Ich google Ninas Neuen

Andrea Maria Dusl

Für 'Der Standard' - RONDO

Morgen bringt Nina Ihren Neuen mit. Der Neue ist Kabarettist. Und das ist gut so. Warum das gut ist, wenn der Neue Kabarettist ist? Weil man ihn dann gut googeln kann. Nina hat das natürlich gleich nach Ihrer ersten gemeinsamen Nacht gemacht. Den Neuen gegoogelt.

Der Kabarettist ist noch in Ninas Futon gelegen und hat Restalkohol verbrannt, der 11-Uhr-Frühstücks-Kaffee hat sich durch die Espressomaschine gequält, da ist Nina schon am Laptop gesessen und hat ihren Neuen gegoogelt. 66.400 Einträge. Na prack, hat sich Nina gedacht. Kein Bemmerl, der Neue.

Heute bringt Nina den Neuen mit. Sechsundsechzigtausendvierhundert Google-Einträge. Ein bissl viel für Nina. Nicht gut für Ninas Gugel-Ego. Nina ist Redakteurin und hat magere 530 Einträge. Aber so ist das. Nina darf nicht unbescheiden sein. Guten Sex und Google-Zahlen, die auf den Siebzigtausender zurudern. Was was will sie mehr?

Blöd nur, dass auch im Kabarett-Forum was steht über den Neuen. Das gefällt Nina nicht so gut. Der Neue hat ein Kind aus erster Ehe. Obwohl sie nicht verheiratet waren. Wie sagt man da? Ein Kind aus erster Zusammenlebung? Ein Sohn aus früherem Konkubinat? In der Wikipedia steht nichts über den Sohn. Und auch nicht, wie das heute unter Bobos hiesse, ein Sohn aus erster Wohngemeinschaft. Auch Orkut hat noch kein wording für moderne genealogische Zusammenhänge.

Der Neue hat sich gerade umgedreht und wäre fast aufgewacht. Aber der Neue ist bedient und sägt weiter an den Real-Life-Tequilas von gestern Nacht. Nina hat was entdeckt, was ihr wirklich Sorgen macht. Der Neue wohnt in einer Dachwohnung mit Terrasse. Hat er gesagt. Im Zweiten, wo die Bobos wohnen. Vom Kulturstadtrat abwärts. So weit, so sehr gut.

Im Häuserblock in dem der Neue wohnt, wie er sagt, gibt es aber keine Dachterrasse. Jedenfalls keine mit 120 Quadratmetern. Sind Kabarettisten Mythomaniacs? Oder darf man noch "Einedrahra" sagen? Ecke Nestroygasse, hat der Neue gesagt. Auf 48.22038 nördliche Breite mal 16.373974 östliche Länge: Keine Dachterrasse. Er wird doch nicht lügen? Andererseits: Die Wien-Auflösung von Google-Earth ist nicht berühmt. Da kann ein Hundertzwanzig-Quadratmeter-Zitronengras-Dachgarten doch glatt übersehen werden. In Paris müsste man sein. Von Paris haben sie bessere Luftbilder bei Google-Earth.

Der Neue ist aufgewacht und küsst Nina in den Nacken. Nina: ”Wie heisst Kabarettist auf französisch?”

Unsere Freundin Nina (530 Google-Einträge, kein Wikipedia-Artikel, kein Kind) bringt also ihren Neuen mit (66.400, Wikipedia-Eintrag, Sohn und keine Dachterasse.) Nina gefällt es bei uns. Wir haben nämlich wirless LAN und eine googelbare Dachterrasse. Und auf der sieht man den Olivenbaum, den Nina vor fünf Jahren zur Dach-Warming-Party mitgebracht hat. Sagt Sie.

Bei uns ist es locker. Thomas ist Journalist (69.800 Google-Einträge, aber nichts in der Wikipedia.) Die Google-Einträge sehen allerdings nur deswegen so fett aus, weil es einen weinhändlernden Onkel, einen Comiczeichner, einen Hotelmanager, einen theoretischen Physiker und einen Boy Soprano in Tölz gibt, die exakt so heissen wie Thomas. In Anführungszeichen gegoogelt. Ohne Anführungszeichen hätte Thomas 1.260.000 Einträge. Aber ohne Anführungszeichen googeln gilt nicht.

