Unglaublich, aber wahr!


“Dusls Freispiel“, Falter 50/97, 10.12.1997

Ein wesentliches Gütekriterium für vorbildlich geführte Haushalte, darin sind sich die Experten einig, ist das Anhäufen von Vorräten. Es ist wichtiger als staubwedeln, wichtiger als wäschewaschen, wichtiger als fensterputzen. (Das ergab eine Umfrage meines Instituts für den internationalen Austausch fortschrittlicher Erfahrungenunter unter nicht weniger als 14.678 alleinhaushaltenden Personen). Die Studie kam zu erstaunlichen Ergebnissen. Wer dächte, Vorratlogistik bei alleinhaushaltenden Personen beschränkte sich auf die kühle Lagerung von Hektolitern Dosenbieres und dreistelliger Anzahlen einschlägiger Hefte, irrte sich gewaltig. Duftwässer sind es, die gebunkert werden, Einwegrasierer, Klopapier und Butter. Butter. Butter fehlt in keinem persönlichem Haushalt. Die gute alte Butter. Nicht Wurst, nicht Käse, nicht Brot, weder Eier noch Mehl werden gehortet, keine einzige müde Kartoffel und nicht einmal eine indische Kinderhand voll Reis. Butter ist das alleinstehende Lebensmittel Nummero Eins. Butter in allen Aggregatzuständen: Frische in Originalverpackung, angebrochene, gutgekühlt, aber Monate alt, zerschmolzene, angebröselte, an Tellerrändern ranzende, in Geschirrtücher geschmierte. Butter ist überall. Butter ist die Beste, gleich nach Butters Butter, der Großbutter, denn, wie schon Plato wußte: Butter kann durch nichts ersetzt werden.

Das Rätsel ist gelöst!

„Dusls Freispiel“, Falter 49/97, 3.12.1997

Ein großes Mysterium ist gelöst: Das Schwarze-Socken-Phänomen. Schon Nora Ephron wußte damit schmutzige Wäsche zu waschen. So legte sie in dem Schlüsselroman über ihre Ehe mit Carl Bernstein dem Watergate-Aufdecker folgende Morgenfragen in den Mund: “ Woher kommt es, Nora, daß ich in meiner Sockenlade immer nur ungerade Anzahlen schwarzer Socken finde? Frißt deine Waschmaschine meine schwarzen Socken?“ Das schwarze Socken-Phänomen. Ephron-Bernstein waren schon nahe dran, das Rätsel zu lösen. Auch Prof. Nikolaus Nüchtern vermutete richtig: Die Waschmaschine ist es. Einem Pysikerteam unter der Leitung von Prof. Ilmar Krilov von der Moskauer Lomonossov-Universität gelang nun der entscheidende wissenschaftliche Beweis. Mit Hilfe der Superstring-Theorie läßt sich das Abdriften schleudernder Socken in die siebte Dimension erklären. Sie sind damit für unsere wahrnehmbaren vier Dimensionen unzugänglich, verstringt, um genau zu sein, können jedoch bei bestimmten, jetzt bekannten Schleuderfrequenzen wieder zurückstringen. Krilov entzauberte während der black-sock-Forschungen so nebenbei auch noch den Teilchen-Welle-Dualismus. Wie er das Socken-Rätsel löste, erklärte Krilov mit einem kryptischen Zitat Theodor Mommsens: Historische Forschung ohne philologische Bildung sei unmöglich.

Ohne geht’s auch

„Dusls Freispiel“, Falter 48/97, 26.11.1997

Jeder Chemiker kennt sie: 3-(1-Methyl-2-pyrrolidinyl)-pyridin, eine, auch unter der Formel C10H14N2 einschlägig bekannte Substanz. Finanzminister reiben sich die Hände über dieMilliardenbeträge, die die Sucht nach ihr einbringt, Volksgesundheitler beklagen die Schäden, die ihre Nebenprodukte in den Organen der Abhängigen anrichten und Freunde wie Feinde des süßen Gifts spaltet sie in zwei militante Lager. Vom Nikotin ist die Rede, dem Hauptalkaloid der Tabakpflanze, einer farblosen, öligen Flüssigkeit. Sie wird je nach Grad der Abhängigkeit mit Hilfe von Frühstückszigaretterln verabreicht, in Form von nervösem Kettenschmauchen, stoischem Pfeifengepaffe oder schlicht als „Tschik danach“. In Flugzeugen ist ihre Einnahme aus aerodynamischen Gründen untersagt, auf amerikanischen Straßen puritanischer Motive wegen, in Kirchen scheut man die Konkurrenz zum Weihrauch und im Spital rauchen nur Pulmologen und werdende Väter. Diese Zeiten sind vorbei: Denn jetzt gibt es Nikotin pur! Nicht als Pflaster, auch nicht als Salbe, Zuckerl oder Infusion. Nikotin zum Inhallieren. Ohne Rauch natürlich. Nicorette heißt das lächerliche, Ding. Es sieht aus, als hätten ein Zigarettenspitz und ein Kugelschreiber Nachwuchs bekommen. Gifteln geht jetzt überall, selbst in Falter-Sitzungen. Guti Gutenstein!

