„Ich weiß nicht“ ist die böse Schwester von „ich weiß“.

„Ich weiß nicht, wie ich mich damals verhalten hätte“ heißt: ich weiß, wie ich mich damals verhalten hätte. Wer sich indes sicher ist, also sagt: „Ich weiß, wie ich mich damals verhalten hätte“, meint er/sie wäre dagegen gewesen, gegen Hitlerei, Nazieuphorie, Antisemitismus. Die Sprache enthüllt auch das Ungesagte.

 

Freiheit und Nation

Kaum gibt es wo Tote und Verderben, wird die Fahne gehisst. „Keine Österreicher unter den Toten“ (andere Länder praktizieren es gleichermassen mit ihren „Nationalangehörigen“). Frage: Sind belgische/nichtösterreichische Tote weniger schlimm? Definiert sich eine Gesellschaft über ihre Nationalität? Gibt es Klassen bei den Toten? Die Antwort existiert. Und sie widert mich an. Die Toten von Heute sind Angehörige der Freiheit. Dieser Nation sollten wir alle angehören.

Kontingenz und Satire, Tragödie und Farce

Beim Hören von Cerha betritt mich diese Erkenntnis: Auch in der Kunst ereignet sich alles zweimal. In der Avantgarde (oder was diese Funktion wahrnimmt) kontingent, im Mainstream satirisch. Hermetisch lässt sich dazu jenes (bei Hegel gefundene) Diktum von Marx gesellen, demnach geschichtlicher Ereignisse und Personenkonstellationen das eine Mal als Tragödie, das andere als Farce stattfänden.

Andrea Maria Dusl, 17.2.2016

Irmgard Griss und die drei Gewalten

Nochmal in Erinnerung gerufen. Das sehr vernünftige, demokratiekonstituierende Prinzip der Gewaltenteilung. Welche sind die Gewalten? Nachhilfe ist österreichweit angebracht. Die drei Gewalten sind: Legislative, Judikative und Exekutive. Und Gefahr lauert, wenn eine in die andere wechselt, oder zwei sich verbünden. Wenn also eine unabhängige Höchstrichterin Urteile spricht, zu denen es kein Gericht gibt. Wenn Akten vernichtet werden, um sie der Einsicht und Kontrolle durch andere Gewalt zu entziehen. Richter in der Exekutive sind fehl am Platz. Wächst die Frage, welche Gewalt der Bundepräsident repräsentiert: Die Exkekutive, die Legislative, die Judikative? Eine vierte Gewalt? Eine vierte Gewalt gibt es nicht. Und auf die allfällige Antwort dazu: Nein, die Presse darf keine Gewalt sein. Sie ist in der freien Meinungsäusserung begründet. Und im Recht auf die freie Rede. Von diesen Teilungen der Gewalt hat Frau Dr. Griss nicht den Anflug einer Ahnung. Zumindest deutet nichts in ihren Taten oder Aussagen darauf hin.

Neue Aversionsfront in Candyland

Neueste Aversionsfront. Manche hier in Candyland finden es empörend, dass Flüchtlinge Mineralwasser mit Kohlensäure ablehnen. Sollen gefälligst trinken, was wir ihnen anbieten. Beschämende Einblicke in den Empathiehaushalt der Senfgebenden. Ähnlich gelagert die Aufpudlerei jener, die sich jegliche Assoziationen der staatlichen ungarischen Umgangsformen mit den „dunkelsten Zeiten des Kontinents“ verbieten. Selbst wenn diese von Auschwitzüberlebenden und Oberrabinern vorgebracht werden. Hauptsache der Taxifahrer kriegt eins übergebraten. Merke: Was Antisemitismus ist, bestimmt der Antisemit.

An die Österreicher!

