Schweinewinter

Falter 16/97, 16.4.1997

Der Platz ist einer der häßlichsten der Welt. Daß die tote Hose dennoch lebt, verdankt die Piazza San Carlo weder Karlskirche noch Sezession, nicht dem Verkehrsbüro und schon gar nicht dem Musikverein. Der Magnetismus des U-Bahn-Knotens geht ausschließlich von gastronomischen Tempeln aus. Tagesausflügler schätzen die italienische Küche des principe. Sein Branzino mit Mangold gehört zu den Besten der Stadt. Freunde der fortschrittlichen Abendgestaltung wiederum finden sich im Café Shabu in der Kunstschachtel ein, wo das dickste Guinness Wiens gezapft wird. Daß hier auch der heissest umkämpfte Wuzeltisch der Welt steht, dürfte sich auch schon herumgesprochen haben. Gleich ums Eck´ finden hungrige Nachtvögel Trost & Rat bei Herrn Stefans Opernstadl. Der Hohepriester unter den Würstlstandlern brät die schmackhaftesten Eiterärmel, schneidet die fettesten Buckln und fischt nach den schärfsten Ölpfefferoni. So schön kann Häßlichkeit sein.

Herr! So da, alter Mann in den Wolken! Wir haben jetzt lange genug an einander vorbeigeredet. Meine Engelsgeduld ist an ihre irdischen Grenzen gestossen. Wir schreiben Mitte April, der Flieder sollte blühen, die Menschen auf Inline-Skatern um die Ecken flitzen, die Cabrio-Industrie Umsätze machen, Freibäder ihre Becken fluten und weißhäutige Menschen ihre neuesten Sonnenbrillen in den Schanigärten der Stadt ausführen. Was aber bietest Du uns ? Grönländische Kälte und Kettenpflicht auf der Höhenstraße. Ali Baba, hilf, das Faß ist voll!

Ali Baba!

Falter 15/97, 9.4.1997

Da haben wir den Salat. Öl ist nicht Öl ist nicht Öl. Eine Studie der Europäischen Union konnte jetzt fettsäuremäßig herausnasern, welche Region die gesündeste in der EU ist. Nein, es ist nicht die mildhüglige Toscana mit ihren fetten Tenören und nachdenklichen Sozialdemokraten. Auch im windgepeitschten Norwegen der Lebertran schlürfenden Walfänger lebt es sich ebenso ungesund wie im nußölig-schmalzigen Tirol und in der Steirer Mark, deren rußiges Kernöl die Kehlen der Tennishelden Thomas Muster und Gilbert Schaller schmiert. Das Öl der Öle kommt von der Mittelmeerinsel Kreta. Die Kreter, die dreimal soviel kaltgepreßtes Olivenöl trinken, wie andere Europäer, strotzen nur so von günstigen Cholesterinwerten, Krebsressistenz und Idealgewicht. Vergessen wir also die Alpenfette Schmalz und Butter, die Öle des rotleuchtenden Mohns und der unantasbaren Distel, die Kerne der stolzen Sonnenblume und der Stinkefrucht Kürbis und greifen zum Preßgold der minoischen Oliven. Kretische Werte lügen nicht, wie, glaube ich, schon Karl Platon sagte.

Venus und Mars

Falter 14/97, 2.4.1997

Zivilisierte Kulturen zeichnet im wesentlichen aus, daß sie Normen entwickelt haben. Wir können uns darauf verlassen, daß ein Liter Coca-Cola in Caracas das gleiche Volumen hat wie ein Liter Milch in Marchtrenk. Die 100 Meter im Olympiastadion von Atlanta entsprechen auf den Bruchteil eines Millimeter den 100 Metern der Laufbahn im Olympiastadion von Moskau. 240 Hertz sind 240 Hertz, ob in Brindisi, Bagdad, Bochum oder Baden bei Wien. Da fährt die Eisenbahn drüber. Oder 43-1-53660, die Telefonnummer des Falter: Schnitzelland: 43, Wien: 1, Falter: 53660; ganz einfach ist das, weil genormt. Bis 31. 12. 1997 wird das so einfach sein, denn ab dann gehen die Uhren anders. Am Neujahrstag des kommenden Jahres tritt die Privatisierung des österreichischen Telefonnetzes in Kraft und damit je nach Operator ein aberwitzig fortschrittliches System neuer Vorwahl,- Zwischenvorwahl- und Teilnehmernummern.

Die Aufmunternde Morgenbegrüßung „Taaaaagwacheeee“ wird sich nächstes Jahr auch in Soldatinnen-Ohren bohren. Ab 1.1. 1988 werden Frauen Dienst an der Waffe schieben dürfen. Wehrfrauen, Gefreite, Fähnrietten, Hauptfrauen und Divisoneusen werden über Kasernenhöfe robben bzw. robben lassen. Ob das sich das Sturmgewehr bei den Damen als „Bräutigam der Soldatin“ mit eventuell pornografischen Mehrdeutigkeiten durchsetzen wird, steht hingegen noch nicht fest. Herr! Wenn sich nicht allerflottest etwas ändert, Herr, lasse ich Dich entmündigen.

My Generation


Falter 13/97, 26.3.1997

Wir leben in einer Informationsgesellschaft, wie uns gut unterrichtete Philosophen erfolgreich eintrichtern. Mit Siebenmeilenstiefeln rasen wir durch ein expandierendes Universum des Datenaustausches. Kein geheimes Wissen, daß nicht in Sekundenschnelle seinen Weg durch die Netze fände. Wir befinden uns im Jahre 13 n. Orwell. Der ganze Globus ist von Information durchdrungen… Der ganze Globus? Nein! Ein von unbeugsamen Geheimniskrämern bevölkertes Büro hört nicht auf, den wissensdurstigen Eindringlingen Widerstand zu leisten. 0043 1 1611 lautet die Nummer von Klein-Nonum. „Tutututututu . . .“, „Tututututututu–Klick–Tuu-Tuu-Tuu“ und „Platz-zwei-wird-sich-in-Kürze-melden–Klick–Tuu-Tuu-Tuu“ sind die einzigen Informationen die die Wiener Inlandsauskunft anbietet. Kleiner Tip für Verzweifelte: Wählet 0316 1611, die Inlandsauskunft der steirischen Landeshauptstadt.

Erste Maie werden in Wien in alter Tradition begangen. Menschen aus stolzen Arbeiterfamilien mit rotbeflaggten Fahnenstangen in den stolzen Fäusten marschieren sternförmig auf das stolze Rathaus zu. Von der dort aufgebauten stolzen Tribüne spenden dann stolze Parteigewaltige Trost und Rat in stolzen, aber schwierigen Zeiten. Dann wird nach Hause gegangen, ein stolzes Schnitzerl eingeschnitten und mit der stolz beflaggten Bim in den Prater gefahren. Der 1. Mai 1997 wird aller Tradition trotzend ein bißchen stolzer sein, als all die vorangegangenen Tage der Arbeit. Im Prater werden nämlich nicht nur die stolzen roten Kastanien blühen, sondern auch ein rotes Wunder stattfinden. Auf der kleinen Wiese vor dem Planetarium wird niemand geringerer als die berühmteste Proletenband des Universums aufgeigen: THE WHO! Vierfachplus für My Generation und all die anderen Mopedfahrer-Hits.

Herr! Mit Abscheu muß ich den Abbruch unserer Korrespondenz in Erwägung ziehen.

Diverse Flüchtlinge

Falter 12/97, 19.3.1997

Bauen und Wohnen gehört neben Essen und Trinken sowie Tanzen und Springen zu den großen kulturellen Erungenschaften des homo sapiens sapiens. Daß unsere Gattung dem nahen Untergang geweiht ist, konnte jeder feststellen, der einen Rundgang durch die Hallen des Wiener Messegeländes unternahm. Exemplarisch für den ästhethischen Niedergang: Die hässlichsten Nasszellen seit der Erfindung des Waschzwanges sowie die polymorph-perversesten Turboküchen seit der ersten friedlichen Nutzung des Feuers.

Das Geschrei, das sich gerade um das Unmögliche (die Abschaffung des Sonntags) erhebt, dürfte bald verebben. Dann nämlich, wenn Befürwortern und Gegnern bewußt wird, welche Konsequenzen Sonntagsarbeit nach sich ziehen würde: Das Ende des freitäglichen Krankenstandes gleichermaßen wie die rapide Genesung der Nation von schauerlichen Montagsdepressionen. Auch der Bedeutunsverlust der Datumsfloskel Mittwoch wäre zu beklagen.

Herr! Bist Du jetzt völlig übergeschnappt? Was soll dieser unerträgliche Schwachsinn? Schon wieder verwechselst Du Wien mit Wladiwostok und den Kahlenberg mit Kamtschatka!

Was wurde eigentlich aus…?

Falter 11/97, 12.3.1997

Im Techno-Schanigarten Kunsthalle knirscht schon der Kies unter den Gartenstühlen, im Schweizerhaus werden die Budweiser-Zapfhähne poliert und im Beserlpark sprießen die ersten Krokusse durch den Split: Freuet Euch, Frühling ist´s bald. Die Unfallambulanzen melden erste Kiefer- und Wadenbeinbrüche verwegener Inlineskater und die Radgeschäfte einen sprunghaften Umsatz bei Kettenölen, Luftpumpen und Klingeln. Es kommt Bewegung in die Stadt!

