Goodbye, Telefonschilling


“Dusls Freispiel“, Falter 45/97, 5.11.1997

Als ich noch ein Kind war, im Prätamagotschicum also, gab es einen ganzen Reigen von Figuren mit höchsten Symbolgehalt. Da war zum einen jener kinderfaustgroße Gummignom namens Kartoffelkönig, der uns Kinder auf heimtückische Weise zum Genuß von Kartoffelpüree anstiften sollte. Oder der Buchklubmaxi: Der wohnte in einem Koffer, der seinem Begleiter, Onkel Tassilo gehörte. Auch die Umstände, unter denen der Buchklubmaxi zu uns sprach, um für den Buchklub der Jugend zu werben, waren tiefenpsychologisch nicht ohne: Die Stimme des oberg´scheiten Buchklubmaxi kam aus Onkel Tassilos Bauch und Leben hauchte ihm dieser von kaudal-dorsal ein. (Onkel Tassilos Hand steckte so tief in Buchklubmaxis Arsch, daß einem vom Zusehen schwindlig werden konnte.) Die wichtigste aller Figuren aber war der Sparefroh, ein dürres Gummimännchen mit spitzem Hut und auf den Spargedanken hinweisendenden Zeigefinger. Auch Sparefrohs Leib war Symbol: Die 1- Schillingmünze. So ein Schilling war noch was wert, zu Sparefrohs Zeiten. Mit einem einzelnen Schilling warst du noch wer. Du konntest mit ihm telefonieren. Mit einem einzelnen Schilling! Mit dem sogenannten Telefonschilling. Diese Zeiten sind vorbei, denn telefonieren kostet jetzt zwei Schilling. Sparefroh, old friend, we miss you!

Gefährliche Ulos

„Dusls Freispiel“, Falter 44/97, 29.10.1997

ULOs, unbekannte liegende Objekte kennt jeder von uns. Während nämlich nur die wenigsten Menschen je ein UFO, ein unbekanntes fliegendes Objekt zu Gesicht bekommen, liegen in jeder Wohnung massenhaft ULOs herum, in meiner zumindest. Close Encounters mit ULBs etwa, also unbekannten liegenden Büchern gibt es bei mir daheim nahezu jeden Tag. Manchesmal entführt mich so ein ULB, um mich nach eineinhalbstündiger Reise in die fünfte Dimension verwirrt wieder auf dem Wohnzimmerteppich auszusetzen. In der Regel sind ULBs aber harmlos, ähnlich ULPs, unbekannten Langspiel-Platten. Hartnäckiger und gefährlicher hingegen sind ULGs, unbekannte liegende Gabeln. Davon habe ich ein paar Dutzend in meiner Bestecklade. Manchmal tauchen ULGs auch unvermutet auf dem Frühstückstisch auf, ohne Vorwarnung und ohne irgend ein Zutun meinerseits. Einige ULGs wurden durch scharfes Nachdenken zu BLGs, bekannten liegenden Gabeln. So etwa die Gabel aus dem Steakhouse in Odessa, die aus dem Flieger nach Kairo und auch die eine, in die ich einmal nach elf doppelten Vodkas einen Knoten gemacht habe. Damals in der Kunsthalle. Wo sonst. Wie zum Teufel aber die grünplastikgriffige siebenzackige Gabel in meinen Besitz kam, wird ewig ein Rätsel bleiben. Und ein echter Fall für Ulgologen.

Magische Substanz

„Dusls Freispiel“, Falter 43/97, 22.10.1997

Es gibt, hierin herrscht Einigkeit unter Experten, eine Substanz, die die Menschheit zusammenhält. Nein, es ist nicht Coca Cola, nicht Aspirin und auch nicht Windows 96. Es ist schlicht und einfach Zahnpasta. Zahnpasta ist die Substanz, die substanzielle Substanz sozusagen. In Zahnpasta ist alles enthalten: Gesundheit, Sauberkeit, Freiheit. (Zahnpasta ist das erste, was dir im Gefängnis abgenommen wird). Zahnpasta wird in Tuben vertrieben. Das Wort Tube ist sosehr mit Zahnpasta verbunden, daß es als eigene Vokabel kaum mehr vorkommt. Niemand würde etwa sagen: „Wo ist meine Tube?“. Der Satz: „Willst Du die Zahnpastatube mit mir teilen?“ hingegen, oder: „… verdammt, ich habe vergessen, eine neue Tube Zahnpasta zu kaufen …“ fällt täglich und weltweit vielmillionenmal. Irgendwann, und niemand weiß genau, wann es war, irgendwann aber wechselte die Menschheit die Tube, sie stieg um. Gleitend und lautlos. Von Metallzahnpastatuben auf Plastikzahnpastatuben. Eines Tages hatten wir alle Plastikzahnpastatuben in unseren Aliberts. Und ein Problem. Es hieß: Wie kriege ich den letzten Rest Zahnpasta aus meiner Plastikzahnpastatube? (Aufrollen geht nicht und auch das Rausstreichen mit dem Zahnbürstenstengel nicht). Ich habe das Problem gelöst. Mit Hilfe des Internets: http://www.zahnpastatube/trick/17

Eurotische Scheine

„Dusls Freispiel“, Falter 42/97, 15.10.1997

Bald ist es so weit. Bald werden wir die neuen Scheinchen in der Tasche haben. Alle werden diese neuen Scheinchen in der Tasche haben. Der Taxifahrer in Helsinki, die Friseuse in Mailand, der irische Dorfpfarrer und auch die Brokerin in Frankfurt. Für die Menschen in Schnitzelland werden die neuen Scheinchen allerdings etwas ganz besonderes sein. Schnitzelland wird nämlich ungeheuer stolz darauf sein dürfen, neben Schiele und Klimt auch Robert Kalina hervorgebracht zu haben. Robert Kalina, den Mann, der gegen überwältigend viele andere europäische Talente als Sieger im Wettbewerb um die Gestaltung der schicksten Scheinchen reüssierte. Die Scheinchen, so wissen wir inzwischen, werden „Euro“ heißen, und ab dem Zeitpunkt ihrer Einführung extrem beliebt sein. Ich prophezeie schon heute, daß alle so einen „Euro“ werden haben wollen. Einen „Euro“ von Kalina. Von unserem Robert Kalina. Dem Mann, mit dem Gespür für europäische Eleganz. Dem Mann, dem Schnitzelland schon seit Langem vertraute. Und der uns die bittere Zeit bis zur Einführung der europäischen Scheinchen ein wenig versüßt, indem er sich nämlich supercoole, Fünfhunderter und Tausender ausgedacht hat. „Schillinge“, wohlgemerkt, aber so formschön und praktisch, daß wir den „Euro“ kaum erwarten können.

