The Channel 8 Diaries ::: Piterlife

Fünf Tage sind vergangen, und es scheint mir, als hätte ich nie geschlafen, wäre schon ewig da und wäre jede noch so versteckte Strasse Petersburg mindestens achtmal abgegangen. Dem ist aber nicht so, denn ich komme immer wieder in Petersburger Weltgegenden, die ich noch nicht kenne.

Konenkos.jpgSamstag habe ich meine Freunde, die Konenkos getroffen, in ihrer mit Bildern, Büchern und Platten zugespachtelten zwei-Zimmer-Wohnung, die eigentlich Teil eines von sieben Salons einer Patrizierwohnung am Newski ist. Bei den Konenkos ist es gemütlich, es gibt Tee und viel Filmsprechen. Juri ist Filmkritiker und Festival-Katalog-Autor.

Sonntag ist Falter-Kolumnen-Schreibetag, Bilderordentag, Telefoniertag, Planungstag.

mailen und Surfen geht hier bei mir am Hotelzimmer so: Ich hol mein Powerboook aus dem Versteck, schalte bluetooth ein. Am Handy suche ich den Telefoncompany „Megaphon“ und stell auch dort bluethooth auf „on“. Dann klicke ich „verbinden“ und das Apple-Titanium wählt sich ins Internet ein.

Alle vier Minuten geht die Verbindung tschari, und das ganze von vorne. Ohne Laptop-aus-dem-Versteck-holen natürlich.

Majakovskaja.jpgMontag gehe ich kreuz und quer durch die Stadt. Im Videoladen sucht mir Juri Konenko russische Filme aus. Die DVDs kosten hier drei Euro, die CDs drei bis vier. Der lange Arm der amerikanischen Unterhaltungsindustrie endet an der russischen Grenze. Alitschna!

Dienstag treffe ich eine wunderschöne, zauberhafte Freundin. Nastja kenne ich seit sechs Jahren, sie studiert Englisch in einem IInstitut an der Moika. Die Moika ist einer der Kanäle, die Petersburg durchziehen. Um das studieren zu finanzieren, jobbt Anastasija am Chanel-Stand von einem High-Class-Laden für reiche Russinnen. Davon können sie und ihre Mama die Schulden zurückzahlen, die sie bei ihren Verwandten haben. Und die Miete geht sich auch aus. 1000 Rubel kostet die winzige Wohnung pro Monat, das sind 30 Euro. Und das ist hier verdammt viel.

Gegenüber vom Moskauer Bahnhof ist eine Metrostation, die wie ein runder Tempel aussieht. Von dort soll ich die Linie eins zur Station Polytechnetschkaya (o.s.ä.) nehmen. Ich steige in der falschen Richtung ein und muss wie beim Monopoly noch einmal über Start. Draussen in der Vorstadt, in den Plattenbausiedlungen wohnt Nastja, sie holt mich von der Metrostation ab. Wir kaufen Lachs, Tee, Kekse und Milchshake in einem sehr westlichen Supermarkt. Am Weg zu Nastjas Haus steht das Kybernetische Institut, ein Bau als hätte jemand im Computer das Sojus-Raumfahrt-Programm mit einem gotischem Kirchturm gemorpht. Am Weg nach Nastjas Hause kommen wir an einem Ziegelteich mit Strand vorbei, etwas fleckig sieht es dort aus. Dann durch ein kleines Birkenwäldchen, das sich aus den ausgebüchsten und zu gross gewordenen 60ties-Gartenbäumchen vor den zweistöckigen Häusern rekrutiert. Nastja wohnt mit ihrer Mutter, die gerade in der Bank ist und arbeitet. Die Wohnung im Erdgeschoss ist etwas abgeschrammt aber sauber wie ein junges Kätzchen.

Nastja bringt uns mit dem Shuttle-Bus rüber auf die Petrograder Insel. In so einem Shuttlebus – ein mittelgrosser Kastenwagen von Transit-Grösse haben genau 11 Leute Platz. Die Passagiere sitzen wie in einem kleinen fahrenden Kaffeehaus. In der „Englischen Bäckerei“ gibt es die besten Mehlspeisen und Torten Europas. Ich lüge jetzt nicht: Die besten von Europa. Der Laden sieht aus wie eine Kleinstadtkonditorei, aber vor den Mehlspeisen hier kann der Demel einpacken.

Nastja-Lounge.jpgAm Abend landen wir wieder am Newski in einem ultraschicken loungoiden Fortgehcafé. Dunkelbrau und weiss. Design dieser Güte würde man in Paris und Manhattan vermuten. Nicht in Russland. (Bild kommt noch!)

Dazwischen: Recherche in Apotheken, Apotheken, Bussen, Apotheken, Busen, Apotheken, Metrostationen, Brückenwärterhäuschen. Meine Ixus ist nach 700 Bildern randvolll. Und meine Hirn schwappt über von Nastjas Russlandbetriebsanleitung.

Mittwoch morgen treffe ich die Konenkos unten in der Hotelhalle, feuchter Regen hängt über der Stadt. Wir fahren zum Kaufhaus Gostiny Dvor und den Innenstadtparks um für die „Talking People“ in „Channel 8“ zu recherchieren. Mein Plan: Ich möchte an zwei Tagen 100 Leute interviewen, auf der Strasse, in Parks, in Geschäften. Vom kleinen Kind bis zur Babuschka, vom Bomsch (so heissen hier die Sandler) bis zum General. Wir sprechen mit 45 Leuten, und da sind schon arge Schicksale dabei, harte Sachen, aber auch aberwitzige und schreiend unspektakuläre Alltagsschicksale.

Morgen kommen die nächsten 54 dran. Uff. Tippen auch noch. Und alles muss durch mein kleines Handy durch um auf der Comandantinaseite zu landen!

Goodbye Salzgries

„Heisse Wiese“ – von Perr Heter, Wolfgang Kralicek und Andrea Maria Dusl

„Der Nachruf auf das Café Salzgries gehört jedenfalls zu den Dingen, die ich mir gerne in meine verbale Schatzkiste stecken möchte“

(Lotte Krisper-Ullyett in ihrem Blog)

[…] Wäre Wien bis auf alle Grundmauern verschwunden und nur dieser Ort geblieben [Anm. eben das zugesperrte Café Salzgries], man hätte die Stadt wiedererrichten können aus den Geschichten, die hier erlebt wurden, aus dem Personal, das es bevölkerte, aus der Sprache, die hier gesprochen wurde. […]

In deinem Paralleluniversum wurde eine Sprache gesprochen, die mit dir verstummen wird. Wo sonst wird man ein „Knochenbad“ oder einen „Fleischtee“ bestellen können, wenn man Rindsuppe essen will? Wo wird man nach dem Fahrplan verlangen, wenn man die Speisekarte begehrt? Wo wird man nach „Gas und Strom“ rufen können, wenn man die Rechnung will? Und wo wird man diese dann mit „Eisenscheinen“ (Münzen) begleichen können? Wo soll die „Gewürzschaukel“ oder auch die „Mineraliensammlung“ (Salz & Pfeffer), der „Depressive“ (Kren), das „Fleischildefonso“ (Lasagne), der „aufgetrennte Pullover“ (Spaghetti) oder die „heisse Wiese“ (Spinat) gereicht werden? Auch exotische Getränke wie der „Kinderfernet mit Gletscher“ (Coca-Cola on the rocks), die „Hochobette“ (großes Obi gespritzt), die „Hofenkaltschale“ (Seidel), das „Astl“ (Zweigelt) oder der „Gießhübl“ (Weißer Spritzer) gehörten in deinen Räumen zum Standardsortiment.

Gehegt und gepflegt haben deine Sprache, die als „Salzgriesisch“ in die Geschichte eingehen wird, „Perr Heter“ (Herr Peter) und eine gleichermaßen eingeschworene wie ausgschamte Stammkundschaft, die sich in hingebungsvoller Treue um ihn scharte. […]

Im Falter 7/04, „Tiefschlag für Wien“, S. 70

Vienna Metroblogging

ViennaMetblog.gifWien ist anders und trotzdem ein bisschen wie Atlanta, Boston, Chicago, London, Los Angeles, New York, San Francisco, Seattle und Washington. Wien hat nämlich auch ein Metroblog. Die Logbuch-Städte sind untereinander verlinkt und vernetzt.

Die urbanen Stratigraphen Aki Beckmann, Daniela Zaremba, David Dempsey, Georg, Günther Friesinger, Heinrich Hinterhalt, Johannes Grenzfurthner, Karin Harrasser, Marie Ringler, Michael Zeltner, Philipp Drössler, Thomas König und Tom Enzi – teilweise Mitglieder des Künstlerkollektivs monochrom lesen auf, was in Wien liegt, steht oder sonstwie fallengelassen wird.