Sinnloses Metall

„Dusls Freispiel“, Falter 46/97, 19.11.1997

Von den 93 in der Natur vorkommenden chemischen Elementen zählt man 67 zu den Metallen. Eisen, Aluminium, Magnesium, Blei, Zinn, Zink, Kupfer, Queck- und Silber, Gold, Platin, Chrom, Molybdän, Wolfram, Tantal, Titan, Uran: Was haben wir aus euch nicht alles schon erzeugt: Zu Schwertern schmiedeten wir euch und zu Pflugscharen, wir verschweissten euch zu Panzern und Traktoren, flochten Telefonkabel und Schmuck aus euch, spachtelten euch in Zahnruinen und gossen euch in Fieberthermometer. Ob edel oder unedel, ob gediegen oder legiert, gegossen oder aufgedampft, gezogen oder getrieben, ohne euch wären wir ganz schön arm. Arm auch ohne eure numismatischen Qualitäten. Keinen müden Heller und keinen rollenden Rubel hätten wir ohne euch geprägt und selbst Onkel Dagobert würde ganz schön alt aussehen ohne Talerchen im Geldspeicher. Pecunia non olet. Mit einer Ausnahme: Es paßt in keinen Geldschlitz, liegt schwer im Börsl und kann als sinnlosestes Metall der Menschheit begriffen werden. Kellner spucken Ihnen ins Gesicht, wenn Sie auch nur eine dieser Münzen in ihr Trinkgeld schwindeln, und selbst den ärmsten Bettler kann man nicht schlimmer demütigen, als ihm eine Handvoll davon in den Hut zu legen: 50-Groschen Münzen. Das sinnloseste Metall der Welt.

Ohne geht’s auch

„Dusls Freispiel“, Falter 48/97, 16.11.1997

Jeder Chemiker kennt sie: 3-(1-Methyl-2-pyrrolidinyl)-pyridin, eine, auch unter der Formel C10H14N2 einschlägig bekannte Substanz. Finanzminister reiben sich die Hände über dieMilliardenbeträge, die die Sucht nach ihr einbringt, Volksgesundheitler beklagen die Schäden, die ihre Nebenprodukte in den Organen der Abhängigen anrichten und Freunde wie Feinde des süßen Gifts spaltet sie in zwei militante Lager. Vom Nikotin ist die Rede, dem Hauptalkaloid der Tabakpflanze, einer farblosen, öligen Flüssigkeit. Sie wird je nach Grad der Abhängigkeit mit Hilfe von Frühstückszigaretterln verabreicht, in Form von nervösem Kettenschmauchen, stoischem Pfeifengepaffe oder schlicht als „Tschik danach“. In Flugzeugen ist ihre Einnahme aus aerodynamischen Gründen untersagt, auf amerikanischen Straßen puritanischer Motive wegen, in Kirchen scheut man die Konkurrenz zum Weihrauch und im Spital rauchen nur Pulmologen und werdende Väter. Diese Zeiten sind vorbei: Denn jetzt gibt es Nikotin pur! Nicht als Pflaster, auch nicht als Salbe, Zuckerl oder Infusion. Nikotin zum Inhallieren. Ohne Rauch natürlich. Nicorette heißt das lächerliche, Ding. Es sieht aus, als hätten ein Zigarettenspitz und ein Kugelschreiber Nachwuchs bekommen. Gifteln geht jetzt überall, selbst in Falter-Sitzungen. Guti Gutenstein!

Alt, aber modern


“Dusls Freispiel“, Falter 46/97, 12.11.1997

Ich bin ein moderner Mensch und habe unglaublich viele moderne Geräte daheim herumstehen. Am Modernsten – von zweibeinigen Sesseln abgesehen – sind meine modernen Elektrogeräte. Jede Menge Kerzen spare ich etwa durch den Einsatz von Licht aus modernen elektrischen Lampen. Große Freude bereiten mir auch meine modernen Unterhaltungselektronikgeräte. Früher mußte J.J. Cale persönlich bei mir vorbeischauen, um mir „Low Down“ vorzuspielen. Heute, im modernen Zeitalter, schiebe ich bloß ein kleines silbernes Scheibchen in eine große schwarze Kiste und schon spielt mir J.J. Cale „Low Down“ vor. Mühelos, sooft ich will. Und J.J. kann derweil bei sich zu Hause neue Lieder aufnehmen. Das spart Zeit. (J.J. wohnt in Amerika, wir sparen daher auch Reisekosten.) Ich bin also modern. Daß ich gescheit bin, könnte man gemeinhin auch behaupten, wäre da nicht ein Problem: Ich brauche Jahre, um so ein modernes Musikwiedergabegerät richtig zu bedienen. Meinen Plattenspieler konnte ich mit 16 in Gang setzen, das Doppelcassettendeck mit 27, aber erst vor kurzem, mit 35 gelang es mir, hinter das Geheimnis der silbernen Scheiben zu kommen: Einfach in die schwarze Kiste hineinstecken! Wie alt ich werden muß, um aus DAT-Recorder-Signalen brauchbare Schallwellen zu erzeugen, steht allerdings in den Sternen. 121?

Goodbye, Telefonschilling


“Dusls Freispiel“, Falter 45/97, 5.11.1997

Als ich noch ein Kind war, im Prätamagotschicum also, gab es einen ganzen Reigen von Figuren mit höchsten Symbolgehalt. Da war zum einen jener kinderfaustgroße Gummignom namens Kartoffelkönig, der uns Kinder auf heimtückische Weise zum Genuß von Kartoffelpüree anstiften sollte. Oder der Buchklubmaxi: Der wohnte in einem Koffer, der seinem Begleiter, Onkel Tassilo gehörte. Auch die Umstände, unter denen der Buchklubmaxi zu uns sprach, um für den Buchklub der Jugend zu werben, waren tiefenpsychologisch nicht ohne: Die Stimme des oberg´scheiten Buchklubmaxi kam aus Onkel Tassilos Bauch und Leben hauchte ihm dieser von kaudal-dorsal ein. (Onkel Tassilos Hand steckte so tief in Buchklubmaxis Arsch, daß einem vom Zusehen schwindlig werden konnte.) Die wichtigste aller Figuren aber war der Sparefroh, ein dürres Gummimännchen mit spitzem Hut und auf den Spargedanken hinweisendenden Zeigefinger. Auch Sparefrohs Leib war Symbol: Die 1- Schillingmünze. So ein Schilling war noch was wert, zu Sparefrohs Zeiten. Mit einem einzelnen Schilling warst du noch wer. Du konntest mit ihm telefonieren. Mit einem einzelnen Schilling! Mit dem sogenannten Telefonschilling. Diese Zeiten sind vorbei, denn telefonieren kostet jetzt zwei Schilling. Sparefroh, old friend, we miss you!

