Tenno y Lesbo

Falter 30/2002 vom 24.07.2002.

Liebe Frau Andrea,

letzten Sonntag nachmittag, ich war gerade unterwegs zum Grillen auf der Donauinsel, hielt ich vor dem Hotel Imperial an, neugierig gemacht durch ein paar Schaulustige und Reporter mit großen Fotoapparaten. Ich traute meinen Augen kaum: vor meiner Nase spazierten seine Durchlaucht der Tenno Akihito und ihre Durchlaucht Michiko zu ihrem Mercedes und winkten mir zu. Seither frage ich mich, was ist eine Durchlaucht? Was muss man über sich ergehen lassen, um durchlaucht zu sein?

Liebe Grüße, Nina, Internet

Liebe Nina,

die korrekte Standesbezeichnung für einen Tenno ist “Majestät”. Seine Familienangehörigen sind “kaiserliche Hoheiten”. Bei “Durchlauchten” handelt es sich um Fürsten, bei “Erlauchten” um gefürstete Grafen oder Markgrafen. Sowas wird man heutzutage nur noch in Monarchien. Und das immer seltener.

Liebe Frau Andrea,

allein ihr schöner Vorname ohne lästige Unterlängen im Wortbild gab mir Vertrauen, mit einer ungewöhnlichen Frage an sie heranzutreten: Mein Freund Reiner (35), mit dem ich über 6,5 Jahre glücklich zusammen bin, teilte mir unlängst mit, dass er sich in letzter Zeit lesbisch fühle. Was raten sie mir, wie soll ich mich verhalten, meine liebe Freundin, so darf ich sie wohl nennen, da sie nun über Pikantes aus meiner Umgebung informiert sind? Gibt es schon eine Selbsthilfegruppe nicht-anonymer männlicher Lesben oder ähnliches?

MslG, Isi, Sekretär des Johnny
Weißmüllerbundes, Internet

Lieber Isi,

am besten Sie reden mal mit Ihrem Freund darüber. Ein Gespräch hilft oft weiter! Männliches Lesbentum ist heute kein Tabu mehr. Immer mehr Männer bekennen sich dazu. Selbsthilfegruppen gibt es in jeder Bar.

Hütte am Dach

Falter 29/2002 vom 17.07.2002.

Liebe Frau Andrea,

als begeisteter Ringlinienbenützer komme ich des öfteren (mindestens einmal täglich) in den (durchaus zweifelhaften) Genuß, unser Parlament im Vorbeifahren bewundern zu dürfen. Und jedes mal wenn ich das tun darf, frage ich mich -je nach Fahrtrichtung- mindestens bis zur Oper respektive bis zum Schottentor, was es wohl mit diesem kleinen Häuschen auf der Spitze auf sich haben könnte – und was -verdammtnochmal- es dort zu suchen hat. Im Baustil des restlichen Gebäudes ist es ja nun wirklich nicht gehalten und das Hohe Haus ist es nach genauerem überlegen wohl eher auch nicht. Worum handelt es sich also bei diesem baustiltechnischen Fehlgriff ?

mit freundlichen Grüßen,
Christian (ein bis auf weiteres grübelnder Ringlinienpassagier)

Lieber Christian,

in dem kleinen Häuschen über den Dächern des Parlaments hat der sozialistische Querdenker Bruno Aigner sein Büro. Anderen Recherchen zufolge soll das Häuschen das liberale Forum beheimaten, das bei der letzten Nationalratswahl den Einzug ins Parlament verfehlte und dem man “ausserhalb” des Hohen Hauses” ein Büro eingerichtet hat. Spass beseite, das Häuschen am Dach der Republik ist eine Bauhütte. Es ist um eine der kupfernen Quadrigen gebaut, die an vier Ecken des Parlaments in luftiger Höhre von Rum und Ehre der Demokratie kämpfen. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, das das Eisengerüst, auf dem die Kupferplaatten der Riesenplastik befestigt sind, durch Regenwasser wegggerostet ist und aus statioschen Gründen dringend der Renovation bedurfte. Das Häuschen befand sich füher an der linken vorderen der Quadrigen, vor kurzem ist es an die rechte Viergespann übersiedelt.

Ευρώ

Falter 28/2002 vom 10.07.2002.

Sg. Frau Andrea,

für unseren Urlaub wollte meine Frau auf der Bank 2000 griechische Euro einwechseln. Es wurde ihr aber gesagt, das sei nicht nötig. Wozu ist dann die EU gut?

Herzlichen Dank
Peter Strauß, Internet

Lieber Peter Strauss,

welches Geld wollte Ihre Frau in welches andere Geld wechseln? Öseneuro in Griecheneuro? Oder wie war das? Wer gab Ihr die Auskunft und wie hiess die Bank?

Liebe Grüsse,
Andrea

Liebe Frau Andrea,

wissen Sie, meine Frau bringt immer um dreiviertel acht unsere Tochter in die Schule. Inzwischen mache ich die Küche sauber, setze Kaffee auf, und wenn sie dann zurück ist trinken wir gemeinsam eine Tasse. Da kam das Thema auf. Wir schauten uns gleich www.greekhotel.com/cyclades/
santorin/oia/ecoxenia/home.htm an, also kurz: Um das Gefühl Urlaub ganz zu haben, wollten wir gleich auch das Geld. Und da passierte dann das mit dem Umwechseln. Sie wollte griechische Euro für unseren Urlaub in Griechenland. (Für Kärnten hätten wir die nicht gebraucht!) Dafür hätte sie die gleiche Summe österreichischer Euro von unserem Konto gegeben. Man hat ihr gesagt, das sei nicht nötig! Haben die eine Ahnung, was eine vierköpfige Familie nötig hat! Die Bank kann ich Ihnen nicht sagen, denn dort habe ich einen Kredit laufen aber es ist genauso ärgerlich wie damals, als ich mein Minus abheben wollte. Das hat man mir auch nicht ausbezahlt.

Liebe Grüße,
Peter Strauß

Lieber Peter,

für die pekuniäre Einstimmung auf Ihren Urlaub empfehle ich, den Morgenflieger aus Athen abzupassen und dann die Kellnerin im Flughafencafé um griechisches Eurokleingeld anzuschnorren.

Kommunikatives

Falter 27/2002 vom 03.07.2002.