An die Österreicher unter Euch. Ich komme aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Verfolgung, Flucht, Angst, Leid ist mir nicht fremd. Als ich in die Schule ging, wurde meinen Eltern geraten, meine Muttersprache zu verleugnen, es ginge mir dann besser so. Ich hörte also die Sprache meiner Mutter stets mit der Scham der Heimlichkeit. Das war nicht schön. Das war nicht lustig. Meine Wurzeln verheimlicht zu wissen. Sie verheimlichen zu müssen, weil eine andere Herkunft als die österreichische mir „geschadet“ hätte, wie die wohlmeinenden Stimmen meinten. Ich bitte also, anderen hier, Neuankommenden, nicht auch noch ihre Muttersprache zu rauben. Wie man sich hier unterhält, ist ja nicht so schwierig zu erlernen. Sag ich mal. Denn ich weiß das, Österreicher. Ich verdiene mittlerweile mein Geld damit, Euch Österreichern zu erzählen, wer Ihr seid und wie Eure Sprache geht.

Liebe Ungarn!

Liebe Ungarn, ich hoffe, Ihr habt es immer schön kuschelig in Eurem schönen Ungarn. Ab jetzt. Zuvor wart Ihr ja die Bussibären Europas. Geknechtet vom Kommunismus, davor gebeutelt von den bösen Osmanen und den noch böseren Habsburgern. Lauter furchtbare Okkupatoren und Verhinderer des guten Ungarntums. Horthy? Vergessen. Also wie gesagt, hoffentlich bleibt es immer schön locker bei Euch und pitschipatschi. Denn ab sofort seid ihr nicht mehr die Bussibären Europas, sondern die Orbánbären. Und Gulasch können wir übrigens auch kochen. Und die Ungarn, die bei uns sind, das sind die leiwanden Magyaren. Die stehen jetzt am Westbahnhof und helfen den Syren, die ihr auf Fitnessmärsche geschickt habt. Kann man das wieder gut machen? Aber sicher doch. Orbán und die Faschisten einfach abwählen. Projektname: Ungarn 2.0, Salamirevolution. Ende der Durchsage.


Postskriptum für Satireferne: Die ungarischen Zivilgesellschaftler, die sich gegen Rassismus stemmen und Flüchtlinge versorgen und lieb haben, aber schlecht gehört werden, weil die Porpagandamaschinerie über sie drüberfährt, sind gute Ungarn. Will sagen: Gute Menschen.

Alte Reflexe

Ich habe nachgedacht, warum so viele Menschen in Österreich Aversionen und Ressentiments gegen Asylsuchende aus Syrien hegen. Und warum die politische Agitation der FPÖ (und die Untätigkeit der Regierungsparteien) auf relativ breite Zustimmung in der Bevölkerung treffen. In der familiären Erinnerung der meisten Österreicher ist Krieg gleichbedeutend mit Generalmobilmachung. Kein Mann im „waffenfähigen“ Alter entkam der Nazi-Kriegsmaschinerie – egal ob freiwillig oder unfreiwillig.

In der Erinnerung der Österreicher ist der kriegsflüchtige junge Mann aber niemals ein „guter Mann“. Entweder ist er Desserteur, Feind, oder politisch/rassistisch Verfolgter. In der damaligen Ideologie (sie hallt nach) waren das Verbrecher. Waren das „hiesige“, waren es Fahnenflüchtige, Kameradenschweine, „Judenpack“, „Zigeunergesindel“. Den „guten“ Flüchtling sah man erst im Rückkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, und in den Vertriebenen aus den Sudentengebieten (zumeist Frauen, Kinder und Alte, wenig jungen Männer allerdings). Weil der Großteil der syrischen und afghanische, tschetschenische und pakistanische Flüchtlinge von jungen Männern gestellt wird, werden diese alten Reflexe der hasserfüllten Ablehnung mobilisiert. Ungarn- noch Tschechoslowakeiflüchtlinge waren in der Wahrnehmung der Österreicher keine Kriegsflüchtlinge und damit relativ willkommen.

Strache (sein Großvater war Sudetenflüchtling) gehört nicht zufällig einer willkommenen Grupppe an. Er nimmt sich genealogisch als Vertriebener wahr. Als Guter also. Zusammengefasst: Es ist der junge männliche Zivilist, den die rechten Österreicher als „böse“ wahrnehmen.

