Ende mit und ohne Ypsilon

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 40/2011

Liebe Frau Andrea,

im Werkkreis Literatur der Arbeitswelt erdreistete sich ein Jemand “Wassily” zu schreiben. Wassily - mit einem Y am Ende! Nun verbindet mich eine unkeusche Liebe zur russischen Sprache und ich ertrage bei Übersetzungen am Ende russischer Namen nur ein I bzw. IJ. (Wassili lasse ich gelten, Wassilij bevorzuge ich.) Ein Y am Ende verursacht mir jene Schmerzen, die meinen Mathematikprofessor angesichts meiner Hyperbeldarstellung überwältigten. Ihnen schreibe ich unfehlbare Autorität in diesen Fragen zu: Wenn Sie für das Y voten, weiß ich, dass auf dieser Erden kein Platz mehr für mich ist. Ihre Verantwortung ist groß - doch ich bitte um schonungslose Wahrheit.

Zerrissen im slawischen Zwiespalt und stets die Ihre,
Renate Mocza, Werkkreis Literatur der Arbeitswelt,
Donaustadt, per Schmelzglas

Liebe Renate,

die gute Nachricht zuerst: Wassilij. Unfehlbar nennt man nur den Papst - Autoritäten zweifle ich generell an. Von der Wahrheit kann ich nichts berichten, weil ich diese generell für das Ergebnis von Verhandlungsprozessen halte. Ich kann Ihnen aber mit meinen Wahrnehmungen dienen. Hier beginnen die schlechten Nachrichten. Den russischen Vornamen Василий schreiben wir korrekterweise mit kyrillischen Buchstaben. Das Vermögen, diese zu entziffern hält sich im lateinisch alphabetisierten Teil der Welt in Grenzen. Anglosächsisch Sozialisierte sind bekanntlich schon für diakritische Zeichen und andere Buchstabenverunreinigungen nicht permeabel. Unglücklicherweise gilt ausgerechnet die englische Sprache als lingua franca des Informationszeitalters, diesem Umstand verdanken wir Computer- und Handytastaturen mit anglosächsischer Zeichenbelegung und damit das Problem der Umschrift. Die mittelalterlichen Übersetzer befragten, so einer greifbar war, einen Muttersprachler und gaben einen ausländischen Namen lautschriftlich wieder. Das undurchdringliche Dickicht moderner Trankriptions- und Transliterarisationsmethoden sorgt für weiteres Chaos. Wassily scheint der Austriazismus eines Bastards der englischen Transkription “Vasily” mit der französischen, “Vassili” zu sein. Nichtkennern der kyrillischen Originalschreibweise Василий darf man das deutsche Transkript Wassili durchaus gestatten, Spezialisten mögen Wassilij schreiben.

www.comandantina.com dusl@falter.at

3. Oktober 2011 (0) Comments


Linksherz und Rechtshirn

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 38/2011

Werteste Comandantina,

die eine oder andere Variante des folgenden Spruches hat wohl jeder schon gehört: "Wer unter 30 nicht links ist, hat kein Herz. Wer über 30 nicht rechts ist, hat kein Hirn." Dieses exkrementale Zitat, welches sich erdreistet, eine ethisch und moralisch nicht vertretbare Geisteshaltung mit höherer Intelligenz zu rechtfertigen, verursacht in mir jedes Mal das Gefühl, ich müsse mir sogleich meine letzte Mahlzeit, abermals retournierend, durch den Kopf gehen lassen. Trotz intensiver Recherche war es mir nicht möglich, den Anus zu identifizieren, dem dieses Zitat entfleuchte (Marx, Gandhi und Mutter Theresa lassen sich wohl ausschließen). Können Sie mir sagen, von wen dieser Spruch stammt?

Fragt, auf Ihre Omniszienz vertrauend,
Martina Pichler, Mattersburg, per Schmelzglas

