Rinters Zelt

Rinterzelt.jpgLiebe Frau Andrea, guten Tag!

In einer der Stadt Wien offensichtlich sehr nahe stehenden Publikation war im Zusammenhang mit Plastikflaschenrecycling vom "MA-48-Zelt" die Rede, in dem diese Flaschenwiedergeburt vonstatten geht. Sagte man früher nicht "Rinderzelt"? Und wieso eigentlich "Rinder" und wieso überhaupt "Zelt"? Fragt sich und Sie, liebe Frau Dusl,

Johanna Gerlach, 7. Bezirk, per Digitaldepesche

Liebe Johanna,

die orangeste von allen Wiener Magistratsabteilungen, die 48er, ist für Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und den städtischen Fuhrpark zuständig. Auch Müllvermeidung und Abfalltrennung gehören zu den Agenden von Ulli Simas kleinem Reich. Im Oktober letzen Jahres wurde unter ihrer Ägide Europas modernste Kunststoffsortieranlage eröffnet. Untergebracht ist die Maschinerie für Plastikflaschenwiedergeburt im legendären Rinter-Zelt. Es hat seinen Namen von der Firma Rinter AG, die dort in den frühen Achtzigerjahren eine automatische Müll-Sortieranlage betrieb, die wegen Nichterfüllen der gesetzlichen Anforderungen bezüglich der Gewinnung von Wertstoffen schon nach zwei Jahren wieder geschlossen werden musste. Der Ausdruck “Zelt” für die seit 1986 von der Stadt Wien betriebene Abfallbehandlungsanlage ist nicht unberechtigt. Das 80 Meter hohe und mit einem Durchmesser von 170 Metern recht üppig dimensionierte Gebäude am Rautenweg im 22. Bezirk sieht aus wie ein Zirkuszelt. 2003 oxidierte der Müllbunker des Rinterzeltes in flüchtige Rauchgase. Ob sich je eine Kuh oder ein anderes Mitglied unserer gehörnten Freunde im Rinterzelt befunden hat, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. dusl@falter.at www.comandantina.com

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 29/2008

9. Mai 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Bühnentauchen

Stage-Diving.jpgLiebe Frau Andrea,

beim Kremser Donaufestival konnte man beim Konzert der wunderbaren Hidden Cameras eine wahre Stage-Diving-Orgie beobachten: der komplette Münchner Fußballchor ließ sich vom Publikum über dessen Köpfe hieven. Woher kommt dieser Brauch, ist Bühnentauchen nicht ausgesprochen gefährlich und - wie manche anschließend meckerten - eigentlich schon "so last season"?

Rieke Kasuppke,
Wien, Otterkring, per Elektrobrief

Lieber Rieke,

die Musiker der kanadischen Queercore-Pop-Band um Sänger, Gitarrist und Songwriter Joel Gibb sind keine Unbekannten in der Welt der singenden Fussballer. Die schwule Kirchen-Volksmusik-Combo spielte am 15. August 2007 auf Wunsch von Teenie-Idol Mehmet Scholl bei dessen Abschiedsspiel vom FC Bayern - erst in der ganz und gar unschwulen Allianz-Arena und dann auf der etwas intimeren Abschiedsfeier in der Münchener Reithalle. Dabei kam erstmal der Münchner Fußballchor, allesamt Mitglieder diverser Münchner Bands zum Einsatz. Das Bühnentauchen wurde allerdings nicht in der Allianz-Arena erfunden und auch nicht von singenden Münchnern. Das gefährliche Abspringen von Rock-Bühnen samt okkasinellem Surfen im Moshpit (dem chaotischen Händewald vor den Rock-Bühnen) soll ein Punk-Pate erfunden haben. James Newell Osterberg, Jr., besser bekannt unter seinem Bühnennamen Iggy Pop gilt als einer der ersten Stagediver. Die Übung ist so spektakulär wie gefährlich und gehört dennoch zu den Untoten des Pop. Einzig auf philharmonischen Konzerten und in der Wischerl-Jazz-Szene wurde sie noch nicht beobachtet. dusl@falter.at www.comandantina.com

Für meine Kolumne 'Fragen sie Frau Andrea' in Falter 19/2008

5. Mai 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Westensprüche

Liebe Frau Andrea,

Peter Westenthaler meinte kürzlich, die Polizei sei zu ehren, weil sie drei Rumänen "zur Strecke brachte". Im übrigen sei mit der Polizei "nicht gut Kirschen essen". Welche Strecke? Welche Kirschen?

