Wollen wir Wiener Wasser in der Wanne?

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 35/2010

Liebe Frau Andrea,

vor einigen Wochen wurde in Ihrer Kolumne die Möglichkeit erörtert, größere Mengen an Bierflaschen in Wiener Badewannen zu kühlen, weil das Hochquellwasser so schön kalt ist. An und für sich eine prächtige Idee, aber seit damals nagen ökologische Zweifel an mir: Ja, dürfen’s denn das? Entzürnen wir damit nicht die Erdgöttin Gaia oder deren Stellvertreter auf Erden (wie z. B. Greenpeace)? Anders ausgedrückt: Wie umweltschädlich ist es (wenn überhaupt), wenn wir eine ganze Nacht lang das kalte Wasser laufen lassen und dieses über die Wiener Kanalisation wieder (sauber) den Weg zurück in die Erde findet? Vielen Dank!
 
Alfred Stiglbauer, Alsergrund & Innviertel, per Elektropost
 
Lieber Alfred,

wie Sie richtig vermuten, führt der Weg zur Klärung der Bierkühlungsfrage durch die wilden Schluchten des Moraldiskurs. Ähnlich wie die Heilskonzepte Kapitalismus und Kommunismus wird auch der Ökologismus von der Sehnsucht nach einer besseren Welt getränkt. Jede Antwort wird sich in die Waagschale der jeweiligen Erlösungsdebatte werfen. Prüfen wir also die Gewichte! Leserin Ilse Gass bewertete meinen Vorschlag, Partybier in der Wanne kalt zu stellen, insoferne als “nicht ganz ernst gemeint”, als für sie das sechs- bis zehnstundenlange Durchsprudelnlassen von Trinkwasser “schon ein bissl nach Urassen” aussehe. “Wer meint”, schrieb sie, “wir haben eh genug Wasser, der könnte ja an die nächste Betriebskostenabrechnung denken.” Mir gefällt dieser Zugang, erlaubt er mir doch, eine Kalkulation anzustellen und die Diskussion auf ökonomischem Ufer zu führen. Konstruieren wir eine zehnstündige Party mit gut 30 durstigen Gästen, einer randvoll mit Bierchen befüllten Wanne und in dieser einen Wasserdurchsatz von drei rinnenden Toilettenspülungen - das wären etwa 120 Liter frischen, langsam fliessenden Hochquellwassers. Klingt viel. Ist es aber in der Gesamtbilanz der Party keineswegs. Sechs Minuten Duschen verbraucht diese Menge Trinkwasser. Schon zwei Hochbetrunkene, die am nächsten Morgen ungeduscht in ihr Bett fielen, hätten die Bierkühlung für die 28 anderen Partytiger hereingespielt. Ab drei trinkenden Nichtduschern fällt die Bilanz für Gaia also positiv aus. Prost!

www.comandantina.com dusl@falter.at

27. August 2010 (0) Comments


Höscherln ist die volle Hetz

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2010

Liebe Frau Andrea,

letztes Wochenende, beim dreitägigen Lehrgang des Bundes Österreichischer Fußball-Lehrer, kurz BÖFL, hatte ich viele Spezialisten um mich herum. Meine Frage konnten sie mir dennoch nicht beantworten: Woher stammt der Ausdruck Hösche? Das Wort, das alle Trainer und Spieler verstehen, bezeichnet einen Spielerkreis, in dessen Mitte zwei Spieler versuchen, den Ball zu bekommen. Wir rätselten stundenlang. Die Männer (ich war die einzige Frau) hatten viele Erklärungen: vom einfachen häkerln, bis hin zum Höschen ergattern!