Claus Peymann wird also gehen: „I didn´t even care cuz, they say . . . 2000 zero zero party over oops out of time“. So knödelt the artist formerly known as Prince, der diese verräterisch prophetischen Zeilen in den frühen Achtzigern, just zum Arbeitsantritt des Bochumers in seinem Song 1999 unterbrachte. André Heller, „wenn mein starker Arme es will, stehen alle Blumen still“, wurde 50 und bleibt in Wien. Ash (…)

Karl Ritter ::: Im Land der Slidegitarren

Karl Ritter, der als Prinz Karasek für Dr. Ostbahn die Stromgitarre würgte, ist ein guter Mann. Und „Dobromann“ heißt jenes Soloprogramm, das den vielseitigen Gitarristen und seine sechssaitige Dobro dieser Tage wieder einmal gemeinsam zu Gehör bringt.

Andrea Maria Dusl für Falter 12/97.

„Die Dobro … sie ist mysteriös … voll Seele …
manchmal klingt sie wie ein bloßfüßiger Junge,
der die dreckige Straße runter zum Fischteich latscht.
Dann wieder ist sie diese unglaublich
schöne Frau, die du nie kriegen wirst.“
John Fogerty

Karl Ritter.jpgZu Beginn unseres Jahrhunderts kommen fünf tschechische Brüder ins sonnige Kaliforien und verdingen sich in Ermangelung von Angeboten aus dem Tellerwäscher-Busineß als Gitarrenbauer. Der älteste des Brüder-Quintetts mit dem Namen Dopyera erfindet 1928 mehr nebenbei als gezielt eine Gitarre mit mechanischer Schallverstärkung (die elektrische Gitarre war damals nur in marginalen Ansätzen entwickelt). Um dem Kind einen Namen zu geben, schnitzen die böhmischen Entrepreneurs aus DOpyera BROthers ihren Firmennamen: Dobro. Der schnarrend metallische Klang macht seinen Weg durch die Spelunken des amerikanischen Kontinents bis in den Weihetempel nationalen Stolzes, die „Grand Old Opry“ in Nashville, Tennessee. Wie die Dobro (auf böhmisch heißt dobry „gut“) aussieht, weiß im Land der Hamburger jedes Kind, Europäern sei das Dire-Straits-Cover „Brothers in Arms“ in Erinnerung gerufen. Den unverwechselbaren Klang des sechssaitigen Aluminium-Holz-Hybrids hat Ry Cooder im Soundtrack zu Wim Wenders „Paris, Texas“ und unauslöschlich mit dem Genre Road-Movie verknüpft.
Dobromann Karl Ritter ist nicht glücklich, wenn man ihn mit Ry Cooder vergleicht, auch die Bezeichnung „Gitarrist“ hat für den Stockerauer Musiker nicht mehr als biografischen Stellenwert. Die inzwischen abgelegte Rolle des Prinz Karasek in Dr. Kurt Ostbahns Chefpartie hat ihm zwar einerseits eine breite Öffentlichkeit erschlossen, ist aber andererseits mit der Punzierung „Stromgitarrentier“ versehen. Viel gerechter wird man Karl Ritter und den Weiten seiner musikalischen Landschaft, wenn man ihn vom großen Bogen sprechen läßt. Mit einem großen Bogen hat alles angefangen. Einen großen Bogen nämlich muß der Sechsjährige beim Geigenlernen führen. Vater Ritter, „ein eher durchschnittlicher Mandolinspieler“ hält den kleinen Blondschopf zum Studium der Violine an. In Gegenwart der Mutter kann sich Ritter schon mehr entfalten: „Die Mutter war terrisch auf die Ohren, do hob i donn a Stund“ improvisiert auf da Geigen, die hat des net vastondn, da hob i des letzte Blattl von dem Notenheftl aufg’schlong und mi über irgend a Zigeunerstückl wegimprovisiert.“

In die Gitarre verliebt sich Ritter während einer Familienfeier. Fasziniert vom stählernen Sound der tiefen E-Saite versenkt er sich stundenlang in die Klanggebilde, die er der billigen Westerngitarre seines Cousins entlockt. Mit dem Erlös eines alten Cassettenrecorders finanziert sich Ritter seine erste eigene Gitarre, findet Anschluß an Gleichgesinnte und verbringt mit ihnen Tage und Nächte in muffigen Probelokalen. All das entspricht dem oftgemalten Bild des österreichischen Musikers, der mit beiden Händen die Nacherzählung des amerikanischen Traums von der Garagenband, die’s irgendwann einmal schaffen wird, ins kleinkarierte Tagebuch schreibt. Aber vielleicht ist Karl Ritter schon damals etwas „eigener“ gewesen als die anderen.

Mit der Kenntnis der Akkordfolgen des Schikurshits „House of the Rising Sun“ zu imponieren liegt dem Elektrikerlehrling Ritter jedenfalls so wenig am Herzen, wie die Girls mit dem knurrenden Riff zu „Smoke on the Water“ flachzulegen. (Zwischen diesen beiden Eckpfeilern spannt sich jene schmale Brücke, die die Stromgitarrehelden der Popodrom-Generation beschreiten müssen, um in Wien und Umgebung auch nur annähernd so etwas wie „an Auftrag“ zu haben.)

Die Suche nach dem Eigenen führt Ritter in fremde Schluchten. Die Expeditionen in den Saltus Zappaensis führen in über Edgar Varese (das große Über-Ich Frank Zappas) zur Zwölftonmusik. Ritter hat außer Wurstresteln und ausgegrabenen Kartoffeln nichts zu beißen, versteigt sich aber dennoch in die hohen Wände, in die ihn etwa Ernst Kreneks Musik lockt. Monate verbringt er damit, dem ersten Satz von Kreneks Dritter Symphonie eine brauchbare Transkription abzuquälen. (Die gedruckten Noten hätten in der Musikalienhandlung zweieinhalbtausend Schilling gekostet: viel zuviel für einen Suchenden ohne Geld, aber mit Zeit wie Heu.)

Den Ausflug Richtung Punk vermittelt ein Freund, der 1976 enthusiastisch von der neuen Musik aus London berichtet. „Wie geht das“, fragt sich Ritter, eben noch auf dem technischen Trip, „wie krieg‘ ich das auf der Gitarre zusammen, diese Energie, die die Clash da rüberwachsen lassen, was passiert da?“

Zur vielleicht radikalsten Reise schließlich lädt in Willi Resetarits ein, als er Ritter den „Prinz Karasek an der Stromgitarre“ in Ostbahn-Kurtis Chefpartie anbietet. In dem Maße, in dem sich Willi Resetarits in sein Alter ego Ostbahn verwandelt, muß auch Ritter in seinem Part als proletarischer Gitarrenwichser aufgehen. Kein Wunder, daß es ihn nach Jahren des Schwitzens unter Scheinwerferorgeln wieder in die Freiheit der eigenen Musik zieht. Ritter schließt sich etwa mit dem Pianisten Pernes und dem Ziehharmonikaspieler Eder von der Ausseer Bradlmusi zusammen, um „Volksmusik“ zu machen, und spielt die Filmmusik zu Nikolaus Leytners „Schwarzfahrer“ ein.

Als Ritters ambitioniertestes Projekt hingegen darf die Soloperformance „Dobromann“ gelten, die 1995 auch auf Silberdeckel geschnitten wurde und alle jene musikalischen Bilder, flüchtigen Klangskizzen und Soundaquarelle versammelt, die der Gitarrist seit dem ersten verliebten Schrammen über die E-Saite entworfen hat. Die Dobro ist dabei nur eines der Transportmittel. Während Finger und Bottleneck dem Instrument mehr an Intensität entreißen, als die Grenzen des Genres „Slide Guitar“ vorsehen, holt sich Ritter per Fußpedal noch Samples und Dubs aus dem virtuellen Raum, um das einzige zu halten, was ein Musiker sich und seinem Publikum versprechen kann – Spannung. Ritter: „Das, was im Kopf ist, umzusetzen und zu akzeptieren, was dann draus entsteht. Mit Spannung und Entspannung arbeiten, auf was draufkommen. Darum geht´s mir vielleicht. Vergiß die ganzen Blue Notes.“

Frühling statt Winter

Falter 9/97, 26.2.1997

Werbung muß sein. Wie sonst wüßten wir, daß Megaperlen weißer waschen als ordinäre Seifenlauge, welches japanische Auto um welche Leasingrate und um wieviel Airbags besser an der Ampel wartet, als ein verrostetes Fahrrad. Werbung wirbt für Produkte. No Na. Für Babywindeln, fiebersenkende Medikamente, für Computersoftware und Fruchtsäfte. Aber das war ein mal. Denn jetzt hat die Quantenmechanik ihren Einzug in die Werbebranche gehalten. Wir erinnern uns vage an längst vergessene Erkenntnisse aus dem Physikunterricht: Nach der, von Heisenberg formulierten Unschärferelation ist es nämlich unmöglich, gleichzeitig Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens festzustellen. Auf die Welt der Werbung umgelegt, bedeutet das: Während des Hörens oder des Betrachens einer werbetechnischen Maßnahme können nicht gleichzeitig Text und Message erfaßt werden. Die ersten, die diese Erkenntnis vor kurzem erfolgreich in einer Schokoladenwerbung unterbringen konnten, sind die Sprachverdichter Dirk Stermann, Christoph Grissemann und Peter Fichna vom M.I.T. (Mit insequenten Texten). Dreikommasiebenfachplus für Quantensprünge im Äther.