Sehr geehrte Frau Andrea,

wenn die symbolische Verteilung von Fleisch und Blut Christi „Kommunion“ heißt, dann müsste der Ausschluß aus der katholischen Kirche doch die „Exkommunion“ sein! In der letzten Zeit habe ich aber in zwei verschiedenen Tageszeitungen (Salzburger Nachrichten und Standard) statt dessen „Exkommunikation“ gelesen! Wütende Leserbriefe wurden nicht beantwortet, also wende ich mich wieder einmal voll Hoffnung an Ihren unerschöpflichen Wissensschatz! „Exkommunion“ oder „Exkommunikation“ ?

Ergebenst, Ihr
Michael Fiedler, Internet

Lieber Michael,

das von Ihnen beobachtete Phänomen ist eines der sprachlichen Ungenauigkeit. Beide Ausdrücke, “Kommunion” wie “Kommunikation” leiten sich von “communis” her, dem lateinischen Wort für “gemeinschaftlich”, “allgemein”. Im Kirchenlatein, das in etwa die sprachliche Lebendigkeit von Gesetzestexten besitzt, bedeutet “Kommunion”, wie Sie richtig bemerken, den Empfang des Altarsakraments. Das Gegenteil davon, der Ausschluss vom gemeinsamen Abendmahl, ist aber nicht die “Exkommunion” sondern die “Exkommunikation”. Der Empfang der Kommunion ist nämlich (im Lateinverständnis der katholischen Kirche) die “Kommunikation”. Der Kirchenbann, derAusschluss aus der Gemeinschaft der Gläubigen heisst deshalb “Exkommunikation”, abgeleitet vom kirchenlateinischen Verb “excommunicare”, “in den Bann tun”.

Ganz was anderes ist der Ausdruck “Kommunismus”, der ausgerechnet die Gesellschaftsform bezeichnet, die mit der katholischen Kirche ausser der Vorliebe für die Farbe Rot nut wirklich nichts gemein hat. Einen Ausschluss aus dem Kommunismus, einen “Exkommunismus” hat es meines Wissens nie gegeben. Das bestätigen selbst renitente Dissidenten.

Proletarisches

Falter 26/2002 vom 26.06.2002.

Sehr geehrte Frau Andrea,

was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Proletarier und einem Proleten?

Andrea Jüllig, Internet

Liebe Andrea,

zwischen den beiden Ausdrücken liegen je nach Betrachtungsstandpunkt durchaus Welten. Die Etymologen sehen im Proleten schlicht die Kurzform des Proletariers. Nach marxistischer Lehre ist ein Proletarier ein Angehöriger der wirtschaftlich unselbstständigen, besitzlosen Schicht. Die bourgeoise Etikette wiederum verwendet den Ausdruck „Prolet“ abwertend für Menschen, die sich – unabhängig von den bürgerlichen Werten „Herkunft und Stand“ – ungehobelter Umgangsformen bedienen, während sie den Begriff Proletarier neutral besetzt.

Ein Beispiel: Meine Cousine, sie ist kinderlos, hatte jüngst Streit mit ihrer jüngeren Schwester, die vor kurzem ein Baby bekommen hat. Wie Geschwister so mal sind, flogen aus nichtigem Anlass erst die Worte, dann die Vorwürfe und schließlich traf die eine Schwester der anderen tief ins Herz, sie bezeichnete sie als ekelhaftes unfruchtbares Monster. Meine Cousine gab ihrer Schwester daraufhin eine Ohrfeige. Um seine zukünftige Ehefrau zu beschützen, mischte sich der Vater des Kindes, ein Tiermedizinstudent, ein und schlug seiner zukünftigen Schwägerin mit der Faust ins Gesicht. Nach gängiger Etikette sind die beiden Schwestern Proletarierinnen, weil sie arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die beschriebenen Beleidigungen und Ohrfeigen hätten in dieser Form auch unter Royals stattfinden dürfen. Der rachsüchtige Student hingegen ist nach marxistischem Verständnis kein Proletarier, sehr wohl aber ein Prolet. Denn eine Frau schlägt auch der einfachste Abeiter nicht.

Hochrad

Falter 25/2002 vom 19.06.2002.

Eine Frage an die Frau Comandantina: Wie bremsen eigentlich Hochradfahrer?

Freundliche Grüße,
Eduard Hainzer, Internet

Lieber Eduard,

Hochradfahrer bremsen mit einer simplen, aber altbewährten Methode: Sie betätigen den Rücktritt. Fortschrittliche Hochräder sind außerdem mit hochmodernen Cantileverbremsen ausgerüstet, die am kleinen Hinterrad ansetzen und dort für zusätzliche negative Beschleunigung sorgen.

Liebe Frau Andrea,

warum machen sich just Kirchenangestellte, deren Hauptgeschäft erwiesenermaßen an Sonn- und Feiertagen blüht, gegen Erwerbstätigkeit zu diesen Zeiten stark? Ob es wohl damit zusammenhängt, dass ein Fixgehalt unabhängig von den geleisteten dienstlichen Aktivitäten vereinbart wurde und jede abgewachelte Arbeit mehr Netto bedeutet? Oder will man Sonntagsmessen und Feiertagsprozessionen auf normale Wochentage verschieben, in der Hoffnung, dass es den Pensionistendamen, die sie frequentieren, ohnehin egal ist? Es kann doch nicht angenommen werden, dass man den eigenen Berufsstand von den Betrachtungen genauso selbstverständlich stillschweigend ausnimmt wie Straßenbahner, Polizisten, Spitalspersonal etc.? Oder doch?

In freudiger Erwartung Ihrer Gedanken zum obigen Thema
verbleibe ich mit freundlichen Grüßen,
Fritz Koy, Internet

Lieber Fritz,

katholische Priester, die etwas auf sich halten, lesen auch an Werktagen Messen. Sonntags gönnen sie uns deswegen keine Arbeit, weil sie diesen Tag fälschlicherweise für den Schabbes aus den zehn Geboten halten, an dem alleine Gott gedient werden soll.

Etymologik

Falter 24/2002 vom 12.06.2002.

Liebe Frau Andrea,

ich wohne im 5., in der Hamburgerstraße gegenüber dem Rüdigerhof. Ein wirklich nettes Grätzel: Naschmarkt, Motto und U4 in der Nähe! Zu meiner äußersten Betrübnis kann das Grätzel keinerlei coolen Namen (wie Servitenviertel, Freihausviertel, Karmeliterviertel) vorweisen – und das ist jammerschade. Kennen Sie vielleicht den heimlichen Namen dieses so liebens- und lebenswerten Teils von Margareten?