Vienna.Metblogs

Sieben Zwerge

Napoleon war einer. Lenin auch. Die Welt der Macht ist voll kleiner
Männer. Statt sich um Schneeewittchen zu kümmern, sind sie überall.
Die Zwerge.

© Andrea Maria Dusl
geschrieben für Peter Praschl’s Sofa und den Falter

Franzjosef.jpgKaiser Franz Josef
Es war sehr schön…

Franz Josef Prohaska, wie ihn die Tschechen nannten, der längstdienende Monarch des Kontinents, der erste Beamte seines Staates, war von elfenhafter Kleinheit. Könnten wir uns nur auf zeitgenössische Berichte und geschöntes Fotomaterial verlassen, die Sache wäre höchst dubios. Kaiser werden ja nicht vermessen. Und Polizeiakten der höchst majestätischen körperlichen Daten dürften auch nie angelegt worden sein. Trotzdem wissen wir, daß Sisis Göttergatte ein Zwerg war.
In der Stoffsammlung der weltlichen Schatzkammer zu Wien befindet sich jener winzige Uniformrock, den Kaiser Franz Josef anhatte, als ihn, während eines Spaziergangs auf dem Glacis, ein eifersüchtiger junger Ungar dadurch zu ermorden trachtete, daß er ihm mit einem Messer an die Gurgel fuhr. Allein der steife Kragen des Monarchenrocks vereitelte das Attentat und führte zum Bau der Votivkirche, einer ausgewachsenen französischen Kathedrale, die Franz Josef aus Dankbarkeit am Tatort errichten ließ (der Ungar wurde trotzdem hingerichtet).
Der Grund für den Mordversuch war zutiefst bürgerlich, ja geradezu erdverbunden: Franz Josef, der gerne und begabt dem weiblichen Personal nachstellte, hatte die Schwester des Attentäters „entehrt“, ohne ihr dafür die Ehe anzubieten. Daß der Kaiser ein Zwerg war, kann ich bestätigen. Der Original-Attentatsrock aus tuntigrosa Samt ist so klein und eng geschnitten, daß grade mal eine elfjährige indische Tempeltänzerin hineinpassen würde.
Bacher.jpgGerd Bacher
Der Tiger

Viele da draußen in Deutschland, wie es bei uns hier drinnen in Ösenland gerne heißt, also viele da bei Euch in Deutschland fragen sich, woher denn das kommt, daß in jedem deutschen Privatsender ein Ösi sitzt, und woher denn das kommt, daß die so verdammt erfolgreich sind mit Fernsehmachen, wo sie doch aus einem Land kommen, das mit Fernsehen, also mit richtigem Fernsehen rein gar nichts am Seppelhut hat. Nun, die ganzen dicken Ösis, die Eure Privatsender regieren, liebe Deutsche, sind allesamt durch die harte Schule eines kleinen, aber höchst durchsetzungsfähigen Mannes gegangen.
Dieser kleine und höchst durchsetzungsfähige Mann war Gerd Bacher (er ist jetzt in Pension und hat so mehr Zeit für Sex als früher). Niemand nannte Gerd Bacher zur Zeit seiner größten Wirkung Gerd Bacher. Alle nannten ihn Tiger. Tiger, weil er so viele Sommersprossen hatte, daß sie ein Tigermuster auf seiner teigigen Haut erzeugten. Der Tiger war mehrere Jahrhunderte lang der Generalintendant des Österreichischen Rundfunks, des ORF (Oahr-Er-Äff ausgesprochen), jenes Staatsfunks, der mächtiger ist, als das Pentagon und der Vatikan zusammen (mit beiden pflegte Tiger Bacher daher auch rege Kontakte). Tiger Bacher war berühmt für seine bizarren Wutanfälle, für seine gnadenlose Durchsetzungsfähigkeit und für seine beinharte konservative Note.
In Tiger Bacher wohnte aber nicht nur die Kraft einer indischen Riesenkatze, sondern auch die Bosheit des Rumpelstilzchens. Als eine Sekretärin einmal arglos ihren kleinen Fiat auf die riesige freie Fläche neben dem Hauptportal des ORF-Zentrums am Wiener Küniglberg parkte, riß dem Generalintendanten die Hutschnur: Er stach mit seinem Taschenmesser alle vier Reifen des kleinen Sekretärinnen-Fiat auf. Was aber hatte den Fernsehmogul so erzürnt? Die Alleinerzieherin hatte es gewagt, innerhalb einer fünfzig Meter breiten heiligen Fläche zu parken, die einem ungeschriebenem Gesetz zufolge alleinig dem dicken Benz des Gerd Bacher zustand. Wetten, daß die großen Fernsehbosse bei Euch alle kleine Taschenmesser am Schlüsselbund haben? >>>

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Sieben Platten für ein ganzes Leben

Sieben Platten für ein ganzes Leben, oder was ich am 27. Jänner 2000 dafür hielt.
JimiHendrixjpgJimi Hendrix
Electric Ladyland

In Österreich hält sich hartnäckig die Theorie, Jugendliche, die in den 70er-Jahren aufwuchsen, hätten sich im wesentlichen nur zwischen den antipodischen Boygroups „The Beatles“ und „The Rolling Stones“ entscheiden dürfen. Die Schwiegersöhne aus Liverpool hätten demnach eher der konservativen Klientel unter den Pubertierenden jener Zeit, die rollenden Drogisten um Mick und Keith dagegen dem Fan-Lager proloider Kids aus industriellem Ambiente „gehört“.
Diese Theorie ist grundfalsch, weil sie nämlich nicht berücksichtigt, daß ein wuschelköpfiger amerikanischer Hippie derweil Musik aus einem anderen Universum machte. Noch dazu mit links. Und daß es auch im sozialpartnerschaftlich organisierten Österreich möglich war, sich jenseits aller gängigen Musik-Benimmregeln für einen wirklichen Helden zu entscheiden.
Dieser zerbrechliche Titan hieß Jimi Hendrix. Sein Talent war nicht von dieser Erde (weswegen Jimi auch bald in seine Heimat zurückgekehrt ist). Electric Ladyland ist eine der Scheiben, die bei mir Gänsehaut auslösen. Schon der Gedanke daran führt bei mir zu elektrischen Freudenschauern. Jimi!
LedZeppelin.gifLed Zeppelin
Houses of the Holy

Seltsamerweise gilt es sogar in aufgeklärten Kreisen nicht gerade als schick, diese Musik aus dem Jura des Hard Rock zu hören. (Selbst Led Zeppelin- Afficionados greifen dieses Album nur mit äußerst spitzen Fingern an.)
Mein absoluter Lieblings-Song auf dem ganz und gar wunderbar zusammengebastelten Album ist „D’yer Mak’er“, ein bluesig-karibisches Liedchen, das mit einem in Richtung Ben E. King zielendem Riff beginnt und dann in einen hypnotischen Reggae-Off-Beat schlingert. Ich habe einmal >>>

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Sieben gefährliche Orte um Schwimmen zu gehen

Schwimmen ist nicht Schwimmen. Schon gar nicht dort, wo man keinesfalls schwimmen sollte.
Pribaltiskaya.jpgFinnischer Meerbusen
Sankt Petersburg, Russland

St. Petersburg ist berühmt für seine weißen Nächte. Die heißen so, weil dort im Sommer die Sonne erst gegen elf, halb zwölf Uhr abends untergeht. Das Gefühl von so einer weißen Nacht ist wie ein Turbo-Jetlag ohne anstrengendes Reiseerlebnis. Und die passende Droge für so eine weiße Nacht ist Wodka. Während einer weißen Nacht in St. Petersburg ist Wodka Pflicht.
Also dachten wir uns, gehen wir runter zum Strand, denken daran, daß sie in Kalifornien alle schon Taschenlampen brauchen um diese Zeit und trinken ein bißchen von dem netten Wodka, Pflicht ist schließlich Pflicht. Vom Hotel Pribaltiskaja, wo wir wohnten, ist es nicht weit zum Strand, denn das Hotel Pribaltiskaja liegt direkt am Industriehafen. Und der Industriehafen ist ja sowas wie ein Strand.
Die Droge Wodka hat nun wiederum den Nachteil, daß sie ungeheuer schnell wirkt. Wir waren also schon sehr betrunken, als wir die 50 Meter zum „Strand“ hinter uns gebracht hatten. Wir, das waren ein paar Tiroler, zwei ereignisscheue deutsche Pärchen und ein karfunkeläugiger Korse. Weil Wodka sehr von innen wärmt, wollte ich unbedingt schwimmen gehen. Wo doch da ein Meer war. Also zog ich mich aus, >>>

