Nochmal in Erinnerung gerufen. Das sehr vernünftige, demokratiekonstituierende Prinzip der Gewaltenteilung. Welche sind die Gewalten? Nachhilfe ist österreichweit angebracht. Die drei Gewalten sind: Legislative, Judikative und Exekutive. Und Gefahr lauert, wenn eine in die andere wechselt, oder zwei sich verbünden. Wenn also eine unabhängige Höchstrichterin Urteile spricht, zu denen es kein Gericht gibt. Wenn Akten vernichtet werden, um sie der Einsicht und Kontrolle durch andere Gewalt zu entziehen. Richter in der Exekutive sind fehl am Platz. Wächst die Frage, welche Gewalt der Bundepräsident repräsentiert: Die Exkekutive, die Legislative, die Judikative? Eine vierte Gewalt? Eine vierte Gewalt gibt es nicht. Und auf die allfällige Antwort dazu: Nein, die Presse darf keine Gewalt sein. Sie ist in der freien Meinungsäusserung begründet. Und im Recht auf die freie Rede. Von diesen Teilungen der Gewalt hat Frau Dr. Griss nicht den Anflug einer Ahnung. Zumindest deutet nichts in ihren Taten oder Aussagen darauf hin.
Kategorie: Klassenkampf
Die Grenzen von Meinungsfreiheit und Kunst ::: Podiumsdiskussion
Martin Sexl im Gespräch mit
Andrea Maria Dusl und Roman Siebenrock
Montagsfrühstück. Forum für strategische Langsamkeit.
Eine Kooperation zwischen Literaturhaus am Inn
und der Abteilung für Vergleichende Literaturwissenschaft
der Universität Innsbruck
Montag, 2. November 2015
9-11 Uhr
Josef-Hirn-Straße 5, 10. Stock
A-6020 Innsbruck
Fax 0512/507- 45199
Tel. 0512/507-45014
Literaturhaus@uibk.ac.at
Der Anschlag islamistischer Terroristen auf das Pariser Satiremagazin Charly Hebdo im Jänner 2015 ließ die Diskussion über die Grenzen von Meinungs- und Pressefreiheit und von Kunst neuerlich aufflammen. Mittlerweile hat sich der Arbeitsalltag des neu gegründeten Redaktionsteams, das immer wieder mit Karikaturen des Propheten Mohamed und zu Muslim_innen Aufsehen erregt(e), komplett gewandelt: Das Team arbeitet hinter bewachten Türen, ein kugelsicherer Schutzraum steht für den Ernstfall zur Verfügung. Geblieben sind jedoch die gleichen Fragen: Warum existieren für eine satirische Auseinandersetzung mit religiösen Themen (nach wie vor) Tabu-Zonen? In welcher Gesellschaft leben wir, wenn sich Künstler_innen, die sich mit diesen Themen beschäftigen, vor potentiellen Anschlägen schützen müssen? Woran liegt es, dass viele Gläubige in manchen (künstlerischen) Darstellungen eine „Verunglimpfung“ ihrer Religion sehen? Haben wir es bei Karikaturen von religiösen Themen und Figuren mit unangemessenen Darstellungen und Grenzverletzungen zu tun, die mit dem Argument der Meinungsfreiheit verkauft werden?
Univ.-Prof. Dr. Roman Siebenrock, geboren 1957, ist Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.
Univ.-Prof. Dr. Martin Sexl ist Leiter des Bereichs Vergleichende Literaturwissenschaft und Leiter des Instituts für Sprachen und Literaturen der Universität Innsbruck.
Univ. Lektorin Mag. Dr. Andrea Maria Dusl lehrt an der Uiversität für Angewandte Kunst Wien.
Wienwahl
So schaut’s aus. Wienwahl 2015
Neue Aversionsfront in Candyland
Neueste Aversionsfront. Manche hier in Candyland finden es empörend, dass Flüchtlinge Mineralwasser mit Kohlensäure ablehnen. Sollen gefälligst trinken, was wir ihnen anbieten. Beschämende Einblicke in den Empathiehaushalt der Senfgebenden. Ähnlich gelagert die Aufpudlerei jener, die sich jegliche Assoziationen der staatlichen ungarischen Umgangsformen mit den „dunkelsten Zeiten des Kontinents“ verbieten. Selbst wenn diese von Auschwitzüberlebenden und Oberrabinern vorgebracht werden. Hauptsache der Taxifahrer kriegt eins übergebraten. Merke: Was Antisemitismus ist, bestimmt der Antisemit.