Eine Studie des Instituts für den internationalen Austausch fortschrittlicher Erfahrungen weist nach, daß Hühner unterschiedlich auf verschiedene Radioprogramme reagieren. Radio Wien führte zu erhöhter Legeleistung, während die Berieselung mit Ö3 zu seltsamen Phänomenen führte: Die verstörten Tiere legten Eier mit zwei oder mehr Dottern, solche ohne, welche mit spindelförmiger oder zentimeterdicker Schale und vereinzelt auch gekochte.

Chefchirurgisches


Falter 6/97, 5.2.1997

Ein alter Traum der Menschheit wurde wahr: Wir hirschen in die Trafik, um Geld zu sammeln. Bunte Bilder kaltblütigster Mädchenpferde, schneidigster Schifahrer und unsterblichster Fußballer sind out. Denn jetzt gibt es Money, die glänzendste Sammelidee, seit der Erfindung der Kopeke. Nie war es so einfach, Münzen und Banknoten aus aller Welt anzuhäufen. Welches Glücksgefühl der Besitz einer Brasilianischen 10-Cruzado-Münze auslösen kann! Auch das zärtlich rotbraune Schimmern der Peruanischen 100-Intis-Note ist nicht zu verachten. Und erst die kostbare Eleganz, die der seltene grünviolette 100-Escudo-Schein der Banco de Moçambique beim Einordnen in höchstdurchsichtige Sammeltaschen entwickelt! Wow! So sieht es aus: zweiwöchentliches Glück.

Nehmen wir an, und verwenden dazu einen treffenden Vergleich von Peter Vujica, der begabte Masseur ihrer Lieblingssauna wurde zum Chef der örtlichen Chirurgie bestellt. Würden sie sich mit einem offenen Bruch unter sein fachkundiges Messer legen lassen? Wie wäre es mit dem Einsetzen eines Herzschrittmachers? Oder der Behandlung ihres schmerzhaften Magengeschwürs? Trauen sie ihrem Saunastreichler zu, einen blassen Tau davon zu haben, medizinische Termina wie Bothriozephalose, Brachyösophagus, Bursa bicipitoradialis und Buttler-Albright-Lightwood-Syndrom oder so auch nur richtig zu buchstabieren? Wohl kaum. In solch mißlichen Situation soll sich der Patient Kultur durch die Berufung von Peter Wittmann, vormaligem Chefmasseur der Wr. Neustädter Pink-Floyd-Sauna zum Leiter der Universitätsklinik für Chirurgie der Kulte befinden.

Alibaba! Ob es einen Zusammenhang zwischen gutem Wetter und meinem Fortsein gäbe, fragte mein wissenschaftlicher Berater T. R. jüngst. Es gibt ihn: Wann immer ich mich in Wien befinde, ziehen böse Wolken über die Stadt. Fahre ich weg, sei es nach Klosterneuburg, Kairo, Hallstatt oder nach Havanna, lacht die Sonne von allen Himmeln. Mein Fazit: Ab sofort befinde ich mich jeweils überall, nur nicht hier.

Prima Klima?

Falter 5/97, 29.1.1997

Nie war es einfacher zu krudern & zu dorfmeistern. Um den Preis eines durchschnittlichen Mountain-Bikes können nun auch mäßig begabte Musikanten aufpeitschende Rhythmen zusammenstöpseln. Roland Groovebox MC-303 heißt das Kastl, mit dem auch Volldillos zu Proficompilern wachsen können. Zwischen Whitney-Houston-Schnickschnack-Pop und bösestem Techno gibt es keine denkbaren Tongeflechte, die sich mit dem schreibmaschingroßen Wunderding nicht verwirklichen ließen.

Steiler Abgang


Falter 4/97, 22.1.1997

Wir erinnern uns: Es gab eine Zeit, da man ohne Filofax (original Filofax, wohlgemerkt) so was von out war, daß es ärger nicht ging. Ja, so war das: Megaout war man ohne das kalbslederne Ringbuch mit den vielen, vielen megawichtigen Adresszetteln und Golfergebniseintragseiten, den Stadtplänen von Vancouver, Miami und Sydney, den einlegbaren Weinführern und was es sonst noch an Wichtigtuerpapierln mit fünf Löchern gab. Diese Zeit ist Geschichte. Bleiern liegen die zellophanverpackten Blätter in den Regalen. Die Menschheit merkt sich ihre Termine wieder, die U-Bahnpläne der Welt hängen vor Ort in den jeweiligen Stationen und mit dem Wahrheitsgehalt von Weinführern ist es ohnedies so eine Sache.

Hardigatti! Wenn sich nicht sofort, Herr, (und mit sofort meine ich in den nächsten zehn Minuten) etwas ändert, werde ich die Korrespondenz mit Dir sistieren und in Verhandlungen mit dem großen Ali Baba eintreten. Es fällt mir schwer, in dreimonatigem gefrierenden Hochnebel etwas anderes als pathologischen Dilettantismus zu sehen. Schneestürme und krachende Kälte, von mir aus, Föhn und Taugatsch ditto, aber diese uninspirierte Nebelsuppe: Nein! Wir fordern Sonne! Jetzt! Bis auf weiteres und nicht trotz, sondern wegen alter Treue grußlos Deine Comandantina

Placido ist verliebt


Falter 3/97, 15.1.1997

When it is wintertime einige Dinge are really unbrauchbar: Rollerskates etwa, oder Kühltaschen. Cabriolets sowieso und Gelsenstecker auch. Die Heilige Nacht ist traditionell Wintersache, und daran mag es liegen, daß sich mehr Fäustlinge unterm Christbaum finden als Taucherbrillen, mehr stahlkantiges als gummibereiftes, mehr warme Wolle als kühles Leinen. Kluge Köpfe allerdings leben antizyklisch. Sie kaufen jetzt Sonnenöl Faktor 38, wo schon Faktor 2 jeden Sonnenbrand verhindern würde, sitzen jetzt im Schanigarten, wo es garantiert kühl und schattig ist und sichern sich jetzt schon einen Liegeplatz im Krapfenwaldlliegebad, wo mit Sicherheit gerade wenig auf Piste sind. Kluge Köpfe sind der Motor der Wirtschaft. Sie sichern tausende Arbeitsplätze in der Speiseeisindustrie und zigtausende in den Bikinifabriken.

Placido Domingo hat sich verliebt. In diesem Alter! Zu dieser Jahreszeit! Wow! Was sagen José und Luciano dazu? Wird der alte Freund und Kupferstecher Marcello Prawy seinen Segen geben? Fragen über Fragen zum Lenzen der Tenorhormone!

Die wichtigste Informationssendung des Küniglberg ist nicht die ZiB, auch nicht die ZiB 2, es ist schlicht und einfach Willkommen Österreich. Das Gelaber und Gesülze von Lizzy und Jesi, Ricarda und Pirchi wurde hochkarätig erweitert. Ab sofort wird Ex-Paris-Korrespondent Tommi „the Strahlemann“ Fuhrmann das TakTik-Männchen moderieren, lustige Kochrezepte nachkochen, Willi Dungl aus der Massage-Reserve locken und Tips gegen Nasenbluten und Hexenschuß servieren. Unklar ist noch, zu welchem Kosenamen Schnitzellands Omas greifen werden. Zur Auswahl stehen „Tommi“, „der Thomas“ und „Fuhri“.

Das „Wetter“, O Herr, ist von fabelhafter Schlichtheit. Welch ausgeglichene Temperatur! Es ist weder warm noch kalt! Und erst die Farben, Herr! Grau die des Himmelszeltes, grau jene der Straßen und grau die der Gehsteige. Kamelfarben allein die festgefrorenen Produkte unserer vierbeinigen Freunde. Respekt.

Prognosen

Falter 1,2/97, 8.1.1997

1997 wird ein fettes Jahr werden, wie ein kurzer Blick in den Kalender beweist: Das neue Jahr wird nämlich nur einen Freitag den 13ten haben. (Die statistische Wahrscheinlichkeit für einen Freitag den 13ten beträgt immerhin 1:1,7142857143, wir werden also mit satten 0,7142857143 auf die Glücksseite fallen. Der UNCalCalcO (United Nations Calender Calculation Organisation), die das Jahr 1997 berechnete, gelang dieses Kunststück allerdings nur mit schmutzigen Tricks. Die dicke Rechnung für so viel Glück kommt 1998, dort verstaute die UNCalCalO ganze drei Horrorfreitage. Soweit so gut. Wie das Glücksjahr 97 im Detail aussehen wird, konnte durch exakte Berechnungen mit Autoquartettkarten, Plexiglaskugeln und dem Lesen in hyperkritischem Kaffee-HAG-Satz bestimmt werden. Im Folgenden eine kleine Auswahl.

Praterstrizzis, Mitglieder der Wach- und Schließgesellschaft sowie Metallergewerkschafter werden kübelweise Tränen vergießen: Die Zigarette der Zigaretten, die Johnny „ohne“, wird in Pension geschickt.