Ihre Beate Meinbrugger, Klamm

Liebe Beate,

wir gehen einmal von der Wörtlichkeit der erwähnten Zitate aus und unterstellen Peter Westenthaler, dass die Redewendungen zu seinem Wortschatz gehören. Jemanden “zur Strecke” zu bringen, scheint ein passender Ausdruck für jene wilde Autobahnschiesserei zu sein, die bei der Festnahme von drei falschen Polizisten stattgefunden haben soll. Immerhin sollen sich die rumänischen Täter auf einer Autobahnstrecke bewegt haben. Nun ist der Ausdruck “jemanden zur Strecke “ zu bringen, ungeachtet Westenthalerischer Lingo weder korrekt noch menschenwürdig, denn er kommt aus der Jägersprache, wo erschossenes Wild bezeichnet, das der Reihe nach aufgelegt, die sogenannte “Strecke”darstellt. Strecke, weil das Wild ausgestreckt aufgelegt wird. Besser geht es der Treffsicherheit des Sprachbildes vom “guten Kirschenessen”. Die Redewendung kommt aus einer Zeit, als Kirschbäume noch auf Klostergärten und andere herrschaftliche Baumgärten beschränkt waren. Die geistliche und weltliche Aristokratie pflegte Kern und Stingel der exklusiven Früchte in weitem Bogen auszuspucken. Gerne auch in die Gesichter von Leibeigenen. Wir wollen ein solchens Autoritätsgefälle zwischen richtiger niederösterreichischer Polizei und falscher rumänischer nicht insinuieren, geben aber zu bedenken, dass von der Österreichischen Exekutive wenig Früchtekonsum mit Aussenstehenden bekannt ist.
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 18/2008

28. April 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Lulu

Tourette.jpgLiebe Frau Andrea,

neulich grüßte mich jemand am Gang zu meinem Büro mit "Lulu". Der Mann zwinkerte, als führte er etwas im Schilde. Wollte er mich beleidigen, oder bin ich einem Leidenden begegnet?

Karin F. Knolle, Ratzersdorf, per Elektropost

Liebe Karin,

es gibt mehrere Möglichkeiten, Ihre Begegnung zu lesen. Sollten ausser der Kinderbezeichnung für Urin noch andere Begriffe aus dem Urogenitalapparat vorgetragen worden sein, eventuell begleitet von grimassierenden Tics, sind Sie möglicherweise von einer Person gegrüsst worden, die am Tourette-Syndrom laboriert. Das ist für beide Seiten gefahrlos und im besten Falle anekdotenreich. Vielleicht sind Sie aber einem Mitglied der Männervereinigung “Schlaraffia” begegnet. Der Freundschaftsbund zur Pflege von Kunst und Humor wurde 1859 in Prag gegründet und wird von bösen Zungen als Karnevalsausgabe der Freimaurer bezeichnet. Die kreuzfidelen Herren - Erkennungszeichen ist eine kleine weiße Perle am linken Revers - treffen sich einmal pro Woche in ihrem Vereinslokal, das sie “Schlaraffenburg” nennen. Schlaraffischer Inbegriff von Weisheit, Humor und Tugend ist der Uhu. Ihre Sprache nennen die unernsten Herren, die Kaliber wie Franz Lehár, Paul Hörbiger, Gustl Bayrhammer, Peter Rosegger und Gustav Mahler zu ihren Ehrenmitgliedern zählen, Schlaraffenlatein. Einblick in die Qualität ihres Humors geben Begriffe wie Kniewinsel (Violoncello), Burgwonne (Freundin), Benzinroß (Auto) und Schaum-Lethe (Sekt). Im Einklang mit diesen lustigen Bezeichnungen grüssen einander die weltweit etwa 10.000 Schlaraffen mit einem sympathisch sonoren “Lulu!”
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 17/2008