Es grüßt und dankt
Rhea Hamburgerova, Wien 5

Liebe Rhea,

ich wohne selbst in dieser netten Gegend (in der Rüdigergasse) und teile die von Ihnen beschriebene Zuneigung zu diesem Teil des Fünften vorbehaltlos. Der heimliche Name des Quartiers ist natürlich „Rüdigerviertel“. Wahrzeichen und Namensgeber ist der für Wiens liebenswertestes Café berühmte Rüdigerhof, der hier, einer tapferen Jolle gleich, durchs windige Wiental pflügt. Kein Zweifel, Rhea, wir wohnen beide – ganz unheimlich – im „Rüdigerviertel“!

Liebe Frau Andrea,

in den letzten Wochen und Monaten haben Sie immer wieder Ihre Fähigkeiten als Löserin kniffliger Sprachprobleme unter Beweis gestellt, und so wage ich es jetzt, mit einer Frage an Sie heranzutreten, die mir schon lange unter den Fingernägeln brennt: Woher stammt der Ausdruck „putzmunter“? Bedeutet es, dass jemand so wach ist, dass bereits die Wohnung geputzt werden könnte, oder beschreibt es eher die Phase des Tages, in der man schon so lange munter ist, dass man auch schon das Zähneputzen hinter sich hat?

Mit verschlafenen Grüßen, David Wagner

Lieber David,

„putzmunter“ leitet sich vom Ausdruck „Butz(e)“ ab, es bedeutet so viel wie Kobold oder Schalk. „Butzig“ oder „butzmunter“ bedeutet nichts anderes als „quirlig“, „aufgeweckt“.

Futbolzinho

Falter 23/2002 vom 05.06.2002.

Liebe Frau Andrea,

als WM-Zuseherin achte ich nicht nur auf den Ball, sondern auch auf die scheinbaren Nebensächlichkeiten. Hierbei ist mir aufgefallen, dass die Namen der Spieler auf den Dressen anders sind als ihre geburtsurkundlichen. Auffallend ist diese Tatsache bei den beiden portugiesisch sprechenden Ländern Portugal und Brasilien. Warum wird Armando Goncalves Teixeira (POR) „Petit“ genannt, und wieso heißt „Vampeta“ (BRA) im außerfußballerischen Leben Marcos Andre Batista Dos Santos, um nur zwei von vielen zu nennen? Da diese beiden Mannschaften in meiner persönlichen WM-Prognose als Finalisten auftreten, wäre mir die Klärung dieser namentlichen Frage ein großes Anliegen. Können Sie mir diese kulturelle Eigenheit erklären?

Marlene, Wien 18

Liebe Marlene,

in Brasilien nennen einander die Menschen meist beim Vornamen. Auch öffentliche Personen, der Staatspräsident eingeschlossen, sind von dieser Etikette nicht ausgeschlossen. In noch viel stärkerem Ausmaß gilt das für Sportler. Die meisten brasilianischen Fußballer tragen Spitznamen oder Namen, die aus ihren Vornamen zusammengeschliffen wurden. Pelé, der mit bürgerlichem Namen Edson Arantes do Nascimento heißt, trägt den wohl bekanntesten dieser Künstlernamen. Brasilianische Spielernamen sind meist liebevolle Verkleinerungen, dann enden sie auf „inho“ oder „zinho“, wie beim legendären Jair Ventura Filho, genannt „Jairzinho“. Bei augmentativ gebrauchten Namen wird „ão“ oder „zão“ an den Vornamen angehängt. Wären Hans Krankl und Anton Polster Brasilianer, hießen sie vermutlich „Hanzinho“ oder „Tonão“. Ansätze zu brasilianischer Nomenklatur hat es übrigens auch in Österreich schon gegeben. Matthias Sindelar, der berühmteste österreichische Fußballer der Dreißigerjahre, hieß wegen seines zarten Spieles „der Papierene“.

Schwarz hören

Falter 22/2002 vom 29.05.2002.

Geschätzte Frau Andrea,

unlängst bekam ich gegen neun Uhr abends unangemeldeten Besuch von der GIS. Das allfällige Vorhandensein von Lärm-Indoktrinations-Geräten wurde überprüft. Die Nachschau ergab selbstverständlich nichts. Mein Gewissen lässt mir aber seither keine Ruhe, denn: Ich sehe zwar nicht fern, aber ich höre fern!!! Nun meine Fragen: Muss mein Nachbar, ein sog. hoher Politiker (er wohnt oberhalb von mir), die doppelte Gebühr entrichten, oder muss ich dafür bezahlen? Schließlich hören ja zwei Haushalte zu. Kann da auch eine zusätzliche Nachgebühr anfallen? Wie soll denn heuer dass 00-Defizit erreicht werden, bei dieser grassierenden Mentalität des Nicht-Bezahlen-Wollens? Ich hoffe, Sie halten mich nicht für blauäugig, weil ich auf Ihren Rat vertraue.

Jasminka Dyens, Landstraße

Liebe Jasminka,

wenn ich Ihr Problem richtig verstanden habe, wohnt über ihnen ein Politiker, der die Programme des österreichischen Rundfunks in so hoher Lautstärke zu sich nimmt, dass auch Sie, einen Stock unter ihm, fernhören, ob Sie wollen oder nicht. Nun lässt der hohe Lautstärkepegel Ihres Nachbarn durchaus auf Schwerhörigkeit schließen. Wir wollen mal davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um die seltene Form der jugendlichen, sondern die der häufigeren Altersschwerhörigkeit handelt. Wenn dem so wäre, läge es auch nahe, daran zu denken, dass Ihr Politiker längst die Segnungen der Pension konsumiert. Wenn er das Handwerk des Politikers verstanden hätte, müsste er Ehrenritter der Gebührenbefreiungslegion sein. Ich denke daher, Sie müssen sich keinerlei Sorgen machen, dass irgendwelche Nachgebühren eingehoben werden müssen. Gegenfrage: Wie heißt denn Ihr schwerhöriger Nachbar?

Helmi ist da!

Falter 21/02 vom 22.05.2002.

Liebe Frau Andrea!

