Mitteilungen von der Teilefront

Für meine Kolumne 'FRAGEN SIE FRAU ANDREA' in Falter 24/2009

Carissima Comandantina!

Auf meine alten Tage werd ich noch zum Leserbriefschreiber, aber, der Druck ist so groß, es muss sein: Auch im Falter lese ich hin und wieder, wenn vom Teil die Rede ist, dass dieser sächlich angesehen wird, also dass es immer "das Teil" heißt und nicht, wie ich bis jetzt dachte "Der Teil" Können Sie helfen, dieses Dilemma zu lösen?

Das hofft Konrad Holzer, Wien, per Elektropost


Lieber Konrad,

die zahlenmässig grösste ethnische Minorität des Landes sind die Deutschen. Ihr sprachlicher Einfluss ist auch im Falter nicht ohne Einfluss geblieben. Kolleginnen und Kollegen von jenseits des Weisswurstäquators schreiben in der allemannisch-wienerischen Stadtzeitung mittlerweile ganz, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der von ihnen als Dilemma empfundene Artikel-Dimorphismus der Wörtlichkeit “Teil” ist ein beredtes Beispiel für die sprachzersetzende Kraft unsere bundesdeutschen Mitbürger. Der Duden macht sich hier als Referenz insoferne aus dem Staub, als er “Teil” beide Artikel, den männlichen wie den sächlichen zugesteht. "Der Teil“ sei "etwas, was mit anderem zusammen ein Ganzes ist.“ Landesteile, Körperteile, Wrackteile. "Das Teil“ hingegen ist, so der Duden“ "etwas, was jemand von einem Ganzen hat.“ Aha. Ein lose am Gehsteig liegendes Klumpert bezeichnen unsere Deutschen Mitbürger ohne mit der Wimper zu zucken als Teil. Ganz so, als wüssten sie jederzeit, von welchem Ganzen ein vereinsamter Fund jeweils “das Teil” sei. Hier tun sich Erklärungen für die philosophische Kraft der Deutschen auf. Sprecher österreichischer Idiome stehen da traditionell auf der Seife. Die Korrosion der Männlichkeit von “Teil” ist hierzulande indes schon weit fortgeschritten. Perfide Synchronisationen US-amerikanischer Serien, Arbeitslosenfernsehen und sozialpornographische Talkshows überschwemmen den österreichischen Teilemarkt. Noch wehren wir uns, und sei es mit Leserbriefen. Aber sind wir nicht längst Teil der bundesdeutschen Verschwörung geworden, sagen “das Urteil”, “das Oberteil” und “das Gegenteil”? In diesem Sinne: Divide et impera!

www.comandantina.com dusl@falter.at

5. Juni 2009 © Andrea Maria Dusl

TrackBack

Use this URL to ping this entry: http://comandantina.com/mt/ping.cgi/1798




kommentieren





Dieses Posting abonnieren (Verständigung nach Änderung)
Hinweis: Ihr Kommentar wird verzögert freigeschalten
« Boboville ::: Der Bäcker  |  Main  |  Bäume, die nach männlichem Samen riechen »
2010: März Februar Januar 2009: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2008: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2007: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2006: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2005: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2004: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2003: Dezember Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 2002: Dezember November Oktober September August Juni März Februar Januar 2001: Oktober September August April Februar Januar 2000: August März Februar Januar 1999: Dezember November Oktober September August Juli Juni Mai April März Februar Januar 1998: Dezember November Oktober September August 1997: August Juni März 1996: August Juli 1995: September 1994: Mai 1984: Juli 1977: Februar 1969: März 1924: Januar 1876: Juli 1009: Juli
 


Boboville
Boboville - Residenz Verlag