20. April 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Filmnieseln

Once-Upon-a-Time-in-the-West.jpgLiebe Frau Andrea,

neulich hatten wir einen feuchten Abend mit guten Gesprächen. Irgendwie kam das Gespräch auf Spaghettiwestern und den grossen Sergio Leone. Und da erinnerte ich mich daran, in einem abgefuckten Porno-Kino in der Burggasse der einzige Zuschauer gewesen zu sein. Es muss 15 Jahre her gewesen sein oder länger. Ein einmaliges Erlebnis. Ich und der geilste Western der Welt: Spiel mir das Lied vom Tod. Die Tonanlage übersteuerte und zwischendurch regnete es weisse Kratzer. Ich dachte, das wäre nur am Anfang von Filmen so, dort wo sie abgenudelt sind?

Florian Niederwieser, Wieden

Lieber Florian,

bei ihrem abgenudelten Kino dürfte es sich um eines der ersten Wiener Arthouse-Filmtheater, das Star-Kino in der Burggasse 71 gehandelt haben. (Seit 1999 ist dort das Atelier-Theater zuhause). Es wäre ungewöhnlich gewesen, Once Upon a Time in the West (C'era una volta il West) in einem Pornokino zu projizieren. Dafür ist Claudia Cardinale zu selten im Bild. Das Nieseln in der Projektion stammt tatsächlich von Kratzern auf der Kopie. Da ein Film dieser Länge Film aber in mehrere Akte (Filmrollen) aufgeteilt ist, die abwechselnd projiziert werden, um den Anschein einer kontinuierlichen Vorführung zu erzeugen, kann es mitten in der Handlung zu Filmnieseln, Knacken und Knistern kommen. Diese Artefakte kommen von der mechanischen Beanspruchung der einzelnen Aktanfänge einer oft gespielten Kopie. Machmal fehlen auch Sekunden aus dem Film, wenn etwa diese Teile der Filmrolle abgeschnitten wurden. Der DVD-gewohnte Filmbuff hat diese Kinoerlebnisse meist in der Frühzeit der cineastischen Sozialisation kennengelernt und erinnert sich mit wohligem Schauern daran. Schau-Schauern.
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 16/2008

13. April 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Da Stond

Liebe Frau Andrea,

heute ist uns wieder einmal aufgefallen, dass es in der österreichischen Umgangssprache kein Äquivalent für "Ich liebe dich" gibt. Wieso gibt es für so vieles eine Dialekt-Version, aber ihre Liebe können Mann und Frau nur auf Hochdeutsch bekunden? Und steckt dahinter vielleicht eine tiefere Erkenntnis über die österreichische Mentalität? Wir würden uns freuen, wenn Sie dem mal nachgehen könnten! Mit freundlichen Grüßen,

Johanna Stadlbauer und Markus Harg, per Elektropost

Liebe Johanna, lieber Markus,

im Einklang mit der Tatsache, dass es so etwas wie die “Österreichische Umgangssprache” nur in den Vorstellungen deutscher Fernsehredakteure gibt, möchte ich mich auf die Liebesbezeugungen der Wienerinnen und Wiener beschränken. Im Cottage (Kotääsch), in Hietzing und der Josefstadt wird man gewiss davon ausgehen dürfen, mit dem hochdeutschen “Ich liebe Dich” gepflügten Acker zu bestellen. Die Bevölkerung ausn Hieb und vom Grund wird zu tieferen Wendungen greifen, um das Herz auf den Tisch und die Seele ins Bett zu legen. Wienerinnen und Wiener mit Schmetterlingen im Bauch werden seltener “I liab di” hauchen, als “I hob di liab”. Ideal ist auch das nicht, denn “Ich liebe dich” heisst auf Wienerisch strenggenommen “I steh auf di”. Jiddisch-Wienerisch liesse sich der Sachverhalt auch so ausdrücken: “Bei mir bist (du) scheen!” Im Espresso, beim Branntweiner oder beim Wirtn empfiehlt sich das schlichte ”I hoid auf di”. Schmähtechnisch römisch eins (remisch aans) wäre mein Favorit unter den Liebesbekundungen, der blumige Ausdruck:

”I bin schaasaugat auf Di”.

