Wie Du darf es sein?

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 39/2026 vom 23. September 2026

Liebe Frau Andrea,
in Lokalen und Geschäften, immer öfter passiert es. Unbekannte sind per du mit mir. Manchmal ist das okay, manchmal aber auch verstörend, bisweilen sogar unangenehm. Was kann man da machen? Kann man was machen?
Vielen Dank für Ihren wertvollen Rat,
Maja Ennser, Meidling, per Insta-DM

Liebe Maja,

in österreichischen Geschäften und Lokalen galt bis in die Sechzigerjahre gegenüber fremden Erwachsenen das grundsätzliche „Sie“. Das traditionelle „Du“ existierte zwar, besonders auf dem Land, im Wirtshaus, unter Bekannten und in bestimmten Milieus, war aber an persönliche oder soziale Nähe gebunden. Mit der Studenten-, Jugend- und Gegenkultur veränderte sich die Bedeutung des „Du“. Es stand zunehmend für Gleichheit, Ungezwungenheit und die Erosion von Hierarchien. In alternativen Buchläden, Plattengeschäften, Studentenlokalen, Jugendzentren, Szenebeisln, WGs- und auf Demos wurde das Du ganz normal. In politischen Parteien war es längst etabliert. Wurden die so Angesprochenen doch als mutmaßliche Mitglieder desselben Milieus behandelt. Ähnliches galt seit jeher in der Aristokratie, deren Mitglieder zudem auch noch eng oder zumindest weitschichtig miteinander verwandt waren.

Als eigentliche Zäsur gilt der 1. September 1977. IKEA flutete Österreichs Wohnräume. In Schweden, dem Mutterland des Selbtbaumöbelkonzerns war das allgemeine Duzen bereits gesellschaftliche Norm geworden. Schon Jahre zuvor hatte meine schwedische Großmutter über Ihre Verwunderung berichtet, dass der Stockholmer Taxifahrer mit ihr, alter Dame, per Du war und den König im Cab-Talk gar flapsig als „killen“ (der Kerl) bezeichnete. Das legendär moderne IKEA-Du etablierte jedenfalls eine neue, bewusst informelle Begegnungskultur. In den 90ern wurde das Marketing-Du schließlich endültig als Signal für Jugendlichkeit, Modernität und Kundennähe entdeckt.

Wie gehen wir damit um, wenn uns das Du zu nahe kommt? Comandantina empfiehlt die siezende Distanzfrage: „Ähm, verzeihen Sie, woher kennen wir einander?“. Im akuten Wienfall wird das kaum nutzen. Stechen Sie die Nähe ab. Als Waffen der Wahl empfehle ich die kostbaren Dolche „Oida“ und „Heast!“


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