Blue Moon

Ein Gespräch mit Andrea Dusl, Wiener Zeitung, 22. Nov. 1996

Das Café Lapinski in der Wiener Marc-Aurel-Straße atmet den Charme von Bars in Brüssel, Paris oder Stockholm. Andrea Dusl hat größere Augenringe als andere Mitdreißigerinnen. Noch dunkler als diese Spuren der letzten Nacht ist nur ihre St. Petersburger Kapitänsjacke. Im Café Lapinski ist es nicht kalt, dennoch hat Dusl den Kragen hochgestellt.

Auf ihre Empfehlung löffeln wir Muligatawny, eine indische Suppe, die Dusl zur Geschmacksverstärkung mit einer unglaublichen Dosis von Chillipaste verschärft.

„Wiener Zeitung“: Sie schreiben, zeichnen, lomografieren, jerzt machen sie Film, was sind sie eigentlich, Journalistin, Illustratorin, Lomografin oder Filmemacherin?

Andrea Dusl: Ich weiß es selbst nicht. Es hat sich einfach ergeben. Das eine hat sich aus dem anderen ergeben. Um ein Sprichwort abzuwandeln – ich tanze nicht auf vielen Kirtagen, es ist eigentlich alles ein einziger Kirtag.

„W.Z.“: „Blue Moon, die Abenteuer von Steinyo Pichler“ ist einer von elf Filmen, die Michael Glawogger in seinem Film „Kino im Kopf“ porträtiert. War das ihre erste cinematografische Arbeit?

Andrea Dusl: Eigentlich nicht. Die Geschichte hat vor einigen Jahren mit einer Fotografie begonnen. Rainer Egger und ich sind zum Pferderennen gegangen. Ich habe mit einer alten Canon und einem ganz langsamen Schwarzweiß-Diamaterial fotografiert. Eines dieser Bilder (siehe großes Bild oben) hat in mir eine Flut von Geschichten ausgelöst. Das sollte mein Held sein, der Mann auf dem Foto, der über die Schulter zur Seite sieht. Also sind Rainer und ich am nächsten Wochenende in die Slowakei gefahren, um Geschichten für diesen Mann zu finden. Aus den Erlebnissen, die wir dort hatten, hat sich die Geschichte für einen Film herausgelöst. Ich habe zunächst kurze Szenen geschrieben, zweiminütige Episoden, so eine Art filmischer Schnappschüsse schwebte mir da vor.

„W.Z.“: Haben Sie versucht, diese Skizzen zur Förderung einzureichen?

Andrea Dusl: Zwei von ihnen. Ich nannte das Ding „In 80 Tagen um die Welt, Tag 1 und Tag 2″. Die Stadt Wien stellte mir 20.000 Schilling zur Verfügung. Das Material schenkte mir Michael Synek, zwei Rollen 35 mm, schwarzweiß. Mein Compañero Peter Zeitlinger, der beste Kameramann, den ich kenne, lieh sich eine alte Wochenschau-Arri. Wir fuhren los, ein kleines Team von professionellen Filmmenschen und ich. Wir drehten vier Minuten Spielfilm.

„W. Z.“. Wie ging’s dann weiter?

Andrea Dusl: Peter Zeitlinger und ich haben das Material in einem obskuren Hinterzimmer in fünf langen Nächten geschnitten, vertont und um – für meine damaligen Verhältnisse – ungeheuer viel Geld kopieren lassen. Mit diesen zwei kleinen Filmen habe ich dann Subventionen für vier weitere Episoden aufstellen können.

„W. Z.“: Sind das die Szenen, die in „Kino im Kopf“ zu sehen sind?

Andrea Dusl: Nein. Aus diesen zwölf Minuten Film hat sich erst die Idee zum Roadmovie „Blue Moon“ entwickelt. Die Geschichte einer Odyssee in den Osten, der Sehnsucht nach Frauen, nach dem Meer. Ich bin mit meinem Hauptdarsteller nach Polen, in die Slowakei und die Ukraine gefahren. Dort hat sich unsere Geschichte erst geschrieben. Dieses Drehbuch gibt es, das wollen wir verfilmen.

