Gene für Mutterliebe verantwortlich?

„Manche Frauen“ seien „besonders kinderlieb, andere hingegen froh, wenn sie mit dem Nachwuchs nur wenig zu tun haben“, enthüllte das renommierte humangenetische Periodikum „täglich Alles“ jüngst.
Im Foto über der entscheidenden Frage: „Gene für Mutterliebe verantwortlich?“ sehen wir die Wissenschaftlerin Dr. Sonja Kirchberger von der Universität Cambridge mit ihrem schmiegsamen Assistenten Dr. Hubertus von Hohenlohe.
Daß das Fehlen des „sogenannten MEST-Gens“ bislang nur bei Mäusen zu schlechten Müttern führte, wird uns aus Gründen der wissenschaftlichen Gründlichkeit nicht verschwiegen. Daß das böse Gen aber (oho!) nur vom Mäusevater mütterlicherseits vererbt wird, erfahren wir ausschließlich in der angesehenen evolutionsbiologischen Fachschrift Krone (der Schöpfung): „Ob eine Frau nach der Geburt mütterliche Gefühle entwickelt“, hänge „weitgehend vom Erbmaterial ihres Vaters ab“.
Das Foto dazu zeigt konsequenterweise eine weibliche Testperson bei der Ausübung ihrer Mutterinstinkte: „Ein Fotomodell in Sisi-Kostüm“ wechselt das Küberl in einem wertvollen „stillen Örtchen“.
© Andrea Maria Dusl
Falter“ 41/98 vom 7.10.1998 Seite 22

Der Software-Hitler / Weltweite Wehwehchen

Falter 41/98, 7.10.1998

Wie angekündigt, soll sich diese Kolumne nicht nur der Erörterung niedriger Phänome des täglichen Haushaltens widmen, sondern in zunehmendem Maße auch den wöchentlichen Wehwehchen der wildwuchernden globalen Polis. Als Gründungsmitglied der Gesellschaft zur Lösung unlösbarer Probleme traf ich Montag mit keinem Geringeren als dem Microsoft-Magnaten William I. Gates zusammen. Bei unserem informellen Sushi-Essen in Reno, Arizona, konnte ich in Bill den Keim des Zweifels säen, daß es so nicht weitergehen kann. „Bill“, so mein perfider Anflug, „steig auf die Bremse, sonst wirst du mir noch zum Software-Hitler.“ „Bloß nicht, meine Teuerste“, ächzte Bill, „das wär das letzte, was wir brauchen können: Bill Hitler.“ Nachdenklich schraubte er seinen Löffel in den Tee und kaute an diesem wohldosierten Hieb mit der Faschismuskeule. „Weißt du, Billy“, schlug ich weiter auf ihn ein, „Microsoft, Windows 98, Internet Explorer, Outlook Express und Hotmail …, auch Adolf hat seine Firma verästelt. Wenn du deinen Mitarbeitern eine Zukunft vor Historikerkommissionen ersparen willst, betraue mich mit einem Posten in führender Position! In drei Jahren“, so mein Resümée, „haben wir den ganzen Zaster durchgebracht. Unter Garantie!“

Sigrune und Schwertleite

„Zum Glück heiße ich Thomas.“ „Das deutsche Schicksal“, „Adolf, Burghart, Horst, Uta“ genannt zu werden, blieb Chorherr erspart. Ist doch sein Familienname im Gegensatz zu „Eichmann, Himmler, Seyss-Inquart und Hittler (sic!)“ nicht braun vor-, sondern nur grün nachbelastet. Kein Problem also für „Ich heiße Thomas – Gott sei Dank“ Chorherr, der allerdings „einen Herrn kannte, dessen Töchter deutsche Vornamen tragen mußten, die alle mit S begannen“. Der Vater von Sigrune und Schwertleite „war kein Nazi, sondern nur ein Wagner-Verehrer“. „Wagner zu verehren mußte nicht unbedingt Geistesverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus bedeuten, denn Wagner haben auch viele Juden verehrt, ohne daß es ihnen schließlich genützt hätte.“ Von einer „Belastung“ durch einen „Altvorderen“ weiß Chorherr auch: „Im Jahr 1938 beging meine Mutter – Gott hab sie selig! – etwas, von dem ich erst viel später erfuhr. Sie besserte in ihrem Taufschein den Namen dieses Großvaters auf „Mathäus“ um. Es war Dokumentenfälschung. Der liebe Gott hat es ihr sicher verziehen.“ Großvater Nathan vermutlich weniger.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 40/98 vom 30.9.1998 Seite 22