Die russische Kultkamera Lomo wird unbezahlbar billig werden.
Abgestandenes Guinness wird Red Bull als Szene-Getränk ablösen.
Die Modefarben des Sommers werden Kiwigrün, Zebrastreifenschwarz, Achtminutendottergelb und Durchsichtigblau sein.

Bundeskanzler Franz Vranitzky wird im Februar drei Wochen lang mit dem Gedanken spielen, den goldenen Staatslöffel an Vickerl Klima abzugeben, es aber dann doch nicht tun.

Vizekanzler Schüssel wird Ende Februar fünftägigen Schnupfen haben, aber so tun, als wäre es eine Gen-Soja-Allergie.
Jörg Haider wird Mitte März seinen Porsche auf Sommerbereifung umrüsten.

UHBP Klestil wird den Opernball besuchen, Mörtel Lugner wird für dieses große Treiben Madonna als Begleitung zu engagieren versuchen, sich aber auch mit Grace Jones bzw. Brigitte Nielsen bzw. Sonja Kirchberger bzw. Lizzy Engstler zufrieden geben.

Das Tenorduo Placido Domingo und die Mutter der Chansonie Stefanie Werger wird den Charity-Abend „Spring in Vienna“ bestreiten
Rapid gegen Austria wird 2:1 ausgehen.

Die Gegenveranstaltung zum Villacher Fasching, der Kapfenberger Fasching, wird mangels Quote nicht ausgestrahlt werden.

Das Team des eingegangenen Publikationspflänzchen Wirtschaftswoche wird unter dem Namen Woche der Wirtschaft bzw 7 Tage der Wirtschaft bzw. Businesswoche weitermachen.

Das Wetter wird beispiellos wechselhaft werden.

Blue Moon

Ein Gespräch mit Andrea Dusl, Wiener Zeitung, 22. Nov. 1996

Das Café Lapinski in der Wiener Marc-Aurel-Straße atmet den Charme von Bars in Brüssel, Paris oder Stockholm. Andrea Dusl hat größere Augenringe als andere Mitdreißigerinnen. Noch dunkler als diese Spuren der letzten Nacht ist nur ihre St. Petersburger Kapitänsjacke. Im Café Lapinski ist es nicht kalt, dennoch hat Dusl den Kragen hochgestellt.

Auf ihre Empfehlung löffeln wir Muligatawny, eine indische Suppe, die Dusl zur Geschmacksverstärkung mit einer unglaublichen Dosis von Chillipaste verschärft.

„Wiener Zeitung“: Sie schreiben, zeichnen, lomografieren, jerzt machen sie Film, was sind sie eigentlich, Journalistin, Illustratorin, Lomografin oder Filmemacherin?

Andrea Dusl: Ich weiß es selbst nicht. Es hat sich einfach ergeben. Das eine hat sich aus dem anderen ergeben. Um ein Sprichwort abzuwandeln – ich tanze nicht auf vielen Kirtagen, es ist eigentlich alles ein einziger Kirtag.

„W.Z.“: „Blue Moon, die Abenteuer von Steinyo Pichler“ ist einer von elf Filmen, die Michael Glawogger in seinem Film „Kino im Kopf“ porträtiert. War das ihre erste cinematografische Arbeit?

Andrea Dusl: Eigentlich nicht. Die Geschichte hat vor einigen Jahren mit einer Fotografie begonnen. Rainer Egger und ich sind zum Pferderennen gegangen. Ich habe mit einer alten Canon und einem ganz langsamen Schwarzweiß-Diamaterial fotografiert. Eines dieser Bilder (siehe großes Bild oben) hat in mir eine Flut von Geschichten ausgelöst. Das sollte mein Held sein, der Mann auf dem Foto, der über die Schulter zur Seite sieht. Also sind Rainer und ich am nächsten Wochenende in die Slowakei gefahren, um Geschichten für diesen Mann zu finden. Aus den Erlebnissen, die wir dort hatten, hat sich die Geschichte für einen Film herausgelöst. Ich habe zunächst kurze Szenen geschrieben, zweiminütige Episoden, so eine Art filmischer Schnappschüsse schwebte mir da vor.

„W.Z.“: Haben Sie versucht, diese Skizzen zur Förderung einzureichen?

Andrea Dusl: Zwei von ihnen. Ich nannte das Ding „In 80 Tagen um die Welt, Tag 1 und Tag 2″. Die Stadt Wien stellte mir 20.000 Schilling zur Verfügung. Das Material schenkte mir Michael Synek, zwei Rollen 35 mm, schwarzweiß. Mein Compañero Peter Zeitlinger, der beste Kameramann, den ich kenne, lieh sich eine alte Wochenschau-Arri. Wir fuhren los, ein kleines Team von professionellen Filmmenschen und ich. Wir drehten vier Minuten Spielfilm.

„W. Z.“. Wie ging’s dann weiter?

Andrea Dusl: Peter Zeitlinger und ich haben das Material in einem obskuren Hinterzimmer in fünf langen Nächten geschnitten, vertont und um – für meine damaligen Verhältnisse – ungeheuer viel Geld kopieren lassen. Mit diesen zwei kleinen Filmen habe ich dann Subventionen für vier weitere Episoden aufstellen können.

„W. Z.“: Sind das die Szenen, die in „Kino im Kopf“ zu sehen sind?

Andrea Dusl: Nein. Aus diesen zwölf Minuten Film hat sich erst die Idee zum Roadmovie „Blue Moon“ entwickelt. Die Geschichte einer Odyssee in den Osten, der Sehnsucht nach Frauen, nach dem Meer. Ich bin mit meinem Hauptdarsteller nach Polen, in die Slowakei und die Ukraine gefahren. Dort hat sich unsere Geschichte erst geschrieben. Dieses Drehbuch gibt es, das wollen wir verfilmen.

„W. Z.“. Wurden die Szenen für „Kino im Kopf“ extra gedreht?

Andrea Dusl: Ich habe drei exemplarische Szenen aus meinem Buch ausgewählt und umgeschrieben, damit sie, auch aus dem Zusammenhang gerissen, ihre Geschichte erzählen können. Leider sieht man in „Kino im Kopf“ nicht mehr viel davon. Die Stimmung, das Spiel, der Rhythmus unserer Arbeit ging in der Montage verloren. Wir haben unsere Geschichte nicht wiedererkannt.

„W.Z.“ Sind sie enttäuscht?

Andrea Dusl: Enttäuscht? Nicht wirklich. Ich habe es befürchtet. Beim ersten Sehen war ich allerdings entsetzt. Unsere Arbeit, die fertigen Szenen, das war alles noch wunderbar. Das war noch unser Film.

„W. Z.“: Wie geht es weiter mit „Blue Moon“?

Andrea Dusl: Ich war gerade in Paris, dort sind sie sehr interessiert an solchen Geschichten Sie ist nicht mehr nur im Kopf, sie ist auch auf Papier und in den Köpfen anderer und, wenn nicht alle Stricke reißen, bald auch auf Leinwand. 

Vorerst jedoch sind nur Bruchstücke von „Blue Moon“ in dem Film „Kino im Kopf“ zu sehen, der zur Zeit im Metro-Kino in Wien läuft.

Regie und Kamera: Michael Glawogger. Schnitt: Christof Schertenleib, Musik: Armin Pokorn, Ton: Ekkehart Baumung.

Andere Teile für Kino im Kopf“ lieferten Ip Wischin, Willy Puchner, Carl Andersen, Christoph Mayr, Viktor Tremmel, Hans Weingartner, Hans Hermann Fink, Susanne Strobl, Richard Blue Lormand, Peter Budil und Boris Schafgans.

Mitgewirkt haben Rainer Egger, Gabriela Skrabakova, Andreas Sobik, Tex Rubinowitz, Thomas Kussin, Johannes Silberschneider, Barbara de Koy u. v. a.

Zu den Abbildungen:
oben: Rainer Egger als Steinyo Pichler
unten links: 1988, Hotel Modra, Slowakei
unten rechts: 1996, am Stadtrand von Odessa

Weiße Nächte in Piter

Piter.jpg„…welch ein Unterschied ., schrieb Nikolaj Gogol 1836, Moskau ist bis heute ein langbärtiger Bauer, Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europäer“. Gogols Einschätzung hat auch nach 160 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt. Im Gegenteil: Seit dem Ende des Krieges und der Perestroika ist die Stadt am Meer wieder in ihre alte Rolle, Rußlands Tor zum Westen, geschlüpft.

