die Dame mit dem Hermelin hieß das Bild. Und es war von Leonardo. Nie zuvor hatte ich es gesehen. Es war zu schön, um vom Daniel Düsentrieb aus da Vinci zu sein, es war tausende Male eleganter als die dicke Mona Lisa, stärker als jede seiner Kriegsmaschinen, magischer als seine abgründigen Bibeldarstellungen. Es war und es ist das schönste Bild der Welt. Museum Czartoryski, Krakau, sagte die Postkarte auf der Rückseite.

Und dann, ein paar Stunden, nachdem die Grenze aufgegangen war, hatten wir uns in den alten Mercedes meines Vaters gesetzt, Rainer Egger und ich, und waren in den Osten gefahren, ins Reich des Bösen. Es war November, regnerisch und neblig, und trotz ihrer ganzen Hässlichkeit war diese fremde Welt eine sehr romantische. Voller Menschen, die ungeahnte Sehnsüchte und seltsame Paradiese in ihren Herzen bargen. Und dann begannen wir, kleine Filme zu machen über die Begegnung der Welten, über das zaghafte Verschmelzen der Wirklichkeiten, besuchten Bratislawa und die kleinen Karpaten und die Ausläufer der Tatra.

Schreibe über ein Bild, sagte der Standard zwanzig Jahre später. Es gibt nur ein Bild, über das ich schreiben kann, sagte ich. Es ist das schönste Bild der Welt. Leonardos La dama con l'ermellino, die Dame mit dem Hermelin. Rainer anrufen, dachte ich dann, Rainer fragen, he Rainer, hier Andrea, du, Folgendes, lach jetzt nicht, mir ist der Nebel eingefallen, Krakau, unsere Reise, unsere Reise durch die Tatra, nach Krakau. Wann war das? Es kann nicht mehr 1989 gewesen sein, in Zakopane lag kein Schnee. Es muss später gewesen sein. Mir fällt der Regen ein, auf der breiten löchrigen Straße nach Nowa Huta. Und die Sonnenstrahlen, die den Regen verjagt hatten. Und dass es milder Regen gewesen war. "1990 Polen" googelte ich, und da stand es auch schon: "Am 9. Dezember 1990 gewann Lech Walesa die Präsidentschaftswahlen und wurde für fünf Jahre Präsident Polens."

Und jetzt fällt wieder der nächtliche Krakauer Nebel ein und das große Wahlplakat von Tadeusz Mazowiecki, dem Mann mit dem traurigsten Gesicht der Welt, dem Liberalinski, der damals gegen Lech Walesa um den Titel "König von Polen" ritterte. Am Rynek Glówny hatten sie das Plakat aufgespannt, am Hauptplatz, auf ein Fachwerk aus Gerüstrohren, gleich ums Eck von dem Hotel, in das ich mit Rainer eingecheckt hatte. Obwohl wir damals noch nicht "eingecheckt" gesagt hätten. Hotel Saski hieß das Hotel, und wir haben dort nicht eingecheckt, wir sind abgestiegen. Ausgestiegen. Aus dem dunkelblauen Mietwagen. Ja genau. So war das. Saski hieß der Kasten.

Und dann erinnerte ich mich an den ersten Abend in Krakau. Wie wir vom Hotelzimmer hinuntergesehen hatten, aus dem ersten Stock des Saski, und das sehr wichtige Wort Kino gelesen hatten. Wie wir uns fertig gemacht hatten, was 1990 bedeutet hatte, sich unter eine Ladung Eau de Cologne zu stellen und mit dem nassen Finger über die Zähne zu fahren. In die hohle Hand zu hauchen und sich eine Kippe anzustecken, um den Mund zu desinfizieren.

Taxi Blues hieß der Film, Taksi-Blyuz, mit Ka-Es, er spielte in Moskau, im Taksifahrermilieu, an einem nebeligen Abend sahen wir ihn, gleich unter unserem Hotelzimmer, am Tag vor der Hermelin. Taksi-Blyuz hatte bei uns eingeschlagen wie ein Blitz. Ich erinnere mich nicht mehr an die Handlung, gewiss, ein Taxi kam vor, eine Wolga-Schüssel, und diese Frau, diese herbe, starke Frau, diese Russin, die uns sprachlos gemacht hatte mit ihrer Kraft. Rainer und ich waren in dem Kino gesessen, mitten im nebeligen Krakau, auf abgegriffenem Plüsch, und hatten kein Wort verstanden. Aber wir hatten verstanden, dass es keine Zufälle gibt. Hinter uns, an der Rückwand des Kinos, war die ganze Zeit der Vorstellung Licht gewesen. Ein kleines Tischchen war dort gestanden, fahl beleuchtet von dem Licht, eine dicke Frau hatte dort gesessen und aus einem Manuskript vorgelesen. Was hatte sie vorgelesen? Die polnische Übersetzung des Films.

Schon das wäre den Besuch der Vorstellung wert gewesen, hatten wir uns damals gedacht, dieses melancholische Gefühl, das sich eingestellt hatte, als die dicke Polin sämtliche russischen Charaktere in ihr Mikro gehaucht hatte, hinten, auf einem kleinen Tischchen sitzend, ein Kauderwelsch über das andere setzend. Und dann hatte sich die Russin, die Freundin des Taksifahrers, die Rainer und mich sprachlos gemacht hatte mit ihrer Kraft, plötzlich materialisiert, war auf die Bühne gestiegen, begleitet von der dicken Polin, vom Übersetzerzerberus. Das Kino hatte geklatscht, gescheite Fragen gestellt, auf Polnisch, der Übersetzerzerberus hatte übersetzt, und Natalia Kolyakanova, die Taxi-Blues-Schöne hatte gestrahlt.

Morgen würde das Unaussprechliche passieren. Wir würden die Dame mit dem Hermelin besuchen. Deswegen waren wir überhaupt nach Krakau gekommen. Wegen der zartfingrigen Schönheit mit dem elfenbeinernen Gesicht. Nur Leonardo konnte so etwas gemalt haben. Und es war nicht das Gesicht allein, das mich so fasziniert hatte, nicht die Zartheit ihres Körpers, das Kleid, der Schleier, die zarten Hände, die so stark waren und das unheimliche Raubtier bändigten, das kaltäugige Hermelin. Es war noch mehr in diesem Bild. Leonardos Dame hielt das Prinzip der Freiheit in Händen.

Leonardo-Ermine.jpgIch erinnerte mich wieder, wie ich ihr verfallen war, der Mätresse, Lodovico Sforzas Puella. Auf einer Postkarte hatte ich sie zum ersten Mal gesehen. In einer Kunstbuchhandlung in Wien. Schräg gegenüber vom Filmmuseum und seinen Schätzen. Und die Welt hatte aufgehört, sich zu drehen. Die bewegten Bilder drüben, in der dunklen Kammer, hatten aufgehört, heilig zu sein. Weil dieses Bild hier ein ganzer Film war.