Schnittstellengesellschaft

Falter 40/98, 30.9.1998

Wir leben weder in der Moderne, noch im Zeitalter der Weltraumfahrt, wir leben, so der Nationalökonom Thomas Seifert, schlicht und einfach in einer Schnittstellengesellschaft. Die Schnittstelle ist es, über die sich diese Welt definiert. Ohne Schnittstellen gäbe es diese Kolumne gar nicht. Sie durchläuft schon auf dem Weg zu meiner Zahlenprofetin (so heißt Computer auf Isländisch) einige von ihnen. In der Zahlenprofetin drinnen vermanscht dann das QuarkXpress mit Hilfe vieler interner Schnittstellen die von mir ausgedachten Buchstabenfolgen zu Bits, Bytes und Kilobytes und läßt es zu, daß ich es über eine (virtuelle!) Schnittstelle zum Attachment mache. Meine Kolumne ist jetzt ein Attachment und solche Attachments können problemlos über mein hochmodernes Modem (das wiederum eine Schnittstelle ist) zu einer Zahlenprofetin in Kalifornien geschickt werden. Wie sich leicht denken läßt, sind zwischen meiner Zahlenprofetin und der in Kalifornien enorm viele Schnittstellen. Die Zahlenprofetin namens HotMailServer schickt die Kilobytes dann über vielerlei andere Schnittstellenpassagen wieder nach Wien. Erraten: Zu einer weiteren Schnittstelle! Es ist das Modem schräglinksoben neben Sigrid Neudeckers Zahlenprofetin. Was dann passiert, lesen Sie näch…s….

Wem gehört Hermann Maier?

Wem gehört Hermann Maier? Dem Kurier, der seine Biografie vorabdruckt? Oder der Krone, die ihn mit Thomas Muster zusammenbrachte? Zwar punktete der Kurier mit Reflexionen über den Jahrtausendflug, den Titel des Buches hatte aber das Kleinformat besser verstanden. „Ich gehe meinen Weg“ (durch die Krone). „Aufmerksam, als wolle er später einmal in diese Branche einsteigen“, so erfahren wir über den olympischen Besucher, „ließ Maier sich Layout, Schreibcomputer, technische Aufbereitung der Bilder erklären.“ (Der Kurier wußte von Maiers Überlegungen, doch als Ziegelschupfer am Ball zu bleiben.) Wie nicht anders zu erwarten, „schloß er sofort mit den Druckereiarbeitern Freundschaft.“ Als Profi hatte Maier auch ein passendes Paar „Original-Rennskier“ mit dabei, die er mit einem Original-Autogramm verzierte. Wenn schon nicht klar ist, wem der „Hörme“ gehört – er soll ja auch eine Freundin haben -, wissen wir zumindest, wem sein ewiges Dankeschön gilt: den Druckereiarbeitern in Inzersdorf. „Ihr habt’s wegen mir oft so viel Arbeit gehabt, so viele Überstunden machen müssen.“ Danke.
© Andrea Maria Dusl
„Falter“ 39/98 vom 23.9.1998 Seite 22

Dämme gegen Sorgenflut

Falter 39/98, 23.9.1998

Diese Kolumne verkomme zur Tippbörse für haushaltführende Alleinstehende, höre ich mancherorten. Eier, „Methode-Loni“ kochen, gut und schön, meinen die Verbraucherinnen und Verbraucher draußen unter ihren Trockenhauben und hinter ihren Krügelgläsern. Socken waschen hin, Bettzeug trocknen her, wer kümmert sich um den bröckeligen Weltfrieden an der burgenländischen Grenze, wer um die Verlagerung des Gesamttiroler Transits auf die Oberinntaler Schiene, wer sorgt sich um das traurige Schwinden der hochalpinen Gletscher, wer baut Dämme gegen all diese Sorgenfluten? Die EU? Die Fahrdienstleitung Wörgl? Die Schmelzwasserpolizei? Oder bleibt das wieder an uns hängen? Keine Angst, Leute. Um die hehren und höchsten Agenden der Lösbarkeit unlösbarer Probleme kümmert sich Comandantina Dusilova. Nach zehnjähriger Maintenance am Andrea-James-Institut für partielle Progression der Harry-Benjamin-Universität in Ousterhout, Kalifornien und mehrjähriger Mitarbeit im dortigen Melanie-Anne-Phillips-Center für Übergangsforschung nimmt sie regelmäßig zu globalen Themen der Zeit Stellung. Trotz dieser Mehrfachbelastung kümmert sie sich weiterhin um belanglose Dinge wie Linzer Augen stechen und Handtuch wärmen.