Auf der Demo gegen Nazis, Studiengebühren, Regierung etc. bot sich mir die Gelegenheit, die busweise eingeführten grünen Männchen (und Weibchen) aus ungewohnter Perspektive zu bewundern: von hinten. Als sich der Demozug von der Uni den Ring entlang zu bewegen begann, rückte hinten auch eine lebende Polizeiabsperrung (mit Schild, Gummidegen und Rüstung angetan) nach. Ich hatte mich ein paar Schritte abseits postiert, sodass die Polizistenkette sich vor, nicht hinter mir formierte. Und als ich die frisch polierten Helme insgeheim längst mit Billardkugeln verglichen hatte, fiel mir auf, dass sie nummeriert waren. Und nicht nur das: Eine (gefährlich aussehende) Gruppe trug sogar unterstrichene Zahlen. Wozu dienen die Nummern? Eine einheitliche Durchnummerierung der Kette ist mir nicht aufgefallen. Auch wird die Identifizierung nicht erleichtert, da die Nummern oft doppelt vorkommen. Was also sagen uns (oder denen, dies wissen) diese Nummern? In der Hoffnung auf eine befriedigende Erklärung dieses Billardkugel-Phänomens, mit hoffnungsvoll-freundlichen Grüßen

Julia, Internet

Liebe Julia,

die von dir beobachteten Zahlen und Ziffern auf den Helmen der demobegleitenden Exekutive sind keine dienstlichen Codes, sie dienen auch, wie du schon erwähnt hast, nicht der Identifizierung einzelner (bei heruntergelassenem Visier anonymisierten) Beamter. Auch sind es keine Hut- oder Helmgrößen (was das mehrmalige Vorkommen gleicher Zahlen erklären könnte). Die Lösung des Billardkugel-Rätsels, liebe Julia, ist viel profaner: Bei den Nummern, die auf den Vollvisierhelmen der Exekutive zu beobachten sind, handelt es sich schlicht und einfach um die Seriennummern des Herstellers.

Ausgeschlossen

Falter 20/2002 vom 15.05.2002.

Liebe Frau Andrea,

ich möchte endlich einmal wissen, warum ich immer von allen Preisausschreiben ausgeschlossen bin!

Adalberta Rechtsweg, Internet

Liebe Adalberta,

gute Nachrichten! Sie dürfen getrost und bedenkenlos alle Preisausschreiben ausfüllen, die Ihnen über den Weg flattern. An deren Teilnahme ist nur der Rechtsweg ausgeschlossen. Die Rechtsweg wird praktisch nie erwähnt, und es ist mir auch keine einzige Teilnahmebedingung bekannt, die die Rechtsweg ausschließt. Einem baldigen Riesengewinn, liebe Adalberta, steht also, juristisch betrachtet, nichts mehr im Wege.

Liebe Frau Andrea!

Seit Tagen zermartern wir uns das Hirn, woher der seltsame Ausdruck „schwadronieren“, also „sinnlos herumschwafeln“ kommt. Eine Schwadron ist doch was Militärisches. Oder haben wir da in der Schule nicht aufgepasst?

Herta Hornis & Walter Schmidtchen, Mariahilf (alias Herta Hurnaus und Tex Rubinowitz)

Liebe Herta, lieber Walter,

Sie haben Recht, eine Schwadron ist eine kleine Einheit der Kavallerie, es kommt vom italienischen squadrone, „große squadra“. Es ist vom Verb squadrare, rechtwinkelig ausrichten, (s)quadratisch machen, abgeleitet. Das Schwadronieren kommt aus der Studentensprache des 18. Jahrhunderts und bedeutete anfangs das (sinnlose) Herumziehen in Gruppen, auch das wilde und planlose Fechten, später erst das prahlerische und aufschneiderische Fechten mit Worten. Schwafeln kommt übrigens aus dem Thüringisch-Obersächsisch-Vogtländischen und kommt von der lautmalerischen Bezeichnung Schwab, Schwav für „Mund“.

Tramway To Hell

Falter 19/2002 vom 08.05.2002.

Liebe Frau Andrea,

woher kommt – Ihrer geschätzten Meinung nach – die intimsphärenverletzende Dummfrage „Steigen Sie aus?“, wie man sie leider viel zu oft in Bussis und Straßenbahnen hört. Mir ist nämlich keineswegs klar, warum ich anderen, wildfremden Menschen Auskunft über meine Destinationen geben sollte. Mit dieser dämlichen Frage konfrontiert, habe ich schon einige unangenehme Erfahrungen gemacht. Ein z.B. Schweigen meinerseits wurde mit extrem „goscherten“ Bemerkungen quittiert. Weiters überlege ich, in Hinkunft als Antwort auf diese Frage das Statement „Nein, ich steige nicht aus, sondern bleibe hier stehen, um Sie am Verlassen des Zuges zu hindern“ abzugeben. Liebe Frau Andrea: Was soll ich tun? Wie soll ich mich verhalten? Und warum bringt mich diese Aussteigen-Frage jedes Mal im berühmt-berüchtigten Null-Komma-Nichts von null auf hundertachtzig? In der Hoffnung, dass Sie mir nachfühlen und vielleicht auch helfen können, ergebenst,

Ihr Gerhard Pichler

Lieber Gerhard,

die inkriminierte Unsitte kenne ich schon, seit ich ein Kind war. Damals trat sie stets gepaart mit der Schelte älterer Damen mit Seppelhut auf, Kindern, die es wagten, einen Sitzplatz zu benutzen, mit einem zornig gehauchten „Schämst dich nicht?“ zuzusetzen. Die Ungustlfrage „Tschulligen, stegen Si os?“ scheint so alt zu sein, wie das Straßenbahnfahren selbst, und ich versichere Sie in dieser Frage meiner allergrößten Solidarität. Die von Ihnen vorgeschlagenen Antworten und Reaktionen begrüße ich sehr. Auch ein kryptisches „Man wird sehen“ oder ein gefährlich mit den Zähnen geknirschtes „Sie müssen mir Zeit geben“ lohnen die Mühe. Idiotenantworten wie „Ich bin neu hier, wie geht das?“ und „Ich steige grundsätzlich nicht aus“ kann man auch immer gut gebrauchen.

O Tannenbaum

Falter 18/2002 vom 01.05.2002.

Werte Frau Andrea,

es bleibt einem doch nichts erspart! Kaum dem „Warum-ist-die-Erde-rund-Papa“-Alter entwachsen stellte mich mein Nachwuchs völlig unvorbereitet ins intellektuelle Abseits. Auf zwei Fragen – locker hingeworfen – wußte ich einfach keine Antwort, was in unserer kleinen Idylle Sprachlosigkeit und Bestürzung hervorrief. Das Drama war nur durch ein klägliches „Fragen wir doch Frau Andrea“ teilweise abzuwenden und so würde ich mich glücklich schätzen, wenn Sie mir zumindest eine derbeiden folgenden Fragen beantworten könnten. Frage 1 (von Raffaela, 15einhalb Jahre): Warum werden die Augen beim Weinen rot – auch wenn man sie nicht rubbelt? Frage 2 (von Konstantin, 8einhalb Jahre): Warum ist das Logo vom Spar Supermarkt ausgerechnet ein Weihnachtsbaum?

