Januar 2008
Abstract is the World
Blue Moon Shooting
Boys and Girls from my Block
Breakfast Outside America
Kiev Markthalle
Little Shops of Horror
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Andrea Z bis A
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In the Pipeline
Comandantina Dusilova - genannt "Das Bureau" -
ist das Weblog der Wiener Autorin, Regisseurin
und Zeichnerin Andrea Maria Dusl.
Das Bureau ist ein ständig wachsendes Archiv ihrer, in Zeitungen
und Magazinen veröffentlichten Texte, Illustrationen
und Interviews. Im Bureau gibt es aber auch Informationen
zu ihren Filmprojekten und Nachrichten und
Überlegungen zu diesem, jenem und noch ganz anderem.
Portrait: © Corn
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Offwörter
Liebe Frau Andrea,
wir sind schon etwas über 70 Jahre alt und finden den Falter sehr, sehr interessant - trotz vieler Ausdrücke, die wir kaum ins Deutsche übertragen können. Was heisst das wirklich: Gadget, Screwball-Komödie, Roadmovie, Dokusoap, Offbühne, Cliffhanger, Blockbuster, Grunge, Revival, Sitcom, Benchmark, Public Viewing, Geek und Nerd?
Vielen Dank im Voraus, Gerti und Hans Ackermann, per Elektrobrief.
Liebe Gerti, lieber Hans,
Gadget, ein Seemannsausdruck für Werkzeug, bezeichnet heute meist technisches Spielzeug, im wesentlichen aber alles, was an Computer angeschlossen oder beim Joggen angeschnallt werden kann. Joggen ist übrigens schnell gestolpertes Spazierengehen. Die Screwball-Comedies waren amerikanische Kinolustspiele der 30er und 40er mit ultraschnellen, messerscharf pointierten Dialogen, am besten beschrieben als Sexkomödien ohne Sex. Das Roadmovie - der Strassenfilm - spielt auf Landstrassen und in Hotels und handelt stets von kaputen Leuten auf der Suche nach sich selbst. Offbühne kommt vom Ausdruck Off-Broadway, einer Bühne abseits der New Yorker Premieren-Theater-Meile. Heute hat jede Provinzstadt eine Offbühne. Auch ohne Broadway. Städte, die auf sich halten, leisten sich nach New Yorker Vorbild auch Off-Off-Bühnen. Sie können getrost Kellertheater sagen. Die Dokusoap ist eine Mischung aus Seifenoper und Dokumentation. Das Genre begann mit Big Brother und steht heute bei Dancing Stars. In Österreich sind auch Sportübertragungen Dokusoaps. Lesen Sie nächste Woche, was Cliffhanger und Blockbuster sind und was Grunge und Revival bedeuten. Marken Sie Bench mit Geeks und Nerds im nächsten Public Viewing über hinniche Wörter. www.comandantina.com; dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 5/2008
28. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Get Real
Andrea Maria Dusl für DER STANDARD RONDO vom 25.01.2008
Lagow ist ein verträumtes Ferienstädtchen an einem verwinkelten polnischen See. Die Zeit geht langsamer hier, Zifferblätter haben keine Minutenzeiger. Ein kleines Filmfestival hat sich etabliert, ein Cannes im slawischen Kleinkrämerformat. Neben dem Filmprogramm gibt es Diskussionen, Filmstudenten aus der Hauptstadt sind angereist, um sich mit erfahrenen Kollegen aus dem Ausland zu treffen. Es geht um die Sorgen der jungen Filmemacher. "Die Welt geht unter", beklagen sie, "die Cinematographie geht den Bach runter." "Wieso denn das?", fragt der etablierte Kollege aus dem Westen. "Ach", seufzen die polnischen Jungregisseure, "was ist unser Studium noch wert, wenn alle jetzt Filme machen können?" "Alle können jetzt Filme machen?", fragt der Filmdirektor mit gespieltem Staunen. "Aber ja doch", jammern die Polen, "200 Euro kosten die digitalen Kameras, noch billiger geht das Drehen mit dem Handy. Was hat unser Beruf für eine Zukunft, wenn jeder an die Geräte randarf? Was waren das für gute Zeiten, als eine Kamera auf eine Million Leute kam!"