Mein Boy Soprano, sage ich deshalb zu Thomas. Immer dann, wenn er sich selbst googelt. Dann explodiert Thomas. Mit einem Pornoheft in der Hand kann ich meinen Lebensabschnittspartner nicht erpressen, mit Egogugeln schon. Deswegen liebe ich Thomas. Für die roten Ohren, wenn ich ihn beim Egogugeln erwische. Ausserdem: Das Weingut gehört wirklich seinem Onkel und das Online-Archiv von Thomas' Brötchengeber biegt sich von Artikeln aus Thomas Tastatur. Da ist der Neue schwach auf der Brust.

Die Thomas-Lücke in der Wikipedia schmerzt. Ich könnte das fixen. Das Blöde an der Sache: Wenn ich das von unserem Laptop aus mache, sieht das aus, als hätte sich Thomas selbst eingetragen. Nicht auszudenken, wenn jemand Thomas’ IP-Adresse in einem Wikipedia-Artikel über ihn selbst entdeckte! Der Ausweg wäre die düstere türkische Internetbude neben dem Branntweiner. Will ich das? Moderne Liebe hat Grenzen.

Maja kommt heute auch, sie ist Malerin und international gefragte Festemacherin. Aus ihren 240 Google-Eintragungen wird noch was, sag ich. Spätestens, wenn Maja sich einen Computer zulegt. Dafür fürchtet sich Maja. Davor und vor den Wörtern: Online, Weblog, Google. Darling, what a sweet Furcht!

Immerhin bringt Maja den entzückenden Georgier mit. Giga heisst er und hauert Bild. Giga bringt seine Freunde Mega und Kilo mit. So nennen wir sie jedenfalls. Mega ist Restaurator und Kilo ist Opernsänger. Internetmässig haben Sie es faustdick hinter den Ohren. Immerhin hat Mega seine Freundin Deka im georgischen Ficktempel in Second-Life kennengelernt. Nicht im georgischen Bobo-Lokal am Karmelitermarkt, wie sie gerne behaupten. Der runde Bauch, den Deka von ihrer siebenten Offline-Nacht mit Mega hat, heisst Mikro. Und frage nicht, auf wieviele Einträge Mega kommt.

Nina kommt also und bringt den Neuen mit. Der Neue mag Wirsing und hasst Fenchel. Woher wir das wissen? Das steht in einem Interview, das Nina im Internet gefunden hat. Anlässlich des dritten Programms vom Neuen. Das soll nicht so spannend gewesen sein, wie das zweite. Sagt das Netz. Gut, dass der Neue ein viertes Programm hat. Und gut, dass es darüber ein Weblog gibt.

Mit einem Blog bist Du fein raus. Geschicktes Bürschchen, der Neue, sagt Thomas, pumpt seine Google-Präsenz mit einem Blog auf. Wenn er das geschickt macht, sagt Thomas, und er macht das geschickt, sagt Thomas, dann ist der bald über die Hunderttausend. Mit Old-School-Journalismus ist das nicht zu schaffen. Findet Heidi auch. Deshalb macht Heidi jetzt Filme. Wegen der Google-Einträge.

Nina ist gerade gekommen. Der Neue sieht gut aus. Besser als auf dem Bild, das mit dem Hut, auf der Website seiner Agentur. Das war nach der Trennung von der Kindsmutter, hat mir Nina heute Mittag beim Skypen reingedrückt.

Der Neue hat vier Flaschen Umathum mit, 2004er Haideboden Magnum, elegante Struktur, leichte Kakaonote im Duft, sehr saftig, sehr feine Frucht, eine Kanone. Wenn wir 12 Flaschen nehmen, hat Nina gegoogelt, kostet der Saft nur 41,73 die Flasche. Wir brauchen aber nur 4 Flaschen, hat der Neue gesagt.