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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 15/2008

7. April 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Handyquette

Liebe Frau Andrea,

Sie kennen das: Laut sprechende Unbekannte, die in Stadionlautstärke handphonieren. Sie begegnen mir in U-Bahnen, im Bus, auf der Einkaufsmeile, in der Passage, in der Schellausspeise. Wie kann man sich den Akustikmüll vom Leib halten, ohne strafrechtliche Grenzen zu überschreiten?

Klaus Jülich, Leopoldstadt

Lieber Klaus,

Handys übertragen ein sehr enges, auf die menschliche Stimme optimiertes Frequenzband. Unglücklicherweise werden beim Kommunizieren über mobile Telefone auch Umweltgeräusche, Passantengemurmel, Technobeats und Strassenlärm übertragen, und zwar jene Geräuschanteile, die im Frequenzbereich der menschlichen Sprache liegen. Handygespräche in lauten Umgebungen führen zwangsläufig dazu, selbst lauter zu sprechen. Dazu kommen die mitgelieferten Ambient-Sounds. Das akustische Gegenüber beginnt, sich dem Halbschreien anzupassen und hebt ebenfalls die Stimme. Im Schlimmsten Falle kann sich so ein Schreiduell aufschaukeln. Auch schlecht justierte Lautstärkelevel können diesen Effekt auslösen. Es gibt einige Methoden, dem signifikant zu begegnen. Wir wollen Handyschreiern nicht das Telefon aus der Hand schlagen. Methode Vitasek kommt mit einer Handbewegung aus, die einen zurückdrehenden Lautstärkedrehknopf imitiert. Dazu ist Augenkontakt mit dem Adressaten nötig. Methode Dusl empfiehlt, laut mitzusprechen. Das ist mitunter ganz lustig, enthemmt ungemein und führt irgendwann zum Zusammenbruch der gegnerischen Kommunikation. Methode David hat der US-Comedian Larry David in “Curb Your Enthusiasm” eingeführt: Das Parallelgespräch ohne Handy. Funktioniert bestens in Restaurants und Vinotheken.
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 14/2008

31. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Spaghettitechnik

Spaghetti.jpgLiebe Frau Andrea,

beim Aufessen der für meinen Kleinen fein geschnitten Spaghetti Bolognese schien mir, dass sie eigentlich geschnitten besser schmecken als gewickelt (zumindest mit Sugo Fleisch pikant von Felix und Spaghettni No. 3 von Barilla). Seither schneide ich diese Nudeln und habe damit scheinbar ein schweres Tabu berührt. Ungläubige Augen der Erwachsenenen. Sogar die Kinder wundern sich. Warum es sozial so wichtig ist, Nudeln zu wickeln statt sie zu schneiden, bleibt mir ein Rätsel.

Johannes Gärtner, per Elektropost


Lieber Johannes,

betrachten Sie mich als leidenschaftliche Befürworterin des experimentellen Individualismus. Gastronomische Tabus sind kein Naturgesetz, sondern dazu da, um niveauvoll gebrochen zu werden, Gebote sollen stets hinterfragt werden und im Zweifelsfalle übertreten. Alle Gebote bis auf eines: Es soll Dir schmecken. Wenn es Ihnen behagt, legen Sie Ihre Spaghetti auf Knäckebrot, wickeln sie Ihre Linguini um Nüsse und füllen Sie Rhabarber-Eis in ihre Penne. Schütten sie Felixsosse über die Barillanudeln und häckseln sie diese mit Steakmessern. Alles ist erlaubt, nur schmecken muss es. Das Tabu, Nudeln nicht zu schneiden hat simple und sehr italienische Gründe. Ich spreche hier als Viertelitalienerin. Erstens wird in der Manufaktur appeninischer Teigwaren viel Aufwand betrieben, besonders lange Spaghetti zu erzeugen. Lange Nudeln gelten den Italienern als elegant, sie werden minutenlang mit Gabeln an den Tellerschultern gedreht. Nur Deutschen reicht man den Spaghettilöffel. Zweitens spart der solitäre Gebrauch von Gabeln Abwaschkraft. Abwaschzeit ist Lebenszeit und Lebenszeit soll der Italianità dienen und nicht dem alemannischen Putzfimmel. dusl@falter.at www.comandantina.com

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 13/2007

21. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings




Leiwaund

Leinwand.jpgLiebe Frau Andrea,

in unserem Büro ist bei der Nachbesprechung diversen Schifoans die Frage über die Herkunft des Wortes "leiwånd" aufgetaucht. Ich meinte, man könne es mit "kino" germanisiseren, also mit “so traumhaft wie auf der Leinwand" übersetzen. Diese Erklärung stieß auf Widerspruch, da es ja auch nicht "leinwånd" ausgesprochen wird. Es wäre das Kinoste, wenn Sie uns da aus der Patt-sche helfen könnten.