"Was seid ihr für Trottel", brummt der Filmgroßmeister. "Zum Filmemachen brauchen wir keine Kameras, kein Licht und kein Geld. Wir brauchen eine Idee und jemanden, der die Idee dirigiert." "Wer braucht noch Regisseure, wenn jeder eine Kamera bedienen kann?", maulen die Filmstudenten zurück. "Wer braucht Dirigenten?", kontert der Großmeister. "Dirigierstäbe gibt's in jedem China-Restaurant. Ist ein einziger Dirigent deswegen arbeitslos geworden? Ein einziges Orchester von einem Restaurantgast geleitet worden? Nein. Also wovor habt ihr Angst? Geht raus und macht eure Filme, von mir aus mit Supermarktkameras." Die Studenten zerstreuen sich mürrisch, tippen zornige Kurznachrichten in ihre Handys und betäuben ihre Existenzängste an der Bar.
Die kleine Provinzgeschichte illustriert die Ängste, die Technologieschübe auslösen. Die jungen Filmemacher müssen sich tatsächlich mehr Sorgen um ihre Leber als um ihre Zukunft machen. Gute Geschichten, spannende Filme werden immer das Primat haben über maue Plots und langweilige Streifen. YouTube, die Anlaufstelle für nahezu jedes bewegte Bild in diesem Universum, zeigt das deutlich. Jenseits von Marktmacht und Sehgewohnheiten hat sich dort eine Vielfalt an Formaten etabliert, die herkömmliche Medien alt aussehen lassen und Qualität durch ein raffiniert einfaches Benotungssystem automatisch hochspülen. Während TV und Kino den Stand der Dinge mühsam über Quoten, Marktdurchleuchtungen, Besucherstatistiken eruieren und dem Mammon verpflichtet sind. Und dennoch sei YouTube inzwischen böse, sagen die Warner, denn die Privatfilmabspielstätte ist einer der Krakenarme des Monopolisten Google.
Mittlerweile hat das selbstgemachte Kleinfilmchen seinen Weg in die Männerwelt angetreten. YouPorn zeigt all das, wofür der einsame Mann früher in schmuddelige Hinterhöfe marschierte. Porno und Fußball, die beiden inoffiziellen Königspärchen der laufenden Bilder, sind vermutlich das, was die Handybetreiber mit Content meinen. Mit breitbandigen Netzen soll das private Handy zur Abspielstation für Bilder jeglicher Art werden. Kassiert wird, wie immer, am Eingang. Früher war das die Kinokasse, heute ist das die Monatsrechnung.
Ist das gut? Ja, das ist gut, sagen die Filmemacher. Längst wird hinter den Kulissen für das neue Format gearbeitet, eine neue Art des Erzählens erfunden. Eine Rückkehr des Kurzfilms dürfen wir erwarten. Kleine, raffinierte Filmessays, auf Pointe geschrieben, für das Karteikarten-Format der kommenden Handydisplay-Generation inszeniert. Ideal für die Fahrt im Bus, fürs Warten am Arbeitsamt, für einsame Stunden im Hotelzimmer. So richtet sich die Wut eines der ganz Großen der Leinwand vermutlich gar nicht gegen die Handynutzer, sondern gegen die großen Filmkonzerne, die Dinosaurier des Contents. "Nicht in einer Trillion Jahren", wettert Mythenschmied David Lynch, "werdet ihr auf einem Telefon einen Film erleben. Da werdet ihr betrogen!" "Es ist so traurig", fährt Lynch fort, "wenn ihr denkt, ihr hättet einen Film auf eurem verdammten Telefon gesehen, get real, wacht auf!"
Wo das der Filmemacher mit den zu Berge stehenden Haaren verkündet? Auf YouTube, wo sonst.
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27. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Showtime ::: Lange Nacht der Satire in Schwechat

HEUTE !