Das hat mir Nina am Nachmittag gemailt. Und dass der Neue einen seltsamen Fleck hat. Am Dings, an der Kabarettlatte. Naja, so ein Muttermal halt. Steht nicht in der Wikipedia. Im Echelon sehr wohl. Im Echelon werden alle mails ausgewertet. Alle. Auch die von Nina. Das Echelon ist die Wikipedia vom CIA.

Egal, der Neue ist da, es gibt keinen Fenchel, dafür Lamm und Wirsing. Und Umathum um 41,73. Bis zum Abwinken. Und keine Gespräche über Söhne aus früheren Verbindungen, Dachterrassen oder Flecken auf Künstlerpenissen. Und auch keine über selbstverfasste Wikipedia-Einträge.

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Andrea Maria Dusl (28.100 Google-Einträge, 2 Wikipedia-Einträge, kein Dachgarten, drei Weblogs) ist Autorin, Zeichnerin und Filmemacherin. Sie hostet ein vielbesuchtes Blog auf www.comandantina.com
Dieses hier.

Für Standard-RONDO, geschrieben am 21. März 2007

30. März 2007 (6) Comments

Sperenzchen

Liebe Frau Andrea,

schon wieder stehe ich vor einem Problem, das mir unsere allumfassende Müllhalde (Wikipedia, Google und die Anverwandtschaft) nicht beantworten kann. Woher kommt eigentlich dieses feine kleine Wort "Spärenzchen"? Mit der Bitte mit diesen Spärenzchen Schluss zu machen, verbleibe ich höflichst,

Markus Knopp,
PeP Promotion & Hospitality

Lieber Markus,

Sperenzchen, die Kobolde unter den Umständen, tauchen immer in Grüppchen auf. Von der Begegnung mit einem alleinstehenden Sperenzchen, oder gar einer ausgewachsenen Sperenzie ist in der Literatur wenig bekannt. Mit diesem Text sollte Google bald weder Sperenzien noch Sperenzchen mehr mit Sperenzchen und Sperenzien machen. Dieses Problem hätten wir gelöst. Das Wort selbst ist eine volksetymologische Anlehnung an ‘sich sperren’, sich ‘zieren’. Unerwarteterweise kommen unsere Sperenzchen aber von keinen, wie immer gearteten Unwillensbekundungen, sondern vom lateinischen ‘sperantia’- Hoffnung. Etwas gespreizt erweitert der wissenschaftliche Rat der Dudenredaktion diese Erkentnis um die Formel, dies sei “die Hoffnung, daß das Sichzieren Wirkung habe". Oke. Wie eine kleine Hoffnung sich zu einer Abwehr auf das Gewünschte auswachsen kann, verschweigen die dicken Bücher. Bei jedem Sperenzchen schwingt allerdings immer ein Spärenzchen mit, die spärliche Hoffnung nämlich, man könnte sich das Sehnen sparen. www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 13/2007

25. März 2007 (1) Comments

Showtime ::: Wie kommt der Film zum Publikum?

Pdf der Zusammenfassung einer Diagonale-Podiumsdiskussion, die am Mittwoch Mittwoch, 21. März 2007 von 14.00-16.30 Uhr im Rahmen des Schwerpunkts 'Verwertung' zum Thema "Wie kommt der Film zum Publikum und das Geld zurück zu den ProduzentInnen?" geführt wurde.

Moderiert von Peter Menasse diskutierten im Space 04 des Grazer Kunsthauses:

Michael Bilic - Das Kino Salzburg
Andrea Maria Dusl - Regisseurin
Peter Jäger - Autlook Filmsales
Wulf Sörgel - Verleih Neue Visionen/Berlin
Michael Stejskal - Filmladen Verleih

21. März 2007 (0) Comments

Tulpen des Herzens

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Sehr geehrte Frau Andrea,

unlängst wurde ich von einer Thunfisch-Doku aufgerüttelt. Unglaublich, was die Industrie mit dem Schwein des Meeres anstellt! Ich esse wenig Thunfisch, bin allerdings ein großer Tulpenfreund - und die Tulpe ist ja wohl so etwas wie der Thunfisch des Gewächshauses. Gerne stelle ich des Frühlings Tulpen auf den Tisch und fürchte beständig, dass diese in Südafrikanischen Tulpenfabriken von schlecht entlohnter Kinderhand zusammengeschraubt werden. Gibt es einen Ausweg? Wo kann der global citizen und Tulpenfreund die Blume seines Begehrens ökologisch verantwortungsvoll erwerben?

