Futbolzinho

Falter 23/2002 vom 05.06.2002.

Liebe Frau Andrea,

als WM-Zuseherin achte ich nicht nur auf den Ball, sondern auch auf die scheinbaren Nebensächlichkeiten. Hierbei ist mir aufgefallen, dass die Namen der Spieler auf den Dressen anders sind als ihre geburtsurkundlichen. Auffallend ist diese Tatsache bei den beiden portugiesisch sprechenden Ländern Portugal und Brasilien. Warum wird Armando Goncalves Teixeira (POR) „Petit“ genannt, und wieso heißt „Vampeta“ (BRA) im außerfußballerischen Leben Marcos Andre Batista Dos Santos, um nur zwei von vielen zu nennen? Da diese beiden Mannschaften in meiner persönlichen WM-Prognose als Finalisten auftreten, wäre mir die Klärung dieser namentlichen Frage ein großes Anliegen. Können Sie mir diese kulturelle Eigenheit erklären?

Marlene, Wien 18

Liebe Marlene,

in Brasilien nennen einander die Menschen meist beim Vornamen. Auch öffentliche Personen, der Staatspräsident eingeschlossen, sind von dieser Etikette nicht ausgeschlossen. In noch viel stärkerem Ausmaß gilt das für Sportler. Die meisten brasilianischen Fußballer tragen Spitznamen oder Namen, die aus ihren Vornamen zusammengeschliffen wurden. Pelé, der mit bürgerlichem Namen Edson Arantes do Nascimento heißt, trägt den wohl bekanntesten dieser Künstlernamen. Brasilianische Spielernamen sind meist liebevolle Verkleinerungen, dann enden sie auf „inho“ oder „zinho“, wie beim legendären Jair Ventura Filho, genannt „Jairzinho“. Bei augmentativ gebrauchten Namen wird „ão“ oder „zão“ an den Vornamen angehängt. Wären Hans Krankl und Anton Polster Brasilianer, hießen sie vermutlich „Hanzinho“ oder „Tonão“. Ansätze zu brasilianischer Nomenklatur hat es übrigens auch in Österreich schon gegeben. Matthias Sindelar, der berühmteste österreichische Fußballer der Dreißigerjahre, hieß wegen seines zarten Spieles „der Papierene“.

Schwarz hören

Falter 22/2002 vom 29.05.2002.

Geschätzte Frau Andrea,

unlängst bekam ich gegen neun Uhr abends unangemeldeten Besuch von der GIS. Das allfällige Vorhandensein von Lärm-Indoktrinations-Geräten wurde überprüft. Die Nachschau ergab selbstverständlich nichts. Mein Gewissen lässt mir aber seither keine Ruhe, denn: Ich sehe zwar nicht fern, aber ich höre fern!!! Nun meine Fragen: Muss mein Nachbar, ein sog. hoher Politiker (er wohnt oberhalb von mir), die doppelte Gebühr entrichten, oder muss ich dafür bezahlen? Schließlich hören ja zwei Haushalte zu. Kann da auch eine zusätzliche Nachgebühr anfallen? Wie soll denn heuer dass 00-Defizit erreicht werden, bei dieser grassierenden Mentalität des Nicht-Bezahlen-Wollens? Ich hoffe, Sie halten mich nicht für blauäugig, weil ich auf Ihren Rat vertraue.

Jasminka Dyens, Landstraße

Liebe Jasminka,

wenn ich Ihr Problem richtig verstanden habe, wohnt über ihnen ein Politiker, der die Programme des österreichischen Rundfunks in so hoher Lautstärke zu sich nimmt, dass auch Sie, einen Stock unter ihm, fernhören, ob Sie wollen oder nicht. Nun lässt der hohe Lautstärkepegel Ihres Nachbarn durchaus auf Schwerhörigkeit schließen. Wir wollen mal davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um die seltene Form der jugendlichen, sondern die der häufigeren Altersschwerhörigkeit handelt. Wenn dem so wäre, läge es auch nahe, daran zu denken, dass Ihr Politiker längst die Segnungen der Pension konsumiert. Wenn er das Handwerk des Politikers verstanden hätte, müsste er Ehrenritter der Gebührenbefreiungslegion sein. Ich denke daher, Sie müssen sich keinerlei Sorgen machen, dass irgendwelche Nachgebühren eingehoben werden müssen. Gegenfrage: Wie heißt denn Ihr schwerhöriger Nachbar?

Helmi ist da!

Falter 21/02 vom 22.05.2002.

Liebe Frau Andrea!

Auf der Demo gegen Nazis, Studiengebühren, Regierung etc. bot sich mir die Gelegenheit, die busweise eingeführten grünen Männchen (und Weibchen) aus ungewohnter Perspektive zu bewundern: von hinten. Als sich der Demozug von der Uni den Ring entlang zu bewegen begann, rückte hinten auch eine lebende Polizeiabsperrung (mit Schild, Gummidegen und Rüstung angetan) nach. Ich hatte mich ein paar Schritte abseits postiert, sodass die Polizistenkette sich vor, nicht hinter mir formierte. Und als ich die frisch polierten Helme insgeheim längst mit Billardkugeln verglichen hatte, fiel mir auf, dass sie nummeriert waren. Und nicht nur das: Eine (gefährlich aussehende) Gruppe trug sogar unterstrichene Zahlen. Wozu dienen die Nummern? Eine einheitliche Durchnummerierung der Kette ist mir nicht aufgefallen. Auch wird die Identifizierung nicht erleichtert, da die Nummern oft doppelt vorkommen. Was also sagen uns (oder denen, dies wissen) diese Nummern? In der Hoffnung auf eine befriedigende Erklärung dieses Billardkugel-Phänomens, mit hoffnungsvoll-freundlichen Grüßen

Julia, Internet

Liebe Julia,

die von dir beobachteten Zahlen und Ziffern auf den Helmen der demobegleitenden Exekutive sind keine dienstlichen Codes, sie dienen auch, wie du schon erwähnt hast, nicht der Identifizierung einzelner (bei heruntergelassenem Visier anonymisierten) Beamter. Auch sind es keine Hut- oder Helmgrößen (was das mehrmalige Vorkommen gleicher Zahlen erklären könnte). Die Lösung des Billardkugel-Rätsels, liebe Julia, ist viel profaner: Bei den Nummern, die auf den Vollvisierhelmen der Exekutive zu beobachten sind, handelt es sich schlicht und einfach um die Seriennummern des Herstellers.

Ausgeschlossen

Falter 20/2002 vom 15.05.2002.

Liebe Frau Andrea,

ich möchte endlich einmal wissen, warum ich immer von allen Preisausschreiben ausgeschlossen bin!