Gefährliche Ulos

„Dusls Freispiel“, Falter 44/97, 29.10.1997

ULOs, unbekannte liegende Objekte kennt jeder von uns. Während nämlich nur die wenigsten Menschen je ein UFO, ein unbekanntes fliegendes Objekt zu Gesicht bekommen, liegen in jeder Wohnung massenhaft ULOs herum, in meiner zumindest. Close Encounters mit ULBs etwa, also unbekannten liegenden Büchern gibt es bei mir daheim nahezu jeden Tag. Manchesmal entführt mich so ein ULB, um mich nach eineinhalbstündiger Reise in die fünfte Dimension verwirrt wieder auf dem Wohnzimmerteppich auszusetzen. In der Regel sind ULBs aber harmlos, ähnlich ULPs, unbekannten Langspiel-Platten. Hartnäckiger und gefährlicher hingegen sind ULGs, unbekannte liegende Gabeln. Davon habe ich ein paar Dutzend in meiner Bestecklade. Manchmal tauchen ULGs auch unvermutet auf dem Frühstückstisch auf, ohne Vorwarnung und ohne irgend ein Zutun meinerseits. Einige ULGs wurden durch scharfes Nachdenken zu BLGs, bekannten liegenden Gabeln. So etwa die Gabel aus dem Steakhouse in Odessa, die aus dem Flieger nach Kairo und auch die eine, in die ich einmal nach elf doppelten Vodkas einen Knoten gemacht habe. Damals in der Kunsthalle. Wo sonst. Wie zum Teufel aber die grünplastikgriffige siebenzackige Gabel in meinen Besitz kam, wird ewig ein Rätsel bleiben. Und ein echter Fall für Ulgologen.

Magische Substanz

„Dusls Freispiel“, Falter 43/97, 22.10.1997

Es gibt, hierin herrscht Einigkeit unter Experten, eine Substanz, die die Menschheit zusammenhält. Nein, es ist nicht Coca Cola, nicht Aspirin und auch nicht Windows 96. Es ist schlicht und einfach Zahnpasta. Zahnpasta ist die Substanz, die substanzielle Substanz sozusagen. In Zahnpasta ist alles enthalten: Gesundheit, Sauberkeit, Freiheit. (Zahnpasta ist das erste, was dir im Gefängnis abgenommen wird). Zahnpasta wird in Tuben vertrieben. Das Wort Tube ist sosehr mit Zahnpasta verbunden, daß es als eigene Vokabel kaum mehr vorkommt. Niemand würde etwa sagen: „Wo ist meine Tube?“. Der Satz: „Willst Du die Zahnpastatube mit mir teilen?“ hingegen, oder: „… verdammt, ich habe vergessen, eine neue Tube Zahnpasta zu kaufen …“ fällt täglich und weltweit vielmillionenmal. Irgendwann, und niemand weiß genau, wann es war, irgendwann aber wechselte die Menschheit die Tube, sie stieg um. Gleitend und lautlos. Von Metallzahnpastatuben auf Plastikzahnpastatuben. Eines Tages hatten wir alle Plastikzahnpastatuben in unseren Aliberts. Und ein Problem. Es hieß: Wie kriege ich den letzten Rest Zahnpasta aus meiner Plastikzahnpastatube? (Aufrollen geht nicht und auch das Rausstreichen mit dem Zahnbürstenstengel nicht). Ich habe das Problem gelöst. Mit Hilfe des Internets: http://www.zahnpastatube/trick/17

Eurotische Scheine

„Dusls Freispiel“, Falter 42/97, 15.10.1997

Bald ist es so weit. Bald werden wir die neuen Scheinchen in der Tasche haben. Alle werden diese neuen Scheinchen in der Tasche haben. Der Taxifahrer in Helsinki, die Friseuse in Mailand, der irische Dorfpfarrer und auch die Brokerin in Frankfurt. Für die Menschen in Schnitzelland werden die neuen Scheinchen allerdings etwas ganz besonderes sein. Schnitzelland wird nämlich ungeheuer stolz darauf sein dürfen, neben Schiele und Klimt auch Robert Kalina hervorgebracht zu haben. Robert Kalina, den Mann, der gegen überwältigend viele andere europäische Talente als Sieger im Wettbewerb um die Gestaltung der schicksten Scheinchen reüssierte. Die Scheinchen, so wissen wir inzwischen, werden „Euro“ heißen, und ab dem Zeitpunkt ihrer Einführung extrem beliebt sein. Ich prophezeie schon heute, daß alle so einen „Euro“ werden haben wollen. Einen „Euro“ von Kalina. Von unserem Robert Kalina. Dem Mann, mit dem Gespür für europäische Eleganz. Dem Mann, dem Schnitzelland schon seit Langem vertraute. Und der uns die bittere Zeit bis zur Einführung der europäischen Scheinchen ein wenig versüßt, indem er sich nämlich supercoole, Fünfhunderter und Tausender ausgedacht hat. „Schillinge“, wohlgemerkt, aber so formschön und praktisch, daß wir den „Euro“ kaum erwarten können.