Mit freundlichen Grüßen, Lukas Raimund, Leopoldstadt

Lieber Raimund,

Tulpenfreunde wie uns stellt die Industrie vor ein grosse Dilemma. Bei der Erzeugung der Tulpe wird zwar nicht der Township-Kinderhand, sehr wohl aber Moeder natuur mitgespielt. Acht von zehn Tulpen kommen nämlich aus dem Land unter dem Meeresspiegel. Die Skrupel der holländischen Tulpenindustrie gelten allerdings nur den Gesetzen des Marktes. Es gibt mehrere Auswege aus unserem Dilemma. Lärm und CO2-Belastung durch Transport können wir minimieren, in dem wir direkt in Holland leben, am besten neben einem Tulpenfeld. Bliebe die Schädigung der Umwelt durch schadstoffeintensive Monokultur. Dies vermeidend griffen wir zu heimischen Tulpen aus österreichischer Zwiebelproduktion. Reisten mit dem Fahrrad zum Bio-Gärtner unseres Herzens und kontrollierten den Schnitt der botanischen Tulibane persönlich. Das ginge. Das geht. So mache ich das. Fast. www.comandantina.com dusl@falter.at

Fürmeine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 12/2007

19. März 2007 (2) Comments

Europa wird 50

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Europa wird 50 oder so.
Nichts ist fertig.

Dusilation für Falter 12/07

19. März 2007 (0) Comments

John Banville, Louis Begley, Andrea Levy

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Angloamerikanische Schriftsteller: Der Ire John Banville, der Amerikaner Louis Begley
und die Karibo-Britin Andrea Levy an Bord der literarisch unauffälligen Mayflower.

Dusilation für das Cover der Falter Buchbeilage in 12/2007.
Ins Bild klicken für 1000px-Version!

19. März 2007 (0) Comments

Emily Dickinson

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Emily Dickinson. Das Eichhörnchen der amerikanischen Poetik.

Für die Buchbeilage in Falter 12/07

19. März 2007 (0) Comments

Andrea Levy

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Die Karibo-Britin Andrea Levy.

Für die Buchbeilage in Falter 12/07

19. März 2007 (0) Comments

Funny Van Dannen - Max Goldt

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Lustig: Funny Van Dannen. Ernst: Max Goldt.
So landen hier auch die Google-Ergeebnisse
für Max Ernst und Funny Goldt.

Für die Bücherbeilage in Falter 12/2006

19. März 2007 (1) Comments

Eva Herman

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Das Heimchen am Bürgerherd: Eva Herman.

Dusilation für die Bücherbeilage von Falter 12/07

19. März 2007 (0) Comments

Amartya Sen

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Der Inder Amartya-Sen.

Dusilation für die Buchbeilage in Falter 12/07

19. März 2007 (0) Comments

Der Schnitt der Welt

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Sujet einer Postkarte, die ich für meine Cutterin und Freundin Karina Ressler vom Verband der Editoren dusiliert habe. Niemand geringerer als der grosse Peter Alexander hat hier Falter-Kunstkritikus Matthias Dusini den Körper geliehen. Der Rasen, den die beiden schneiden, liegt vor Peter Neumayers Comer Villa. Oder war es Lugano? Oder Locarno?

14. März 2007 (0) Comments

Limonesisches

Limone-sul-Garda.jpgVerehrte Andrea!