Besten Dank und freundliche Grüße,
Claudia Gallhofer, Rudolfsheim, per Elektropost
 
Liebe Claudia,

in Unkenntnis der kompletten Erörterungsgeschichte Ihres Hösche-Seminars darf ich die beiden mitgelieferten Erklärungsmodelle einer kurzen Analyse unterziehen. Möglich, dass Fußballlehrer in Ausbildung modernes Kurzpassspiel als Häkelei wahrnehmen und den verborgenen Sinn des Spiels am Grünen Rasen im Ergattern gegnerischer Hoserln sehen. Die tatsächliche Bedeutung des seltsamen Ösi-Kicker-Ausdrucks berühren die erwähnten Etymologien durchaus, wenn auch nur tangential. Sie klopfen an der Latte an, um einen einschlägigen Ausdruck zu bemühen. Hösche kommt aus dem Mittelhochdeutschen und heißt so viel wie Fopperei, Hohn, Spott. Gefrotzelt werden dabei ein oder zwei in einem Kickerkreis stehenden Spieler. Er oder sie müssen versuchen, einen Ball abzufangen. Gelingt dies, muss der Fehlpassgeber in die Mitte. Die Hösche gibt es in vielen Varianten, sie wird sehr oft im Training, nur so zum Spaß - und von österreichischen Kickern durchaus auch bei Meisterschaftspielen und internationalen Begegnungen in regulären Matches gespielt. Die Hösche und die mit ihr verwandte Verbalform höscherln (soviel wie ärgern) kommt aus einer indoeuropäischen Wurzel, aus der die deutsche Sprache die Worte hetzen und hassen gedrechselt hat. Im Germanischen bedeutete das Verb, goth. hatjan und hatan, ahd. haschên und haschôn, mhd. haschen, ursprünglich “verfolgen”, das dazugehörige Substantiv Haß war schlicht die Verfolgung. Böse Stimmen, die die österreichische Trainerleidenschaft für das Höscherln für wenig geeignet halten, zeitgemässen Tiki-Taka-Fußball auch mit Toren zu krönen, möchte ich nicht kommentieren. www.comandantina.com dusl@falter.at

21. August 2010 (0) Comments


Lügen wie gedruckt, am besten wie die Zwiebel

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 33/2010

Liebe Frau Andrea,

können Sie mir verraten, woher der Ausdruck „Lügen wie gedruckt“ kommt? Eigentlich ist doch Gedrucktes vertrauenswürdiger als z.B. Information aus dem Internet, die meist ohne Lektorat oder Autorennennung erscheint. So gesehen müsste es eigentlich heißen: „Lügen wie gepostet!“

Vielen Dank!
Michael Huber, Alsergrund, per Elektropost
 
Lieber Michael,

alle Kreter lügen. Das Paradoxon des Epimenides, eines Kreters und damit Lügners, wird von einem gewissen Paulus aus Tarsus im Neuen Testament zitiert. Es findet sich in einem der kürzesten Bücher der Bibel, einer Epistel an einen Mitarbeiter und Freund des Apostels, Titus, nach der Tradition erster Bischof von Kreta. Das Zitat - “Einer von ihnen hat gesagt, ihr eigener Prophet: Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr” - ist ein griechischer Hexameter und wird genau wiedergegeben. Die Autorenschaft unterschlägt der Apostel. Der Kirchenschriftsteller Clemens von Alexandria (um 150 bis 215) wird den Satz einem der Sieben Weisen, dem vorsokratischen Philosophen, Seher und Reinigungepriester Epimenides zuschreiben. Epimenides war Kreter. Dass Kreter lügen und Autoren die Zitate ihrer Kollegen nicht ausweisen, zeigt schon davor - im 3./4. Jh. v.Chr. - ein Gedicht „Ad iovem“ des Kallimachos von Kyrene. Epimenides’ Hexameter wird auch in einen Vierzeiler aus dem Gedicht „Cretica“ zitiert, es gilt aber als unechte spätere Konstruktion. Dass der eingangs erwähnte Paulusbrief nach jüngster Forschungsmeinung gar nicht von Paulus stammt, möchte hier nur am Rand erwähnt sein. Unsere kleine Geschichte dient der Illustration der These, nach der Autorenschaft und Wahrheit Schall und Rauch sind - logisch anmutende Sätze Tand aus Menschenhand. Die Metadebatte über gedruckte Lügen ist so alt wie das Drucken selbst. Neue Medien schüren neue Zweifel, wie Bismarck in einer Rede im Jahre 1869 bekundete: “ ... er lügt wie gedruckt, es wird vielleicht auch dahin kommen zu sagen: er lügt wie telegraphiert...” Den Spiess umgedreht hat die US-amerikanische Satirezeitschrift “The Onion”. Die Tageszeitungs-Parodie verbreitet ausschliesslich Lügen, wird aber bisweilen als seriöse Quelle missverstanden. Kommen doch nicht alle Zwiebeln aus Kreta. www.comandantina.com dusl@falter.at