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Sieben Türme

Als die Babylonier damit begannen, aus Lehmziegeln und Erdpech ihren Turm zu errichten, hatten sie – so Moses in der Genesis – noch eine gemeinsame Sprache. Aber Gott beschloß, die Himmelsstürmer, die sich an das Unerreichbare heranwagten, wieder auf die Erde zu holen. „Er verwirrte ihre Sprache, sodaß keiner mehr die des anderen verstand.“
Text und Illustrationen © ANDREA MARIA DUSL
except 7: © FRANK LLOYD-WRIGHT

Erscheinungsdatum unklar
Daß der Turmbau vor allem mit dem lieben Gott zu tun hat, beweisen die Kirchtürme des Abendlandes genauso wie die Minarette der Mohammedaner oder die über Knochenfragmenten des Buddha aufgetürmten Stupas. Die Frage, ob denn Türme und Menhire, die phallischen Obelisken und Siegessäulen nicht bloß Männlichkeitssymbole eines Kulturgrenzen überspringenden Weltpatriarchats seien, muß nicht gestellt werden: Natürlich sind sie es. Türme werden zwar nicht explizit für, aber ausnahmslos von Männern errichtet.
pisa.jpegDer Berühmteste
Der schiefe Turm von Pisa
Der wohl bekannteste Turm aller Zeiten ist auch einer der schönsten. Daß nicht alleine seine aberwitzige und gefährliche Neigung für seinen Ruhm verantwortlich ist, zeigt ein Vergleich mit anderen « schiefen Türmen ». Die « Torre degli Asinelli » und die « Torre Garisenda », zwei Bologneser Geschlechtertürme, haben kaum lokale Bedeutung.
« Piazza dei Miracoli », Platz der Wunder, heißt die noch heute am Rande Pisas gelegene Wiese des Dombezirks. Wenn das Meer (das heute nicht mehr in unmittelbarer Nähe der Stadt liegt, wie noch zu Zeiten der Seerepublik) Pisa in einen zartschwebenden weißen Morgenschleier hüllt, mag man sich in ein orientalisches Märchen versetzt vorkommen. Gäbe es die berühmte « Torre Pendente », den schiefen Turm, nicht, wäre Pisa schon für seinen weißmarmornen Dom und das Spitzengeflecht des Baptisteriums vom Nimbus der Einzigartigkeit bestrahlt.
Drei Millionen Besucher jährlich waren es, die den nicht ungefährlichen Aufstieg auf den stark geneigten Turm wagten, mehr als zehn immerhin, die von einer der sechs ungesicherten Gallerien in den >>>

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Michail Gorbatschow

Gorbatschow.gifAnfang dieses Jahrtausends habe ich einen Film gemacht, in dem Josef Hader und Detlev Buck auf der Suche nach einer ukrainischen Taxifahrerin die Länder des ehemaligen Ostblocks bereisen. Zur Deutschlandpremiere von „Blue Moon“ war ich in Berlin eingeladen. Als der ganze Trubel vorbei war, blieb mir noch ein halber Tag, den ich dazu verwenden wollte, im Ostteil der Stadt nach einem offiziellen Porträt jenes Mannes zu suchen, der dafür verantwortlich war, dass dieser Film überhaupt gedreht werden konnte: Michail Gorbatschow. Ohne Glasnost, ohne Perestroika, ohne Michail Gorbatschow wäre die kleine Andrea nie nach Bratislava gefahren, nie hätte sich der Eiserne Vorhang geöffnet, nie wären Lviv, Kiev und Odessa erblüht, ewig wären sie unentdeckte Disteln geblieben in einer öligen und traurigen Steppe.

Wo wir auch hingingen, meine Berliner Entourage und ich, es gab jeglichen Ostplunder. Sowjetische Fellmützen, DDR-Trainingsanzüge, Schupo-Uniformen, Fahnen und Plakate aus der Zone, Rotkäppchensekt, ja sogar Möbel aus dem siebten Himmel, wie man Honeckers Büroetage im Palast der Republik nannte, fanden wir, nicht aber ein Präsidentenporträt des Generalsekretärs der KPdSU. Nicht die Ikone Europas.

Nebel legte sich über die Stadt, der Abend graute, und bald saß ich müde und erschöpft, aber ohne ostalgisches Souvenir in der Maschine nach Wien. Die Anschnalllichter waren gerade ausgegangen, Kaffee wurde gebrüht, und die Stewardessen schickten sich an, Käsebrötchen auszuteilen, als ich eine Erscheinung hatte.

Ganz vorne in der Maschine stand ein gemütlicher Mann mit weißem Glatzenkranz. Er hatte seine Jacke ausgezogen, weiß wie sein Haar leuchtete sein gut gebügeltes Hemd zu mir herüber. So müsste Michail Gorbatschow jetzt wohl aussehen, wenn man ihn träfe, aber wer träfe denn schon Michail Gorbatschow? In einer Maschine von Berlin nach Wien, an einem nebeligen Novemberabend, während in der Touristenklasse gerade Kaffee und Käsebrötchen ausgeteilt würden?

Während also in der Touristenklasse gerade Kaffee und Käsebrötchen ausgeteilt wurden, fragte es in mir, woran man wohl Michail Gorbatschow erkennen würde, wenn man ihn träfe in einem Flugzeug über dem Himmel von Berlin. Und da antwortete es in mir, dass man Michail Gorbatschow vermutlich an jener seltsamen dunkelroten Hautverfärbung auf dem Scheitel seiner Stirne erkennen würde, die, eine seltsamen, Koinzidenz der Geschichte darstellend, ausgerechnet die Umrisse des US-amerikanischen Bundesstaates Kalifornien nachzeichnete.

Und während ich all dies dachte, drehte sich der gemütliche Mann mit dem weiß leuchtenden, überaus gut gebügelten Hemd um! Mir fiel vor Schreck das Käsebrötchen aus der Hand. Der Mann mit dem gemütlichen weißen Hemd hatte Kalifornien auf der Stirn. Rot und deutlich. An genau dem Abend, an dem ich auf der Suche nach einem Porträt dieses Mannes ganz Ostberlin durchforstet hatte, sollte er in derselben Maschine wie ich sitzen, Kaffee aus derselben Kanne trinken, Brötchen mit demselben laschen Käse essen. Der Erfinder der Welt, wie wir sie jetzt kennen, der ehemals mächtigste Mann der Welt. Michail Gorbatschow in derselben Maschine wie ich.

Ich schrieb ein kleines Briefchen an den gemütlichen Genossen zehn Schritte vor mir: „Lieber Genosse Präsident“, schrieb ich auf eine Blue-Moon-Postkarte, die eine Stewardess depeschieren sollte, „vielen Dank für Glasnost und Perestroika. Vielen Dank, dass Sie den Eisernen Vorhang geöffnet haben. Wenn das nicht geschehen wäre, hätte sich die Welt nicht verändert. Nie hätte ich diesen Film gedreht, nie wäre ich nach Berlin zu seiner Premiere geflogen, und nie wäre ich jetzt und hier in dieser Maschine.“

Die Antwort kam postwendend:
„Gern geschehen,
Michail Gorbatschow!“


© Andrea Maria Dusl
geschrieben am 24.04.2003 um 20:04 Uhr

Hermann Nitsch

In Wien gibt es einen berühmten Haareschneider, den allseits bekannten Szenefriseur Erich Joham, in ‚der Szene‘ schlicht ‚Der Erich‘ genannt. Der Friseursalon von Erich Joham nennt sich Er-Ich. ‚Zum Erich‘ gehen alle, ich betone alle Wiener Prominenten. Ich glaube, es gibt niemanden von relevanter, ja nicht einmal von selbsterklärter Prominenz, der noch nicht bei Erich Haareschneiden war. Der Erich ist so unbestritten, weil er vom Fürsten Schwarzenberg abwärts alle gleich behandelt werden. (Für Erich sind auch Sandler prominent)

Erich schneidet nicht mal ausserordentlich gut Haare. Seine Fähigkeiten liegen auf einem anderen, viel wichtigerem Gebiet: Erich kann ausserordentlich gut haarschneidereden. Besser als alle Haarschneideredner der sonstigen Welt. Erich ist der Dalai Lama der Frisur.