Um die Herkunft des Ortsnamens "Limone sul Garda" endgültig zu klären, wenden wir uns verzweifelt an Sie. Das Dilemma: alle einschlägigen Broschüren und Lexika führen den Namen auf lateinisch "limes" zurück, wohingegen italienische wie hiesige Philologen und Autoritäten einhellig die Zitrone für den Ortsnamen verantwortlich machen. Auf duslige Erleuchtung hoffend, verbleibt erwartungsvoll

Wolfgang Bankl

Lieber Wolfgang,

es gibt zwei Limones in Italien, eines in den Piemonteser Alpen und eines am nördlichen Westufer des Gardasees. Beide führen die Zitrone im Wappen. Und beide irren sich damit. Der Schiort Limone liegt am Weg zum Tendapass, einer alten Verbindung zur Côte d'Azur und will so mit den Zitronen (ital. limoni) in Kontakt gekommen sein. Tatsächlich kommt das Wintersport-Limone vom lateinischen Wort limes (Grenze) - keine unvernünftige Benennung für einen Passort. Im anderen Limone, einem kleinen, von Hotels überfluteten Fischernest am steilen Felsufer des Gardasees werden heute zwar wirklich Zitronen angebaut, der Name kommt aber nicht von den sauren Früchten. Auch nicht von der Ulme (elmo, lemos oder limo) oder gar der nahen Grenze zwischen den Provinzen Brescia und Trento. Limone hat vielmehr mit der Funktion des einst nur per Boot und über die Berge erreichbaren Ortes zu tun. Wir können es uns aussuchen: Limone kommt entweder von lembus (Kutter, Boot) oder von limen (Schwelle, Steg), einem lateinischen Ausdruck für einen kleinen Hafen. www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 11/2007

12. März 2007 (0) Comments

Luxusgut Glühbirne

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Der Betrieb von Glühbirnen ist eine der grössten Geldverbrennungen auf diesem Planeten.

Dusilation für Falter 10/2007 pag 11. Zu einem Konsumismus-kritischen Text von Robert Misik.

7. März 2007 (1) Comments

Es wird gebaut

Im Haus neben meinem wird gebaut. Gebaut. In der kleinen bescheidenen Wienerwelt ist das ein magischer Vorgang. Seitdem die Stadt im zweiten Weltkrieg von Bombenhageln zerschrammt wurde, hat das Bauen eine zweite Konnotation. Bauen muss nicht das Errichten neuer Gebäude bedeuten. Bauen in den engen Gassen der inneren Bezirke heisst: Wiederaufbau. Wohnungszusammenlegung. Kategorie-Upgrading. Mietrenditenmaximierung.

Nun sind zwar die Narben der Bombennächte längst mit den sauberen Fassaden der Fünfzigerjahre verputzt und mit den Kleinplattenbauten der Sechziger kaschiert, im Gedächtnis der Bewohner ist Wien aber noch immer die Trümmerstadt der späten Vierziger. Im Gedächtnis der Bewohner ist das Hämmern und Klopfen, das Knattern von Baumaschinen und das singende Geräusch hebender Kräne ein musikalisches Leitmotiv für Stadtgesundung.

Lärm ist leiwand. Denn Lärm heisst Bauen. Und Bauen ist gut. Ganz unabhängig davon, was gebaut wird, was verspachtelt, was niedergerissen. Das Geräusch fallender Ziegel, der Geruch eröffneter Keller, der Anblick frischer gegrabener Kineten erfüllt die Wienerin und den Wiener mit einem wohligen Schauer. Es geht aufwärts. Es wird besser. Die Stadt richtet sich auf.

Tatsächlich bedeutet das Knattern von Baumaschinen nichts Gutes. Das Klingeln der Baugerüste kündigt Böses an. Teurer Wohnraum wird geschaffen. Wohnraum für Bobos. Linkswählende, gründenkende, wirtschaftsliberale Enddreissiger und Mittvierziger mit überkrusteten Katholikenseelen und bürgerlichen Herzklappen. Fretitagtaschenjunkies, die Kaiser Chiefs hören und Second Life spielen, Muqualiegen bewohnen und Zitronengras kauen.