Warum ich nicht zum Kanzlerfest gehe

Lieber Werner Faymann,

vielen Dank für die Einladung zum Kanzlerfest aka Sommerfest der SPÖ. Sehr nett, daß Deine Leute mich da auf eine Liste mit anderen Wichtigtuern gesetzt haben. Zur Sache. Ich will nicht kommen. Ich könnte. Aber ich will nicht. Ich kann nicht über Parkwege stolzieren und Hors-d’oeuvre von Silbertabletts naschen, und Smalltalk über Kunst und Kultur führen, wenn in Traiskirchen Menschen auf der Erde schlafen müssen, ihre Kinder auf eben dieser Erde zur Welt bringen müssen, wenn sie sich um Essen und Trinken so lange anstellen müssen, wie das verdammte Kanzlerfest dauern wird. Wenn Ärzten der Zugang zu Patienten verwehrt wird. Kann sein, dass ich jetzt nie wieder zu irgendeinem Kanzlerfest eingeladen werde (zum Kanzlerfest von Strache würde ich gewiss nicht eingeladen werden). Wenn das der Preis dafür ist, dass nie wieder Menschen am Boden schlafen müssen in Österreich, wäre das ein schöner Preis. (Mein Niewiedereingeladenwerden. Nicht die Kanzlerschaft des Kickltoys.) Also, habt es nicht schön dort, liebe Freunde. Und hoffentlich seid Ihr nicht viele. Heute.

Mit freundschaftlichen Grüßen, Deine Andrea Maria Dusl, Sozialdemokratin, Leopoldstadt.

Schuld und Schulden

Zeit für semiotische Bereinigung. Man möge Schuld und Schulden von einander trennen. Schulden sind keine Schuld. Die Deutschen und ihre Unterläufel, die Ösen, können mit diesem Gleichtlautbefund nur das falsche anfangen. Ich fordere das Ersetzen des Wortes „Schulden“ durch „Debten“ (via eng. debt) oder „Detten“ (via franz. dette). Griechenland hat große Debten, aber keine Schuld. „Die Schuld: héritage de la pensée allemande. En Allemand le mot dette, die Schuld, signifie aussi culpabilité, faute. Les penseurs allemands jouent de cette polysémie… de Nietzsche dénonçant le sentiment de culpabilité développé par le christianisme chez l’homme occidental; à Heidegger développant l’idée d’être, Dasein, consubstantiellement coupable de ses dettes; en passant par l’analyse de l’homme aux rats par Sigmund Freud.“

Angstschweiß

Andrea Dusl, 6b
4. Schularbeit (zweistündig), geschrieben im Frühjahr 1978, da war ich 16 Jahre alt.

„Die Angst des Tormannes beim Elfmeter?“
„Die Angst des Angeklagten vor dem Urteil?“
„Die Angst des Delinquenten vor der Guillotine?“

Angst und Angst und Angst! Drei verschiedene Situationen – drei verschiedene Menschen – drei verschiedene Ängste!

Der Tormann: Ein Sportler, ein Mann, dessen Aufgabe es ist, seinen Körper zu beherrschen. Er ist für dieses Spiel auserwählt worden, weil er der beste, weil er derjenige ist, dessen Körper am besten gehorcht. Er hat die besten Augen, die beste Reaktion. Er hat sich geschult, seinen Körper und seinen Geist. So, wie ein anderer lernt, mit  einer Maschine, hat er es gelernt, mit seinem Körper umzugehen. Es ist nebensächlich, in welchem Spiel, wo und wann. Denn es ist eine Situation eingetreten, in der Millionen auf ihn blicken. Die einen hoffen, daß die Angst ihn einen Fehler machen läßt. Ein Fehler genügt! Die anderen hoffen darauf; daß seine Erfahrung, seine Reaktion, sein  Selbstbewußtsein die Angst besiegen. Sie hoffen auf seine Routine, vertrauen auf sein Können. Er hat Angst. Die Ehre der Mannschaft, einer Nation steht auf dem Spiel. Von ihm hängt ab, wer gefeiert wird, wer in Schmach davonziehen muß. Sein Körper ist der Brennpunkt von Millionen Augen. Wird er den Ball halten? Wird er ihn früh genug sehen? Doch daran denkt er nicht. Er denkt an die Angst. Die Angst ist sein Gegner. Wird er gewinnen?