Westbahnhof und Würde
Falls es jemand geben sollte, der/die denkt, es sei zu schwer, zu anstrengend, auf den Westbahnhof zu hirschen um dort kartonweise Lebensmittel und Hygineartikel anzuliefern. Das machen ohnedies die, denen das nicht zu schwer ist. Es genügt, dort mit der Leichtgkeit des Seins herumzugehen und Menschen einfach nur anzulächeln. Ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. Das scheint das Schwierigste zu sein. Aber das macht Menschsein aus. Und wer das nicht aufbringt, verspielt seine eigene Würde. Die Menschen, die ich am Westbahnhof gesehen habe, haben allesamt mehr Würde in ihrer Abgekämpftheit gehabt und Eleganz in ihrer Müdigkeit, als die nobelsten und bestgekleideten Charity-Event-Snobs. Wer in diesen Menschen eine Bedrohung sieht, ist ein schäbiger Schuft. Ein Menschenfeind. Wer gegen diese Menschen Stracheldraht aufziehen will, ist nur eines: Ein Verbrecher.
An die Österreicher!
An die Österreicher unter Euch. Ich komme aus einer Familie mit Migrationshintergrund. Verfolgung, Flucht, Angst, Leid ist mir nicht fremd. Als ich in die Schule ging, wurde meinen Eltern geraten, meine Muttersprache zu verleugnen, es ginge mir dann besser so. Ich hörte also die Sprache meiner Mutter stets mit der Scham der Heimlichkeit. Das war nicht schön. Das war nicht lustig. Meine Wurzeln verheimlicht zu wissen. Sie verheimlichen zu müssen, weil eine andere Herkunft als die österreichische mir „geschadet“ hätte, wie die wohlmeinenden Stimmen meinten. Ich bitte also, anderen hier, Neuankommenden, nicht auch noch ihre Muttersprache zu rauben. Wie man sich hier unterhält, ist ja nicht so schwierig zu erlernen. Sag ich mal. Denn ich weiß das, Österreicher. Ich verdiene mittlerweile mein Geld damit, Euch Österreichern zu erzählen, wer Ihr seid und wie Eure Sprache geht.
Liebe Ungarn!
Liebe Ungarn, ich hoffe, Ihr habt es immer schön kuschelig in Eurem schönen Ungarn. Ab jetzt. Zuvor wart Ihr ja die Bussibären Europas. Geknechtet vom Kommunismus, davor gebeutelt von den bösen Osmanen und den noch böseren Habsburgern. Lauter furchtbare Okkupatoren und Verhinderer des guten Ungarntums. Horthy? Vergessen. Also wie gesagt, hoffentlich bleibt es immer schön locker bei Euch und pitschipatschi. Denn ab sofort seid ihr nicht mehr die Bussibären Europas, sondern die Orbánbären. Und Gulasch können wir übrigens auch kochen. Und die Ungarn, die bei uns sind, das sind die leiwanden Magyaren. Die stehen jetzt am Westbahnhof und helfen den Syren, die ihr auf Fitnessmärsche geschickt habt. Kann man das wieder gut machen? Aber sicher doch. Orbán und die Faschisten einfach abwählen. Projektname: Ungarn 2.0, Salamirevolution. Ende der Durchsage.
Postskriptum für Satireferne: Die ungarischen Zivilgesellschaftler, die sich gegen Rassismus stemmen und Flüchtlinge versorgen und lieb haben, aber schlecht gehört werden, weil die Porpagandamaschinerie über sie drüberfährt, sind gute Ungarn. Will sagen: Gute Menschen.