Die Bobos, die die Wohnungen im Haus neben meinem beziehen werden, werden sich über frischverlegte Parketten freuen, fugendicht schliessende Fenster, wireless-LAN-Buchsen und sanft federnde Aufzüge. Sie werden bei den lesbischen Blumenhändlerinnen neben dem 1000-Sessel-Händler eingetopfte Farne kaufen und Bäume mit Feigen, Rosmarin und Salbeibüsche. Sie werden Karottenbrot bunkern und ungespritzte Limonen pressen und in fair getradetem Kupfergeschirr handgeschriebene Rezepte verkochen.

Bis im übernächsten Nachbarhaus der kleine Bagger einfahren wird. Ein Sechsachser aus dem Burgenland die Mulde kippen und zwei Mietarbeiter damit beginnen werden, das Nachbarhaus zu entkernen. Dann wird es knattern und rütteln. Dann wird der Kran singen und die kleine Schaufel des Zimmerbaggers unsere Bobos aus dem Futon heben.

Brav, werden die Omas mit den dackelgelähmten Dackeln sagen. Elender Proletenlärm! werden die Bobos schnauben und die Emailadresse der nächsten Polizeiwachstube googeln.

Für das Ösi-Blog in der ZEIT.

6. März 2007 (0) Comments

Baba

Liebe Frau Andrea,

vergangenes Woche hatten wir Besuch von deutschen Freundinnen. Dabei wurde an uns die Frage gerichtet, woher denn die Verabschiedungsformel "Ba Ba" komme. Eine Weiterentwicklung des englischen "bye bye" haben wir ausgeschlossen und eine Nähe zum "Gaga" entschieden abgelehnt. Können Sie uns aus unserer Misere retten, damit diese Endlosdiskussion doch noch ein gutes Ende nimmt?

Mit lieben Grüßen,
Christina Eisenbacher, Internet

Liebe Christina,

die Wienerische Grussformel wird stets auf der zweiten Silbe betont und weicher ausgesprochen als das französelnde Papa, mit dem Hofratswitwen und Josefstadtabonnentinnen ihren jeweiligen Vater bezeichnen. Vom englischen bye-bye stammt unser Baba! auch nicht ab, denn das kommt von good-bye (Aufwiedersehn). Good-bye wiederum ist eine Verballhornung der geschraubt klingenden altertümlichen Version “God be wy you” (Gott sei bei euch). Ihrer Misere darf ich insoferne keinen Ausgang anbieten, als ausgerechnet das urwienerisch Klingende Baba! aus Deutschland zu kommen scheint. Es ist die Verdoppelung des Ekelausrufs “Bäh!”, der in der Form “Ba!” irgendwann Eingang in die österreichische Babysprache, oder genauer: in die Sprache gefunden hat, in der hierzulande mit Babies konversiert wird. Das verdoppelte Lallwort Baba für das Abwenden von ekelerregenden, Dingen ist irgendwann zum Abschiedsgruß für Babies und Kindergartenkinder verkommen. Von da zum Bussi-Bussi-Verabschiedungsfloskerl wars nur mehr ein lauschiges Walzerschrittchen. www.comandantina.com dusl@falter.at

Für meine Kolumne 'Fragen Sie Frau Andrea' in Falter 10/2007

5. März 2007 (0) Comments

Österreich

Aus der Serie 'Gute Texte von schlechten Dichtern'

via Ösi-Blog in der ZEIT und You-Tube.

Journalist: Guten Tag, ich wollte mit dem Herrn sprechen, der dort mit ein paar Leuten drinnen sitzt. Mit wem hab ich die Ehre?

Mitarbeiter: Mitarbeiter der Bawag.

Journalist: Verstehe. Das heißt, Sie sind Geisel?

Mitarbeiter: Ja.

Journalist: Was passiert jetzt grad?

Mitarbeiter: Wer sind sie bitte?

Journalist: Mein Name ist Hagyo von der Tageszeitung Österreich.

Mitarbeiter: Na bitte, jetzt nicht. Danke.

Journalist: Könnte ich bitte den Herrn, der Sie bedrängt, sprechen?