Adalberta Rechtsweg, Internet

Liebe Adalberta,

gute Nachrichten! Sie dürfen getrost und bedenkenlos alle Preisausschreiben ausfüllen, die Ihnen über den Weg flattern. An deren Teilnahme ist nur der Rechtsweg ausgeschlossen. Die Rechtsweg wird praktisch nie erwähnt, und es ist mir auch keine einzige Teilnahmebedingung bekannt, die die Rechtsweg ausschließt. Einem baldigen Riesengewinn, liebe Adalberta, steht also, juristisch betrachtet, nichts mehr im Wege.

Liebe Frau Andrea!

Seit Tagen zermartern wir uns das Hirn, woher der seltsame Ausdruck „schwadronieren“, also „sinnlos herumschwafeln“ kommt. Eine Schwadron ist doch was Militärisches. Oder haben wir da in der Schule nicht aufgepasst?

Herta Hornis & Walter Schmidtchen, Mariahilf (alias Herta Hurnaus und Tex Rubinowitz)

Liebe Herta, lieber Walter,

Sie haben Recht, eine Schwadron ist eine kleine Einheit der Kavallerie, es kommt vom italienischen squadrone, „große squadra“. Es ist vom Verb squadrare, rechtwinkelig ausrichten, (s)quadratisch machen, abgeleitet. Das Schwadronieren kommt aus der Studentensprache des 18. Jahrhunderts und bedeutete anfangs das (sinnlose) Herumziehen in Gruppen, auch das wilde und planlose Fechten, später erst das prahlerische und aufschneiderische Fechten mit Worten. Schwafeln kommt übrigens aus dem Thüringisch-Obersächsisch-Vogtländischen und kommt von der lautmalerischen Bezeichnung Schwab, Schwav für „Mund“.

Tramway To Hell

Falter 19/2002 vom 08.05.2002.

Liebe Frau Andrea,

woher kommt – Ihrer geschätzten Meinung nach – die intimsphärenverletzende Dummfrage „Steigen Sie aus?“, wie man sie leider viel zu oft in Bussis und Straßenbahnen hört. Mir ist nämlich keineswegs klar, warum ich anderen, wildfremden Menschen Auskunft über meine Destinationen geben sollte. Mit dieser dämlichen Frage konfrontiert, habe ich schon einige unangenehme Erfahrungen gemacht. Ein z.B. Schweigen meinerseits wurde mit extrem „goscherten“ Bemerkungen quittiert. Weiters überlege ich, in Hinkunft als Antwort auf diese Frage das Statement „Nein, ich steige nicht aus, sondern bleibe hier stehen, um Sie am Verlassen des Zuges zu hindern“ abzugeben. Liebe Frau Andrea: Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten? Und warum bringt mich diese Aussteigen-Frage jedes Mal im berühmt-berüchtigten Null-Komma-Nichts von null auf hundertachtzig? In der Hoffnung, dass Sie mir nachfühlen und vielleicht auch helfen können, ergebenst,

Ihr Gerhard Pichler

Lieber Gerhard,

die inkriminierte Unsitte kenne ich schon, seit ich ein Kind war. Damals trat sie stets gepaart mit der Schelte älterer Damen mit Seppelhut auf, Kindern, die es wagten, einen Sitzplatz zu benutzen, mit einem zornig gehauchten „Schämst dich nicht?“ zuzusetzen. Die Ungustlfrage „Tschulligen, stegen Si os?“ scheint so alt zu sein, wie das Straßenbahnfahren selbst, und ich versichere Sie in dieser Frage meiner allergrößten Solidarität. Die von Ihnen vorgeschlagenen Antworten und Reaktionen begrüße ich sehr. Auch ein kryptisches „Man wird sehen“ oder ein gefährlich mit den Zähnen geknirschtes „Sie müssen mir Zeit geben“ lohnen die Mühe. Idiotenantworten wie „Ich bin neu hier, wie geht das?“ und „Ich steige grundsätzlich nicht aus“ kann man auch immer gut gebrauchen.

O Tannenbaum

Falter 18/2002 vom 01.05.2002.

Werte Frau Andrea,

es bleibt einem doch nichts erspart! Kaum dem „Warum-ist-die-Erde-rund-Papa“-Alter entwachsen stellte mich mein Nachwuchs völlig unvorbereitet ins intellektuelle Abseits. Auf zwei Fragen – locker hingeworfen – wußte ich einfach keine Antwort, was in unserer kleinen Idylle Sprachlosigkeit und Bestürzung hervorrief. Das Drama war nur durch ein klägliches „Fragen wir doch Frau Andrea“ teilweise abzuwenden und so würde ich mich glücklich schätzen, wenn Sie mir zumindest eine derbeiden folgenden Fragen beantworten könnten. Frage 1 (von Raffaela, 15einhalb Jahre): Warum werden die Augen beim Weinen rot – auch wenn man sie nicht rubbelt? Frage 2 (von Konstantin, 8einhalb Jahre): Warum ist das Logo vom Spar Supermarkt ausgerechnet ein Weihnachtsbaum?

In dankbarer Erwartung Ihrer erschöpfenden Antworten verbleibe ich freundlichst Herwig Schöbitz

Der Name (De) „SPAR“ ist eigentlich ein holländisches Wort und bedeutet auf Deutsch: (Die) TANNE. Daher ist das Logo der Firma auch eine grüne Tanne im Kreis. Im Laufe der Jahre wurde das Logo immer weiter stilisiert. Die endgültige Form des heutigen Logos wurde vom berühmten Designer Raymond Loewy 1968 entworfen. Es besticht durch Klarheit im Ausdruck und seine zeitgemäße Form. Das Markenbild ist aus drei Basiselementen zusammengesetzt: ein rotes Band (mit dem Wortbild SPAR) gefolgt durch einen grünen Akzent (das SPAR- Emblem im grünen Kreis) auf weissem Untergrund Dieses Ganze formt das SPAR- Markenbild. Als Basisfarben wurden Rot, Grün und Weiss gewählt, da diese Farben den Eindruck von Sauberkeit und Frische geben; wichtige Elemente im Vorstellungsbild von SPAR, die im Markenbild ausgedrückt werden. Die Entwicklung des SPAR-Logos. Raymond Loewy: Hätte am 5.11.1993 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Er war stets mit der häßlichen Form des Alltags unzufrieden und startete einen Feldzug des guten Geschmacks. Er verlieh zahlreichen Produkten – vom Bleistift über den Kühlschrank bis hin zu Fährschiffen – ein eindrucksvolles Design. Neben dem gelungenen SPAR-Logo gibt es zahlreiche andere Loewy-Logos, die auch heute noch dem Zeitgeist entsprechen, wie zum Beispiel Shell, Canada Dry, BP und Exxon. Auch die gelungene Neugestaltung der Zigarettenmarke Lucky Strike stammt von ihm.

