Theorie statt Praxis

Falter 37/98, 9.9.1998

Theoretisch gibt es Wohnungen mit Sicherheitsschlössern an den Eingangstüren. Die satt und lautlos in den Angeln schwingen. Praktisch pfeift durch mein flattriges Dünnholzentree die steife Brise des zweiten Bezirks. Theoretisch gibt es Küchen, die ausschließlich zum Kochen und Verkosten von Delikatessen verwendet werden. Praktisch ist das einzig Delikate an meiner Feuchtraumkombüse, daß die Frühstückskipferln die fette Nässe der Tropen annehmen, in der Duschtasse dafür die Krümel der abendlichen Leberkässemmel schwimmen. Theoretisch lassen sich die meisten Fenster sowohl öffnen als auch schließen. Praktisch verharren die meinigen in einem apertiven Koma mittenmang. Theoretisch kann man in modernen Wohnungen zwei Elektrogeräte gleichzeitig am Netz zappeln lassen. In meiner, die eher modernd denn modern ist, habe ich die Wahl zwischen Heizen, Waschen, Toasten und E-Mailen. Nie jedoch zwischen elektrotechnischen Mehrfachbelastungen. Daß in theoretischen Wohnungen auch Backen, Braten und Bähen möglich sein soll, zudem die zivilisatorischen Segnungen des Haarefönens, Schallplattenabspielens und des Mehralszweilampengleichzeitigeingeschaltethabens, wurde mir erst jüngst wieder berichtet. Theoretisch sollte ich die Wohnung wechseln. Ganz schön praktisch wär das.

Sport ist blöde

Falter 36/98, 2.9.1998

Das will natürlich niemand zugeben. Daß Sportkonsum öde ist. Fußballschauen etwa. Wenn der Großteil der männlichen Bevölkerung des siebtreichsten Landes der Welt Sonntag für Sonntag untalentierten Sporthilfeempfängern bei der Jagd nach einer luftgefüllten Lederkugel zusieht, darf das nicht öde sein. Nicht offiziell. Allemal handelt es sich um eine schwache Saison. Oder um taktische Begegnungen. Nie jedoch grundsätzlich um Ödsinn. Wenn derselbe Großteil der männlichen Bevölkerung mit manischem Impetus angegrauten Jugendlichen dabei zusieht, wie sie milliardenschwere Werbeflächen im Kreis pilotieren, dann handelt es sich natürlich auch nicht um Ödnis. Sondern um das Anerkennen fortschrittlichster Automobiltechnologie im Vorfeld der Serienreife. Um das Mitleben im Kampf Mann gegen Mann, Motor gegen Motor, Getriebe gegen Getriebe, Stallorder gegen Stallorder. Als öde gilt, Experten die Sinnfrage zu stellen. Sinnfragen zu stellen, gilt bei Sportinteressierten als Tabu. Welchen Sinn macht Tanz, kontern sie dann. Oder: Da werden Milliarden bewegt. Das kommt doch auch dem kleinen Mann auf der Straße zugute. Blödsinn. Ich erkläre hier und jetzt: Sport ist blöde, Fußball plemplem und Formel Eins gaga. Nur für Hermann Maier schwärme ich. Der ist so sportlich.

Brot ist Leben

Falter 35/98, 26.8.1998

Unser täglich Brot gib uns heute …“, empfahlen uns die Schulschwestern zu erbitten. Die stoische Gründlichkeit, mit der sie uns dieses Gebet einbläuten, fruchtete immerhin so sehr, daß mir ein Tag ohne Brot, zum Beispiel ein frühstückssemmerlreicher Sonntagmorgen, geradezu sündig erschien. Unkatholisch, gottlos, teuflisch, so ein Tag ohne Brot. Meine Mutter, die als Evangelische Augsburger Bekenntnisses fast so etwas wie ein hedonistisches Stigma trug, ging in ihrer ökumenischen Rücksichtnahme auf die Ziele der Ecclesia einen Schritt zu weit: Sie nahm das mit dem täglichen Brot wörtlich. Ich biß also schwer und hart an knochentrockenen Scheiben dunkelbrauner, granitverkrusteter Schulbrote. Jahrelang. Sparsam, als hätte der heilige Franz von Assisi seine Hand dabei im Spiel gehabt, war zwischen die beiden Schieferscheiben eine hauchzarte Schicht Butter gestrichen. Traurig war das, denn nicht einmal größter Hunger vermochte mich dazu zu bewegen, mich im täglichsten aller Brote zu vergessen. Ich begegnete dem Konflikt kompromißlos durch Sünde. Ich warf das täglich Brot täglich weg und kaute dafür täglich hart an den täglich resultierenden Gewissensbissen. Seit damals horte ich weichstes Weißbrot. Bis es hart wie Marmor ist. Und weggeworfen werden kann. Denn Brot ist auch Sterben.