Mitarbeiter: Von wem sind Sie, bitte?

Journalist: Österreich

Mitarbeiter (zum Geiselnehmer): Ein Herr von der Zeitung Österreich.

Geiselnehmer: Ja, gib her! Dader, dader!

Mitarbeiter: Ich verbinde Sie.

Journalist: Danke sehr.

(Tonbandschleife des Bankinstituts)

Journalist: Ja? Guten Tag, Hagyo. Hallohallo.

Geiselnehmer: Hallo.

Journalist: Grüße Sie, mein Name ist Hagyo von der Tageszeitung Österreich.

Geiselnehmer: Wia haaßen Sie?

Journalist: Mein Name ist Hagyo. Von der Tageszeitung Österreich.

Geiselnehmer: Ja und? Was san Sie für a Landsmann?

Journalist: Ö-Österreicher.

Geiselnehmer: Haudiz is ja ka Landsmann.

Journalist: Dochdoch, glauben Sie mir.

Geiselnehmer: Ok, und weida?

Journalist: Na, i wollt fragen, wie geht’s Ihnen so?

Geiselnehmer: Wie geht’s Ihna?

Journalist: Mir geht’s ausgezeichnet.

Geiselnehmer: Na sehn Sie.

Journalist: Aber das ist jetzt nicht die Frage, ich habe gehört, Ihnen sind Zigaretten geliefert worden.

Geiselnehmer: Was san ma gliefert worden?

Journalist: Zigaretten. Oder so.

Geiselnehmer: Na, wir ham kane Zigaretten.

Journalist: Sie ham kane Zigartetten kriegt?

Geiselnehmer: Des woan... San sie von der Kronen Zeitung?

Journalist: Na, von Österreich.

Geiselnehmer: Österreich. Pass auf amol. Jetz sog i da amoi aans, Märchenprinz. I hob weder Zigaretten kriagt no sunst wos, ja?

Journalist: Ja, ja.

Geiselnehmer: Und jetzat dann weama no amoi anruafa, dass ma endlich amoi aufs Klo gehen kennan. Weil's Klo is abgesperrt.

Journalist: Wirklich? Und wieso ist es abgesperrt.

Geiselnehmer: Na weil's zua is. Wos haast, wieso is es ogsperrt?

Journalist: Ist des normal dort?

Geiselnehmer: Na des is net normal. Jetzt schiaß i da eini amol.

Journalist: Ja. Ja, ja...

Geiselnehmer: Jajaja. Pass auf amoi, jetzta, I kenn die net, wie haßt du. Hodi, Hodi……

Journalist: Hagya, ja...

Geiselnehmer: Oke, ja, woat, I, wüßst a Geisel sprechen?

Journalist: Na, na, na, i wollt jetz fragen, wias jetz weitergehen wird. Wie, wie schaut's'n aus?

Geiselnehmer: Wos haasd, wias weitergeht?

Journalist: Naja.

Geiselnehmer: Woher ham Sie die Nummer überhaupt?

Journalist: Aus dem Telefonbuch.

Geiselnehmer: Des gibt’s net.

Journalist: Sicher.

Geiselnehmer: Wos haaßd "sicher"? Wie redst Du mit mir? Wos haaßd "sicher", des haaßt "ja".

Journalist: Ja. (lacht)

Geiselnehmer: Des huacht si besser an. (rumort)

Journalist: Hallo?

(Klack – aufgelegt.)

...........................
Im Online-Datum gibt es aus gegebenem Anlass ein Interview mit dem Interviewer Arpad Hagyo.

Hagyos Brötchengeber, die knallharte Aufdeckerzeitung Österreich

Dank an Pit Hörmanseder von der Medien-Aufklärungs-Truppe .maschek!

2. März 2007 (0) Comments

Dusls Ticks

Absolutes Sperrrgebiet

Doris Knecht berichtet über mich in ihrer Falter-Kolumne vom 1. März 2007.