St. Petersburg wurde im Vergleich zu anderen Metropolen erst relativ spät erbaut. Am 16. Mai 1703 ertönt mitten in den Sümpfen, die sich die Newa und der botanische Meerbusen teilen, der Lärm von Äxten und Sägen. Wenig hier existiert noch von einem, von seinen finnischen Einwohnern verlassenen Dort. Nach holländischem Vorbild lässt Zar Peter 1. ein „Fenster nach Europa“ in milde errichten. Die neue Stadt erhält den Namen „Peterburg“ (mit holländischer Aussprache: „Pieterburg“). Mit Ausnahme der bolschewistischen Zeit, in der die Stadt der Zaren und Leningrad hieß, behält die Newametropole diesen Namen. Die Russen sprechen seit einer Abstimmung während der Perestrojka wieder von ihrer ehemaligen Hauptstadt als „Sent/Sankt Peterburg/Pieterburg“. Die Petersburger selbst nennen ihre Heimatstadt schlicht „Piter“.
Was er von Piter halte, fragen wir Andrej, den Fahrer des illegalen Taxis. „I chave no been where else. I was born chere. I love it. It is my city. Wonderful.‘

Andrej berechnet einen fairen Preis für die halbstündige Fahrt ins Zentrum. Drei Dollar, den Preis für ein billiges Menü. Das ist noch immer mehr, als die legalen Taxen verrechnen, aber eines von denen zu erwischen, gleicht der berühmten Suche nach dem Heu im Nähnadelhaufen. Außerdem ist Andrej hier vorm Hotel Pribaltiskaja, einer gewaltigen Bettenburg stationiert. Andrej war Kunststudent in den Zeiten vor der Perestrojka, aber da sei es schwierig gewesen, erzählt er uns nicht ohne Wehmut. Zuviel Regeln, fade und mühsam, und jetzt sei er eben Taxifahrer. Ob wir schon gehört hätten, fragt uns Andrej in seinem selbstgestrickten Englisch, es seien gerade viele Westeuropäer da, verrückte Leute, die mit russischen Kameras herumphotographieren. „Sure“, sagen wir, „we know“, und zücken unsere Lomos.

Andrej hätte auch gerne eine Kamera, aber wenn schon, dann eine japanische. Unsere Obsession für die „Lomo-Kompakt“ hält er für dermaßen schrullig, daß sein ungläubiges Kopfschütteln kein Ende nehmen will. Unser Argument, daß wir alle mit Nikons, Canons und Olympus-Kameras großgeworden sind, die Lomo aber eine Weltanschauung für uns sei, überzeugt den verwirrten Chauffeur schließlich zumindest in Ansätzen.

Look“, sagt Andrej, „good car, Gemany car“, und deutet auf einen Konvoi schwarzer und dunkelblauer BMW’s und Mercedes‘, die uns mit aberwitziger Geschwindigkeit überholen. „Mafia people, rich!“ .

„Don’t worry, Andrej“, we love your Lada“, streicheln wir seine komplizierte russische Seele. Unser Taxifahrer grinst wieder.
„Okay, this is Newskij Prospekt.“ Wir halten vor einem blaugestrichenen Palast auf der größten Avenue St. Petersburgs. Im dritten Stock des Gebäudes hat sich jenes Fachgeschäft für Photoapparate versteckt, auf das ein kleines Schild am Portal nur einen Hinweis für lnsider geben kann. Alte Plakate und Lomokalender hängen an den Wänden, eine Vitrine präsentiert kostbare Kameras. Unter ihnen ist ein Unterwassergehäuse für die „Lomo Kompakt“. Das Ding ist seltener als Bilder von Van Gogh, und man weiß das hier.

„Sorry, only for museum, no can buy this…., only 200 piece existing in chole russia, but when you find, bring chere, we pay you good price“, sagt der Direktor des Photogeschäftes. Der Mann ist unser Verbündeter. Er weiß, wovon er spricht, wenn er mit leuchtenden Augen und zitternden Händen zärtlich über das schwarze Gehäuse einer alten Lomo streicht. Wir werden wiederkommen, um abermals nach Lomozubehör fragen.

„Kummts, hau ma si in die U-Bahn“ schlägt ErIch vor, des is a Wauhnsinn, de U-Bahn do“. Erich, der für seine russischen Frisörkollegen Haarscheren aus feinstem Stahl mit im Gepäck hat, drängt uns zu einem Petersburger Faszinosum, das es in sich hat. Einem großen Ungeheuer gleich, saugt der Eingang zur Metrostation Menschenmassen in seinen gierigen Transportrachen. Auf vierspurigen Rolltreppen geht es 50 Meter in den Bauch der Stadt. Allein die Bahnsteige da unten sind so lang, wie bei uns die Strecken zwischen den Stationen. Mit dem schnellsten Transportmittel St. Petersburgs unterqueren wir Flüsse und Kanäle, um tief unter dem schlammigen Grund der Stadt eine andere Insel zu erreichen.

Im „Planetarium“ ist inzwischen die Hölle los. Neben dem „Tunnel“ ist das der heißeste Club der Stadt. Unter Tags besuchen Schulklassen den Ort, um über Sterne und Kometen, Asteroiden und Sonnenfinsternisse zu erfahren. Heute abend aber brodelt es hier von Besuchern der Lomographischen Ausstellung, von Ravehörnchens und Fernsehteams. Die Wiener und Berliner Lomographen haben dutzende Riesentafeln mit Abertausenden von Lomographien aus Wien, Berlin und Hanoi tapeziert. DJ Amira stimmt die russischen Lomofreunde und die Lomographischen Boys and Girls aus Wien, Zürich, Bedin, Paris und New York mit Easy Listening und Slow Egypt Acid auf eines langen Tages Reise in die Nacht ein. Local Hero DJ Aliosha Freud, NYCLimelightExperte DJ Spooky und DJ The WAZ Exp aus Innsbruck bringen mit Jungle und TripHop die Tanzfläche zum Kochen. Die Lomographen tanzen sich die Sohlen durch und lomographieren sich dicke Schwielen an die Aufziehdaumen.

Abgetanzt besteigen die erschöpften Lomographen ihre Russenbusse, um das Hotel anzusteuern. Die Fahrt endet bei der ersten Brücke. Die ist nämlich hochgestellt. Wie die 20 anderen wichtigsten Brücken der Stadt. Die kurze Nacht in St. Petersburg gehört nämlich den Schiffen. Zwischen 2 und 5 Uhr Morgens heißt es warten. Nicht einmal Feuerwehr und Rettung, von der Polizei ganz zu schweigen, können um diese Zeit die Ufer der einzelnen Stadtinsein überqueren. „Wenn die Brücken hoch sind, öffnen sich die Seelen“, sagen die Petersburger. Weil das so ist, öffnen sich auch die Türen ihrer Ladas, Moskwitch‘ und Wolgas. Auch die Türe unseres Busses bleibt nicht lange verschlossen. Eine kleine feine Straßenparty entsteht. Wodkaflaschen werden zwischen Unbekannten herumgereicht. Nach drei, vier Schlucken gehören auch diese Unbekannten zum engsten Freundeskreis. „That’s the magic of the White Nights“, erklärt uns Anastassija und lehnt ihr Fahrrad ans Brückengeländer. „And no one steals my bike, when the bridges are up“. Anastassija blonde Zöpfe baumeln im milden Nachtwind. Die Designstudentin ist jetzt auch Lomographin. Sie zweifelt zwar an unserem Verstand, weil es für Russen zu den ganz unglaublichen Verirrungen westlicher Menschen gehört, sich fur russische Produkte zu interessieren, die weltumspannende Qualität der Lomomania hat aber auch sie in ihren Bann gezogen.

St. Petersburg ist eine Hafenstadt. Und wie in Hafenstädten üblich, fehlt es nicht an Kaufleuten aller Art. Dima, der sich von seinen Freunden Rotnase rufen läßt, wobei nicht ganz klar ist, ob wir ihm angesichts einer ziemlichen Fuselfahne seine Geschichte mit dem Heuschnupfen glauben sollen, Dima ist Kleinhändler. Er steht am Newskij Prospekt und wartet auf Kunden. Durch den Hinterhof eines, nach Katzenscheisse stinkenden Hauses führt uns Dima in seine Wohnung. Im Kabinett seines Großvaters, des berühmten General Wassilij, wie er uns treuherzig erzählt, hat Dima sein Verkaufslokal eingerichtet. Schwarzer Kaviar, der ungeschlüpfte Nachwuchs kaspischer Störe, im DutyFreeShop nicht unter 36 Dollar zu finden, kann bei Rotnase Dima um zehn Dollar erstanden werden. Daß so nebenbei auch Admiralsuniformen, UBoot-Kommandanten-Chronographen und Eishockeydressen aus guten alten CCCP-Zeiten den Besitzer wechseln. versteht sich von selbst.

Zwei Tage später werden die Zollbeamten am St. Petersburger Flughafen nicht schlecht staunen, was die wahnsinnigen Lomographen so alles in ihren übergewichtigen Koffem auf die Förderbänder der Röntgenschleusen hieven werden. „Good buy, Lady“, ein Beamter klopft stolz auf meine Uhr, anstatt mich wegen Zollvergehens einzulochen, „zhis watch I chan say, very good, all good production from old Sovietunion!“ Sein Gesicht wird von einem breiten Grinsen verzogen. „You come again, I give you adress, my brather sell watch like zhis, but cheaper!“

Klick“ macht es da, aus fünf Lomos.

© Andrea Maria Dusl, geschrieben für die Lomographische Gesellschaft ~1996. Möglich, daß die Geschichte auch im Falter erschien.

Tv or not tv. Mit Emergency Broadcast Network im Puff

Die Mitglieder der US-amerikanischen Multimedia-Combo Emergency Broadcast Network sind nicht nur profunde Kenner der amerikanischen Gegenwartskultur, sondern auch geeichte Besucher des Wiener Nachtlebens.

Andrea Maria Dusl für Falter ~1996.