Film ist im Tee

Falter 17/2002 vom 24.04.2002.

Werte Frau Andrea,

immer, wenn ich mit härterem Wasser Schwarztee zubereite, bildet sich nach kurzer Zeit auf der Tee-Oberfläche ein quecksilbrig schillernder Film, der auf der Tassen- und Kanneninnenseite hässliche braune Flecken hinterlässt. Woraus besteht dieser Film? Diese Frage quält mich täglich beim Frühstück, und ich hoffe, Sie können diese Qual von meiner Seele nehmen.

Mit besten Grüßen
Norbert Mottas, St. Valentin

Lieber Norbert,

hartes Wasser, wie es bei Ihnen in St. Valentin aus der Leitung sprudelt, enthält gelöste Mineralsalze, vor allem die als “Kalk” bezeichneten Karbonate. Der von Ihnen beschriebene silbrige Film hat aber vorrangig nichts mit Teezubereitung zu tun. Weder mit richtiger noch mit falscher. Er ist auch auf der Oberfläche von frischem Leitungswasser zu beobachten, das in oftmals benützte Wasserkessel gefüllt wird. (Vor dem Hintergrund dunkelbraun gefärbten Tees lässt sich dieser Effekt allerdings ausgezeichnet beobachten. Grund für die von Ihnen beobachteten “Schlieren” sind ausgefällte Karbonate, die vom Wasser in (hauchdünner) schaumiger Suspension gehalten werden. Der gelöste Kalk lagert sich zudem in Kesseln und Kannen als braunes Sediment ab, das von Tee-Pigmenten zusätzlich verfärbt wird. Aus geschmacklichen Gründen sollte ich Ihnen davon abraten, Ihren Tee in einem Aluminiumkessel zubereiten. Es können sich beim Kochen des Wasser Aluminiumsalze bilden, die das Aroma des damit aufgegossenen Tees ins Abscheuliche verschieben. Ein kleiner zusätzlicher Teetip: Mit frischem, sauerstoffreichem Wasser lässt sich nach Auskunft kalkwasservertrauter Teekenner aromatisch anspruchsvollerer Tee zubereiten, als mit (mehrmals) abgekochtem.

Biertrinking

Falter 16/2002 vom 17.04.2002.

Allerliebste Frau Andrea!

Stimmt es tatsächlich, daß der Brauch, nach dem Anstoßen mit Biergläsern, jene auf die Tischplatte zu knallen, bevor man trinkt, aus Nazi-Deutschland stammt und so viel heißen soll, wie: „Ist da eh kein Jude untem Tisch?“ ?! Wenn ja, sollte das schleunigst publik gemacht werden, ich selbst halte es noch immer für ein Gerücht, obwohl es aus verläßlicher Quelle stammt!

Gruß
Michael Anders, Internet

Lieber Michael,

da haben Sie ja in ein Wespennest der Etiquette gestochen! Ich bewege mich zwar nur sporadisch in Biertrinkerkreisen, würde aber meinen, dass die Herkunft dieses polternden Brauchs mit Unschärfen im deutschnationalen Studententum fokussierbar ist. Ich schöpfe meine Vermutungen zwar nicht aus “verlässlicher Quellle”, könnte mir aber vorstellen, dass das pennälerhafte Ritual des Bierschnellaustrinkens hinter dieser Sitte steckt. Das Niederknallen des Bierkrügels signalisiert “Auf geht’s, Burschen!”. In Kreisen, in denen Worte wie “Ehre”, “Blut” und “Boden” von der Aura der Sinnstiftung beleuchtet werden, gehört es zu den vorrangigsten Männertugenden, einen Bierkrug in einer Geschwindigkeit zu leeren, die in keinem Verhältnis zum erzielten Lustgewinn steht. Mag sein, dass das Anschlagen antisemitischer Untertöne solchen Bräuchen ein zusätzliches “teutsches” Signum verleiht. Einer ähnlich burschikosen Quelle wie der Ihren entsprang beim Stolpern auf der Strasse der antisemitische Satz: “Hoppla, da is a Jud’ begraben.” Was die geographische Zuordnung des von Ihnen hinterfragten Brauchs angeht, dürfte mit “Nazi-Deutschland” vor allem das heutige Bayern und Österreich gemeint sein. Eine Stange Kölsch kann man gar nicht auf den Tisch knallen…

Bares

Falter 15/2002 vom 10.04.2002.

Geschätzte Frau Andrea,

warum heißen originell klingen wollende In-Lokale in Wien und anderswo immer wieder „Wunderbar“ oder „Sonderbar“ und nicht etwa „Brauchbar“, „Erreichbar“ oder „Genießbar“?

Beste Grüße
Andreas Weikersdorf,
Internet

Lieber Andreas,

schon seit Jahren beschäftigen sich Experten mit diesem Problem, das in linguistischen Kreisen in Deutschland als das “Affige-Kneipennamen-Problem” bekannt ist. Kristallisationskeim dieser und ähnlicher Forschungsbewegungen ist die Inflation von Lokalen, die sich nach der Berliner Off-Theaterbühne “Bar Jeder Vernunft” nennen. Aber auch Wien ist seit jeher ein guter Nährboden für Lokalnamen mit spasskultureller Färbung. Schon unsere Urgrosseltern mögen einen humoristischen Mehrwert darin erblickt haben, sich in einer Gaststätte namens “Gösser Bierklinik” aufzuhalten. Die von Ihnen eingemahnte “Brauchbar” wäre sicherlich ein Schritt in eine sachlichere Richtung. Lokale mit dem Namen “Ereichbar”müssten allerdings überdie ganze Stadt verteilt werden. Am Besten an jede Ecke eines! Als Proponentin des Individualismus ginge ich lieber in die “Genießbar”. Als Single würde ich mich auch hin und wieder in der “Ansprechbar” wohlfühlen, empfähle mir, als ehemaligem Opfer des Alkoholabusus sogar ab und an ein Gläschen Soda gespritzt in der “Verzichtbar”. Verschwiegen wie ich bin, hielte ich es auch in der “Unsichtbar” gut aus. Ich träfe dort nicht nur Spione und Geheimdienstler sondern auch Kolleginnen mit Faible für Seitensprünge. Exklusives Service, auch für Daheimgebliebene könnte man von der “Zustellbar”erwarten, während die “Denkbar” wohl eher philosophisches Publikum anzöge. Erdnäherem Publikum sollte man guten Gewissens eher zur “Bezahlbar” raten.