Liebe Martina,

der inkriminierte Spruch hat eine lange Reise hinter sich. Es liegt in der semantischen Natur des Zitats, dass damit Weltanschauungen des, gemeinhin unter “links” verorteten politischen Spektrums diskreditiert werden sollen. Also alles zwischen marktliberaler Sozialdemokratie und Ultra-Hardcore-Stalinismus. Um ihm Authentizität zu verleihen, wird der Aphorismus stets aus der Sicht eines Geläuterten wiedergegeben. Meist sind es gesetztere Herren aus dem Feuilleton-Gewerbe, die sich mit dem Zitat immunisieren. Aber auch in der real existierenden DDR zirkulierten Varianten, nach denen jemand, der mit 20 nicht Kommunist sei, kein Herz, und wer mit 30 noch immer Kommunist sei, keinen Verstand habe. Italienische Sprücheklopfer schreiben den Spruch dem antifaschistischen Philosophen Benedetto Croce (1866-1952) zu, britische, je nach Wetterlage den Premierministern David Lloyd George (1863-1945) und Winston Churchill (1874-1965). Auch der in Zitatfragen generell gerne der Autorenschaft geziehene irisch-britische Dramatiker George Bernhard Shaw (1856-1950) wird mit dem Spruch in Verbindung gebracht. Mit etwas höherer Wahrscheinlichkeit ist aber ein Deutscher Urheber des Zweizeilers. “Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz, wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand” soll von Theodor Fontane (1819-1898) stammen, dem Säulenheiligen des Poetischen Realismus und approbierten Apotheker. www.comandantina.com dusl@falter.at

26. September 2011 (0) Comments


Die Wichty und ein Derundder

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 38/2011

Liebe Frau Andrea,
 
haben Sie eine Erklärung dafür, warum, vor allem in Kultur-Rezensionen, die Akteurinnen sehr oft ein „die“ vor ihren Familiennamen gesetzt bekommen - pars pro toto: “Die Netrebko“ und “Die Eckert“ - hingegen den beteiligten Männern immer das “Der” vorenthalten wird? Warum heisst es, zum Beispiel, nie ”Der Schrott“ oder “Der Schottenberg“?
 
Fragt neugierig die Dusl
der (Walter) Stach, Laimgrube, per Schmelzglas

Lieber der Walter,

in unserer Sprache gibt es immer wieder Mysterien, die sich schlüssigen und einleuchtenden Erklärungen entziehen. Manches, von dem wir denken, es sei gerade auf die Zungen der Sprechenden gesprungen, gedeiht schon seit Jahrhunderten im Verborgenen, manch dahergekommenes hat sich eben erst ein Dichter oder Popwurstel ausgedacht. Das meiste aber ist weder verzopft noch avantgardistisch, sondern das Ergebnis langsamer Entwicklungen. Das Phänomen des “bestimmten Artikels” - dessen assymmetrischen Gebrauch sie ja monieren - ist Ergebnis einer Jahrtausende dauernden sprachlichen Entwicklung. Nach der Theorie des US-amerikanischen Linguisten Joseph Greenberg entwickeln sich Artikel aus Demonstrativpronomen (hinweisenden Fürwörtern), Wörtern also, mit der ein Sprecher auf einen Gesprächsgegenstand im Raum verweist, auf den man mit dem Finger zeigen kann. Im Deutschen (das wie viele indoeuropäische Sprachen ursprünglich keine Artikel kannte) waren das die Pronomen dër, diu und daz. Diese haben sich, ganz im Einklang mit Greenbergs Theorie zu generischen (geschlechtsbestimmenden) Artikeln weiterentwickelt, zunächst sowohl in bestimmten als auch in unbestimmten Zusammenhängen. Als frühes Zeugnis des Gebrauchs von Artikeln gilt Wulfilas gotische Bibelübersetzung - sie imitiert die bestimmten Artikel des griechischen Ausgangstextes. Greenberg beschreibt diese Vorgänge als “Zyklus des bestimmten Artikels”. Im Lichte dieser Theorie wären umgangssprachliche Benennungsstrategien, die zu “der Netrebko” oder “der Eckert” führen, Phänomene des wunderlichen Deutens - in diesem Falle dem, männlicher Rezensenten. Ihre Geschlechtsgenossen, lieber “der Stach” haben längst gekontert und den Artikel “ein” eingeführt. Seit Schwarzblau kennen wir “einen Karlheinzgrasser”, “einen Wolfgangschüssel” und andere illustre “Eine”. www.comandantina.com dusl@falter.at

21. September 2011 (0) Comments


Eine Season macht noch keinen Sommer

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 37/2011

Liebe Frau Andrea,
  
ich schätze Sie, Ihr Wissen, und, dass Sie auch ein Fan US-amerikanischer TV-serien sind. Schon länger frage ich mich, was es hier mit der Zahl Zwölf auf sich hat. Die meisten Serien haben pro Staffel zwölf Folgen. Wieso ist das so? Sicher nicht wegen der zwölf Apostel. Was ist Ihre aktuelle Lieblingsserie?

