Europa

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Für meine iluustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 24. Mai 2014.
Was hat dieser Kontinent nicht alles an Schauder erlebt! Imperien und Invasionen, Raubzüge und Revolutionen, Pest und Pogrome. Wie Irrlichter in düsterer Nacht funkeln die kurzen Perioden von Frieden und Fortschritt aus dem Gedächtnis der Geschichte. Die meiste Zeit lagen die Länder und Ländereien Europas miteinander im Krieg. Es ist diese bittere Erinnerung an Tod und Verwüstung, die die Gründergeneration des vereinigten Europas über Sprachbarrieren und Staatsgrenzen hinweg verbunden hat. Mag sein, dass sich die wirtschaftliche Motivlagen besser verkaufen liessen, die Phantasie eines friedlichen Europas jedenfalls steckte den Unionseltern in den Knochen. Für viele von ihnen war der Zweite Weltkrieg das dritte miterlebte Nationen-Gemetzel. Sätze dieser Qualität zirkulieren in Reden und Broschüren, tausendfach haben wir sie so und ähnlich schon gehört. Müde lächelnd haben wir dazu genickt oder schlicht die Augen verdreht. Mit dem Pathos kann man es übertreiben. Europa ist nämlich auch Orbán und Wassertomate, Lampedusa und Glühbirnenverbot, Massenarbeitslosigkeit und Bankenkrise. Wie schön war doch der Schilling! Schrödinger auf dem Blauen, die Semmeringbahn auf dem Hunderter! Wie vermissen wir das goldene Licht der Hunderterbirne! Wie gerne schimpften wir auf den Wasserkopf Wien und noch nicht auf die Hydra Brüssel, bezichtigten die Beamten in den hiesigen Ministerien der Untätigkeit, und nicht die Eurokraten der Tätigkeit. Oh du Vergangenheit! Wie romantisch war das Reisetaschenauspacken beim Zoll in Tarvis, wie super der Devisentango vor dem Griechenlandurlaub. Wie herrlich kompliziert war eine Bahnreise nach Paris! Wie gut haben wir die tschechoslowakischen Zöllner verstanden, als sie unsere Wäsche nach Illustrierten durchsuchten, und unsere Schuhe nach Kronen! Nichts war einfach, noch mehr kompliziert. In Caracas war man schneller als in Krakau, aus Kairo konnte man leichter einen Pharao mitbringen, als Valpolicella aus dem Supermarkt in Caorle. Dieses alte Europa hatte was. Es hatte was totes. Es wundert kaum, dass es die Ewiggestrigen es sind, die es herbeisehnen.

Stilwechsel – Conchita

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Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 17. Mai 2014.
Eine Frau mit Vollbart hat den Songcontest gewonnen und die Welt steht Kopf. Die Zuordner sind verwirrter als die Zuseher, sie wollen wissen woran sie sind. Mal wollen sie Conchita von der unbefleckten Empfängnis abgeleitet wissen, mal von der Muschel. Sprachbegabtere erkennen die bipolare Konstellation von Muschi und Wurst und deuten diese je nach dem Grad ihres Aufgeklärtseins als gotteslästerlichen Unfug, lustigen Faschingsklamauk oder metagenialen Kunstgriff. Männer mit zarter Physiognomie (Putin), Vertreter der Brachialkomik (Poier) und gefühlsbereite Sänger mit Bärten (Sido) fühlen sich decouvriert und reagieren mit hysterischem Gezeter. Die einzig Normale in diesem Spiel der Identitätsverwirrungen scheint die Protagonistin selbst zu sein. Conchita ist die Verachtung ihrer Gegner relativ Wurst. Und dann doch nicht. Als der Zwölfpunkteregen einsetzt, fliessen ihre Tränen. Es sind alle Tränen, die der kleine Tom aus dem noch kleineren Mitterndorf dort und auf dem Weg nach Grandprixhausen geweint hat. Es sind alle Tränen, die je Schwache und Ausgegrenzte geweint haben. Egal welchen Geschlechts, egal welcher Orientierung. Von Reykjavík bis Baku.
Politisch beseelte hatten schon während des Abstimmungsvorgangs erkennen wollen, dass ein Riss durch Europa gehe. Hie der menschenfreundliche und genderliberale Westen, dort der rückständige und intolerante Osten. Das Bild eines Kalten Krieges der sexuellen Orientierung hielt so lange, bis bekannt wurde, dass die Telefonabstimmungen in ganz Europa – bis in die Zerfaserungen an seiner östlichen Peripherie – zugunsten von Conchita ausgegangen waren. Es waren die Expertenjurys gewesen, die sich gegen die Sängerin ausgesprochen hatten. Was sagt uns das? Jenseits von Musik und Geschmack, Sexualität und Orientierung erzählt uns der Osten von seiner Unsicherheit. Das Auseinanderklaffen von Publikum und Jury ist ein Ausweis dieser Unsicherheit. Das Volk ist nicht in den Eliten angekommen und die Eliten nicht im Volk. Dass Conchita Wurst und ihr Konzept einer Überwindung aller Gegensätze aus Österreich kommt, ist kein Zufall. Die Grenze zwischen Ost und West läuft genau durch uns durch. 

Betteln 2.0

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Für meine illustrierte Kolumne in den alzburger Nachrichten vom 10. Mai 2014.
Wer brav ist und fleissig, gut in Deutsch und Rechnen, wer tapfer mitsingt und regelmässig beichtet, der darf ins Gymnasium. Das war seit dem Biedermeier die Losung in der Volksschule. Auch im Gymnasium hing der Himmel voller Perspektiven. Wer vier Jahre durchhielt, wer nicht scheiterte, sprich: eine Lehre beginnen musste, dem stand die Oberstufe gymnasialer Bildungsreife offen. Die Drohung einer Paradiesfahrt, die mahnende Ermunterung, sich in den Texten der Antike zu verlieren, Kegel zu schneiden und Kurven zu diskutieren, zu differenzieren und zu integrieren, Hegel zu lesen und Spinoza, Shakespearesonette und Wittgensteintraktate. Das Ziel aller Ziele war die Matura. Die Eintrittskarte zur Alma Mater. Wo man Lehrer wurde und im Kreislauf blieb. Oder, familiäre Disposition vorausgesetzt, ein Studium aus der Trias der akademischen Bürgerlichkeit wählte: Jus, Medizin, Pharmazie. Das waren die Weichen. Die Bastler gingen auf die Technik. Neurotikern stand die Pflege eines Orchideenstudiums offen. Germanistik, Theaterwissenschaft, und, psst: Architektur. Im wesentlichen wurden Ärztekinder Ärzte, Kinder von Juristen Doktoren der Rechte und Apothekerkinder Pharmazeuten. Die Kinder von Diplomaten wurden Diplomaten, die der Theologen Bürgermeister. Generationen hindurch galt dieser bürgerliche Masterplan. Hin und wieder musste es der Papa richten. Bildungsideal und Karriere-Versprechen sind noch heute mariatheresianischen Charakters. Eingelöst werden sie indes kaum noch. Ein Studium, ob abgebrochen oder absolviert führt immer öfter ins Prekariat, in die SVA-Falle und ins Schuldenrad. Wer nicht Coach wird oder Lebensberater, fährt Taxi. Die Akademikerrate unter Sandlern steigt. Griechenland ist keine Option mehr für Aussteiger. In der Gesellschaft lagert sich ein Sediment akademischen Scheiterns ab. Sind wir am Ende? Nein. Rettung naht von unerwarteter Seite. Wirtschaftsstudenten weltweit, konfrontiert mit den krisenhaften Ergebnissen falscher ökonomischer Theorien fordern eine Änderung von Lehre und Forschung. Das riecht nach Revolution.