Schurnosprech

Falter 14/2002 vom 03.04.2002.

Werte Frau Andrea,

seit Jahren schon teilen uns alle möglichen Journalisten besonders gerne mit, dass sie sich gerade “vor Ort” befinden, obwohl meist zu erkennen ist, dass sie sich in dem Ort aufhalten, in dem’s geschah. Wie kam es zu dieser Inflation an Täuschung?

Mit Dank im Voraus für Ihre Aufklärung,
Walter Stach, Wien

Lieber Walter,

sie müssen sich das so vorstellen: Herr oder Frau internationaler Reporter hat sich mit einem unausgeschlafenen Kamerateam durch überfüllte Hotelllobbies, abgesperrte Strassen und marodierende Kollegenhorden gekämpft um ein sicheres Plätzchen in Sichtweite des “Ortes” zu ergattern, des Ortes des Geschehens. Kameras werden auf markante Hintergründe ausgerichtet, (expllodierende Chemiefabriken, schmelzende Gletscherzungen und entscheidungskreissende Präsidentenamtssitze) und hektisch wird eine “Leitung” gebastelt. Zeit ist in diesem Business nicht nur Bild sondern stets auch Geld und die Sprache des Geldes ist einfach. Reporter bedienen sich daher in der Kommunikation mit dem Sender eines Soziolekts, den wir “Knappsprech” nennen wollen. Warum 100 Silben stammeln, wenn sich die Botschaft auch in 3 darstellen lässt? “Bin vor Ort”. Knapper kann ein Reporter nicht sein, Knappsprech vermittelt Investigation, Knappsprech signalisiert akutes Vorortsein. “Bin vor Ort”, hustet der ZiB-Reporter,auch wenn erauf Sendung ist und tappt dabei in die Gegenwartsfalle: Der Ort des Geschehens, die gekenterte Binge, das rauchende Tunnelportal, d er geschredderte Güterzug liegt zwar in der Realität stets einen Mikrophonwurf hinter ihm, nicht aber die Projektion dieser Situation, das Fernsehbild. In Verkennung dieses Vorgangs wähnt sich der österreichische Reporter stets vor Ort, auch wenn er mitten drin ist.

Atemberaubend

Falter 13/2002 vom 27.03.2002.

Geschätzte Frau Andrea,

als in Wien lebende Tirolerin weckt Ihre e mail-Adresse stets aufs neue heimatliche Gefühle in meinem bergländischen Herzen – spricht man doch in Tirol von einem „Dusl“, wenn man durch einen grippeähnlichen Infekt außer Gefecht gesetzt wird („i hob an Dusl“ ;)). wissen Sie, woher dieses Wort stammt?
Besten Dank und gewissermaßen einen duslfreien Frühling,

die Fee, Internet

Liebe Fee,

gerne gebe ich Ihnen etymo-onomastikologische Auskünfte über den “Schwüü”, der eine Grippe begleitet. Mein Nachname “Dusl” kommt vom tschechischen “Dusil”. Dusil ist eine Verbalkonstruktion und verwandt mit “Duse”, das soviel wie “Atem” oder “Seele” bedeutet. “Dusil heisst in etwa “..nimmt Luft weg”und oszilliert zwischen den Konnotationen “erstickend” und “atemberaubend”. Kein unpassender Ausdruck für einen respiratorischen Infekt! Wie dieser slawische Ausdruck, von dem man doch annähme, er bezöge sich eher auf den Abusus von alkoholhältigen Flüssigkeiten, als auf Husten und Heiserkeit es bis nach Tirol schaffte, kann ich Ihnen nicht verraten. Tirolopsychisch fühle ich mich Ihnen in unbekannterweise sehr verbunden, denn ich stamme urgrossmütterlicherseits aus dem Ladinischen. Meine dortige Familie, die “Soracanins” lebt seit 800 Jahren auf dem Bergbauernhof “Rinna” ober San Cassiano im Val Badia. Hinter dem Hof bäumt sich der Sasso San Croce auf, hinter dem das Reich der Fanes beginnt. Auf den kalkigen Almen soll der Feenkönig Laurin im goldenen Zeitalter jene Mohnfelder bestellt haben, die wir heute als Rosengarten kennen. Opium, das Substrat der Mohnblume ist als atemdepressiv bekannt. Atemberaubendes, wohin wir blicken! Und der von mir verehrte Comandante Che soll überhaupt Asthma gehabt haben!

Gemeine Werte

Falter 12/2002 vom 20.03.2002.

Liebe Frau Andrea,

was bitte sind die Grundwerte der europäischen Wertegemeinschaft, was ist die Wertegemeinschaft und wer gehört dazu?

Freundliche Grüsse
Imre Talos, Berlin

Lieber Imre,

wo haben sie die Zitate her? Ich bin sonst ratlos.

Schöne Grüsse nach Berlin 🙂
Andrea

Liebe Andrea,

die ‚Grundwerte der europäischen Wertegemeinschaft‘ sollen ‚dem Fremden‘ offenbar im Zuge des geplanten Integrationspakets nähergebracht werden (Westenthaler, Strasser, Bartenstein in: Weissensteiner, Weissenberger: Nix sprechta, nix bleibta Falter 10/02, S8). Leider ist mir nicht so ganz klar, was also diese Grundwerte besagen, ob die nur westeuropäischer oder EU-Natur sind und wem die dann erklärt werden sollen. Dürfen beispielsweise integrationswillige Slowaken, Weißrussen oder Türken als Europäer diese Kurse schwänzen, weil sie eh wissen ‚was Sache‘ ist, oder müssen sie zusammen mit allen Phillipinern, Nigerianern, Indern und Peruanern Grundwertkunde im Sinne der Wertegemeinschaft strebern? Unklar ist deshalb auch, wer der Wertegemeinschaft angehört. Ist der EU-Beitritt die Eintrittskarte?

Schönes Wochende aus Berlin : ) Imre

Lieber Imre,

wir können uns die Westenthaler’sche Wertegemeinschaft als grossen Ferienclub vorstellen, in dem alles seine Richtigkeit hat. Serviert werden Pizza, Schnitzel und Fischstäbchen für die Kinder. Musik geht ans Herz und an die Hose und am Sonntag sind alle in die Kirche. Kunst hängt im Museum und die Feuerwehr ist freiwillig. Jedem Slowaken und sei er noch so weissrussisch werma das noch lernen! Wo samma denn!

Länderkunde

Falter 11/2002 vom 13.03.2002.