Freundliche Grüße, Moritz Katzer,
Ottakring, per Elektropost

Lieber Moritz,

die zwölf Apostel verdanken ihre Duodezimalität der pentateuchisch-chumasischen (salopper ausgedrückt: alttestamentarischen) Zwölfzahl der Stämme Israels. Diese widerum sollen jeweils die Nachkommen der zwölf Söhne des Abraham-Enkels Jakob sein. Das Motiv für diese vorderorientalische Bevorzugung der Zahl Zwölf liegt wohl in der mathematisch-numerologischen Bededeutung, die sie für die frühen Hochkulturen Mesopotamiens hatte. Die Zwölf galt als Symbol des Ganzen. Sie war neben ihrer guten Teilbarkeit durch 12, 6, 4, 3, 2 und 1 auch astrologisch aufgeladen, beinhaltet doch ein Sonnenjahr zwölf Mondzyklen. Wobei wir auch schon bei der Einteilung des Jahres in 52 Wochen und der Woche in sieben Tage, also einem Viertel des Mondzyklus wären. US-Fernsehserien unterwerfen sich bei der Ausstrahlung zwar dem Wochenrhytmus, sie müssen aber noch jahreskalendarische Kleinigkeiten wie Weihnachten und die Sommerferien berücksichtigen. Unter season dürfen wir uns nicht das Äquivalent unserer Jahreszeit vorstellen, sondern eher so etwas wie ein Semester. Eine Serie ist ein zusammenhängendes Set von Fernsehepisoden. In der US-Fernsehindustrie wird der Ausdruck season (frei mit Staffel übersetzt) mehrdeutig gebraucht. Eine full season läuft typischerweise von September bis Mai, mit einer Unterbrechung zwichen Dezember und Februar. Dieses Ausstrahlungsschema enthält zwichen 20 und 26 Episoden. Um die Dinge noch komplizierter zu machen, wird eine Jahresseason in die beiden Teile vor und nach der Winterpause geteilt und ebenfalls season genannt. Diese kleineren seasons enthalten damit zwischen zehn und 13, oft zwölf Episoden. Meine Lieblingsserien sind übrigens der US-amerikanische Klassiker "Curb Your Enthusiasm" und die britische Benzinbrüdersendung "Top Gear". www.comandantina.com dusl@falter.at

14. September 2011 (0) Comments


Komische Männer mit seltsamen Bärten

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 36/2011

Liebe Frau Andrea,
  
ich habe beim Jazzfest Saalfelden die Jazz-Band “Bad Plus” gesehen, und mich während des gesamten Auftritts gefragt, ob der Pianist Ethan Iverson nicht als Vorbild einer Comicfigur dient: das runde unbehaarte Kopf mit dem dichten Strichbart am Kinn? Welche könnte das wohl sein oder irre ich mich, Zufall? Mmh? Und gibt es öfters Comics, die Anleihen bei Musikern nehmen, oder SchauspielerInnen, ohne dies explizit zu machen, als eine Art Insiderschmäh?
 
Elisabeth Kutschera, Linz, per Elektropost

Liebe Elisabeth,

inwieweit das Universum und der Zufall miteinander kooperieren, ist Gegenstand zahlloser physikalischer, mathematischer und nicht zuletzt philosophischer Erörterungen. Da wir, was ihre Beziehung zu einander betrifft, weder das Universum noch den Zufall befragen können, sind wir auf Vermutungen angewiesen. In Lichte dieser Erkenntnis halte ich die Ähnlichkeit des US-amerikanischen Jazz-Pianisten Iverson mit einer Comicfigur für ein wahrnehmungspsychologisches Phänomen. Gleichwohl ist es durchaus möglich, dass ein Zeichner den haupthaarlosen Kinnbartträger als Vorbild genommen hat. Nach meiner bescheidenen Expertise sollte ein gezeichneter Iverson neben dem schwarzen Pelzkinn aber auch eine schmale Metallbrille und einen schwarzen Anzug tragen, sowie ein schwarzes Klavier bedienen. In der Tat portraitieren Comics individuelle Musiker und Schauspieler, die Satire-Publikation MAD war berühmt dafür. Beispiele aus der jüngeren Geschichte finden wir in den US-amerikanischen Fernseh-Zeichentrick-Serien “Southpark” und “The Simpsons”. Die Auftritte Strich gewordener Show-Biz-Grössen bei den Simpsons sind Legion und in der Regel eindeutig identifizierbar. Musiker wie Elton John, die Rolling Stones und Metallica sind bei den Simpsons immer Elton John, die Rolling Stones und Metallica, Schauspieler wie Kiefer Sutherland, Mel Gibson oder Richard Gere meist Parodien ihrer Rollen. Ein Beispiel für einen “Insiderschmäh” dürfen wir im saxophonspielenden Simpsons-Carakter Bleeding Gums Murphy sehen. Er soll frei nach dem Saxophonisten der Dave Matthews Band LeRoi Moore gestaltet worden sein. In die Figur flossen aber auch Spiel und Lebensgeschichte des legendären Saxophonisten Sonny Rollins. www.comandantina.com dusl@falter.at