Schweinekram und Briefbombenbauanleitungen

Seit Samstag weiß es auch der kleine Mann. Dieses Dings da, dieses Internet kann etwas, was die Leibzeitung nicht kann. In diesem … ja genau: Internet kann man nicht nur surfen, Schweinekram anschauen und Briefbombenbauanleitungen studieren. Dort kann man seit Freitag auch gaaanz, gaaanz geheime politische Informationen lesen. Noch bevor sie am Samstag seriös in der Zeitung stehen. Im Internet können wir, wie Kurier-Ohrwaschelautor GeKo besorgt enthüllt, wie 340.000 andere minütlich auch, den Bericht des Sonderermittlers lesen, uns an „oralen Enthüllungen delektieren, über pikante G’schichterln mit Zigarren schmunzeln und uns den Befriedigten vorstellen, wie er gerade mit Kongreßabgeordneten telefoniert“. Gerade wegen des voyeuristischen Charakters der Welt sollten wir nicht vergessen, daß „wir dadurch selbst zu einem Teil der öffentlichen Bloßstellung werden, Ankläger, Zeugen und Richter in einer Person sind“. Pfau, was dieses Internet nicht alles kann! 340.000 hartnäckige Starrs, meineidige Lewinskys und ungnädige Richter hervorbringen. In der Minute! Nur seriöse Verteidigung, so scheint’s, bringt dieses Internet keine auf den Plan.
©Andrea Maria Dusl
Erschienen in „Falter“ 38/98 vom 16.9.1998 Seite 20

Methode Loni-Eier

Falter 38/98, 16.9.1998

Kein Ei gleiche dem anderen, führen anerkannte Ovologen stets ins Treffen, wenn sie, das Wesen von Similaritäten verkennend, auf dem Eis der Diversifikation einbrechen. Ungleich, wie wir alle wissen, sind Eier erst nach ihrer Zubereitung zum Frühstücksei. Konsequenterweise, liebe Ovologen, müßte es also heißen: Kein Frühstücksei gleicht dem anderen. Womit wir in medias res apparationis wären. Ein Frühstücksei kann auf vielerlei Arten gekocht werden, aber nur eine Methode führt zum Ergebnis des genießbaren, des schmackhaften, des kernweichen Frühstückseis. Diese Methode heißt Methode Loni, in english: „Loni’s method“. Die Zubereitung eines Frühstückseis nach der Methode Loni geht folgendermaßen: In einem Metallgefäß erhitzen wir Wasser auf 80 Grad. Bei den ersten akustischen Anzeichen des Köchelns verbringen wir das rohe Ei mittels eines hölzernen Kochlöffels in das fast kochende Wasser und stellen eine Eieruhr auf 4 Minuten 19 Sekunden. (Profis der Methode Loni lesen diese Zeitspanne an ihrer inneren Uhr ab.) Mit Hilfe unseres Kochlöffels heben wir unser Ei nach Ablauf der Lonischen Spanne aus dem erst jetzt kochenden Wasser und schrecken es unter leitungskaltem Wasser bis auf fingerspitzenerträgliche Wärme ab. Sämtliche andere Zubereitungsarten führen zu ungenießbaren Frühstückseiern.

Theorie statt Praxis

Falter 37/98, 9.9.1998

Theoretisch gibt es Wohnungen mit Sicherheitsschlössern an den Eingangstüren. Die satt und lautlos in den Angeln schwingen. Praktisch pfeift durch mein flattriges Dünnholzentree die steife Brise des zweiten Bezirks. Theoretisch gibt es Küchen, die ausschließlich zum Kochen und Verkosten von Delikatessen verwendet werden. Praktisch ist das einzig Delikate an meiner Feuchtraumkombüse, daß die Frühstückskipferln die fette Nässe der Tropen annehmen, in der Duschtasse dafür die Krümel der abendlichen Leberkässemmel schwimmen. Theoretisch lassen sich die meisten Fenster sowohl öffnen als auch schließen. Praktisch verharren die meinigen in einem apertiven Koma mittenmang. Theoretisch kann man in modernen Wohnungen zwei Elektrogeräte gleichzeitig am Netz zappeln lassen. In meiner, die eher modernd denn modern ist, habe ich die Wahl zwischen Heizen, Waschen, Toasten und E-Mailen. Nie jedoch zwischen elektrotechnischen Mehrfachbelastungen. Daß in theoretischen Wohnungen auch Backen, Braten und Bähen möglich sein soll, zudem die zivilisatorischen Segnungen des Haarefönens, Schallplattenabspielens und des Mehralszweilampengleichzeitigeingeschaltethabens, wurde mir erst jüngst wieder berichtet. Theoretisch sollte ich die Wohnung wechseln. Ganz schön praktisch wär das.