Sehr geehrte Frau Andrea,

bald wird die Regierung Schluss mit “lustig” machen und die Ruckizucki-Deutschkurse für ausländische Mitbürger in die Tat umsetzen. Jedesmal, wenn ich im Schulatlas meiner Tochter blättere, fällt mir auf, dass die deutsche Sprache sehr inkonsequent mit den Bezeichnungen für andere Länder umgeht. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wundere ich mich täglich aufs neue, wie aus dem tschechischen “Čechy”, das nichts anderes als “die Tschechen” bedeutet, ein Unwort wie Tschechien wurde. Ist das sprachlich nicht unkorrekt? Es müsste doch Tschechen heissen, schliesslich heisst es ja Polen und Schweden und nicht Polien und Schwedien. Sicher wissen Sie auch wieso das skandinavische Königreich “Norge” im deutschen mit “Norwegen” einem Dativ bezeichnet wird ?

Mit lieben Grüssen, Ihre Emöke, 1040 Wien

Liebe Emöke,

Sie haben völlig recht, nichts in der deutschen Sprache ist verworrener, als die Bezeichnungen für Länder und Nationen. Ich glaube mich daran erinnern zu können, dass die Bezeichnung “Tschechien”von der Tschechischen Republik selbst gewählt wurde, um dem Gebrauch des von den Nazis benutzen Ausdrucks “Tschechei”vorzubeugen. Die Bezeichnungen der Länder aus deuschsprachiger Sicht, liebe Emöke fand in höchst unterschiedlichen geschichtlichen Epochen statt und folgt nicht immer der sprachlichen Logik. Der neueste Trend erschöpft sich darin, einer geographischen oder historischen Gemeinsamkeit, das Wörtchen “-land” anzuhängen. Das jüngste österreichische Bundesland das an Festungen nicht arme “Burgenland”, das “Saarland” im Westen Deutschlands und seltsame neue Territorien wie “Schengenland” und “Euroland”scheinen diesen Trend zu bestätigen. Und nennen wir die Republik nicht auch schon notorisch “Schnitzelland?”

Körper und Geist

Falter 10/2002 vom 06.03.2002.

Sehr geehrte Frau Andrea,

wie kommt es, dass man/frau bei heftigen Erkältungen zu keinerlei intensiver Gedankentätigkeit fähig ist? Existiert ein Verbindungsgang zwischen verstopfter Nase und Hirn? Absorbieren die einschlägigen automatisierten Assoziationsketten (Matratze-Schwitzen-Husten-doof) die bedeutendsten Großhirn-Areale? Gibt es ein wirksames Mittel dagegen? Bitte nur biologisch, ev. dynamisch.

Mit bestem Dank und einem herzlichen „Xundheit!“
Ihre Daniela, Internet

Liebe erkältete Daniela,

die von Ihnen beschriebenen Zivilisationskrankheiten werden vom menschlichen Körper gerne mit Fieber beantwortet. Hohes Fieber kann die Wahrnehmung in Richtung Wahn verschieben. Es würde mich nicht wundern, wenn schon leichtere Fieber von Ihnen als Zustand der Doofheit empfunden werden. Nach Aussage eines Arztes führen nicht Medikamente, sondern folgende einfache Maßnahmen zu baldiger Besserung: Machen Sie innen und außen Feuer unterm Dach! Trinken Sie heiß, baden Sie heiß und packen Sie sich heiß ein. Das künstliche Fieber soll Wunder helfen. Ich hab da leicht reden, ich bin nie krank. War das jetzt dynamisch genug?

Liebe Frau Andrea,

seit dem letzten Kälteeinbruch beschäftigt mich folgende Frage: Der weiße Dampf, der aus unseren Mündern und Nasen tritt, wenn es kalt ist, entsteht ja durch den Temperaturunterschied von ausgeatmeter warmer Luft und umgebender kalter Luft. Wie verhält sich das mit dem gemeinen „Schas“? Wird auch hier sichtbarer Dampf frei? Ist dieses Phänomen schon einmal beschrieben worden?

Mit freundlichen Grüßen
Sieg Plafond, 1090 Wien

Lieber Sieg,

meines Wissens bestehen Winde aus methanhältigen Gasen, die eher brennen als dampfen.

Lange Lüsse

Falter 09/2002 vom 27.02.2002.

Geehrte Frau Andrea!

Eigentlich hätten Sie ja schon meine erste Wahl sein sollen, aber ich wende mich an Sie, als meine letzte Hoffnung. Ich wohne nicht weit von der Strassenbahn-Station der Linie 38 und gleichnamigen Gasse „An den langen Lüssen“. Nun konnte mir noch nichts und niemand Auskunft darüber geben, wobei es sich um Lüssen handelt und wie der Singular von ebendiesen zu nennen wäre. Ich bitte um Aufklärung, da ich mir nahezu täglich beim Aussteigen aus der Bim den Kopf darüber zerbreche.

Mit herzlichem Dank im Voraus,
Thomas Schuheker, 1190 Wien

Lieber Thomas,

gerne saniere ich Ihren täglich zerbrochenen Kopf. Die rätselhafte Gasse im 19. Bezirk, zwischen Grinzinger Allee und dem Friedhof des Weinortes aufgespannt, birgt einen alten Flurnamen. Eine “Luß”, oder mehrere “Lüsse” bezeichnen Grundstücke, die ein Grundherr dem Lehenbauern durch Losentscheid zuteilen ließ, um den Anschein der Bevorzugung zu vermeiden. Beispiele solcher Ackernamen sind Kirchenlüsse (Fluren, deren Zehent der Pfarre abgeliefert werden musste), an Hängen liegende Berglüsse oder zur Rodung erworbene Reitlüsse. Die, Ihr Kopfzerbrechen verursachenden “Langen Lüsse” sind oder waren eine Reihe langer Felder oder Weingärten. Lange Lüsse mit ganz anderem Inhalt gibt es an der Grenze zur Slowakei. Im Überschwemmungsgebiet der March, nahe dem Bahnhof Marchegg gibt es Lange Lüsse, die von Zoologen ganz aufmerksam untersucht werden. Sie beherbergen die seltenen conchostraken Urzeitkrebse. Die etwa 1cm langen Muschelschaler treten seit dem Silur in unveränderter Gestalt auf und gelten als lebende Fossilien. Wenn sie nicht faul im Schlamm liegen, schwimmen sie mit dem Rücken nach oben durch die feuchten Lüsse, wobei ihnen das Rudern mitden Antennen einen nicht unösterreichischen Schwimmstil verleiht.

Euro, Meter, Kilogramm

Falter 08/2002 vom 20.02.2002.

Liebe Frau Andrea!