Yin/Yang…

„Dusls Freispiel“ Falter 41/97, 8.10.1997

Eine Untersuchung, die mein „Institut für den internationalen Austausch fortschrittlicher Erfahrungen“ jüngst im Raum Wien durchführte, sollte in Erfahrung bringen, nach welchen Kriterien sich die Menschheit zwei Gruppen eindeutig zuordnen ließe. Die Ergebnisse der Studie liegen seit Montag vor. Es wurden 65.681 Personen befragt, Mehrfachnennungen waren erlaubt. Hier die Antworten in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit: 89,62% der Befragten entschieden sich für Raucher/Nichtraucher als Divergenzkriterium, etwas abgeschlagen folgte die Unterscheidung in Autofahrer/Lastwagenfahrer (78,12%). Unerwartet hoch fielen die Zahlen für Wiener/Nichtwiener (69,75%), Beamte/Arbeitende Bevölkerung (63,16%), Gummibaumhalter/Schnittblumenliebhaber (61,62%), Nägelbeißer/Lockenwickler (58,35%) und Bieröffner/Korkenzieher (59,39%) aus. Traditionelle Unterscheidungen wie die in Arm/Reich, Frühaufsteher/Abendmensch, Männlich/Weiblich sowie Manisch/Depressiv blieben alle unter 12%. Das erstaunlichste Ergebnis der Studie und Gegenstand weiterer Forschungen: Unglaubliche 99,8% der Befragten sortierte die Menschenheit dieser Erde folgendermaßen: In eine Gruppe, die im Stande ist, ein TirolMilch-Packerl zu öffnen, und eine andere, die lebenslang daran scheitern wird.

Wergzeug, Freund für’s Leben

„Dusls Freispiel“, Falter 40/97, 1.10.1997

Eine alte chinesische Weisheit besagt, daß sich der Mensch von der übrigen Fauna im wesentlichen durch den Gebrauch von Werkzeug unterscheidet. Die Welt, wie wir sie heute kennen – wo stünde sie, hätten sich nicht hin und wieder kluge Burschen an die Stirn gegriffen und was Cleveres ausgeheckt. Den Faustkeil ! Das Feuer! Die Hängematte! Und erst das Rad! Ich will gar nicht darüber nachdenken, was wir ohne Rad alles nicht könnten. Oder die Steckdose: Wo würden wir den Mixer anstecken und wo den Toaster? Wo die elektrische Zahnbürste und wo das Rastertunnelmikroskop? Und wie klänge die Stromgitarre mit nachgeschaltetem Wah-Wah-Pedal hätte der Marshall keinen Saft? Jimi Hendrix wäre nie berühmt geworden als Acoustic-Heini. Ohne Werkzeug ist also nix. Eine gute Idee war auch der Computer. „Mit dem kann man nämlich inzwischen so ziemlich alles“, wie mir Experten versichern. Etwa Files, also Feilen verwalten, was die hohe Kunst der Werkzeugbeherrschung darstellt. Am Computer kann man auch zeichnen. Alle können das. Jedes Kind. Nur ich nicht. Ich brauche dafür noch immer Tuschestifte. Und zwar die, mit Hilfe ausgeklügelter Computer entwickelten japanischen „Pilot Ceramigraph 2“. Nur kann man die nicht mehr kaufen, weil, wie wir ja wissen, heute jedes Kind am Computer . . .

Hinscheiden ohne Würde


“Dusls Freispiel“, Falter 39/97, 24.9.1997

Es war einmal, vor nicht all zu langer Zeit, da wurden noch Briefe und Postkarten verschickt, Telegramme aufgegeben und Telefone waren mit Kabeln versehen, die in einem kleinen weißen Kästchen an der Wand mündeten. Diese Zeiten sind vorbei. Briefe werden nur mehr von Omis und von Ämtern verfaßt, Postkarten heißen Flyer und Telefone hängen nur noch aus nostalgischen Gründen an weißen Kästchen. Die ganze Welt kommuniziert mobil. Handies können faxen, emailieren, durchs Netz surfen, short messages verschicken, Mobil-Boxen abfragen und telefonieren kann man mit ihnen selbstredend. Und noch eines können Handies prima: Sterben. Wenn Handies etwas fürchten, wie der Teufel das Weihwasser, dann ist es Feuchtigkeit. Wobei Handies in der Wahl der Flüssigkeit nicht so wählerisch sind wie der Gottseibeiuns. Handies geben ihren Geist auch bei Berührung mit profanen Liquiden auf. Die Liste toter Handies befreundeter Menschen ist lang: Dr. Martin.G., Tierarzt (Tod in der Lederhose durch Inkontinenz während eines Kirtags), Andrej D., Rennstallbesitzer (Tod durch umgefallenes Bier in Szenelokal), Mag. Siegmar S., Geschäftsführer (Tod durch Sturz ins Klo), Insa B, Reporterin (Tod durch Schonwaschgang bei 30°). Agehananda Sarhami H., Maharadsha von Rashtrakuta (Tod durch Monsun während einer religiösen Feier).

Klopfende Geräusche

„Dusls Freispiel“, Falter 38/97, 17.9.1997

Herren in Uniform tun´s höflich und leise. Polizisten sind Gentlemen, wenn sie bei frühmorgendlich Schlafenden an die Türe klopfen. Sogar die Jungs von der Alarmabteilung. Ich weiß das, schließlich wurde eines Morgens ein Dutzend von ihnen bei mir vorstellig, weil sie einen Serienkiller in meiner Wohnung vermuteten. Zwar konnte der Verdacht nicht erhärtet werden, weil der Informant Legastheniker war, trotzdem war ihr Klopfen vom Geist britischen Understatements getragen. Feuerwehrmänner haben da schon mehr Energie im Mittelfinger. Mit Feuer ist schließlich nicht zu spaßen. Außerdem macht es terrisch. Auf der nach oben offenen O´Neill-Skala der Klopfgeräusche grundeln Uniformträger zwischen 0 und 3. (Null O´Neill erreichen etwa Eilpostbriefträger, die grundsätzlich nie klopfen, weil sie grundsätzlich nie bis zur Türe des Eilpostempfängers vordringen). Weitaus unangenehmer sind Zivilisten. Exekutoren bringen es auf beunruhigende 4-5 O´Neill, Gaskassiere auf dringende 4-6, Zeugen Jehovas und Sternsinger auf lästige 6-7. Orkanen mittlerer Stärke kommt das Klopfen eifersüchtiger Exfreundinnen gleich: 8 O´Neill: Dringender Verdacht ohne Grundlage, 9 O´Neill: Dringender Verdacht mit Grundlage. Kein Klopfen ist lauter. Keines? Irrtum, Rauchfangkehrer habe ich schon mit 10-11 O´Neill gemessen.