Sport ist blöde

Falter 36/98, 2.9.1998

Das will natürlich niemand zugeben. Daß Sportkonsum öde ist. Fußballschauen etwa. Wenn der Großteil der männlichen Bevölkerung des siebtreichsten Landes der Welt Sonntag für Sonntag untalentierten Sporthilfeempfängern bei der Jagd nach einer luftgefüllten Lederkugel zusieht, darf das nicht öde sein. Nicht offiziell. Allemal handelt es sich um eine schwache Saison. Oder um taktische Begegnungen. Nie jedoch grundsätzlich um Ödsinn. Wenn derselbe Großteil der männlichen Bevölkerung mit manischem Impetus angegrauten Jugendlichen dabei zusieht, wie sie milliardenschwere Werbeflächen im Kreis pilotieren, dann handelt es sich natürlich auch nicht um Ödnis. Sondern um das Anerkennen fortschrittlichster Automobiltechnologie im Vorfeld der Serienreife. Um das Mitleben im Kampf Mann gegen Mann, Motor gegen Motor, Getriebe gegen Getriebe, Stallorder gegen Stallorder. Als öde gilt, Experten die Sinnfrage zu stellen. Sinnfragen zu stellen, gilt bei Sportinteressierten als Tabu. Welchen Sinn macht Tanz, kontern sie dann. Oder: Da werden Milliarden bewegt. Das kommt doch auch dem kleinen Mann auf der Straße zugute. Blödsinn. Ich erkläre hier und jetzt: Sport ist blöde, Fußball plemplem und Formel Eins gaga. Nur für Hermann Maier schwärme ich. Der ist so sportlich.

Brot ist Leben

Falter 35/98, 26.8.1998

Unser täglich Brot gib uns heute …“, empfahlen uns die Schulschwestern zu erbitten. Die stoische Gründlichkeit, mit der sie uns dieses Gebet einbläuten, fruchtete immerhin so sehr, daß mir ein Tag ohne Brot, zum Beispiel ein frühstückssemmerlreicher Sonntagmorgen, geradezu sündig erschien. Unkatholisch, gottlos, teuflisch, so ein Tag ohne Brot. Meine Mutter, die als Evangelische Augsburger Bekenntnisses fast so etwas wie ein hedonistisches Stigma trug, ging in ihrer ökumenischen Rücksichtnahme auf die Ziele der Ecclesia einen Schritt zu weit: Sie nahm das mit dem täglichen Brot wörtlich. Ich biß also schwer und hart an knochentrockenen Scheiben dunkelbrauner, granitverkrusteter Schulbrote. Jahrelang. Sparsam, als hätte der heilige Franz von Assisi seine Hand dabei im Spiel gehabt, war zwischen die beiden Schieferscheiben eine hauchzarte Schicht Butter gestrichen. Traurig war das, denn nicht einmal größter Hunger vermochte mich dazu zu bewegen, mich im täglichsten aller Brote zu vergessen. Ich begegnete dem Konflikt kompromißlos durch Sünde. Ich warf das täglich Brot täglich weg und kaute dafür täglich hart an den täglich resultierenden Gewissensbissen. Seit damals horte ich weichstes Weißbrot. Bis es hart wie Marmor ist. Und weggeworfen werden kann. Denn Brot ist auch Sterben.

Ein Volk von Reisenden

Falter 34/98, 19.8.1998

Die Uhr im Supermarkt zeigt elf Uhr vormittags an einem strahlend blauen Augustsonntag. Vati, 34 und Funkberater, hat Senf, Servietten, zwei Kilo Grillspieße und 18 Dosen Schwechater im Einkaufskörbchen. Vati muß mit dem Reiseproviant nach Neulengbach. Doris, 24, Studentin und zu Hause in der Mollardgasse, braucht Himbeermarmelade, Semmeln und Klopapier für ihre Heimreise in den Sechsten. Bianca, 23, Kindergärtnerin, plant, sich auf ihrer Fahrt in die heimatliche Lassallestraße mit Nagellackentferner, Duschgel, einem Liter Milch, Kärntner Kasnudeln tiefgekühlt, einer Dose Nivea und einer Packung Always Ultra zu verköstigen. Franz, 56 und arbeitslos, verbringt sechs Dosen Ottakringer und zwei Minifläschchen Jägermeister in seinen Hauptwohnsitz in der Wartehalle des Pratersterns. Örkün,17, Schülerin aus der Meidlinger Hauptstraße, reist nie ohne Butter. Franz, 48, Werbegrafiker aus der Praterstraße, schafft keine längere Zugfahrt ohne sein Viertelkilo koffeinfreien Kaffee und eine Packung Rasierklingen. Da es nach dem Willen des Gesetzgebers geht, darf an einem Sonntag um elf nur Reiseproviant verkauft werden. Was dazu führt, daß halb Wien an den Praterstern reist, um sich mit sonntäglichem Reiseproviant einzudecken. Wien ist anders. Wien ist ein Volk von Reisenden.