Alte Reflexe
Ich habe nachgedacht, warum so viele Menschen in Österreich Aversionen und Ressentiments gegen Asylsuchende aus Syrien hegen. Und warum die politische Agitation der FPÖ (und die Untätigkeit der Regierungsparteien) auf relativ breite Zustimmung in der Bevölkerung treffen. In der familiären Erinnerung der meisten Österreicher ist Krieg gleichbedeutend mit Generalmobilmachung. Kein Mann im „waffenfähigen“ Alter entkam der Nazi-Kriegsmaschinerie – egal ob freiwillig oder unfreiwillig.
In der Erinnerung der Österreicher ist der kriegsflüchtige junge Mann aber niemals ein „guter Mann“. Entweder ist er Desserteur, Feind, oder politisch/rassistisch Verfolgter. In der damaligen Ideologie (sie hallt nach) waren das Verbrecher. Waren das „hiesige“, waren es Fahnenflüchtige, Kameradenschweine, „Judenpack“, „Zigeunergesindel“. Den „guten“ Flüchtling sah man erst im Rückkehrer aus der Kriegsgefangenschaft, und in den Vertriebenen aus den Sudentengebieten (zumeist Frauen, Kinder und Alte, wenig jungen Männer allerdings). Weil der Großteil der syrischen und afghanische, tschetschenische und pakistanische Flüchtlinge von jungen Männern gestellt wird, werden diese alten Reflexe der hasserfüllten Ablehnung mobilisiert. Ungarn- noch Tschechoslowakeiflüchtlinge waren in der Wahrnehmung der Österreicher keine Kriegsflüchtlinge und damit relativ willkommen.
Strache (sein Großvater war Sudetenflüchtling) gehört nicht zufällig einer willkommenen Grupppe an. Er nimmt sich genealogisch als Vertriebener wahr. Als Guter also. Zusammengefasst: Es ist der junge männliche Zivilist, den die rechten Österreicher als „böse“ wahrnehmen.
Warum ich nicht zum Kanzlerfest gehe
Lieber Werner Faymann,
vielen Dank für die Einladung zum Kanzlerfest aka Sommerfest der SPÖ. Sehr nett, daß Deine Leute mich da auf eine Liste mit anderen Wichtigtuern gesetzt haben. Zur Sache. Ich will nicht kommen. Ich könnte. Aber ich will nicht. Ich kann nicht über Parkwege stolzieren und Hors-d’oeuvre von Silbertabletts naschen, und Smalltalk über Kunst und Kultur führen, wenn in Traiskirchen Menschen auf der Erde schlafen müssen, ihre Kinder auf eben dieser Erde zur Welt bringen müssen, wenn sie sich um Essen und Trinken so lange anstellen müssen, wie das verdammte Kanzlerfest dauern wird. Wenn Ärzten der Zugang zu Patienten verwehrt wird. Kann sein, dass ich jetzt nie wieder zu irgendeinem Kanzlerfest eingeladen werde (zum Kanzlerfest von Strache würde ich gewiss nicht eingeladen werden). Wenn das der Preis dafür ist, dass nie wieder Menschen am Boden schlafen müssen in Österreich, wäre das ein schöner Preis. (Mein Niewiedereingeladenwerden. Nicht die Kanzlerschaft des Kickltoys.) Also, habt es nicht schön dort, liebe Freunde. Und hoffentlich seid Ihr nicht viele. Heute.
Mit freundschaftlichen Grüßen, Deine Andrea Maria Dusl, Sozialdemokratin, Leopoldstadt.
An die Bauernpartei!