Neue Sparideen

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Für meine Illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 3. Mai 2014.
Finanzminister Spindelegger hielt rechtzeitig zum Tag der Arbeit seine Budgetrede und gewährte dabei nicht nur Ausblicke auf die Zukunft des Staatssäckels, sondern auch Einblicke in die Gegenwart seines semantischen Vermögens. In unserem Land der Berge, so der Volksparteileiter, gebe es einen Berg zu viel. Spindelegger meinte dabei nicht Arlberg, Semmering oder die Pack und auch nicht den Küniglberg. Der Berg zu viel, so Spindis Einleitungspointe, sei der Schuldenberg. Das sei jener Berg, der wachse und wachse und höher werde. So könne es nicht weitergehen, sprach der Säckelwart. Mit dem Wachsen. Und dem Höherwerden. Da es hier auch mit dem Sprachspiel nicht weiterging, wechselte Spindelegger die Metapher und gab sich als Baumeister zu erkennen. Er werde, verkündete der Bundespolier, den Grundstein für ein „Schluss mit neuen Schulden“ legen – es klang wie: Schloss mit neuen Schulden.
Auch sei der richtige Zeitpunkt für die Trendwende gekommen, es klang wie: Trennwände. Logisch. Trennwände im Schloss mit den neuen Schulden. So ein Schloss, auch wenn es neu ist und von Spindelegger grundsteingelegt, hat Zimmerfluchten und Korridore, weiltäufige Säle und enorme Treppenhäuser. Da weiß man im einen Salon nicht, was die im anderen treiben, da wird gemauschelt und verteilt, zugesagt und vertranschelt.
So ein Schloss mit neuen Schulden braucht nicht nur Tore und Türen, sondern vor allem Trennwände. Trennwände trennen. Die einen von den anderen. Die Sparer von den Ausgebern. Die Ansprüche von den Begehrlichkeiten. Das Volk vom Sozialen. Diesseits der Trennwände plant der Republiksprokurist, die Gelder für Bauern und Lebensmittelhervorzauberer bereitzulegen, für Musentempel und Bühnenhäuser, für Grundlagenerforscher und Impulsverbraucher. Jenseits der trennenden Wände werden die Wartezimmer zu liegen kommen. Für die Täuschenden und Tarnenden, die Hängemattenbenutzer und Mindestsicherungserschleicher, die Langzeitstudierenden und Arbeitverlierer, die Dummen und Dauerkranken, die Spätberufenen und Frühversager. Es wird klar, dass hier ein Sicherheitsproblem erwächst. Spindelegger wird nicht mit Polizisten sparen. Logisch.
http://search.salzburg.com/display/sn0334_03.05.2014_41-52075289

Das ewige Spiel

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Für meine ‚Illustrierte Kolumne‘ in den Salzburger Nachrichten vom 25.4.2014
„Die Wege entstehen im Gehen“, konstatierte einst Alfred Gusenbauer in Reflexion auf seine Arbeit als sozialdemokratischer Bundeskanzler. Eine Variante des Sinnspruchs darf als Leitmaxime für die Beschäftigung mit Österreichs größtem Bankenexperiment gelten: „Die Probleme entstehen beim Lösen derselben.“ Die Hypo geht uns alle an. Denn sie gehört uns allen. Beziehungsweise gehören wir allen, denen die Hypo etwas schuldet. So fühlt sich Risiko an, wenn es eintritt. Die Hypo, ihre Krise und die Effekte, die sie auslöst sind ein Lehrstück auch in ästhetischem Scheitern. Schon die Namenswahl war Fanal des Versagens. Hypo, das griechische Wort für „unter“, lautmalerisch, wenn auch nicht inhaltlich verwandt mit dem Hippopotamus, dem Flusspferd. Dazu die Höhen und Untiefen von Alpe und Adria, eine Herausforderung für das Sprachbild: der behäbige (aber gefährliche) Sumpfbewohner, hie unterwegs auf zarter Almwiese und schroffem Fels, da feist torkelnd an den Stränden von Caorle und Bibione und den zerklüfteten Gestaden Postjugoslawiens. Frühes Symbol großen Versagens hätte auch die architektonische Anmutung der Hypo-Zentrale sein müssen – ein verschachtelter Kobel, mehr Oberfläche als Inhalt, schief, verwinkelt, gesichtslos. Gewiss war auch der Namenszusatz „International“ Ausweis jenes provinziellen Unvermögens, das der Hypo-Alpe-Adria (und damit uns) den Hals bricht. Wir sollten dennoch nicht undankbar sein. Jedes Scheitern ist ein Gewinn, jede Krankheit birgt Selbsterfahrung.
Die Hypo ist ein republikgroßes Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, in dem die Regeln immer wieder neu aufgestellt werden. Eine zentrale Erkenntnis der Spieltheoretiker wird hier massentherapeutisch wirksam. Nicht wir spielen das Spiel, sondern das Spiel spielt uns. Man darf dem früh verstorbenen Heilpädagogen Haider sowie den fliegend wechselnden Klinikchefs (derzeit tätig: die Primarii Faymann und Spindelegger) großen Dank sagen. Eindrücklicher ließe sich die Verwandtschaft von Geld und Verbrechen nicht vermitteln. Im Brecht’schen Sinne: Was ist die Gründung einer Bank gegen die Abwicklung einer Bank?

Pusztapolitik

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 11.4.2014

Österreichs politische Beobachterszene ist entsetzt. Der amtierende ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat die Mehrzahl der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt und die Wahl gewonnen. Das von ihm gestaltete Wahlrecht ließ eine Vertrauenskundgebung zögerlich-wohlwollender Anhänger zum schieren Erdrutschsieg geraten.

Angesichts der schütteren Wahlbeteiligung lassen sich Berechnungen anstrengen, nach denen die Mehrzahl der Ungarn Viktor Orbán nicht gewählt hat. Damit steht der umtriebige Stuhlweißenburger in einer Traditionslinie ungarischer Machthaber, die erfolgreich das Bedürfnis des ungarischen Volkes nach sanfter Unterdrückung und nachhaltiger Fremdbestimmung bedienen. Aus österreichischer Sicht ist der magyarischen Seele ohnedies nicht mit Verständnis und Einsicht beizukommen, heißt es doch: „Immer wenn dér Ungár lusztig iszt, dánn weint ér.“ Weint der Ungar, muss er es nach dieser Logik also lustig haben. Das Talent zur Bipolarität lässt sich auch in der Biografie Orbáns festmachen. Startete dieser seine politische Karriere doch als Jugendvorsitzender der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei, um angesichts wechselnder weltpolitischer Hegemonien ins christlich-soziale Lager zu schwenken, wo er es bis zum Vizepräsidenten der europäischen Volkspartei, ja zum Vizepräsidenten der Christlich Demokratischen Internationale machte. Immerhin nur Vizepräsident und eigentlich Kommunist, hört man liberale Schwarze hierorts raunen. Bewunderung für Orbáns machiavellistisches Händchen hatte indes einer schon vor Jahren. Die Chuzpe, mit demokratischen Mitteln eine dynastische Lebensstellung einzurichten, rang Altkanzler Wolfgang Schüssel Respekt ab. Ist doch alles am Ungarischen zutiefst österreichisch. Die ungenutzte Sehnsucht nach Freiheit. Die Installierung vertrauensstörender Institutionen. Die Verachtung alles Fremden. Der Rückzug in die Hölle des Privaten. In einer Idealwelt wäre der Österreicher Ungar. Stolz stünde er auf seinem sattellosen Pferd, bisse in einen Paprika und erwartete das Vorbeifahren des Magnaten. Dessen tiefer Verachtung gewiss, würfe er sich huldigend in den Staub der Kutsche. Éljen a Magyar!

Neue Hohlmaße

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 04.04.2014.

Die Wut geht um. Die Regierung regiert, der Wutbürger reagiert. Früher trieb sich der Wutbürger in Hinterholzacht herum und versuchte, das verfallende Haus mit schwerem Maurergerät zu sanieren. Er scheiterte. Heute steigt der Wutbürger die Parlamentsrampe hinauf, um das Hohe Haus mit schwermütigen Petitionen zu sanieren. Auch hier wird der Wutbürger scheitern, denn Wut ist keine Qualität guten Handelns. Wut ist Ausweis der Ohnmacht.