Rätselhafte Maschine

„Dusls Freispiel“, Falter 37/97, 10.9.1997

Mein früherer Nachbar, ein bulgarischer Primgeiger nannte das Gerät ehrfurchtsvoll „Luftmaschine“. Dimitar Pipkow konnte sich zwar eine Cremoneser Violine im Gegenwert eines Einfamilienhaus leisten, nicht jedoch eine „Luftmaschine“. Also wurde Dimitar einmal wöchentlich bei mir vorstellig, um sich „Luftmaschine, bittescheen, ausborgen“. „Luftmaschine“ bedienen war offenbar Männersache in der Familie Pipkow. Was Dimitar Pipkow mit meiner „Luftmaschine“ anstellte, war mir nie ganz klar. Geigespielen konnte er exzellent, aber mit dem Ding aus meinem Haushalt dürfte er die gleiche Not wie ich gehabt haben, denn er retournierte es nach einer halben Stunde slawischer Mühe stets mit den Worten: „Luftmaschine, Frrauw Dussil, niecht gutt. Luftmaschine Problema viell, nurr macht cheisse Luft, saugen nix!“ Pipkow ist inzwischen Hofkomponist beim Maharadscha von Rashtrakuta und hat, von den klimatischen Bedingungen in Hyderabad abgesehen, keine Sorgen mehr mit „Cheisse Luft.“ „Frrauw Dussil“ hingegen produziert in Ermangelung einer Anstellung im Kreise der indischen Hocharistokratie noch immer heisse Luft mit ihrer Maschine. Die Bezeichnung „Staubsaugen“ wäre übertrieben.

Di ’n‘ Dodi Dead

Falter 36/97, 3.9.1997

Das Neujahrskonzert , der Life-Ball, die beiden Derbies zwischen Rapid und Austria, die ungleichen Brüder Opernball und Opernball-Demo und nicht zuletzt das Volksstimme-Fest letztes Wochenende auf der Jesuitenwiese: Sie alle gehören zum Kanon der großen Feste in Wien. Ein bißl traurig mußte aufrechte Kommunisten die Tatsache stimmen, daß vom Glanz der Prater-Pavillons der UdSSR und seiner Satelliten nicht mehr als die Talmi-Bude der PDS und die Info-Tische ungezählter linker Splittervereinigungen übrigblieb. Als Schimmer der Hoffnung bewies sich das Zelt der Kubaner, die sich zwar sympathisch unbeholfen, aber doch mit respekabler Restwürde ins Zeug legten, Che Guevara-Fahnen und Reiseführer verklopften und schmackhafteste Daiquiris ausschenkten. Die einzigen wirklichen Tränen unter dem durchwegs jugendlichen Publikum evozierte allerdings ein handgeschriebenes Plakat nachstehenden Inhalts:

Lady Diana Spencer
Princess of Wales
1961-1997+
Die Welt hat eine
Kämpferin für Frieden
& Völkerverständigung
verloren….
Die Kommunistische Jugend Österreichs –
JUNGE LINKE trauert….

Wahrer Luxus

Falter 35/97, 27.8.1997

Sollte sich wahrer Luxus darin manifestieren, etwas zu tun, was sich die Mehrheit nicht leisten kann, dann hätte sich die Avantgarde unbezahlbarer Freizeitgestaltung Samstags in Essling aufs Rad geschwungen, hätte die Lobau auf verschwiegenen Pfaden Richtung Süden verlassen, in Schönau an der Donau bei Frau Hermi, der Beichtmutter des kroisoischen Radelns, Einkehr gehalten und ein großes Obi gspritzt getrunken. Dann hätten sich die Proponenten wahrer Sybaris am Hubertusdamm dem Rausch der bipedalen Geschwindigkeit hingegeben, hätten im Nu Orth hinter sich gelassen und das exklusive Hainburg erreicht. Dort angekommen, hätten sie mit ihren High-Tech-Bikes nur fünf Minuten gebraucht, um auf dem, eigens für babylonische Aufstiege angelegten, fantastisch steilen Schotterpfad den Burgberg zu erklimmen. Gerade rechtzeitig wären sie dort angekommen, um dem ersten Akt des ebendort gegebenen Sprechstückes höchster Bühnenkultur beizuwohnen, einen Plastikbecher voll köstlichsten Sodawassers zu schlürfen und sehnsüchtigen Blickes das, zum Greifen nahe und dennoch in paradisiescher Süße entrückte Bratislava zu bewundern. Auch die folgende Heimfahrt auf gleichem Wege wäre wahrer Luxus gewesen.

Om Dhom Khom. Gut gemacht, Om, Du hast sommerliche Steherqualitäten bewiesen. Zwar wollen Gutmeinende zu Wetterkollegen wie Taranis, Tlaloc, Thor und Tchangó raten; wir jedoch halten uns an die Erkenntnis ‘never change a winning team’ und verlängern Deine Probezeit um ein weiteres Monat. So long, Om, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren.

Tu felix austria, somne!


Falter 34/97, 20.8.1997

Zugegeben, im Supermarkt gibt´s immer genug Staubzucker. Auch das Landbutter-Kühlregal ist stets prall gefüllt. Prominent ist die Auswahl an Aktions-Salamis, Kremser-Senfen, Energie-Getränken und Zahnbürsten. Nur in einem bleibt der Supermarkt ein Versager: Zeitungen. Bei Zeitungen, da kennt er sich nicht aus, der Supermarkt. Mein Trafikant in der Unteren Augartenstraße hingegen ist ein Auskenner. Kein Blättchen, das er nicht hätte, kein Erscheinungstermin, den er nicht wüßte, keine Gazette, die er nicht an die richtige Stelle reihte. Mein Trafikant führt natürlich auch ausgefallene Zigaretten, ist Experte im Handwägen von überschweren Poststücken, Monteur von Zippo-Feuersteinen, Detailverkäufer von Gummiringen und Glückwunschkarten. Und Spezialist in einer Tugend, für die sie im Supermarkt noch nie viel übrig hatten: Mein Trafikant hat Zeit für mich und jede Menge Freundlichkeit.

Zwei der größten lebenden Poplegenden aller Zeiten beehrten uns mir Freiluft-Auftritten. 150.000 Musikexperten standen Samstags vor der quälenden Frage: Wr. Neustadt oder Walchsee? Das Match Kitsch gegen Kitsch ging unentschieden aus. Die einen fuhren gegen Osten, um sich von einer Band, die sich nach einer Wiener U-Bahn-Linie nennt, im Popsupermarkt illusionieren zu lassen, während die sich die anderen im Westen einem Feuerwerk der Schürzenjagd hingaben.

Om Dhom Khom. Gräme Dich nicht, lieber Om! Die letzte Woche war ja eh ganz okay. Das bißl Bewölkung mit Nieseln am Montag können wir verschmerzen. Außerdem ist kaum jemand im Lande. In Mallorca, Menorca, und Maria Wörth und wie die beliebten Urlaubsparadiese alle heißen, regnet es auch hin und wieder. Nur für das Tretwagenrennen am Donnerstag, den 28. August sieh, bitte, einen trockenen Abend vor. Dies bestellt Dir Comandante en jefe Andrej, ein guter Bekannter von mir. So long, Om, Deine Comandantina!