Yin/Yang…


„Dusls Freispiel“ Falter 41/97, 8.10.1997

Eine Untersuchung, die mein „Institut für den internationalen Austausch fortschrittlicher Erfahrungen“ jüngst im Raum Wien durchführte, sollte in Erfahrung bringen, nach welchen Kriterien sich die Menschheit zwei Gruppen eindeutig zuordnen ließe. Die Ergebnisse der Studie liegen seit Montag vor. Es wurden 65.681 Personen befragt, Mehrfachnennungen waren erlaubt. Hier die Antworten in der Reihenfolge ihrer Häufigkeit: 89,62% der Befragten entschieden sich für Raucher/Nichtraucher als Divergenzkriterium, etwas abgeschlagen folgte die Unterscheidung in Autofahrer/Lastwagenfahrer (78,12%). Unerwartet hoch fielen die Zahlen für Wiener/Nichtwiener (69,75%), Beamte/Arbeitende Bevölkerung (63,16%), Gummibaumhalter/Schnittblumenliebhaber (61,62%), Nägelbeißer/Lockenwickler (58,35%) und Bieröffner/Korkenzieher (59,39%) aus. Traditionelle Unterscheidungen wie die in Arm/Reich, Frühaufsteher/Abendmensch, Männlich/Weiblich sowie Manisch/Depressiv blieben alle unter 12%. Das erstaunlichste Ergebnis der Studie und Gegenstand weiterer Forschungen: Unglaubliche 99,8% der Befragten sortierte die Menschenheit dieser Erde folgendermaßen: In eine Gruppe, die im Stande ist, ein TirolMilch-Packerl zu öffnen, und eine andere, die lebenslang daran scheitern wird.

Wergzeug, Freund für’s Leben

„Dusls Freispiel“, Falter 40/97, 1.10.1997

Eine alte chinesische Weisheit besagt, daß sich der Mensch von der übrigen Fauna im wesentlichen durch den Gebrauch von Werkzeug unterscheidet. Die Welt, wie wir sie heute kennen – wo stünde sie, hätten sich nicht hin und wieder kluge Burschen an die Stirn gegriffen und was Cleveres ausgeheckt. Den Faustkeil ! Das Feuer! Die Hängematte! Und erst das Rad! Ich will gar nicht darüber nachdenken, was wir ohne Rad alles nicht könnten. Oder die Steckdose: Wo würden wir den Mixer anstecken und wo den Toaster? Wo die elektrische Zahnbürste und wo das Rastertunnelmikroskop? Und wie klänge die Stromgitarre mit nachgeschaltetem Wah-Wah-Pedal hätte der Marshall keinen Saft? Jimi Hendrix wäre nie berühmt geworden als Acoustic-Heini. Ohne Werkzeug ist also nix. Eine gute Idee war auch der Computer. „Mit dem kann man nämlich inzwischen so ziemlich alles“, wie mir Experten versichern. Etwa Files, also Feilen verwalten, was die hohe Kunst der Werkzeugbeherrschung darstellt. Am Computer kann man auch zeichnen. Alle können das. Jedes Kind. Nur ich nicht. Ich brauche dafür noch immer Tuschestifte. Und zwar die, mit Hilfe ausgeklügelter Computer entwickelten japanischen „Pilot Ceramigraph 2“. Nur kann man die nicht mehr kaufen, weil, wie wir ja wissen, heute jedes Kind am Computer . . .

Hinscheiden ohne Würde


“Dusls Freispiel“, Falter 39/97, 24.9.1997

Es war einmal, vor nicht all zu langer Zeit, da wurden noch Briefe und Postkarten verschickt, Telegramme aufgegeben und Telefone waren mit Kabeln versehen, die in einem kleinen weißen Kästchen an der Wand mündeten. Diese Zeiten sind vorbei. Briefe werden nur mehr von Omis und von Ämtern verfaßt, Postkarten heißen Flyer und Telefone hängen nur noch aus nostalgischen Gründen an weißen Kästchen. Die ganze Welt kommuniziert mobil. Handies können faxen, emailieren, durchs Netz surfen, short messages verschicken, Mobil-Boxen abfragen und telefonieren kann man mit ihnen selbstredend. Und noch eines können Handies prima: Sterben. Wenn Handies etwas fürchten, wie der Teufel das Weihwasser, dann ist es Feuchtigkeit. Wobei Handies in der Wahl der Flüssigkeit nicht so wählerisch sind wie der Gottseibeiuns. Handies geben ihren Geist auch bei Berührung mit profanen Liquiden auf. Die Liste toter Handies befreundeter Menschen ist lang: Dr. Martin.G., Tierarzt (Tod in der Lederhose durch Inkontinenz während eines Kirtags), Andrej D., Rennstallbesitzer (Tod durch umgefallenes Bier in Szenelokal), Mag. Siegmar S., Geschäftsführer (Tod durch Sturz ins Klo), Insa B, Reporterin (Tod durch Schonwaschgang bei 30°). Agehananda Sarhami H., Maharadsha von Rashtrakuta (Tod durch Monsun während einer religiösen Feier).