Wie war das gerade eben noch, Bauernpartei? Arbeitslosengeld (eine Versicherungsleistung) soll gekürzt werden? Überall soll der Staat sich raushalten. Und nun, da ihr selbst ein bisserl ein Pech habt, Bauern, weil die Ernte verdorrrt, soll der der Staat einspringen. Aha, plötzlich soll der Staat da sein. Für die Banken soll er immer da sein und für die Felder und ihre Besitzer. Für die Menschen in Not darf er nicht da sein. Nicht für die Österreicher in Not, nicht für die Flüchtlinge in Not. Was seid Ihr doch für ein hoffärtiges Pack. Geht in Euch.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Onkel Heinz
Soeben abgeschickt an: heinz.fischer@hofburg.at:
„Sehr geehrter Herr Bundespräsident, lieber Onkel Heinz, angesichts der Umstände, unter denen Menschen im Flüchtlingslager Traiskirchen wie Tiere behandelt werden (und manchmal schlimmer), ersuche ich Dich, die zuständige und verantwortliche Ministerin Mag. Johanna Mikl-Leitner wegen Verstößen gegen die Menschenrechte zu entlassen. Jede weitere Minute, in dem diese Zustände prolongiert werden, gefährden Menschenleben. Die Würde des Menschen wird hier tausendfach verletzt. Dies ist untragbar. Als Sozialdemokratin, Freimaurerin und Mitglied des Unterstützungskomitees zu Deiner Wahl und Wiederwahl bitte ich Dich um die notwendigen Schritte und Maßnahmen. Mit freundschaftlichen und familiären Grüßen, bin ich Deine Andrea Maria Dusl“
Traiskirchen
Würden in dem Lager Hunde auf diese Weise gehalten, müssten kleine süße Welpen in brütender Hitze wie im kalten Regen im Freien schlafen, ein Aufschrei ginge durch Österreich. „Tierquälerei!“ würden sie schreien, die Hundefreunde und Vierpfotenretter, „Bestien!“, „Unmenschen!“. In Traiskirchen sind aber keine geängstigten Hunde zusammengepfercht und keine süssen Welpen, sondern Menschen. Frauen, Männer, Kinder, Babys. Manche alleine, ohne Eltern. Schande, Österreich. Was für ein böses, dummes, hinterfotziges Land bist du geworden.
Schuld und Schulden
Zeit für semiotische Bereinigung. Man möge Schuld und Schulden von einander trennen. Schulden sind keine Schuld. Die Deutschen und ihre Unterläufel, die Ösen, können mit diesem Gleichtlautbefund nur das falsche anfangen. Ich fordere das Ersetzen des Wortes „Schulden“ durch „Debten“ (via eng. debt) oder „Detten“ (via franz. dette). Griechenland hat große Debten, aber keine Schuld. „Die Schuld: héritage de la pensée allemande. En Allemand le mot dette, die Schuld, signifie aussi culpabilité, faute. Les penseurs allemands jouent de cette polysémie… de Nietzsche dénonçant le sentiment de culpabilité développé par le christianisme chez l’homme occidental; à Heidegger développant l’idée d’être, Dasein, consubstantiellement coupable de ses dettes; en passant par l’analyse de l’homme aux rats par Sigmund Freud.“
Kollege
Gewissermassen ist Yanis Varoufakis jetzt mein Kollege. Yolo.
Europa und Familie
Solange ich mich erinnern kann, war in meiner Familie alles grösser als Österreich. Europäisch. Meine Onkels und Tanten lebten in Jugoslawien und Schweden, meine Cousins leben in Paris und Stockholm, meine Cousinen in Lissabon. Vielleicht fällt es mir deswegen leichter, Griechenland als Europa zu begreifen und nicht als fernes Trottelland, das mich nur ausrauben und anschmieren will. Und vielleicht ist das deutsche Problem – und es ist ein deutsches Problem, an dem Europa momentan laboriert – ganz simpel. Die Deutschen gehen in andere Länder nur als Exportkontrolleure und als Urlauber, die die Poolliegen mit Handtüchern markieren. Vielleicht sollten Deutsche Cousins und Cousinen haben und Onkel und Tanten, die in Europa leben. Als Otto und Susi Normaleuropäer. Und ja, ich weiß, es arbeiten Ostdeutsche (sagt man nicht!) an der Billakasse und im Wintersporthotel. Und Westdeutsche studieren an Österreichs Universitäten. Aber das ist zuwenig.
Kein Wort verstanden
Varoufakis über die Verhandlungen in der Eurogruppe: “I try and talk economics in the Eurogroup – which nobody does. – It’s not that it didn’t go down well – there was point blank refusal to engage in economic arguments. Point blank. You put forward an argument that you’ve really worked on, to make sure it’s logically coherent, and you’re just faced with blank stares. It is as if you haven’t spoken. What you say is independent of what they say. You might as well have sung the Swedish national anthem – you’d have got the same reply.” Sein Befund deckt sich mit den Reportage der Eurogruppenminister, die sinngemäss berichteten, Varoufakis habe sie mit seinem professoralen Gehabe und elendslangen akademischen Vorträgen genervt. Genervt. Klar. Sie haben kein Wort verstanden.