Gewiss, 19 Milliarden sind kein Bemmerl, die Banken sind unverschämt in ihrem Oszillat aus Chuzpe und Unvermögen, die Wirtschaft stöhnt unter Sektsteuer und Binnen-I, und die Jugend liegt im Alkoholkoma. Österreich ist zu einem großen Hinterholzacht verkommen, abgesandelt und unsaniert.
Denkt sich der Wutbürger und sammelt seinen Zorn. Alles muss anders werden. Politiker müssen durch Auskenner (am besten durch Wutbürger) ersetzt werden. Geldflüsse an Parteibonzen und Pressefritzen müssen gestoppt und ins Volk zurückgeleitet werden. Die Sümpfe müssen ausgetrocknet werden, das Dickicht zurückgestutzt, die Liederlichen müssen hinter Gitter gebracht und die Bösewichte an die Laternenmasten geknüpft werden.
Hört sich doch gut an! Könnte funktionieren. Würde die Wut stillen und den Bürgern zurückgeben, was den Bürgern gehört.
Aber halt. Hatten wir das nicht schon mal? Hatten wir nicht schon mal einen wütenden Oberbürger? Den Wutjörg? Den Rattenfänger aus Goisern? Hatte der nicht auch schon zur Rettung der Heimat durch Wut aufgerufen, versprochen, die Politiker aus ihren Ämtern zu jagen, und die Schmierfinken aus ihren Schreibstuben?

Ja, da war doch was. Um sich geschart hatte der Wutjörg die Wutpartei und die wütenden Buberl. So war das. Und der Zorn stieg und die Wut wallte und der Wutjörg stieg in ungeahnte Höhen. Und bald war er Wuthauptmann von Kärnten und die Strolche von der Wutpartei in der Regierung am Ring mit „Wem, wenn nicht ihm“. Und dann wurde fleißig umgejörgt. Die Wut stand dem nicht im Wege. Wut und Hypo waren Geschwister. Und da sie nicht gestorben sind, quälen sie uns noch heute.

Österreichische Sportarten: Die soziale Bewegung

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 28.03.2014.

Es war einmal. Es war einmal eine soziale Bewegung. Sozial hieß sie, weil sie sich um den Sozius kümmerte, den Kumpel, den Genossen, den Bürger. Bewegung hieß sie, weil sie nicht stillstand, nicht verharrte, nicht wich, nicht wankte. Kümmern hieß, als es noch Bewegung gab im Sozialen, Kummer zu haben mit anderen, Kummer zu haben ob ihrer Sorgen, Kummer zu haben ob jeglichen Leids. Kummerln sagte man, als es die soziale Bewegung noch gab, sehr gern zu den Kommunisten und man meinte es nicht gut. Der weibliche Kumpel, die Genossin, hätte übrigens Sozia geheißen, nur dachte damals noch niemand so weit. Heute denkt man noch weniger weit, heute soll das Verweiblichte wieder abgeschafft werden. Die Direktorin, die Doktorin, die Architektin, die Philosophin. Es mache zu viel Mühe, sagt die Kommission zur Vereinfachung, sich mit weiblichen Endungen herumzuschlagen, sie empfiehlt das Ende des Weiblichen. Zumindest im Öffentlichen. Direktorinnen, Doktorinnen, Architektinnen, Philosophinnen, sie sind zu mühsam, schon das Nennen ihrer Berufe ist zu mühsam. Es dauert zu lang, sie aufzuschreiben, zu lesen, sie auszusprechen. Direktorinnen, Doktorinnen, Architektinnen, Philosophinnen behindern die Ökonomie. Sie sollen raus aus der Öffentlichkeit. Sie sollen dorthin, wo sie herkamen, nach innen. Ins Haus, an den Herd. Sollen wieder die Wäsche waschen, das Hemd bügeln, den Hausschuh bringen, die Zeitung bringen, ähm, das iPad. Der Stärkere soll wieder über den Schwachen herrschen, der Reiche über den Armen. Nicht nur draußen, auch drinnen. Besonders drinnen. Denn wer draußen kein Herr sein kann, weil die soziale Bewegung darniederliegt, muss drinnen ein Herr sein. Dafür braucht es die Frau. Ohne Frau am Herd kein Herr im Haus.
Es war einmal eine Bewegung, deren Anliegen war es, das zu ändern. Für immer. Sie ist in die Irre gelaufen. Sie hat sich berauscht am Fusel der Macht. Hat gekostet vom reichen Sein, hat Gefallen gefunden und Verständnis und ist korrupt geworden. Sie liegt mit den Mächtigen im Bett, bügelt ihr die Hemden, bringt ihr die Zeitung, wärmt ihr den Schuh. Sie möge aufstehen, die soziale Bewegung. Es ist noch viel zu tun. Fast alles nämlich.

19 Milliarden

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.03.2014.

Es sei schon alles gesagt, sagte Karl Valentin, nur noch nicht von allen. Und auch das wurde noch nicht von allen gesagt. Wir stehen zurzeit bei der sagenhaften Summe von 19 Milliarden Euro, das ist eine Zahl mit neun Nullen. In Schilling (es gibt noch welche, die damit rechnen) wäre dies 261 Milliarden und ein paar zerdrückte 450 Millionen. Mit 19 Milliarden ließe sich schon was machen. Und das wird auch gemacht. Zum Beispiel werden Witze gemacht. Witze sind die sonnige Seite existenziellen Ungemachs.
Je größer das Ungemach, desto besser der Witz.

19 Milliarden sind für die Einzelnen unter uns so unvorstellbar wie jenseits. Zur Veranschaulichung ihrer Dimension werden Stapelungen der Summe neben dem Stephansturm vorgenommen, Fußballfelder werden damit belegt und Eisenbahnzüge beladen. Verglichen mit den Reissäcken in China und mit den dort umgefallenen Fahrrädern sind 19 Milliarden Euro aber auch wiederum nichts. Es muss nämlich bedacht werden, dass die Summe nicht verschwinden wird. Sie wird nur umgebucht werden. Das Geld wird nur wandern. Von den leeren Konten der einen auf die vollen der anderen. In einem haben die Regierungspolitiker daher recht: Ob der Enormobolus vom Land Kärnten, von der Republik oder von den Gläubigern aufgebracht wird, ist schlussendlich powidel. Es werden in jedem Fall die Kleinen sein, die bezahlen. Schon deswegen, weil es von den Kleinen viel mehr gibt. Logisch, oder?

Die Kleinen sind auch leidensfähiger. Sie haben sich schon daran gewöhnt, die blutleeren Banken zu retten, der Wirtschaft unter die knöchernen Arme zu greifen, die kränkelnden Kommunen zu stützen. Auch in der Entgegennahme von Sparpaketen sind die Kleinen geübt. Österreichs Politgranden, Geldfürsten und den Oligarchen im Raiffosten ist ein Sparpaket nicht zuzumuten. Das verbitten sie sich. Nein, nein, nein!

Was könnte man nicht alles machen mit der Kohle! Schulen bauen und Universitäten, Zähne sanieren und Kindergärten finanzieren! Obdachlose von der Straße holen und Arbeitssuchende aus der Depression. Könnte man.