Es war schon eine seltsame Zeit gewesen, als der Eiserne Vorhang aufgegangen war, als der Nebel aus den Ritzen der Vergangenheit gequollen und sich wie milchiges Vergessen über den Osten gelegt hatte. In einer Nacht, so war es ins Rollen gekommen, das Hermelinsuchen, das Krakaufahren, hatte ich von einem Bazar geträumt, einfach so, ohne Anlass, ohne Auslöser, ohne Grund, von einer hohen Halle, düster gewölbt wie eine mittelalterliche Kirche, von Tüchern und Tuchballen, die darin feilgeboten wurden, in kleinen Seitengewölben, Läden gleich, von Kesseln und Karaffen, Schnitzwerk und Geschmeide. Und in diesem fernen und doch so nahen Traumraum war ich weitergestolpert, das Hermelin zu suchen, die Hermelinfrau, Ludovico Sforzas Geliebte. Bilder hingen in meinem Traum an der Wand, Landschaften und Porträts, Stillleben und Jagdstücke. Ein Korridor, eine Galerie, ein Heiligtum, eine Schechina. Und dann hatte sich der Raum verjüngt und mich ins Dvir gesogen, ins Allerheiligste, ins Sanctum Sanctorum, ins Kodesh Hakodashim. Und da war sie, Leonardos Geliebte, die Gallerani, die Dame mit dem Hermelin. Allein in diesem Raum, der mit blutrotem Samt ausgeschlagen war, wie der Stoff, der aus ihrem aufgeschlitzten Kleiderärmel quoll.

Und dann waren wir meinem Traum nachgereist, nach Krakau, und sind mit der Straßenbahn ins Czartoryski gefahren, den düsteren Kasten suchen, der nach Bohnerwachs roch und billigen Nikotinschwaden polnischer Zigaretten. Lächerliche Filzpantoffel hatten wir überstreifen müssen. Und es war alles wie in meinem Traum gewesen. Der Korridor, die Landschaften, die Porträts, die Stillleben, die Jagdstücke. Das Knarzen des Parketts, wenn wir mit unseren Filzkähnen durch die Salonfluchten rutschten. Und dann, von der Angst überschattet, es könnte alles anders sein, ganz anders, hatte sich, hinter den Landschaften, den Porträts, den Stillleben und Jagdstücken, tatsächlich ein Raum geöffnet, ganz wie ich ihn geträumt hatte. Dunkel, leise, leer. Ein wahrhaftiges Kodesh Hakodashim.

Und wie im Dvir in Salomons Tempel hatte ich es nicht gewagt, den Blick zu heben. Ich hatte mich still auf die Bank gesetzt, die in der Mitte des quadratischen Raums aufgestellt war. Die Augen geschlossen und gehofft aufzuwachen. Aber es war kein Traum gewesen, diesmal war ich tatsächlich bei Cecilia Gallerani.

Das Erste, was ich sah, nachdem ich es wagte, die Augen zu öffnen, war der dunkelrote Samt. Dann das damaszierte Gold des wuchtigen Rahmens. Und dann sah ich sie selbst, jenseits von Zeit und Raum, das Hermelin haltend, das sich böse und listig ihrem festen Griff zu entwinden suchte. Sie war noch schöner, noch unerreichbarer als in meinem Traum. Ich war allein mit diesem Bild, und mich schauderte. Ich fuhr mit Blicken das dünne schwarze Band entlang, das ihre Stirn in zwei Hälften schnitt.
Ich lächelte, als ich ihres Mundwinkels gewahr wurde, den sie leicht, unendlich leicht nach oben gezogen hatte, als würde sie wissen, das jetzt, im nebeligen Krakau des Jahres 1990, auf den Tag genau fünfhundert Jahre, nachdem sie Leonardo gemalt hatte, eine durchgeknallte Wienerin vor ihr sitzen und den Traum nicht von der Wirklichkeit würde unterscheiden können. Ich zählte die schwarzen Perlen, die ihren Hals umspannten, glitt am Flechtwerk ihres Zopfes entlang, verlor mich in ihrem flachgedrückten Busen und in dieser unfassbaren Hand, die das weiße Tier bändigte, das Gespenst der Freiheit. Und dann schossen Tränen in mein Gesicht.

Und ich wurde gewahr, dass ich nicht allein war auf der Bank. Rainer saß neben mir. Und die Russin. Die starke Russin aus dem Taksifilm. Auch sie hatten Tränen in den Augen.

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Für ALBUM in der Standard-Printausgabe vom 17./18.10.2009

16. Oktober 2009 (0) Comments


Leonardos Gesicht

Sehr schöner kleiner Vortrag über das wahre Gesicht Leonardo da Vincis:

17. September 2009 (0) Comments


Wien, Parlament. Mahnwache für die Opfer im Iran

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Mahnwache für die oppositionellen Opfer staatlicher Gewalt vor dem Wiener Parlament. Es geht längst nicht mehr um Ahmadi-Nejad oder Mussavi. Es geht ums Ganze. Es geht um liberté, égalité, fraternité, laïcité.

21. Juni 2009 (0) Comments


Andrea in Hohenems

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Samstag, 9. 8.2008, Hohenems, Vorarlberg. Marina Hämmerle photographiert Andrea Maria Dusl mit Herwig Bitsches Apparat.

21. August 2008 (0) Comments


Alfred Gusenbauer

Gusenbauer zweifelt am Wert der Eurofighter-Gegengeschäfte

Der österreichische Bundeskanzler will im STANDARD-Interview die Gesamtschule in drei Legislaturperioden flächendeckend umsetzen. Wie, das erklärte er der Autorin und Zeichnerin Andrea Maria Dusl, die Michael Völker als Überraschungsgast zum Gespräch in das Museumsquartier begleitet hat.

Die Bilder in diesem Interview hat Matthias Cremer gemacht. --> Hier geht's zu seinem Photoblog im Online-Standard.

Anmerkung AMD: Gusenbauer kommt mit zwei Staatspolizisten, hagere Gestalten mit wunderschönen Schnurrbärten. Im Schlepptau hat er seinen Pressereferenten Sven Pusswald. Michael Völker und ich sitzen mit Standard-Fotograf Matthias Cremer im Kunsthallen-Café im Museumsquartier. Gusenbauer kommt und stellt sich vor: "I bins, der dicke Ybbser"

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Dusl: Kommt es jetzt zu einer Fusion Sozialdemokratie und Grüne? Du räumst ihnen ja die hellen Köpfe ab.