Andrea Maria Dusl liest aus
Die österreichische Oberfläche
Österreich findet in Schwechat statt
Daniel Glattauer, Rainer Nikowitz, Andrea Dusl, Antonio Fian
sowie René Freund, Andre Blau, Nadja Bucher,
Erich Sedlak und Harald Fiebiger
lesen persönlich ihre besten Texte:
Pointenreich, abwechslungsreich, kurzweilig!
Samstag, 26. Jänner 2008, 20:00 Uhr
Die lange Nacht der Satire
Theater Forum Schwechat
Theater Forum Schwechat
2320 Schwechat
Ehrenbrunngasse 24
Tel.: 01 / 707 82 72
Fax: 01/707 82 72-13
theater@forumschwechat.com
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Andrea Maria Dusl
Die österreichische Oberfläche
Residenz Verlag
Mit 34 Elektroholzschnitten der Autorin
240 Seiten, Klappenbroschur
EUR 19,90 / sFr 33,80
ISBN: 9783701714865
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26. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Gusi und Willi und das Geld
Der sozialdemokratische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer und der vizekanzlernde Finanzminister Wilhelm Molterer von der Volkspartei arbeiten im Geldspeicher der Republik an der Steuerreform. Die zentrale Frage: Wer kriegt was und wem wird es weggenommen.
Dusilation für Falter 4/2007. Ins Bild klicken für 1000px-Version
23. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Panierte Körbe
Liebe Frau Andrea,
im letzten Falter startete hier über Ihnen eine neue Fotoserie, in der es ganz offensichtlich um Menschen und deren Kleidung geht. "In der Panier" nennt sich diese Serie, wie ich der Überschrift entnehme. Bislang brachte ich Panier eher mit dem Wiener Schnitzel in Verbindung, woher kommt dieser Ausdruck? Und woher kommt die Panier?
Mit gebackenen Grüßen, David Messinger, Wien Ottakring, per Elektrobrief
Lieber David,
das Wienerische hat die Gabe, aus komplizierten Sachverhalten einfache zu machen und aus einfachen komplizierte. Es bedient sich dabei einer Fantastilliarde fremdländischer Ausdrücke, die es über die Kaskaden der Wienerzungen perlen lässt und, sobald sie versickert sind, als funkelnde Fontänen wieder ausspeit, die im dichtem Nebel der Alltagssprache zerstoben in Wörterbüchern kondensieren und irgendwann als Rinnsal in den Gulli des Vergessens tropfen. Die Panier ist so ein Wort. Sie bezeichnet den Anzug, die “Schoin”, die Uniform. Der Ausdruck zeichnet das Bild einer in Bröselteig gebackenen Kalbfleischschnitte, das wohlfeil panierte Schnitzel. Dessen Kruste heisst küchentechnisch Panade. Das Panieren - ausserhalb von Küchen kann damit von der Ohrfeige bis zum Ländermatch jede Form der Gegnerdemütigung bezeichnet werden - kommt vom französischen “paner”, mit Brotbröseln bestreuen, einer Ableitung von “pain” - Brot. Die Scheiderkunst kennt “das Panier” aus der Zeit der Reifröcke, damit wurden die weit ausladenenden Konstruktionen jener Superhüften bezeichnet, wie wir sie von Marie Antoinette und ihren Freundinnen kennen. Die Form erinnerte an die damals auf Märkten verwendeten Hühnerkörbe, daher der Name Panier - französisch Korb. www.comandantina.com; dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 4/2008
21. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Mein Ring
Redehaus und Teewagen, Beamtenfrühverkehr und Demonstrationsstraße, Lichtermeer und Gackiwüste. Über die Straße, die mich mit der Welt verbindet – oder nur so tut.
Andrea Maria Dusl für "Der Standard / Album." Erschienen am 31. Dezember 2007. Langversion des Essays. -->Hier gibt's ein pdf. der gedruckten Version.