Das Burgtheater

Für meine Doppel-Kolumne im Heftteil ‚Freizeit‘ der Salzburger Nachrichten vom 15.3.2014

Der wichtigste Posten, der in Österreich bekleidet werden kann, ist der des Burgtheaterdirektors. Vergessen wir den Bundespräsidenten der Republik, den Bundeskanzler, Vizekanzler, das Präsidium des Nationalrats. Auch die Säckelwartschaft im Finanzministerium, die Zeichnungsberechtigung im Rechnungshof oder die romgeschuldete Kardinalswürde. Kein Vergleich. Alles Tinnef und von niedrigem Rang. Denn nichts ist höher gestellt, nichts wichtiger und nichts von größerem Glanz umstrahlt als die Chefsesselinhabung des Burgtheaters. Viele der Amtsträger am Deutschen Nationaltheater (so heißt die Bude am Ring unter Eingeweihten) haben das erkannt, Claus Peymann hat es ausgesprochen, aber es bedurfte eines Matthias Hartmann, um dieser Erkenntnis glanzvoll Raum zu geben. Das Burgtheater, die Wirkungsstätte des primus inter artifices, des Ersten unter den Künstlern, leitet seine Wichtigkeit aus dem habsburgischen Gottesgnadentum ab. War doch des Erzhauses größter Spaß neben dem Heiraten das Musizieren und in Krönung beider Disziplinen das Schauspiel. In konsequenter Fortsetzung gab es im Staat keinen Höheren als jenen, der den Kaiser und seinen Hofstaat belustigen und erbauen durfte. Seit es keinen Kaiser mehr gibt, ist der Burgtheaterdirektor der Höchste, der Herrscher über jegliches Spiel. Der Fürst der Sprache, der König der Gesten, der Imperator aller Texte. Alles unter dem Burgtheater ist Subkultur, Proletenspiel, billige Schmiere. Gedankenhoheit aber verführt zu Cäsarenwahn. Lang hat Matthias Hartmann (viele hielten ihn wegen der gespielten Bescheidenheit und dem Faible für Bargeld für einen Schweizer) den Verlockungen der Hybris widerstanden. Aber worin bestand der Hochmut des Matthias Hartmann? War er nicht dem Amt geschuldet? Ist theaterkönigliche Eitelkeit nicht Grundpfeiler des Anforderungsprofils? Wie auch fürstlicher Habitus und Großzügigkeit in der Administration der Kasse? Gewiss. Der Obersthofspielleiter wurde auch nicht wegen schnöselhafter Malefikation oder künstlerischer Unpässlichkeit gestanzt, sondern wegen Weinerlichkeit und Textunsicherheit. Dies steht dem höchsten Amtsträger des Sprachraums nicht zu Gesicht. Der Abgang Hartmanns war unausweichlich.

Krim – Krieg

Für meine Doppel-Kolumne im Heftteil ‚Freizeit‘ der Salzburger Nachrichten vom 8.3.2014

Die Ereignisse überschlagen sich, können wir lesen und dabei feststellen, dass sich vor allem die Schlagzeilen überschlagen. Putin überfalle die Ukraine, heißt es, er marschiere in die Krim ein, breche Völkerrecht, internationale Verträge und überhaupt die guten Sitten slawischen Miteinanders. Die Demokratie in der Ukraine (eben noch ein Schurkenstaat) werde mit Füßen getreten. Im Schatten des olympischen Feuers habe Putin heimtückisch den Krieg vorbereitet.

Holla! Feurio! Oida! Österreichs Blogs und Blätter erleben eine Hochzeit politischer Expertisen. Im Fernsehen treten Putinologen auf, Maidan-Veteranen und Ukraine-Kenner aller Kaliber. Mit dem Zirkel werden Europakarten vermessen, Flugstunden verglichen und Handelsbeziehungen untersucht. Eine These will verfestigt werden: Wir sind Ukraine. Kiew geht uns alle an.

Und erst die Invasion in die Krim! Kriminell, wie schon das Wort verrät. Erst fällt die Halbinsel im Schwarzen Meer, morgen ist Salzburg an der Reihe, dann Kitzbühel und Sankt Anton. Ihre Wohnungen und Villen haben sie schon da, die Russen, jetzt kommen dann die Panzer. Da wird uns auch der Karli Schranz nicht helfen können. Was zu Zeiten des Kalten Kriegs der Kremlastrologe war, ist dieser Tage der Kenner der Putin’schen Seele.
Putin habe den Zusammenbruch der Sowjetunion als Urkatastrophe seines Lebens empfunden, sagen die einen, als Kind habe er in einer zu kleinen Wohnung wohnen müssen, wissen die anderen. Der nervenzerrüttende Anblick einer rettungslos in die Ecke getriebenen Ratte habe sich als Lebensmotiv manifestiert. So wolle er nie werden, berichten die Experten aus Putins Innerstem. Wo aber waren die Putinologen, als der emeritierte Boxchampion Klitschko zum Oppositionskönig ausgerufen wurde, wo, als die Auferstehung der rollstuhlfahrenden Zopfkrone Timoschenko stattfand? Was dachten sie, als die Kiewer Übergangsregierung den ukrainischen Russen den Gebrauch ihrer Muttersprache verbot?
Prabo Kottan, riefen sie, endlich hat’s mal wer dem Brutalinski Putin so richtig gezeigt! Davon erholt der sich nicht mehr.
Aja.

Frühling

Für meine Doppel-Kolumne im Heftteil ‚Freizeit‘ der Salzburger Nachrichten vom 1.3.2014

Der Frühling, auch Lenz genannt, hat uns heuer mit überaus frühem Eintreten überrascht. Kaum hatte der Winter Platz genommen im kalendarischen Geschehen, war er auch schon vorüber. Die närrische Zeit, üblicherweise von klirrender Kälte begleitet, geht forsch-warm in die Schanigartenzeit über. Ostern werden wir zu schwitzen beginnen, ab Mai werden uns afrikanische Temperaturen überfallen, die das Wasser der Swimmingpools verdunsten lassen und die Felder in Staubwüsten verwandeln. Das Wetter macht, was es will, die Frage aber bleibt: Was will das Wetter? Die einen meinen, es wolle uns sagen, mit dem Planeten ginge es bergab, Treibhausgase und Luftverpestung führten zu Klimaerwärmung, Eisschmelze und dem Anstieg des Meeresspiegels. Die anderen verweisen auf dicke Jahresringe in Baumriesen, winken mit Themsenilpferdknochen und behaupten das Gegenteil. Dass alles schon mal ziemlich kalifornisch war in unseren Breiten. Ja, bald werde am Wörthersee wieder Wein gekeltert.

Der Frühling, darauf verweist schon sein Name, ist früh dran, und es sollte uns eher wundern, dass uns das wundert. Der März galt in römischen Zeiten nicht nur als Vegetationsbeginn, sondern auch als Kriegsmonat, benannt nach Mars, dem Gott des Schlachtengemetzels. Weil sich die Römer nicht ganz sicher waren, was für sie wichtiger war, die Landwirtschaft oder der Krieg, konstruierten sie einen botanischen Ursprung für Mars. Der römische Dichter Ovid erzählt von der jungfräulichen Geburt des Mars durch Juno. Um das Gleichgewicht zwischen ihr und ihrem Gatten Jupiter in Fragen der Mütterlichkeit wiederherzustellen – Jupiter hatte Mamafreuden insofern an sich gerissen, als er Minerva direkt aus seiner Stirn geboren hatte – konsultierte Juno die Göttin Flora (heute würde man sagen: eine Spezialistin außerhalb der Schulmedizin) und bat um Rat. Flora besorgte sich eine magische Blume und testete diese an einer Kuh, welche daraufhin fruchtbar wurde. Um nun Juno den Kinderwunsch zu erfüllen, pflückte sie eine weitere Zauberblume, und zwar rituell, mit dem Daumen, berührte mit dieser Junos Bauch und schwängerte sie solcherart. Zur Geburt von Baby Mars zog Juno nach Thrakien an die Gestade des Marmarameers. Ganz schön Hippie, diese Frühlingsgötter!
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©Andrea Maria Dusl