Gusenbauer: Andreas Wabl ist ein kluger Kopf. Ich betrachte das so: Man darf nicht so engstirnig sein, immer nur eigene Parteigänger für gewisse Funktionen zu verwenden. Ich versuche auch Menschen aus anderen politischen Bereichen, die Potenzial, Kapazitäten und Fähigkeiten haben, miteinzubeziehen.

Standard: Mit Wabl haben Sie sowohl bei der ÖVP als auch bei den Grünen für ziemliche Verwirrung gesorgt.

Gusenbauer: Das ist doch sonderbar in Österreich. Es wird immer von Parteibuchwirtschaft gesprochen. Frei nach dem Motto: Immer werden nur irgendwelche Parteigänger etwas. Zu Recht gefordert wird, dass die besten Köpfe berücksichtigt werden. Dann gibt es endlich einmal jemanden, der dementsprechend agiert, und auf einmal sitzen alle da und schauen ganz verdutzt. Insofern ist die Irritation ein Mangel der politischen Kreativität. Aber Van der Bellen hat Wabl ohnedies gratuliert.

Standard: Nicht mit übermäßiger Begeisterung.

Gusenbauer-Dusl-Voelker-2.jpgGusenbauer: Ich war beim Gratulationsgespräch nicht dabei. Aber in der Frage des Klimaschutzes, in der in den letzten zehn Jahren alles verschlafen wurde, besteht absoluter Handlungsbedarf. Die Grünen können nur froh sein, dass ein so wichtiges Thema eine so starke Prominenz bekommt.

Standard: Andrea, hast Du Alfred Gusenbauer schon in einem Cartoon verarbeitet?

Dusl: Ja, selbstverständlich. Und zwar, wie ich hoffe, treffend. Letztens habe ich mich geirrt. Da habe ich einen Super-Gusi gezeichnet, wie er die Abfangjäger aufhält. Das ist sich dann doch nicht ausgegangen. Was mich so stört, ist dieser Empörungswirrwarr. Einerseits wird versucht, diese Flugzeuge zu verhindern, um zu zeigen “Wir stehen zu unseren Versprechungen", und gleichzeitig ist allen bewusst, dass sich das eh nicht ausgehen wird.

Gusenbauer: Der Super-Gusi war eine gute Idee. Aber natürlich ist es richtig, dass die Abfangjäger eine Symbolfrage sind, ein Symbol dafür: Was ist jetzt wichtiger in Österreich, Ausgaben für Bildung und Soziales oder Ausgaben für diese Eurofighter? Daher war das eine sehr zugespitzte Darstellung: Was sind Ausgabenprioritäten und was sollte in unserer Gesellschaft wichtiger sein? In der Tat hat man bis zum Schluss nicht gewusst, ob und wie man aus dem Ganzen herauskommt. Aber Norbert Darabos hat eine Exitstrategie gefunden.

Standard:: Jetzt kommt noch die Sonderprüfung vom Rechnungshof, auch zu den Gegengeschäften.

Gusenbauer: Das finde ich besonders lustig. Was wird denn da geprüft? Werden die wolkigen Ansagen über die Gegengeschäfte geprüft oder das, was real gelaufen ist? Wir haben von Gegengeschäften in der Höhe von vier Milliarden Euro gehört. Wo sind die? Ich frage mich, was dabei geprüft wird. Wird der Wolkigkeitscharakter früherer Aussagen der vorhergehenden Regierung geprüft?

Standard: Wissen Sie, wie hoch die Gegengeschäfte tatsächlich sind?

Gusenbauer: Nein. Außer den Propagandaaussagen der vergangenen Regierung gibt es ja nichts Stichhaltiges.

Standard: Martin Bartenstein blieb bis zuletzt bei den vier Milliarden.

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Bild: Michael Völker, Matthias Cremer, der vielbeschäftigte Sven Pusswald und der markisengerötete Bundeskanzler. Ins Bild klicken für grosse Version.

Gusenbauer: Wie man weiß, hat die Inszenierung oft nichts mit der Realität zu tun. Ich glaube, den meisten Menschen in Österreich ist bewusst, dass man von den vier Milliarden Euro so genannter Gegengeschäfte relativ wenig sehen wird.

Standard: Was ist, wenn Eurofighter jetzt sagt, wir reduzieren die Gegengeschäfte?

Gusenbauer: So what? Österreichs Unternehmer sind konkurrenzfähig genug, auch so Aufträge zu lukrieren.

Standard: Sie meinen, diese Gegengeschäfte hätte es sowieso nicht gegeben?

Gusenbauer: Hier ist vieles fragwürdig und noch unklar.

Dusl: Aber warum glaubt die Politik, dass die Menschen an diese Lüge glauben?

Gusenbauer: Ich glaube nicht, dass die Politik daran glaubt. Die frühere Regierung hat daran geglaubt.

Dusl: Sitzt Du nie mit Bartenstein zusammen und sagst, jetzt lassen wir den Blödsinn, wir wissen doch beide, dass das so nicht funktioniert?

Gusenbauer: Das ist ein politisches Spiel der ÖVP, die versucht, mit allen Mitteln den Verhandlungserfolg des Norbert Darabos schlecht zu machen. Jetzt ist man auf die besonders einfallsreiche Idee gekommen, diese wolkigen Gegengeschäfte herauszuziehen. Die Wahrheit ist, man muss nur mit den Betrieben reden, die so genannte Gegengeschäfte bekommen haben, die sagen natürlich, das war für uns kein Nachteil. Aber das Geschäft hätten wir in jedem Fall gemacht. Ich kenne eine Reihe solcher Firmen, die auf der Gegengeschäftsliste stehen.

Dusl: Aber wer macht das Geschäft? Welcher Arbeitnehmer hat einen Vorteil von den Geschäften, die die großen Konzerne machen? Ich habe noch niemanden kennen gelernt. Ganz im Gegenteil: Je besser es denen geht, desto schlechter geht es den Arbeitnehmern, weil der Rechenstift angesetzt wird: Wo können wir noch jemanden einsparen? Das ist mein Vorwurf - in aller Liebe, das können wir uns doch nicht gefallen lassen, diese Menschen verachtende Grundhaltung: Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es uns allen gut.

Gusenbauer-Haende-2.jpgGusenbauer: Darum sagen wir das Gegenteil. Wir sagen, wenn es den Menschen gut geht, geht es der Wirtschaft gut. Daher ist die Auseinandersetzung um die heurigen Lohnerhöhungen ganz besonders wichtig. Was haben wir vom Wirtschaftswachstum, wenn es sich nicht niederschlägt in höheren Löhnen für die Menschen, die arbeiten? Wann sollen die Löhne denn sonst steigen als in Jahren, wo wir ein gescheites Wirtschaftswachstum haben?

