Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 40/2026 vom 30. September 2026
Liebe Frau Andrea,
heutzutage scheint es ausgestorben: Das lautmalerische „bagschierlich“, die Beschreibung eines Mädchens, einer jungen Frau mit einer Zwirnspulerlfigur (Busen und Hüften weiblich ausgeprägt, dazwischen eine deutliche Taille), die mit beiden Beinen im Leben steht. Eine Sopherl vom Naschmarkt könnte so gewesen sein. Können Sie das Wort „übersetzen“, die Bedeutung erklären? Vielen Dank, auch für Ihre Texte, ich liebe sie!
Mit herzlichen Grüßen,
Elfi Jirsa, Hetzendorf, per Bernsteinfunkennachricht
Liebe Elfi,
als „Sopherl vom Naschmarkt“ zirkuliert im Wiener Mythenkosmos eine Kunstfigur des Feuilletonisten Vinzenz Chiavacci (1847-1916). In seinen Essays in der Österreichischen Volkszeitung nahm die Wiener Marktfrau „Sophie Pimpernuß“, kurz „Sopherl“ regelmäßig zu Wiener Angelegenheiten Stellung. Chiavacci beschrieb die resolute Obst-Standlerin als robuste, wohlgerundete Gestalt mit warmherzigem, von Gesundheit strotzendem Gesicht. Sopherls kluge, muntere Augen und ihr energischer Mund waren in ewiger Bewegung, braunes Haar, von Silberfäden durchzogen, lugte unter einem buntgeblümten Kopftuch hervor. Das Amalgam aus Reschheit und Gutmütigkeit sprach derbes Wienerisch und den volkstümlichen „Spruch“. Insoferne ist die Sopherl nicht typisch für das „bagschierliche Mäderl“.
Unser Begriff wurde „bagschíali(ch)“ ausgesprochen und bedeutete bei kleinen Kindern „possierlich“, „niedlich“, „drollig“. In der Fernbekundung von weiblichen Wesen transportierte es die Genderqualitäten „herzig“, “anmutig“, „schön anzusehen“. Die Sprachforschung leitet das Wort von „patschen“ (dem kindlichen Klatschen) ab, weshalb es in manchen Dialekten „patschierlich“ lautet. Nach anderer Etymologie kommt es vom Eigenschaftswort „beigeschirrig“, das ein zusätzlich eingespanntes, kleineres Zugtier im „Geschirr“ eines Wagens bezeichnete.
Ein weiteres „bagschialich“ in der Bedeutung „streitsüchtig“, “grob“ entspricht der „Sopherl“ eher, kommt es doch von mittelhochdeutsch *bâgesgiric, zusammengesetzt aus „bagen“ (schreien, streiten) und dem Vorläufer von gierig, fordernd.
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