„You know were we are?“ frage ich Bandmitglied Joshua Pearson. „Sure, great place, let´s stay here, it´s logical“. Wir stehen am Tresen einer intimen Bar, zwanglos umgeben von alleinstehenden jungen Damen. „So ähnlich“, erklärt mir Josh und stößt mit mir auf den fortgeschrittenen Abend an, „so ähnlich logisch war auch unser erstes Treffen auf der Rhode Island School of Design. Gardener Post und ich kamen durch die sehr wissenschaftliche Methode der alphabetischen Reihung im gleichen Zimmer zu liegen. Ähnlich könnte man unser Hiersein sehen: Wir sind in die Bar neben unserem Hotel gegangen,weil es eine geographische Notwendigkeit dazu gab. Jetzt sind wir in der Bar neben der Bar. Channel-Switching und Bar-Hopping sind verwandte Disziplinen und in höchstem Maße demokratisch.“ Während mir Chef-Netzwerker Pearson am Beispiel audivisueller Loops die musikalisch-technischen Zusammenhänge der Emergency Broadcast Network-Show erklärt, switche ich auf den Kanal links von mir.

Gerhard, ein profunder Kenner der Örtlichkeit referiert über Schleifen ganz anderer Art. Absolutes Muß unter ausgewählten Stammkunden dieses Etablissements sei nämlichder Lauf um den Häuserblock. Nackt, versteht sich. Das interaktive Element hierbei sei das Mitbringen der Getränkekarte aus einem Lokal an der anderen Ecke des Häuserblocks. Und so wie Emergency Broadcast Network ihre Shows mit T-Shirts promoten, gäbe es auch für den hier verkehrenden Kreis von Interaktiven spezielle Uniformierungen: Einen Bademantel, bestickt mit der eindeutig zweideutigen Message „Mitglied“.

„’S war‘ net Wean, waun ned duat wo ka Gfret is, ans wuat“, schießt es mir durch den Kopf, als aus einem der Separees das Knallen teurer Sektflaschen und der zärtliche Klang berstender Gläser dringt. EBN-Plattenreiter Ron O´Donnel, von seiner ethnischen Kondition, wie mir gesagt wird, „black irish“, hat seine Sektflöte zu heftig an die von Chefprogrammierer Gardener Post gestoßen. In logischer Konsequenz zum Vergießen des sündteueren Sprudels läßt der hauseigene CD-Player plötzlich Songs der 70ties Gitarrenband Credence Clearwater Revival vom Stapel.

Mid-Twen-Girlie Mrs. Pearson, animieren die zutiefst amerikanischen Texte von CCR und das mit größter Verve vorgetragene Desamusement der anwesenden Animiermädchen zu rythmischem Kreisen ihres Beckens. „Let´s dance“, haucht sie einen Stammgast an. Gatte Josh studiert derweil drei Trennwände weiter meinen nachmittags gekauften Mr.President-and-Mrs. Bush-Ausschneidebogen und läßt sich in eine sehr zwanglose Diskussion über die Unterwäschetrends unter den white Anglo-Saxon Protestants verwickeln. Die Damen des Lokals fühlen sich trotzdem unterbeschäftigt, und wippen gelangweilt mit ihren hochentwickelten Beinen. Sie halten unseren höchst unerotischen Austausch von Barbara-Bush-Witzen für mädchenzimmerhaft und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß Sitzen Jazz ist, Liegen jedoch stets Rock & Roll.

„Fuck Frank Zappa“, entfährt es Josh. Er hechtet zur Bar, um das scheinbar unvermeidliche zu verhindern. Eine Bar-Dame mit professionell großem Busen hat aus Anlaß des hohen amerikanischen Besuchs den Plattenwechsler mit einer Silberscheibe des Bürgerschrecks gefüttert. „Das wäre so“ , erklärt mir Josh, „als wärst Du bei uns in Providence und wir würden Dir zu Ehren Falco spielen“.

Gerhard, der Impressario der Bar einigt sich indes mit dem Bar-Tender darauf, aus Gründen der Völkerverständigung Lieder des bekannten britischen Pop-Trios Police vorzuspielen. „Des heat die Heh a recht gern!“. Zu vorgerückter Stunde outet sich Computer-Programmierer und Eckpfeiler der Band Greg DeoCampo einerseits als Kenner der Schießeisenmaterie und andererseits als musikalisches Ex-Wunderkind. Daß er beide Wahrheitsbeweise nicht antreten kann, macht ihn nicht unsympathischer, unser Gehen hingegen zwingend.

Und daß Emergency Broadcast Network trotz einträglicher Jobs für die irische Band U2 und die Schuhfirma Nike klasse Burschen mit Verständnis für kleine Probleme geblieben sind, beweisen sie mir beim Besteigen meines Rades auf eindrückliche Art. „No light, girl, wait!“ Chefbastler Gardener Post schnalzt mit dem Zeigefinger auf mein unreparierbares Rücklicht. Das Schnippen hilft. Denn wer tennisplatzgroße Videoleinwände zum Leuchten bringen kann, für den ist auch ein kleines Rotlicht kein Problem.

Schwarzer Kater

Für meine Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 51.52-1995.

Konsum: Finland, Land der Tausend Seen, Brutstätte genialer Architekten und übermenschlich begabter Ralleyfahrer produziert nebenbei auch hervorragende Metalle. Die härtesten und elastischesten Stahllegierungen werden in der weltberühmten Messerschmiede J.Marttiini zu feinsten Finnendolchen verarbeitet. Die Samen verwenden solche Feiteln seit Jahrtausenden, um damit Rentierohren zu markieren, Elche zu zerteilen und Lachse zu filetieren. Die Schärfe der Marttiini´schen Klingen wird höchstens von Keramikschneiden übertroffen. Deren Funktionstüchtigkeit endet allerdings mit einem einzigen Fall auf den Küchenboden. Das Messer der Messer steckt in feinster Lederscheide und ist dank EU-Mitgliedschaft um knapp 56O Schlei in jedem besseren Messergeschäft zu haben. Plus.

Republik: Wolfgang Schüssel, der Mann mit der politischen Strahlkraft eines Meinl-Feinkostleiters hat sein Pokerspiel verloren. Der Abstand zu Kanzler Teflonitzky erhöhte sich auf satte zehn Prozent. Angstmacher Haiders Höhenflug wurde erstmals gestoppt, der Beweger blieb bei 22,1 % und verlor sogar ein Mandat. Heides Liberale überholten die Grünen, beide Ampelparteien verloren aber empfindlich an Rote und Schwarze. Der Wahlkater der Konservativen vergrößert sich durch das steirischen Landtagswahlergebnis. Die SPÖ konnte in der grünen Mark mit der ÖVP gleichziehen, Landesfürst Krainer gab vor laufenden Kameras seinen Rücktritt bekannt. Die parlamentarische Kräfteverteilung zwischen Schwarzblau und Ampelparteien blieb allerdings annähernd gleich. In der Fünferrunde, kurz nach Verkündigung des Wahlergebnis‘ zeigte sich der Kanzler zufrieden-euphorisch, der Aussenminister besserwisserisch-giftelnd, el minimo handzahm, Heide Schmidt zerknirscht-gefaßt und Madleine am Boden zerstört und Rücktrittsbereit. Vranitzky signalisierte Gesprächsbereitschaft mit allen außer dem Beweger, liebäugelte sogar kryptisch damit, die Liberalen in seine Regierung zu holen. Noch-Obmann Schüsselchen spuckte Gift auf Wahlsieger Vranz und erwies sich als schlechter Verlierer. Plus für sozialdemokratische Gewinne, Doppelminus dafür, das es auch auf Kosten der kleinen Oppositionsparteien ging, und schließlich Fünfachminus, daß sich Schwarzblau noch immer ausgeht.

Kultur: Das Transfersystem, bei dem Starkicker um Millionensummen zwischen Vereinen verkauft werden ist laut Urteil des EU-Gerichtshofes rechtswidrig. Fußball-Plus.

Medien: ORF-Informationsintendant Nagiller hatte große Angst, das vom ARD ausgestrahlte Video von Haiders Rede vor den „lieben Freunden“ von der Waffen-SS auszustrahlen. Minus für mangelnde Zivilcourage.

Umwelt: Matschwetter. Minus für Adventdepressionen.

Die Wahl der Qual

Für die Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 50-1995.

Konsum: Daß Wien eine Stadt hochstehender Wurstkultur ist, zeigte vor einigen Jahren die Durchschlagskraft der Käsekrainer, die mühelos Haasse, Woedviatla und Frankfuata auf die Plätze verwies. Die neueste Innovation gediegener Esskultur nennt sich Lange Wilde und soll mörder schoaf sein. Plus. Einer wissenschaftlichen Untersuchung ist zu entnehmen, daß etwa 18% der Lebensfreizeit damit vergeudet wird, elektronische Produkte per Fernbedienung zu triggern. Grund für diesen auffallend hohen Wert ist laut Studie das durchgehend schwarz in schwarz gehaltene Design der kleinen Infrarotsender. Es sei unmöglich, ohne spezielle Begabung oder Ausbildung remote controls richtig zu bedienen, bzw. die winzigen Codes auf den Tasten spezifischen Programmschritten zuzuordnen. Minus für Zeitraub.