Standard: Warum muss die Koalition so viel streiten? Man hat den Eindruck, da findet ein permanenter Wahlkampf statt. Vizekanzler Molterer hat das kürzlich bestätigt – er hat gesagt, er will Erster werden. Sie wollen wahrscheinlich vorn bleiben. Wie kann man in dieser Konkurrenzsituation überhaupt arbeiten, wo jeder dem anderen misstraut?

Gusenbauer: Ich habe nichts dagegen, wenn jemand politische Ziele verfolgt und sagt, ich möchte gerne stärker werden oder den anderen überholen. So ist das in der Politik. Es ist aber noch ziemlich lange hin bis zur nächsten Wahl. Es tun sich alle Beteiligten nichts Gutes, wenn sinnlose Streitereien stattfinden. Ich habe kein Problem damit, wenn inhaltliche Auseinandersetzungen geführt werden. Wenn es etwa in der Bildungspolitik eine Auseinandersetzung gibt, wo die ÖVP klar sagt, wir sind der Meinung, es muss zum frühesten Zeitpunkt selektiert werden, und wir fangen schon bei den Dreijährigen an. Das nächste Mal bei den Sechsjährigen zu sagen, wer sind die Starken und wer die Schwachen, dann bei den Zehnjährigen, dann bei den Vierzehnjährigen.

Und alle, die schwach sind, werden immer weggeschoben. Das ist eine eindeutige politische Ansage. Ich finde, sie ist völlig falsch, weil sie unsere Probleme nicht verkleinert, sondern vergrößert. Unser Problem besteht darin, dass 20 Prozent unserer 15-Jährigen Schwierigkeiten mit Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Wir müssen nicht darauf schauen, dass ein paar wenige sehr Talentierte noch um ein Alzerl besser werden, sondern dass alle eine möglichst gute Bildung haben.

Und da ist die Integration und nicht die Selektion das Konzept. Das ist ein klarer, weltanschaulicher Unterschied. Darüber zu diskutieren, halte ich für sinnvoll. Weil es hier um eine wesentliche Frage geht. Aber irgendwelche sinnlosen Streitereien, wo kein Mensch mehr nachvollziehen kann, über was eigentlich gestritten wird - das ist völlig sinnlos.

Standard: Warum sprechen Sie kein Machtwort?

Gusenbauer-Dusl-Voelker-3.jpgDusl: Ich würde mir wünschen, dass der Bundeskanzler viel öfter auf den Tisch haut. Meine ganz bescheidene Vermutung ist, dass es noch nie geschadet hat, mit Vehemenz die eigene Position zu vertreten.

Gusenbauer: Mit Vehemenz die eigene Position zu vertreten, das halte ich für richtig. Es gibt aber wichtige Fragen und weniger wichtige Fragen. Sich in irgendwelches Kleinklein einzumischen, das ist nicht meine Aufgabe. Meine Aufgabe besteht darin, mich darum zu kümmern, dass in der Bildung etwas weitergeht, in der Gesundheit, in der Arbeitsmarktpolitik.

Standard: Die ÖVP hat jetzt ein Feuerwerk an Bildungsideen gezündet. Und hat sich festgelegt, die Gesamtschule wird es nicht spielen. Sie setzen große Erwartungen in die Gesamtschule - wie kann das im Herbst weitergehen? Wird es bei diesen fünf Modellregionen bleiben, und verläuft das danach im Sand?

Gusenbauer: Das verläuft nicht im Sand. Ich halte das finnische Schulsystem für vorbildlich. Ganztagsschule und Gesamtschule. Die Finnen haben uns gesagt, man braucht im Wesentlichen drei Legislaturperioden, bis man das flächendeckend einführt - eine Periode zur Vorbereitung; die zweite, in der man die Einführung beginnt; und die dritte Periode, in der man das flächendeckend umsetzt.

Was jetzt geschieht, ist die Periode eins. Jetzt finden die Versuche in diesen fünf Modellregionen statt, die noch vor der nächsten Nationalratswahl ausgewertet werden. Danach kann man mit der Einführung beginnen. Wir werden uns auf dem Weg dorthin nicht aufhalten lassen. Dieser Weg ist vielleicht nicht so schnell, wie er sonst sein könnte, aber die Entwicklung geht in jedem Fall in die richtige Richtung. Und es gibt immer mehr aus der ÖVP, die erkennen, dass in Wirklichkeit kein Weg daran vorbeiführt.

Standard: Da müssten Sie über drei Legislaturperioden lang Bundeskanzler bleiben.

Gusenbauer: Das wäre das Gescheiteste.

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Dusl: Ich würde mir wünschen, dass Du radikaler wirst. Ich mag einen radikalen Regierungschef. Das hat auch etwas mit der Projektion von Sehnsüchten zu tun. Die Menschen wollen doch Helden haben. Wie sehr möchtest Du dich zum Helden eignen?

Gusenbauer: Zum Helden wird man durch die Geschichte.

Dusl: Das Heldentum findet auch auf symbolischer Ebene statt. Che Guevara war in Wirklichkeit Finanzminister und Asthmatiker, kein großer Held. Aber auf symbolischer Ebene war er natürlich einer. Was spricht dagegen, dass Du ein österreichischer Che wirst? Der Schüssel kann es ja nicht sein.

Gusenbauer: Österreich rückt nach links. Wie auch Deutschland. Das hat unlängst auch die Zeit festgestellt. Es gibt ein starkes Bedürfnis: Die Welt ist aus der Balance geworfen, und es wäre wieder einmal an der Zeit, dass das Pendel in die andere Richtung geht. Dass es wieder mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Fairness, mehr Chancen für den Einzelnen gibt. Das ist nicht nur ein starkes Bedürfnis, sondern völlig berechtigt. Darum dreht sich auch die aktuelle Auseinandersetzung. Ich betrachte mich als Anwalt der sozialen Fairness.

(Redigiert von Michael Völker/DER STANDARD, Printausgabe, 25./26.8.2007). Anmerkung AMD: Das ursprüngliche Du zwischen Gusi und Dusi habe ich wieder eingefügt. Die Bilder in diesem Interview hat Matthias Cremer gemacht. --> Hier geht's zu seinem Photoblog im Online-Standard.

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26. August 2007 (1) Comments


George Tabori

Der Zauberer ist tot. George Tabori ist 93-jährig in Berlin gestorben. Zur Erinnerung an den "Alten", wie wir ihn am Theater nannten, hier ein Text, den ich 2001 geschrieben habe:

In den 80er Jahren arbeitete ich als Bühnenbildassistentin, war sehr unglücklich und wollte dringend nach London auswandern um dort vom Glück einer wirklichen Stadt zu naschen. Ich sparte und sparte Geld und sagte mir, 'ich mache alles, um endlich aus dem grauslichen Wien rauszukommen'.