Klopfende Geräusche

„Dusls Freispiel“, Falter 38/97, 17.9.1997

Herren in Uniform tun´s höflich und leise. Polizisten sind Gentlemen, wenn sie bei frühmorgendlich Schlafenden an die Türe klopfen. Sogar die Jungs von der Alarmabteilung. Ich weiß das, schließlich wurde eines Morgens ein Dutzend von ihnen bei mir vorstellig, weil sie einen Serienkiller in meiner Wohnung vermuteten. Zwar konnte der Verdacht nicht erhärtet werden, weil der Informant Legastheniker war, trotzdem war ihr Klopfen vom Geist britischen Understatements getragen. Feuerwehrmänner haben da schon mehr Energie im Mittelfinger. Mit Feuer ist schließlich nicht zu spaßen. Außerdem macht es terrisch. Auf der nach oben offenen O´Neill-Skala der Klopfgeräusche grundeln Uniformträger zwischen 0 und 3. (Null O´Neill erreichen etwa Eilpostbriefträger, die grundsätzlich nie klopfen, weil sie grundsätzlich nie bis zur Türe des Eilpostempfängers vordringen). Weitaus unangenehmer sind Zivilisten. Exekutoren bringen es auf beunruhigende 4-5 O´Neill, Gaskassiere auf dringende 4-6, Zeugen Jehovas und Sternsinger auf lästige 6-7. Orkanen mittlerer Stärke kommt das Klopfen eifersüchtiger Exfreundinnen gleich: 8 O´Neill: Dringender Verdacht ohne Grundlage, 9 O´Neill: Dringender Verdacht mit Grundlage. Kein Klopfen ist lauter. Keines? Irrtum, Rauchfangkehrer habe ich schon mit 10-11 O´Neill gemessen.

Rätselhafte Maschine

„Dusls Freispiel“, Falter 37/97, 10.9.1997

Mein früherer Nachbar, ein bulgarischer Primgeiger nannte das Gerät ehrfurchtsvoll „Luftmaschine“. Dimitar Pipkow konnte sich zwar eine Cremoneser Violine im Gegenwert eines Einfamilienhaus leisten, nicht jedoch eine „Luftmaschine“. Also wurde Dimitar einmal wöchentlich bei mir vorstellig, um sich „Luftmaschine, bittescheen, ausborgen“. „Luftmaschine“ bedienen war offenbar Männersache in der Familie Pipkow. Was Dimitar Pipkow mit meiner „Luftmaschine“ anstellte, war mir nie ganz klar. Geigespielen konnte er exzellent, aber mit dem Ding aus meinem Haushalt dürfte er die gleiche Not wie ich gehabt haben, denn er retournierte es nach einer halben Stunde slawischer Mühe stets mit den Worten: „Luftmaschine, Frrauw Dussil, niecht gutt. Luftmaschine Problema viell, nurr macht cheisse Luft, saugen nix!“ Pipkow ist inzwischen Hofkomponist beim Maharadscha von Rashtrakuta und hat, von den klimatischen Bedingungen in Hyderabad abgesehen, keine Sorgen mehr mit „Cheisse Luft.“ „Frrauw Dussil“ hingegen produziert in Ermangelung einer Anstellung im Kreise der indischen Hocharistokratie noch immer heisse Luft mit ihrer Maschine. Die Bezeichnung „Staubsaugen“ wäre übertrieben.

Di ’n‘ Dodi Dead

Falter 36/97, 3.9.1997

Das Neujahrskonzert , der Life-Ball, die beiden Derbies zwischen Rapid und Austria, die ungleichen Brüder Opernball und Opernball-Demo und nicht zuletzt das Volksstimme-Fest letztes Wochenende auf der Jesuitenwiese: Sie alle gehören zum Kanon der großen Feste in Wien. Ein bißl traurig mußte aufrechte Kommunisten die Tatsache stimmen, daß vom Glanz der Prater-Pavillons der UdSSR und seiner Satelliten nicht mehr als die Talmi-Bude der PDS und die Info-Tische ungezählter linker Splittervereinigungen übrigblieb. Als Schimmer der Hoffnung bewies sich das Zelt der Kubaner, die sich zwar sympathisch unbeholfen, aber doch mit respekabler Restwürde ins Zeug legten, Che Guevara-Fahnen und Reiseführer verklopften und schmackhafteste Daiquiris ausschenkten. Die einzigen wirklichen Tränen unter dem durchwegs jugendlichen Publikum evozierte allerdings ein handgeschriebenes Plakat nachstehenden Inhalts:

Lady Diana Spencer
Princess of Wales
1961-1997+
Die Welt hat eine
Kämpferin für Frieden
& Völkerverständigung
verloren….
Die Kommunistische Jugend Österreichs –
JUNGE LINKE trauert….

Wahrer Luxus

Falter 35/97, 27.8.1997

Sollte sich wahrer Luxus darin manifestieren, etwas zu tun, was sich die Mehrheit nicht leisten kann, dann hätte sich die Avantgarde unbezahlbarer Freizeitgestaltung Samstags in Essling aufs Rad geschwungen, hätte die Lobau auf verschwiegenen Pfaden Richtung Süden verlassen, in Schönau an der Donau bei Frau Hermi, der Beichtmutter des kroisoischen Radelns, Einkehr gehalten und ein großes Obi gspritzt getrunken. Dann hätten sich die Proponenten wahrer Sybaris am Hubertusdamm dem Rausch der bipedalen Geschwindigkeit hingegeben, hätten im Nu Orth hinter sich gelassen und das exklusive Hainburg erreicht. Dort angekommen, hätten sie mit ihren High-Tech-Bikes nur fünf Minuten gebraucht, um auf dem, eigens für babylonische Aufstiege angelegten, fantastisch steilen Schotterpfad den Burgberg zu erklimmen. Gerade rechtzeitig wären sie dort angekommen, um dem ersten Akt des ebendort gegebenen Sprechstückes höchster Bühnenkultur beizuwohnen, einen Plastikbecher voll köstlichsten Sodawassers zu schlürfen und sehnsüchtigen Blickes das, zum Greifen nahe und dennoch in paradisiescher Süße entrückte Bratislava zu bewundern. Auch die folgende Heimfahrt auf gleichem Wege wäre wahrer Luxus gewesen.

Om Dhom Khom. Gut gemacht, Om, Du hast sommerliche Steherqualitäten bewiesen. Zwar wollen Gutmeinende zu Wetterkollegen wie Taranis, Tlaloc, Thor und Tchangó raten; wir jedoch halten uns an die Erkenntnis ‘never change a winning team’ und verlängern Deine Probezeit um ein weiteres Monat. So long, Om, wir lassen uns nicht auseinanderdividieren.