5. September 2011 (0) Comments


Purzelbaum und Spuckinsgrab

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 35/2011

Liebe Frau Andrea,
 
ich könnt' Ihnen ja ständig Fragen stellen, es gibt so viel, was irgendjemand rundherum und auch ich nicht weiß! Aktuell beschäftigen mich zusammenhanglos die Überlegungen, warum ein Purzelbaum Purzelbaum heißt und woher der – realiter wohl selten geübte – Brauch stammt, jemandem ins Grab zu spucken?
 
Mit neugierigen Grüßen
Hartmut Schöbitz, Küniglberg, per Elektropost

Lieber Hartmut,

es gibt eine Reihe von Gründen, warum Verstorbene in unseren Breiten nicht auf die grüne Wiese gelegt werden, sondern eingesargt und sodann verbrannt, in Grüften abgestellt und in Gräber abgesenkt. Die Leichen der meisten Verblichenen beginnen, je nach Wetterlage, mehr oder weniger schnell zu verwesen - ein optisch und olfaktorisch unschöner Schauerprozess, den die erwähnten Prozeduren zwar nicht alle verhindern, aber doch recht gut verbergen. Juden legen bei Besuchen an Gräbern Steine auf Grabstein oder Einfassung, in Erinnerung an die Grabstellen in der Wüste - Steinhaufen auf den Leichnamen der Toten. Eine ähnliche Funktion hat das Schäufelchen Erde, das Trauernde Nichtjuden ins frische Grab werfen. Die Sache mit dem fest eingraben birgt aber noch einen ganz anderen, tabuisierten Aspekt. Tote sollen keinesfalls aus ihren Gräbern steigen. Allerheiligen/Halloween ist ein allerletztes Echo auf die seit Urzeiten geübte Nachschau, ob die Toten auch brav im Kompost liegen. Das sprichwörtliche Spucken ins offene Grab mag als postmortaler Insult verstanden werden, es hat aber auch eine, heute meist verschollene, andere Bedeutung. Das Spucken, ejakulieren und menstruieren auf Erde und Dinge hat segensbringenden Charakter. Das katholischerseits geübte Besprengen offener Gräber mit Weihwasser aus Wedeln erinnert unverhohlen an den Glückscharakter des Bespuckens. Der Purzelbaum Lebender und Unbespuckter ist sprachlich gesehen ein Kompositum aus purzeln und (auf)-bäumen. Er müsste strenggenommen Porzelbäum heissen, denn purzeln kommt über das Bürzel (das in die Höhe gestreckte Hinterteil) aus der althochdeutschen Wurzel “bor”, “por”, soviel wie oben. Wenn Ihnen das zu ungymnastisch klingt, möchten Sie doch das bodenturnerisch übliche, etwas unlyrische “Rolle vorwärts” verwenden. www.comandantina.com dusl@falter.at

29. August 2011 (0) Comments


Purzelbaum und Spuckinsgrab

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 35/2011

Liebe Frau Andrea,
 
ich könnt' Ihnen ja ständig Fragen stellen, es gibt so viel, was irgendjemand rundherum und auch ich nicht weiß! Aktuell beschäftigen mich zusammenhanglos die Überlegungen, warum ein Purzelbaum Purzelbaum heißt und woher der – realiter wohl selten geübte – Brauch stammt, jemandem ins Grab zu spucken?
 