Der Ring. Er ist die wichtigste Strasse der Stadt. Und schon das ist ein Irrtum. Denn streng genommen liegt der Ring gar nicht in der Stadt. Und noch strenger genommen liegt er auch nicht ausserhalb der Stadt. Jener Boulevard, den der Volksmund "Ring" nennt, ist eine bizarre Chimäre, die zwischen Cité und Faubourg liegt und nirgendwo hinführt. Ein Cingulum, das die Stadt vieleckig umkreist. Der Anus der Stadt. Nicht mal zur Revolution taugt er. Denn aus Angst vor marodierenden Bürgern (und wohl nach Konsultation eines Pariser Polizeipräfekten) wurde die Strasse mit extra grossen Granitwürfeln bepflastert, die wegen ihres Gewichts sogar die wütendste Umstürzlerhand nicht weiter als eine Gehsteigbreite weit werfen kann.
Ich bin nicht in Wien aufgewachsen, sondern jenseits des Kais, auf einer Insel. In der Leopoldstadt. Ein Unternehmen der besonderen Art war es stets, “in die Stadt zu gehen”. In die Stadt, das war alles, was innerhalb des Rings lag. So brachten es uns die Nonnen in der Leopoldsgasse bei. Dass der gütige Kaiser aus der guten alten Zeit das schöne Wien von der schirchen Stadtmauer befreit und den Wienern die prachtvolle Ringstrasse geschenkt hatte. So ungefähr beschrieben die Nonnen das Spekulationsunternehmen Ringstrasse. Jene Geldbeschaffungsaktion, bei der wertvoller Baugrund parzelliert wurde, um Zaster in die aperen Habsburgerkassen zu spülen. Gütig war daran nichts, prachtvoll zumindest die Ergebnisse.
Die Wiener Ringstrasse müsste eigentlich Österreichische Ringstrasse heissen, denn zur Realisierung des gigantischen Projekts hatte der Kaiser den Innenminister betraut und diesem den gerade von ihm gegründeten Stadterweiterungsfonds unterstellt. Seine Aufgabe war es, die neu entstehenden Baugründe auf dem Glacis, dem ehemaligen militärischen Aufmarschgebiet rund um die Stadt und jene, die das Schleifen der Stadtmauern und Basteien freigegeben hatten, parzellenweise an Grossindustrielle zu verkaufen. Mit dem Erlös finanzierte das Innenministerium die geplanten habsburgischen Bauten - in der Reihenfolge ihrer Wichtigkeit das Kriegsministerium, zwei zur Unterdrückung allfälliger Revolutionsgelüste gerichtete Kasernen, die Hofoper, das Burgtheater, das Parlament zwei kaiserliche Museen und eine Universität. Für den kaiserlichen Staat war der Bau der Ringstrasse ein gutes Geschäft, nicht jedoch für die Stadt Wien. Der traditionell habsburgerfernen Kommune war nicht einmal Mitspracherecht zugestanden worden. Die Kosten für Infrastruktur - der Bau der Kanalisation, Wasserversorgung, das Verlegen von Gas- und Stromleitungen, von Straßen und Straßenbeleuchtung, der Elektrifizierung der ursprünglich privaten Straßenbahn mussten aus dem Gemeindebudget bestritten werden. Und die Kosten für den einzigen städtischen Repräsentationsbau musste Wien zur Gänze selbst aufbringen. Ein Rathaus war dem Innenminister nicht wichtig gewesen. Nicht ohne Pikanterie steht es eigentlich an der Zweierlinie, nicht in der ersten Reihe. Das gute Geschäft für den Staat bezahlte die Stadt mit hoher Verschuldung.