Tabori.gifIch studierte den Stadtplan von London, als das Telefon schrillte. Es schrillte wie in einem schlechten Film. Und wie in einem schlechten Script war am anderen Ende ein Agent mit einem Angebot. Ob ich nicht dringend Lust hätte, ans Burgtheater zu kommen. Als Bühnenbildassistentin. In eine Inszenierung von George Tabori. Es gäbe allerdings einen Haken. Der Haken sei die Frau, mit der ich arbeiten sollte. Drei Bühnenbildassistenten vor mir seien entweder im Irrenhaus oder in der Donau gelandet. Die Frau sei unmöglich, das sei der Haken. Und schlecht bezahlt sei der Job.

Ich sagte zu und die Frau war unmöglich.
Und schlecht bezahlt.
War mein Job.

Mit George Tabori, dem Regisseur des Stücks hatte ich zuerst wenig Kontakt, ich genoss seinen Ruhm sozusagen aus der Entfernung. Ich schuftete schwer. Es war auch ein schweres Stück. Das Stück hiess 'Mein Kampf' und handelte vom jungen Hitler und der Freundschaft mit seinem jüdischen Bettnachbarn im Männerheim.

Eines Tages lud 'Dschohdsch' - so sprach man den Namen des Theatergottes George aus - das gesamte Team, Schauspieler, Regieassistenten, die Souffleuse und mich in ein feuriges ungarisches Lokal in der Wiener Kärntnerstrasse. (George Tabori ist Ungar.)

Dort assen und tranken wir ausgiebig ungarisch und hatten viel ungarischen Spass. 'Dschohdsch' kam neben mir zu sitzen und zwischen einem Paprikahuhn und einem Pörkölt erzählte er mir, er sei Geheimagent. Geheimagent im Vorruhestand. Er erzählte, wie er in den letzten Kriegsmonaten in einem Kloster in Istanbul einquartiert gewesen sei, um dort mit anderen ungarischen Intellektuellen für den britischen Geheimdienst an ungarischen Radiosendungen zu basteln.

Ein ganzes Jahr lang hätten Sie Sendungen gemacht für Ungarn. Tolle Sendungen mit tollen Geschichten. Tolle Geschichten voll Feuer und tollen Gags. Keine einzige wurde je gehört. Keine einzige. Er habe nach dem Krieg seine ungarischen Freunde gefragt, wie ihnen die Radiosendungen aus dem Kloster in Istanbul gefallen hätten. "Welche Radiosendungen?"

George wusste viel über das Agentengeschäft zu berichten. Unter anderem, daß sämtliche Geheimpost mit Zitronensaft zwischen die Zeilen von ordinären Liebesbriefen geschrieben wurde. (Ganz genau so, wie wir als kleine Mädchen unsere Geheimbriefe verschickten.)

Tabori kannte auch einen ungarischen Schuster. Den 007 der ungarischen Schuster. Dieser Schuster sei so geschickt gewesen im Umgang mit Leder, daß er die Schuppen von Krokodillederhandtaschen so raffiniert aufschlitzen konnte, dass man darin Mikrofilme unterbringen konnte. Mit den krokodilledernen Mikrofilmhandtaschen des ungarischen Schusters wurden die Agentinnen des britischen Geheimdienstes bestückt und so manche kriegsglückwendende Geheimbotschaft herumgetragen.

Als es zum Zahlen kam, im ungarischen Lokal in der Kärntnerstrasse und George seine diamantene Kreditkarte zückte, erwarteten alle insgeheim, dass er die kolossale Rechnung einer hungrigen Truppe von 12 Theaterleuten mit ebendieser Kreditkarte zahlen würde. Die George-Aficionados hatten ihre Geldbörsen symbolischin der Hand, machten aber keine Anstalten, Hundertschillingscheinchen herauszurücken. Niemand raschelte mit den Hundertschillingscheinchen und niemand sagte den berühmten Satz. Keiner von den 12 gut bezahlten Burgtheaterangstellten.

Niemand sagte: "Also ich hatte...."

In diese Theaterstille hinein wurde es in George Licht und seine gleichermassen sonore wie zerbrechliche Bassstimme errichtete einen Satz von poetischem Realismus: "Alle hier zahlen selbst nur ich zahle das Essen von Andrea. Sie hat kein Geld."

Ich fand das sehr sehr ungarisch und bin daher auch sofort geschmolzen.

24. Juli 2007 (0) Comments


Mailathverkürzung

Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ist ein grosser Mann. Ein sehr grosser Mann. Er ist schon mal zwei Köpfe grösser als andere. Ich bin ihm mehrmals begegnet. Bei Oskarverleihungen, im Theater, bei filmpolitischen Restaurantbesuchen. Ein grosser Mann. Und er steht dazu. Ungebeugt.

Ulrich Seidl ist auch ein grosser Mann, ein berühmter Filmregisseur. Von Statur ist Ulrich Seidl eher zurückhaltend. Den Grössenunterschied der beiden Händeschüttler Mailath-Pokorny und Ulrich Seidl kann man auf dem linken Bild gut sehen. Die beiden stehen anlässlich der Wiener Filmpreisverleihung vor dem Vorhang des Wiener Gartenbaukinos. Wenige Jahre später ist Unordnung in die Körpergrössen von Mailath und Seidl geraten. Wieder Händeschütteln, wieder Viennale, wieder ein Filmpreis. Nur diesmal begegnen die beiden einander auf Augenhöhe. Was ist passiert? Ist Mailath geschrumpft? Steht Seidl auf einer Kiste? Kniet Mailath gar?

Sachdienliche Hinweise bitte an die Kasperlpost, Postfach 700, 1136 Wien zu senden.

Maillath-und-Seidl.jpg

21. Mai 2007 (0) Comments


Zirkowitsch Dusl Goldt

Wie mir Max Goldt das Leben rettete.
Aus einer Emailkorrespondenz.

Goldt-rettet-Dusl.jpgGeschätzte Frau Dusl!

Haben Sie schon einmal überlegt mit Max Goldt gemeinsam zu lesen oder eine Doppelconference mit ihm abzuhalten? Werden Doppelconferencen abgehalten, gehalten, geführt oder gemacht? Jedenfalls würde sich darüber freuen,

Maximilian Zirkowitsch,
am 11.04.2007 um 11:03

Lieber Herr Zirkowitsch,

das habe ich noch gar nicht überlegt. Schöner Gedanke. Sollte Herr Goldt das wollen, würde ich dem mit Wohlwollen gegenübertreten. Man müsste Herrn Goldt wohl fragen. Vielleicht können Sie das einfädeln? Kenne Goldt nur von den Büchern. Die, die ich kenne, die ihn kennen, sprechen nicht mit ihm. Nicht mehr. Vielleicht spricht er mit Ihnen?