Ein Volk von Reisenden

Falter 34/98, 19.8.1998

Die Uhr im Supermarkt zeigt elf Uhr vormittags an einem strahlend blauen Augustsonntag. Vati, 34 und Funkberater, hat Senf, Servietten, zwei Kilo Grillspieße und 18 Dosen Schwechater im Einkaufskörbchen. Vati muß mit dem Reiseproviant nach Neulengbach. Doris, 24, Studentin und zu Hause in der Mollardgasse, braucht Himbeermarmelade, Semmeln und Klopapier für ihre Heimreise in den Sechsten. Bianca, 23, Kindergärtnerin, plant, sich auf ihrer Fahrt in die heimatliche Lassallestraße mit Nagellackentferner, Duschgel, einem Liter Milch, Kärntner Kasnudeln tiefgekühlt, einer Dose Nivea und einer Packung Always Ultra zu verköstigen. Franz, 56 und arbeitslos, verbringt sechs Dosen Ottakringer und zwei Minifläschchen Jägermeister in seinen Hauptwohnsitz in der Wartehalle des Pratersterns. Örkün,17, Schülerin aus der Meidlinger Hauptstraße, reist nie ohne Butter. Franz, 48, Werbegrafiker aus der Praterstraße, schafft keine längere Zugfahrt ohne sein Viertelkilo koffeinfreien Kaffee und eine Packung Rasierklingen. Da es nach dem Willen des Gesetzgebers geht, darf an einem Sonntag um elf nur Reiseproviant verkauft werden. Was dazu führt, daß halb Wien an den Praterstern reist, um sich mit sonntäglichem Reiseproviant einzudecken. Wien ist anders. Wien ist ein Volk von Reisenden.

Warum die Titanic sank II

Falter 33/98,  12.8.1998

Telebanking, so erörterten wir letzte Woche, war mitschuldig am Untergang der Titanic. Warum das stolze und als unsinkbar geltende Schiff so schnell in die Tiefe gezogen wurde, konnte die renommierte israelische Wissenschafterin Sharon Cohen vom Dan-Ternat-Institut für Chaostheorie an der Universität Tel Aviv vor kurzem schlüssig beweisen. Zucker, so ihr Schluß, stinknormaler Zucker an Bord der Titanic sei einer der Hauptgründe für ihr rasches Sinken gewesen. Cohen: „Mir ist ein Zuckersack in die Fischsuppe gefallen. Das Rätselhafte daran war, daß der Topf nicht überging. Der ganze Zucker hatte sich gelöst. Ich stellte gezielte Versuche in meinem Labor an und war verblüfft: Ein Kilo Zucker kann ohne Volumenvergrößerung 1,7 Kilo Meerwasser aufnehmen. Macht 2,7 Kilo. Ein Kilo Eisen bleibt ein Kilo, es wird durch Auftrieb im Wasser sogar leichter, ein Kilo Zucker hingegen wird fast dreimal so schwer. Aus den Ladelisten der Titanic wissen wir, daß im Vorderteil des Rumpfes 121 Tonnen Rübenzucker lagerten. Aus 121 Tonnen Zucker wurden innerhalb von Minuten 326,7 Tonnen leichtflüssiger Sirup. Kein Wunder, daß die Titanic so schnell und unaufhaltsam sank.“ Trocken allerdings der Titel von Sharon Cohens Buch: Sweet Desaster.

Warum die Titanic sank

Falter 32/98, 5.8.1998

Es war nicht der Eisberg, dessen Schramme den Stolz der Sieben Meere ins nasse Grab des Atlantiks zog. Neueste Untersuchungen der renommierten amerikanischen Wissenschafterin Loni Lagir vom Institute of Maritime Studies an der University of Portland, Oregon, wollen ganz andere Ursachen für den Untergang des Luxusliners R.M.S. Titanic verantwortlich machen. „R.M.S.“, so Lagir lakonisch, „darin steckt der Schlüssel zum Untergang.“ Das Kürzel steht für Royal Mail Steamer und entspräche einem „D.d.Ö.P.“, einem „Dampfschiff der Österreichischen Post“. Wie unsere Post war auch die Royal Mail nicht nur für gelbe Post, sondern über Lizenzen der Marconi-Gesellschaft für drahtlose Telegraphie auch für frühe Formen des Telebanking zuständig. Telebanking, wie es in verblüffend ähnlicher Form auch der heimische Postfuchs im Internet betreibt. Rettung rufende Funksprüche von der Titanic, weist Lagir in ihrem Papier nach, konnten nicht rechtzeitig abgesetzt werden, weil das Telebanking einiger Passagiere die Funkanlage lahmgelegt hatte. Der Tod der Passagiere und Besatzungsmitglieder der Titanic ging eindeutig aufs Konto schlechter Fernmeldelogistik. Wie gut, daß die 18 Minuten, die eine Kontostandsabfrage beim P.S.K-Telebanking durchschnittlich dauert, noch zu keinen Mortalitäten geführt hat.

