Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 37/2026 vom 9. September 2026
Liebe Frau Andrea,
als Jahrgang 1944 Geborener sind mir aus Gesprächen mit Großeltern und anderen älteren Verwandten noch viele frühere Wörter und Redensarten geläufig. Ich lese daher gerne mit Interesse Ihre Kolumne, der ich viele wertvolle Hinweise verdanke. Unlängst fiel in einem Gespräch der Satz „da wirst du ja „bummerwitzig“. Ich interpretiere dieses Wort im Sinne von verwirrt, unsicher, unrund, durcheinander u.ä. Ich bitte Sie um Ihre Meinung zu Sinn und Herkunft dieses Wortes.
Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen,
Dr. Gerhard Lindemann, Währing, von meinem iPhone gesendet
Lieber Herr Doktor,
unser Begriff zirkuliert(e) in heimischen Breiten für eine breite Palette an Gemütszuständen. Seine Aussprache changierte zwischen „bumawitssi“ und „pummerwitzig“, und nahm Bedeutungen zwischen „dasig“ und „benommen“ an, „verkatert“ und „schlofgrodn“ (übernachtig). Bummerwitzig konnte aber auch das schnippische, naseweise, abweisende oder hoppertatschige Verhalten junger Mädchen bezeichnen, nicht selten das aberwitzige, vorlaute, bisweilen auch zornmütige. Das Deutsche Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm nennt als alte bairisch-österreichische Bedeutung explizit „mutwillig“ und „übertönt albern“.
In der Form „bummelwitzig“ kennen es die norddeutsch-mittelelbischen Mundarten (insbesondere die Altmärkischen Mundart im heutigen Sachsen-Anhalt und Brandenburg). Dort wird es allerdings eher für „verrückt“, „geistesgestört“ oder „dusselig“ benutzt, im Mittelelbischen für die „scherzhafte oder trügerische Verführung“, die jemanden „verrückt“ und geradezu „schwindelig vor Freude und Sinnlichkeit“ mache.
Im Wienerischen dürfen wir auf verwandte, wenn auch weitgehend anderslautende Zuschreibungen der akuten psychischen Devianz ausweichen, etwa „deppat“, „guggi“ und „narrisch“. Die mutwillig Übermütigen, überdreht Lebhaften, die mit einem „Huscher“ oder „Poscher“ kennt das Wienerische auch als „aufzuckert“, „odraht“, oder schlicht „durchanand“. Wer sich manisch zerfahren und verstört hyperaktiv geriert, „schurlt umandand wia gstochn“, ist in liebevoll-spöttischer Zuschreibung „A gschossans Afferl“.
comandantina.com
dusl@falter.at
@comandantina.bsky.social
instagram.com/comandantina