Meine erste Begegnung mit der Ringstrasse war erzählerischer Natur. Sie führe jetzt mit dem Tee-Wagen zur Oper, verkündete meine Großmutter. Dazu musste sie mit einer klapprigen Strassenbahn der Linie 33 die Brücke über den Donaukanal überqueren, den Ringturm passieren und auf den Tee-Wagen warten. Den stellte ich mir - Strassenbahnfahren war für kleine Kinder nicht - als eleganten Salonwagen vor, in dem livrierte Schaffner russischen Tee servierten. Weil die Grossmutter nicht unerwähnt liess, dass sie stets viertelstundenlang auf den Teewagen warten müsse, blieb der Teewagen auch dann für ich ein Rätsel, als ich schon selber Strassenbahnfahren durfte. Einen Teewagen habe ich nie gesehen und länger als 18 Minuten hab ich auch nie auf einen gewartet. Jahre später hat sich mir der (mittlerweile eingestellte) “T-Wagen” als grossmütterlicher Teewagen enthüllt. Bei meiner ersten Fahrt auf dieser Linie suchte ich enttäuscht nach den Tischchen, den Teesalonbänkchen und nach dem Samowar.
Die Schule, die ich jetzt besuchte, das Wasagymnasium, lag am Hang oben, einen Handschuhwurf vom Schottentor entfernt. Um kommod dahin zu reisen, bestiegen wir Gymnasiastinnen und Gymnasiasten die offenen Plattformen der Ringwägen und hielten uns mit klammen Fingern an den schokoladefarbenen Halte-Bügeln fest, der die Einstiege zweiteilte. Es war kalt und verboten, hier zu stehen, aber es hatte einen Grund. Der Ringwagen musste, eben mit viel elektrischem Schwung an der Börse vorbeigeschrammt, stets an der roten Ampel beim Schottentor bremsen. Er hielt selbst dann, wenn dort mal grün war, so stand es offenbar im Fahrerbrevier. Zeit genug, abzuspringen. Der verbotene Luxus brachte 7 Minuten Abkürzung. Das war auch in den Siebzigern ein Luxus. Gegenüber vom Schottenring-Kino war das, heute heisst es De France. Hier ist mein Schulkollege Friedrich Kurzweil eines Tages gegen einen Alleebaum, ich glaube es war ein Ahorn, gesprungen. Baum und Kurzweil haben stumm in sich hinein geschrien.
Acht Jahre fuhr ich den Ring hinauf. Vom Ringturm bis zum Absprung. Weiter als bis zum Jonasreindl kam ich nicht. Weiter hätte ich den Ring auch nicht besuchen müssen. Denn wozu ging man in die Schule? Um später, in der Blüte des Erwachsenwerdens auf die Uni zu gehen. Einen Pflastersteinwurf weiter westlich. Die Alma Mater Rudolfina war ein imposanter Bau. Ein Königspalast des Geistes. Der Wissens-Stadel hatte eine Tennbrücke, wie man am Land sagte. Eine Zufahrtsrampe. Aber welche Ernte wurde dort eingefahren? Und welche im Parlament? Denn auch das Redehaus der Palas Athene war solch eine Tenne. War das für die Bauern gedacht, war das ein ihnen begreifliches Sinnbild für Erfolg und Zuwachs? Hofoper und Burgtheater können ebenerdig betreten werden. Kultur und Demokratie sind Erfindungen der Bürgerkinder.
Der Ring, das waren auch elegante Greislereien, die sich im Souterrain staubiger Paläste eingenistet hatte, Bonbonnieren, Wurstsemmeln, Makrelen und Flaschenbier verkauften und nikotinsüchtigen Beamten überbrühten Kaffee und Cognac kredenzten. Im Sommer gab es hier Eis. Das Geld sitzt locker bei unterzuckerten Schulkindern. Der Ring, wie ich ihn kannte, als ich ein Schulkind war, roch nach dem düsteren Parkettöl, das unter den Ritzen der Eichenportale hervorkroch, deren Messingschilder von Anwaltskanzleien, Speditionsunternehmen, Versicherungen kündete. Und von dubiosen Vereinen, Kammern und Bünden, die stets das Wort “Österreichische(r)” im Namen führten. Und dann gab es noch zwei bizarre Geschäftsideen für Ringstrasselokale: Den Autosalon und die Fluglinienniederlassung. Leer waren beide.