Da ich glaube, dass meine Fragen auch ein weiteres Publikum interessieren dürften, habe ich den Mut gefunden, diese an Sie zu richten! Wie stark sich alles ums Geld dreht, und wie sehr andere Fragen in den Hintergrund treten zeigt folgende Tatsache! Im Rahmen der Euro-Umstellung erfuhren wir zwar, dass man auch spanische und/oder deutsche Euroscheine und -münzen akzeptieren muss oder dass man nicht „Euro-Schilling“ sagt. Aber niemand kann mir sagen, wie viele EURO ein Meter oder ein Kilogramm sind? Eine Zusatzfrage: In ORF Wien Lokal hieß es kürzlich: „Der Sprecher wurde eingekleidet von Tlapa und Bäumler“. Wissen Sie vielleicht: Sind nun Hemd und/oder Krawatte und/oder Rock und/oder Hose und /oder Unterwäsche von Tlapa und/oder Bäumler?

Mit Dank für Ihre Antwort,
Ihr Siegfried Pflegerl, Utanet

Lieber Siegfried,

die Umstellung vom provinziellen Schilling auf den weltmännischen Euro habe ich mit grosser und dankbarer Lust auf mich genommen. Die hässliche neue Währung ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich geradezu frenetisch mit der neuen Penunze bezahle. Mit grosserSehnsucht kontrolliere ich das Wechselgeld auf der Suche nach Euros von Nichtzuhause. Sogar eine eigenes Internetforum moderiere ich inwischen zu diesem Thema! Diese hilfreiche Seite finden Sie unter “Das macht 1,23678900” auf www.alles-bonanza.net/forum/

Die Umrechnung unserer neuen Währung in metrische Masse ist ganz einfach: Ein Euro, lieber Siegfried, ist genau ein Meter und ebenso genau auch ein Kilogramm. Bei Gold, Seide und Van Goghs rechnen Sie etwas mehr, bei Heu, Feinripp und Arik Brauer etwas weniger. Fernsehsprecher tragen immer Unterwäsche vonprivat. Alles andere ist stets von “und” bzw. “oder”.

Baba Abusus

Falter 07/2002 vom 13.02.2002.

Liebe Frau Andrea,

auf meinem Gute-Vorsätze-Zettel für dieses Jahr steht nur ein Satz: Ich will mit dem Rauchen aufhören. Nun ist es schon Mitte Februar und nichts hat sich geändert. Ich rauche noch immer wie die Blöde. Kaum wird es gemütlich, zünde ich mir eine Kippe an. Liebe Frau Andrea, sie wissen doch sicher, wie ich mich erfolgreich vom Nikotin fernhalten kann.

Mit nicht unverzweifelten Grüssen,
Veronika Galley, 1060 Wien, Joanelligasse

Liebe Veronika,

sie haben Glück, ich weiß sehr gut, wie man mit dem Rauchen aufhören kann. Ich habe mich nämlich vor einigen Jahren von Hundert auf Nulll runtergebremst. Von hundert Zigaretten pro Tag auf Null. Hundert Zigaretten. Das sind 5 Päckchen. 5 Päckchen Camel. Nicht einmal der frühere Finanzminister Ferdinand Lacina, ein Weltmeister im Pofeln, hat je mehr geraucht als ich. Ich rauchte im Stehen, im Gehen, ja sogar unter der Dusche rauchte ich. Eines Tages gefiel es mir, die eben angezündete Zigarette auszudämpfen, das eben angerissene Päckchen in den Müll zu werfen, das Feuerzeug hintennach. Ich beschloss in dieser Sekunde, nie mehr zu rauchen. Nie wieder. Nie, nie, nie. Nach 7 Minuten meldete mein Körper die Lust auf eine Zigarette und dieses unerträglich unstillbare Verlangen begleitete mich die nächsten 7 Tage. Dann wardas Gift aus meinem Körper verschwunden. Nach 7 Wochen meldete ein Satan in mir das anekdotische Begehren, eine Zigarette alleinig zum Beweis zu rauchen, ich hätte die Sucht endgültig überwunden und könne jederzeit. Nach 7 Monaten erloschen auch solche, sporadisch auftretenden Hinterhältigkeiten meiner, den Abusus nunmehr romantisch verklärenden Suchtperönlichkeit. Heute, nach fast 7 Jahren, habe ich jegliches Gedächntnis an den Vorgang des Rauchens verloren. Gutes Gelingen!

Ihre Andrea.

Arrespondenz

Falter 06/2002 vom 06.02.2002.

Liebe Frau Andrea,

jetzt habe ich zwischen dem 1. Jänner und 31. Dezember 2001 jeden Montag einen Brief an UHBK Dr. Wolfgang Schüssel geschrieben, eine jeden Montag neu formulierte und neu argumentierte Aufforderung beinhaltend, als österreichischer Bundeskanzler zurückzutreten, um so der Regierungsbeteiligung der FPÖ ein Ende zu setzen. Nicht nur, dass UHBK noch immer nicht zurückgetreten ist, nein, er hat nicht einmal zurückgeschrieben! Was kann ich noch tun, um diese Koalition zu sprengen?

Mit dringenden, Rat suchenden Grüßen,
David Wagner, Linz

Lieber David,

von Wolfgang Schüssel erinnere ich mich, mal gelesen zu haben, er habe wegen eines prall gefüllten Terminkalenders „keine Zeit für einen Computer“. Wir dürfen daraus schliessen, dass UHBK sich auf der Füllfederseite der digitalen Wasserscheide befindet und persönliche Korrespondenzen auf Papier erledigt. Ihre Strategie, snailmail als Kommunikationsmittel mit Dr. Schüssel zu verwenden, war daher goldrichtig. Wie die meisten Staatsmännerhat auch Dr. Schüssel ein sogenanntes “Büro”. So ein Büro kümmert sich um kleine und grosse Wichtigkeiten, bearbeitet die Post, nimmt Telefonate entgegen und koordiniert Termine aller Arten. Dass Dr. Schüssel Ihnen bisher nicht geantwortet hat kann mehrere Gründe haben: 1. Die Adresse stimmt nicht. 2. Das “Büro” wirft Ihre Briefe ungeöffnet in den Schredder. 3. Dr. Schüssel und sein “Büro” wollen Sie ordentlich zappeln lassen und Ihre Hartnäckigkeit auf die Probe stellen. 4. Dr. Schüssel kommt mit dem Antworten von Rücktrittsaufforderungen nicht nach und hält bei Post vom Februar 2000. 5. Wolfgang Schüssel kann Ihre Handschrift nicht lesen. Mein Tipp: Schreiben Sie Kommsissär Fischler eine email. Er antwortet promt und persönlich.