Mit neugierigen Grüßen
Hartmut Schöbitz, Küniglberg, per Elektropost

Lieber Hartmut,

es gibt eine Reihe von Gründen, warum Verstorbene in unseren Breiten nicht auf die grüne Wiese gelegt werden, sondern eingesargt und sodann verbrannt, in Grüften abgestellt und in Gräber abgesenkt. Die Leichen der meisten Verblichenen beginnen, je nach Wetterlage, mehr oder weniger schnell zu verwesen - ein optisch und olfaktorisch unschöner Schauerprozess, den die erwähnten Prozeduren zwar nicht alle verhindern, aber doch recht gut verbergen. Juden legen bei Besuchen an Gräbern Steine auf Grabstein oder Einfassung, in Erinnerung an die Grabstellen in der Wüste - Steinhaufen auf den Leichnamen der Toten. Eine ähnliche Funktion hat das Schäufelchen Erde, das Trauernde Nichtjuden ins frische Grab werfen. Die Sache mit dem fest eingraben birgt aber noch einen ganz anderen, tabuisierten Aspekt. Tote sollen keinesfalls aus ihren Gräbern steigen. Allerheiligen/Halloween ist ein allerletztes Echo auf die seit Urzeiten geübte Nachschau, ob die Toten auch brav im Kompost liegen. Das sprichwörtliche Spucken ins offene Grab mag als postmortaler Insult verstanden werden, es hat aber auch eine, heute meist verschollene, andere Bedeutung. Das Spucken, ejakulieren und menstruieren auf Erde und Dinge hat segensbringenden Charakter. Das katholischerseits geübte Besprengen offener Gräber mit Weihwasser aus Wedeln erinnert unverhohlen an den Glückscharakter des Bespuckens. Der Purzelbaum Lebender und Unbespuckter ist sprachlich gesehen ein Kompositum aus purzeln und (auf)-bäumen. Er müsste strenggenommen Porzelbäum heissen, denn purzeln kommt über das Bürzel (das in die Höhe gestreckte Hinterteil) aus der althochdeutschen Wurzel “bor”, “por”, soviel wie oben. Wenn Ihnen das zu ungymnastisch klingt, möchten Sie doch das bodenturnerisch übliche, etwas unlyrische “Rolle vorwärts” verwenden. www.comandantina.com dusl@falter.at

29. August 2011 (0) Comments


Kästen mit Schlitzen, Schlitze mit Zehnern

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 34/2011

Liebe Frau Andrea,

Ich habe in einem Café im ersten Bezirk auf dem Weg zur Toilette etwas Merkwürdiges am Gang entdeckt: Einen Kasten, etwas größer als ein Postkasten und circa fünf Zentimeter tief, er sah ein wenig antik aus, das Material: Metall. Auf der Vorderseite war der Kasten in lauter kleine Quadrate unterteilt, die alle noch einen kleinen Schlitz hatten. Es sah tatsächlich aus wie ein Postkasten für winzige Formate. In einem der Schlitze steckte ein gefalteter Zehn-Euro-Schein. Können Sie mir sagen, was das war?

Mit freundlichen Grüßen,
Lili Stadlober, per Elektropost

Liebe Lili,

wenn die Statistiken stimmen, müssten sie solch seltsame Kästen schon öfter in einschlägigen Cafés, bei Brandtweinern und in Tschocherln, in Beisln und beim Wirten entdeckt haben. Zwischen 16.000 und 20.000 dieser Wandschränke soll es allein in Österreich geben. Der von Ihnen in einem der dutzenden Schlitze entdeckte Zehn-Euro-Schein gibt einen Hinweis auf die Verwendung des metallenen Behälters. Möglicherweise ist Ihnen auch aufgefallen, dass jeder Schlitz mit einer fortlaufenden Nummer gekennzeichnet ist. Ihre Assoziation mit einem Postkasten für winzige Formate ist nicht ganz falsch. Allerdings werden hier nicht Briefe eingeworfen, sondern Geld - ist der Münzspind doch ein Sparvereinskasten, das wichtigste Utensil eines Sparvereins. Die Idee des geselligen Gemeinschaftsparens mit einem Wirtshaus als Vereinssitz ging in der Mitte des 19. Jahrhunderts von Norddeutschland aus, wo es zunächst als “Weihnachtssparen” betrieben wurde. In Hamburg gründeten Seeleute und Hafenarbeitern 1878 profanere Sparklubs, sie dienten der gegenseitigen Unterstützung in Notfällen. Nach dem 2. Weltkrieg breitete sich die Idee im Süden Deutschlands, in der Schweiz und schliesslich auch in Österreich aus. Der von Banken und Sparkassen gern gesehene Spargedanke, gepaart mit Geselligkeit im Wirtshaus und einem gemeinsamen Ziel - meist einem Fest oder einer Ausflugsfahrt - förderten die Gründung und das Florieren der Sparvereine. Die Entleerung der Sparkästen erfolgt nach dem Vieraugenprinzip mittels zweier Schlüssel. Nicht selten haben die Besitzer dieser Schlüssel Fest und Ausflugsfahrt schon mal zu zweit angetreten. www.comandantina.com dusl@falter.at

21. August 2011 (0) Comments


Modekrankheit Rosinenphobie

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 33/2011

Liebe Frau Andrea,

völlig fassungslos starrte ich zu Saisonbeginn die Verkäuferin meines Lieblings-Eissalons an, als sie mir bedauernd erklärte, dass es ab sofort keine Rosinen mehr im Topfeneis gäbe. Angeblich komme das bei den KundInnen besser an. Während die Verkäuferin kurz verschwand, um mir extra Rosinen aus der Eisküche zu holen, stieg in mir Wut auf. Zuerst die Rosinensäuberung in Topfenstrudeln, Müslis und Gugelhupfen und jetzt auch noch das! Warum? Wann hat die Redewendung „sich die Rosinen rauspicken“ eine derart frappierende Umkehrung ins Negative erfahren?