„Misstrauen“
Die Griechenlandgegner sprechen neuerdings von „Misstrauen“. Wie meinen sie das? Wie wurde hier Vertrauen gebrochen? Es gab nie ein Vertrauen. Es gab ja nie ein Abkommen, ein Verhandlungsabschluss mit der Regierung Tsipras. Was wurde da enttäuscht? Und was ist das überhaupt für eine Kategorie ökonomischen Handelns? Vertrauensbeweise? Das ist ja wie bei der Mafia. Da sprechen sie auch so.
Schluss mit lustig
Für meine Gast-Kolumne ‚Lebensart‘ in den Salzburger Nachrichten vom 8. Oktober 2011.
Angefangen hat es in Nordafrika. Im Frühling. Das Volk hat die Vertrauensfrage gestellt. Nicht im stillen Kämmerlein, hinter vorgehaltener Hand, sondern öffentlich. Die Menschen sind auf die Straße gegangen. Nicht einzeln oder in kleinen Gruppen, sondern in Massen. Frauen, Männer, Kinder. Arbeiter wie Akademiker, Bauern wie Beamte. Haben nicht länger gefragt, wie lang sie sich das noch gefallen lassen, sondern haben das Fragen eingestellt und sind zum Sagen übergegangen. Sie haben gesagt: Jetzt ist Schluss mit lustig, wir haben die Nase voll.
Potentaten und Präsidenten, Patriarchen und Politiker, ihr seid Pülcher! Es reicht. Es reicht schon lang. Ihr müsst jetzt gehen. Die Milliarden, die ihr uns geraubt habt, bleiben da. Der arabische Frühling wurde ausgerufen, der Westen erging sich in Freiheitsgeschrei, verglich die Aufstände mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, freute sich über Neuzugänge im Paradies des Marktes und in den heiligen Hallen des ewigen Glücks. Aber das Glück währte nicht lang. Aus dem arabischen Frühling wurden die Blutsommer in Libyen und Syrien.
Mit abgeklärtem Gestus – „Ja dürfen’s denn des?“ – wurde den Völkern an der südlichen Peripherie Europas das Recht zugestanden, Selbstverständlichkeiten wie Demokratie und Menschenrechte in den eigenen Wünschekanon aufzunehmen, in Libyen half der Westen mit Bomben ein bisserl mit, schon in Syrien fürchtete er den Flächenbrand. Die arabischen Diktaturen stehen geopolitisch nicht zur Disposition, der Frühling dort muss warten. Zu eng sind die Verflechtungen der regierenden Dynastien mit den Kapitalhäfen des Westens. Das Gespenst der Freiheit aber gibt keine Ruhe. Jetzt sind ganz woanders die Menschen aus dem stillen Kämmerlein getreten, noch nicht in Massen, aber in kleineren, rapid größer werdenden Gruppen. Frauen, Männer, Kinder. Arbeiter wie Akademiker, Freischaffende wie Beamte. Erst kampierten sie an der Wall Street. Von der Presse ignoriert, von den Sicherheitskräften belächelt. Aber es wurden mehr. Stündlich wurden es mehr. Und irgendwann waren es so viele, dass man sie polizeilich behandeln musste, mit Schlagstöcken und Pfefferspray.
„Occupy“ ist die Losung. Und längst ist es nicht mehr nur die Wall Street. Die Unzufriedenen demonstrieren in jeder großen amerikanischen Stadt, okkupieren Chicago, Boston, Los Angeles, Seattle, Dallas, Philadelphia, San Francisco. Ihnen sind die Blogs und Foren, die Twitter-Timelines und Facebook-Pinnwände längst zu klein geworden sind. Sie sind jetzt auf die Straße gegangen.