Liebe Grüsse,
Andrea Maria Dusl
am 11 Apr 2007 um 11:34

Liebe Frau Dusl!

Ich fühle mich immer noch geschmeichelt von ihrem Ersuchen, mich mit Herrn Goldt in Verbindung zu setzen. Ich tat auch wie geheißen, leider antwortet er nicht. Auf einer Homepage besteht keine direkte Kontaktmöglichkeit, auf der Homepage seiner Agentur gibt es überhaupt keine eMail-Adresse, und das kommt mir komisch vor.

Glücklicherweise liest Herr Goldt am 9.5. im WUK. Ich werde einfach auf die Bühne stürmen und ihn fragen. Oder einen Brief für ihn abgeben.

Ich hoffe Sie sind noch geneigt.

Haben Sie mich schon gegoogelt oder nehme ich mich zu wichtig? Missverstehen Sie mich nicht! Es liegt nicht an 'diesem einen Beitrag da' für den Standard ('Ich google Ninas Neuen'), sondern daran, dass ich alle frage. Werden Sie zur Goldt'schen Lesung kommen?

Missverstehen Sie mich aber auch nicht dahingehend, als dass Ihre Artikel mich nicht dazu bringen würde, alles zu googlen. So habe ich sofort Sie gegoogrlt, um nachzuprüfen, ob seit dem Verfassen, neue Einträge dazukamen.

Mit bestem Gruß,
Maximilian Zirkowitsch
am 23.04.2007 um 11:49

Lieber Maximilian Zirowitsch,

Herr Goldt dürfte im Lesestress sein und zudem kein Freund des Emailierens zu sein. Bedenken Sie auch bitte, dass Herr Goldt mich höchstwahrscheinlich gar nicht kennt. Da ich doch nur im Falter publiziere. Wie auch immer, die Neigung ist aufrecht. Zur Goldtschen Lesung werde ich nicht kommen, arbeite gerade an Eigenem und kann nicht gut auf lepschi gehen.

Viel Erfolg und liebe Grüsse,
Andrea Maria Dusl

Liebe Andrea Maria Dusl!

Ihre Antwort klingt sehr entmutigt. Ich habe gestern erfahren, dass eine gute Freundin wiederum eine nicht ganz so gute Freundin hat, die ihrerseits im WUK arbeitet. Es sollte also möglich sein, ...

... Max Goldt einen, zwecks Tarnung parfumierten Brief auf seinen Schminktisch oder was man als Leser so hat, zu legen.

Ich nehme an, dass Max Goldt Sie nicht kennt. Wie dem Abhilfe tun? Soll ich ihm einen Falter schenken? Haben Sie Texte, die Sie gerne zeigen wollen würden, könnten Sie kommen, um die Gunst fremder Autoren zu gewinnen?

Machen Sie es nicht von mir abhängig Sie vollends zu präsentieren. Ich les den Falter doch so gut wie nie; Na, Sie schon und die Herren Klenk und Thurnher, aber das zählt nicht.

Man sagte mir, dass Autoren und Journalisten sich gegenseitig gerne Bücher schicken. Ist dem so? Dann will ich ihnen gerne Goldts Adresse zukommen lassen, und Sie schicken ihm eines. Schriebe ich 'Schuicken Sie mir...' käme ich mir ein bisschen schäbig vor. Wie vorgeschlagen ist besser.

Harry Rowolth hat seinen Briefen auch gelegentlich Bücher beigelegt. Zumindest schreibt er das. Aber der ist ja Übersetzer.

Stets der Ihre,
Maximilian Zirkowitsch
am 03.05.2007 um 12:28

Post Scriptum: Glauben Sie nicht, ich hätte nichts zu tun, weil ich immer so schnell antworte! Ich bin nur gerade sehr auf meinen PC angewiesen und sitz halt meistens davor, vormittags.

Lieber Herr Zirkowitsch,

Moment, Moment, Sie drehen den Spiess um.

Die Idee Goldt und Dusl gemeinsam lesen zu hören, kam von Ihnen, nicht von mir. Ich habe weder Zeit noch Lust, Kollegen Goldt nachzutrappeln, geschweige denn, parfümierte oder sonstwie präparierte Post zu erzeugen und an intimen Orten zu deponieren.. Wenn sie was einfädeln wollen, gerne, wenn nicht - auch gerne. Mein Leben ist mit den eigenen Hervorbringungen und deren Vertrieb mehr als ausgefüllt.

Autoren und Journalisten sind erstmal Konkurrenten. Sie schicken einander Bücher nur zur Erniedrigung. Entweder zur eigenen oder zu der des Anderen. Für beides fehlen mir die emotionellen Budgets.

Ich zeige Texte auf meiner Seite www.comandantina.com Und zwar alle.

Mehr wollen sie mir, bitte, nicht abringen.

Mit allerfreundlichsten Grüssen,
Andrea Maria Dusl

P.S.: Ich sitze nicht vor einem PC und habe grundsätzlich nie etwas zu tun. Auch nachmittags nicht. Meine Schreibarbeiten erledigen Zwerge.

Liebe Frau Dusl,
ich war heute bei der Lesung Herren Goldts und hatte die Gelegenheit ihn auf eine Lesung mit Ihnen anzusprechen! Leider hat er kein Interesse daran, weil er das nie macht, es nicht mag und außerdem "alle sterben, die mit ihm lesen", wie Robert Gerhardt (natürlich hat er für ihn eine Ausnahme gemacht). Wiglaf Droste sei zwar noch am Leben, aber das soll seiner abschlägigen Antwort keinen Abbruch tun. Ich danke Ihnen für ihr Interesse und werde mich weiterhin ein klein wenig damit rühmen, dass ich beinahe eine Lesung von "der Dusl" und "dem Goldt" eingefädelt hätte.

Seien Sie gegrüßt und auch Ihre Schreibzwerge,
Maximilian Zirkowitsch
Am 10.05.2007 um 00:35

Lieber Herr Zirkowitsch,

vielen Dank für Ihre Bemühungen, ich kann Ihnen ein gerüttelt Maß an ritterlicher Tapferkeit nicht absprechen. Und irgendwie stimmt es mich tröstlich, dass mir Max Goldt das Leben rettet.