Österreichs wahre Sieger

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten vom 21.02.2014.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen Österreich und der Podesterie ist eine Geschichte voller Gefahren. Historisch gesehen war das Podest der Schar der Heiligen zugedacht und allenfalls ausgesuchten Mitgliedern der Familien Habsburg und Lothringen. Erst spät erklommen kriegerische Persönlichkeiten das Podest, wohl in Ermangelung podestwürdiger martialischer Begebenheiten. Die größten Podestplätze Österreichs sind nicht an Schneefahrer, Schanzenadler und Taktstockschwinger vergeben, sie stehen auf dem Heldenplatz und dienen den Reiterstatuen der Kriegshelden Erzherzog Karl und Prinz Eugen als Prachtsockel. Beide Denkmäler verdanken wir dem deutsch-österreichischen Bildhauer Anton Dominik Ritter von Fernkorn. Das Denkmal des Napoleon-Bezwingers Erzherzog Karl gilt noch dazu als unerreichte technische Wunderleistung, steht das eherne Schlachtross doch ausschließlich auf den beiden dünnen Hinterbeinen. Über der Befürchtung, sein exklusives Standbild könnte einknicken, soll Fernkorn, so die Legende, wahnsinnig geworden sein. Nach mehreren Schlaganfällen wurde der gefeierte, aber nervlich zerrüttete Fernkorn 1868 in eine Irrenanstalt eingeliefert. Die Reiterstatue des Prinzen Eugen wurde von seinen Schülern fertiggegossen. Um weitere Psychiatrierungen abzuwenden, stützt sich das Erzbild des Savoyers sicherheitshalber auch auf den Schweif als drittes ehernes Bein. Im Lichte dieser künstlerischen Großereignisse meidet der Österreicher das öffentliche Podest. In dieser nationalen Grundfurcht dürfen wir die als Bescheidenheit und Pechsträhnigkeit missverstandene Attitude österreichischer Sportler verorten, bei Olympischen Spielen tunlichst das Podest zu umgehen. Gewiss, nicht immer lässt es sich vermeiden. In der Regel werden Österreicher bei internationalen Großereignissen Vierte, Achte und ferner liefen. Das Podest als vierkantiger Heldenhügel mag unsere Sache nicht sein. Zur Bühne verbreitert genießt das Podest aber weitgehend Zuneigung. Im Wedeln war Hansi Hinterseer maximal eine begabte Sternschnuppe, im Schlagersingen hingegen ist er Weltmeister. DJ Ötzi und Andreas Gabalier schafften den Sprung auf die Heldenbühne ganz ohne Schnee.

Ausgeschweizt

Für meine Doppelkolumne in der Wochenendausgabe der Salzburger Nachrichten vom 17.02.2014.

Wenn man die Schweizer beleidigen möchte, bringt man die seicht-witzige Frage in Stellung, was denn deren größte kulturelle Errungenschaft sei. Die Kuckucksuhr, will dann geantwortet werden. Und nicht einmal das. Die Verschärfung des Insults besteht nämlich in der Zusatzbemerkung, dass dieser Befund nur eine urbane Legende sei, denn die Schweizer hätten die Kuckucksuhr gar nicht erfunden, die Schwaben seien es gewesen. Seit jeher gibt es ein gespanntes Verhältnis zwischen Österreichern und Schweizern. Die einen haben es den anderen nicht vergeben, dass sie die Habsburger des Landes verwiesen, die anderen den einen nicht, dass sie diese mit offenen Armen empfangen haben. Statt malevolentem Feudalismus und imperialem Absolutismus haben die Schweizer Eidgenossenschaft und Basisdemokratie etabliert. Auf diesem Gebiet kann Österreich nur die freiwillige Feuerwehr erfolgreich ins Treffen führen. Der Blick der Österreicher auf die Schweizer ist seit jeher von Seufzern begleitet. Die Helvetier stellen die Leibgarde des Papstes, haben die höheren Berge, die spektakulärere Landschaft, die mondäneren Skiorte und die fetteren Banken. Im Schatten dieser Erfolge gedeihen Witze wie der, wonach der Wiener Zentralfriedhof halb so groß sei wie Zürich, aber doppelt so lustig. Geschenkt. Jetzt haben die Schweizer schon wieder ganz ordentlich geschweizt. Angestachelt von der rechtskonservativen Volkspartei haben die Eidgenossen über den Zuzug von Ausländern – in populistischer Lesart: gegen Masseneinwanderung – abgestimmt und damit faktisch ihre Bande zur Europäischen Union gekappt. Schweiz den Schweizern lautet die Botschaft des (überdies äußerst knapp ausgegangenen) Volksentscheids. Bedenken, die wirtschaftliche Stabilität der Schweiz betreffend, können zerstreut werden. Großkontoinhaber und Geldkofferboten werden weiterhin die Flugzeuge nach Züri besteigen, um nicht schweizerisches Geld in Schweizer Tresore zu bringen. Bravo Schweiz, applaudiert die Zahntechnikerpartei und verkennt dabei die Tatsache, dass es vor allem saisonierende Österreicher und Deutsche sind, gegen deren Unterwanderung sich die Schweizer stemmen. Grüezi, drei Bierli!

Winterglück

Für meine Doppelkolumne in der Wochenendausgabe der Salzburger Nachrichten vom 07.02.2014.

Das Wetter spielt verrückt. Ein Zeugnis dieses Befunds ist der Ausdruck Wetterkapriole. Das Meteorologengezeter gilt nicht nur der beispiellosen Temperatur, dem Rekordtief oder dem Jahrhunderthochwasser, schon das Eintreten einer Wetteränderung wird neuerdings von medialem Geschrei begleitet. Jüngster Anlass für die Positionierung der Vokabel Wetterkapriole lieferte tagelanger, unablässiger Schneefall. Schnee fiel auf Dächer, auf die Landschaft, ja auf die Straßen! Die Wetterredaktionen legten Schneeketten an, setzten den Katastrophenhelm auf und begaben sich „vor Ort“. In den Schneefall. Direkt hinein. Von unwirklichem Licht angestrahlt, hauchten bibbernde Reporter in die Mikros, dass es, man ahnte es, dass es – schneite. Überall schneite es, um den ganzen Reporter und bis weit hinter ihn. Man sah es deutlich. Selbst wenn man nicht aus dem Fenster sah, sah man deutlich: Es schneite. Heftig. Hier und dort und überall. Besonders in den Tälern. (Von den Bergen wagte man nicht zu sprechen). Eine abermalige Wetterkapriole, ganz klar. Zeit, sich das Wort anzusehen. Was das Wetter ist, wissen wir, das Wetter ist alles, was draußen ist und im Wetterbericht Widerhall findet. Was aber ist eine Kapriole?

Auskunft gibt uns der Stallmeister Ludwigs XIV., François Robichon de la Guérinière. In seinem epochalen Pferdeschulwerk „École de Cavalerie“, 1783 erschienen, schreibt der Hippologe und Erfinder des noch heute gültigen korrekten Sitz des Reiters: „Die Capriole ist der höchste und vollkommenste von allen Sprüngen. Wenn das Pferd mit Vor- und Hinterhand gleich hoch in der Luft ist, so streicht es stark hinten aus, und die Hinterschenkel sind in diesem Augenblick nahe beisammen und es streckt sie so viel als möglich aus.“ Wie vieles, worin wir uns nicht auskennen, kommt auch der Ausdruck Kapriole aus dem Italienischen. Dort bezeichnet „capriola“, abgeleitet von capro, dem Bock, den Bocksprung und (gymnastisch etwas unsauber) den menschlichen Purzelbaum.
Beunruhigung ist dennoch nicht angezeigt. Sowohl das bockspringende Pferd als auch der purzelbäumende Mensch kommen schnell und sicher wieder in ihre Ausgangsposition.