Die Gehsteige waren in der festen Hand der Dackelbesitzerinnen. Hagere Greisinnen mit Alkoholfahne, grünen Lodenmänteln und Hutmützen aus dem Modellgeschäft. Ihre Waldis, Strolchis, Lumpis und Dachsis waren heilig. Die Hundsviecher bellten und schissen, die Greisinnen keiften und die Alleebäume darbten. Die Beserlparks am Ring waren trockene Hundegackiwüsten. Nur Mutantengras hatte eine Chance. Bis der Lumpi draufwischerlte. Wie überhaupt der Ring ja noch heute den Tieren gehört. In der Innenspur der Hauptfahrbahn drehen die Fiaker ihre Runden. Und weil ihre Lieblingsstrecke zwischen Burgtor und Schottentor liegt, sollte man den Schanigarten des Café Landtmann nur bei strömendem Regen besuchen. Denn nur dann darf man sich sicher sein, die Melange nicht im Pferdeapfelstaub einzunehmen.
Dieser Teil des Ringes ist nach Karl Lueger benannt, wahlweise unter D wie Doktorkarlluegerring, K wie Karlluegerring oder L wie Luegerring in den Plänen vermerkt. Bei mir, die sich Gassen, die nach Würdenträgern benannt sind, nicht merken will, heisst er Fiakerring. Er führt am Burgtheater vorbei und am Volksgarten. Der führt ein bescheidenes Doppelleben als beschaulich-tantiger Rosenpark und als Soul-Fokus für tanzwütige Altbobos. Hier habe ich sämtliche Zenite meiner Jugend begangen. Das Gegenüber dieser Örtlichkeit heisst Bellaria - Gute Luft, die gibt es hier auch wirklich. Gegen 4 Uhr morgens, kurz nach Einsetzen des Vogelgezwitschers und die wenigen Viertelstunden bis zum Anrollen des Beamtenfrühverkehrs. Die Gegend profitiert auch von ihrem revolutionären Charakter. Wann immer es substantiell zu demonstrieren gibt - es findet hier statt, zwischen Heldenplatz und Universität. Das hat weniger mit der aufrührerischen Magie dieser Orte zu tun, als damit, dass hier keine gläsernen Geschäftsauslagen auf mitgebrachte Baumaterialien warten. Nächtlich lässt sich der Heldenring gut beleuchten. Am besten mit Privatkerzen. Dreihunderttausend davon geben schon was her. Soviel zählte man beim Lichtermeer.
Der Lichtermeerring ist kurz, aber er führt in ein anderes Aufmarschgebiet. Jenes für die kochende Anarchistenseele. Die entzündete sich jahrelang am spätwinterlichen Opernball-Publikum.
Kurz bevor der Ring die Singbühne erreicht, zweigt stadteinwärts die Goethegasse ab. Das kleine Gässchen hat innerösterreichische Weltberühmtheit erlangt durch eine einschläfernd-belehrende Fernsehserie namens Ringstrassenpalais, in der die Creme der österreichischen Seriendarsteller mein Bild der verschnarchten Beamtenbüropaläste nachhaltig beschädigte in dem es dieses durch das noch viel Schlimmere ersetzte. Das falsche Portrait des herzensguten Österreichers mit grossbürgerlich-aristokratischem Stammbaum.
Hinter den Platanen bei der Oper dünnt das offizielle Repräsentationsprogramm der Gründerzeit-Palastarchitektur aus. Das Manegenrund der Stadt wurde ganz offensichtlich gegen den Uhrzeigersinn entworfen und bei Fünfuhr, dort wo jetzt das Hotel Imperial liegt, irgendwie aufgegeben. Hier fasert der Ring inhaltlich aus. Dem verdankt das Gartenbaukino, Wiens grösster Kinopalast seine Existenz. Gut, da haben wir nichts dagegen. Wienring müsste es hier heissen, fliesst doch hier, statt der Zweierlinie der namengebende Stadtfluss. Korsettiert und kanalisiert, ein Waldfluss aus dem Wienerwald, der sich in die Stadt verirrt hat.