Nitsch.jpgEines Jahres fand nun statt, dass eine Sendung mit Herrn Erich produziert wurde, in der er Prominenten die Haare schnitt und dabei mit ihnen haareschneidredete. Der Fernsehsender versprach sich Einschaltziffern davon, dass Nichtprominente Prominenten beim Haaregeschnittenwerden und Erich beim Haareschneidreden zusahen.

Meine Aufgabe bestand darin, mit einem Mikro hinter den Kulissen einer grellbunten Friseurdekoration in einem kleinen Studio in der Wiener Schönbrunnerstrasse zu sitzen und Herrn Erich per Ohrstöpsel live Regieanweisungen zu geben, was er haareschneidredenmässig so von sich geben sollte. Erich litt nämlich stets unter mindestens 42,7¡ Lampenfieber und war haarscheideredentechnisch nicht auf dem gewohneten Damm, ja ohne Hilfe von aussen fast so etwas wie sprachlos. Keine gute Ausgangslage für professionelles Dalai-Lamamässiges Haarschneidereden. (Die Idee für die Einflüstereien kam übrigens direkt von Erich selbst, der mir diesbezüglich absolut vertraute. Insoferne war ich die poetische Krücke des Herrn Erich und mit dieser Krücke unterm Arm lief er die 100 Meter Haare regelmässig unter 19,8 Sekunden )
So kam es, dass Niki Lauda, Hermes Phettberg und sogar der noch lebende Falco von mir regieanweisungsmässig haarschneidefernberedet wurden.
Eines der Haarschneideopfer war Hermann Nitsch!

Weil Hermann Nitsch’s weisser Bart aber nicht viel Coiffure verträgt, schnippselte Erich nur an den Rändern herum, im Indochinabereich der Nitsch’schen Bartgeografie sozusagen und etwas an den Hebriden. Dazu schwafelten wir drei (Nitsch wusste nicht, dass ich per Ohrstöpsel dabei war) über Schubert, Weisswein und die Liebe.

Nach der Sendung kroch ich über den Boden und sammelte exklusive weisse Barthaare von Hermann Nitsch ein, die ich in kleines Kuvertchen aus Küchenrollenpapier einschlug und seither an einem geheimen Ort bewahre.

Magic Christian

Vorgestern bin ich im südöstlichsten Zipfel von Österreich einem Zauberer begegnet. Die magische Begegnung der schwimmenden Art fand im Sportbecken der Therme Bad Radkersburg statt.

Magic Christian.jpgIn Bad Radkersburg, einem kleinen, trotz der Nähe zum Balkan von schwäbischer Sauberkeit infiziertem steirischen Städtchen war ich zugegen, um meine Mutter zu besuchen. Meine arme Mama hat sich nämlich vor ein paar Wochen bei einem Heurigenunfall die Hüfte gebrochen und gleich auch noch den Arm. Und weil der Unfall in der Steiermark passiert ist, wird sowas gleich auch in der Steiermark behandelt. Aus therapeutischen Gründen kurt sie also in dem kulturtechnisch verschlafenen, mit Vital-Hotels und Wohlfühlepensionen aber durchaus reich gesegneten Nest.

Am Rande des blankgeputzen Ortschaft, zwischen Gen-Mais-Feldern und dem Grenzfluss zu Slowenien, der malerischen Mur, befindet sich das, in der postmodernen Eleganz des späten Raiffeisenstils errichtete Erlebnisbad. Es wird von thermischem Stinkewasser gespeist, das dort eher zufällig, bei einer ansonsten vergeblichen Erdölbohrung gefunden wurde.

In solchen Fällen von Kohlenwasserstoff-Förderdesastern wird in Schnitzelland nicht lange gefackelt: Statt Ölfördertürmen und Pipelines werden eben Wellnesshäuser und Thermalschwimmbäder aus dem Boden gestampft.

Wenn das Wasser aus der Tiefe dann auch noch mit unterirdischen Stoffen belastet ist und sich damit nicht zur Abfüllung in Mineralwasserflaschen eignet, nennt man es Thermalheilwasser. Stets ist die Brühe nämlich bacherlwarm, wie das in Österreich so schön heisst, also warm wie ‚Pisse‘.
Dort war ich also, um meine rekonvaleszente Mama zu besuchen.
In Bad Radkersburg.

Vorgestern abend nun beschloss ich, der therapeutischen Anlage einen Besuch abzustatten, um im dortigen Sportbecken ein paar Dutzend Längen runterzukurbeln.

Bei Länge 7, auf der Reise vom östliche Teil in den westlichen Teil des Pools kam er mir entgegen. Die Sonne war schon tief in den pannonischen Horizont gerutscht und schickte sich an, hinter dem 2-Meter-Sprungturm zu verrosten, als die Paparazzierung geschah.
Erst sah ich eine babypofarbene, gut durchblutete, von kurzem blondem Resthaar umspielte Glatze.

Dann, einer schüchternen Katzenhaifinne nicht unähnlich, die Nase des Magiers. Die Nase mit dem magicchristanösen kleinen Höcker. So einem Höcker wie sie Boxer haben, die als junge Knilche welche auf die Nase gekommen haben, es aber boxtechnisch dann doch nicht bis in die Rosenkohlohrenfraktion geschafft haben.

Nach der Nase, schon im seitlichen Vorbeischwimmen, sah ich dann den ganzen Kopf. Und mein Verdacht, der sich schon vom Anblick der sportlichen Nase genährt hatte, bestätigte sich:

Hier schwamm Magic Christian, der grösste Zauberkünstler des Landes, rücklings, mit der Magier-Glatze voran, schnaubend wie ein altes Fischerboot, Reste von Eleganz im Kielwasser hinter sich her ziehend. Ein Schwarm Mücken folgte dem grossen Magier wie Möven einem norwegischen Fischstäbchen-Trawler.

Hier schwamm Magic Christian, der – kollegentechnisch nicht unbedenklich – enthüllte, wie Uri Geller Löffel und Gabel, ja ganze Besteckladen verbiegt, Armbanduhren fernnündlich zum Gehen bringt, und der dahinter kam, wie phillipinische Zaubermediziner ganz ohne Narkose und Skalpell himbeersaftfarbene Tempotaschentüchern aus Tumorpatienten operieren…

Magic Christian, der vier Asse so leicht aus dem Ärmel zieht wie unsereins einen Strohhalm aus dem Eiskaffee.

Und wie er da so schwamm, zauberisch eine kleine thermale Bugwelle vor sich her schiebend, dachte ich, ob er wohl für mich ein Häschchen aus seiner Schwimmhose zaubern könnte, so mit links oder ob es im Thermalbad nicht wohl eher ein kleiner weisser Biber sein müsste…
© Andrea Maria Dusl

Alfred Biolek

Vielleicht an einem Donnerstag um das Jahr 1996, eventuell im Sommer, besuchte ich mit meinem damaligen Freund Martin die Stadt der Tagtrauer, die Fadometropole Lissabon. Als wir, vom allgemeinen Gestus der Stadt durchdrungen, todtraurig durch die Strassen kletterten (Lissabon ist an einen Steilhang geschmiedet) geschah es uns, dass wir in einem Strassenlokal den Papst des Selbergekochten, Alfred Biolek sitzen sahen.

Alfred Biolek.jpgBio hatte ein luftiges Blumenhemd in der Art der Hawaiianer, sandfarbene Bermudas und gut gepflegte Gesundheitssandalen an, war braungebrannt wie Lebkuchen und sah drein, als hätte er gerade dreimal hintereinander Geburtstag gehabt. Das kleine Metalltischchen an dem er saß, gehörte zu einer, nur in Portugal bekannten, grüngelb gestrichenen Fastfoodausspeise und er teilte sich das Dortsitzen mit einem, sicher keine 16 alten, blondgelockten Eingeborenen.

Ich war schockiert und ergriffen zugleich. Der Hohepriester des Individual-Kochens, fernab der Kölner Heimat, in einem Junk-Food-Lokal!
Ich lächelte, sagte ‚Hallo Bio‘ und erntete ein Strahlen, wie es nur ein Feld glücklicher Sonnenblumen aufzubringen imstande ist.

Alice Schwarzer

Im Jahre 1996 war ich mal auf Kurzbesuch in der nebeligen Rheinmetropole Köln. Die paar Tage waren mit Unerinnerbarem angefüllt (es ist durchaus möglich, dass es sich um eine der Lomographischen Missionsreisen handelte.)

Was mir allerdings stets in Erinnerung bleiben wird, war ein Spaziergang durch die Altstadt. Ich habe mich in der dortigen Mischung aus Metropolen-Flair und absolutem Kleinstadtmief wohlgefühlt und bin munter aber ziellos durch die Strassen geirrt.