Mir sind Öropeer!

Falter 30/98, 22.7.1998

Sind wir sich einig: Daß wir ihn Vorsitz von Europa haben, ist nicht ganz depert. Jetzten wissen auch der hinterste Fischer aus Portogall und der letzte Koffer aus Berlin daß mir nicht auf der Nudelsuppen dahergeschwommen sind. Weil, wir wissen das eh schon lange, Soda mit Himbeeren, jetzt is des auch vom Tapet. Zum Beispiel kommen sehr viele Dichter und Denker aus Wien, Bethofen, Maria Teresia, Kaiser Franzjosef I. und II., der dritte Mann, und viele andere. Auch Göthe und Schiller weilten stets hier. Oder das Augartenporzelan? Bitte wo auf der Welt, geschweige denn in Europa gibts sonst noch Augartenporzelan? Oder Sachertorte und Melausch? Oder Wiener Schnizel mit Gurckensalat? Das heißt ja schon so. Oder der Stefansdom, der ist höher als alle Kirchen außer in Strassburg, und das haben uns die Franzosen weggenommen. Wenn mir also alles sorgfältig, eins nach den anderen zusammensummieren, kommen wir zum eindeutigen Ergebnis: Die Österreicher sind mit recht die Hauptstadt von Europa. Und unter uns: Auch für den kleinen Mann von der Straße bieten wir etwas: Italienisches Eis, besser als in Rimini und bis hinüber nach Jugoslawien. Oder die feinen, leiwanden Frankfurter und heiße und Waldviertler mit Pfeferoni. Und erst die Käseleberkässemmel, die macht uns so schnell keiner nach.

Eddie und meine Gitarre

Falter 29/98, 15.7.1998

Freitag früh rief Eddie an. Eddie Irvine, der Formel-Eins-Fahrer. Das heißt, es rief natürlich nicht Eddie selbst an, sondern eine Verbündete Eddies, denn Eddie pflegt um diese Zeit Ferraris einzuparken. Eddie hat unglaublich viele Ferraris, mehr als Christian Rainer und fast so viele wie Michi Schuhmacher. Auf jeden Fall ist ferrarieinparken für alle gleich anstrengend und da kann man nicht auch noch telefonieren. Eddie ließ also anfragen, ob ich ihm meine Gitarre borgen könne, er müsse, hieß es, heute noch Auftreten, bei einem Fest, das Ferrari zahle und wo Richard Dorfmeister dann auflege, und so weiter und viele unscharfe Fotos von Ferraris und ihm und Schumi würde man auch sehen. Und weil Comandantinas ganz schön berechnend sein können, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, ging die Beantwortung der Frage in die Richtung, was denn als Gegengeschäft geplant sei. Denn für mich sind meine Gitarren ungefähr so wichtig, wie für Eddie die Ferraris.Ich hätte es also nicht unter einer Runde Ring in der Fiakerspur getan. Auch Ferrarieinparken in der Marc-Aurelstraße wäre schmoov gewesen, oder Tischfußball mit Eddie gegen Fiatfahrer in der Bar Trabant. Die ganze Sache scheiterte schließlich an Eddies zögerlicher Pressereferrentin, weshalb Eddie dann auf Dr. Mignons Gitarre spielte und eigentlich niemand so richtig glücklich war.

Die grosse weite Welt

Falter 28/98, 8.7.1998

Als ich ein Kind war, liebte ich die Post. Zum einen war ich durch die positive Darstellungen postalischer Vorgäng in meinen Kinderbüchern indokriniert, zum anderen war der Herr Briefträger – ein freundlicher Mann mit einem Lastwagenreifen von Bauch – der einzige Fremde, den ich kannte.Unser Postamt war schäbig und alt und es roch nach öligem Linoleum, aber es war die einzige Verbindung in die große weite Welt. Nach Pernambuco, Timbuktu, Nottingham, Bagdad und Stambul, die Osterinsel und wie die Orte in meinen Büchern alle hießen. Alleine die Möglichkeit, einen Brief aufzugeben, der auf der Osterinsel landen würde, machte das Postamt zu einem magischen Ort. Auch telefonieren war noch etwas, damals. Mit einem Schilling konnte ich fünf Minuten mit meiner besten Freundin plappern. Wenn das kleine Fenster mit dem weißen Zeiger ein präpariertes Loch hatte, in das eine Stecknadel paßte, um den Zeiger anzuhalten, konnten wir sogar ewig miteinander sprechen. Jetzt ist alles anders. Der Lastwagenreifenbauchbriefträger ist in Pension, das Postamt ist zur Arbeitslosengeldabholanstalt verkommen und telefonieren können wir vom Handy. Und die Telefonnummern holen wir uns aus dem Internet. Aber nur zu Geschäftszeiten. Denn Nachts schläft die Internetadresse der Post. Es ist doch nicht alles anders als früher.