In dankbarer Erwartung Ihrer erschöpfenden Antworten verbleibe ich freundlichst Herwig Schöbitz

Der Name (De) „SPAR“ ist eigentlich ein holländisches Wort und bedeutet auf Deutsch: (Die) TANNE. Daher ist das Logo der Firma auch eine grüne Tanne im Kreis. Im Laufe der Jahre wurde das Logo immer weiter stilisiert. Die endgültige Form des heutigen Logos wurde vom berühmten Designer Raymond Loewy 1968 entworfen. Es besticht durch Klarheit im Ausdruck und seine zeitgemäße Form. Das Markenbild ist aus drei Basiselementen zusammengesetzt: ein rotes Band (mit dem Wortbild SPAR) gefolgt durch einen grünen Akzent (das SPAR- Emblem im grünen Kreis) auf weissem Untergrund Dieses Ganze formt das SPAR- Markenbild. Als Basisfarben wurden Rot, Grün und Weiss gewählt, da diese Farben den Eindruck von Sauberkeit und Frische geben; wichtige Elemente im Vorstellungsbild von SPAR, die im Markenbild ausgedrückt werden. Die Entwicklung des SPAR-Logos. Raymond Loewy: Hätte am 5.11.1993 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert. Er war stets mit der häßlichen Form des Alltags unzufrieden und startete einen Feldzug des guten Geschmacks. Er verlieh zahlreichen Produkten – vom Bleistift über den Kühlschrank bis hin zu Fährschiffen – ein eindrucksvolles Design. Neben dem gelungenen SPAR-Logo gibt es zahlreiche andere Loewy-Logos, die auch heute noch dem Zeitgeist entsprechen, wie zum Beispiel Shell, Canada Dry, BP und Exxon. Auch die gelungene Neugestaltung der Zigarettenmarke Lucky Strike stammt von ihm.

Film ist im Tee

Falter 17/2002 vom 24.04.2002.

Werte Frau Andrea,

immer, wenn ich mit härterem Wasser Schwarztee zubereite, bildet sich nach kurzer Zeit auf der Tee-Oberfläche ein quecksilbrig schillernder Film, der auf der Tassen- und Kanneninnenseite hässliche braune Flecken hinterlässt. Woraus besteht dieser Film? Diese Frage quält mich täglich beim Frühstück, und ich hoffe, Sie können diese Qual von meiner Seele nehmen.

Mit besten Grüßen
Norbert Mottas, St. Valentin

Lieber Norbert,

hartes Wasser, wie es bei Ihnen in St. Valentin aus der Leitung sprudelt, enthält gelöste Mineralsalze, vor allem die als “Kalk” bezeichneten Karbonate. Der von Ihnen beschriebene silbrige Film hat aber vorrangig nichts mit Teezubereitung zu tun. Weder mit richtiger noch mit falscher. Er ist auch auf der Oberfläche von frischem Leitungswasser zu beobachten, das in oftmals benützte Wasserkessel gefüllt wird. (Vor dem Hintergrund dunkelbraun gefärbten Tees lässt sich dieser Effekt allerdings ausgezeichnet beobachten. Grund für die von Ihnen beobachteten “Schlieren” sind ausgefällte Karbonate, die vom Wasser in (hauchdünner) schaumiger Suspension gehalten werden. Der gelöste Kalk lagert sich zudem in Kesseln und Kannen als braunes Sediment ab, das von Tee-Pigmenten zusätzlich verfärbt wird. Aus geschmacklichen Gründen sollte ich Ihnen davon abraten, Ihren Tee in einem Aluminiumkessel zubereiten. Es können sich beim Kochen des Wasser Aluminiumsalze bilden, die das Aroma des damit aufgegossenen Tees ins Abscheuliche verschieben. Ein kleiner zusätzlicher Teetip: Mit frischem, sauerstoffreichem Wasser lässt sich nach Auskunft kalkwasservertrauter Teekenner aromatisch anspruchsvollerer Tee zubereiten, als mit (mehrmals) abgekochtem.

Biertrinking

Falter 16/2002 vom 17.04.2002.

Allerliebste Frau Andrea!

Stimmt es tatsächlich, daß der Brauch, nach dem Anstoßen mit Biergläsern, jene auf die Tischplatte zu knallen, bevor man trinkt, aus Nazi-Deutschland stammt und so viel heißen soll, wie: „Ist da eh kein Jude untem Tisch?“ ?! Wenn ja, sollte das schleunigst publik gemacht werden, ich selbst halte es noch immer für ein Gerücht, obwohl es aus verläßlicher Quelle stammt!

Gruß
Michael Anders, Internet

Lieber Michael,

da haben Sie ja in ein Wespennest der Etiquette gestochen! Ich bewege mich zwar nur sporadisch in Biertrinkerkreisen, würde aber meinen, dass die Herkunft dieses polternden Brauchs mit Unschärfen im deutschnationalen Studententum fokussierbar ist. Ich schöpfe meine Vermutungen zwar nicht aus “verlässlicher Quellle”, könnte mir aber vorstellen, dass das pennälerhafte Ritual des Bierschnellaustrinkens hinter dieser Sitte steckt. Das Niederknallen des Bierkrügels signalisiert “Auf geht’s, Burschen!”. In Kreisen, in denen Worte wie “Ehre”, “Blut” und “Boden” von der Aura der Sinnstiftung beleuchtet werden, gehört es zu den vorrangigsten Männertugenden, einen Bierkrug in einer Geschwindigkeit zu leeren, die in keinem Verhältnis zum erzielten Lustgewinn steht. Mag sein, dass das Anschlagen antisemitischer Untertöne solchen Bräuchen ein zusätzliches “teutsches” Signum verleiht. Einer ähnlich burschikosen Quelle wie der Ihren entsprang beim Stolpern auf der Strasse der antisemitische Satz: “Hoppla, da is a Jud’ begraben.” Was die geographische Zuordnung des von Ihnen hinterfragten Brauchs angeht, dürfte mit “Nazi-Deutschland” vor allem das heutige Bayern und Österreich gemeint sein. Eine Stange Kölsch kann man gar nicht auf den Tisch knallen…

Bares

Falter 15/2002 vom 10.04.2002.