Tu felix austria, somne!


Falter 34/97, 20.8.1997

Zugegeben, im Supermarkt gibt´s immer genug Staubzucker. Auch das Landbutter-Kühlregal ist stets prall gefüllt. Prominent ist die Auswahl an Aktions-Salamis, Kremser-Senfen, Energie-Getränken und Zahnbürsten. Nur in einem bleibt der Supermarkt ein Versager: Zeitungen. Bei Zeitungen, da kennt er sich nicht aus, der Supermarkt. Mein Trafikant in der Unteren Augartenstraße hingegen ist ein Auskenner. Kein Blättchen, das er nicht hätte, kein Erscheinungstermin, den er nicht wüßte, keine Gazette, die er nicht an die richtige Stelle reihte. Mein Trafikant führt natürlich auch ausgefallene Zigaretten, ist Experte im Handwägen von überschweren Poststücken, Monteur von Zippo-Feuersteinen, Detailverkäufer von Gummiringen und Glückwunschkarten. Und Spezialist in einer Tugend, für die sie im Supermarkt noch nie viel übrig hatten: Mein Trafikant hat Zeit für mich und jede Menge Freundlichkeit.

Zwei der größten lebenden Poplegenden aller Zeiten beehrten uns mir Freiluft-Auftritten. 150.000 Musikexperten standen Samstags vor der quälenden Frage: Wr. Neustadt oder Walchsee? Das Match Kitsch gegen Kitsch ging unentschieden aus. Die einen fuhren gegen Osten, um sich von einer Band, die sich nach einer Wiener U-Bahn-Linie nennt, im Popsupermarkt illusionieren zu lassen, während die sich die anderen im Westen einem Feuerwerk der Schürzenjagd hingaben.

Om Dhom Khom. Gräme Dich nicht, lieber Om! Die letzte Woche war ja eh ganz okay. Das bißl Bewölkung mit Nieseln am Montag können wir verschmerzen. Außerdem ist kaum jemand im Lande. In Mallorca, Menorca, und Maria Wörth und wie die beliebten Urlaubsparadiese alle heißen, regnet es auch hin und wieder. Nur für das Tretwagenrennen am Donnerstag, den 28. August sieh, bitte, einen trockenen Abend vor. Dies bestellt Dir Comandante en jefe Andrej, ein guter Bekannter von mir. So long, Om, Deine Comandantina!

Der Taucher im Wasserflugzeug

DIE PROVENÇE

Der Taucher im Wasserflugzeug und andere Geschichten aus dem Land, in dem das Licht erfunden wurde.
Andrea Maria Dusl, 1997 für Visa Magazin

Provence.jpgAls der liebe Gott sich mit der Erschaffung von Südfrankreich beschäftigte, war er gut aufgelegt und experimentierte ein wenig herum. Das Ergebnis waren die Hügel, Gebirge und Ebenen der Provençe und eine Palette von Farbtönen, wie sie nur hier vorkommen, Maler und Dichter magisch anziehen und in ihrer Vielfalt den einen oder anderen von ihnen fast den Verstand kostete.

Als wären Polychromie und Mannigfaltigkeit der provençalischen Landschaft nicht zauberhaft genug, installierte der große Experimentator auch noch ein Klima, das mit paradiesisch nur unzureichend beschrieben werden kann.

Auf den Hügeln, die Inseln gleich, aus den damals noch riesigen Sümpfen des Rhonedeltas ragten, siedelten die Ur-Provençalen, die Ligurer, und Kelten. Die Segnungen der antiken Zivilisation brachten griechische Händler ins Land. Sie hatten 600 v. Chr. mit Massalia, dem heutigen Marseille die älteste Stadt Frankreichs gegründet. (Mit der Erwähnung dieser Tatsache gelingt es den stolzen Marseillesen noch heute, hochnäsige Lyoneser und kaltschnäutzige Pariser zur Weißglut zu bringen). Den Römern, die unter Cäsar Gallien eroberten, verdanken die Provençalen ein, heute noch verwendetes Netz von Straßen, den Ausbau ihrer Kuhdörfer zu stolzen Städten und den Namen ihres Landes: Provincia Narbonensis, die Provençe.

Als ideale Reisezeit für einen Besuch des provençalischen Paradieses gelten Mai, Juni und September. (Die Winter sind zwar durchaus mild, aber von oft wechselhaftem Wetter, die Sommer trocken und afrikanisch heiß). Avignon, die Stadt der Päpste, das römische Aries mit seinem Amphitheater und die mittelalterliche Hauptstadt der Provençe, Aix sind aufgeweckte kleine Metropolen mediterraner Lebensart, Sie eignen sich hervorragend als Stützpunkte zur Erkundung des Landes. Marseille ist eine brodelnde Hafen-Großstadt, deren Besuch mehr als lohnt, als Standort für einen Aufenthalt in der Provençe ist das Tor zum Orient aber schon wegen seiner exponierten Lage ungeeignet.

Ginge es übrigens nach dem Willen der Franzosen, immerhin Experten dafür, das Leben zur Kunst zu machen, wäre Aix (die antiken Quellen Aquae Sextae) eine Stadt mit 60 Millionen Einwohnern. Soviele Gallier geben nämlich als Idealstadt Aix en Provençe an. In einem der platanenbeschatteten Cafés der Cours Mirabeau bei einem Glas Pastis zu sitzen und sich beim Plätschem der moosüberwuchenen Stadtbrunnen dem Studium süssen Nichtstuns hinzugeben, ist sogar schöner als Fliegen.