„W. Z.“. Wurden die Szenen für „Kino im Kopf“ extra gedreht?

Andrea Dusl: Ich habe drei exemplarische Szenen aus meinem Buch ausgewählt und umgeschrieben, damit sie, auch aus dem Zusammenhang gerissen, ihre Geschichte erzählen können. Leider sieht man in „Kino im Kopf“ nicht mehr viel davon. Die Stimmung, das Spiel, der Rhythmus unserer Arbeit ging in der Montage verloren. Wir haben unsere Geschichte nicht wiedererkannt.

„W.Z.“ Sind sie enttäuscht?

Andrea Dusl: Enttäuscht? Nicht wirklich. Ich habe es befürchtet. Beim ersten Sehen war ich allerdings entsetzt. Unsere Arbeit, die fertigen Szenen, das war alles noch wunderbar. Das war noch unser Film.

„W. Z.“: Wie geht es weiter mit „Blue Moon“?

Andrea Dusl: Ich war gerade in Paris, dort sind sie sehr interessiert an solchen Geschichten Sie ist nicht mehr nur im Kopf, sie ist auch auf Papier und in den Köpfen anderer und, wenn nicht alle Stricke reißen, bald auch auf Leinwand. 

Vorerst jedoch sind nur Bruchstücke von „Blue Moon“ in dem Film „Kino im Kopf“ zu sehen, der zur Zeit im Metro-Kino in Wien läuft.

Regie und Kamera: Michael Glawogger. Schnitt: Christof Schertenleib, Musik: Armin Pokorn, Ton: Ekkehart Baumung.

Andere Teile für Kino im Kopf“ lieferten Ip Wischin, Willy Puchner, Carl Andersen, Christoph Mayr, Viktor Tremmel, Hans Weingartner, Hans Hermann Fink, Susanne Strobl, Richard Blue Lormand, Peter Budil und Boris Schafgans.

Mitgewirkt haben Rainer Egger, Gabriela Skrabakova, Andreas Sobik, Tex Rubinowitz, Thomas Kussin, Johannes Silberschneider, Barbara de Koy u. v. a.

Zu den Abbildungen:
oben: Rainer Egger als Steinyo Pichler
unten links: 1988, Hotel Modra, Slowakei
unten rechts: 1996, am Stadtrand von Odessa

Angstschweiß

Andrea Dusl, 6b
4. Schularbeit (zweistündig), geschrieben im Frühjahr 1978, da war ich 16 Jahre alt.

„Die Angst des Tormannes beim Elfmeter?“
„Die Angst des Angeklagten vor dem Urteil?“
„Die Angst des Delinquenten vor der Guillotine?“

Angst und Angst und Angst! Drei verschiedene Situationen – drei verschiedene Menschen – drei verschiedene Ängste!

Der Tormann: Ein Sportler, ein Mann, dessen Aufgabe es ist, seinen Körper zu beherrschen. Er ist für dieses Spiel auserwählt worden, weil er der beste, weil er derjenige ist, dessen Körper am besten gehorcht. Er hat die besten Augen, die beste Reaktion. Er hat sich geschult, seinen Körper und seinen Geist. So, wie ein anderer lernt, mit  einer Maschine, hat er es gelernt, mit seinem Körper umzugehen. Es ist nebensächlich, in welchem Spiel, wo und wann. Denn es ist eine Situation eingetreten, in der Millionen auf ihn blicken. Die einen hoffen, daß die Angst ihn einen Fehler machen läßt. Ein Fehler genügt! Die anderen hoffen darauf; daß seine Erfahrung, seine Reaktion, sein  Selbstbewußtsein die Angst besiegen. Sie hoffen auf seine Routine, vertrauen auf sein Können. Er hat Angst. Die Ehre der Mannschaft, einer Nation steht auf dem Spiel. Von ihm hängt ab, wer gefeiert wird, wer in Schmach davonziehen muß. Sein Körper ist der Brennpunkt von Millionen Augen. Wird er den Ball halten? Wird er ihn früh genug sehen? Doch daran denkt er nicht. Er denkt an die Angst. Die Angst ist sein Gegner. Wird er gewinnen?