Geschätzte Frau Andrea,

warum heißen originell klingen wollende In-Lokale in Wien und anderswo immer wieder „Wunderbar“ oder „Sonderbar“ und nicht etwa „Brauchbar“, „Erreichbar“ oder „Genießbar“?

Beste Grüße
Andreas Weikersdorf,
Internet

Lieber Andreas,

schon seit Jahren beschäftigen sich Experten mit diesem Problem, das in linguistischen Kreisen in Deutschland als das “Affige-Kneipennamen-Problem” bekannt ist. Kristallisationskeim dieser und ähnlicher Forschungsbewegungen ist die Inflation von Lokalen, die sich nach der Berliner Off-Theaterbühne “Bar Jeder Vernunft” nennen. Aber auch Wien ist seit jeher ein guter Nährboden für Lokalnamen mit spasskultureller Färbung. Schon unsere Urgrosseltern mögen einen humoristischen Mehrwert darin erblickt haben, sich in einer Gaststätte namens “Gösser Bierklinik” aufzuhalten. Die von Ihnen eingemahnte “Brauchbar” wäre sicherlich ein Schritt in eine sachlichere Richtung. Lokale mit dem Namen “Ereichbar”müssten allerdings überdie ganze Stadt verteilt werden. Am Besten an jede Ecke eines! Als Proponentin des Individualismus ginge ich lieber in die “Genießbar”. Als Single würde ich mich auch hin und wieder in der “Ansprechbar” wohlfühlen, empfähle mir, als ehemaligem Opfer des Alkoholabusus sogar ab und an ein Gläschen Soda gespritzt in der “Verzichtbar”. Verschwiegen wie ich bin, hielte ich es auch in der “Unsichtbar” gut aus. Ich träfe dort nicht nur Spione und Geheimdienstler sondern auch Kolleginnen mit Faible für Seitensprünge. Exklusives Service, auch für Daheimgebliebene könnte man von der “Zustellbar”erwarten, während die “Denkbar” wohl eher philosophisches Publikum anzöge. Erdnäherem Publikum sollte man guten Gewissens eher zur “Bezahlbar” raten.

Schurnosprech

Falter 14/2002 vom 03.04.2002.

Werte Frau Andrea,

seit Jahren schon teilen uns alle möglichen Journalisten besonders gerne mit, dass sie sich gerade “vor Ort” befinden, obwohl meist zu erkennen ist, dass sie sich in dem Ort aufhalten, in dem’s geschah. Wie kam es zu dieser Inflation an Täuschung?

Mit Dank im Voraus für Ihre Aufklärung,
Walter Stach, Wien

Lieber Walter,

sie müssen sich das so vorstellen: Herr oder Frau internationaler Reporter hat sich mit einem unausgeschlafenen Kamerateam durch überfüllte Hotelllobbies, abgesperrte Strassen und marodierende Kollegenhorden gekämpft um ein sicheres Plätzchen in Sichtweite des “Ortes” zu ergattern, des Ortes des Geschehens. Kameras werden auf markante Hintergründe ausgerichtet, (expllodierende Chemiefabriken, schmelzende Gletscherzungen und entscheidungskreissende Präsidentenamtssitze) und hektisch wird eine “Leitung” gebastelt. Zeit ist in diesem Business nicht nur Bild sondern stets auch Geld und die Sprache des Geldes ist einfach. Reporter bedienen sich daher in der Kommunikation mit dem Sender eines Soziolekts, den wir “Knappsprech” nennen wollen. Warum 100 Silben stammeln, wenn sich die Botschaft auch in 3 darstellen lässt? “Bin vor Ort”. Knapper kann ein Reporter nicht sein, Knappsprech vermittelt Investigation, Knappsprech signalisiert akutes Vorortsein. “Bin vor Ort”, hustet der ZiB-Reporter,auch wenn erauf Sendung ist und tappt dabei in die Gegenwartsfalle: Der Ort des Geschehens, die gekenterte Binge, das rauchende Tunnelportal, d er geschredderte Güterzug liegt zwar in der Realität stets einen Mikrophonwurf hinter ihm, nicht aber die Projektion dieser Situation, das Fernsehbild. In Verkennung dieses Vorgangs wähnt sich der österreichische Reporter stets vor Ort, auch wenn er mitten drin ist.

Atemberaubend

Falter 13/2002 vom 27.03.2002.

Geschätzte Frau Andrea,

als in Wien lebende Tirolerin weckt Ihre e mail-Adresse stets aufs neue heimatliche Gefühle in meinem bergländischen Herzen – spricht man doch in Tirol von einem „Dusl“, wenn man durch einen grippeähnlichen Infekt außer Gefecht gesetzt wird („i hob an Dusl“ ;)). wissen Sie, woher dieses Wort stammt?
Besten Dank und gewissermaßen einen duslfreien Frühling,

die Fee, Internet

Liebe Fee,

gerne gebe ich Ihnen etymo-onomastikologische Auskünfte über den “Schwüü”, der eine Grippe begleitet. Mein Nachname “Dusl” kommt vom tschechischen “Dusil”. Dusil ist eine Verbalkonstruktion und verwandt mit “Duse”, das soviel wie “Atem” oder “Seele” bedeutet. “Dusil heisst in etwa “..nimmt Luft weg”und oszilliert zwischen den Konnotationen “erstickend” und “atemberaubend”. Kein unpassender Ausdruck für einen respiratorischen Infekt! Wie dieser slawische Ausdruck, von dem man doch annähme, er bezöge sich eher auf den Abusus von alkoholhältigen Flüssigkeiten, als auf Husten und Heiserkeit es bis nach Tirol schaffte, kann ich Ihnen nicht verraten. Tirolopsychisch fühle ich mich Ihnen in unbekannterweise sehr verbunden, denn ich stamme urgrossmütterlicherseits aus dem Ladinischen. Meine dortige Familie, die “Soracanins” lebt seit 800 Jahren auf dem Bergbauernhof “Rinna” ober San Cassiano im Val Badia. Hinter dem Hof bäumt sich der Sasso San Croce auf, hinter dem das Reich der Fanes beginnt. Auf den kalkigen Almen soll der Feenkönig Laurin im goldenen Zeitalter jene Mohnfelder bestellt haben, die wir heute als Rosengarten kennen. Opium, das Substrat der Mohnblume ist als atemdepressiv bekannt. Atemberaubendes, wohin wir blicken! Und der von mir verehrte Comandante Che soll überhaupt Asthma gehabt haben!

Gemeine Werte

Falter 12/2002 vom 20.03.2002.