Liebe Grüsse.
Andrea Maria Dusl

13. Mai 2007 (0) Comments


Ich google Ninas Neuen

Andrea Maria Dusl

Für 'Der Standard' - RONDO

Morgen bringt Nina Ihren Neuen mit. Der Neue ist Kabarettist. Und das ist gut so. Warum das gut ist, wenn der Neue Kabarettist ist? Weil man ihn dann gut googeln kann. Nina hat das natürlich gleich nach Ihrer ersten gemeinsamen Nacht gemacht. Den Neuen gegoogelt.

Der Kabarettist ist noch in Ninas Futon gelegen und hat Restalkohol verbrannt, der 11-Uhr-Frühstücks-Kaffee hat sich durch die Espressomaschine gequält, da ist Nina schon am Laptop gesessen und hat ihren Neuen gegoogelt. 66.400 Einträge. Na prack, hat sich Nina gedacht. Kein Bemmerl, der Neue.

Heute bringt Nina den Neuen mit. Sechsundsechzigtausendvierhundert Google-Einträge. Ein bissl viel für Nina. Nicht gut für Ninas Gugel-Ego. Nina ist Redakteurin und hat magere 530 Einträge. Aber so ist das. Nina darf nicht unbescheiden sein. Guten Sex und Google-Zahlen, die auf den Siebzigtausender zurudern. Was was will sie mehr?

Blöd nur, dass auch im Kabarett-Forum was steht über den Neuen. Das gefällt Nina nicht so gut. Der Neue hat ein Kind aus erster Ehe. Obwohl sie nicht verheiratet waren. Wie sagt man da? Ein Kind aus erster Zusammenlebung? Ein Sohn aus früherem Konkubinat? In der Wikipedia steht nichts über den Sohn. Und auch nicht, wie das heute unter Bobos hiesse, ein Sohn aus erster Wohngemeinschaft. Auch Orkut hat noch kein wording für moderne genealogische Zusammenhänge.

Der Neue hat sich gerade umgedreht und wäre fast aufgewacht. Aber der Neue ist bedient und sägt weiter an den Real-Life-Tequilas von gestern Nacht. Nina hat was entdeckt, was ihr wirklich Sorgen macht. Der Neue wohnt in einer Dachwohnung mit Terrasse. Hat er gesagt. Im Zweiten, wo die Bobos wohnen. Vom Kulturstadtrat abwärts. So weit, so sehr gut.

Im Häuserblock in dem der Neue wohnt, wie er sagt, gibt es aber keine Dachterrasse. Jedenfalls keine mit 120 Quadratmetern. Sind Kabarettisten Mythomaniacs? Oder darf man noch "Einedrahra" sagen? Ecke Nestroygasse, hat der Neue gesagt. Auf 48.22038 nördliche Breite mal 16.373974 östliche Länge: Keine Dachterrasse. Er wird doch nicht lügen? Andererseits: Die Wien-Auflösung von Google-Earth ist nicht berühmt. Da kann ein Hundertzwanzig-Quadratmeter-Zitronengras-Dachgarten doch glatt übersehen werden. In Paris müsste man sein. Von Paris haben sie bessere Luftbilder bei Google-Earth.

Der Neue ist aufgewacht und küsst Nina in den Nacken. Nina: ”Wie heisst Kabarettist auf französisch?”

Unsere Freundin Nina (530 Google-Einträge, kein Wikipedia-Artikel, kein Kind) bringt also ihren Neuen mit (66.400, Wikipedia-Eintrag, Sohn und keine Dachterasse.) Nina gefällt es bei uns. Wir haben nämlich wirless LAN und eine googelbare Dachterrasse. Und auf der sieht man den Olivenbaum, den Nina vor fünf Jahren zur Dach-Warming-Party mitgebracht hat. Sagt Sie.

Bei uns ist es locker. Thomas ist Journalist (69.800 Google-Einträge, aber nichts in der Wikipedia.) Die Google-Einträge sehen allerdings nur deswegen so fett aus, weil es einen weinhändlernden Onkel, einen Comiczeichner, einen Hotelmanager, einen theoretischen Physiker und einen Boy Soprano in Tölz gibt, die exakt so heissen wie Thomas. In Anführungszeichen gegoogelt. Ohne Anführungszeichen hätte Thomas 1.260.000 Einträge. Aber ohne Anführungszeichen googeln gilt nicht.

Mein Boy Soprano, sage ich deshalb zu Thomas. Immer dann, wenn er sich selbst googelt. Dann explodiert Thomas. Mit einem Pornoheft in der Hand kann ich meinen Lebensabschnittspartner nicht erpressen, mit Egogugeln schon. Deswegen liebe ich Thomas. Für die roten Ohren, wenn ich ihn beim Egogugeln erwische. Ausserdem: Das Weingut gehört wirklich seinem Onkel und das Online-Archiv von Thomas' Brötchengeber biegt sich von Artikeln aus Thomas Tastatur. Da ist der Neue schwach auf der Brust.

Die Thomas-Lücke in der Wikipedia schmerzt. Ich könnte das fixen. Das Blöde an der Sache: Wenn ich das von unserem Laptop aus mache, sieht das aus, als hätte sich Thomas selbst eingetragen. Nicht auszudenken, wenn jemand Thomas’ IP-Adresse in einem Wikipedia-Artikel über ihn selbst entdeckte! Der Ausweg wäre die düstere türkische Internetbude neben dem Branntweiner. Will ich das? Moderne Liebe hat Grenzen.

Maja kommt heute auch, sie ist Malerin und international gefragte Festemacherin. Aus ihren 240 Google-Eintragungen wird noch was, sag ich. Spätestens, wenn Maja sich einen Computer zulegt. Dafür fürchtet sich Maja. Davor und vor den Wörtern: Online, Weblog, Google. Darling, what a sweet Furcht!

Immerhin bringt Maja den entzückenden Georgier mit. Giga heisst er und hauert Bild. Giga bringt seine Freunde Mega und Kilo mit. So nennen wir sie jedenfalls. Mega ist Restaurator und Kilo ist Opernsänger. Internetmässig haben Sie es faustdick hinter den Ohren. Immerhin hat Mega seine Freundin Deka im georgischen Ficktempel in Second-Life kennengelernt. Nicht im georgischen Bobo-Lokal am Karmelitermarkt, wie sie gerne behaupten. Der runde Bauch, den Deka von ihrer siebenten Offline-Nacht mit Mega hat, heisst Mikro. Und frage nicht, auf wieviele Einträge Mega kommt.

Nina kommt also und bringt den Neuen mit. Der Neue mag Wirsing und hasst Fenchel. Woher wir das wissen? Das steht in einem Interview, das Nina im Internet gefunden hat. Anlässlich des dritten Programms vom Neuen. Das soll nicht so spannend gewesen sein, wie das zweite. Sagt das Netz. Gut, dass der Neue ein viertes Programm hat. Und gut, dass es darüber ein Weblog gibt.