Wir sind die 99 Prozent, sagen sie, wir werden aus unseren Häusern geworfen, wir müssen entscheiden, ob wir einkaufen oder Miete bezahlen. Für beides reicht es nicht. Wir haben keine medizinische Versorgung, wir leiden unter der Umweltverschmutzung. Wir arbeiten lang für wenig Geld. Wenn wir überhaupt Arbeit haben. Wir bekommen nichts, während das andere eine Prozent alles bekommt. Wir sind die 99 Prozent. An der Wall Street hat es begonnen. Mittlerweile gehen die Menschen in ganz Amerika auf die Straße. Überlegt euch was, Einprozentpülcher, jetzt ist Schluss mit lustig. Es reicht. Bald auch bei uns. Morgen vielleicht.
Die Landesmutter
Andrea Maria Dusl für Standard, 3.5.2011.
Die Heilige Hemma von Gurk, die Heilige Waltraut Klasnic von Steiermark, die Heilige Gabi von Salzburgstaller. Landesmütter allesamt. Sobald eine Frau bei uns in den obersten Landessessel klettert, wird sie zur Heiligen, zur Mutter aller Mütter, zur Mutter des Landes, zur Landesmutter. Das Klettern einer Frau in den Polsterdrehsessel eines Mannes, eines Hauptmannes, eines Landeshauptmannes ist ein dermassen seltenes Ereignis, dass dafür Begrifflichkeiten bemüht werden, die aus dem Mystisch-Sakralen kommen. Viele werden Mütter, wenige werden Landesmütter. Das hat weniger mit Mutterschaft als mit Macht zu tun. Lady Di, eine anorektische Kindergärtnerin war so hübsch wie machtlos. Sie blieb eine Lady und wurde maximal zur Mutter der Herzen. Mutter des Landes wurde Diana Spencer nie.
Aber Macht ist noch nicht Mutter. Nicht in den Nebelschwaden des Mystischen. Nie würde die Chefin der, sagen wir einmal, Nationalbank, als Nationalbankmutter apostrophiert werden, oder die Elektrokonzernchefin als Elektrokonzernmutter. Nie. Die Mutterschaft als heiligmässiger Machttitel bleibt der Hauptfrau vorbehalten. Der Landeshauptfrau. Der Frau Landeshauptfrau. Der Frau Landeshauptmann, wie es auch schon hiess. Die Landessprache wird bei landeshoheitlichen Amtsbezeichnungen, auch wenn das Gegenteil behauptet wird, mit grosser, aber individueller Präzision eingesetzt. Waltraut Klasnic legte enormen Wert darauf, mit “Frau Landeshauptmann” angesprochen zu werden. Gabi Burgstaller, eine Gabi und keine Gabriele, noch im Amt und nicht abgesägt, verfolgt ein anderes Selbstverständnis ihrer Melange aus Frau und Regierungschefin. Sie nennt sich in ihrer Funktion Landeshauptfrau. Frau Landeshauptfrau. Man wird sehen, ob einer der männlichen Nachfolger es Waltraut Klasnic einmal gleichtun und sich, das Präjudiz gäbe es, Herr Landeshauptfrau nennen wird. Dem scheinbaren Souverän, dem Volk, dem Landesvolk sind diese Überlegungen gewiss so unheimlich wie rätselhaft. Schon eine Frau auf einem Landeshauptmannsessel, selbst wenn dieser gerade als Landeshauptfrausessel in Erscheinung tritt, verwirrt die Landeseinzelne, verwirrt den Landeseinzelnen.
Worin besteht das Mysterium der Landesmutter? Die Landesmutter sitzt wie eine Termitenkönigin im weitverzweigten Landesbau und legt in grosser Fleissigkeit Landeier. Projekte und Projekterln. Fleissig nährt die Landesmutter Projekte und Projekterln mit Subventionsnektar aus ihrem mächtigen und prallgefüllten Landesmutterleib. Bestellt Wächter und Boten, Ausrufer und Verkünder, Aktenblätterer und Bestempler, Projektstreichler und Nektarumrührer. Dazwischen tätschelt die Landesmutter die Köpfe der Landeskindergartenkinder, durchsticht Landestunnels, sichert die Ränder eingestürzter Pingen, beschreitet Landesstrassen, klatscht auf Landesbühnen, staunt in Landesmuseen und lässt das Wasser ein in grossen und sauberen Landesschwimmbädern. Und manchmal legt die Landesmutter die Stirne in Falten und richtet den Gesinnungsgenossen in der Bundeshauptstadt ihre Position zu diesem und jenem mit. Mit kritischem Gestus und ernstem Ton. Manchmal und bisweilen. Je nachdem. Den Damen und Herren im Bund. Wo es keine Mutter gibt. Keine Bundesmutter. Nur Maria Theresia selig.
