Sonnensystem Österreich

Zwei prägende Gestalten, männlich gelesen, großväterlich verklärt, dominieren den österreichischen Mythenhimmel. Hie Kaiser Franz Joseph, der uniformierte Habsburger, nach eigener Bezeichnung „erster Beamter des Staates“, da Bruno Kreisky, der sozialdemokratische Nachkriegsimperator, Sonnenkönig genannt, oder schlicht „der Alte“. An Kaiser Franz Joseph imponierte die Konsistenz seiner Erscheinung und die schiere Länge seines Wirkens, Bruno Kreisky wiederum exaltierete das Deviante, Revolutionäre und verkehrte es in sein bürgerliches Gegenteil. Ohne die Döblinger Regimenter und Teile der strammen Rechten wäre ihm die Kanzlerschaft verwehrt geblieben. Wie seine roten Amts-Buddys Olof Palme und Willy Brandt katapultierte er die Gesellschaft in ein anderes, ein richtiges Jahrhundert, seine Reformen gelten noch heute, und werden nur mühsam von den Gegener allen Egalitären abgetragen. Von seinem Ruhm und der Würde seiner Durchsetzungskraft (Grant hin oder her) zehrt die selbstverzwergte SPÖ noch heute.

Warum aber gilt Bruno Kreisky auch Rechten und gesellschaftpolitisch Fernen als Lichtgestalt, Vorbild und politischer Heiliger? Der Nimbus des reformfreudigen Jahrhundertkanzler nährt sein Leuchten aus der schieren Tatsache seiner Alleinherrschaft. Die absolute Mehrheit, erst mit parlamentarisch-wahlpolitischer Trickserei eingefädelt, später mit wirklichem Votum affirmiert, wurde nie wieder erreicht. Bruno Kreiskys Absolute war die letzte, die das Land erinnert. Die seines Vorgängers Josef Klaus ist vergessen. Das Gedächtnis des Landes dominiert einzig der letzte große Rote.

Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 19. September 2026.

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