Republik: Vier knappe Tage stehen für Wahlentscheidungen noch zur Verfügung. Der Teflonkanzler, der begabte Boogie-Woogie-Interpret Wolfi S., Giftschleuder el minimo, Heide“James-Bond-Pullover“Schmidt und Grünfranse Madeleine waren bei Nagiller auf Besuch und versuchten zu retten, was jeweils zu retten war. Die Angst ging um. Trotz Zweckoptimismus und flotten Sprüchen konnte man in den letzten Tagen aus den verschiedenen Äußerungen der wahlwerbenden Parteien nicht viel mehr als folgendes extrahieren: Die Roten fürchten sich vor schwarz-blau und damit verbundenem Verlust der Regentschaft. Die Schwarzen haben Reisgang, ein weiteres mal hinter den Roten zu bleiben. Die F-Beweger haben weder vor Tod noch Teufel Angst, sondern nur, daß Seine Ehrlichkeit zuwenig rechten Anklang findet. Die Heideblauen wiederum fürchten schwarz-blau gefolgt von schwarzrot (oder umgekehrt), schwarzrotgrün und alle anderen Varianten, die ohne Liberale gespielt werden. Die Grünen fürchten überhaupt alles, ihre eigene Courage eingeschlossen. Angst essen Ampel-Parteien auf. Minus.

Kultur: Das Forum, die wichtigste Publikation der II. Republik hat sein Erscheinen widerruflich eingestellt. Schleichender Rechtsruck und zunehmend lethargisches Desinteresse der linken Intelligentsia hungerten die Zeitschrift im 42. Jahr ihres Erscheinens bis auf die blanken Knochen aus. Weil der Fortbestand des Forum in Zeiten wie diesen dringender denn je ist, sei an dieser Stelle zu Solidarität Arbeit mit Herausgeber Garherd Iberschlock aufgerufen. Hoffnung auf Plus.

Medien: Jens Tschebull, Herausgeber des mager recherchierten WirtschaftsBlatt outet sich im profil als F-Wähler. Wegen „symbolischer Entschuldigung für die haßerfüllte, unobjektive Berichterstattung mancher meiner Berufskollegen.“ Minus für schlechte Symbolik.

Umwelt: Santa Claus schickt Schnee aus Finland. Plus.

Halbrunde Tische

Für meine Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 48-1995.

Konsum: Seit 11.11., elf Uhr elf befindet sich Schnitzelland im Fasching. Hopfenkönigin Manuela II. bereist die Lande, um die Zwettler Bierinnovation „Eisbock“ an den durstigen Mann zu bringen. Die Waldviertler Brauer bringen – erstmalig in Österreich – unfiltriertes Starkbier auf den Markt. Plus für neue Methoden, den Führerschein auf Eis zu legen. Eisig wird es auch für Pedalritter. Bikende Camouflageexperten statten sich mit russischen Panzerhauben aus und fetten Lager und Ketten für grausam romantische Fahrten durch schneeverwehte Adventstraßen. Plus für gut gerüstete Winterradler. Väterchen Frost liebt Produkte mit „M.“. Kratzende Kehlen schützen Schals aus Mohair, kalte Finger wärmen sich an knusprigen Maroni, Manteltaschen füllen sich mit süßen Mandarinen und im Flachmann wartet Freund Fernets mahagonifarbener Magenbitter auf Mittagsdepressionen. Plus für kleine Freuden.

Republik: Nach entäuschendem Fußballspiel gab Propellerkrawatte Wolfgang Schüssel dem Kameraden mit dem blauen Schal kalt-warm. Der Führer der F-Bewegten verstrickte sich in Widersprüche, hatte schlecht stehende Taferln mit und mußte vor Millionenpublikum ein technisches K.O. gegen den schwarzen Kanzleraspirant einstecken. Plus für den spannenden Nagillertisch. Weitaus unspektakulärer hingegen die Halbrunde Einem-Kier. Fadgasminus. Der Sandmann blies seinen müdemachenden Glitzerstaub durchs Hohen Haus. Nachtwachende Volksvertreter hatten in weiser Voraussicht Schlafsäcke und Feldbetten für des langen Tages Reise in die Nacht mitgebracht. Plus für marathonsitzende, rotäugige Parlamentarier.

Kultur: Robert Meyer trat wegen chaotischer Zustände als Ensemblesprecher der Burg zurück. Theatermacher Claus Peymann respondierte beleidigt per offenem Brief und warf darin den Schauspieler in einen Topf mit seinen Gegnern aus der F-Bewgung. Minus für unsensible Untergriffe. Aus der Traum von der Europameisterschaft für Schneckerl Prohaskas schlechtgeölte Kickertruppe. Die Nordiren bombten die verzweifelten Österreicher mit 5:3 vom nasskalten Feld. Trauriges Minus.

Medien: Die Brüder Fellner präsentierten ihr neuestes Flappenprodukt. tv-media ist 208 Seiten stark, bietet also täglich exakt 26,857 Seiten Medieninformation und 2,857 Seiten Inserate. Abwartendes Plus für die, von Altbürgermeister Zilk beratene Publikation. König Slalom löst Großherzog Boxenstop und Markgraf Centercourt ab. Plus für Wintersportfreunde.

Umwelt: Bangkok wolkig, 22°. Nairobi bedeckt, 25°. Casablanca heiter 29°. Wien, stürmisch, -3°. Sogar in Moskau ist es um sechs Grad wärmer. Depressives Minus.

Novemberstille

Für die Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 46-1995.

Konsum: Hasi „Ostbahnhofs“ Lapinski überzeugt zufälige, wie Stammgäste mit einer Leberknödelsuppe superber Qualität. Die Bouillon sah Rindsknochen und Fleisch von Innen. Die lebernen Knedli waren von geschmeidiger Eleganz, die Temperatur der Soupe von ausgesucheter Moderatheit und gezielter Würze. Plus für programmatisch unethnisch, aber gut arbeitende Wiener Küche des aussenpolitischen Profilisten. Das Schweizerhaus schließt die Tore dieser Saison. Jan Karl Kolarik feiert 220 Jahre Biergarten im Prater und sein eigenes halbhundertjähriges Wiegenfest. Plus für böhmische Tradition in stürmischen Zeiten. Die täglichen Nachtbusse erfreuen sich großer Beleibheit. Der Zorn der Taxler hält sich in Grenzen. Ihr Geschäft erleidet durch Öffi-fahrende Kids nicht die Einbußen, die große Fuhrunternehmer herbeigezetert hatten. Plus für friedliche Nachtheimreise.

Republik: Seltsame Ruhe vor dem Sturm. Die politischen Parteien schmieden Parolen und Konzepte für den heissen 17. Dezember. Runde Tische werden guter Schminke bedürfen, heißt es, oder televisionärer Tauglichkeit. Uralt-Bänder der Nixon-Kennedy-Fernsehdebatte werden studiert und Wolfgang Schüssel scharrt in den Archiven, wie denn das damals, zu Raab-Kamitz’ Zeiten war. Wahlentscheidend, so vermuten alle, werden weder persönliche Briefe ans Volk, noch popularisierende Plakate, nicht Streetwork, noch meinungsbildende Komentare aufmerksamer Journalisten, sondern einzig allein die brutale Wirklichkeit Live gesendeter Konfrontationen der Stimmwerbenden Parteimagnaten sein. Plus für offene Runden.

Kultur: Ernst, des schweigsamen, Dokupils Grünweiße besiegten Sporting Lissabon nach Verlängerung 4:0. Ein großer Heimsieg der Rapidler öffnet die Tür zur dritten Runde im XXX. Ein moderater Johann Krankl, der Metalliseewolf, konnte seine Emotionen nur mit Mühe unterdrücken. Schöner als Rapidspieler zu sein, kann es nur sein, Trainer der Hütteldorfer zu sein. xxx spielten ein fulminates Konzert in der Szene Wien. Anläßlich des Weltspartages fanden sich zahlreiche Gäste in der Lenaugasse ein, um dem Spargedanken zu huldigen. Plus für anonyme Anleger.

Medien: Das Wuk, Alsergrunder Kulturwerkstatt, entwächst nach 15 Jahren den Kinderschuhen und verpaßt sich eine Corporate Identity. Seine neue Zeitung nennt sich Triebwerk. Plus. Willi, Dr. Ostbahn, Resetarits, Kämpfer für Gleichheit vor dem Herrn und Integration vor dem Österreicher ist dem Spiegel zwei Seiten wert. Plus für aufmerksame Bundesdeutsche. Das Wirtschaftsblatt ist bis jetzt noch nicht eingegangen. Minus für Bronner, der aus Angst vor der zweifelhaft finanzierten Postille viel Energie entwickelte. Heißluftballone brauchn Wind. Wind bläst nicht auf Kommando.

Umwelt: November entzückt mit Schneewolken und kräftigen Winden. Es ist kalt, und doch nicht Winter. Depressive buchen Flüge nach Helsinki, dort ist es noch kälter und noch depressiver.

Bananenrepublik

Für die Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 44-1995.