16. August 2010 (0) Comments


Da steppt der Bär, da pfeifen die Komantschen

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2010

Liebe Frau Andrea,

gelegentlich höre oder lese ich die Aussprüche „Da steppt der Bär“ und „Da pfeifen die Komantschen“. Es fällt es mir schwer zu erkennen, in welchem Zusammenhang sie angebracht und passend sind. Andererseits gefallen sie mir irgendwie in ihrer offensichtlichen Unsinnigkeit. Der zweitere Ausspruch wird gerne einem bekannten Ex-Sportler und TV-„Star“ zugeschrieben, mit dem ich mich nicht unbedingt verbünden möchte. Wenn diese Sprüche nicht dadaistische Unsinnpoesie sind, was sind sie dann? Wissen Sie etwas über ihre „Erfinder“ bzw. ihren Ursprung? Abhängig von Ihrer Antwort überlege ich mir dann, sie in meinen Sprachgebrauch aufzunehmen.
 
mdgsdi (habe ich mir übrigens von Ihnen abgeschaut)
Gerhard Schlögl, per Elektropost

Lieber Gerhard,

für das Aufspüren neuer Sinnzusammenhänge und das Erfinden von semantischen Formeln sind die Dichter zuständig. Geheimrat Goethe hat auf diesem Gebiet ganze Halden an Einzeilern angehäuft. In Aphorismensammlungen werden seine und die Sprüche anderer Gedankenturner verwaltet. Nur mehr wenige befinden sich in Zirkulation, als bekanntestes gilt das Zitat aus Goethes Götz von Berlichingen. Schwieriger wird die Zuordnung der Autorenschaft bei modernerem poetischen Material. Bis die Germanisten sich durch Quellenmaterial geackert haben, vergehen Jahrzehnte. Für die Grußformel “mdgsdi” möchten Sie sich nicht bei mir bedanken, sondern bei Kollegen Klaus Nüchtern, er hat sie erfunden und in Umlauf gebracht - ich habe darüber nur berichtet. Hier entdecken wir schon eine Eigenart des Genres. Oft wird der Überbringer für den Autor gehalten. Möglicherweise gilt dies auch für Armin Assingers Spruch vom Pfeifen der Komantschen. Der Exskirennläufer prägte dieses Hörbild im Zusammenhang mit dem Brennen der Schenkel bei langen Abfahrten. “Da steppt der Bär” (für Rambazamba) ist Berliner Schnauze und kommt vermutlich aus der Werkstatt des legendären Synchronsprechers Rainer Brandt, der Bud Spencer, Terence Hill und Adriano Celentano und der Serie “Die Zwei” dadapoetische Schnoddrigkeit verlieh. Brandt erfand Sprüche wie: “da steigen ja die Dohlen hoch”, “da wiehert der Amtsschimmel”, “da kommen die Läuse in Panik” und “Hussa, hier springt der Hirsch!” www.comandantina.com dusl@falter.at

9. August 2010 (1) Comments


iPhone youPhone for iPhone

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2010

iPhone-Display.jpgLiebe Frau Andrea,

ganz Wien (und ganz Net) spricht nur mehr vom iPad und vom neuen iPhone 4 und ob man Brett und Waffel braucht und was jetzt ist mit der Antenne, wenn man Linkshänder ist. Ich habe andere Sorgen. Ich hab noch ein stinknormales iPhone 3G. Was ich nun (trotz ausgiebigsten googelns) noch nicht übernasert hab, ist die Bedeutung der Symbole in der “Statusleiste” ganz oben am Display. Die meisten verstehe ich, nicht aber die Kürzel gleich rechts neben dem Netzbetreiber. Wissen Sie Rat?