Wollte man in Wien alleine sein, wirklich alleine, müsste man sich an den Schubertring bringen lassen. An einem trübseligen Novemberabend. Die Einsamkeit dieser Stadtgegend hat tragische Dimensionen. Nicht einmal Hunde werden hierher äusserln geführt. Aber eine Erinnerung von der anderen Seite des Glücks gibt es: Hier am Stubenring, kurz bevor die hängende Strasse nach Sibirien abrutscht, sperrte einst ein Lokal auf, das für kurze Zeit zum Mittelpunkt der Welt wurde. In den Achtzigerjahren, als Falco noch jung war, das Herz so rein und weiß. Jack und Joe und Jill hiessen wir und es war uns heiss. Das Lokal hiess nach dem ganzen Irrtum: Ring.
19. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Robert Seeger ::: Sportreporter
Robert Seeger ist die Legende unter Österreichs Spotrtreportern. Sein Faible für gezwirbelte Sätze ist mindestens so gross, wie seine Leidenschaft für den Norwegerpullover.
Ins Bild klicken für grosse Versionen. Dusilationen für Falter 03/2008
Sport ist in Österreich das Abfahren von Kunsteishängen in einem Tempo, für das es auf Autobahnen Strafmandate gäbe.

18. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Showtime ::: Lesung im Palais Wilczek

HEUTE !
Andrea Maria Dusl liest aus
Die österreichische Oberfläche
Moderation: Moderation: Helmuth A. Niederle
Donnerstag, 17. Jänner 2008, 19:00 Uhr
Österreichische Gesellschaft für Literatur
Herrengasse 5
A-1010 Wien
Tel.: (01) 533 81 59 oder 533 08 64
Fax: (01) 533 40 67
office@ogl.at
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Andrea Maria Dusl
Die österreichische Oberfläche
Residenz Verlag
Mit 34 Elektroholzschnitten der Autorin
240 Seiten, Klappenbroschur
EUR 19,90 / sFr 33,80
ISBN: 9783701714865
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c.drumm@residenzverlag.at
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17. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Nippel und Lasche
Liebe Frau Andrea,
exzessive Frühstücksorgien veranlassen mich, in durchsichtige Kunststofffolien verpackte Teile von herrlich gewürzten Vierbeinern zu mir zu nehmen. Einige dieser Verpackungen sind so konzipiert, dass man eine Plastikfolie abziehen muss, um zum ersten Wurstradl zu gelangen. Wären die verpackten Wurstteile genau andersrum eingereiht, käme man sofort zum Ziel, ohne gleich die ganze Verpackung ruinieren zu müssen. Welcher Sinn mag in dieser Verpackungsphilosophie liegen? Apropos Verpackungen: Hat eigentlich schon irgendwer den Erfinder der CD/DVD-Hüllen-Verschweißungen auf irgendeinem Baum aufgeknüpft?
Josef Schneider, Graz, per Elektrobrief
Lieber Josef,
die Plastikverpackungsideolgie huldigt dem Gott des unversehrten Glanzes. Wurst und Käse liegen genussbereit vor unseren Augen, getrennt nur durch die Schneewitchenfolie der Verderblichkeit. Einmal geöffnet ist es nämlich vorbei mit Glanz und Gloria. Einmal geöffnet wollen das aufgelegte Wurstrad, die drapierte Käsescheibe rasch verzehrt werden. Trockenheit und Wärme machen ihnen nämlich schnell den Garaus. Käse vertrocknet zu fahlgelbem Hartgummi und Wurst zu ledrigen Scheiben. Das Ziel der Nahrungsmittelkapitalisten ist der steigende Umsatz. Um den sicherzustellen, werden Lebensmittel präsentabel und mundgerecht verpackt. Perfiderweise in Folien, die sich nie wieder schliessen lassen. Das Credo: Ein gutes Lebensmittel vertrocknet zu Hause und nicht im Regal. Zu unserem anderen Problem: Gegen die Erfinder von CD/DVD-Hüllen läuft ein Auslieferungsantrag des Salzamtes wegen Verstosses gegen das Menschenrecht auf unversehrte Fingernägel und intakte Nervenkostüme. www.comandantina.com dusl@falter.at
Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 3/2008
14. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
As Good As It Gets....
