Andrea Dusl, 6b
4. Schularbeit (zweistündig), geschrieben im Frühjahr 1978, da war ich 16 Jahre alt.
„Die Angst des Tormannes beim Elfmeter?“
„Die Angst des Angeklagten vor dem Urteil?“
„Die Angst des Delinquenten vor der Guillotine?“
Angst und Angst und Angst! Drei verschiedene Situationen – drei verschiedene Menschen – drei verschiedene Ängste!
Der Tormann: Ein Sportler, ein Mann, dessen Aufgabe es ist, seinen Körper zu beherrschen. Er ist für dieses Spiel auserwählt worden, weil er der beste, weil er derjenige ist, dessen Körper am besten gehorcht. Er hat die besten Augen, die beste Reaktion. Er hat sich geschult, seinen Körper und seinen Geist. So, wie ein anderer lernt, mit einer Maschine, hat er es gelernt, mit seinem Körper umzugehen. Es ist nebensächlich, in welchem Spiel, wo und wann. Denn es ist eine Situation eingetreten, in der Millionen auf ihn blicken. Die einen hoffen, daß die Angst ihn einen Fehler machen läßt. Ein Fehler genügt! Die anderen hoffen darauf; daß seine Erfahrung, seine Reaktion, sein Selbstbewußtsein die Angst besiegen. Sie hoffen auf seine Routine, vertrauen auf sein Können. Er hat Angst. Die Ehre der Mannschaft, einer Nation steht auf dem Spiel. Von ihm hängt ab, wer gefeiert wird, wer in Schmach davonziehen muß. Sein Körper ist der Brennpunkt von Millionen Augen. Wird er den Ball halten? Wird er ihn früh genug sehen? Doch daran denkt er nicht. Er denkt an die Angst. Die Angst ist sein Gegner. Wird er gewinnen?
Der Angeklagte: Ein Gesetzesbrecher, ein Mann, der etwas Unrechtes getan hat. So sagt es das Gesetz. Vielleicht hat er nicht anders können. Vielleicht zwang man ihn dazu. Lenkte ihn ein Trieb? Versuchte ihn Geld? Forderten ihn Haß oder Liebe? Er glaubt unschuldig zu sein. Er fühlt sich keiner Schuld bewußt. Er hat es getan. Er hat seine Gründe gehabt. Würde er sich schuldig fühlen, er hätte keine Angst. Wer hat Angst davor, belohnt zu werden? Für eine Sache, mit deren Belohnung man einverstanden ist? Eines Verbrechers Belohnung ist anderer Natur. Er weiß das, weiß, daß er bestraft werden wird. Doch womit, wie, wann, wielange, wie hart, … wozu …? Er ist unsicher, und Unsicherheit macht Angst. Eine eigenartige Angst, die sein Zwerchfell zusammenzieht, die seine Hände rosig-rot und feucht werden läßt. Er hat Angstschweiß! Seine Hände zittern. In einigen Sekunden wird sich der Schweiß auf seiner Stirne in Erleichterung aufgelöst haben, oder er wird mit Tränen gemischt werden. Auch er ist ein Mensch. Die nächsten Sekunden werden über sein Leben entscheiden. Er hat Angst, sehr, sehr große Angst!
Der Delinquent: Ein Mensch, der sein Leben verspielt hat. Ihm liegt nur noch an den letzten Zügen einer Zigarette. Er hat anderer Menschen Leben zerstört, er weiß das, man weiß das. Man hat gefunden, daß er kein Recht hat weiterzuleben. Viele Ängste hat er in seinem Leben schon ausstehen müssen. Er sollte das gewöhnt sein, Angst zu haben. Er hat Schlagzeilen gemacht, man kennt ihn, haßt ihn, verachtet ihn. „Das Scheusal“, sagen sie. „Mörder, Schwein!“ – „Die Leute sollen reden!“ Was hat er zu verlieren: Nur ein Leben! Wäre es denn noch ein Leben, sein Leben? Warum also Angst vor dem Sterben? Trotzdem hat er Angst, die größte Angst seines „Lebens“. Angst davor, anders zu sein, tot zu sein. Nicht der Tod ist das Schreckliche. Die Ungewißheit. Leben nach dem Tod? Er glaubt nicht daran, aber wer weiß? Angstschweiß tritt aus seiner Stirne. Die Zigarette ist feucht, dort wo er seine Finger hat. Man hat ihm die Hand freigelassen; die Linke. Raucht sich gut an der Linken!“ In ein paar Sekunden wird die Angst weg sein. Der Schweiß wird kalt werden. Man wird ihn vergessen. Nicht gleich! Aber die Angst wird sofort weg sein. Die Angst der Leute vor ihm ist schon längst geringer geworden. Seine Angst wird sofort vergessen sein. Seine Todes“-Angst!
Dreimal Angst also! Dreimal anders! Dreimal große Angst! Man kann nicht sagen, was Angst ist. Man muß sie fühlen; dann, wenn man nicht daran denken will.
Abgedruckt in: Jahresbericht des Bundesgymnasiums Wien 9 (Wasagymnasium) über das Schuljahr 1977/78, Herausgegeben von Direktor Dr. Erich Rebholz. Unter Mitarbeit von Hilde Leitgeb, Prof. K. H. Ribisch und Prof. Dr. Sepp Redl. pagg.
Klasse: 6b, 4. Schularbeit (zweistündig):
1. Kriemhild und Lady Macbeth – zwei „vâladinnen“.
2. Angstschweiß!
3. „Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie, wer frei sich wähnt, ist seines Wahnes Knecht.“ – Ein Dichterwort, des Überlegens wert.
Prof. Dr. Kurt Schlintner
Download des Scans: Angstschweiß