Warum die Titanic sank II

Falter 33/98,  12.8.1998

Telebanking, so erörterten wir letzte Woche, war mitschuldig am Untergang der Titanic. Warum das stolze und als unsinkbar geltende Schiff so schnell in die Tiefe gezogen wurde, konnte die renommierte israelische Wissenschafterin Sharon Cohen vom Dan-Ternat-Institut für Chaostheorie an der Universität Tel Aviv vor kurzem schlüssig beweisen. Zucker, so ihr Schluß, stinknormaler Zucker an Bord der Titanic sei einer der Hauptgründe für ihr rasches Sinken gewesen. Cohen: „Mir ist ein Zuckersack in die Fischsuppe gefallen. Das Rätselhafte daran war, daß der Topf nicht überging. Der ganze Zucker hatte sich gelöst. Ich stellte gezielte Versuche in meinem Labor an und war verblüfft: Ein Kilo Zucker kann ohne Volumenvergrößerung 1,7 Kilo Meerwasser aufnehmen. Macht 2,7 Kilo. Ein Kilo Eisen bleibt ein Kilo, es wird durch Auftrieb im Wasser sogar leichter, ein Kilo Zucker hingegen wird fast dreimal so schwer. Aus den Ladelisten der Titanic wissen wir, daß im Vorderteil des Rumpfes 121 Tonnen Rübenzucker lagerten. Aus 121 Tonnen Zucker wurden innerhalb von Minuten 326,7 Tonnen leichtflüssiger Sirup. Kein Wunder, daß die Titanic so schnell und unaufhaltsam sank.“ Trocken allerdings der Titel von Sharon Cohens Buch: Sweet Desaster.

Warum die Titanic sank

Falter 32/98, 5.8.1998

Es war nicht der Eisberg, dessen Schramme den Stolz der Sieben Meere ins nasse Grab des Atlantiks zog. Neueste Untersuchungen der renommierten amerikanischen Wissenschafterin Loni Lagir vom Institute of Maritime Studies an der University of Portland, Oregon, wollen ganz andere Ursachen für den Untergang des Luxusliners R.M.S. Titanic verantwortlich machen. „R.M.S.“, so Lagir lakonisch, „darin steckt der Schlüssel zum Untergang.“ Das Kürzel steht für Royal Mail Steamer und entspräche einem „D.d.Ö.P.“, einem „Dampfschiff der Österreichischen Post“. Wie unsere Post war auch die Royal Mail nicht nur für gelbe Post, sondern über Lizenzen der Marconi-Gesellschaft für drahtlose Telegraphie auch für frühe Formen des Telebanking zuständig. Telebanking, wie es in verblüffend ähnlicher Form auch der heimische Postfuchs im Internet betreibt. Rettung rufende Funksprüche von der Titanic, weist Lagir in ihrem Papier nach, konnten nicht rechtzeitig abgesetzt werden, weil das Telebanking einiger Passagiere die Funkanlage lahmgelegt hatte. Der Tod der Passagiere und Besatzungsmitglieder der Titanic ging eindeutig aufs Konto schlechter Fernmeldelogistik. Wie gut, daß die 18 Minuten, die eine Kontostandsabfrage beim P.S.K-Telebanking durchschnittlich dauert, noch zu keinen Mortalitäten geführt hat.

Mir sind Öropeer!

Falter 30/98, 22.7.1998

Sind wir sich einig: Daß wir ihn Vorsitz von Europa haben, ist nicht ganz depert. Jetzten wissen auch der hinterste Fischer aus Portogall und der letzte Koffer aus Berlin daß mir nicht auf der Nudelsuppen dahergeschwommen sind. Weil, wir wissen das eh schon lange, Soda mit Himbeeren, jetzt is des auch vom Tapet. Zum Beispiel kommen sehr viele Dichter und Denker aus Wien, Bethofen, Maria Teresia, Kaiser Franzjosef I. und II., der dritte Mann, und viele andere. Auch Göthe und Schiller weilten stets hier. Oder das Augartenporzelan? Bitte wo auf der Welt, geschweige denn in Europa gibts sonst noch Augartenporzelan? Oder Sachertorte und Melausch? Oder Wiener Schnizel mit Gurckensalat? Das heißt ja schon so. Oder der Stefansdom, der ist höher als alle Kirchen außer in Strassburg, und das haben uns die Franzosen weggenommen. Wenn mir also alles sorgfältig, eins nach den anderen zusammensummieren, kommen wir zum eindeutigen Ergebnis: Die Österreicher sind mit recht die Hauptstadt von Europa. Und unter uns: Auch für den kleinen Mann von der Straße bieten wir etwas: Italienisches Eis, besser als in Rimini und bis hinüber nach Jugoslawien. Oder die feinen, leiwanden Frankfurter und heiße und Waldviertler mit Pfeferoni. Und erst die Käseleberkässemmel, die macht uns so schnell keiner nach.