Handfunktionen die noch fehlen

Für meine Kombikolumne in den Salzburger Nachrichten vom 1.2.2014

Es war einmal, da gab es noch kein Handy. Es gab noch nicht einmal das Wort Handy. Zum Telefonieren begab man sich in jenen Raum, in dem das Telefon stand. Stand. Das Telefon war ein Apparat von der Größe einer Playstation – der Controller hing an einem gekräuselten Kabel und hatte Mikro und Speaker eingebaut. Das User-Interface war ein seltsames Plastikrad mit Retro-Slide-Funktion. Display hatte das Teil keines. Klingelton gab es auch nur einen. Mitnehmen konnte man so ein Telefon jedenfalls nicht.
Muss man sich wie einen Server vorstellen. Nur kleiner und runder. Farbe schwarz. Auf der Straße oder auf der Piste gab es kein Telefonieren. Es gab nichts. Die Leute konnten nicht simsen, nicht zocken, nicht im Internet rumsurfen. Schlimmer noch. Sie wussten nicht einmal, was SMS sind. Sie hatten keine Ahnung von Internet. Oida! Und zum Zocken gingen sie in Retro-Clubs, Wirtshaus genannt, wo sie nur ein Spiel zockten – Gaming Cards mit roten und schwarzen Icons drauf. Sehr seltsam. Zum Fotografieren benützten die Menschen in der Telefonzeit schwere Hardware-Teile, die in etwa aussahen wie ein Camera-App-Icon. Nur 3D-geprinted. Obwohl es das auch noch nicht gab, 3D-Prints. In manchen Clubs, sie hießen Kaffeehaus oder Konditorei, gab es Telefone. Sie hingen an der Wand. Musste man eine Münze einwerfen, die Schilling hieß. Angerufen werden konnte man da nicht. Wusste ja niemand, wo man gerade war. Obwohl es kaum vorstellbar ist, verirrten sich die Leute kaum. Und falls doch: Maps hatte man als Ausdruck bei sich, die Leute nannten so was Stadtplan oder Landkarte. Crazy.

Noch viel unglaublicher als diese mobilen Maps muss man sich eine Base-Station vorstellen, die man Telefonzelle nannte. Die Dinger waren Single-User-Hardware-Apps, die in der Gegend rumstanden. Drinnen ein Magnum-Telefon, so in etwa wie die in den Clubs. Diese Telefonzellen waren beliebt wie Zock-Stationen im Mediamarkt. Leute standen Schlange, um dort zu zocken. Man warf einen dieser Schillinge rein. Wenn man gewann, durfte man telefonieren. Das ärgerte die Zocker in der Schlange. Mussten sie noch länger auf ihr Game warten.

Die neuen Landesfarben

Für meine Kombinationskolumne in den Salzburger Nachrichten 020 Jg.70, 25.1.2014

„Wovon lebt ihr eigentlich in Österreich?“, fragte der Oligarch. “Vom Fremdenverkehr”, antwortete der Wedelkönig. „Aber Fremdenverkehr ist doch keine Industrie“, entgegnete der Oligarch. „Bei uns schon“, gab der Wedelkönig zu bedenken. Der Oligarch schüttelte ungläubig den Kopf. „Für Industrie braucht es Bodenschätze! Was sind eure Bodenschätze?“ „Skipisten“, antwortete der Wedelkönig. „Was ist das?“ „Skipisten sind breite Bahnen, die in den Wald geschlagen wurden.“ „Und was macht man auf diesen Skipisten?”, wollte der Oligarch wissen. „Skifahren“, sagte der Wedelkönig. „Aha”, sagte der Oligarch, “die Leute gehen die Skipisten hinauf, und dann fahren sie hinunter.” „Sie gehen nicht hinauf”, sagte der Wedelkönig, “zum Hinaufgehen gibt es Aufstiegshilfen.“ „Was ist das?“, fragte der Oligarch. „Seilbahnen, Sessellifte. Schlepplifte. Man setzt sich hin, man stellt sich rein. Sie ziehen einen hinauf.“ “Verstehe, so verdient man das Geld. An den Liften“, fing der Oligarch zu rechnen an. “Aber nein”, sagte der Wedelkönig, “die Lifte gehören der Bank. Das Geld verdient man mit den Schneekanonen.” “Mit den Schneekanonen?” “Exakt”, antwortete der Wedelkönig. Was das sei, “Schneekanonen”, wollte der Oligarch wissen. “Kanonen, die Schnee auf die Pisten schiessen”, antwortete der Wedelkönig wahrheitsgemäß. “Schnee, der dort rumliegt”, schloss der Oligarch. “Da liegt kein Schnee herum”, korrigierte der Wedelkönig, “der Schnee wird in den Kanonen gemacht.” “Ihr habt keinen Schnee im Winter?” wunderte sich der Oligarch. “Wir haben keinen Schnee im Winter”, bestätigte der Wedelkönig.” “Der Schnee wird in den Schneekanonen gemacht?” “Genau. Er wird in den Schneekanonen gemacht.” “Damit verdient ihr das Geld!” “Damit verdienen wir das Geld”. “Brilliant”, murmelte der Oligarch, “wir haben da eine Gegend, Sotchi.” “Gibt es da Berge?”, wollte der Wedelkönig wissen. “Viele Berge. Nichts los. Kein Schnee.” “Ideal”, sagte der Wedelkönig, “wieviele Schneekanonen möchten sie bestellen?”

Wie Österreich funktioniert

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten 014 Jg.70, vom 18.1.2014.

Leadership ist das neue Zauberwort. Es fängt mit demselben Buchstaben an wie „leistungsorientiert“, wie „langfristig“, wie „lohnkostensenkend“. Leadership (ausgesprochen „Liederschipp“) wird nicht diagnostiziert, Leadership wird eingemahnt. Das Vokabel wird immer dann in Stellung gebracht, wenn Leadership nicht vorliegt. Einem großen Sohn der Hinterbrühl wird solches momentan vorgeworfen. Das angloamerikanische „Leadership“ zirkuliert unter anderem deswegen in Dauerpenetranz, weil die deutsche Bezeichnung „Führerschaft“ aus mehrheitlich begreiflichen Gründen keine Konjunktur hat. Zwar gibt es einen Führerschein und den Beruf des Kranführers, aber Führer gibt es nicht (mehr), und das ist gut so.
Es wird also Leadership eingemahnt. Damit wird die vermeintliche Tugend der Entscheidungsfähigkeit verbunden, das schillernde Talent, die Welt und ihre Forderungen in Ja und Nein zu teilen. Aber die Welt ist kein Ja-Nein-Theater, die Welt ist nicht schwarz und weiß, sie ist bunt und grau zugleich. Es gibt nicht Nacht und Tag in Ausschließlichkeit, es gibt auch die Dämmerung. Österreich ist so ein Dämmerungszustand. „Schau ma mal“, gilt als beredte Antwort auf jegliches Begehr. Es bedeutet weder Ja noch Nein, ja nicht einmal die Mitte zwischen den beiden Aggregatzuständen des Handelns. Das Aussprechen dieser Erkenntnis hat schon Bundeskanzler zu Fall gebracht. Fred Sinowatz’ Diagnose, es sei „alles sehr kompliziert“ wurde dem promovierten Geisteswissenschafter zum Verhängnis. Hätte er gesagt, es sei doch „alles ganz einfach“, hätte man ihm Leadership attestiert. Nun gut, das Wort war damals noch nicht unterwegs. Leadership-affine Charaktere nördlich des Weißwurstäquators nehmen das österreichische „Na ja“ als Problem wahr. Italiener oder Griechen könnte man mit einer anderen Antwort als Ja oder Nein nicht schrecken. Schon der Philosoph Platon postulierte, dass zwischen den Begriffen „wahr“ und „falsch“ ein dritter Bereich liege. Die Mathematik nennt das Österreichisch-Platonische schlicht „fuzzy logic“.

Aussenpolitik

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten 010 Jg.70, 2014.