Der Taucher im Wasserflugzeug

DIE PROVENÇE

Der Taucher im Wasserflugzeug und andere Geschichten aus dem Land, in dem das Licht erfunden wurde.
Andrea Maria Dusl, 1997 für Visa Magazin

Provence.jpgAls der liebe Gott sich mit der Erschaffung von Südfrankreich beschäftigte, war er gut aufgelegt und experimentierte ein wenig herum. Das Ergebnis waren die Hügel, Gebirge und Ebenen der Provençe und eine Palette von Farbtönen, wie sie nur hier vorkommen, Maler und Dichter magisch anziehen und in ihrer Vielfalt den einen oder anderen von ihnen fast den Verstand kostete.

Als wären Polychromie und Mannigfaltigkeit der provençalischen Landschaft nicht zauberhaft genug, installierte der große Experimentator auch noch ein Klima, das mit paradiesisch nur unzureichend beschrieben werden kann.

Auf den Hügeln, die Inseln gleich, aus den damals noch riesigen Sümpfen des Rhonedeltas ragten, siedelten die Ur-Provençalen, die Ligurer, und Kelten. Die Segnungen der antiken Zivilisation brachten griechische Händler ins Land. Sie hatten 600 v. Chr. mit Massalia, dem heutigen Marseille die älteste Stadt Frankreichs gegründet. (Mit der Erwähnung dieser Tatsache gelingt es den stolzen Marseillesen noch heute, hochnäsige Lyoneser und kaltschnäutzige Pariser zur Weißglut zu bringen). Den Römern, die unter Cäsar Gallien eroberten, verdanken die Provençalen ein, heute noch verwendetes Netz von Straßen, den Ausbau ihrer Kuhdörfer zu stolzen Städten und den Namen ihres Landes: Provincia Narbonensis, die Provençe.

Als ideale Reisezeit für einen Besuch des provençalischen Paradieses gelten Mai, Juni und September. (Die Winter sind zwar durchaus mild, aber von oft wechselhaftem Wetter, die Sommer trocken und afrikanisch heiß). Avignon, die Stadt der Päpste, das römische Aries mit seinem Amphitheater und die mittelalterliche Hauptstadt der Provençe, Aix sind aufgeweckte kleine Metropolen mediterraner Lebensart, Sie eignen sich hervorragend als Stützpunkte zur Erkundung des Landes. Marseille ist eine brodelnde Hafen-Großstadt, deren Besuch mehr als lohnt, als Standort für einen Aufenthalt in der Provençe ist das Tor zum Orient aber schon wegen seiner exponierten Lage ungeeignet.

Ginge es übrigens nach dem Willen der Franzosen, immerhin Experten dafür, das Leben zur Kunst zu machen, wäre Aix (die antiken Quellen Aquae Sextae) eine Stadt mit 60 Millionen Einwohnern. Soviele Gallier geben nämlich als Idealstadt Aix en Provençe an. In einem der platanenbeschatteten Cafés der Cours Mirabeau bei einem Glas Pastis zu sitzen und sich beim Plätschem der moosüberwuchenen Stadtbrunnen dem Studium süssen Nichtstuns hinzugeben, ist sogar schöner als Fliegen.

Wenn der berüchtigte Mistral, ein kalter, böiger, azurblauen Himmel erzeugender Nordwind sie nicht in ihre Häuser scheucht, beschäftigen sich die Provençalen seit ewigen Zeiten am liebsten mit dem Wasser. Übers Wasser kamen einst die Griechen, brachten Olivenbäume und Wein mit und die Kunst, aus ihren Früchten feinstes Öl zu pressen und edelste Tropfen zu keltern. Aus dem Meer holten sie Fische und Salz neben Kräutern und ausgewählten Feldfrüchten sind das die Bestandteile der hier abgöttisch verehrten Bouillabaisse.

Wasserflugzeug.jpgUm die Gluthitze des Sommers zu überstehen, scheuen schon die Römer weder Kosten noch Mühen und bauten Wasserleitungen, die das kostbare Naß der Berge über fünfzig Kilometer und mehr in die Brunnen und Zisternen ihrer Städte brachte. Als technisch beispielhaftes Wunderwerk der Antike gilt noch heute der Aquädukt Pont du Gard, der in dreistöckigen Arkaden die Wasser des friedlich dahinplätschernden Gardflusses überspannt.

Ihre, von sommlicher Gluthitze ausgetrockenten Kehlen laben die Einheimischen vorrangig mit Pastis, jenem unverwechselbaren Anisschnaps, der mit eiskaltem Wasser verdünnt, jenes milchigtrübe Elixir ergibt, das selbst hier, in der Wiege des französichen Weines als provençalisches Nationalgetränk gilt.

Wasser löscht aber auch andere Brände. Zum täglichen Bild eines heissen Sommertages gehören die gelben Wasserflugzeuge, die ihre mit Meerwasser gefüllten Bäuche über brennenden Wäldern entleeren. Daß der eine oder andere Sporttaucher, von den modernen Pelikanen irrtümlich mitaufgetankt, tief im Landesinneren zwischen verkohlten Baumstümpfen gefunden wurde, ist eine Gerücht, das besonders Marseilleiser Bartender gerne zum Besten geben.

Die magische Anziehungskraft des provençalischen Lichts, der Zauber, den Farben und Gerüche dieses Landstrichs auf Einwohner und Besucher gleichermaßen ausüben, machen süchtig. Süchtig nach Bouillabaisse und Patis, nach dem Geruch von Rosmarin und Lavendel und dem Zirpen der Zikaden.

?


Falter 33/97, 13.8.1997

Lieber Om,
das Badewetter am Montag war eine brilliante Idee. Blöderweise ist Montag ein Tag, an dem nicht so viele Menschen frei haben, wie, sagen wir einmal, an einem Samstag oder Sonntag. Die Gewitter, die Du zusammengebastelt hast, waren ganz okay, aber richtige Gewitter waren das noch nicht! Richtige Gewitter sind sehr laut und furchterregend und vor allem: Richtige Gewitter haben richtig viele Blitze und das ist vom erlebnistechnischen Standpunkt aus betrachtet besser als jedes Feuerwerk. Wie war das in Katmandu? Ich kann mir gut vorstellen, daß sie bei Euch auch mehr auf Spektakuläres stehen, als auf Durchschnittliches. Zugegeben, dieser gewisse Herr und sein noch unbegabterer Nachfolger Ali Baba sind zu Recht als Dilettanten in die Wettergeschichte eingegangen, aber Sommer machen ist eben nicht so einfach. Wenn Du Deinen Job ernst nimmst, Om, und daran zweifelt ja niemand, dann laß jetzt mal ein stabiles Hoch anwachsen. Wir hier in Wien haben nämlich die Nase voll von Dauerherbst und Jahrhundertfluten. Wir wollen mit einem Korb voller Schnitzel und Bier im Gras liegen, Karten spielen, schwimmen gehen und Kreuzworträtsel lösen. Das eine oder andere Buch läse sich im Schatten einer Linde auch besser als im Schatten von schwarzen Wolken. So long, Om, Deine Comandantina!