Similares Anklopfen

Falter 27/98, 1.7.1998

Aus der Phänomenologie ist uns bekannt, daß Vorgänge unterschiedlicher Wesensart durchaus änhliche Ansichten hervorufen können. Nun habe ich von den Hervorbringungen der Philosophie ungefähr soviel Tau, wie Wittgenstein vom fünfhändigen Gitarrespiel, aber Ähnlichkeiten aufzuspüren vermag ich Also: worin ähneln einander Damentoiletten und Fußballspiele? Zwar haben Frauenklos weder Linienrichter noch bewegen sich dort zweimal elf Mann aufeinander zu, und auf des Kickers grünem Rasen werden weder Schminkspiegel gezückt noch Lippenstifte verborgt, aber gemeinsam haben Fußballfelder und Damentoiletten dennoch eines. Aus beiden Lagern, dem der Kicker und dem der Damen-Toiletten-Benutzerinnen kann berichtet werden, daß eilige Versuche meist an der verschlossenen Tür landen. Wenn, sagen wir einmal, ein durchschnittlich begabter Fußballer die Frucht des Spieles in Richtung Tor wettert, kann er sicher sein, daß seinem vehementen Impetus mindestens die Handschuhe des Tormannes entgegenstehen, im Regelfall aber das Lattenkreuz. Damenklos funktionieren ähnlich. Wenn, sagen wir, von vier Damenklotüren eine verschlossen ist, kann eine durchschnittlich begabte Klogeherin sicher sein, daß genau diese Kabine besetzt ist.Diese beiden verwandten Phänomen nennen wir Anklopfen.

Trotz aller Obwohls

Falter 26/98, 24.6.1998

Ich habe einen Klopfer. Einen Klopfer hast Du, wenn Du Dinge tust, die andere nicht tun. Und wenn sie sie doch tun, dann zu anderen Zeiten oder in anderem Zusammenhang. Ich habe mit dem Trinken alkoholischer Getränke aufgehört, obwohl die Wissenschaft erst vor Kurzem die Vorteile des täglichen Achterl Rot ergründete. Ich sitze im Schatten meines Schlafzimmers, obwohl draussen der feinste Sommer glüht. Ich bespreche mit Fredi Dorfer transidente Inhalte, obwohl einen Saal weiter Gunkl, die Stimme Gottes, gazellengleich über Sprachkaskaden schnellt. Ich interessiere mich nicht mehr für Fußball, obwohl gerade Fußballweltmeisterschaft ist. Zu allem Überdruß liebe ich es, im Sommer schwarze Kleidung zu tragen. Aus dem Physikunterricht ist mir bekannt ist, daß Schwarz die meiste Strahlung absorbiert und denkbar ungeeignet ist, in der prallen Sonne getragen zu werden. Obwohl mir bewußt ist, daß ich das weiß, ignoriere ich es. Ich gehe nicht ins Bad, obwohl ich es vergöttere, ins Bad zu gehen. Ich liebe schwarze Badeanzüge, obwohl ich nur zwei davon besitze. Ich bin katholisch und wußte nicht, daß der Papst in Österreich war. Ich bin gegen Atomkraft, obwohl ich mich nicht vor ihr fürchte. Ich hätte gerne einen Ferrari, obwohl nur Schlampen einen fahren. Ich habe eine Klopfer und es macht mir nichts aus.