Liebe Grüße,
eine ratlose Marie Schreder, per Elektropost

Liebe Marie,

Eissorten und ihre Ingredienzien haben Konjunkturen, ganz wie Farben, Düfte und Stoffe. Mal boomt das Beige, mal ruft das Rot. Mal trägt der Herr von Welt Hut, mal die Fleischmütze, mal jeanst es, mal schnürlt der Samt, mal boomt Patchouli, mal 4711. Das Verschwinden von Rosinen aus Brötchen, Mehlspeisen und Gefrorenem ist gewiss ein Schmerz für die Afficionados der getrockneten Weinbeeren. Aber der Korinthen, Sultaninen und Zibeben Abgang aus der Nachspeisindustrie ist nicht der einzige beklagenswerte Verlust. Die Freunde verstopfter Zahnkronen beschweren sich schon seit Jahren über den Niedergang der traditionellen Ganznussschokoladenkultur. Auch der Powidel zartes Mus wurde zum seltenen Gast in heimischen Palatschinken. Köch und Karfiol haben sich der Wassertomate ergeben, der Kümmel dem Sternanis, der Petersil dem Koriander, die Zitrone der Limone. Der Siegeszug des Rübenzuckers hat die Geschmacksknospen des Publikums erfolgreich gegen traditionelle Süssstoffe aufgebracht. Honig und Rosinen gelten als übersüss, ihr Geschmack als antiquiert. Industrielle Süssstoffe, grassierender Redbullismus und die zuckerverachtende Zero-Kultur haben einen Paradigmenwechsel eingeläutet. Liebe Marie, Sie beklagen den Verlust der Rosinen im Topfeneis, gewöhnen Sie sich daran! So ging es unseren Grossmüttern, als die Eiskugelklicker die Sorten Cassata und Málaga aus den Kühlvitrinen verbannten. Als kandierte Plombenzieher und picksüsser Málagawein nur mehr unter der Pudel verkauft wurden. An ratlose Nostaligkerinnen wie Sie. www.comandantina.com dusl@falter.at

11. August 2011 (0) Comments


Manager, Boni und ihre Häuser

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 32/2011

Liebe Frau Andrea,

vor einiger Zeit habe ich im Falter zum neuen Bau von Jean Nouvel den Begriff „Boni-Architektur“ gelesen und mich gefreut: Endlich gibt es ein Wort für das, was ich bisher als „vernautscht“ bezeichnet habe (von Nagy, ungarisch ausgesprochen), nach einem gleichnamigen Hochglanzküchenverkäufer einer oberösterreichischen Möbelfirma. Wie weit ist das Phänomen "Boni" bzw. "Nautsch" schon beschrieben? Oder ist es gar nicht so neu?

Liebe Grüße
Kilian Jung, per Bernsteinfunkennachricht

Lieber Kilian,

die Aufnahme neugeprägter Begriffe in den Diskurs-Kanon der Architekturkritik wird durch Nachrichten wie die Ihre durchaus befördert. Indem Sie etwa “Nagy” und seine deutsche Lautentsprechung Nautsch mit einem ganz bestimmten Stil verknüpfen und in die Diskussion einführen. Dabei ist es relativ egal, ob es einen oberösterreichischen Hochglanzküchenverticker dieses Namens überhaupt gegeben hat. Allein die Multiplikation durch Öffentlichkeit kann einen Neologismus nachhaltig affirmieren. Nautsch ist meines Wissens allerdings noch nicht Gegenstand architekturessayistischer Diskussionen. Der Begriff, den der Autor der von Ihnen zitierten Nouvel-Kritik, der mährisch-österreichische Kulturpublizist Jan Tabor gebraucht, lautet nicht “Boni-Architektur” sondern “Boni-Stil”. Tabor hat den Begriff, wie er sagt, in Abgrenzung zum “Bonzen-Stil” erfunden, um der, von Banausentum und Unanständigkeit geprägten Gestik der Bonus-Prämien-Epoche einen Namen zu geben. Die ironische Bezeichnungskultur architektonischer Stile hat eine lange Tradition. Zuckerbäckerstil, Gelsenkirchner Barock, Schweizerhaus-, Laubsäge- und Wörtherseestil, Biedermeier und Brutalismus sind nur einige, wahllos herausgegriffene Beispiele für den despektierlichen Einsatz zynischer Begrifflichkeiten. Gotik ist auch solch ein Schandwort. “Opus francigenum” wurde der, in Frankreich entwickelte, revolutionäre Spitzbogenstil um 1280 genannt. Der italienische Kunsttheoretiker Girogio Vasari, trunken von den Ideen der Renaissance, beschimpfte das opus francigenum knapp dreihundert Jahre später als maniera tedesca, deutsche Manier, und als gotico, gotisch, soviel wie ausländisch, barbarisch, wirr.
www.comandantina.com dusl@falter.at