Panoptischer Kreis


Falter 32/97, 6.8.1997

Formidableres als einen Donnerstag-Abend bei der Trettrennwagenweltmeisterschaft in der Krieau kann es nicht geben . . . mit einem Guinness in der Hand mit den Mechanikern des Teams „Don´t Panic“ über den Urknall small zu talken … gegen Kukmirner wie Georg Hoanzl im Anschieben von Publikumsfahrern zu unterliegen … Werner Schreyers neue Haarfarbe nicht müde werden mit den Worten „gschleckt, Oida“ zu loben … linke vordere Radlager gemeinsam mit Festkörperphysikern der Technischen Universität zu schmieren … Austropopperfrisuren tragende Chefkonstrukteure mit Stolychnaja zu bestechen … bei plattenauflegenden Töchtern von berühmten Dichtern „genu valgum“ zu diagnostizieren … Stadtlebenredakteure von Kartoffeldruckzeitungen über den Verlust von Ghettoblastern hinwegzutrösten … die sowjetische Hymne bewußt nicht zu singen, damit die Siegesfeier nicht zur noch größeren Demütigung der Unterlegenen verkommt … und … und … und.

Om Dhom Khom


Falter 31/97, 30.7.1997

Warnung an alle! Sony-CMD-Z1-Handies sind zwar grandios und genial und können nicht hoch genug über den grünen Klee gelobt werden, eines bekommt ihnen jedoch nachweislich nicht: Sprühregen aus umfallenden Biergläsern. Der malzige Hopfennebel dringt in die feinsten Ritzen und tötet die durchdachteste Elektronik. Pech für Hugoine Handybesitzerin.

Ist Scientology eine Religion oder ein Multi? Ist der jüngst verstorbene Konzerngründer Ron L. Hubbard ein Gottseibeiuns oder nur Asche gewordener Satellit? Sind wir alle unterwandert, oder nur Teile der ÖVP? Fragen über Fragen, die aus dem Sommerloch steigen, wie der Yeti über die Gletscher.

Om Dhom Khom! Gar nicht so schlecht, Om, was sie Dir da in Katmandu beigebracht haben! Im direkten Vergleich zu Deinen Vorgängern geradezu erstaunlich! Die Nostrifizierung Deines Diploms wird noch dauern, weil die Gebetsmühlen vom Institut für angewandten Buddhismus in Ebensee/OÖ leider Auslaufmodelle sind. Was aus Deinen beiden gescheiterten Kollegen geworden ist? Der erste von ihnen, ein gewisser Herr, fristet sein Dasein in einem Altersheim für depressive Meteorologen in Weitra. Er putzt dort Thermometer, hört Wetterfunk über Mittelwelle und geht einmal in der Woche mit seinem Frosch Bootsmann schwimmen. Mehr nicht. Der andere, ein, durch grobe Fahrlässigkeit zu zweifelhaftem Ruhm gekommener Ägypter namens Ali Baba haben wir nach Kasachstan an den Aralsee geschickt. Da kann er mit seinem Faible für alttestamentarische Überschwemmungen vielleicht den einen oder anderen Fischer beeindrucken. Deiner Bitte nach einem Einjahresvertrag können wir nicht nachkommen. Es gibt jedoch Signale aus der Vorstandsetage, die Probezeit auf drei Wochen auszudehnen. Wenn Du Dich anstrengst, Om, sehe ich da kein Problem. Also, Willkommen am Donaukanal, und Toi Toi Toi für die zweite Hälfte des verpatzten Sommers. Mit freundlichen Grüßen bin ich Deine Protegeuse Comandantina!

Chilli Chilli Gang Bang

Falter 30/97, 23.7.1997

Konsum Es gab Zeiten, da reizten Österreichische Gaumen nur drei Eckpfeiler der Schärfe: Ölpfefferoni vom Würstelstand, Salzes Bruder Pfeffer und gulyastauglicher ungarischer Paprika. Chilli und Konsorten waren nur weitgereisten Weltenbummlern ein Begriff. Mit dem Massentourismus nach Übersee und der damit verbundenen Schulung österreichischer Geschmacksknospen korreliert die Invasion von neumodischen Scharfgaben in den heimischen Supermarktregalen. Trotz Chilli Chup, Salsa Ketch und wie die roten Plastikflaschen auch immer heißen mögen: Die heißesten Produkte bleiben die Klassiker Pimento Sauce von Heinz , McIlhenny´s Tabasco Brand, Louisiana Gold´s Pepper Sauce und das non-plus-ultra tränentreibender Schärfe, die gemahlenen Piripiri-Schoten der portugiesischen Firma Margao. Noch Schärferes kennt nur eine verschwiegene Gruppe Eingeweihter um Standard-Chillikritikus Christian Schachinger

Vielen Dank, lieber ORF, für die Ausstrahlung von Chitti Chitti Bang Bang. Dieser Film hat mich im zarten Alter von 7 Jahren in die Welt der Sexualität, den Kosmos der Geistesgegenwärtigkeit und das Universum der Erfindungsgabe eingeführt.

Om Dhom Khom!
Dienstantritt Mittwoch.
Devise: Schön.
Viel Glück,
Comandantina!

Tick, Trick & Schnapp


Falter 29/97, 16.7.1997

Mein neuestes Spielzeug heißt CMD-Z1. Es ist etwa doppelt so groß wie das virtuelle Hühnchen Tamagotchi, produziert aber weder virtuellen Häufchen noch muß es virtuell gefüttert und schon gar nicht virtuell erzogen werden. Es ist ein unscheinbares, aber äußerst diszipliniertes und für Erwachsen zugelassenes Funktelefon, etwa so groß wie eine Packung Lucky Strike. Man kann mit seiner Hilfe mit ganz normalen Lebewesen kommunizieren. Sony, so heißt der aufstrebende Konzern, der das High-End-Produkt entwickelt hat, könnte damit den skandinavischen Handy-Riesen Ericson und Nokia empfindliche Marktsegmente abknöpfen. Das ist mir persönlich natürlich völlig egal, wer da wem welche Segmente wegnimmt, aber so ist das mit japanischem Spielzeug: Wenn man es hat, ist man mächtig stolz darauf und macht mit im globalen Marktsegmentneuaufteilen!

Tick und Trick aus der Obersteiermark nahmen sich den großen Kaufhauserpresser Dagobert alias Arno Funke zum Vorbild und blackmailten den Lebensmittelkonzern Meinl mit der Drohung, bei Nichtzahlung von 25 Mille Zaster die konsumentenfeindlichen Produkte Zyankali und Rattengift in die Supermarktregale zu stellen. Die Organisation für Gelbeschaffung agierte aber eher donaldesk und wurde ganz ohne Rasterfahndung und Lauschangriff hinter schwedische Gardinen gebracht. Wo Sie jetzt mit den berühmten Panzerknackern gesiebte Luft atmen.

Die Rennfahrernation Österreich hat nach dem unsterblichen aber toten Jochen Rindt, dem Dreinieren-Besitzer Niki Nazionale und dem zuletzt kränkelnden Weiberreiter Berger eine neue Superbegabung in den Monocoques der Formel 1: Alexander Wurz, den Brat Pitt des Autofahrens.