Noch Feuerzeuglicheres

Falter 25/98, 17.6.1998

Resumee: In der letzten Folge erörterten wir die Frage nach dem Wohin und Woher von Feuerzeugen. Wir lernten die Phänomene Giving, Getting und Changing kennen.Diesmal wollen wir uns damit beschäftigen, woher die Feuerzeuge überhaupt kommen, und wohin sie überhaupt verschwinden. Feuerzeuge, die neu in den GCG-Kreislauf eingebracht werden, also neue, randvolle, kommen aus Trafiken, aus Tankstellenboutiquen und aus den Regalen neben den Registrierkassen von Supermarktfilialen. Diese Feuerzeuge der ersten Generation werden bald zu Changing-F.s und Giving-F.s. Was aber passiert mit alten, verbrauchten, mit leeren Feuerzeugen? Prof. Mia Eidlhuber von der Stanford University lieferte dazu jüngst eine einleuchtende Erklärung. 1. Es sind stets Getting-Feuerzeuge, die aus dem Kreislauf ausscheiden. 2. Es sind immer Feuerzeuge, die mindestens vier Generationen Changing hinter sich haben (der höchste gemessene C-Wert betrug 9). 3. Getting-Feuerzeuge werden nach einer unauffälligen Ruhephase im Haushalt von Getting-F.-Besitzern zu Vanishing-Feuerzeugen. 4. Vanishing-Feuerzeuge dematerialisieren sich in Superstrings der Dimensionen 7 und 8 und bleiben unseren vier Dimensionen damit für immer verborgen.. Daß höhere Mächte ihre Finger im Spiel haben könnten, wurde damit widerlegt.

Feuerzeugliches

Falter 24/98, 10.6.1998

Das verschwunde Socken-Phänomen ist beileibe nicht das einzige Mysterium, das mit Hilfe der modernen Physik einer Lösung zugeführt werden konnte. Jüngst gelang es einem Forscherteam am M.I.T. ein ähnlich häufiges, wenn auch in der Ursache grundverschiedenes Rätsel aufzuklären. Die bekannte Tatsache nämlich, daß sich Wegwerffeuerzeuge auf bisher unbekannten Wegen in Handtaschen,Schreibtischladen und Küchenablagen materialisieren, bzw. dematerialisieren. Drei miteinander Verknüpfte Phänomene wurden untersucht.: Getting (das Vermehren von Feuerzeugen bei statistisch relevanten Personengruppen), Giving (das signifikante Schrumpfen von Feuerzeugbesitz) und Changing (die numerisch-neutrale Zwischenstufe auf der Gaußschen GCG-Glockenkurve). Changing, so wurde entdeckt, ist der nit Abstand Häufigste Zustand. GCG ist ein quantenmechanisches Phänomen, das in Ähnlicher Form auch bei Visitkarten und Emails vorkommt. Populärwissenschaftlich ausgedrückt könnte es so beschrieben werden. Die Gesamtmengen von Getting- und Giving-Feuerzeugen halten einander stets die Waage. Statistisch gesehen! Nicht jedes Getting-Feuerzeug ist gleich ein Giving-Feuerzeug, es könnte genauso gut schon oder noch ein Changing-F. sein. Mehr darüber nächste Woche.

Zerpackungen

Falter 23/98, 3.6.1998

Gut Ding braucht nicht nur Weile, es braucht vor allem Verpackung. Je besser das Ding, desto verpackter ist es, soviel können wir getrost behaupten. In der Natur, unserer Lehrmeisterin in Sachen Marktmechanismen finden wir lohnende Beispiele zur Illustration dieses Prinzips. Perlen zum Beispiel:Die liegen nicht einfach so herum, sondern sind ziemlich aufwendig in Muscheln verpackt. Oder Kaviar: Auch nichts, was so, mirnichtsdirnichts vom nächsten Baum hängt. Richtig guter Kaviar ist in mindestens zweihundert Kilo kaspishen Stör gewickelt.Schlecht Ding wiederum kann verbessert werden, in dem es aufwendig verpackt wird. Kinderüberraschungseier, Zigaretten, Urlaubsfotos… die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Besonders perfide Verpackungsstrategien verfolgen die Nahversorgungsmonopolisten. Käse wird nicht Käsegerecht, sondern Verpackungsgerecht gehandelt. Das Kassapickerl ist aus sicherheitstechnischen Gründen so untrennbar mit der hauchzarten, aber unzerstörbaren Klarsichtfolie verklebt, daß Abreissen nicht ohne den Verlust von drei Fingernägeln einhergeht. Einmal perforiert läßt sich Weichkäse dann leicht mit einem Strohhalm aufsaugen. Hartkäse läßt sich in kleinen Bröckchen rausschütteln oder mit einer medizinischen Pinzette entnehmen. Gut Ding braucht eben Weile.