7. August 2011 (0) Comments


Vor der Stadt ist in der Stadt

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 31/2011

Liebe Frau Andrea,

lebt man in Wien im 16. Bezirk, so ist man ein Ottakringer, im 14. ist man ein Penzinger. Wie aber verhält es sich mit Bewohnern des 15. Bezirks? Sind das Rudolfsheimer? Fünfhauser? Rudolfsheim-Fünfhauser? Und wie ist das mit dem 1. Bezirk? Geht das auch kürzer als "Bewohner der Inneren Stadt"? "Innenstädter" heißt es ja wohl kaum.

Liebe Grüße, Anna Stibitznig, per Bernsteinfunkennachricht

Liebe Anna,

Sie dürfen alles! Das Wienerische ist eine elastische Sprache, sie steckt die seltsamsten Bezeichnungsversuche ohne Wimpernzucken weg. Selbstverständlich dürfen Sie Bewohner des Bezirks Rudolfsheim-Fünfhaus als Rudolfsheim-Fünfhauser bezeichnen, ganz so wie wir Wiener aus Ottakring Ottakringer nennen, solche aus Penzing Penzinger, wie wir Meidlinger Meidlinger nennen, Hietzinger Hietzinger, Simmeringer Simmeringer und Liesinger Liesinger. Meist weist die Hauptstrasse eines Bezirkes oder einer ehemaligen Vorstadt den toponomastischen Weg, jemand ist also ein Erdberger, Landstrasser, Favoritner, Wiedner, Gumpendorfer, Mariahilfer, Hütteldorfer, Lerchenfelder, Josefstädter, Alser (oder Alster), Heiligenstädter. Schon kompliziert wird es mit Wohnhaftenden aus Währing. Wienerisch korrekt bezeichnet wäre so jemand ein Wahringer oder eine Wahringerin (mit langem a), folgen doch die Herkunftsbezeichnungen eher den alten Vorstadt- und Dorfnamen, als den etwas moderneren Bezirksnamen. Leopoldstädter (Leobóidschdetta) können also beispielsweise auch Zwischenbrucker, Praterische (Brodarische), Werder (Wéata), “aus da Tabuastrossn”, “da Jagazeun” oder “vo da Schütt” sein. Aber zurück zu ihrem Spezialproblem. Rudolfsheim-Fünfhauser sind strenggenommen alle "aus Rudoifsham”, aus dem, 1863 zu Ehren des damals fünfjährigen Kronprinzen Rudolf so genannten Rudolfsheim. Noch genauer genommen sind Rudolfsheimer Herkünftler der fünf, Rudolfsheim konstituierenden Ortschaften, sind also Rustendorfer, Braunhirschner, Reindorfer, Sechshauser und Fünfhauser. Bewohner der “Inneren Stadt” sind nach alter Wiener Sitte “aos da Schdood”, aus der Stadt. www.comandantina.com dusl@falter.at


......................

Am 03.08.2011 um 21:12
schrieb Wolfgang J. Kraus:

Liebe Comandantina Dusilova,

"Strenggenommen" war diesmal ein Irrtum in Ihrem Text. Rudolfsheim wurde 1863 als Gemeinde gegründet und umfasste Braunhirschen, Reindorf und Rustendorf. 1892 wurde Rudolfsheim nach Wien eingemeindet und bildete gemeinsam mit Sechshaus den 14. Bezirk. Fünfhaus (der Norden und der Osten des heutigen 15. Bezirks) bildete den 15. Bezirk (alt).