Der Angeklagte: Ein Gesetzesbrecher, ein Mann, der etwas Unrechtes getan hat. So sagt es das Gesetz. Vielleicht hat er nicht anders können. Vielleicht zwang man ihn dazu. Lenkte ihn ein Trieb? Versuchte ihn Geld? Forderten ihn Haß oder Liebe? Er glaubt unschuldig zu sein. Er fühlt sich keiner Schuld bewußt. Er hat es getan. Er hat seine Gründe gehabt. Würde er sich schuldig fühlen, er hätte keine Angst. Wer hat Angst davor, belohnt zu werden? Für eine Sache, mit deren Belohnung man einverstanden ist? Eines Verbrechers Belohnung ist anderer  Natur. Er weiß das, weiß, daß er bestraft werden wird. Doch womit, wie, wann, wielange, wie hart, … wozu …? Er ist unsicher, und Unsicherheit macht Angst. Eine eigenartige Angst, die sein Zwerchfell zusammenzieht, die seine Hände rosig-rot und feucht werden läßt. Er hat Angstschweiß! Seine Hände zittern. In einigen Sekunden wird sich der Schweiß auf seiner Stirne in Erleichterung aufgelöst haben, oder er wird mit Tränen gemischt werden. Auch er ist ein Mensch. Die nächsten Sekunden werden über sein Leben entscheiden. Er hat Angst, sehr, sehr große Angst!

Der Delinquent: Ein Mensch, der sein Leben verspielt hat. Ihm liegt nur noch an den letzten Zügen einer Zigarette. Er hat anderer Menschen Leben zerstört, er weiß das, man weiß das. Man hat gefunden, daß er kein Recht hat weiterzuleben. Viele Ängste hat er in seinem Leben schon ausstehen müssen. Er sollte das gewöhnt sein, Angst zu haben. Er hat Schlagzeilen gemacht, man kennt ihn, haßt ihn, verachtet ihn. „Das Scheusal“, sagen sie. „Mörder, Schwein!“ – „Die Leute sollen reden!“ Was hat er zu verlieren: Nur ein Leben! Wäre es denn noch ein Leben, sein Leben? Warum also Angst vor dem Sterben? Trotzdem hat er Angst, die größte Angst seines „Lebens“. Angst davor, anders zu sein, tot zu sein. Nicht der Tod ist das Schreckliche. Die Ungewißheit. Leben nach dem Tod? Er glaubt nicht daran, aber wer weiß? Angstschweiß tritt aus seiner Stirne. Die Zigarette ist feucht, dort wo er seine Finger hat. Man hat ihm die Hand freigelassen; die Linke. Raucht sich gut an der Linken!“ In ein paar Sekunden wird die Angst weg sein. Der Schweiß wird kalt werden. Man wird ihn vergessen. Nicht gleich! Aber die Angst wird sofort weg sein. Die Angst der Leute vor ihm ist schon längst geringer geworden. Seine Angst wird sofort vergessen sein. Seine Todes“-Angst!

Dreimal Angst also! Dreimal anders! Dreimal große Angst! Man kann nicht sagen, was Angst ist. Man muß sie fühlen; dann, wenn man nicht daran denken will.


Abgedruckt in: Jahresbericht des Bundesgymnasiums Wien 9 (Wasagymnasium) über das Schuljahr 1977/78, Herausgegeben von Direktor Dr. Erich Rebholz. Unter Mitarbeit von Hilde Leitgeb, Prof. K. H. Ribisch und Prof. Dr. Sepp Redl. pagg.

Klasse: 6b, 4. Schularbeit (zweistündig):
1. Kriemhild und Lady Macbeth – zwei „vâladinnen“.
2. Angstschweiß!
3. „Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie, wer frei sich wähnt, ist seines Wahnes Knecht.“ – Ein Dichterwort, des Überlegens wert.
Prof. Dr. Kurt Schlintner

Download des Scans: Angstschweiß