Not wendet

Falter 22/98, 27.5.1998

Zu Haushaltselektronik habe ich ein einspältiges Verhältnis. Entweder halte ich eine Maschine für proper genug, mir zu Diensten zu stehen – oder nicht. Dazwischen gibt es nichts. In dieses entweder-oder paßt nicht einmal die dünnste Rasierklinge. Fernsehapparat etwa besitze ich keinen mehr, weil er erstens vom Exekutor mitgenommen wurde und mir zweitens gar nicht fehlt. Ähnlich mein Verhältnis zum Bügeleisen: Eines, das ich besaß, wurde als Scheidungswaise dem ausziehenden Teil zugesprochen und aus Mangel an Bügelgut nie ersetzt. (Ich trage ohnedies selten Geblustes und Plissiertes). Fön brauche ich auch keinen, weil meine kaukasischen Engelslocken glücklicherweise auf die Naturtrockenmethode ansprechen. Bleiben die erlebniselektronischen Medien Computer, Telefon und Stereoanlage sowie die gastronomischen Apparate zum Kühlen, Wärmen und Aufsaugen von Speisen. Und . . . . meine geliebte Waschmaschine. Denn nichts, absolut nichts, macht mir mehr Spaß, als Wäsche zu waschen. Nicht einmal duschen ist schöner. Während ich stundenlang dem friedlichen Schnurren meiner finnischen Waschmaschine lausche, steigert sich mein Verlangen, das sämigweiche und bis auf minimale Restnässe trockengeschleuderte Waschgut endlich aufzuhängen, ins Unerträgliche. Was wäre ich ohne Waschmaschine?

Vom guten Gebrauch

Falter 21/98, 20.5.1998

Von Manfred Deix geht die Mär, er habe, als er noch ganz arm war, in Ermangelung eines Herdes mit funktionierender Kochplatte, seinen Morgenkaffee auf einem umgedrehten Bügeleisen zubereitet. Meine Nachbarn, die Familie Pipkow, waren zur Zeit ihres Armseins schon einen Schritt weiter. Erstens waren sie nicht mehr ganz so arm – Dimitar hatte schon seine Eineinhalbmillonenschillinggeige – und zweitens hatten sie eine Kochplatte. Weil sie aber keine Pfanne dazu hatten, legten sie ihre Pardeiserscheiben, Pfefferonistreifen und Paprikaschnitzel schlichterhand auf die Kochplatte. Wie das duftete, das bulgarische Röstgut! Gut, so waren sie, die Pikowschen, schlicht, aber mit großem Improvisationstalent gesegnet. Raffiniert geht es auch in der Familie der Comandantina zu. Bruder Pjotr etwa stellt seine 60tausendschilling-Studiomonitore nicht auf handelsübliche Dämpfer, sondern auf zwei mal zwei Bände des Brockhaus von 1897. Die Comandantina selbst hat den umgekehrten Weg eingeschlagen. Sie bändigt die Vibrationen der 24 Ziegel ihres schnittigen Brockhaus von 1998 mit tschechoslowakischen Boxen der Marke Tatrafon. J.J.Cale’s „Low Down“, die Lieblingsaufwachhilfe der Comandantina, kann erst so seine volle Magie entfalten.

Dachbodenlos

Falter 20/98, 13.5.1998

Alle paar Monate wird irgendwo auf dem Globus ein Speicher begangen und eine unbekannte Zeichnung Leonardos, eine verschollene Partitur Mozarts oder eine Schrift Einsteins entdeckt. Auch Rötelzeichnungen von Matisse, Liebesbriefe von Romy Schneider und Kinderfotos von Charles De Gaulle finden sich regelmäßig auf irgendwelchen Speichern. Überall auf der Welt geschieht das, nur seltsamerweise nicht in Wien. Erstens heißen Speicher bei uns nicht Speicher, sondern Dachboden und zweitens speichern sie nichts, schon gar nicht sothebykompatibles, sondern haben von Amts wegen leer zu sein oder sind von privater Hand ausgebaut. Einer der wenigen Dachböden Wiens, der den Namen Speicher alle Ehre machte, war jener im Wohnhaus der Comandantina Dusilova. Er speicherte das Frühwerk der Comandantina, welches sich vor allem aus Buntstiftzeichnungen religiösen Inhalts, der Prosasammlung „Deutschhausaufgaben 1971 bis 1980“ und der Autographensammlung „Mitteilungshefte Dusl 1c,2c,3c,3b und 4b“ zusammensetzte. Auch wertvolle Plüschtiere und genretypische Bastelarbeiten waren darunter. Waren. Sie wurden jüngst von Unbekannten in große Container geschaufelt. Bei welchem Anblick die Comandantina weinte wie ein kleines Schulmädchen.