Liebe Frau Andrea,

was bitte sind die Grundwerte der europäischen Wertegemeinschaft, was ist die Wertegemeinschaft und wer gehört dazu?

Freundliche Grüsse
Imre Talos, Berlin

Lieber Imre,

wo haben sie die Zitate her? Ich bin sonst ratlos.

Schöne Grüsse nach Berlin 🙂
Andrea

Liebe Andrea,

die ‚Grundwerte der europäischen Wertegemeinschaft‘ sollen ‚dem Fremden‘ offenbar im Zuge des geplanten Integrationspakets nähergebracht werden (Westenthaler, Strasser, Bartenstein in: Weissensteiner, Weissenberger: Nix sprechta, nix bleibta Falter 10/02, S8). Leider ist mir nicht so ganz klar, was also diese Grundwerte besagen, ob die nur westeuropäischer oder EU-Natur sind und wem die dann erklärt werden sollen. Dürfen beispielsweise integrationswillige Slowaken, Weißrussen oder Türken als Europäer diese Kurse schwänzen, weil sie eh wissen ‚was Sache‘ ist, oder müssen sie zusammen mit allen Phillipinern, Nigerianern, Indern und Peruanern Grundwertkunde im Sinne der Wertegemeinschaft strebern? Unklar ist deshalb auch, wer der Wertegemeinschaft angehört. Ist der EU-Beitritt die Eintrittskarte?

Schönes Wochende aus Berlin : ) Imre

Lieber Imre,

wir können uns die Westenthaler’sche Wertegemeinschaft als grossen Ferienclub vorstellen, in dem alles seine Richtigkeit hat. Serviert werden Pizza, Schnitzel und Fischstäbchen für die Kinder. Musik geht ans Herz und an die Hose und am Sonntag sind alle in die Kirche. Kunst hängt im Museum und die Feuerwehr ist freiwillig. Jedem Slowaken und sei er noch so weissrussisch werma das noch lernen! Wo samma denn!

Länderkunde

Falter 11/2002 vom 13.03.2002.

Sehr geehrte Frau Andrea,

bald wird die Regierung Schluss mit “lustig” machen und die Ruckizucki-Deutschkurse für ausländische Mitbürger in die Tat umsetzen. Jedesmal, wenn ich im Schulatlas meiner Tochter blättere, fällt mir auf, dass die deutsche Sprache sehr inkonsequent mit den Bezeichnungen für andere Länder umgeht. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs wundere ich mich täglich aufs neue, wie aus dem tschechischen “Čechy”, das nichts anderes als “die Tschechen” bedeutet, ein Unwort wie Tschechien wurde. Ist das sprachlich nicht unkorrekt? Es müsste doch Tschechen heissen, schliesslich heisst es ja Polen und Schweden und nicht Polien und Schwedien. Sicher wissen Sie auch wieso das skandinavische Königreich “Norge” im deutschen mit “Norwegen” einem Dativ bezeichnet wird ?

Mit lieben Grüssen, Ihre Emöke, 1040 Wien

Liebe Emöke,

Sie haben völlig recht, nichts in der deutschen Sprache ist verworrener, als die Bezeichnungen für Länder und Nationen. Ich glaube mich daran erinnern zu können, dass die Bezeichnung “Tschechien”von der Tschechischen Republik selbst gewählt wurde, um dem Gebrauch des von den Nazis benutzen Ausdrucks “Tschechei”vorzubeugen. Die Bezeichnungen der Länder aus deuschsprachiger Sicht, liebe Emöke fand in höchst unterschiedlichen geschichtlichen Epochen statt und folgt nicht immer der sprachlichen Logik. Der neueste Trend erschöpft sich darin, einer geographischen oder historischen Gemeinsamkeit, das Wörtchen “-land” anzuhängen. Das jüngste österreichische Bundesland das an Festungen nicht arme “Burgenland”, das “Saarland” im Westen Deutschlands und seltsame neue Territorien wie “Schengenland” und “Euroland”scheinen diesen Trend zu bestätigen. Und nennen wir die Republik nicht auch schon notorisch “Schnitzelland?”

Körper und Geist

Falter 10/2002 vom 06.03.2002.

Sehr geehrte Frau Andrea,

wie kommt es, dass man/frau bei heftigen Erkältungen zu keinerlei intensiver Gedankentätigkeit fähig ist? Existiert ein Verbindungsgang zwischen verstopfter Nase und Hirn? Absorbieren die einschlägigen automatisierten Assoziationsketten (Matratze-Schwitzen-Husten-doof) die bedeutendsten Großhirn-Areale? Gibt es ein wirksames Mittel dagegen? Bitte nur biologisch, ev. dynamisch.

Mit bestem Dank und einem herzlichen „Xundheit!“
Ihre Daniela, Internet

Liebe erkältete Daniela,

die von Ihnen beschriebenen Zivilisationskrankheiten werden vom menschlichen Körper gerne mit Fieber beantwortet. Hohes Fieber kann die Wahrnehmung in Richtung Wahn verschieben. Es würde mich nicht wundern, wenn schon leichtere Fieber von Ihnen als Zustand der Doofheit empfunden werden. Nach Aussage eines Arztes führen nicht Medikamente, sondern folgende einfache Maßnahmen zu baldiger Besserung: Machen Sie innen und außen Feuer unterm Dach! Trinken Sie heiß, baden Sie heiß und packen Sie sich heiß ein. Das künstliche Fieber soll Wunder helfen. Ich hab da leicht reden, ich bin nie krank. War das jetzt dynamisch genug?

Liebe Frau Andrea,

seit dem letzten Kälteeinbruch beschäftigt mich folgende Frage: Der weiße Dampf, der aus unseren Mündern und Nasen tritt, wenn es kalt ist, entsteht ja durch den Temperaturunterschied von ausgeatmeter warmer Luft und umgebender kalter Luft. Wie verhält sich das mit dem gemeinen „Schas“? Wird auch hier sichtbarer Dampf frei? Ist dieses Phänomen schon einmal beschrieben worden?

Mit freundlichen Grüßen
Sieg Plafond, 1090 Wien

Lieber Sieg,

meines Wissens bestehen Winde aus methanhältigen Gasen, die eher brennen als dampfen.

Lange Lüsse

Falter 09/2002 vom 27.02.2002.

Geehrte Frau Andrea!