Zwischen Innen und Außen liegt bekanntermassen die Oberfläche. Sie ist Grenze wie Übergang, Schutz wie Schande. Österreich ist solch eine Zwischenschicht, denn Österreich findet ausschließlich am Übergang zwischen Innen und Außen statt. Das Land ist vielfältige Oberfläche: Wald und Wiese, Acker und Asphalt, Haus und Hof, Berg und Brücke, Piste und Parkplatz. Auf diesen Oberflächen bewegen sich die Österreicher in ameisenhafter Geselligkeit und basteln an einer Illusion. Denn Österreich ist ein Trugbild. Eine Einbildung, ein Oberflächenphänomen. Die Glasur unter den Nationen, das Fettauge auf der Rindsuppe. Österreich ist nicht das Schnitzel. Österreich ist die Panier. Harte Worte für ein weiches Land. Aber das Land hält viel aus. Es wurde hunderte Jahre von Schweizern regiert, von Erzbischöfen und zwischendurch auch schon mal sehr folgenreich aus Berlin. Seiner zentralen Lage an den wichtigen Alpenpässen und an einem gerne besungenen Strom verdankt Österreich seine historische Wichtigkeit. Schifahren und Salzstangerlbacken sind erst später zu Leidenschaften ausgerufen worden. Aus Wiener Hofkanzleien wurde jahrundertelang ein gutes Dutzend Nationen regiert, es nimmt nicht Wunder, dass sich hier der trügerische Anschein einer Expertise eingeschlichen hat. Für die Expertise brauchte es allerdings Experten. Bruno Kreisky hat keine Vorgänger gehabt und keine Nachfolger. Zuletzt hatte sich der regierende Vizekanzler und damalige Aussenminister ausgerechnet von einem altösterreichischen Fürsten (dem langjährigen tschechischen Ausseninister) die Schelte gefallen lassen müssen, auf dem Brüssler Parkett nur durch persönliche Abwesenheit aufzufallen. Das Bild des aussenpolitisch autistischen Östereichs könnte stimmiger nicht sein. Stimmig im Sinne einer Übereinstimmung von nationaler Befindlichkeit und internationaler Wahrnehmung. Österreich ist tiefste europäische Provinz. Und das ist ganz gut so. Wenn also Österreichs bestbezahlter Student medienwirksam Brüssler Vorzimmer bereist, handelt er nicht in aussenpolitischer Mission, sondern betreibt das, worum es in Österreich ausschliesslich und immer schon ging. Haus- und Hofpolitik.

Besuch

Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten 004 Jg.70, 2014.

Die einen sagen, es gehe bei Weihnachten und den daran hängenden Festen Sylvester und Dreikönig um die Geburt, religiös-spirituell betrachtet um die Niederkunft eines Gottes, astronomisch-profan gesehen um das (Wieder)-Länger-Werden der Tage. Die winterliche Fest-Trias gelte der Zeit an sich, ihrem Wesen und ihrer Verankerung im familiären und gesellschaftlichen Leben. Die Wintersonnenwende sei eine Art Uhrenvergleich. Immerhin werden die westlichen Kalender Schlag Mitternacht eines 31. Dezembers auf Null gestellt, um nicht nur eine neue Stunde, einen neuen Tag und einen neuen Monat, sondern gleich auch ein neues Jahr zu beginnen. Strenggenommen wäre der bessere Moment für diese Umstellung ja der 21. Dezember (die tatsächliche Sonnenwende) – die Verfügbarkeit dieses Datums für festliche Begehungen muss aber wohl bis zur nächsten grossen Kalenderreform warten.

Nada, sagen andere Kulturwissenschaftler, Weihnachten und seine Compagnions Sylvester und Dreikönig stehen in Diensten ein ganz anderen Themas. Dem des Besuchs. Blenden wir die Geburt des Jesusknaben, den Datumswechsel und den Stern von Betlehem aus, kann der Blick auf den doch sehr deutlichen Besuchs-Charakter der drei Feste geschärft werden. So stellt sich Weihnachten biblisch gesehen als Besuch des ‘Hochheiligen Paares’ im Örtchen Betlehem dar. Der Anlass, eine Volkszählung könnte profaner nicht sein. Aus dem bürokratischen Besuch wird eine schicksalshafte Herbergsuche und das Logis-Nehmen in schlechter Unterkunft. Weihnachten in moderner Ausprägung ist Familienbesuchszeit. Erwachsene Kinder reisen zu den Zimmertannen ihrer Eltern oder umgekehrt, bringen Elektroartikel, Anziehsachen und Hochprozentiges. Eine Woche später wiederholt sich der Besuchsspuk in feuchtfröhlicher, weniger düsterer, und von heiligem Klingeling emanzipierter Weise, zu Sylvester. Diesmal werden Freunde und öffentliche Plätze heimgesucht. Zu Dreikönig schliesslich besuchen verkleidete Kinder die Gegend, um zu singen und mit der Sammelbüchse zu scheppern. Dass Migration und Asylsuche ebenfalls Aspekte des Besuches repräsentieren, wird zu den Kalenderfesten ausgeblendet. Prosit!

Advent mit Faymann und Spindelegger

Für meine ‚illustrierte Kolumne‘ in den Salzburger Nachrichten Wochenende vom 14.12.2013, Seite VIII.

Das Jahr senkt sein müdes Haupt, die Krise, oder was man dafür hielt, hat weiße Strähnen in seinem Haar hinterlassen. Meteorologischer liegt über dem geistigen Nebel. Punschkranke sitzen im sportlich-utilitarem Vehikel, im Obus und in der Lokalbahn. Sie riechen streng. Nach Tschick und Erschöpfung und Seelennässe. Das müsste man bejubeln, hätte man die Kraft dazu. Noch gibt es Zigaretten in diesem Land, noch wird Leistung erbracht, noch leisten wir uns Gefühle. Auch wenn sie seltener werden.

Wie sagte Karl Farkas: „Die Optimisten leiden, ohne zu klagen, die Pessimisten klagen, ohne zu leiden.“ Zu Weihnachten steigt die Selbstmordrate signifikant an. Die Brandopferrate geht durch die Decke und zu keiner Zeit werden mehr goldene Schüsse gesetzt. Oh Pium!

Die Adventzeit war ursprünglich Fastenzeit, es durfte nicht gefeiert werden, nicht getanzt, nicht geheiratet. Das Tempus Adventus Domini, die Zeit der Ankunft des Herrn, dauert vier Sonntage. In christlicher Metaphorik standen sie ursprünglich für die viertausend Jahre paradieslosen Wartens auf den Erlöser. Der heißt jetzt Christkind, trägt Glitzerkleid und weißblonde Locken. Über Christkindls Geschlecht ist sich die Verkleidungsindustrie nicht ganz im Klaren, in Nürnberger Tradition ist es eher ein Mädchen denn ein Jesusknabe. Wem das Christkindl jenseits der Gender-Debatte zu christlich ist, lässt sich mit dem Weihnachtsmann ein, Chimäre aus Nikolo und Coca-Cola-Opa. Wir sind wieder bei der normativen Kraft des Faktischen. Der Diktatur der Ökonomie. Auf den schlotternden Knien der Obusfahrenden lastet schwer der Kleingeschenke Segen für die Lieben daheim und die Kollegen in den rauchigen Büros.

Noch bläst der Krisenföhn durch alle Ritzen. Auch wenn die Rezession schon vorbei ist, wie der Gouverneur sagt. Bevor die Welt aufersteht, kommen die Geschenke. Beinhart. Und bevor sich Christkind, Weihnachtsmann und Jahresendperson einstellen, kommen die Wünsche. So sei denn gewünscht: 1. Die Wiedereinführung der Zukunft. 2. Die Restauration der Visionen. 3. Das Musikgedudelverbot im öffentlichen Raum.

Das Paket

Für meine ‚illustrierte Kolumne‘ in den Salzburger Nachrichten Wochenende vom 7.12.2013, Seite VIII.