Der Angeklagte: Ein Gesetzesbrecher, ein Mann, der etwas Unrechtes getan hat. So sagt es das Gesetz. Vielleicht hat er nicht anders können. Vielleicht zwang man ihn dazu. Lenkte ihn ein Trieb? Versuchte ihn Geld? Forderten ihn Haß oder Liebe? Er glaubt unschuldig zu sein. Er fühlt sich keiner Schuld bewußt. Er hat es getan. Er hat seine Gründe gehabt. Würde er sich schuldig fühlen, er hätte keine Angst. Wer hat Angst davor, belohnt zu werden? Für eine Sache, mit deren Belohnung man einverstanden ist? Eines Verbrechers Belohnung ist anderer  Natur. Er weiß das, weiß, daß er bestraft werden wird. Doch womit, wie, wann, wielange, wie hart, … wozu …? Er ist unsicher, und Unsicherheit macht Angst. Eine eigenartige Angst, die sein Zwerchfell zusammenzieht, die seine Hände rosig-rot und feucht werden läßt. Er hat Angstschweiß! Seine Hände zittern. In einigen Sekunden wird sich der Schweiß auf seiner Stirne in Erleichterung aufgelöst haben, oder er wird mit Tränen gemischt werden. Auch er ist ein Mensch. Die nächsten Sekunden werden über sein Leben entscheiden. Er hat Angst, sehr, sehr große Angst!

Der Delinquent: Ein Mensch, der sein Leben verspielt hat. Ihm liegt nur noch an den letzten Zügen einer Zigarette. Er hat anderer Menschen Leben zerstört, er weiß das, man weiß das. Man hat gefunden, daß er kein Recht hat weiterzuleben. Viele Ängste hat er in seinem Leben schon ausstehen müssen. Er sollte das gewöhnt sein, Angst zu haben. Er hat Schlagzeilen gemacht, man kennt ihn, haßt ihn, verachtet ihn. „Das Scheusal“, sagen sie. „Mörder, Schwein!“ – „Die Leute sollen reden!“ Was hat er zu verlieren: Nur ein Leben! Wäre es denn noch ein Leben, sein Leben? Warum also Angst vor dem Sterben? Trotzdem hat er Angst, die größte Angst seines „Lebens“. Angst davor, anders zu sein, tot zu sein. Nicht der Tod ist das Schreckliche. Die Ungewißheit. Leben nach dem Tod? Er glaubt nicht daran, aber wer weiß? Angstschweiß tritt aus seiner Stirne. Die Zigarette ist feucht, dort wo er seine Finger hat. Man hat ihm die Hand freigelassen; die Linke. Raucht sich gut an der Linken!“ In ein paar Sekunden wird die Angst weg sein. Der Schweiß wird kalt werden. Man wird ihn vergessen. Nicht gleich! Aber die Angst wird sofort weg sein. Die Angst der Leute vor ihm ist schon längst geringer geworden. Seine Angst wird sofort vergessen sein. Seine Todes“-Angst!

Dreimal Angst also! Dreimal anders! Dreimal große Angst! Man kann nicht sagen, was Angst ist. Man muß sie fühlen; dann, wenn man nicht daran denken will.


Abgedruckt in: Jahresbericht des Bundesgymnasiums Wien 9 (Wasagymnasium) über das Schuljahr 1977/78, Herausgegeben von Direktor Dr. Erich Rebholz. Unter Mitarbeit von Hilde Leitgeb, Prof. K. H. Ribisch und Prof. Dr. Sepp Redl. pagg.

Klasse: 6b, 4. Schularbeit (zweistündig):
1. Kriemhild und Lady Macbeth – zwei „vâladinnen“.
2. Angstschweiß!
3. „Wer seine Schranken kennt, der ist der Freie, wer frei sich wähnt, ist seines Wahnes Knecht.“ – Ein Dichterwort, des Überlegens wert.
Prof. Dr. Kurt Schlintner

Download des Scans: Angstschweiß