Eddie und meine Gitarre

Falter 29/98, 15.7.1998

Freitag früh rief Eddie an. Eddie Irvine, der Formel-Eins-Fahrer. Das heißt, es rief natürlich nicht Eddie selbst an, sondern eine Verbündete Eddies, denn Eddie pflegt um diese Zeit Ferraris einzuparken. Eddie hat unglaublich viele Ferraris, mehr als Christian Rainer und fast so viele wie Michi Schuhmacher. Auf jeden Fall ist ferrarieinparken für alle gleich anstrengend und da kann man nicht auch noch telefonieren. Eddie ließ also anfragen, ob ich ihm meine Gitarre borgen könne, er müsse, hieß es, heute noch Auftreten, bei einem Fest, das Ferrari zahle und wo Richard Dorfmeister dann auflege, und so weiter und viele unscharfe Fotos von Ferraris und ihm und Schumi würde man auch sehen. Und weil Comandantinas ganz schön berechnend sein können, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, ging die Beantwortung der Frage in die Richtung, was denn als Gegengeschäft geplant sei. Denn für mich sind meine Gitarren ungefähr so wichtig, wie für Eddie die Ferraris.Ich hätte es also nicht unter einer Runde Ring in der Fiakerspur getan. Auch Ferrarieinparken in der Marc-Aurelstraße wäre schmoov gewesen, oder Tischfußball mit Eddie gegen Fiatfahrer in der Bar Trabant. Die ganze Sache scheiterte schließlich an Eddies zögerlicher Pressereferrentin, weshalb Eddie dann auf Dr. Mignons Gitarre spielte und eigentlich niemand so richtig glücklich war.

Die grosse weite Welt

Falter 28/98, 8.7.1998

Als ich ein Kind war, liebte ich die Post. Zum einen war ich durch die positive Darstellungen postalischer Vorgäng in meinen Kinderbüchern indokriniert, zum anderen war der Herr Briefträger – ein freundlicher Mann mit einem Lastwagenreifen von Bauch – der einzige Fremde, den ich kannte.Unser Postamt war schäbig und alt und es roch nach öligem Linoleum, aber es war die einzige Verbindung in die große weite Welt. Nach Pernambuco, Timbuktu, Nottingham, Bagdad und Stambul, die Osterinsel und wie die Orte in meinen Büchern alle hießen. Alleine die Möglichkeit, einen Brief aufzugeben, der auf der Osterinsel landen würde, machte das Postamt zu einem magischen Ort. Auch telefonieren war noch etwas, damals. Mit einem Schilling konnte ich fünf Minuten mit meiner besten Freundin plappern. Wenn das kleine Fenster mit dem weißen Zeiger ein präpariertes Loch hatte, in das eine Stecknadel paßte, um den Zeiger anzuhalten, konnten wir sogar ewig miteinander sprechen. Jetzt ist alles anders. Der Lastwagenreifenbauchbriefträger ist in Pension, das Postamt ist zur Arbeitslosengeldabholanstalt verkommen und telefonieren können wir vom Handy. Und die Telefonnummern holen wir uns aus dem Internet. Aber nur zu Geschäftszeiten. Denn Nachts schläft die Internetadresse der Post. Es ist doch nicht alles anders als früher.

Similares Anklopfen

Falter 27/98, 1.7.1998

Aus der Phänomenologie ist uns bekannt, daß Vorgänge unterschiedlicher Wesensart durchaus änhliche Ansichten hervorufen können. Nun habe ich von den Hervorbringungen der Philosophie ungefähr soviel Tau, wie Wittgenstein vom fünfhändigen Gitarrespiel, aber Ähnlichkeiten aufzuspüren vermag ich Also: worin ähneln einander Damentoiletten und Fußballspiele? Zwar haben Frauenklos weder Linienrichter noch bewegen sich dort zweimal elf Mann aufeinander zu, und auf des Kickers grünem Rasen werden weder Schminkspiegel gezückt noch Lippenstifte verborgt, aber gemeinsam haben Fußballfelder und Damentoiletten dennoch eines. Aus beiden Lagern, dem der Kicker und dem der Damen-Toiletten-Benutzerinnen kann berichtet werden, daß eilige Versuche meist an der verschlossenen Tür landen. Wenn, sagen wir einmal, ein durchschnittlich begabter Fußballer die Frucht des Spieles in Richtung Tor wettert, kann er sicher sein, daß seinem vehementen Impetus mindestens die Handschuhe des Tormannes entgegenstehen, im Regelfall aber das Lattenkreuz. Damenklos funktionieren ähnlich. Wenn, sagen wir, von vier Damenklotüren eine verschlossen ist, kann eine durchschnittlich begabte Klogeherin sicher sein, daß genau diese Kabine besetzt ist.Diese beiden verwandten Phänomen nennen wir Anklopfen.