Martin per i-mehl (Es geht um eine Leinwandkarte!)

Lieber Martin,

leiwaund wird weder mit dem schwedischen “å” ausgesprochen, noch hat es mit Wänden oder cinematographischen Erlebnissen zu tun. Der Wiener Ausdruck für alles Wohlfeile und Angenehme kommt von den Flachsfasern, die wir als Leinen (lateinisch linum) kennen. Leinengewebe hiess im mittelhochdeutschen linwat, es wurde im neuhochdeutschen zu Leinwand umgebildet, weil dies ähnlich wie Gewand klang. Die Leinwand (wienerisch Lei(n)waund) ist also keine Linnenwand sondern leinernes Tuch, ein sehr hochwertiger Stoff. Leiwaundes Tuch wurde im Wienerischen zum Synonym für gute Qualität. Der Ausdruck hat auch den Umweg über die Welt des Biers genommen haben. 1432 wurde dem Wiener Bürgerspital, dem traditionellen Ort des Leinenhandels das Braurecht zugesprochen. Im sogenannten Leinwandhaus wurde eine Bierschenke errichtet, die von der Stadt auf eigene Rechnung betrieben wurde. Das "Leinwandbier" genoss ausgezeichneten, ja leiwaunden Ruf. Da Sie in der Germanisierung des Wienerischen sporteln, empfehle ich, leiwaund mit “linnern” zu übersetzen. Wenn Ihnen das zu kleines Kino ist, sagen sie einfach: “Guter Stoff, das”.
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 12/2008

17. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Blaue Lippen

Rape-Drink.jpgLiebe Frau Andrea,

wenn mich mein Weg in Gefilde führt, wo bemitleidenswerte Geschöpfe dem Kauf und Konsum von berauschenden Substanzen nachgehen (die ihnen ganz offensichtlich gar nicht gut bekommen), fallen mir zugedrogt wirkende Menschen auf, deren Lippen und Zungen bläulich verfärbt sind? Um welches Karlsplatz-Phänomen handelt es sich wohl dabei? Auswirkungen von Ersatzdrogen? Kann den Blauen geholfen werden?

Ihr Justus B., Wien Wieden

Lieber Justus,

ob und wie den Blauzungen geholfen werden kann, damit beschäftigen sich die Wiener Streetworker und Drogenambulanzen. Die Blaufärbung von Lippen und Zungen der Karlsplatz-Passagen-Comunity dürfte ihren Ursprung im rezeptpflichtigen Schlafmittel Somnubene haben. Das Medikament aus der Gruppe der Benzodiazepine enthält den Wirkstoff Flunitrazepam. Wiener Giftler rechnen es den “Langsamen” zu, weil es nach oraler Einnahme etwa vier Stunden dauert, bis sich die Wirkung entfaltet. Werden die Tabletten allerdings aufgelöst oder gespritzt, stellt sich schon nach 15 Sekunden ein Rauschzustand ein. Das Medikament hat in den USA eine zweifelhafte Karriere als Alkoholzusatz hinter sich, es erreichte als Rape Drug traurige Berühmtheit - Partygoers mischten es Frauen in die Drinks - böse Black-Outs waren die Folge. Um das Lutschen, Kauen und Auflösen sichtbar zu machen, wurden die hochgradige abhängigmachenden Tabletten mit einem blauen Farbstoff überzogen. Konsumenten wirken nach Einnahme betrunken, reden langsam und gehen schwankend. Die blauen Zungen sind da noch das elegantere Phänomen. dusl@falter.at www.comandantina.com