Liebe Grüsse, Andrea.

Riechen und Beissen

Falter 05/2002 vom 30.01.2002.

Hochverehrte Frau Andrea,

seit Monaten frage ich mich heftig, warum in den Innenstadtstationen der U1 beständig ein leichter Fäkaliengeruch das Riechorgan des Fahrgasts beleidigt. Jetzt frage ich Sie – im Vertrauen auf Ihren fast schon berühmt gewordenen Spürsinn bei der Suche nach Antworten auf knifflige Fragen.

Florian Kleedorfer, Wien IX

Lieber Florian,

seit der Römerzeit gibt es ein zweites Wien, das sich wie ein Pilzmyzel unter der Erde ausbreitet. Im Mittelalter, so erzählen die Chronisten, sei dieses unterirdische Wien grösser gewesen, als das oberirdische. 5geschossige Keller waren keine Seltenheit. Beim Bau der U-Bahnröhren unter der Innenstadt wollte man auf dieses unterirdische Wien keine Rücksicht nehmen. Uralte Kellerlabyrinthe wurden zerstückelt und was immer sich in ihnen befand, für immer versiegelt. Was den von Ihnen inkriminierten Geruch betrifft, liegt höchstwahrscheinlich das simple Abwasserrohrgebrechen einer U-Bahntoilette nahe. Eine kleine Chance bestünde allerdings, daß der Gestank einer der vielen, in dieser Gegend angelegten Pestgruben entkommt. Mein Tip: Parfümieren Sie sich für Fahrten mit der U1 oder führen Sie einen der beliebten “Wunderbäume” mit sich. Glück auf!

Liebe Frau Andrea,

vor kurzem wagte ich es, nach siebenjährigem Boykott, einen Zahnarzt aufzusuchen. Und siehe da: der erste Weisheitszahn ist weg, die anderen sollen in regelmäßigen Abständen ins Zähne-Nirwana folgen. Ist es so, dass ich nun stückchenweise meine Weisheit verliere oder einfach lästige Zähne loswerde und in ca. 3,5 Jahren (diese Schmerzen!!) über all das lachen kann?

Liebe Grüße,
Barbara Lass, 1070 Wien

Liebe Barbara,

sie müssen sich nicht fürchten. Die Weisheit wurde im Gehirn lokalisiert. Zähne dienen der Zerkleinerung von Nahrung. Sogar Weisheitszähne waren ursprünglich dafür vorgesehen, befinden sich aber auf dem Abstellgleis der Evolution.

Schilda

Falter 04/2002 vom 23.01.2002.

Liebe Frau Andrea,

warum sind die Ortstafeln an den Bahnhofsstationen österreichweit in Fahrtrichtung angebracht? Wunderschöne blau-weiße Stationsschilder weisen den Weg nach Oberstinkenbrunn, Hintervorderbrühl oder Zell am Ziller. Weil frau sich – wie in mediteranen Gegenden üblich – nicht aus dem Fenster beugen kann, ist es unmöglich, die vorbeiflitzenden Buchstaben zu einem sinnvollen (W)Ort zusammenzusetzen. Da aber zur Zeit eisige Temperaturen herrschen und die neuen, vollklimatisierten Wagons mit ungemein intelligenten, plombierten Fenstern ausgestattet sind, die sowieso nicht geöffnet werden dürfen, besteht keine Chance mehr, in der Zehntelsekunde, in der die (bedauerlicherweise größtenteils nicht zweisprachigen!) Ortstafeln ins Bild kommen, etwas zu erkennen. Dabei könnten Metropolen wie Bruck-Fusch oder Hinterhochfilzen ganz leicht ins richtige Dispositiv gerückt werden, indem man(n) die Stationsschilder in einem 45-Grad -Winkel zur Fahrtrichtung montierte, der einen trotz behenden Vorbeiziehens der Landschaft bei der Ein- oder Abfahrt aus dem Banhofsbereich den Ortsnamen problemlos ablesen ließe. Frau Andrea, wir fragen völlig verzweifelt, wie Österreich EU-Niveau erreichen will, solange solche Probleme nicht aus der Welt geschafft sind? Was raten Sie?

Es grüßen Sie mit vorzüglicher Hochachtung,
Ihre Ruth und Brigitte Mayr

Liebe Ruth, liebe Brigitte,

wäre es nicht noch besser, zusätzliche Bahnhofstationsschilder parallel zur Fahrtrichtung anzubringen? Es spielte dann auch keinerlei Rolle, aus welcher Richtung und Geschwindigkeit sie die Bahnhöfe durchquerten. Bruck-Fusch durch die Hintertür erschlösse sich dann genauso wie Hinterhochfilzen im Eilzugstempo oder Oberstinkenbrunn und Hintervorderbrühl im Rollen. Von Stehen in Zell am Ziller mal ganz abgesehen.

€ von Nichtzuhause

Falter 03/2002 vom 16.01.2002.

Liebe Frau Andrea,

ich bin sehr zufrieden mit unserer neuen Währung, mal davon abgesehen, daß das Geld aussieht, als hätte man es auf einer Zeitreise in einem DDR-Designstudio mitgehen lassen. Ausserdem stört mich, daß mich die Bankomatgesellschaft für zu doof hält, eine Summe aus 5ern und 20ern intellektuell zu verarbeiten. In anderen Ländern soll das kein Problem sein. Da gibt es gute Mischungen in den Bankomaten, nicht nur 10er und 100er. Super finde ich hingegen die Münzen, aber was ich auch mache, nie ist ein Euro von Nichtzuhause im Wechselgeld dabei. Ich hätte so gerne mal Dante im Börsl oder die Königin der Niederlande mit dem Fliegenschwarm um den Kopf! Auch eine nette irische Harfe fände ich schick. Wissen Sie gute Orte für Euros von von anders?

Mit lieben Grüssen,
Heidi Reichmann, Nestroygasse

Liebe Heidi,

ich habe keine Ahnung, wo Sie Ihre Lieblingseuros finden können. (Von den Ländern, in denen Sie ausgegeben wurden, mal abgesehen). Ich kann Ihnen aber berichten, wo und wie ich zu meinen beiden Euros von Nichtzuhause gekommen bin. Ich lese gerne das Wallpaper Magazine. Das ist eine internationale Einrichtungsbroschüre für hippe Leute. Am liebsten kaufe ich mir die am arabischen Kiosk an der U-Bahnstation Pilgramgasse. Dort habe ich mein erstes italienisches 5-Cent-Stück bekommen. Es zeigt das Kolosseum in Rom bei Nacht. Meine andere fremdländische Münze fand ich im Wechselgeld des kleinen Sushipavillons am Naschmarkt. (Ich habe gebratenen Lachs auf Vorspeisenart gegessen und dazu ein Glas Coca Cola getrunken.) Die seltene Knete ist eine deutsche 2-Euro-Münze, leicht abgefummelt, wie das im Ausgabeland heißt. Vorne drauf sieht man ein Wesen, das aussieht, wie Nachwuchs zwischen Batman und einem Regenschirm, das aber die Deutschen selbst für einen Adler halten.