Trotz aller Obwohls

Falter 26/98, 24.6.1998

Ich habe einen Klopfer. Einen Klopfer hast Du, wenn Du Dinge tust, die andere nicht tun. Und wenn sie sie doch tun, dann zu anderen Zeiten oder in anderem Zusammenhang. Ich habe mit dem Trinken alkoholischer Getränke aufgehört, obwohl die Wissenschaft erst vor Kurzem die Vorteile des täglichen Achterl Rot ergründete. Ich sitze im Schatten meines Schlafzimmers, obwohl draussen der feinste Sommer glüht. Ich bespreche mit Fredi Dorfer transidente Inhalte, obwohl einen Saal weiter Gunkl, die Stimme Gottes, gazellengleich über Sprachkaskaden schnellt. Ich interessiere mich nicht mehr für Fußball, obwohl gerade Fußballweltmeisterschaft ist. Zu allem Überdruß liebe ich es, im Sommer schwarze Kleidung zu tragen. Aus dem Physikunterricht ist mir bekannt ist, daß Schwarz die meiste Strahlung absorbiert und denkbar ungeeignet ist, in der prallen Sonne getragen zu werden. Obwohl mir bewußt ist, daß ich das weiß, ignoriere ich es. Ich gehe nicht ins Bad, obwohl ich es vergöttere, ins Bad zu gehen. Ich liebe schwarze Badeanzüge, obwohl ich nur zwei davon besitze. Ich bin katholisch und wußte nicht, daß der Papst in Österreich war. Ich bin gegen Atomkraft, obwohl ich mich nicht vor ihr fürchte. Ich hätte gerne einen Ferrari, obwohl nur Schlampen einen fahren. Ich habe eine Klopfer und es macht mir nichts aus.

Noch Feuerzeuglicheres

Falter 25/98, 17.6.1998

Resumee: In der letzten Folge erörterten wir die Frage nach dem Wohin und Woher von Feuerzeugen. Wir lernten die Phänomene Giving, Getting und Changing kennen.Diesmal wollen wir uns damit beschäftigen, woher die Feuerzeuge überhaupt kommen, und wohin sie überhaupt verschwinden. Feuerzeuge, die neu in den GCG-Kreislauf eingebracht werden, also neue, randvolle, kommen aus Trafiken, aus Tankstellenboutiquen und aus den Regalen neben den Registrierkassen von Supermarktfilialen. Diese Feuerzeuge der ersten Generation werden bald zu Changing-F.s und Giving-F.s. Was aber passiert mit alten, verbrauchten, mit leeren Feuerzeugen? Prof. Mia Eidlhuber von der Stanford University lieferte dazu jüngst eine einleuchtende Erklärung. 1. Es sind stets Getting-Feuerzeuge, die aus dem Kreislauf ausscheiden. 2. Es sind immer Feuerzeuge, die mindestens vier Generationen Changing hinter sich haben (der höchste gemessene C-Wert betrug 9). 3. Getting-Feuerzeuge werden nach einer unauffälligen Ruhephase im Haushalt von Getting-F.-Besitzern zu Vanishing-Feuerzeugen. 4. Vanishing-Feuerzeuge dematerialisieren sich in Superstrings der Dimensionen 7 und 8 und bleiben unseren vier Dimensionen damit für immer verborgen.. Daß höhere Mächte ihre Finger im Spiel haben könnten, wurde damit widerlegt.

Feuerzeugliches

Falter 24/98, 10.6.1998

Das verschwunde Socken-Phänomen ist beileibe nicht das einzige Mysterium, das mit Hilfe der modernen Physik einer Lösung zugeführt werden konnte. Jüngst gelang es einem Forscherteam am M.I.T. ein ähnlich häufiges, wenn auch in der Ursache grundverschiedenes Rätsel aufzuklären. Die bekannte Tatsache nämlich, daß sich Wegwerffeuerzeuge auf bisher unbekannten Wegen in Handtaschen,Schreibtischladen und Küchenablagen materialisieren, bzw. dematerialisieren. Drei miteinander Verknüpfte Phänomene wurden untersucht.: Getting (das Vermehren von Feuerzeugen bei statistisch relevanten Personengruppen), Giving (das signifikante Schrumpfen von Feuerzeugbesitz) und Changing (die numerisch-neutrale Zwischenstufe auf der Gaußschen GCG-Glockenkurve). Changing, so wurde entdeckt, ist der nit Abstand Häufigste Zustand. GCG ist ein quantenmechanisches Phänomen, das in Ähnlicher Form auch bei Visitkarten und Emails vorkommt. Populärwissenschaftlich ausgedrückt könnte es so beschrieben werden. Die Gesamtmengen von Getting- und Giving-Feuerzeugen halten einander stets die Waage. Statistisch gesehen! Nicht jedes Getting-Feuerzeug ist gleich ein Giving-Feuerzeug, es könnte genauso gut schon oder noch ein Changing-F. sein. Mehr darüber nächste Woche.