Andrea Maria Dusl ist Filmemacherin und Autorin. Zuletzt erschien im Residenz Verlag ihr Roman “Channel 8”.
Franz Hebenstreit – Rehabilitierung eines frühen Demokraten
Franz HEBENSTREIT (1747-1795). Rehabilitierung eines frühen Demokraten
Wiederaufnahme eines Verfahrens im Rahmen der Wiener Vorlesungen
Mit: Andrea Maria DUSL(Autorin, Zeichnerin, Filmregisseurin), Hubert Christian EHALT (Prof. Sozialgeschichte, Wissenschaftsreferent der Stadt Wien), Alexander EMANUELY (Schriftsteller, Rep. Club), Norbert GERSTBERGER (Richter), Ottwald JOHN (Schauspieler), Beate MATSCHNIG (Richterin), Heinz MAYER (Prof. Verwaltungs-, Verfassungsjurist), Werner ORGIS (Prof. Verwaltungs-, Verfassungsgeschichte), Arno PILGRAM (Rechts-, Kriminalsoziologe), Ernst WANGERMANN (Prof. Historiker).
Rede im Rathaus ::: Freiheit für Hebenstreit!
Essai sur La Liberté, L’Egalité et La Fraternité. Andrea Maria Dusl .·.
Rede im Wiener Rathaus, 28.6.2010, anlässlich der Rehabilitierung Franz Hebenstreits.
(–> Wiener Vorlesungen – Franz Hebenstreit, Rehabilitierung eines frühen Demokraten). Alle Texte des Abends hier in einer –> Sonderbeilage der Presse.
Geliebte Schwestern! Geliebte Brüder!
Ich fordere Freiheit für Franz Hebenstreit! Mein Aufruf kommt 215 Jahre zu spät. Franz Hebenstreit wurde am 8. Jänner 1795 hingerichtet. Am Schottentor wurde er aufgehängt, unter dem Johlen derber Dummköpfe, die sich darin gefielen, eine weitere Fackel der Aufklärung in den Brunnen zu werfen.
Franz Hebenstreit war ein Demokrat, er brannte für die Freiheit, für die Gleichheit, für die Geschwisterlichkeit. Am Schottentor, wo sein Licht ausgeblasen wurde, steht heute die grosse Universität des Landes, darin sein Fokus, das Auditorium Maximum.
Auch 215 Jahre nach Hebenstreit wird am Schottentor noch um die Freiheit gekämpft. Für die Freiheit des Denkens, für die Freiheit von Ungleichheit und Standesdünkel. Auch 215 Jahre nach Hebenstreit ist das Schottentor noch eine Richtstätte. Unten am Donauufer steht die grosse Kaserne, sie wurde gegen das Volk errichtet, wurde gebaut, um das Volk mit Waffengewalt von der Revolution abzuhalten. Sein Hauptausfallstor ist auf ebendiese Universität gerichtet, das österreichische Gegensatzpaar Staatsgewalt und Freiheit der Lehre ist in den Stadtplan eingeschrieben.
Am Schottentor werden noch heute, im Jahr 2010, 215 Jahre nach Hebenstreit Studierende von Polizisten zusammengeschlagen. Was ist ihr Verbrechen? Die Forderung nach Freiheit. Das Besetzen kommunalen Eigentums.
Was fürchtet die Staatsgewalt? Sie fürchtet, dass der König seinen Kopf verliert. Mit der Forderung nach Freiheit beginnt der Kopf zu wackeln, mit der Idee der Gleichheit purzelt er.
Hätte Franz Hebenstreit, Bruder im Geiste, Bruder im Licht, seine Sehnsucht nach der besseren Welt, seine Sehnsucht nach einem Leben ohne Neid und Missgunst, ohne Habgier und Ausbeutung, hätte er diese Sehnsucht verwirklicht, lebten wir heute in einem besseren Land.