Ali Baba! Du bist die größte Flasche, des Universums! Ganz Mitteleuropa ist heillos überschwemmt! Schleich Dich in einen Parallelkosmos und verding Dich dort als Wettergott! Dein buddhistischer Nachfolger Om Dhom Khom kommt nächste Woche. Grußloset, Comandantina!

Schüssel zum Glück

Falter 28/97, 9.7.1997

Ali Baba! Zuviel Vorschußlorbeer geerntet, Ali! Ist Dir die Sicherung durchgebrannt, wassersüchtiger Wüstenpriester? Statt billig in der Nase zu bohren, könntest Du Dich wieder einmal an die Regler begeben und dem Job nachkommen, für den wir Dich bezahlen: Wetter machen, und zwar gutes! Was Du Dir in den letzten Tagen geleistet hast, würde für zehn Fristlose reichen. Weil wir nicht umsonst als vorbildliche Arbeitgeber bekannt sind, wollen wir noch ein letztes Mal Gnade vor Recht ergehen lassen. Sommer, Ali, sonst spielt’s Granada mit zehn schwarzen Baßgeigen! Grußlos, Comandantina!

Sommer, Sonne


Falter 27/97, 2.7.1997

Radfahrer in Wien leben gefährlich. Entweder laufen ihnen halbblinde holländische, photographierwütige japanische und orientierungslose iberische Touristenherden vor die Vorderräder, oder Inline skatende Yuppies und zottelige Zwergdoggen an den langen Leinen gassigehender Pensionistinnen.

Auch waghalsig geöffnete Taxitüren sind nicht ohne. Nur von den Straßenbahnen auf der Lerchenfelder- und den talwärts fahrenden Bussen auf der Mariahilferstraße geht noch größere Gefahr aus: Während die Bimfahrer der Linie 46 eher lautlos, dafür aber mit Affenzahn rädern, sehen die Busdriver der Einkaufsmeile ihre Lizenz zu töten mehr im oberen Dezibelbereich und in ausgeklügelt unbrechenbarer Spurwahl.

Helmut Leherbauer ist tot. Der fanatische Verfechter des fantastischen Surrealismus trug seit seiner Pubertät Gattin Lotte Profohs auf Händen, einen nach caudal-medial gerollten Schnurrbart auf der Oberlippe, den Künstlernamen Maitre Leherb im Paß, sowie eine ausgestopfte weiße Taube auf der linken Schulter. Leherb erlag im 65ten Lebensjahr den Folgen eines Schlagsahneanfalls.

Ali Baba! Siehst Du, es geht ja wenn Du willst! So sehen kontinentale Sommer aus, o meteorologiebegabter Ali! Kasachische Hitze, die den Asphalt wie Butter zum Schmelzen bringt, Usbekische Sonne, die selbst durch dunkelste Brillengläser dringt und wolkenloser Himmel, wie er nicht einmal Moskauer Ansichtskartendesignern in dieser Sättigung gelingt. Wenn Du so weiter machst, o Ali, ist Dir der gut dotierte Job von Petrus, dem elenden Versager sicher und wir können in Verhandlungen für alle Eventualitäten der Herbstgestaltung treten. Mit Geduld und Spucke fangt ma eine Mucke, mit Punkt und Komma hingegen einen Sommer! (Lao-Tse; alte chinesische Weisheit.) Weiter so, Habibi, ma Salaam und dickes Plus, Deine Andrea Dusl!

Donau, Insel, Fest


Falter 26/97, 25.6.1997

Drei Millionen waren´s nicht. Die zweieinhalb Millionen Besucher des Donauinselfestes kamen trotzdem auf ihre alkoholische und akustische Rechnung. Eine geeichte Delegation aus der Weißwurst-Metropole mußte neidvoll zugestehen: Sie seien vom Oktoberfest ja einiges gewöhnt, aber der Grad der Leberschädigung, den Transdanubiens Jugend während des Inselfestes erreichten, zolle ihnen allerhöchsten Respekt ab. Wien sei biervernichtungstechnisch München turmhoch überlegen.

Mit einer großen Show in Zeltweg feierten die Österreichischen „Luftstreitkräfte“ nicht nur das eine oder andere aeronautische Jubiläum, sondern feuerten auch Abertonnen von Kerosin durch diverse alte, neue und brandneue Düsentriebwerke. Das Fest der Flügel wurde von enorm viel Zeltwegern aus dem In- und Ausland besucht und diente neben der geistigen Landesverteidigung auch einem militärisch streng gehüteten Zweck: Gute Stimmung zu machen für den Nachfolger des Lenkflüglers Saab Draken. Also flog viel teures Blech geheimnisvoll überschallschnell durch den obersteirischen Postkartenhimmel. Migs aus Rußland, allerlei gepfeilte amerikanische F-16´s und 14´s, brave deutsche Tornados, eleganteste gallische Mirage´s und höchst präzise formierte italienische Maschinen. Das steirische Publikum kreischte, die Verkaufsmanager der großen Flugzeugkonzerne und die Prominenz der heimischen Sportberichterstattung murmelten begeistert: Österreichs Luftstreitkräfte sind reif für neue Düsenjäger. Mögen ihre rasenden Loopings nie im Acker enden!

Kirchenväter leben gefährlich. Seit der Zeit der Märtyrer endet die ecclesiale Karriere zwar nicht mehr im Rachen von Großkatzen oder auf ausgesuchten Tötungsmaschinen, aber auch Gottesdienste und pastoralen Visiten haben ihre Tücken. Papa Giovanni II. kann von den leidvollen Erfahrungen mit Schießeisen und österlichen Ansprachen ein längeres Lied singen. Just ihn Wien erwischte es nun fast das Oberhaupt einer befreundeten Kirche, den Patriarch von Moskau, Alexi II. Der 68jährige legte sich nach mehrstündigem Gottesdienst in der russisch-orthodoxen Nikolai-Kathedrale im 3. Bezirk kollabierend zum Sterbemn hin. Gottseidank waren geschulte Leibärtze zur Stelle, die sich anstrengenten, den Ökumenen wiederzubeleben.

Die Musik, die allsonntäglich das Ziehen der Lottozahlen untermalt, gehört zu den grausamsten Hervorbringungen der abendländischen Kulturgeschichte.

Mehr Sonne, Ali Baba!

Falter 25/97, 18.6.1997

Ein Fest veranstalten: Nichts leichter als das! Man nehme einen Anlaß, drehe und wende ihn sorgfältig, mische etwas Vorfreude, ein gerüttelt Maß an Enthusiasmus und eine Prise Organisationstalent dazu. Für die Zubereitung der Fülle setze man willkürlich einen Termin fest und bediene sich am freien Markt der Kreativität, wo eine gute Mischung an würziger Musik, wohlriechendem Ambiente und geschmacksneutraler Eventlogistik stets frisch und zu moderaten Preisen erhältlich ist. Nach Verfeinern des Ganzen mit Behördenlauf, libidinösem Flyern und gezieltem Plakatieren mische man unter die köstliche Fülle den kaltgestellten Anlaß und schlage als Krönung den Termin schaumig auf. Nun schiebe man das Fest in die vorgewärmte Örtlichkeit und erwarte Gast und Gästin.