Alice Schwarzer.gifIn einer unbelebten Seitengasse blieb ich vor einem zahnfarben angespachtelten Laden stehen und dachte bei mir: ‚Hmmmm, seltsam, dass es noch immer Frauen gibt, die mit Alice-Schwarzer-Frisuren herumlaufen. (Es handelte sich um so eine Art langer strähniger ausgewachsener Dauerwelllocken, in der Art wie wir sie uns in den frühen 70er selbst applizierten, und dann höllisch unter ständigen bad-hair-day-Erlebnissen litten.)

So eine Alice-Schwarzer-Frisur hatte diese Frau, die ich da, von hinten in dem Laden stehen sah und dazu trug sie ein schwarzes Sackkleid und schwarze Weichstoffschuhe mit Spangen (Ich nenne solche, auch in Samt zirkulierenden Schühchen ‚Anden-Espandrillos‘).

Ich denke also bei mir: ‚Seltsam dass es noch imme Leute gibt, die haargenau wie Alice Schwarzer rumlaufen und dazu auch noch stehen…‘ und dann dreht sich diese Frau um und IST Alice Schwarzer!
Ich war sehr baff und sagte ‚Hallo‘ und sie lächelte selig und dann dachte ich noch bei mir: ‚Aber warum steht Alice Schwarzer ausgerechnet in einem zahnfarbenen Laden rum der nach nichts aussieht, und in dem niemand einkauft? Mal sehen, wie der Laden heisst‘ Und da las ich, wie der Laden hiess:
EMMA.

George Tabori

In den 80er Jahren arbeitete ich als Bühnenbildassistentin, war sehr unglücklich und wollte dringend nach London auswandern um dort vom Glück einer wirklichen Stadt zu naschen. Ich sparte und sparte Geld und sagte mir, ‚ich mache alles, um endlich aus dem grauslichen Wien rauszukommen‘.

Tabori.gifIch studierte den Stadtplan von London, als das Telefon schrillte. Es schrillte wie in einem schlechten Film. Und wie in einem schlechten Script war am anderen Ende ein Agent mit einem Angebot. Ob ich nicht dringend Lust hätte, ans Burgtheater zu kommen. Als Bühnenbildassistentin. In eine Inszenierung von George Tabori. Es gäbe allerdings einen Haken. Der Haken sei die Frau, mit der ich arbeiten sollte. Drei Bühnenbildassistenten vor mir seien entweder im Irrenhaus oder in der Donau gelandet. Die Frau sei unmöglich, das sei der Haken.

Ich sagte zu und die Frau war unmöglich.

Mit George Tabori, dem Regisseur des Stücks hatte wenig Kontakt, ich genoss seinen Ruhm sozusagen aus der Entfernung. Ich schuftete schwer. Es war auch ein schweres Stück. Das Stück hiess ‚Mein Kampf‘ und handelte vom jungen Hitler und der Freundschaft mit seinem jüdischen Bettnachbarn im Männerheim.

Eines Tages lud ‚Dschohdsch‘ – so sprach man den Namen des Theatergottes George aus – das gesamte Team, Schauspieler, Regieassistenten, die Souffleuse und mich in ein feuriges ungarisches Lokal in der Wiener Kärntnerstrasse. (George Tabori ist Ungar.) Dort assen und tranken wir ausgiebig ungarisch und hatten viel ungarischen Spass. ‚Dschohdsch‘ kam neben mir zu sitzen und zwischen einem Paprikahuhn und einem Pörkelt erzählte er mir, er sei Geheimagent. Geheimagent im Vorruhestand. Er erzählte, wie er in den letzten Kriegsmonaten in einem Kloster in Istanbul einquartiert gewesen sei, um dort mit anderen ungarischen Intellektuellen für den britischen Geheimdienst an ungarischen Radiosendungen zu basteln.

Ein ganzes Jahr lang hätten Sie Sendungen gemacht für Ungarn. Tolle Sendungen mit tollen Geschichten. Tolle Geschichten voll Feuer und tolle Gags. Keine einzige wurde je gehört. Keine einzige. Er habe nach dem Krieg seine ungarischen Freunde gefragt, wie ihnen die Radiosendungen aus dem Kloster in Istanbul gefallen hätten. „Welche Radiosendungen?“

George wusste viel über das Agentengeschäft zu berichten. Unter anderem, daß sämtliche Geheimpost mit Zitronensaft zwischen die Zeilen von ordinären Liebesbriefen geschrieben wurde. (Ganz genau so, wie wir als kleine Mädchen unsere Geheimbriefe verschickten.)

Tabori kannte auch einen ungarischen Schuster. Den 007 der ungarischen Schuster. Dieser Schuster sei so geschickt gewesen im Umgang mit Leder, daß er die Schuppen von Krokodillederhandtaschen so raffiniert aufschlitzen konnte, dass man darin Mikrofilme unterbringen konnte. Mit den krokodilledernen Mikrofilmhandtaschen des ungarischen Schusters wurden die Agentinnen des britischen Geheimdienstes bestückt und so manche kriegsglückwendende Geheimbotschaft herumgetragen.

Als es zum Zahlen kam, und George seine diamantene Creditkarte zückte, erwarteten alle insgeheim, dass er die kolossale Rechnung einer hungrigen Truppe von 12 Theaterleuten mit ebendieser Creditkarte zahlen würde. Die George-Aficionados hatten zwar ihre Geldbörsen in der Hand, machten aber keine Anstalten, Hundertschillingscheinchen herauszurücken. Niemand raschelte mit den Hundertschillingscheinchen und niemand sagte den berühmten Satz. Niemand sagte: ‚also ich hatte….‘

In diese Theaterstille hinein wurde es in George Licht und seine gleichermassen sonore wie zerbrechliche Bassstimme errichtete einen Satz von poetischem Realismus: ‚Alle hier zahlen selbst nur ich zahle das Essen von Andrea.‘

Ich fand das sehr sehr ungarisch und bin daher auch sofort geschmolzen.

Die Leningrad Cowboys

01-01-2001 / 14:20

Um das Jahr 1996 sollte die Finnische Cult-Combo ‚Leningrad Cowboys‘ auf dem legendären Wiener ‚Donauinselfest‘ auftreten. Ein Sturmtief regnete aber soviel Wasser auf das Fest, dass der Auftritt aus Sicherheitsgründen (Elektrisiergefahr an den Stromgitarren!) abgesagt wurde.

Ich war damals mit einer skurilen, semiavantgardistischen Truppe befreundet, die sich Lomographen nennen, und die behaupteten, ‚Freunde‘ der Leningrad Cowboys zu sein. In ihrem Schlepptau kam ich erst zur verregneten Stätte der Absage und dann in eine Sattellitenstadt von Wien. Dort sollte ein Ersatzauftritt stattfinden. Hiess es. Vor der ‚Rockhalle‘, wie das Lokal hiess, stauten sich Hunderte erboster Leningrad-Cowboy-Fans, die alle nicht einsehen wollten, warum sie auf ihre Idole verzichten sollten.

Leningrad Cowboys Sauna.jpg
Leningrad Cowboys in der Sauna.

Die Lomographen und ich kämpften uns durch die Menge und wurden schliesslich an einer Glastüre vorstellig. ‚Nein‘, hiess es, ‚die Cowboys träten nicht auf und wir sollten uns verziehen‘. Die Lomographen gaben zu bedenken, dass sie ja ‚Freunde‘ der Leningrad Cowboys‘ seien, fanden damit aber kein Gehör.

Ich sprach schliesslich ein paar Worte schwedisch (das man dort offensichtlich für finnisch hielt) und zeigte meinen Presseausweis, worauf wir seltsamerweise Einlass fanden. (Die Lomographen konnte ich als meine Assistenten ausgeben.)

Die berühmten Leningrad Cowboys sassen drinnen bei schalen Brötchen und lauem Bier in der Kantine der ‚Rockhalle‘ vor einem Fernsehapparat und verfolgten ein Fussballspiel. Ich denke es war irgendetwas in der Richtung Holland-Frankreich. Die Cowboys sahen alle eher aus wie Tankwarte und hatten ihre famosen steilen Tollen zu ordinären Pfferdeschwänzen zurückgebunden. Sie sahen alles andere aus wie skurile Popstars. Eher wie Al Bundy mit Antonio-Banderas-Frisur.

Ich wettete 20 Scheinchen (Währung gab ich keine an) gegen einen Sieg von Holland. (Auf diese Truppe hatten sich die Finnen eingeschworen). Frankreich gewann das Fussballspiel zum grossen Entäuschung der Leningrad-Cowboys und ich damit einen Original-2O-Finnmarkschein, der von allen Cowboys signiert wurde.