Ihr kommunkationsdurstiger Fan,
Peter Apfelter

Lieber Peter,

die Kürzel und Symbole auf ihrer Scheibenstreichelwaffel bezeichnen verschiedenen Verbindungsarten und Geschwindigkeiten. Sie sind abhängig vom jeweiligen Netz, in dem Sie kommunizieren. Ein simples S steht für speed, Geschwindigkeit, 3G für 3tte Generation. Dahinter versteckt sich keine Familienkonstellation, sondern ein Breitband-Datennetzwerk namens HSPA (High Speed Packet Access). Über das Auftauchen von 3G dürfen sie sich getrost freuen, es bedeutet Amida, bedeutet Forza, bedeutet Velocità. Weniger Netzglück haben sie mitunter in Innenräumen, Aufzügen und anderen Obstruktionen. Dann springt die Anzeige auf E (für EDGE - Enhanced Data Rates for GSM Evolution) und damit den schneckenschleichenden GSM-Halbschlaf des ersten Mobilfunkstandards. Versuchen Sie in solchem Fall in den Einstellungen den Flugmodus ein- und auszuschalten. Das iPhone sucht sich nach diesem kleinen Trick eine schnellere Verbindung, im besten Falle 3G. Oft hilft es auch, sich in die Nähe eines Fensters zu begeben. Ganz ursprünglich wird es, wenn EDGE nicht vorhanden ist. Dann wird Ihre Waffel versuchen, in einem noch älteren 2G-Protokoll zu surfen und ein O anzuzeigen, es steht für ”Outside Chance”. Websurfen ist nun so mühsam wie auf antiken 24K-Telefon-Modems. Sollten Sie in Ihren Einstellungen Wi-Fi ( Wireless Fidelity), auch als WLAN (Wireless Local Area Network - drathloses lokales Netzwerk) aktiviert haben, wird der Wi-Fi-Fächer (ein Punkt mit zwei konzentrischen Bögen) erscheinen. Um ganz offline zu sein, für Freunde und Feinde unerreichbar, schalten sie auf Flugmodus. In Ihrer Statuszeile wird ein kleines Flugzeug erscheinen. www.comandantina.com dusl@falter.at

30. Juli 2010 (0) Comments


Wieso Duisburg tödlich enden musste

Duisburg-Loveparade.jpg

26. Juli 2010 (0) Comments


Partytime und Bier im Bad

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 30/2010

Liebe Frau Andrea,

wieso sagt man eigentlich, dass alle immer in der Küche seien bei Partys? Meine Erfahrung lehrt mich, dass bei Wiener Altbauwohnungspartys die meisten Menschen sich im Badezimmer versammeln. Dort gibt es nämlich eine Badewanne voll Hochquellwasser und Bierflaschen ohne Ettikett. Meine Erfahrung lehrt mich allerdings auch, dass dieses Bier nicht wirklich gut gekühlt ist. Wie kalt kommt das Wasser denn in Wien aus der Leitung? Erwärmt sich das Wasser bei den aktuellen Temperaturen nicht binnen Sekunden? Und wie kann man eine große Menge Partybier besser kühlen?

Ihr durstiger Partytiger Paul Herzog aus Währing, per Elektro-Post.