Mit einem Blog bist Du fein raus. Geschicktes Bürschchen, der Neue, sagt Thomas, pumpt seine Google-Präsenz mit einem Blog auf. Wenn er das geschickt macht, sagt Thomas, und er macht das geschickt, sagt Thomas, dann ist der bald über die Hunderttausend. Mit Old-School-Journalismus ist das nicht zu schaffen. Findet Heidi auch. Deshalb macht Heidi jetzt Filme. Wegen der Google-Einträge.

Nina ist gerade gekommen. Der Neue sieht gut aus. Besser als auf dem Bild, das mit dem Hut, auf der Website seiner Agentur. Das war nach der Trennung von der Kindsmutter, hat mir Nina heute Mittag beim Skypen reingedrückt.

Der Neue hat vier Flaschen Umathum mit, 2004er Haideboden Magnum, elegante Struktur, leichte Kakaonote im Duft, sehr saftig, sehr feine Frucht, eine Kanone. Wenn wir 12 Flaschen nehmen, hat Nina gegoogelt, kostet der Saft nur 41,73 die Flasche. Wir brauchen aber nur 4 Flaschen, hat der Neue gesagt.

Das hat mir Nina am Nachmittag gemailt. Und dass der Neue einen seltsamen Fleck hat. Am Dings, an der Kabarettlatte. Naja, so ein Muttermal halt. Steht nicht in der Wikipedia. Im Echelon sehr wohl. Im Echelon werden alle mails ausgewertet. Alle. Auch die von Nina. Das Echelon ist die Wikipedia vom CIA.

Egal, der Neue ist da, es gibt keinen Fenchel, dafür Lamm und Wirsing. Und Umathum um 41,73. Bis zum Abwinken. Und keine Gespräche über Söhne aus früheren Verbindungen, Dachterrassen oder Flecken auf Künstlerpenissen. Und auch keine über selbstverfasste Wikipedia-Einträge.

.............................................................
Andrea Maria Dusl (28.100 Google-Einträge, 2 Wikipedia-Einträge, kein Dachgarten, drei Weblogs) ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie hostet ein vielbesuchtes Blog auf www.comandantina.com
Dieses hier.

Für Standard-RONDO, geschrieben am 21. März 2007

30. März 2007 (6) Comments


Dusls Ticks

Absolutes Sperrrgebiet

Doris Knecht berichtet über mich in ihrer Falter-Kolumne vom 1. März 2007.

(...) Diejenigen meiner Freunde, die keine Kinder haben, die sie ankeppeln könnten oder die ihre Kinder schon aus dem Haus gekeppelt haben, nutzen ihre Freizeit, um sich faszinierende Ticks anzueignen, welche sie mir dann beim Mittagessen im Wirtshaus vorführen. Kollegin A. hat sich auf das Kirremachen von Kellnern spezialisiert. Sie hätte gerne, sagt A. im Sapa, den im Wok gebratenen Tofu mit Gemüse und Reisnudeln, aber mit Reis statt Nudeln und ohne den Tofu, geht das? Das geht erstaunlicherweise. (Was mich an den Kerl erinnert, der kürzlich, als ich mal auflege, am DJ-Pult erscheint und sagt, so, langsam hat er genug, wenn ich jetzt nicht gleich etwas spiele, das er kennt, verlässt er das Lokal. Worauf ich, um keinen Publikumsverlust zu riskieren, schlagartig „Lets Stick Together“ von Bryan Ferry in den CD-Player schiebe, worauf der Herr erneut das DJ-Pult aufsucht, um mir erbost mitzuteilen, so, es sei jetzt endgültig genug, tschüss, auf Nimmerwiedersehen. Für diesen Mann konnte ich nichts tun.)

Während Kollegin Dusl die Unfähigkeit kultiviert , eine Konversation am Wirtshaustisch zu beginnen, bevor das Teehäferl exakt mittig auf dem exakt mittig ausgerichteten Set ausgerichtet ist, wobei der Teebeutelfaden in die Diagonale zeigen muss. Sie sei auch, sagt Dusl, nicht mehr in der Lage, mit weißem Papier zu arbeiten, weißes Papier lenke sie ab, es dominiere durch seine Weißheit allzusehr die Atmosphäre, sie arbeite nur mehr mit gelbem Papier. Gelbes Papier sei bescheiden und zurückhaltend, gelbes Papier dränge sich nicht auf, weißes Papier dagegen. Wenn weißes Papier, dann streng mittig und kantig, aber sie könne ja nicht auf einem dicken Packen streng mittig platziertem Papier. Ein schönes Hobby, sage ich. Nicht wahr, sagt Dusl.

1. März 2007 (0) Comments


Mein Hippie-Bäcker

Der Hugo-Wiener-Platz, gegenüber von meinem französischen Atelierfenster herbirgt nun schon einige Monate keine polnische Pizzeria mehr. Das Lokal ist waise und west vor sich hin. In der gut beleuchteten Telefonzelle vor dem Friseur hat das Werbebild von Heinz Conrads Strache einem von Franz Klammer Platz gemacht. Wofür Franz Klammer wirbt, sieht man von hier oben nicht. Schlecht gelaufen, würde der Werbeprofi sagen. Message versemmelt. Anwohner missen die Message. Und bloggen es bis Zeitland.

Semmeln selbst gibts dafür auch nächtens am Hugo-Wiener-Platz, gegenüber von meinem französischen Atelierfenster.

Mein Bäcker. Er trägt ein weisses, mehlstaubiges Unterhemd und eine mehlstaubige kurze Hose, die den Ausdruck Hot Pant nicht verachten würde. Mein Bäcker. Seine LSD-farbigen, nicht minder mehlstaubigen Haare werden von einem mehlstaubigen Zopf und einem mehlstaubigen Stirnband gebändigt. Mein Bäcker spricht breites Wienerisch und seine Nase hat den eleganten breiten Höcker, den auch Mundls Sohn Karli mit proletarischem Stolz trug.

Mag es zwölf sein oder drei, sieben oder elf, stets dampft und duftet, staubt und semmelt es in der Bäckerei. Durchs offene Bäckerfenster gibt es Milch und Salzstangerl, Marmelade und Eckerlkäse. Eine kleine Oase der Unversperrtheit, die mehlstaubige Bäckerei schräg gegenüber von meinem französischen Atelierfenster. Nur Nachmittags hat er zu, mein Bäcker. Wenn er schläft. Dann träumt er von San Francisco und Monterey, von Iron Butterfly und Canned Heat, von Grateful Dead, Steppenwolf und Zappa und den Mothers. Mehlgestaubt natürlich.

Für das Ösi-Blog in der ZEIT.

23. Februar 2007 (6) Comments


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