Für meine Kolumne 'Fragen sie Frau Andrea' in Falter 10/2008

10. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings




Göns

Liebe Frau Andrea,

da ist mir doch kürzlich eine Frage wieder erblüht, die mich intermittierend seit der Unterstufe beschäftigt (und die ist bei mir schon eine lange Weile her). Nämlich: Warum impliziert das bestätigungsheischende Wörtchen "gell" ein Duzverhältnis, obgleich doch kein "du", ja nicht einmal eine einschlägige Verbform enthalten scheint? Tatsächlich kennt die Umgangssprache ja auch höfliche Gegenstücke wie "gelln'S", "gön'S" etc. In der Hoffnung, die rätselhafte Blüte möge von Ihnen gekappt werden verbleibt hochachtungsvoll

Stefan Metzler-Dinhobl

Lieber Stefan,

“gell” oder “gelt” ist eine Interjektion, die schon lange in der deutschen Sprache herumgeistert. Der Ausruf kommt vom Zeitwort “gelten” und bedeutet konjunktivisch gebraucht soviel wie “möge es gelten!”, “gelte es!” Das Wienerische hat aus dem gelten bekanntlicherweise das götn gemacht, wobei gelt zu göt wurde und gell zu gö. In Verkennung der tatsächlichen sprachlichen Zusammenhänge hat sich der Usus eingebürgert, das gö für eine Verschleifung von gellen (laut rufen) zu halten. Damit werden Wendungen möglich, die es auch bei anderen Ausrufen gibt. In Anlehnung an heans und heats (für hören Sie und hört ihr), sowie gengans und gets (für gehen Sie und geht ihr) haben die Wiener Zungen aus einem vermuteten Zusammenhang mit gellen (göön) gellen Sie und gellt ihr (göns und göts) gemacht. Einige schöne Beispiele für unseren Begriff können so klingen: “Göts es hauds eich heid am Schbuatplods!” (Gelte es, ihr geht heute auf den Sportplatz!). “Göns, seid in Öro hom mia nua mea Schoda in Beasl” (Gilt nicht auch für Sie, seid der Einführung des Euro haben wir nur mehr Kleingeld in der Börse.) Göns, so gangats!
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Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 10/2008

3. März 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (3) Comments (0) Pings




Sportflecken

Sofa.jpgLiebe Frau Andrea,

letztens sind wir in einer angeregten Runde auf die berühmten Sportflecken zu sprechen gekommen - die diskussionalen Wege dorthin wollen wir mal beiseite lassen. Sind "Sportflecken" eine ungelenke Übersetzung von "lovemarks" (siehe www.lovemarks.com)? Was ist der Ursprung des Wortes, das die Nachwirkungen allzu intensiver zwischenmenschlicher Aktivitäten bezeichnet, die oft auf Rückbänken von Papas Autos anzutreffen sind. Woher kommen die Sportflecken, etymologisch gesehen? Sportlichen Dank schon mal im voraus,

Christoph Reicher, per Elektrobrief

Lieber Christoph,

mit Sportflecken bezeichnen wir gemeinhin den Niederschlag männlichen Ejakulats, die schnelltrocknenden Protuberanzen orgasmischer Vorgänge. Das sportliche Moment dürfen wir darin erblicken, dass Ausübende der Sportflecknerei gerne auch alleine durchs Ziel gehen. Insoferne ist der Ausdruck “Sportflecken” keine Übersetzung von “lovemarks” - Liebesmarkierungen. Die meisten “rennenden Flecken” dürften Pollutionen im Rahmen von Trockentrainings sein. Im Wienerischen wird das eingetrockente Ergebnis handmaschineller Genitalarbeit traditionell mit “kalter Bauer” bezeichnet. Kalt, weil alt, Bauer, weil es vom mittelhochdeutschen “gebur(e)” kommt, das sprachlich mit dem Gebären verwandt ist, dem Hervorbringen. Wer um Deutlichkeit nicht verlegen sein will, möge die Samenspende mit dem Altwiener Ausdruck “Tschuri” bezeichnen, er kommt aus einer Sportwortwolke, dem auch das tschechische čurati, pissen und das zigeunersprachliche Djuuri, Suppe angehören. www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 9/2008

25. Februar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (1) Comments (0) Pings




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