Danube Super Leiwand

Falter 19/98, 6.5.1998

Obwohl Sankt Petersburg, zumindest von Sankt Marx aus gesehen, am Arsch der Welt liegt, ist die Metropole am finnischen Meerbusen hipper als wir denken. Weltstädte wie „Piter“ unterscheiden sich von Provinznestern vor allem darin, daß sich in ihnen sogenannte Weltstädter agglutinieren. In solch einer metropolitanischen Verklebung – im vierten Stock eines kolossalen Gebäudes am linken Newaufer – fiel letzten Winter, vorgebracht von einem Londoner Kulturexperten, die wertvolle Erkenntnis, bei Wien müsse es sich ebenfalls um eine Weltstadt handeln, komme doch der berühmte DJ DSL von dort. „I’m from Vienna“, das genügt in St.Petersburg, um über den Assoziationsbogen DSL als Kosmopolit anerkannt zu werden. Nicht Schrödinger und Wittgenstein sind es, weder Schiele noch Klimt, und Omseidank auch nicht Peter Weck und Fritz Muliar, derentwegen Wien auch an der Newa als Weltstadt gilt. DSL ist es. Danube Super Leiwand, „he’s the best in Europe“. Das hat sich bis St.Petersburg durchgesprochen. Fassungslos standen internationale Beobachter in der Nacht vom ersten auf den zweiten Mai vor dem Phänomen DSL. Mit stoischer Ruhe verwandelte der zerbrechliche Titan die sonst so coole Kunsthalle in den brodelnsten Tanzpalast des Kontinents. DSLseidank leben wir in einer Weltstadt.

The Devil Never Sleeps

Falter 17/98, 22.4.1998

Die Comandantina gilt allgemein als Haltlos. Ihr Ehrgeiz, so wurde ihr von Kennern stets hinterbracht, bestünde darin, den Genuß bis in die nebelverhangenen Höhen der Übertreibung zu verfeinern. Ihr Maß sei die Losigkeit, darüber herrschte Einigkei. Wo andere sich mit einem Paar morgendlicher Augenringe begnügen, nach zwei Packerln Tschick täglich die Hypnotiseuse aufsuchen, während der dritten Tasse Mokka dem Herzkasperl die Hand schütteln und in vier Gläsern Wodka den Untergang des Universums wittern, fange für die Comandantina der Genuß erst an. Damit ist jetzt Schluß. Doris Knecht wird ihr ihr Schatzkästchen an Power-Augencremen öffen, Elmar Platzgummer sie in die Kunst des Nichtrauchens einführen und der indische Botschafter ein Faible für Tee entfachen. Das soll alles sein? Mitnichten. Mit dem Vodka hat die Comandantina bereits eine gütliche Trennung vereinbart, die Hopfenperle läßt sie nicht einmal in Form von Kalksburger-Weckerln (Nullkommajosef e.a.) an sich heran und gespritzt wird nur mehr … Obi. Die hält das nie durch, das wäre ja gelacht, wenn die das durchhielte, lallten sie, letztens um drei Uhr früh und stellten einen Doppelten auf die Bar. Ihr Grinsen aber gefror, als sie ablehnte, die Comandantina. Schließlich hatte sie schon 25 Soda gespritzt intus. Mehr als ein Mensch verträgt.

Einpickwahn

Falter 16/98, 15.4.1998

Hast’ Tauscher?“ An dieser Frage erkennen einander Gleichgesinnte. „Hast’ Tauscher?“mit einer hochgezogenen Augenbraue vorgebracht heißt soviel wie:“Mir fehlen noch mindestens 273 Klebebilder in meinem Figurine-Panini-Fußballweltmeisterschafts-Sammelalbum“. „Vier Jamaikaner gegen Trifon Ivanov“, „egalwieviele Koreaner gegen Ronaldo“ oder „sämtliche Rumänen gegen Toni Polster“ und schon geht’s los: Erwachsene Männer stecken ihr Köpfe zusammen wie kleine Mädchen beim Zöpfeflechten ihrer Barbie-Puppen und versinken mit leuchtenden Augen in den Portraits zackiger Burschen mit schlechten Frisuren und drögem Blick. Die meisten, denen so geschieht, haben es schon in der Volksschule getan und stets mußten es Klebebilder von Figurine Panini sein. Und waren es damals vier Briefchen täglich, aufgerissen unter Hochspannung und in Erwartung neuer Gesichter und bekannter Heroen, so lassen die Brieftaschen von gutsituierter Afficionados heute ganz andere Mengen zu: Hundert Bilder täglich gelten als Standard. Einer Illusion sind sie im Laufe der Jahre allerdings beraubt worden: Ein Panini-Album rechtzeitig vor Anpfiff des Eröffnungsspiels vollzukriegen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Hierin scheitern selbst die größten Profis. Profis wie Wailand, Kralicek und ich.