Konsum: Nie zuvor war es einfacher, Elektronikkübel der Firma Apple zu besitzen. Befreundete Macintoshbesitzer raufen sich die Haare, wenn man ihnen von den neuesten Spielsachen erzählt. War es einst möglich, mit exklusiven 80-MB-Angeber-Festplatten und schwarzweiß-Tintenstrahldruckern im Gegenwert eines Mittelklassewagens zu protzen, gelingt das heute mit 800 Megabyte und Farbdeskjets zum Preis eines rostigen Mopeds. Der Transport von geschnorrter Software war – noch vor kurzem – nicht unter 20 Disketten zu managen. Seit gestern schließen vife Desktop-Publizisten ihre walkmangroßen zip-Kastln an und spulen in Sekundenschnelle 100 MB elektronisches Diebsgut auf Diskette. Computer-plus. Die Tage werden kürzer, das nächtliche Fortgehen länger. Hervorragende Gesprächsrunden im Alt-Wien bedeuten Plus. Einem Schlaganfallpatienten wurden im AKH beide Hoden entfernt. Er war mit einem Krebspatienten gleichen Namens verwechselt worden. Minus für tragischen ärztlichen Kunstfehler.

Republik: Stellen wir uns vor, ein Freund käme von einer Südamerika-Reise zurück und berichtete von der politischen Situation in der Republik Banania. Die Regierung dort hätte sich aufgelöst, Neuwahlen stünden an, ein äußerst populärer Rechter strebte die Macht im Staate an und aus Anlaß des Staatsfeiertages Bananias marschierte Militär über den größten Boulevard der Hauptstadt. Typisch Bananenrepublik würden wir sagen, die haben Nachholbedarf an Demokratie. Minus für Banania-Zustände in Schnitzelland. Während der Parade light am Ring blieben größere Zwischenfälle aus, Abfangjäger und Hubschrauber pflügten durch den Feiertagshimmel, fußgehende Truppenformationen und allerlei fahrbares Gerät wurden bestaunt und beklatscht. Hohe Militärs und Republikvordere standen sich vor dem Parlament die Füße in den Bauch – Tribünen waren dem Rotstift zum Opfer gefallen. Das Publikum war hinter Absperrungen verstaut und nur in den ersten Reihen konnten zwischen Polizistenköpfen Marschkörper ausgemacht werden. Minus für diletantische Präsentation.
Kultur: Die, für 15. Dezember in Wien vorgeseheneUnterzeichnung der Rechtschreibreform Österreichs, Deutschlands und der Schweiz wurde von deutschen Ministerpräsidenten verschoben. Kritisiert wird die monopolartige Beteiligung der Duden-Redaktion und die geplante Eindeutschung von Fremdwörtern. Sett giffs Meinas for Matsch Adu Abaut Nassing.

Medien: Die Küniglberger planen neue Samstag-Hauptabend-Shows. Lizzy Engstler wird „Happy-End“, Wolfram Pirchner „Jackpot“ moderieren. Angst und Grauen machen sich in mir breit. Minus.

Umwelt: Buntes Laub, Nebel, Heizperiode, Husten, Plus.

Stadtfrisuren

Für die Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 43-1995.

Konsum: Drei Freunde braucht der Mensch im Leben. Einen guten Schallplattenhändler, einen noch besseren Zahnarzt und schließlich jemanden, der für die Frisur zuständig ist. Für die äußere, p.t. Haircut genannt, und – vielleicht noch wichtiger– für die innere, den Soulcut. Selbst schweigsame Naturen vertrauen dem Coiffeur intimere Details an, als dem noch-so-besten Freund und der noch-so-verschwiegensten Freundin. Ein Mann aus dem Holz, aus dem Analytiker, Mikrochirurgen und Mütter Theresae geschnitzt werden, darf in Stefan Halmer, vormaligem Gruppa L’Ultima-Mitarbeiter vermutet werden. Der Meister der flinken Schere und der gut geölten Kämme hat seine Werkstatt in einer Subdivision der Slezak Division in Er-Ich’s dependance vis a vis eingerichtet. Plus für fabelhafte Stadtfrisuren.

Republik: Halbrunde Tische en masse, Pressestunden zum Saufüttern, Elefantenrunden am laufenden Band beweisen: politics go TV-screen. Aber so heiß konnten die Diskussionen dieser Woche gar nicht auf den gebogenen Tisch kommen, daß sie am nächsten Morgen nicht wie kalte Suppe von gestern schmeckten. Opa ist der Beste (fanden rote Wahlkampfstrategen), nur Alexander van der Bellen war noch gescheiter als der Kanzler (fand das Publikum). Plus für grüne Wirtschaftssprecher. Viktor Klima wurde anderntags gegen den Goldreservenexperten el minimo in den Ring geschickt und entzauberte den F-Beweger bis zur Unkenntlichkeit. Plus für harte Bandagen. Wolfgang Schüssel wiederum holte sich Schützenhilfe vom großen Kanzler aus Deutschland. Nichts konnte den Unterschied zwischen den beiden Konservativen besser illustrieren, als die reine physische Differenz zwischen Helmut K. und Wolfi S. „…wir sind jetzt auch bei Euch auf dem Vormarsch…“, sprach es aus dem Deutschen. Minus für schlechte Wortwahl.

Kultur: Kokain. Wecker, Meister des schweissgebadeten Klaviers ging beim Schneeschaufeln Meier. Just als ein Film, in dem der große lyrische Pianist einen Drogenfahnder mimte, durch den Äther strich, klopfte das wirkliche Leben an seine Münchner Haustüre. Minus für Künstlerpech. „Ideal für jung und alt, für daheim und auf Reisen“ ist die CD von Sparvereinsmusiker und Hip Hop Finger Chrono Popp. Eine Kompilation seiner Arbeiten verdient ein dickes Plus.

Medien: Für´s Grobe sind bekannterweise der tägliche Schiejok und Megaperle Vera zuständig, aber auch auf den seichten Schienen des Küniglbergs wirds immer brutaler. Marie-Christiane Giuliani trippelt in Peter Rapp´s kleinen Fußstapfen und moderiert Millionenrad, die Sendung der tausend Tränen. Nur das Märchen von der Goldmarie ist menschenverachtender. Minus.

Umwelt: Nie war ein November widerlicher. Minus.

Schwarzer Oktober

Für die Kolumne „Index Wiengefühl“, in: Falter 42-1995.

Konsum: Eierschwammerl, Herbstes goldgelbe Gottesbeweise, sind Mangelware auf Wiener Märkten. Steinpilze enttäuschen durch gummiartige Konsistenz, sind durchgehend wurmstichig, von fahler Hutfarbe und werden um astronomische 70 Schilling per Viertelkilo gehandelt. Fungiphiles Expertenminus. Cäsium bunkernde Riesenchampignons aus ungarischen Zucht­kellern überraschen durch Festig­keit und Aroma. Vorsicht ist allerdings auch hier angebracht. Zweites Minus. McDonalds feiert Fischwochen. Die skandinavischen Staatsfrauen, Norwegens Gro Harlem Brundtland und Islands Vigdís Finnbogadóttir lukrieren so noch mehr Erträge aus ihren nordatlantischen Fangflotten. Spezialisten essen trotzdem im besten Fischrestaurant der Stadt, dem dalmatinischen Kornat. Plus.

Republik: Als Hasardeur („profil“) wird Propellerkrawatte Wolfgang Schüssel nach dem eigenwilligen Aufkündigen der Koalition in die Geschichtsbücher eingehen. Die Fahrkarte der SPÖ unter Vranz Teflonitzky dürfte mit Ampelkoalition bedruckt werden, die Rolle als Juniorpartner einer großen Koalition unter Kanzler Schüssel schließt die Löwelstraße aus. Mit dem Scheitern der rot-schwarzen Regierung scheint auch Österreichs Reputation als politisch und wirtschaftlich sicheres Land mit einem Schlag dahin zu sein. Zukunftsangst, Unsicherheit und kopfschüttelnde Ratlosigkeit sind die Antwort der Bevölkerung angesichts der paralysierten SP und einer von Neuwahleuphorie beseelten VP. Hunderte Millionen schwachwerdender Schillinge werden nun nicht in den Staatshaushalt, sondern in die Werbemühlen des Adventkrimis fließen. Dreifachminus für Schüssel und seine von Umfragedaten hypnotisierte Volkspartei. Die Starhemberger meldeten sich wieder: Briefbomben, die Vierte. Eine prominente Flüchtlingshelferin und zwei Ärzte waren Adressaten der jüngsten Serie. Minus

Kultur: Österreichs Kicker konnten trotz ausverkauftem Happelstadion gegen die Samba tanzenden Portugiesen nicht mehr als ein mageres Unentschieden einfahren. Die Chancen auf die EM-Teilnahme marginalisierten sich damit. Gurkentruppenminus.

Medien: Die Neuwahl am 17. Dezember bringt Schnitzelland nach Waldheim wieder einmal auf die Titelblätter sämtlicher Zeitungen rund um den Globus. Minus. Zur Frau des Jahres wählten Viva-Hörerinnen Erika Bogner, Oma eines HIV-Positiven Enkelkindes, dessen Eltern bereits an Aids gestorben sind. Plus für die unverbissen weiterkämpfende Frau.

Umwelt: Krisen lösen Verkehrsstaus und Kometenängste aus. Unterbrochen von sporadischen Nebelschwaden glänzt der Herbst durch Sonnenschein. Schönstes Altweibersommerplus.