Wenn der berüchtigte Mistral, ein kalter, böiger, azurblauen Himmel erzeugender Nordwind sie nicht in ihre Häuser scheucht, beschäftigen sich die Provençalen seit ewigen Zeiten am liebsten mit dem Wasser. Übers Wasser kamen einst die Griechen, brachten Olivenbäume und Wein mit und die Kunst, aus ihren Früchten feinstes Öl zu pressen und edelste Tropfen zu keltern. Aus dem Meer holten sie Fische und Salz neben Kräutern und ausgewählten Feldfrüchten sind das die Bestandteile der hier abgöttisch verehrten Bouillabaisse.

Wasserflugzeug.jpgUm die Gluthitze des Sommers zu überstehen, scheuen schon die Römer weder Kosten noch Mühen und bauten Wasserleitungen, die das kostbare Naß der Berge über fünfzig Kilometer und mehr in die Brunnen und Zisternen ihrer Städte brachte. Als technisch beispielhaftes Wunderwerk der Antike gilt noch heute der Aquädukt Pont du Gard, der in dreistöckigen Arkaden die Wasser des friedlich dahinplätschernden Gardflusses überspannt.

Ihre, von sommlicher Gluthitze ausgetrockenten Kehlen laben die Einheimischen vorrangig mit Pastis, jenem unverwechselbaren Anisschnaps, der mit eiskaltem Wasser verdünnt, jenes milchigtrübe Elixir ergibt, das selbst hier, in der Wiege des französichen Weines als provençalisches Nationalgetränk gilt.

Wasser löscht aber auch andere Brände. Zum täglichen Bild eines heissen Sommertages gehören die gelben Wasserflugzeuge, die ihre mit Meerwasser gefüllten Bäuche über brennenden Wäldern entleeren. Daß der eine oder andere Sporttaucher, von den modernen Pelikanen irrtümlich mitaufgetankt, tief im Landesinneren zwischen verkohlten Baumstümpfen gefunden wurde, ist eine Gerücht, das besonders Marseilleiser Bartender gerne zum Besten geben.

Die magische Anziehungskraft des provençalischen Lichts, der Zauber, den Farben und Gerüche dieses Landstrichs auf Einwohner und Besucher gleichermaßen ausüben, machen süchtig. Süchtig nach Bouillabaisse und Patis, nach dem Geruch von Rosmarin und Lavendel und dem Zirpen der Zikaden.

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Falter 33/97, 13.8.1997

Lieber Om,
das Badewetter am Montag war eine brilliante Idee. Blöderweise ist Montag ein Tag, an dem nicht so viele Menschen frei haben, wie, sagen wir einmal, an einem Samstag oder Sonntag. Die Gewitter, die Du zusammengebastelt hast, waren ganz okay, aber richtige Gewitter waren das noch nicht! Richtige Gewitter sind sehr laut und furchterregend und vor allem: Richtige Gewitter haben richtig viele Blitze und das ist vom erlebnistechnischen Standpunkt aus betrachtet besser als jedes Feuerwerk. Wie war das in Katmandu? Ich kann mir gut vorstellen, daß sie bei Euch auch mehr auf Spektakuläres stehen, als auf Durchschnittliches. Zugegeben, dieser gewisse Herr und sein noch unbegabterer Nachfolger Ali Baba sind zu Recht als Dilettanten in die Wettergeschichte eingegangen, aber Sommer machen ist eben nicht so einfach. Wenn Du Deinen Job ernst nimmst, Om, und daran zweifelt ja niemand, dann laß jetzt mal ein stabiles Hoch anwachsen. Wir hier in Wien haben nämlich die Nase voll von Dauerherbst und Jahrhundertfluten. Wir wollen mit einem Korb voller Schnitzel und Bier im Gras liegen, Karten spielen, schwimmen gehen und Kreuzworträtsel lösen. Das eine oder andere Buch läse sich im Schatten einer Linde auch besser als im Schatten von schwarzen Wolken. So long, Om, Deine Comandantina!

Panoptischer Kreis


Falter 32/97, 6.8.1997

Formidableres als einen Donnerstag-Abend bei der Trettrennwagenweltmeisterschaft in der Krieau kann es nicht geben . . . mit einem Guinness in der Hand mit den Mechanikern des Teams „Don´t Panic“ über den Urknall small zu talken … gegen Kukmirner wie Georg Hoanzl im Anschieben von Publikumsfahrern zu unterliegen … Werner Schreyers neue Haarfarbe nicht müde werden mit den Worten „gschleckt, Oida“ zu loben … linke vordere Radlager gemeinsam mit Festkörperphysikern der Technischen Universität zu schmieren … Austropopperfrisuren tragende Chefkonstrukteure mit Stolychnaja zu bestechen … bei plattenauflegenden Töchtern von berühmten Dichtern „genu valgum“ zu diagnostizieren … Stadtlebenredakteure von Kartoffeldruckzeitungen über den Verlust von Ghettoblastern hinwegzutrösten … die sowjetische Hymne bewußt nicht zu singen, damit die Siegesfeier nicht zur noch größeren Demütigung der Unterlegenen verkommt … und … und … und.

Om Dhom Khom


Falter 31/97, 30.7.1997

Warnung an alle! Sony-CMD-Z1-Handies sind zwar grandios und genial und können nicht hoch genug über den grünen Klee gelobt werden, eines bekommt ihnen jedoch nachweislich nicht: Sprühregen aus umfallenden Biergläsern. Der malzige Hopfennebel dringt in die feinsten Ritzen und tötet die durchdachteste Elektronik. Pech für Hugoine Handybesitzerin.

Ist Scientology eine Religion oder ein Multi? Ist der jüngst verstorbene Konzerngründer Ron L. Hubbard ein Gottseibeiuns oder nur Asche gewordener Satellit? Sind wir alle unterwandert, oder nur Teile der ÖVP? Fragen über Fragen, die aus dem Sommerloch steigen, wie der Yeti über die Gletscher.