Um die Stimmung zu heben habe ich dann vorgeschlagen, ein paar Taxis zu rufen und in ein Lokal namens ‚die Bar‘ zu fahren, um beim dortigen Barkeeper, Herrn Horst Scheuer mit meinen neuien Freunden anzugeben. Horst war aber nicht da und so sind wir dann in das Nachbarlokal, eine Studenten-Absturz-Kneipe namens ‚Altwien‘ gegangen.

Weil die Leningrad Cowboys aber allesamt eher wie Helsinkier Tankwarte, als wie finnische Kultstars aussahen, nahm niemand im ‚Altwien‘ grössere Notiz von ihrem Dortsein. (Eine Freundin, der ich am Klo begegnete, wollte mir erst gar nicht glauben, sah aber dann doch nach dem Rechten und übergoss mich mit Hohn: ‚Wenn das die Leningrad Cowboys sind, dann steht bei mir grad Elvis Presley an der Theke!‘)

Die 9 bis 12 Leningrad Cowboys (ich glaube, auch die Mixer und Gitarrenkabelträger zählen da mit) tranken Unmengen von Vodka und sprachen insgesamt etwa fünf Sätze in acht Stunden. Das sei so üblich bei Ihnen erklärte mir ihre Managerin.

© Andrea Maria Dusl

35 Partagas Superfinos

ILLUSTRATION · DREI ZEICHNER
Wie eine Zeichnung entsteht
ANDREA DUSL
Falter, 4. Juni 1997, 20-Jahre-Beilage pag. 90. Zum Fest „20 JAHRE FALTER“ am 5. , 6. und 7. Juni in der Tribüne Krieau .

Ein strahlender Montagmorgen: Die Zeiger meiner sowjetischen U-Boot-Kommandantinnen-Uhr stehen auf elf Uhr zwölf und ein gut geübtes Ritual nimmt seinen Anfang. Der würzige Geruch einer vollen Kanne frischgebrühten „Alvorada“-Kaffees und ein bekanntes Rascheln wecken mich aus süssen Träumen: Mein Kammerdiener Jacques öffnet zwei Packungen meiner Lieblingszigaretten „Partagas Superfinos, Serie B, No.2″ und legt die Morgenblätter „Der Standard“, „FAZ“, „profil“, „NZZ“, und „Washington Post“ zur Lektüre bereit. Während ich unter drei vorbereiteten Schneidereien – meist „Armani“, „Lang“ oder „Schneidermeister Dick aus Gföhl“ – wähle, füllt Jacques mein „Zippo“ mit frischem Kerosin. Die Morgenmusik besteht stets aus bekannten Klängen: „Low Down“ von J.J.Cale bei bedecktem Himmel, „Crosstown Traffic“ von Jimi Hendrix bei Schneefall oder Hagel, die „Hymne der Sowjetunion“ bei strahlendem Sonnenschein wie heute.

Zur Einstimmung auf den Arbeitstag rauche ich zwei „Partagas Superfinos“, wobei mich Jacques vergebens auf die Gefahren der Nikotinsucht hinweist. Das erste Häferl Kaffee begleitet mich durch die Lektüre der Montagmorgen-Publikationen, das zweite nehme ich während des Studiums einer von Falter-Schlußredakteurin Michaela „Babsi“ Streimelweger verfassten Depesche zu mir. In knappen Worten informiert sie mich darin über Titel und Autor des zu illustrierenden Textes. Jacques stellt eine telephonische Verbindung in die Falter-Redaktion her, weil aus den vorliegenden Millimetervorgaben nicht eindeutig hervorgeht, ob ich zum Anfertigen einer hoch- oder querformatigen Zeichnung eingeladen werde.

Die dritte Tasse Kaffee und mittlerweile fünfte „Partaga Superfino“ widme ich dem Lesen des beigelegten Textes. Einige stilistische und mehrere inhaltliche Inkongruenzen ignoriere ich aus Mangel an Zeit. Jacques hat inzwischen die Formatfrage geklärt und legt den Transparentblock „Diamant Extra Spezial, Nr. 105 glatt, 90/95 Gramm pro Quadratmeter, DIN A3″, den Minenblei „Faber Castell TK-Fine 9717, Stärke 0,7″ zwei Tuschestifte „Staedtler marsmagno 2° in den Stärken 0,35 und 0,18 sowie eine, auf Atomdicke zugeschärfte Rasierklinge bereit. Die Arbeit kann beginnen.

Jede von uns kann zeichnen, das meine ich ganz ernst und ohne polemischen Unterton. Wie nervenzerüttend und von Termindruck, aufgepeitscht das Zeichnen einer Falter-Zeichnung sein kann, weiß außer Rudi [Klein] und Tex [Rubinowitz] allerdings niemand. Sie selbst würden es nie zugeben. Das Zeichnen einer Falter-Zeichnung ist tausendmal anstrengender als das Verfassen eines Falter-Artikels. Ich weiß das, weil ich beides ausprobiert habe. Nichts ist so furchtbar Herz-Kreislauf-belastend, wie das Zeichnen einer Falter-Zeichnung. Einer Falter-Zeichnung sieht man nämlich sofort an, ob sie genial ist oder ein Superschas, einen Falter-Artikel muß man zumindest vorher durchlesen.

Aus einem einzigen Grund konsumiere ich die gefährlich vielen Zigaretten und die enormen Mengen an Kaffee: Jacques, der einzige mögliche Zeuge meiner Qualen soll im Glauben bleiben, meine Aufgerührtheit käme von den aufgenommenen Stimulantia. Jacques, ein Vorbild an Verschwiegenheit zieht sich daher aus Contenance in den Südtrakt meines weitläufigen Appartements zurück, um mir ja nicht das Gefühl zu geben, Mitwisser der zeichnerischen Unruhe zu werden. Der schwierigste Part im Zeichnen einer Falter-Zeichnung ist das Ausdenken der Falter-Zeichnung: Eine gedankliche Leistung, ähnlich der von Gari Kasparov im Kampf gegen Deep Blue. Aus zweieinhalb Milliarden Illustrations-Möglichkeiten muß ich die Beste auswählen. Meine Großhirnrinde leistet jetzt Schwerarbeit. Im Aschenbecher „Eins“, einem blauen Produkt, das ich einst im Stadionbad mitgehen habe lassen, liegen jetzt schon 17 Kippen, im Aschenbecher „Zwei“, einem schwedischen Designerstück, fünf ausgedämpfte und zwei brennende „Partagas Superfinos“.

Ich läute nach Jacques, es ist unser vereinbartes Zeichen, daß die Kaffeekanne Ieergetrunken ist. Mein treuer Diener bringt mir flugs frisches Coffeein und der fade Teil des Morgens kann beginnen. So anstrengend nämlich das Ausdenken einer Falter-Zeichnung ist, so einfach und bizarr unkompliziert, ja geradezu watscheneinfach ist das Zeichnen einer Falter-Zeichnung. Ich muß das ausgedachte Bild nur vom Kopf aufs Blatt projizieren und nachzeichnen. Ich male also ein Kastl in der Größe des gewünschten Formats in die Mitte vom Transparentblock und beginne links unten mit dem Anbringen von Strichlein um Strichlein, Linie um Linie, Zacke um Zacke, Kringel um Kringel. In affenartigem Tempo wandert meine „Zeichenhand“ nach rechts oben, während die „Blockhaltehand“ eigenartige Bewegung durchführt, über die ich keine willentliche Kontrolle habe, weil sie aus einem mir unbekannten Teil des Stammhirns kommt, im Einklang mit der „Zeichenhand“ jedoch fantastisch gerade, höchst leinwand verbogene oder was sonst noch an notwendigen Linien aufs Papier zaubert.

Nach zehn bis elf Minuten ist der ganze Spuk vorbei. Jacques bringt mir ein Frottee-Handtuch und eine neue Packung „Partagas Superfinos“. Die fertige Falter-Zeichnung muß jetzt nur mehr mit grauen Filzstiftpinseln der Marke „Соріс sketch, Cool Gray No. 3 bis No. 7″ getönt werden. Das geschieht auf der Rückseite der halb-transparenten Seite, erstens verwischen sich dabei nicht die komplizierten Tuschestrukturen und zweitens erzeugt es jenes einzigartig seidige Chiaroscuro, für das ich nicht umsonst wahnsinnig viel Kohle aufs Konto gebunkert bekomme. Das graue Gepinsel ist nach vier Minuten beendet. Mit einem Paar Scissoren schnipple ich noch verräterische Nebenzeichnungen, meist Buchstabenkombinationen, die im Wort AUTO gerne vorkommen, weg und klebe das fertige Werk auf ein billiges, aber strahlend weißes Tuschblatt.