Lieber Paul,

jahrzehntelange Erfahrung auf Wiener Partys, in allen Bezirken, Kategorien und Gesellschaftsschichten lässt mich differenziertere Schlüsse ziehen. Mit fortschreitender Partydauer verlagert sich das Geschehen von den Wohnzimmern in die Küche und in die dort mündenden Gänge. Küchen werden wegen ihrer geringeren Grösse als Kommunikationsorte bevorzugt. Gänge sind beliebt, weil die meisten Menschen gerne eine Wand in ihrem Rücken haben. Badezimmer werden, wie sie ganz richtig konstatieren, wegen der dort eingelagerten Bitter-Schaum-Getränke aufgesucht. Nach meiner Expertise eignen sich nasskalte Badewannenränder nicht wirklich für négociations de haut niveau. Man schnappt sich einen glitschigen Bierfisch und geht, so man kein Stahlgebiss verfügt, den Öffner suchen. Oder jemand, der Kronkorken mit dem Feuerzeug aushebeln kann. Zur Frage der Kühlung von Partybier kann ich brauchbares beisteuern. Ausser in Erdberg und Bezirken, die ohne Zweier beginnen, dürfen sie sich darauf verlassen, ausschliesslich Trinkwasser aus einer der beiden Wiener Hochquellwasserleitungen zu zapfen. Es sprudelt mit 6° aus seinen obersteirischen Quellen und kommt nach langem Fliessen immerhin noch mit kühlen 8° aus dem Hahn. Eine ideale Temperatur für Bier. Warme Hände und laues Bier vom Pennymarkt bringen allerdings Wärme in die Wanne. Es empfiehlt sich, das Wasser mit einigen Kilos Salz und nicht wenig Würfeleis aus dem Gastrobedarf zu kühlen. Theoretisch könnten sie so sogar Minustemperaturen herstellen. Praktikabler hielte ich es, die Badewanne zum Fliessgewässer umzufunktionieren. Das wäre Alte Schule. www.comandantina.com dusl@falter.at

19. Juli 2010 (2) Comments


Export, Schriftzug, Pflatsch und Knatsch

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2010

Liebe Frau Andrea,

Valie Export hat 1973 mit Kreide "Schriftzug" auf einen Waggon der Zugsverbindung Wien-Venedig geschrieben. Zu dieser Zeit und bis vor einigen Jahren zierte der "Pflatsch" das rollende Material der ÖBB, ehe diesem Logo sowie dieser Direktverbindung ein Ende bereitet wurde. Mit letzterem haben so manche ihren "Knatsch". Wissen Sie mehr über die Entstehung beider Begriffe?

Mit besten Dank und schönen Grüßen verbleibt der Falter-Abonnent und verzückte Leser Ihrer Kolumne, Martin Hutter, per Elektropost aus der Josefstadt.

Lieber Martin,

es ist kalt am Wiener Südbahnhof, als Waltraud Lehner in Volksschulschrift den Schriftzug “Schriftzug” auf den tanngrünen Zweite-Klasse-Waggon der Österreichischen Bundesbahnen schreibt. Es bleibt nicht beim ersten Anlauf, VALIE EXPORT, so Lehners Künstlername, schreibt “Schriftzug” mehrmals - dazwischen wird die Waggonwand wie eine Schultafel mit Wasser besprengt und trockengewischt. Es entsteht das legendäre Signum für eine fünfteilige Foto-Literatur: Die Botschaft entschwindet mit der Abfahrt des Zuges am Bahnhofshorizont. Zu dieser Zeit trugen Lokomotiven der ÖBB noch das Flügelrad, ein kreisrundes “Ö” mit stilisierten, weit ausladenenden Adlerschwingen und als Ohren zwei kleineren “B”s, links und rechts der Ö-Striche. Als Kind las ich das Logo stets als “BuB”, und erklärte mir so die Faszination von Knaben für Lokomotiven. Das von Ihnen erwähnte Unternehmens-Logo kam erst später zum Einsatz. Das Signet - es sah aus wie die schräg versetzten Partikel eines, seines Schrägstrichs beraubten Helvetica-S, - war Ende 1971 als Sieger aus mehreren Logo-Vorschlägen hervorgegangen und zierte ab Herbst 1974 neu ausgelieferte Fahrzeuge. Das schnittige Logo ist unter seinem Spitznamen Pflatsch bekannt geworden. Der lautmalerische Begriff kommt über das Schwäbische vom indogermanischen *plat und heisst nichts anderes als flach, platt. Er kann von Fleck bis Flade viele Bedeutungen annehmen. Knatsch, also Ärger und Quengel ist dem Knutschen und Knautschen, also dem Drücken, Kneifen verwandt. Der Pflatsch ist mittlerweile Geschichte. Der Knatsch um die Venedigverbindung noch nicht. www.comandantina.com dusl@falter.at