Eigentlich hätten Sie ja schon meine erste Wahl sein sollen, aber ich wende mich an Sie, als meine letzte Hoffnung. Ich wohne nicht weit von der Strassenbahn-Station der Linie 38 und gleichnamigen Gasse „An den langen Lüssen“. Nun konnte mir noch nichts und niemand Auskunft darüber geben, wobei es sich um Lüssen handelt und wie der Singular von ebendiesen zu nennen wäre. Ich bitte um Aufklärung, da ich mir nahezu täglich beim Aussteigen aus der Bim den Kopf darüber zerbreche.

Mit herzlichem Dank im Voraus,
Thomas Schuheker, 1190 Wien

Lieber Thomas,

gerne saniere ich Ihren täglich zerbrochenen Kopf. Die rätselhafte Gasse im 19. Bezirk, zwischen Grinzinger Allee und dem Friedhof des Weinortes aufgespannt, birgt einen alten Flurnamen. Eine “Luß”, oder mehrere “Lüsse” bezeichnen Grundstücke, die ein Grundherr dem Lehenbauern durch Losentscheid zuteilen ließ, um den Anschein der Bevorzugung zu vermeiden. Beispiele solcher Ackernamen sind Kirchenlüsse (Fluren, deren Zehent der Pfarre abgeliefert werden musste), an Hängen liegende Berglüsse oder zur Rodung erworbene Reitlüsse. Die, Ihr Kopfzerbrechen verursachenden “Langen Lüsse” sind oder waren eine Reihe langer Felder oder Weingärten. Lange Lüsse mit ganz anderem Inhalt gibt es an der Grenze zur Slowakei. Im Überschwemmungsgebiet der March, nahe dem Bahnhof Marchegg gibt es Lange Lüsse, die von Zoologen ganz aufmerksam untersucht werden. Sie beherbergen die seltenen conchostraken Urzeitkrebse. Die etwa 1cm langen Muschelschaler treten seit dem Silur in unveränderter Gestalt auf und gelten als lebende Fossilien. Wenn sie nicht faul im Schlamm liegen, schwimmen sie mit dem Rücken nach oben durch die feuchten Lüsse, wobei ihnen das Rudern mitden Antennen einen nicht unösterreichischen Schwimmstil verleiht.

Euro, Meter, Kilogramm

Falter 08/2002 vom 20.02.2002.

Liebe Frau Andrea!

Da ich glaube, dass meine Fragen auch ein weiteres Publikum interessieren dürften, habe ich den Mut gefunden, diese an Sie zu richten! Wie stark sich alles ums Geld dreht, und wie sehr andere Fragen in den Hintergrund treten zeigt folgende Tatsache! Im Rahmen der Euro-Umstellung erfuhren wir zwar, dass man auch spanische und/oder deutsche Euroscheine und -münzen akzeptieren muss oder dass man nicht „Euro-Schilling“ sagt. Aber niemand kann mir sagen, wie viele EURO ein Meter oder ein Kilogramm sind? Eine Zusatzfrage: In ORF Wien Lokal hieß es kürzlich: „Der Sprecher wurde eingekleidet von Tlapa und Bäumler“. Wissen Sie vielleicht: Sind nun Hemd und/oder Krawatte und/oder Rock und/oder Hose und /oder Unterwäsche von Tlapa und/oder Bäumler?

Mit Dank für Ihre Antwort,
Ihr Siegfried Pflegerl, Utanet

Lieber Siegfried,

die Umstellung vom provinziellen Schilling auf den weltmännischen Euro habe ich mit grosser und dankbarer Lust auf mich genommen. Die hässliche neue Währung ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich geradezu frenetisch mit der neuen Penunze bezahle. Mit grosserSehnsucht kontrolliere ich das Wechselgeld auf der Suche nach Euros von Nichtzuhause. Sogar eine eigenes Internetforum moderiere ich inwischen zu diesem Thema! Diese hilfreiche Seite finden Sie unter “Das macht 1,23678900” auf www.alles-bonanza.net/forum/

Die Umrechnung unserer neuen Währung in metrische Masse ist ganz einfach: Ein Euro, lieber Siegfried, ist genau ein Meter und ebenso genau auch ein Kilogramm. Bei Gold, Seide und Van Goghs rechnen Sie etwas mehr, bei Heu, Feinripp und Arik Brauer etwas weniger. Fernsehsprecher tragen immer Unterwäsche vonprivat. Alles andere ist stets von “und” bzw. “oder”.

Baba Abusus

Falter 07/2002 vom 13.02.2002.

Liebe Frau Andrea,

auf meinem Gute-Vorsätze-Zettel für dieses Jahr steht nur ein Satz: Ich will mit dem Rauchen aufhören. Nun ist es schon Mitte Februar und nichts hat sich geändert. Ich rauche noch immer wie die Blöde. Kaum wird es gemütlich, zünde ich mir eine Kippe an. Liebe Frau Andrea, sie wissen doch sicher, wie ich mich erfolgreich vom Nikotin fernhalten kann.

Mit nicht unverzweifelten Grüssen,
Veronika Galley, 1060 Wien, Joanelligasse

Liebe Veronika,

sie haben Glück, ich weiß sehr gut, wie man mit dem Rauchen aufhören kann. Ich habe mich nämlich vor einigen Jahren von Hundert auf Nulll runtergebremst. Von hundert Zigaretten pro Tag auf Null. Hundert Zigaretten. Das sind 5 Päckchen. 5 Päckchen Camel. Nicht einmal der frühere Finanzminister Ferdinand Lacina, ein Weltmeister im Pofeln, hat je mehr geraucht als ich. Ich rauchte im Stehen, im Gehen, ja sogar unter der Dusche rauchte ich. Eines Tages gefiel es mir, die eben angezündete Zigarette auszudämpfen, das eben angerissene Päckchen in den Müll zu werfen, das Feuerzeug hintennach. Ich beschloss in dieser Sekunde, nie mehr zu rauchen. Nie wieder. Nie, nie, nie. Nach 7 Minuten meldete mein Körper die Lust auf eine Zigarette und dieses unerträglich unstillbare Verlangen begleitete mich die nächsten 7 Tage. Dann wardas Gift aus meinem Körper verschwunden. Nach 7 Wochen meldete ein Satan in mir das anekdotische Begehren, eine Zigarette alleinig zum Beweis zu rauchen, ich hätte die Sucht endgültig überwunden und könne jederzeit. Nach 7 Monaten erloschen auch solche, sporadisch auftretenden Hinterhältigkeiten meiner, den Abusus nunmehr romantisch verklärenden Suchtperönlichkeit. Heute, nach fast 7 Jahren, habe ich jegliches Gedächntnis an den Vorgang des Rauchens verloren. Gutes Gelingen!

Ihre Andrea.