(...) Diejenigen meiner Freunde, die keine Kinder haben, die sie ankeppeln könnten oder die ihre Kinder schon aus dem Haus gekeppelt haben, nutzen ihre Freizeit, um sich faszinierende Ticks anzueignen, welche sie mir dann beim Mittagessen im Wirtshaus vorführen. Kollegin A. hat sich auf das Kirremachen von Kellnern spezialisiert. Sie hätte gerne, sagt A. im Sapa, den im Wok gebratenen Tofu mit Gemüse und Reisnudeln, aber mit Reis statt Nudeln und ohne den Tofu, geht das? Das geht erstaunlicherweise. (Was mich an den Kerl erinnert, der kürzlich, als ich mal auflege, am DJ-Pult erscheint und sagt, so, langsam hat er genug, wenn ich jetzt nicht gleich etwas spiele, das er kennt, verlässt er das Lokal. Worauf ich, um keinen Publikumsverlust zu riskieren, schlagartig „Lets Stick Together“ von Bryan Ferry in den CD-Player schiebe, worauf der Herr erneut das DJ-Pult aufsucht, um mir erbost mitzuteilen, so, es sei jetzt endgültig genug, tschüss, auf Nimmerwiedersehen. Für diesen Mann konnte ich nichts tun.)

Während Kollegin Dusl die Unfähigkeit kultiviert , eine Konversation am Wirtshaustisch zu beginnen, bevor das Teehäferl exakt mittig auf dem exakt mittig ausgerichteten Set ausgerichtet ist, wobei der Teebeutelfaden in die Diagonale zeigen muss. Sie sei auch, sagt Dusl, nicht mehr in der Lage, mit weißem Papier zu arbeiten, weißes Papier lenke sie ab, es dominiere durch seine Weißheit allzusehr die Atmosphäre, sie arbeite nur mehr mit gelbem Papier. Gelbes Papier sei bescheiden und zurückhaltend, gelbes Papier dränge sich nicht auf, weißes Papier dagegen. Wenn weißes Papier, dann streng mittig und kantig, aber sie könne ja nicht auf einem dicken Packen streng mittig platziertem Papier. Ein schönes Hobby, sage ich. Nicht wahr, sagt Dusl.

1. März 2007 (0) Comments

Showtime ::: Andrea, Tex, Klaus

Gemeinsam mit Zeichner-Habibi Tex Rubinowitz und Text-Compañero Klaus Nüchtern lese ich heute Abend in psychoanalytischer Ufernähe. Einen hysterischen Steinwurf von Sigmund Freuds Sofa entfernt begeben wir uns in den Keller und tragen aus unseren Taschenbüchern vor.

Der offizielle Text zur Veranstaltung liest sich so:

Fragen Sie doch Frau Andrea
Sprechen Sie mit Tex Rubinowitz
Diskutieren Sie mit Klaus Nüchtern
oder hören Sie den dreien einfach zu.

Ein Abend mit Andrea Maria Dusl, Klaus Nüchtern und Tex Rubinowitz
serviert von Rotraut Schöberl
in Leporellos Kellergwölb, 1. März 2007, 19.30 Uhr
Leporello – die Buchhandlung
1090 Wien, Liechtensteinstr. 17 / Ecke Berggasse

Hier kommt der Antipastidepp mit dem staubigen Tier, immer auf der Suche nach dem „gut Kaputten“ und auf dem Weg nach Blue Moon ... Nüchtern betrachtet ergibt das Befindlichkeitsbetrachtungen, urbane Absonderlichkeiten, wundervolle Ausblicke, gelungene Sätze, ein ebensolches Buffet - und einen gelungenen Abend!

Dazu (chronologisch) die Bücher aus dem Falter Verlag:
Klaus Nüchtern. Hier kommt der Antipastidepp. Nüchtern betrachtet, Band 4
Tex Rubinowitz. Das staubige Tier. Über Wien und unter Wien
Andrea Maria Dusl, Fragen Sie Frau Andrea

Reservierung bitte via e-mail: service@leporello.at
oder Tel. 319 86 12 / Fax 319 19 54
Eintritt Euro 7,-

1. März 2007 (0) Comments

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