Jacques bringt mir meine auf Hochglanz polierten Schuhe, steckt die Falter-Zeichnung in eine schwarze Mappe mit rotem Gummizug, diese in meinen Rucksack, hilft mir beim Schultern desselben und begleitet mich in den Hof. Dort wartet mein Mountain-Bike mit, von Jacques frisch aufgepumpten Reifen, kontrollierten Bremszügen und vorgewärmtem „Rennsattel schmal“. Weder einem Boten noch der Post, und auch Jacques nicht, würde ich die wertvolle Fracht anvertrauen. Ich bringe meine Falter-Zeichnung selbst im stärksten Regen persönlich vorbei. Außerdem würde ich es mir nie nehmen lassen, im Falter jenen Eindruck von Lonely-rider-is-bringing-the-hottest-news zu erzeugen, für den auch mein Freund und Nudlaug Heribert Corn – der mit der knatternden BSA – zu Recht berühmt ist. Im Falter erwartet mich Empfangs-Chef Josef Egger mit einem freundlichen „El Hamdullilah, Königin Dusula!“ und Michaela „Babsi“ Streimelweger mit einem, nur uns beiden vertrauten „Seawas, Triksi“.

Abenteuer im Ostdorf

STADTREPORTAGE N. Y. 

New Yorks East Village und seine Wiener mit nützlichen Hinweisen. Ein Lokalaugenschein. 

ANDREA DUSL

Falter 39/94, Stadtleben, pag. 70f

Am Anfang war schon ein Wiener mit von der Partie. Als der Italiener Giovanni da Verrazano 1524 im Auftrag des französischen Königs Franz 1. die amerikanische Ostküste entlangsegelt, kommt er auch an der New York Bay vorbei. Johannes Battist Herberger, ein Bader und Chirurgius aus Wien-Erdberg, notiert in sein Tagebuch: „Ode Gestade, jedoch heut ein zauberisch Eilandt geschen … den Rauch aus den Hütten einiger Inder … Capitan Verzan nahm den Landstrich für die Krone in Besitz …“ Peter Minnewit aus Wesel am Rhein wird 85 Jahre später den „Indern“ ihr Manna Hatta für Klunker im Wert von 60 Gulden abkaufen und die Siedlung Nieuw Amsterdam nennen. Seither haben 60 Gulden mehrmals ihre Besitzer gewechselt, und irgendwie waren immer wieder Wiener dabei in New York, im wichtigsten Brückenkopf der Neuen Welt.

.Je downer the town, desto shener the Frau’n“, sang Hermann Leopoldi, als er hier weilte, in seiner Profession als Barpianist aus Wien. Sein Publikum war wie er durch Schicksals grausame Faust in den großen Apfel getrieben. „I’m a quiet drinker, that’s why I make such noise …“ In New York leben mehr Leopoldstädter als im zweiten Bezirk, heißt es. Kein Zweifel. Von den Schulfreunden meines Großvaters blieben vier in Wien, einer ging nach Casablanca, die anderen 29 nach New York.

Einem ungeschriebenen Gesetz der Immigration folgend, beginnt die Karriere als New Yorker mit einem neuen Namen. Klaus Höller, alpiner Modedesigner für den goiserischen Hubert und einer der am besten ausgebildeten Pfadfinder in New York, trägt drüben stolz den Namen „Fred Schispringer“, Kai Hagmüller, Architekt, unterschreibt Postkarten an die Heimat generell mit „Bruchmutter, vierte Straße*. Sophie Lillie, Architekturhistorikerin und Eiernockerlköchin für Wiener Exilanten, wird wegen ihrer vornehmen Blässe „Ruaßkäferl“ genannt. Stefan Klestil wiederum, UHBP-Sohn im West Village, begnügt sich mit ,der Präser“.

Der beste Maler der Stadt, Stefan Riedl, und seine Freundin Dusl heißen drüben „Fritz Laimgruber“ und „Freda Leopoldstecker“. Keine Ahnung, wieso. „What’s your name“, fragt dich irgendwann einer wie aus der Pistole geschossen, und egal, was du dann antwortest, honey, that’s your new name. So erklärt es sich, daß Wiener in New York leben, die „Hi“, „Was“, „Ehas Robbie“ oder schlicht „Dog“ heißen.

Den bedeutendsten Teil des Tages, der mit einem ausgiebigen Frühstück beginnt, hängt der Wiener am Telefon. Jobs aufreißen, mit den Freunden in Wien telefonieren, Termine koordinieren und verlorengegangene Banküberweisungen aufspüren. Zu Mittag ißt er wenig, und wenn, dann unterwegs. Nachmittags werden die Termine und Dates für den Abend gecheckt. Wiener leben in allen Teilen New Yorks. Die meisten allerdings im East Village, liebevoll Ostdorf genannt.

Als Reisender aus Wien nimmst du ein Taxi vom J.F.K. Airport. Taxis heißen Cabs oder „yellow Küchenschaben“ – sie sind jedenfalls einheitlich gelb und dein erstes nachhaltiges Erlebnis in der Neuen Welt. „Tompkins Square, East Village“ genügt als Destination. Die Maut beträgt zwischen 28 und 36 Dollar. Jeder Cabbie (Taxler) hat, je nach Lust, Laune und Ortskenntnissen, eine andere Anfahrtsroute parat. Die meisten fahren die knapp 45minütige Strecke aber ohne wesentliche Umwege. Es empfiehlt sich, den Stadtplan grundsätzlich im Taschl zu lassen. Auf der Straße hat er schon gar nichts verloren, da könntest du dir gleich ein Schild umhängen, wieviel Geld du in der Tasche trägst, daß deine Uhr echt ist, und andere nützliche Angaben für den nächsten Straßenräuber.

East Village, das östliche Dorf, ist etwa so groß wie Klagenfurt und ähnlich gerastert. Als seine Grenzen gelten im Norden die 14te Straße, im Westen – gegen Greenwich Village – der Broadway. Im Süden – gegen SoHo und Little Italy – liegt die Houston Street (Hausten gesprochen, nicht Justn, wie die Sängerin). Im Osten des Dorfes glitzert friedlich – richtig! – der Ostfluß, der East River, der einen Blick aufs andere Ufer, auf Brücklein (Brooklyn), erlaubt.

Klaus Höller, einer der besten Pfadfinder in New York, trägt drüben stolz den Namen Fred Schispringer

Da East Village ein Dorf ist, verfügt es über keine Mauern. In der Mitte, zwischen den Avenues A und B, liegt ein Dorfplatz, in der Landessprache Tompkins Square Park genannt. Das East Village ist Teil der Lower Eastside, einst die bevölkerungsreichste und ärmste Gegend der Welt. Über 700.000 Einwanderer, Polen, Deutsche, Juden und Ukrainer, drängten sich auf einer Fläche von knapp fünf Quadratkilometern. Hochhäuser gibt es keine im Ostdorf, das als einziger Teil Manhattans flach ist wie eine ausgelassene Luftmatratze. Die meisten Gebäude sind feuerbeleiterte Zinshäuser aus der Jahrhundertwende und knapp davor.

Seit die Mieten in den Lofts von So-Ho so schwindelerregend hoch geworden sind, daß nur mehr Tennisspielerinnen wie Steffi Graf dort leben können, hat sich die New Yorker Galerien-Schickeria im Village festgebissen. Die Mehrheit stellen aber trotzdem noch immer puertorikanische Bettgeher, Junkies und Crackheads, europäische Kunststudentinnen, Ethnos aus Afrika und: eine Handvoll Wiener. Häufigste Sprache auf den Straßen: das Spanisch der Nujorikans.

Beliebtester Beruf: Apotheker (Handel mit Kräutern und Pulvern). Apotheker, so sie nicht von außerhalb kommen, tarnen ihre einträgliche Profession meist mit einem Deli. Delis sind supermarktgroße Greißler, 24 Stunden, sieben Tage in der Woche geöffnet. Koschere Delis sind am Samstag geschlossen, außer sie halten sich einen mexikanischen Shabbesgoj.