Mit Durchschnittszeiten um die 2:40 und einer Runde Vorsprung gewann das Team der Comandantina en jefe das erste Rennen der Tretautoweltmeisterschaft in der Krieau. Das Comandantentrio Julian Neumayer, Elmar Platzgummer und Harald Aue war Donnerstag Mitternacht nicht aufzuhalten. Plus. Schwimmen in der Stadt ist der neueste Sommerspaß. Comandante Gernot Mosshammer shakte im Flex bis in den späten Morgen, entledigte sich dann allerdings der Garderobe und kraulte im Donaukanal nach Hause in den 2.Bezirk.

Ali Baba! Aller Anfang ist schwer, o experimentierfreudiger Ali. Daß Du die durstige Natur mit Regen tränkst ist cool. Jetzt mehr Sonne für Deine Freunde wäre ultrahot. Durchführen und ma Salaam, Habibi!

Paul Flora ::: Der weiße Rabe

Der Tiroler Zeichner und Grübler Paul Flora wird am kommenden Sonntag 75 Jahre alt.

Ein Hausbesuch von ANDREA MARIA DUSL, erschienen ~ in Falter 25/97.

Paul Flora lebt in einer kleinen, zartgelb gefärbten Villa oberhalb Innsbrucks. Hinter Bäumen versteckt, ,,gleich neben dem Gasthaus Linde“. Der Taxifahrer, der die steile und kurvige Straße zur Hungerburg rauffährt, weiß, wo Paul Flora wohnt. In Innsbruck wissen alle, wo Paul Flora wohnt. Gleich neben dem Gasthaus Linde. In der Zeit, die der Mercedes den Weg zur Hungerburg raufkeucht, hätte es Flora locker mit der Hungerburgbahn in die Stadt geschafft, oder mit der Seilbahn zum Hafelekar hinauf. Paul Flora wohnt, was Innsbruck betrifft, vorbildlich.
Paul Flora.jpg,,Ich liebe die Berge“, gesteht Flora sein ,,nicht ganz platonisches Verhältnis“ zu Tirols Topographie. ,,Ihre Einsamkeit, ihre bizarre Schönheit, die Verfärbungen im Herbst, die Blumenpracht im Sommer und die verschneiten Wälder im Winter.“ Das Bedürfnis, sie zu attackieren, ihre Gipfel zu erobern, wie es seine Landsleute, die mountainbikenden, snowboardenden und kletternden Tiroler Fexe mit unstillbarem Eifer betreiben, hat er nicht. In aller Bescheidenheit, den Wert des Aufstiegs nicht über den der Aussicht zu stellen, zieht es ihn dennoch zu stürmischen Besteigungen.

Das Zaungatter der Floraschen Villa ist unversperrt, kein Hund bewacht die Zeichnerburg, einzig ein schwarzer Kolkrabe versucht sich als kapitolinische Gans. Ein paar Schritte durch frischgemähtes Gras führen zur Tür, sie steht offen, wie überhaupt Tiroler Türen offen stehen, wenn ihre Besitzer Gäste empfangen.

Paul Flora ist ein eleganter Herr mit schlohweißem Haar, einem pfiffigen Blitzen in den Augen und jenem vom Lachen aufgefalteten Gesichtsgebirge, das nur Südtirolern in die Wiege gelegt wird. Floras Händedruck ist fest und freundlich, aber sein Arm, wie er später nicht ohne bescheidenen Stolz erklären wird, ,,hängt nur mehr an Bandln und Sehnen“, seit er nächtens einmal über eine im Garten deponierte maximilianische Kanonenkugel fiel und sich dabei nachhaltig die rechte Schulter zertrümmerte.

Während Paul Floras Muse türkischen Kaffee brüht, entstoppelt der Zeichner eine Flasche mit kristallklarer Flüssigkeit, die sich als stärkster und feinster Zwetschkenschnaps herausstellt, der je eine Tiroler Hausbrennerei verlassen hat. Wir sitzen umringt von Bildern Roland Topors und Alfred Kubins. Flora hat mehr davon, als die Wände seines Hauses Platz bieten.

,,Ich bin Abonnent des Falter, wahrscheinlich der einzige in Innsbruck.“ Paul Flora beantwortet Fragen, die sein Gegenüber nie stellen würde. Nicht ohne diplomatisches Geschick beweist der Meister der zarten Linien, daß er weitaus mehr Ahnung von den Vorgängen in Wien hat als seine abgeschiedene Existenz auf der Tiroler Alm vermuten ließe. ,,Wien wird immer noch unterschätzt“, schreibt er der Hamburger Zeit ins Stammbuch. ,,Wenigen ist bekannt, daß Schnitzler, nicht Joyce, den inneren Monolog erfunden hat, und daß hinter abbröckelnden Fassaden einige Nebensachen wie die Psychoanalyse, die Zwölftonmusik, das Wittgensteinsche Gedankengebäude, ein Chimborasso der Literatur wie ,Der Mann ohne Eigenschaften‘ und noch viel dergleichen mehr entstanden ist, während man anderswo womöglich nur einige bedeutende Handelsgesellschaften gründete.“

Nicht nur in seiner Essaysammlung ,,Dies und das“ plaudert Paul Flora lieber über andere (etwa Saul Steinberg, Fritz von Herzmanovsky-Orlando oder Charlie Chaplin) als sich selbst – und verrät damit mehr über sich als andere je über ihn sagen könnten. Flora spricht klar, seine Sprache ist unverfälscht und ehrlich, sein Dialekt Tirolerisch, die Färbung Vinschgauerisch, mit dem Ton der Stadt Glurns, jener kleinsten Stadt Tirols, die die Familie der Floras erzeugt hat.

In Glurns wird Flora 1922 als italienischer Staatsbürger geboren. Sein Vater, ein Arzt, zieht mit der Familie 1927 nach Innsbruck. Dem italienischen Schulsystem will er seine sieben Kinder nicht anvertrauen. Der Weg nach Innsbruck führt über Matrei, wo der Großvater mütterlicherseits Besitzer einer noblen Pension im ,,Schweizer Stil“ ist. Nach dem Zusammenbruch der Monarchie sind hier versprengte Reste des alten Österreich versammelt, die sich ,,zwischen gipsernen Kaiserbüsten und ungemein geschwungenen Petroleumlampen“ dem süßen Studium der Melancholie hingeben. Für eine Baronin besorgt Flora Schönheitswässerchen, einer von spiritistischen Neigungen heimgesuchten Dame stellt er allabendlich eine Sitzgelegenheit in die Tiroler Dämmerung, um ihr die Konversation mit dem dahingeschiedenen Gemahl bequemer zu gestalten. Begegnungen dieser dritten Art erzeugen die nachlässige Eleganz Floras, die stets dann durchblitzt, wenn er sich knorrig und alpin gibt.