19. Juli 2010 (0) Comments


Es grünt der Baumgartner Heinrich

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 28/2010

Liebe Frau Andrea,

ein guter Freund fragte mich nach einem Ausflug auf die Baumgartner Höhe, ob ich beim "grünen Heinrich" gewesen sei. Eine bescheidene Netzrecherche meinerseits ergab, dass folgende Redewendung existiert: "Ich rufe gleich den grünen Heinrich". Nicht mehr und nicht weniger. Wer ist denn dieser Heinrich? Und obgleich mir schwant, dass es nichts gutes bedeutet, wenn man ihn ruft, würde ich es doch gerne ganz genau wissen. Der Ausflug an den Stadtrand, so darf ich Ihnen versichern, diente übrigens ausschließlich der Erbauung.

Ihre putzmuntere Anke Meyer,
Wien 16, per Elektro-Post

Liebe putzmuntere Anke,

ohne Kenntnis der näheren Umstände Ihres Erbauungsausflugs möchte ich mich ausschliesslich Mutmassungen hingeben. Wie wir wissen, heissen Mannschaftstransporter und gelegentlich auch Einsatzfahrzeuge der deutschen Polizei in Volkes Munde Grüner Heinrich - nach einer autobiographischen Romanfigur Heinrich Kellers - und Grüne Minna (von jiddisch meanne - peinigen, demütigen). Diese Bezeichnungen haben gewiss mit der ehemals grünen Farbe der Fahrzeuge zu tun. Auch in Österreich hat es grüne Polizeiwägen gegeben und akzidentielle Versuche, diese mit der bundesdeutschen Bezeichnung zu versehen. Im Milieu zirkulieren Begriffe wie Häfenwagen, Linienbus, Grokodü und Frosch. Ein Besuch “beim” Grünen Heinrich ist semantisch unwahrscheinlich, allenfalls könnte ein unfreiwilliger Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung auf der Baumgartner Höhe gemeint sein, welcher wohl eher durch Transport “in einem” Grünen Heinrich vonstatten ginge. Möglicherweise haben Sie Ihren Freund aber schlicht missverstanden und dieser hat als Desitination ihres Baumgartner Höhenausflugs nicht den Grünen Heinrich gemeint, sondern den Binder Heinrich. Universitätsprofessor Primarius Doktor Heinrich Binder ist Vorstand des Neurologischen Zentrums im Sozialmedizinischen-Zentrum-Baumgartner-Höhe-Otto-Wagner-Spital. Ausflüge dorthin, so darf ich Ihnen versichern, dienen ausschließlich der Erbauung. www.comandantina.com dusl@falter.at

8. Juli 2010 (1) Comments


Der Sieg der Leute von der Kant

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 27/2010

Liebe Frau Andrea,

letzten Sonntag hat Deutschland Argentinien betoniert. Auch wenn das jetzt vielleicht ziemlicher Fussballoverkill sein sollte, brennt mir eine Frage unter den Nägeln. Dieses Match wurde nämlich von den Kommentatoren, wie auch (glaube ich) schon das Match Portugal gegen Nordkorea, als Kantersieg bezeichnet. Okay, okay, Kantersieg. Aber bitte was ist das, ein Kantersieg?