Zu Weihnachten kommt das Paket. Ganz sicher. Und es wird groß sein. Ein großes Paket. Mit Masche. Es wird eine Masche geben. Eine Masche gibt es immer. Am Paket ist das Wichtigste die Masche. Eventuell gibt es eine Verpackung. Eventuell. Ganz sicher ist es noch nicht. Die Masche ist sicher. Das Weihnachtspaket für Kevin und Chantal Österreicher wird eine große Masche haben. Eine riesige Masche. Die größte Masche, die je um ein Paket gebunden war. Zumindest in Österreich. In Griechenland haben sie sich schon an diese Pakete gewöhnt. Es muss gespart werden. Eisern. Stählern. Ultrahart muss gespart werden.

Das wird die Masche sein. Die Masche um das Sparpaket. Die Sparpaketmasche. Jetzt muss gespart werden. Jetzt. Alles muss zurückgezahlt werden. Alles. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, das ist klar. Völlig klar. Alle haben es gewusst. Alle. Zu viel Pendlerpauschale abgehoben, zu viel studiert, zu viel Pension bezogen, zu früh oder überhaupt. Zu oft beim Zahnarzt gewesen, zu viel im Spital gelegen. Dem Staat auf der Tasche gelegen, statt Leistung zu erbringen. Wird es heißen, bei der Auslieferung des Pakets. Dass es geliefert wird, steht außer Zweifel. Das Paket kommt so sicher wie das Amen im Gebet, vielleicht sogar sicherer. Das Paket ist notwendig, denn: Die Wirtschaft muss geschont werden! Die hohen Vermögen! Die höchsten Vermögen! Die Vermögen aus Vermögen! Danke! Wird Chantal sagen, nochmal gut gegangen, wir haben die Banken gerettet, den Standort, die Wirtschaft. Die Zukunft des Landes.

Das Kapital ist scheu wie ein Reh, wird Kevin sagen, und zärtlich über die Masche des Pakets streichen, scheu ist es, man darf es nicht stören, das Reh. Das Kapitalreh, es läuft weg, wenn es gestört wird. Es will nicht umverteilt werden. Es will am Waldesrand herumstehen, die Lauscher im Wind. Maximal. Das feine Reh! Unumverteilt. So schön war die Masche noch nie, wird Chantal sagen. So groß war das Paket noch nie, wird Kevin sagen. Überhaupt kein Problem, wird Kevin beim Nichteinschlafenkönnen sagen. So ein schönes Paket, wird Chantal sagen. Immer wieder. Bis zum Morgengrauen. So ein schönes Paket.

Andrea Maria Dusl

Koalition

Für meine ‚illustrierte Kolumne‘ in den Salzburger Nachrichten Wochenende vom 30.11.2013, Seite VIII.

Du. Nein du. Du zuerst. Nein du, dann ich. Eventuell. Wer sich bewegt im Verhandlungsmikado, hat schon verloren. Wer signalisiere, verhandlungsbereit zu sein, habe die Verhandlung schon verloren, heißt es. Wohin das führt, wenn es das heißt, haben die Interessenvertreter der Unterrichtenden vorexerziert. Man wagt es kaum, das L-Wort auszusprechen. L wie Lehrergewerkschafter. Fröstel. Seit Jahr und Tag verteidigen sie die Pfründen der Kollegenschaft. Dass die Pfründen gar keine sind, sondern zusammengepfuschte Regelungen aus den letzten dreihundert Jahren, ist längst vergessen. Die Gewerkschafter verteidigen unhaltbare Zustände aus Angst vor unhaltbaren Zuständen. Kein Wunder, dass nichts weitergeht.

Das andere Pech, das die Lehrer haben: Normalerweise sind Schulkinder ihre Verhandlungspartner. Und die dazugehörigen Eltern. Jausengegner. Wir schweifen ab. Der Kampf Regierung gegen Lehrer ist ein Scheinkampf. Der tatsächliche Kampf ist der Verhandlungskampf der Regierung, richtiger: Der Verhandlungskampf der Koalitionsverhandler. Er findet hinter Polstertüren statt. Es gilt die Mikado-Maxime: Wer signalisiert, verhandlungsbereit zu sein, hat die Verhandlung schon verloren. Also wird zwischendurch das deutliche Signal gegeben, man könne auch anders. Mit wem anderen zum Beispiel. Oder gar nicht, was realistischer wäre und worauf es dann eine Neuwahl gäbe. Die zu schlagen keiner der Verhandler ernsthaft anstreben dürfte. Weshalb mit diesem Szenario auch nicht erfolgreich gedroht werden kann.

Der Verhandlungskampf der Kampfverhandler ist also kein Kampf mehr, sondern längst ein Krampf. Eine lustlose Umarmung, die nur aus Gründen der Taktik zum Ringergriff erklärt wird. Welche Taktik aber? Die Taktik eines alten, mieselsüchtigen Ehepaars, das sich wechselseitig mit der Drohung erheitert, die Beziehung jederzeit beenden zu können. Porzellan muss dabei nicht mehr zerschmissen werden. Porzellan ist gar keines mehr im Haus. Das Silber ist auch längst verkauft. Im Keller liegen weder Kohlen noch Kartoffeln, denn Keller haben die Miesel keinen mehr. Der Keller gehört den Nachbarn. Die sind keinen Deut besser.
Andrea Maria Dusl

Nebelzeit

Für meine ‚illustrierte Kolumne‘ in den Salzburger Nachrichten Wochenende vom 23.11.2013, Seite VIII.

Wenn die Temperaturen in den Keller fallen und der Nebel sich über das Land legt, werden die Österreicher sentimental. Aber statt daheim den Zimmerkamin zu entfachen, sich aufs Sofa zu legen, gemütlich Nietzsche zu lesen und einer gepflegten Harfensonate zu lauschen, sich also einzustimmen auf das Kommen des Winters, drängen die Österreicher ins Freie. Sie fürchten die Freiheit, aber sie lieben das Freie. Der Österreicher und die Österreicherin. Aber nicht gemeinsam. Der Österreicher geht zum Glühweinstand. Die Österreicherin auch. Zu einem anderen. Gleich nach der Arbeit. Statt der Arbeit. Es mag Menschen geben, die kein Dach über dem Kopf haben. Nicht so der Glühwein.

Der Glühwein hat immer ein Dach über dem Kopf. So stehen also Österreicherin und Österreicher beim Glühweinstand, jeder bei einem anderen und trinken sich den Herbst schön. Den Herbst und die Probleme, die Sorgen und die Angst. Wenn der Glühwein durch die Kehle rinnt, seine Süße das Herz aufweicht und der Alkohol die Zunge lockert, beginnt das große Vergessen.

Am Glühweinstand steht der Österreicher zwar nicht gemeinsam, aber nicht allein. Stets sind Mitleidende da, die an derselben Krankheit laborieren. Am Schmerz der Zeit. An der Regierung. An der Firma. An der Gattin und am Gatten. Am Dasein. Elend wäre das, gäbe es das Vergessen nicht, das im Glühwein sitzt und in die Tiefe will. Dorthin, wo das Gehirn sitzt. Zwischen den Beinen. Das Gehirn in der Tiefe drängt zum nächsten Glühweinstand, weit ist er nicht weg, gleich Giebel an Giebel, dort wo so laut gelacht wird. Wo gelacht wird, hat das Vergessen schon eingesetzt und die Gatter der Lustigkeit geöffnet. Wo die Lustigkeit spaziert, ist die Lust nicht weit. Nach Hause ist es nicht weit. Man könnte ja jetzt geschwind. Obwohl: Der nächste Glühweinstand gehört auch noch ausprobiert . Wie ja überhaupt ein Glühwein nie wie der andere schmeckt. Der Nebel kriecht jetzt in den Österreicher und ein paar Giebel weiter auch in die Österreicherin, legt sich über beider inneres Land. Angst hat jetzt keiner mehr, auch keine Sorgen mehr. Einen Glühwein noch, dann geht’s nach Hause. Die Harfe spielt schon. Die innere. Ihre ist lauter.