Zerpackungen

Falter 23/98, 3.6.1998

Gut Ding braucht nicht nur Weile, es braucht vor allem Verpackung. Je besser das Ding, desto verpackter ist es, soviel können wir getrost behaupten. In der Natur, unserer Lehrmeisterin in Sachen Marktmechanismen finden wir lohnende Beispiele zur Illustration dieses Prinzips. Perlen zum Beispiel:Die liegen nicht einfach so herum, sondern sind ziemlich aufwendig in Muscheln verpackt. Oder Kaviar: Auch nichts, was so, mirnichtsdirnichts vom nächsten Baum hängt. Richtig guter Kaviar ist in mindestens zweihundert Kilo kaspishen Stör gewickelt.Schlecht Ding wiederum kann verbessert werden, in dem es aufwendig verpackt wird. Kinderüberraschungseier, Zigaretten, Urlaubsfotos… die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Besonders perfide Verpackungsstrategien verfolgen die Nahversorgungsmonopolisten. Käse wird nicht Käsegerecht, sondern Verpackungsgerecht gehandelt. Das Kassapickerl ist aus sicherheitstechnischen Gründen so untrennbar mit der hauchzarten, aber unzerstörbaren Klarsichtfolie verklebt, daß Abreissen nicht ohne den Verlust von drei Fingernägeln einhergeht. Einmal perforiert läßt sich Weichkäse dann leicht mit einem Strohhalm aufsaugen. Hartkäse läßt sich in kleinen Bröckchen rausschütteln oder mit einer medizinischen Pinzette entnehmen. Gut Ding braucht eben Weile.

Not wendet

Falter 22/98, 27.5.1998

Zu Haushaltselektronik habe ich ein einspältiges Verhältnis. Entweder halte ich eine Maschine für proper genug, mir zu Diensten zu stehen – oder nicht. Dazwischen gibt es nichts. In dieses entweder-oder paßt nicht einmal die dünnste Rasierklinge. Fernsehapparat etwa besitze ich keinen mehr, weil er erstens vom Exekutor mitgenommen wurde und mir zweitens gar nicht fehlt. Ähnlich mein Verhältnis zum Bügeleisen: Eines, das ich besaß, wurde als Scheidungswaise dem ausziehenden Teil zugesprochen und aus Mangel an Bügelgut nie ersetzt. (Ich trage ohnedies selten Geblustes und Plissiertes). Fön brauche ich auch keinen, weil meine kaukasischen Engelslocken glücklicherweise auf die Naturtrockenmethode ansprechen. Bleiben die erlebniselektronischen Medien Computer, Telefon und Stereoanlage sowie die gastronomischen Apparate zum Kühlen, Wärmen und Aufsaugen von Speisen. Und . . . . meine geliebte Waschmaschine. Denn nichts, absolut nichts, macht mir mehr Spaß, als Wäsche zu waschen. Nicht einmal duschen ist schöner. Während ich stundenlang dem friedlichen Schnurren meiner finnischen Waschmaschine lausche, steigert sich mein Verlangen, das sämigweiche und bis auf minimale Restnässe trockengeschleuderte Waschgut endlich aufzuhängen, ins Unerträgliche. Was wäre ich ohne Waschmaschine?

Vom guten Gebrauch

Falter 21/98, 20.5.1998

Von Manfred Deix geht die Mär, er habe, als er noch ganz arm war, in Ermangelung eines Herdes mit funktionierender Kochplatte, seinen Morgenkaffee auf einem umgedrehten Bügeleisen zubereitet. Meine Nachbarn, die Familie Pipkow, waren zur Zeit ihres Armseins schon einen Schritt weiter. Erstens waren sie nicht mehr ganz so arm – Dimitar hatte schon seine Eineinhalbmillonenschillinggeige – und zweitens hatten sie eine Kochplatte. Weil sie aber keine Pfanne dazu hatten, legten sie ihre Pardeiserscheiben, Pfefferonistreifen und Paprikaschnitzel schlichterhand auf die Kochplatte. Wie das duftete, das bulgarische Röstgut! Gut, so waren sie, die Pikowschen, schlicht, aber mit großem Improvisationstalent gesegnet. Raffiniert geht es auch in der Familie der Comandantina zu. Bruder Pjotr etwa stellt seine 60tausendschilling-Studiomonitore nicht auf handelsübliche Dämpfer, sondern auf zwei mal zwei Bände des Brockhaus von 1897. Die Comandantina selbst hat den umgekehrten Weg eingeschlagen. Sie bändigt die Vibrationen der 24 Ziegel ihres schnittigen Brockhaus von 1998 mit tschechoslowakischen Boxen der Marke Tatrafon. J.J.Cale’s „Low Down“, die Lieblingsaufwachhilfe der Comandantina, kann erst so seine volle Magie entfalten.