Michou Bacher, Neubau, per Elektro-Post 

Liebe Michou,

daß eine Fussballmannschaft gegen eine andere mit einem fabulösen Torreigen gewinnt, kommt gelegentlich vor. Wenn dies aber mit grosser Leichtigkeit passiert, wie etwa der legendäre 9:0-Sieg Spaniens gegen Österreich (das letzte Länderspiel übrigens unter Trainerfels Herbert Prohaska), spricht man von einem Kantersieg. Der Ausdruck hat trotz der Grösse des Erfolgs mehr mit der Mühelosigkeit zu tun, mit dem dieser erzielt wurde. Der Kantersieg kommt aus dem Pferdesport und bedeutete einen besonders leicht gefallenen, im lockeren Galopp erzielten Sieg. Kanter selbst kommt vom englischen Canter gallop, kurz Canter. Dieses wiederum leitet sich ab von der südenglischen Stadt Canterbury und nimmt Bezug auf das gemächliche Reisetempo der Pilger, die auf dem Pferd unterwegs waren zum Sarg des Heiligen Thomas Becket, des 1170 ermordeten Erzbischofs von Canterbury. Canterbury (deutsch Kanterburg) hat seinen Namen vom altenglischen Cantwaraburig und bedeutete soviel wie die Burg der Leute von Kent. Ähnlich wie die Bezeichnung der nordspanischen Atlantik-Provinz Cantabria kommt der Name der südenglischen, an Kanal und Nordsee gelegenen Grafschaft Kent aus dem Proto-Indoeuropäischen. Über Vermittlung durch das Lateinische und/oder Keltische soll es von einem Wort *kanthos stammen, das vermutlich Kante, im  Sinne von Kantenland oder Wasserkante bedeutete. Im Norddeutschen ist diese Etymologie noch in Waterkant erhalten geblieben, dem Ufer oder Land am Wasser, umgangssprachlich dem Gebiet an der Küste. www.comandantina.com dusl@falter.at

5. Juli 2010 (0) Comments


Nebochants Begräbnis. Sofort verhaften!

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 26/2010

Liebe Frau Andrea,

glauben Sie, dass ich etwas versäumt habe, indem ich nicht zu Dichands Begräbnis gegangen bin?
 
Gerhard Edlinger, Radmer, Steiermark, per Elektro-Post 

Lieber Gerhard,

für einen Abschied von Hans Dichand hätten Sie am 17. Juni 2010 sehr früh aufstehen müssen. Meinen Berechnungen zufolge wäre 4 Uhr morgens gerade noch rechtzeitig gewesen, um aus der Feder zu hüpfen, einen Espresso zu stürzen und gekampelt und geschneutzt die 217 Auto-Kilometer vom obersteirischen Radmer bis zum Grinzinger Friedhof zurückzulegen. Hätten Sie nicht die südliche Route über die 115er, die S6 und die A6 genommen, sondern die nördliche (eigentlich kürzere) über die Erlauftal-Bundesstrasse, die B39 und die Westautobahn, hätten Sie den bereiften Untersatz sogar 10 Minuten früher besteigen müssen. Kurz vor 7 Uhr 30 am Grinzinger Friedhof angekommen, hätten Sie erst den Körperwächtern und dann den etwa 50 anwesenden Familienangehörigen und Freunden des begnadeten Blattmachers glaubhaft machen müssen, kein Aussenstehender zu sein. Spekulationen über einen Erfolg dieses, doch sehr intimen Begehrs, möchte ich keine anstrengen. Welche Versäumnisse Ihr Nichterscheinen mit sich bringt, kann ich aufgrund der schütteren Nachrichtenlage - beim Begräbnis herrschte Journalismusverbot - nicht sagen. Wir wollen also die Kunst zu Rate ziehen. In seinem, 2008 erschienenen Roman “Sofort verhaften!” schildert Stephan Eibel Erzberg das Begräbnis eines Zeitungszaren namens “Nebochant”. In einer bitterblumigen Szene beschreibt er, wie “Proletenleser, Deppenleser und Funsenleserinnen” aus Zorn über den zynischen Inhalt von Nebochants geheimen Demagogiebuch das Erste-Klasse-Begräbnis stürmen und sich, zum Entsetzen der Trauergäste - unter ihnen der Sonntagskolumnist Kardinal Aufrecht - auf dem Grab ihrer Körperflüssigkeiten entledigen. Es kommt zu Aufweichungen des Funeralsitus, in deren Folge noble Trauergäste in die Grube stürzen. Unter ihnen der Kardinal samt Bischofsstab, ein Ex-Bundeskanzler namens “Ehrlich” sowie der Ex-Innenminister “Wägerl”. Weitere Unsaussprechlichkeiten der “Proleten, Deppen und Funsen” finden statt, es entsteht ein “echter Gupf, aus dem eine Blockflöte herausschaut.” Vorgänge dieser literarischen Qualität sind vom Grinzinger Friedhof nicht bekannt geworden.