1938 brauchten die Nazis die Bezirksnummer 14: Sie trennten die Stadtteile Penzing, Baumgarten und Hütteldorf vom 13. Bezirk ab und gemeindeten Hadersdorf und Weidlingau ein. Um diesem Gebiet nicht die Bezirksnummer 27 geben zu müssen, die sich zwischen 13, 14 und 16 seltsam gemacht hätte, wurde die Nummer 14 frei gemacht, indem die bisherigen Bezirke 14 und 15 zu einem zusammengelegt wurden: dem heutigen 15. Bezirk. Er erhielt den Namen Fünfhaus.

1957 wurde Fünfhaus durch einen Gemeinderatsbeschluss in Rudolfsheim-Fünfhaus umbenannt, um der historischen Zusammensetzung von 1938 Genüge zu tun, war doch Rudolfsheim nicht weniger wert als Fünfhaus.

Übrigens nennen wir auch nicht alle aus dem 12. Bezirk Meidlinger: Die Hetzendorfer sind schon etwas Anderes! Ein Hütteldorfer oder ein Hadersdorfer wird sich auch nicht als Penzinger bezeichnen. Und erst recht in Liesing! Da hat wohl jede Ortschaft ihre eigene Identität und ein Kalksburger verschwindet nicht hinter einem Liesinger.

Mit besten Grüßen eines Unter-St.-Veiters,
Wolfgang J. Kraus


31. Juli 2011 (0) Comments


Keep Calm and Carry On

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 29/2011

Liebe Frau Andrea,

KEEP CALM AND CARRY ON. Meist sind es diese fünf Worte, untereinander gedruckt. Darüber eine Krone. Jetzt hat meine Cousine aus London ein Kaffeehäferl mit dem seltamen Slogan mitgebracht. Was hat es mit dem Spruch auf sich?

Liebe Grüsse, Denis Spielar,
Neubau, per Gesichtsbuchdirektnachricht


keep-calm.jpgLieber Denis,

“Keep Calm and Carry On” ist eines von drei Plakatsujets einer Serie von Durchhalteparolen, die das britische Informationsministerium im August 1939 drucken liess, um zu Beginn des 2. WK die Moral der Bevölkerung zu heben. Die ersten beiden Plakate lauteten “Your Courage, Your Cheerfulness, Your Resolution, Will Bring Us Victory” (Dein Mut, deine Fröhlichkeit, deine Entschlossenheit wird uns den Sieg bringen) und “Freedom is in Peril, Defend it With All Your Might” (Die Freiheit ist in Gefahr, verteidige sie mit aller Macht). Das Amt für Drucksachen ihrer Majestät produzierte um 20.000 Pfund fünf Millionen Plakate, heisse 225 Pfund gab es für den Künstler. Das dritte Plakat, jenes mit dem coolsten Spruch, “Keep Calm and Carry On” (Ruhe bewahren und weitermachen) machte zwei Drittel der gedruckten Auflage aus und war für den Fall einer deutschen Invasion gedacht. Es kam nie zum Einsatz und wurde bis auf ein paar Belegexemplare eingestampft. Im Jahre 2000 wurde ein gefaltetes Exemplar von Stuart und Mary Manley entdeckt. Die Besitzern des Second-Hand-Buchladens Barter Books in Alnwick, Northumberland hatten es am Boden einer ersteigerten Kiste mit Büchern entdeckt. Manley und seine Frau liessen das Plakat rahmen und hängten es im Geschäft auf. Das Plakat traf den Zeitgeist zu Beginn der Nullerjahre und war bald so populär, dass die Finder Faksimiles drucken liessen. Bis 2009 ging über 41.000 Exemplare über den Ladentisch. Keep-Calm-and-Carry-Ons hingen in 10 Downing Street, im Büro des Hofmarschalls und im Buckingham Palace. Der Slogan wurde auf Türmatten und Babykleidung gedruckt, auf Postkarten und Teetassen. Bald zirkulierten Parodien, etwa "Now Panic and Freak Out" (Jetzt paniken und ausflippen). Vorläufiger Höhepunkt der Keep-Calm-Welle dürfte der Keep-Calm-Generator auf www.keepcalm-o-matic.co.uk sein, hier können sich KCACO-Fans jeden nur denkbaren Fünfzeiler zusammenstellen. www.comandantina.com dusl@falter.at

18. Juli 2011 (0) Comments


  weiter »
2010: August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2009: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2008: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2007: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2006: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2005: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2004: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2003: Dezember Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2002: Dezember November Oktober September August Juni März Februar Januar 2001: Oktober September August April Februar Januar 2000: August März Februar Januar 1999: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 1998: Dezember November Oktober September August 1997: August Juni März 1996: August Juli 1995: September 1994: Mai 1984: Juli 1977: Februar 1969: März 1924: Januar 1876: Juli 1009: Juli