Dann könnte sich Arigona Zogaj heute so frei fühlen wie Anna Netrebko.
Hätte Franz Hebenstreit seine, unsere Sehnsucht verwirklichen können, hätten wir uns die Metternichzeit erspart, die eiserne Faust nach dem gescheiterten 48er-Revolutionsversuch, das soziale Elend der Gründerzeit, den habsburgischen Völkerkerker, den ersten Weltkrieg, den Ständestaat, den Nationalsozialismus, den zweiten Weltkrieg und wahrscheinlich auch den Holocaust.
215 Jahre nach Hebenstreit leiden wir noch immer an den Echos der aufgezählten Verbrechen. Täter wie Opfer. Die Täter leiden an ihrem Wahn, die Opfer an dessen Folgen.
Die Utopien, nach denen sich Franz Hebenstreit sehnte, sind in diesem Lande noch weitgehend unverwirklicht. In seinen Betrachtungen fand Hebenstreit, “dass der Neid in seinem ausgedehnten Verstande die Hauptquelle aller Laster sei, auf der anderen Seite, dass von dem Krieg zum Prozesse, vom Prozesse zum Raub und zur Plünderei keinen anderen Grund als das Mein und Dein habe.”
In einer Gesellschaft dagegen, in der “alle Natur- und Kunstprodukte nach jedem Bedürfnis gemeinnützig sind, folglich der Erwerb sowie der Genuss gemeinschaftlich”, in einer solchen Gesellschaft sei jedes Laster unmöglich.
Andreas Riedel, der andere prominente revolutionäre Geist jener Tage nennt diese Gedankenwelt euphorisch „Hebenstreitismus oder Kommunismus“.
Neoliberale und Antisoziale, Klerikale und Konservative mögen ihre Ressentiments am Wort Kommunismus erigieren, aber in einer Welt, die Hebenstreit und die anderen Revolutionäre ersehnt und vorgedacht haben, gäbe es die Geschäftsmodelle des Neoliberalismus und Antisozialismus nicht, es gäbe keine Wahrheit in Gott und nicht die Nacherzählung des Beamtenkaiserstaates im Kleinen. Es gäbe Gerechtigkeit und Gleichheit, es gäbe die Souveränität des Einzelnen, gebündelt in der Idee der Solidarität.
In einem Hebenstreitösterreich gäbe es Freiheit, gäbe es Gleichheit, gäbe es Geschwisterlichkeit.
„Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.” Der Artikel 1 des Bundesverfassungsgesetzes ist nicht verwirklicht. Österreichs Recht wird hinter den Polstertüren von berufsständischen Kammern und Eigentümerbüros verhandelt, es hat keine Erinnerung an die Revolution, denn die Revolution hat in Österreich nie stattgefunden. Der König hat nie seinen Kopf verloren.
Wer auch immer an seiner statt sitzt, egal, welchen Namen sein Sessel trägt, hat keine Erinnerung an die Macht des Volkes. Wo es keine Erinnerung gibt, gibt es keine Erkenntnis. Es wundert nicht, dass die Republik sich nicht an Franz Hebenstreit erinnert.
Aber wir tun es und wir holen seine Fackel aus dem Brunnen, sie brennt noch und leuchtet. Franz Hebenstreit mag sein Leben ausgehaucht haben, aber seine Ideen brennen. Stürzen wir die falschen Helden von ihren Sockeln, die Kaiser und Könige und Kärntner Sonnen und ihre Büttel und erinnern wir uns an die wahren Helden dieses Landes. Die ersten Demokraten. Die ersten Republikaner. Franz Hebenstreit, Du lebest hoch!
Ich fordere die Freiheit für Dich!
U.S. Gov. kept water and food from people in N.O.
The U.S. Government had intentionally kept water and food from desperate people in New Orleans. Mitchel Cohen – Friday, Sep. 02, 2005 at 10:42 AM.
Les Evenchick, an independent Green who lives in the French Quarter of New Orleans in a 3-story walkup, reports that 90 percent of the so-called looters are simply grabbing water, food, diapers and medicines, because the federal and state officials have refused to provide these basic necessities.
Read more here: People of the Dome