Vor Sätze

Falter 01.02/2002 vom 09.01.2002.

Liebe Frau Andrea,

hach, jetzt habe ich vor lauter Geschenke kaufen, Geschenke einpacken Geschenke auspacken, Sylvester feiern, Kater kurieren und Geld umstellen ganz darauf vergessen mir gute Vorsätze für 2002 auszudenken? Hätten Sie ein paar gute Vorsätze für mich?

Mit ratsuchende Grüssen,
Sabine Hofbauer, Wien 5

Liebe Sabine,

nichts leichter als das! Hier werden Sie geholfen! Bevor wir gut gerüstet mit Vorsätzen ins neue Jahr marschieren, wollen wir uns doch vergegenwärtigen, daß ein guter Vorsatz nichts taugt, wenn er nicht aufgeschrieben wird. Greifen Sie sich also einen weichen Bleistift, spitzen ihn gut und notieren Sie auf einem leeren Blatt: “Gute Vorsätze für 2002” (Das ist die Überschrift.) Schreiben Siedann die nun folgende Liste von international bewährten Standardvorsätzen:

1) Ich will abnehmen.
2) Ich will zum Rauchen aufhören.
3) Ich will nie wieder einen Tropfen Alkohol anrühren.
4) Ich will nur mehr in Euro denken und meine Frisur gern haben.
5) Ich will bescheiden sein.
6) Ich will schlechtes Wetter toll finden.
7) Ich will Geld nur mehr für sinnvolle Dinge ausgeben.
8) Ich will mehr Schuhe.
9) Ich will einen neuen Freund.
10) Ich will mehr Liebe.
11) Ich will öfter Fortgehen.
12) Ich will interessante Leute kennenlernen.
13) Ich will nichts mehrversäumen.
14) Ich will jetzt mal was essen.
15) Einmal die Kürbiscremeseuppe, dann den Lachs im Blätterteig und dazu Mineralwasser, ach was, und trockenen Weisswein.
15) Kann ich eine Zigarette haben?
16) Danke.
17) Mojito wäre nett.
18) Genau.
19) Ich will eine neue Frisur.
20) Eine Packung Marlboro Ultra Light, bitte.
21) Und Zünder.
22) Und einen Absinth.
23) Sie sind Architekt? Wie interessant!

Bestes Ranking

Falter 51,52/2001 vom 19.12.2001.

Liebe Frau Andrea,

im ganzen Land wird jetzt Rückschau auf das vergangene Jahr gehalten. Rankings, Charts und Listen füllen die Weihnachtshefte. Ich lese das so gerne! Sie haben doch sicher auch aufregende Dinge erlebt!

Ein schönes neues Jahr wünscht Ihnen
Horst Kinbacher, Internet

Lieber Horst,

ich habe tatsächlich ein aufregendes Jahr hinter mir. Als Briefkastentante muss man ja nicht nur Briefe öffnen, sondern auch viel in der Welt herumgondeln und allerlei interessante Dinge in Erfahrung bringen. Hier nun meine kleine Wertung:

Beste Musik
Christian Fennesz
Film Score zu Blue Moon

Bestes Buch
Robert Eisenman
James the Brother of Jesus

Bester Film
Ulrich Seidl
Rohschnitt zu Dog Days

Bestes Theater
George Bush
“Make no mistake about it”

Bestes Restaurant
Big Bowl Fresh Asian Cooking Ecke Ohio and Rush
Chicago, Illinois

Bestes Gericht
Gegrillter Stör am Spieß
Poplavok am Dnjepr

Interessantestes Hotel
Hotel George
Lviv/Lemberg, Ukraine

Bestes Einzelerlebnis
In einer Gefängniszelle in Kiev,
gemeinsam mit Josef Hader und Detlev Buck

Zweitbestes Erlebnis
Taxifahrt zum Flughafen während eines nächtlichen Schneesturms in Lviv

Wien ist anders

Falter 50/2001 vom 12.12.2001.

Sehr geehrte Frau Andrea,

wie kommt es eigentlich, dass ich auf meinem kurzen Weg zur Arbeit (vom 15. in den ersten Bezirk) mehrere Klimazonen durchfahre? Heute gab es zuhause Eisregen, dann war die Straße trocken, am Ring war es vereist und am Michaelerplatz lag wieder eine Art Schnee. Ist Wien größer als ich dachte?

Mit freundlichen Grüssen,
Barbara Speck, Wien 15

Liebe Barbara,

Wien ist tatsächlich grösser, als viele von uns denken. In der Zeit, in der die Aussenbezirke mit Zinshausvierteln vollgeschachtelt wurden, ging die Stadtplanung noch davon aus, dass Wien neben London, Paris und New York die vierte Megacity von internationalem Format bleiben würde. (Shanghai, Mexico City und Kairo waren damals noch provinzielle Nester). Dass sich, liebe Barbara, während einer kurzen Reise durch Wien soviele verschiedene Wetter erleben lassen, liegt allerdings nicht an der metropolitanen Weite Wiens, sondern an einer meteorologischen Besonderheit. Wie wir alle wissen, liegt Wien an den letzten Zipfeln der Alpen, dort wo sie in die endlosen Weiten der Ebene eintauchen. Und genau am Übergang zwischen diesen beiden Geographien verläuft auch die Grenze zwischen zwei Klimazonen. Genaue Kenner wollen den Übergang zwischen alpinem und pannonischem Wetter mitten in der Stadt ausmachen. In der Lenaugasse im 8ten Bezirk, im Strassenzug zwischen dem Gasthaus Blauensteiner und dem Café Eiles stehen zwei Betonschüsseln. In der einen haben es sich Samen aus den Bergen gemütlich gemacht und dank des dort schon etwas herben Klimas einen kleinen Nadelwald spriessen lassen. Der Betonkübel auf gegenüberliegende, östlicheren Strassenseite hat Flugsamen von Laubbäumen aus den kontinentalen Steppen mikroklimatisch Heimat gegeeben. Das Gasthaus Blauensteiner steht nämlich schon in den Alpen, während das Café Eiles gegenüber in der ungarischen Tiefebene liegt.