Ein Nähkästchen dient als tragisches Requisit in Theodor Fontanes Roman Effi Briest (1895). Das frauenzimmerliche Utensil ist das geheime Versteck für Effis Liebesbriefe vom charmanten Major von Crampas. Jahre nach der ausserehelichen Affäre werden die kompromitierenden Schriftstücke von Effis Ehemann Baron Geert von Innstetten entdeckt. Der kompromitierende Zufalls-Fund im Handarbeitsbehälter löst eine Kaskade von Katastrophe aus. Vom Ehrenkodex der Zeit und des Standes gezwungen fordert Innstetten Crampas zu einem Duell. Der Major wird getötet, Effi verstoßen. Sie verliert das Sorgerecht für ihre Tochter und wird von der Gesellschaft isoliert. Schwer krank und gebrochen kehrt Effi auf das elterliche Gut zurück, wo sie kurz darauf gebrochenen Herzens stirbt.
„Jedes Schriftl is a Giftl“ würden die politische Akteure des gegenwärtigen Österreich antworten. Die Produktion und das Aufbewahren von Kompromaten gelten als übliche Praxis. Unachtsamkeit, Vergesslichkeit, Unordnungsliebe und Patschertheit sind dabei nur die lässlichen Motive. In der byzantinischen Performation von Amtsstuben, Politbüros und Redaktionen kommt dem Giftschrank (so das Nähkästchen für Fortgeschrittene) eine wichtige Funktion zu. Dabei muss das „Giftl“ nicht explizit veröffentlicht oder strategisch in Anschlag gebracht werden. Die schiere Möglichkeit seiner Existenz kann genügen.
„Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv“ lautete in weniger toxischer Absicht der Leitspruch des legendären österreichischen Journalisten und Zeit-im-Bild-2-Anchorman Robert Hochner.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 3. Oktober 2026.