Das sozialdemokratische Regierungsteam von Bundeskanzler Gusenbauer ist mittlerweile 1 Jahr im Amt. Das Fähnlein Fieselschweif ist müde, ausgezehrt und entnervt vom Kampf gegen die konservativ -christdemokratischen Windmühlenflügel. Von links nach rechts atmen schwer: Bundeskanzler Gusenbauer, Frauenministerin Bures, Infrastrukturminister Faymann, Schul- und Kultusministerin Schmied und Sozialminister Buchinger. Zu ebener Erde kauern Justizministerin Berger und der Mann mit der schnellsten Brille Österreichs, Verteidigungsminister Darabos.
In die Bilder klicken für grosse Versionen. Dusilationen für Falter 01.02/2008
Als Stratege der sozialdemokratischen Truppe gilt der Zwischenzeitjournalist Josef Kalina:
11. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Sternengeliste
Liebe Frau Andrea,
auf Kinoplakaten wie DVD-Hüllen sieht man oft Abbildungen der teilnehmenden Schauspieler und darüber abgedruckt deren Namen. Die Reihenfolge stimmt dabei meist nicht überein. Man sieht etwa einerseits die Gesichter der Schauspieler A, B, C, und darüber liest man die Namen in der Reihenfolge B, A, C. Da die Namen meist auch nicht alphabetisch gereiht sind, stehe ich vor einem Rätsel. Haben Sie eine Erklärung für diese Permutationen? Mit bestem Dank,
Ronald Ortner, per Elektropost aus Bruck an der Mur
Lieber Ronald,
das von Ihnen beobachtete Phänomen ist so ungelöst wie unlösbar. Wenn Stars auf Filmplakaten gelistet werden, geschieht dies nicht zufällig. Die Regeln sind simpel, je grösser der Star, desto grösser die Buchstaben. Unter Umständen kann der Name eines Stars sogar wichtiger sein, als der Name des Films. Der Grabstein eines legendären Exponenten der komischen Schauspielkunst spielt darauf an: “Jack Lemmon in...” lautet das Epitaph von Walter Matthaus besserer Hälfte. Schauspieler ähnlicher Prominenz werden nach dem Grad ihrer Bekanntheit und bei gleicher Bekanntheit nach dem ihrer Beliebtheit gelistet. Das kann von Land zu Land verschieden sein. Die Abbildungen auf Filmplakaten folgen anderen Gesetzen. Aber auch hier gilt: Je wichtiger der Star, desto grösser sein Gesicht. Bei zwei gleichgrossen Stars ist immer der Wichtigere der Rechtsstehende. Ausser bei Bettszenen, da liegen Frauen links, auch wenn sie die grösseren Stars sind. Bei drei Stars, ob im Bett oder stehend, laufen Aufzählung und Abbildung vollends aus dem Ruder, hier ist die Mitte Nummer eins, gefolgt vom Star rechts daneben. www.comandantina.com dusl@falter.at
7. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings
Paper Doll ::: Sankt Sebastian ::: Gerald Matt
Gerald Matt, Direktor der Kunsthalle Wien, ist ein grosser Verehrer des Heiligen mit dem pfeilgeschundenen Leib. Zeit, ihn in seinem Lieblingsmedium, dem Ausschneidebogen abzubilden. Vorbild für den matten Paper-Doll-Bogen war ein Rielloprogetto der Kunsthalle, die sich ihrerseits ganz offensichtlich auf eine Dusilation hier im Bureau bezog. Vom "Matterpfahl" lacht übrigens Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny.
Ins Bild klicken für 1000px-Version. Für Falters "Best of Böse"-Nummer in 51.52/2007
3. Januar 2008 © Andrea Maria Dusl # Permalink (0) Comments (0) Pings