Badeglück im Dampfe winkt in der 10ten Straße. Allerlei Gefreak, Orthodoxe aus Galizien, russische Großfürsten, dicke Türken und falsche Griechen geben sich hier den körperlichen Genüssen eines „Shvitzhaus“ hin. Solcherart gestählt, tauchen wir tiefer ein in die Alphabetstadt. (Man benützt keine Zahlen für die Avenü’s: um den Bewohnern das Schreiben beizubringen. Es nützt wenig: A, B, C und D sind die einzigen Buchstaben.) Ein absolutes Must für Loiternde und Wandersleute: ein Handtascherl von 1 x 5 bis 2 x 5000 Watt (am besten mit „Subwoofa“, der Baßtaste). Handtascherln gibt’s allerdings hier nicht zu kaufen. Dazu muß man (netter Tagesausflug) in die Kanalstraße im Süden. Beim Kauf nicht vergessen: Alle Verkäufer lügen! Die Dinger sind mindestens um ein Drittel billiger als der günstigste Deal.

Wem jetzt die Füße und die Ohren rauchen und in der Kehle schon der Sand rieselt, der lenkt seinen Schritt in Richtung auf den Tomkinsschen Park, einen idyllischen Beserlgarten, um den die wichtigsten Durstlöscher und Hang Out Facilities lauern. „7B“, nicht unklug nach der Adresse benannt, von den Wienern Pferdeschuhbar (Horseshoe Bar) genicknamed, zapft offene Biere. Das Seven B gilt als „Landmark of the Village“, weil hier einst Paulchen Neumann in einem Film den Blues raushängen ließ. Fummler schau’n vorbei in der Zehnten/Ecke B, in der Krähenbar (Crow Bar), der wärmsten Hütte im Dorf. Spezialität: Dunkelkammer; es wird gegriffen und geknallt, daß das Ledermützel nur so kracht. Profis verstecken ihr Geld im Stieferl und verwenden Schlafsäcke von Semperit. Ein Muß für Heteros ist Lucy’s – (eigentlich „Lucy’s, Blanche’s, Ludwika’s Tavern“) – in der Avenue A. Mit Blick auf den Dorfplatz führt die heimliche Mutter des östlichen Dorfes, Frau Lucy aus Krakau, eine gepflegt abgefuckte Slibovitz-Aufrißbar. „Lucy’s“ ist die optimale Hang Out Zone für Wiener mit Heimweh. „Unter sieben Lokalen keine Beislpartie“ – das gilt auch fürs East Village. Also weiter in den „Pyramid Club“ (101 Avenue A), früher Szenedisco, jetzt hauptsächlich von

„slumming“ Drag Queens und Fag Hags aus SoHo besucht. Im Nachbarhaus wartet „Babyland“, ein lustiger Club für junge Leute, die hier ihre neuesten Body und Bone Piercings spazierenführen. Unseren kleinen Hunger – die Unterlage für die nächsten Drinks – stillen wir in „Katz’s Deli“ (eigentlich: „Katz’s Koshere Wurstfabric“). „Buy a salami for your boy in the army“, das Motto dieses Lokals, kann als T-Shirt-Mitbringsel erstanden werden.

Wem der Morgen graut und die Sterne günstig stehen, der empfiehlt sich zum größten Schrottplatz des Ostdorfes, der „Gas Station“ in der 2ten/Ecke B. Wenn – weil illegal – die Polizei gerade nicht zugesperrt hat, finden hier After Hour Clubbings statt. Wenn auch dort die Lichter ausgehen und die Membranen verstummen: Gleich gegenüber der „Tankstelle“, versteckt hinter einem Spalier von loiternden Grufties, hinter einer Tresortür, die von „machine*, einem 150-Kilo-Afrikaner, bewacht wird, wartet „Save the Robot“ auf uns. Der Roboter sperrt erst auf, wenn wirklich jede andere Camera geschlossen ist. Wie’s drinnen aussieht, weiß keiner wirklich genau, weil’s jeder anders in Erinnerung hat. 

Wer jetzt noch immer nicht aufgibt, braucht dringend ein Frühstück. Die Eiweißbar „Odessa“: „1000 Eggs any style“. Feinspitze, die noch immer durchhalten, schlagen sich nach Westen durch, zum „Graben“ des Ostdorfes, dem weltberühmten St. Marks Place (eigentlich die 8te Straße). Das „Cafe Mogador“, yuppier als die anderen Frühstüxhütten, serviert hervorragende Kaffees und südfranzösisch/ nordafrikanische Eierspeisen. Hier gathern angehende Models und Nachwuchsfotografen.

St. Marks Place ist die Hauptstraße im Village, das Bad Ischl für Freaks aus aller Welt. Vom T-Shirt – „Hi, I’m Barbie, please fuck me“ – für 16 Dollar bis zum Latexmützel ohne Seh- und Mundöffnungen um 69 Dollar kann für jeden Geschmack ein Souvenir erstanden werden. Tätowierer Sean hat sich auf speibende Totenschädel, gekreuzigte Teuferln, Maßtabellen für Schwänze und andere geile Motive für Reckturner spezialisiert. Andrea from England (big tits and sweet smile), eine Schülerin des berühmten Bernie Luther aus Wien, brilliert mit schwarzweißen Peckerl in der „East Side Inc.“ (2te Str.).

„Je downer the towns, desto shener the Frau’n“, sang Hermann Leopoldi, als er hier weilte, in seiner Profession als Barpianist aus Wien.

Rund um den Markusplatz wohnen die Filmemacher aus Wien. (die Musiker und architekten in der Gegend um die 4te/Ecke B.) Der sicherste Block der Welt hingegen ist zweifellos die 3tte Straße, zwischen 1ter u. 2ter Avenü. Der Grund: Hier haben die Hell’s Angels, die berühmtesten Reckturner der Welt, ihr Hauptquartier. Technisch Interessierte können hier hervorragende Mopeds anschau’n. Vorsicht: Nicht umwerfen!

Die beste Trafik im Village liegt an der Ecke St. Marks/Dritte Avenida. Der indische Besitzer führt neben dreihundert anderen Marken „American Spirit“, die naturbelassenste Tschick des Kontinents. Wir rauchen uns eine Spiritualette an und studieren den Falter von New York – logischerweise „Dorfstimme“ (Village Voice) genannt. Weil rauchen und lesen durstig macht, schlendern wir vorbei an „Surma – the Ukrainian Shop“, einem Zauberladen voll von Devotionalien, die’s nicht einmal mehr in Rußland gibt – geschweige denn in der Ukraine -, Richtung McSchurli, dem genialsten Wirtshaus der Welt.

Am wohlsten fühlen sich die Wiener in katholischen Bars. Nach den Polen (Lucy’s und andere Lokale) sind die Iren am katholischsten. Ehrliche und herzliche Wärme bietet „McSorley’s Old Ale House“, das älteste Bierhaus in Manhattan (established 1854). Alkohol wird hier keiner ausgeschenkt, einzig und allein Bier. Die Bohlen zwischen den handbeschnitzten Eichentischen bedecken frische Sägespäne, die schwarz patinierten Wände erzählen die Geschichte der Iren in Amerika.

Hinter einer abgegriffenen Schwingtür liegt das schönste und grünste Pissoir New Yorks das einzige, das nicht „Restroom“ heißt). Polizisten, Feuerwehrleute und Priester, IRA- und Sinn-Fein-Aktivisten, Dichter, steirische Eichen und Exilwiener schätzen die sachliche Atmosphäre dieser „Landmark of Old New York“.

Wenn den Wienern ihr Dorf zu eng wird, schauen sie schon mal rüber in die Nachbargemeinden. Auf ein Bier ins Greenwich Village, zu irgendeiner gschupften Vernissage nach SoHo oder in Begleitung von AABs (African American Bodybuilders) hinauf nach Harlem. Am liebsten treffen sie einander jedoch bei „Tony’s“, wo Little Italy am wienerischsten wird. Wo der Zigarrenqualm aus Tonys Havannas sich mit dem öligen Gestank aus geschmuggelten Whiskygebinden und den orientalischen Duftnoten der anwesenden Mafiabräute vermischt. An den Wänden der Bar – zwischen Fotografien italienischer Fußballerlegenden und Mitgliedern von Tonys umfangreicher Familie: Einschußlöcher aus den 30er Jahren. „Little Ottakring“ heißt der Tisch, an dem die Wiener sitzen und Tony Gschichtln aus der Heimat drucken. Nach ausgiebigem Herumgehänge im Kleinen Italien geht’s dann in Andy „Etienne“ Aigners rotem Schlitten zum Ostfluß auf eine nächtliche Bootspartie. Da sind sie dann grenzenlos glücklich, die Wiener. Wenn sie mit 600 Pferdchen am Heck und roten Nasen im Gesicht den tiefschwarzen East River durchpflügen und Wienerlieder singend Liberty Island umkreisen.

Die Autorin bedankt sich herzlich bei Klaus Höller für sein kompetentes Village Scouting.