Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 34/2026 vom 19. August 2026
Liebe Frau Andrea,
gestern waren wir mit einem deutschen Gast beim Silberwirt zum Abendessen. Der wunderbare Gastgarten ist mit alten Pawalatschen geziert. Die Frage unseres Gastes, woher das Wort kommt, konnten wir allerdings nicht beantworten. Bitte um Ihre Hilfe.Herzliche Grüße,
Stephan Pesendorfer, per Email
Lieber Stephan,
die „Pawlatschen“, bisweilen auch „Bawlátschn“ oder „Pablatschen“ geschrieben, ist nach traditionellem Usus ein Mehrzahlwort. Die einzelne „Pawlatsche“ gibt es, jedenfalls im Wienerischen so nicht. Die Pawlatschen bezeichnet den Umgang am Haus, in Altwiener Häusern die offenen, balkonartigen Gänge der Innenhöfe, aber auch die primitive Bühne, die aus zwei Fässern und einem darüber gelegten Brett bestand. Nach gängiger Etymologie kommt das Wort aus dem Tschechischen, wo „pavlač“ (Gang, Zugang) den offenen Hauseingang und auch die Zugangsbalkone (Laubengänge) im winkeligen Innenhof bezeichnet.
In Teilen Österreichs, insbesondere in Wien und Graz, aber auch in einigen anderen Städten des ehemaligen Österreich-Ungarns wird und wurde der Begriff für die umlaufenden Laubengänge der Innenhöfe benutzt. In den sogenannten Pawlatschenhäusern erfolgt der Zugang zu den Wohnungen ausschließlich über die Pawlatschen im Innenhof. Pawlatschenhäuser unterscheiden sich von den modernen Laubenganghäusern in Nordeuropa, den traditionellen in Lateinamerika, aber auch von den großen Loggien im Mittelmeerraum dadurch, dass hier die Zugangsbalkone zu den Mietwohnungen nicht an der Vorderseite des Hauses, sondern an der winkligen, engen Hofseite errichtet wurden, besonders vor den Wohnungen im angebauten Hinterhaus.
Durch den Bau oft mehrstöckiger Pawlatschen ersparten sich Hausherren die Anlage von Gängen und Stiegenhäusern innerhalb des Hauses. Pawlatschen waren kostengünstig und platzsparend und konnten als Balkon genutzt werden. Sie boten Schatten und Schutz bei Regen und Schnee und fungierten als Plattform für Begegnungen aller Art.
Als Konsequenz des Ringtheaterbrands am 8. Dezember 1881 wurde die Neuerrichtung von Pawlatschen verboten. Die wenige, die es noch gibt sind ein Blick in die Wiener Vergangenheit.
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