www.comandantina.com dusl@falter.at

27. Juni 2010 (0) Comments


Winter im Fussballsüden

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 25/2010

Liebe Frau Andrea,

liebe Alleswisserin! Im weltmeisterlichen Südafrika wird den Fußballern immer kälter, weil dort der Winter vor der Tür steht. Sagt man auf der Südhalbkugel jetzt zum Sommer Winter und zum Winter Sommer? Folgen da unten die Begriffe für die Jahreszeiten dem Kalender oder der Witterung?
 
Ein etwas fröstelnder
Josef Dollinger, per Elektro-Post 

Lieber Josef,

die Jahreszeiten und mit ihnen vieles von dem, was wir unter Wetter verstehen, wird durch die Achsenneigung der Erde verursacht. Leichte Krängungsoszillationen wie Präzession und Nutation nicht einberechnet, ist unser Mutterschiff momentan um 23,4385° aus dem Lot. Das führt im Jahreslauf dazu, dass im Nordsommer die Erdenstirn, im Südsommer der Erdenhintern zur Sonne zeigt. Die Übergänge zwischen diesen Extrema erzeugen die Jahreszeiten. Sie sind in mittleren Breiten am stärksten ausgeprägt. Wenn auf der Nordhalbkugel des Planeten (wie vergangenen Montag, den 21. Juni um 13 Uhr 28) die Sommersonnwende stattfindet, kann auf der Südhalbkugel gegengleich die Wintersonnenwende beobachtet werden. Down Under ist also alles umgekehrt. Weihnachten wird im Sommer gefeiert und Schulschluss im Winter. Auf die, in westlich geprägten Zivilisationen gebrauchten Monatsnamen hat das keinen Einfluss. Die Begriffe für die Jahreszeiten folgen in Ländern wie Australien, Neuseeland, Argentinien und Chile, und auch im Weltfussballland Südafrika der Witterung und nicht dem Kalender. Australier neigen, in Adaption der uralten kalendarischen Usancen der Aborigines inzwischen dazu, sechs Jahreszeiten zu unterscheiden. Wollten Sie sich in IsiZulu, der Sprache des Bantuvolkes der Zulu, der bevölkerungsreichsten südafrikanischen Ethnie, über Jahreszeiten unterhalten, sollten sie mal kurz ihr Vokabelheft zücken. Der Sommer heisst auf Isizulu Ihlobo, Intwasahlobo der Frühling, Ikwindla der Herbst und Ubusika der Winter. Der Ubusika des Jahres 2010 gilt als ausserordentlich streng. in der Ostkap-Provinz mussten wegen Schneefällen Zahlreiche Bergpässe gesperrt werden. Und am Kap sind in nasskalten Winterstürmen gar 500 Pinguine erfroren. Bibber! www.comandantina.com dusl@falter.at

21. Juni 2010 (0) Comments


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