Die Freunde dunkler Pädaogik gefielen sich zuletzt in der Affirmation der „gesunden Watsche“, einem pädagogischen Relikt aus unschönen Zeiten. Schmerz als Strafe möge motivierend wirken, ist der falsche Gedanke dahinter. Der Gitarrelehrer der Autorin war noch in den Siebzigerjahren stolz darauf, als Volksschulkind vom Philosophen Ludwig Wittgenstein persönliche eine Ohrfeige erhalten zu haben. Schmerz und Demütigung tauschte er gegen die anektdotische Prominenz der Tortur ein. Die Vermischung von Schmerz und Erinnerung reicht weit in die Geschichte zurück. Dorfgrenzen wurden noch in jüngster Vergangenheit mit Milchbärten begangen. An den Grenzsteinen wurden den Knaben feste Maulschellen verpasst. Die Erinnerung an den Ort des Schmerzes sollten sie ihr Lebtag nicht vergessen.
Das Wort Zeuge, unverdächtig jeder Schmerzerfahrung kommt direkt aus dem Mittelalter. Der Brauch der sogenannten „Zeugenziehung“ ist unter anderem im bairischen Recht, der Lex Baiwariorum aus dem 8. Jahrhundert belegt. Etymologisch leitet sich der Rechtsbegriff „Zeuge“ vom Verb „ziehen“ ab. Wer wurde gezogen? Und wohin? Der meist männliche Zeuge vor Gericht, und zwar schmerzhaft, am Ohr.
Auch wenn den Befürwortern der österreichischen Ohrfeige diese Zusammenhänge weitgehend unbekannt sind, stellen sie sich doch in eine Tradition, die Schmerz mit Erkenntnis verbinden wollen. Die Medizin im Land tut sich schwer mit Schmerzvermeidung. Wohl und Weh werden für Geschwister gehalten. „Au Backe“, würden die Floskeljongleure sagen, die beiden sind nur in Österreichs Hinterzimmern noch innige Verwandte.
Andrea Maria Dusl. Für meine illustrierte Kolumne in den Salzburger Nachrichten am 26. Juli 2026.