Die Sache wird klarer

Falter 15/98, 8.4.1998

Die Menschheit ist der Lösung des Verschwundene-Socken-Rätsels schon wieder einen entscheidenden Schritt näher getreten: Wie und wohin nämlich einzelne Teile eines zusammengehörigen Sockenpaares verschwinden, wenn diese einem Vollwaschgang in einer handelsüblichen Waschmaschine unterzogen werden. Unbeirrbar hat mein alter Freund und Kupferstecher, comandante professore fisico Edward Witten von der Texas A&M University, in vorbildlicher Weise aus der String-Theorie die Membranen- oder M-Theorie entwickelt Aus der M-Theorie in elf Dimensionen lassen sich, sage und schreibe, sämtliche fünf Stringtheorien in zehn Dimensionen herleiten. Wird die elfte Dimension zu einem Kreis eingerollt, ergibt sich der Superstring vom Typ IIA; dieser ist durch die T-Dualität mit dem String vom Typ IIB verbunden. Schrumpft die zusäztliche Dimension hingegen auf ein kurzes Stück einer geraden Linie zusammen, ergibt sich der physikalisch interessante heterotische E8xE8-String. Dieser wiederum steht vermöge der T-Dualität in Zusammenhang mit dem heterotischen SO(32)-String, und letzterer über die S-Dualität mit dem SO(32)-String vom Typ I. Das bedeutet nichts anderes, als daß sich der verschwundene Socken in einer Dimension zwischen sieben und zehn befindet. Eingerollt in Dimension sechs.

Zoll ist toll

Falter 14/98, 1.4.1998

Vielleicht ist meine Ruhe zu auffällig. Vielleicht mein Faible für spiegelnde Schuhe. Vielleicht die schicke Jesus-Plakette an meinem Rucksack. Auf jeden Fall: Für Österreichs Zöllner bin ich ein höchstverdächtiges Subjekt. In einem vollbesetzten Zug sitzend, kann ich sicher sein, daß das Auge des Einfuhrgesetzes auf mir hängen bleibt, und nicht auf dem unrasierten Kasachen mit den Uranbrennstäben im verbeulten Koffer. Nicht auf dem tätowierten Kolumbianer mit der Ausbuchtung unter der linken Achsel. Und nicht auf der falschen Blondine mit den Heroinkondomen im Wonderbra. Stets bin ich es, die gefilzt wird. Wo haben sie das Päckchen Gauloises gekauft, was haben sie mit dem Haartrockneapparat vor, wen haben sie in Bratislawa getroffen, brauchen sie die Aspirin-Tabletten beruflich oder privat? Aus welchem Grund führen sie zwei Feuerzeuge mit sich? Warum lesen sie eine Schweizer Zeitung? Aber warum ich, und warum immer? Wegen meiner Gelassenheit? Wegen der geputzen Schuhe? Wegen der Jesus-Plakette? Trotz Unbescholtenheit und weißer Weste? Immer ich? Immer. Es sind die Augenringe. Augenringe sind böse. Augenringe wie ich sie habe, haben nicht eimal kasachische Uranschmuggler, kein einziger tätowierter kolumbianischer Kokainboß und nicht die falscheste Blondine.

Offenlegung gemäss §1 MetG.

Falter 13/98, 25.3.1998

Freitag, gegen halbzwei Uhr Mittags lief das Wetterfaß über. Apokalyptische Donnerschläge, Blitze aus der Ouvertüre zum Jüngsten Gericht und ein Blizzardissimo ungeahnter Flockendichte entluden sich im erlahmenden Weichbild der Stadt: Ein Kalendarischer Frühlingsbeginn im Gewande des Desasters. Telefone und Faxgeräte liefen heiß, eine Aussendung jagte die andere, Mailboxen, Chatfora und Depeschencontainer quollen über. Mirza Gasteiger Khan, Deus meteorologis recens, hatte sein wahres Gesicht gezeigt. Die Sonderkommission zur Aufdeckung von Verbrechen gegen den guten meteorologischen Geschmack stürmte das Zentralgebäude der Wettergestaltung, kämpfte sich Treppenabsatz um Treppenabsatz, Stockwerk um Stockwerk, Schutztür um Schutztür höher, um die Chefetage – intern 7ter Himmel gennant – unter Kontrolle zu nehmen. Hier bot sich ein Bild des Grauens: Mirza Gasteiger Khan, mit dem Blick der Wahsinnigen, inmitten eines Gebirges von Zettelwerk, drückte wahllos und mit stoischer Häme sämtliche Knöpfe des meteorologischen Komandopults. Die Sonderkommission unter der Leitung von Dr. Liza Krylova riß dem Psychopathen den nachgemachten Tirolerhut vom Kopf und den falschen Bart von der Oberlippe: Es war niemand geringerer als El Hamdullilah.