Om Dhom Khom! Gar nicht so schlecht, Om, was sie Dir da in Katmandu beigebracht haben! Im direkten Vergleich zu Deinen Vorgängern geradezu erstaunlich! Die Nostrifizierung Deines Diploms wird noch dauern, weil die Gebetsmühlen vom Institut für angewandten Buddhismus in Ebensee/OÖ leider Auslaufmodelle sind. Was aus Deinen beiden gescheiterten Kollegen geworden ist? Der erste von ihnen, ein gewisser Herr, fristet sein Dasein in einem Altersheim für depressive Meteorologen in Weitra. Er putzt dort Thermometer, hört Wetterfunk über Mittelwelle und geht einmal in der Woche mit seinem Frosch Bootsmann schwimmen. Mehr nicht. Der andere, ein, durch grobe Fahrlässigkeit zu zweifelhaftem Ruhm gekommener Ägypter namens Ali Baba haben wir nach Kasachstan an den Aralsee geschickt. Da kann er mit seinem Faible für alttestamentarische Überschwemmungen vielleicht den einen oder anderen Fischer beeindrucken. Deiner Bitte nach einem Einjahresvertrag können wir nicht nachkommen. Es gibt jedoch Signale aus der Vorstandsetage, die Probezeit auf drei Wochen auszudehnen. Wenn Du Dich anstrengst, Om, sehe ich da kein Problem. Also, Willkommen am Donaukanal, und Toi Toi Toi für die zweite Hälfte des verpatzten Sommers. Mit freundlichen Grüßen bin ich Deine Protegeuse Comandantina!

Chilli Chilli Gang Bang

Falter 30/97, 23.7.1997

Konsum Es gab Zeiten, da reizten Österreichische Gaumen nur drei Eckpfeiler der Schärfe: Ölpfefferoni vom Würstelstand, Salzes Bruder Pfeffer und gulyastauglicher ungarischer Paprika. Chilli und Konsorten waren nur weitgereisten Weltenbummlern ein Begriff. Mit dem Massentourismus nach Übersee und der damit verbundenen Schulung österreichischer Geschmacksknospen korreliert die Invasion von neumodischen Scharfgaben in den heimischen Supermarktregalen. Trotz Chilli Chup, Salsa Ketch und wie die roten Plastikflaschen auch immer heißen mögen: Die heißesten Produkte bleiben die Klassiker Pimento Sauce von Heinz , McIlhenny´s Tabasco Brand, Louisiana Gold´s Pepper Sauce und das non-plus-ultra tränentreibender Schärfe, die gemahlenen Piripiri-Schoten der portugiesischen Firma Margao. Noch Schärferes kennt nur eine verschwiegene Gruppe Eingeweihter um Standard-Chillikritikus Christian Schachinger

Vielen Dank, lieber ORF, für die Ausstrahlung von Chitti Chitti Bang Bang. Dieser Film hat mich im zarten Alter von 7 Jahren in die Welt der Sexualität, den Kosmos der Geistesgegenwärtigkeit und das Universum der Erfindungsgabe eingeführt.

Om Dhom Khom!
Dienstantritt Mittwoch.
Devise: Schön.
Viel Glück,
Comandantina!

Tick, Trick & Schnapp


Falter 29/97, 16.7.1997

Mein neuestes Spielzeug heißt CMD-Z1. Es ist etwa doppelt so groß wie das virtuelle Hühnchen Tamagotchi, produziert aber weder virtuellen Häufchen noch muß es virtuell gefüttert und schon gar nicht virtuell erzogen werden. Es ist ein unscheinbares, aber äußerst diszipliniertes und für Erwachsen zugelassenes Funktelefon, etwa so groß wie eine Packung Lucky Strike. Man kann mit seiner Hilfe mit ganz normalen Lebewesen kommunizieren. Sony, so heißt der aufstrebende Konzern, der das High-End-Produkt entwickelt hat, könnte damit den skandinavischen Handy-Riesen Ericson und Nokia empfindliche Marktsegmente abknöpfen. Das ist mir persönlich natürlich völlig egal, wer da wem welche Segmente wegnimmt, aber so ist das mit japanischem Spielzeug: Wenn man es hat, ist man mächtig stolz darauf und macht mit im globalen Marktsegmentneuaufteilen!

Tick und Trick aus der Obersteiermark nahmen sich den großen Kaufhauserpresser Dagobert alias Arno Funke zum Vorbild und blackmailten den Lebensmittelkonzern Meinl mit der Drohung, bei Nichtzahlung von 25 Mille Zaster die konsumentenfeindlichen Produkte Zyankali und Rattengift in die Supermarktregale zu stellen. Die Organisation für Gelbeschaffung agierte aber eher donaldesk und wurde ganz ohne Rasterfahndung und Lauschangriff hinter schwedische Gardinen gebracht. Wo Sie jetzt mit den berühmten Panzerknackern gesiebte Luft atmen.

Die Rennfahrernation Österreich hat nach dem unsterblichen aber toten Jochen Rindt, dem Dreinieren-Besitzer Niki Nazionale und dem zuletzt kränkelnden Weiberreiter Berger eine neue Superbegabung in den Monocoques der Formel 1: Alexander Wurz, den Brat Pitt des Autofahrens.

Ali Baba! Du bist die größte Flasche, des Universums! Ganz Mitteleuropa ist heillos überschwemmt! Schleich Dich in einen Parallelkosmos und verding Dich dort als Wettergott! Dein buddhistischer Nachfolger Om Dhom Khom kommt nächste Woche. Grußloset, Comandantina!