Als 15jähriger hat Flora jenes Schlüsselerlebnis, das ihm den Weg zum Künstler eröffnet: Er sieht erstmals Zeichnungen von Alfred Kubin. ,,Sie waren mir durchaus vertraut, denn ich kannte aus Mals und aus Matrei das Milieu und die in ihm handelnden Figuren; diese Welt überraschte mich nicht im geringsten. Ich wußte, ich will Zeichner werden.“ Feriengäste aus Bremen entdecken in den frühen Arbeiten Floras Talent und leiten ihre Erkenntnisse an Otto Modersohn weiter, der zum Besuch einer Kunstgewerbeschule rät. An der Innsbrucker Universität frequentiert der 16jährige Gymnasiast einen Aktzeichenkurs und gewöhnt sich eine angemessene Distanz zu den von ihm dargestellten Figuren an: Das Modell ist ein hageres Wesen mit Halbmaske, eine Dame aus der Innsbrucker Gesellschaft.

Von Innsbruck und seiner Bourgeoisie leben muß der Glurnser nie. Flora schlägt sich in der Münchener Akademie der Klasse Olaf Gulbranssons durch, ohne dem Meister je zu begegnen, ,,weil weder er noch ich je in sie hineinschaute“. Dem Krieg kann er sich bis 1944 mit Hilfe komplizierter Unternehmungen fernhalten. Die größte Militäraktion, so erinnert sich Flora, war das das ängstliche Durchmessen des schönen Weinviertels im Laufschritt. 1947, seit damals lebt er in seinem Haus auf der Hungerburg, hat Flora in Wien seine erste österreichische Einzelausstellung. In der Neuen Galerie, der jetzigen Galerie nächst St. Stephan. Die Aufnahme in den Art-Club ist die erste Folge.

Ab 1949 illustriert Flora das Feuilleton der amerikanischen Neuen Zeitung. Diese Zeichnungen machen Daniel Keel, den Gründer des Diogenes Verlags, auf ihn aufmerksam. Die beiden treffen einander in Zürich, ,,in einem altmodischen Haus, in einem altmodischen Zimmer, darin ein altmodisches Bett, darunter ein Persilkarton, und in diesem war der Diogenes Verlag“. Bis heute blühen die Früchte dieses ersten Teffens als erfolgreiche publizistische Zusammenarbeit.

1957 schließlich ereilt ihn der Ruf der Hamburger Zeit, die einen politischen Karikaturisten sucht. Er nimmt den Auftrag unter der Bedingung an, ,,daß mir niemand dreinredet“. Kaltes Entsetzten schlägt ihm entgegen. ,,Die haben gedacht, ich wohn’ hier auf der Alm, und ich kann ja nicht wissen, was sie wollen.“ Daß Neue Zürcher, Frankfurter Allgemeine und Weltwoche auch im Schatten der Nordkette gelesen werden, ist ihnen bis dahin unbekannt. 14 Jahre prägt Flora die politische Karikatur des deutschen Wochenblatts und zeigt sich an der Waterkant nicht öfter als einmal im Jahr, um mit der Gräfin Dönhoff zu soupieren und über nicht weniger als ,,dies und das“ zu parlieren. Daß Richard von Weizsäcker ihm das große Bundesverdienstkreuz für Verdienste um die politische Kultur in Deutschland um den Vinschgauer Hals legt, kommentiert Flora mit kokettem Stolz: ,,Ich versteh’ ja überhaupt nichts von Politik.“

Von den annähernd 3000 Zeichnungen, die Flora in Hamburg veröffentlichte, existieren heute nur noch wenige. ,,I bin nach hinten in Garten gangen, hab an großen Haufen g’macht und sie alle ang’schirrt.“ Weil er sie für die Zeitung entstehen ließ und nicht für die Wände von Galerien oder Privatwohnungen, opferte Flora sie dem Feuer.

Mit der gleichen Rigorosität arbeitet Flora noch immer. Er sitzt täglich vor Mittag an seinem Tisch und zeichnet. Setzt behutsam und doch kraftvoll Strich um Strich aufs Papier. Was nicht gelingt, landet im Papierkorb: Flora ist ein deflationistischer Handwerker. Bescheiden, klug und von verschmitzter Weisheit. Er hat ein befreiendes Vergnügen daran, über sich und andere zu lächeln, ohne jemandem weh zu tun. Mit milder Melancholie schlägt er, der sich stets als Unzeitgemäßen sieht, den Nagel der Zeit zärtlich auf den Kopf. ,,Flora ist nicht ohne Traurigkeit“, schreibt Friedrich Dürrenmatt zum Album ,,Trauerflora“. ,,In seinem Werk sind Welten untergegangen, und wir ahnen, daß auch wir untergehen.“ Von apokalyptischer Zukunftsvision ist Flora dennoch weit entfernt, lebt er doch sowieso ,,optisch in der Vergangenheit“. Aus pragmatischen Gründen: ,,Weil sie zeichnerisch mehr hergibt.“
,,Paul Flora, Hungerburg“, eine ewige Adresse.

©Andrea Maria Dusl

Schlussendlich Null

Falter 24/97, 11.6.1997

Die Null ist eine seltsame Zahl. Für sich gesehen ist sie einsam und würdelos, im Gespann mit einer anderen Ziffer höchst attraktiv und jubiläumsfähig. Gleich drei von ihnen beschäftigten Gert Voss, die Nummer Eins des deutschen Sprechtheaters, den Peter Turrini aus Anlaß des 60ers seines Mentors Claus Peymann bis 1000 zählen ließ. Da war dann endlich Schluß. Die Selbstdarsteller auf der politischen Bühne, Viktor Klima und Helmut Zilk wurden 50 und 70, das Vienna Art Orchester und der Falter jeweils 20. Einzig das Tretautoteam der Comandantina Dusilova kam ganz ohne Nullen aus. Sein bestes Pferd im Stall, Julian Neumayer legte mit einem neuen Bahnrekord die Poleposition für das Donnerstägliche Mitternachtsrennen auf die saftige Piste der Trabrennbahn Krieau.

Fürwahr eine charmante Idee, El, den Spätfrühling launig und wechselhaft zu gestalten. Baden und Braten in praller Sonne gehören erwiesenermaßen zu den ungesunden, wenngleich heftig herbeigesehnten Nebenerscheinungen zu frühen Sommereinzugs. Sie führen zu Pilzerkrankungen, Zecken- und Gelsenplage und Hautkrebs. Diese Gefahr scheinst Du erfolgreich zu bannen. Bedenke aber, o lernfähiger Ali, daß wir nach dem Grimmen des Winters und dem Triefen des Frühlings Fäustlinge und Regencape eingemottet haben und voll auf luftige Garderobe setzen. Mit einem Dauerhoch über Mitteleuropa kämst Du unseren Wünschen durchaus entgegen, Ma Salaam, Habibi!