Stiften gehen

Für meine Kolumne ‚FRAGEN SIE FRAU ANDREA‘ in Falter 28/2026 vom 8. Juli 2026

Liebe Frau Andrea,
viel und oft bin ich mit Jugendlichen unterwegs. In meiner Erinnerung ist der Ausdruck „stiften gehen“ ein Recht gebräuchlicher für verschwinden oder abhauen. Heute ist der Begriff aus dem Sprachgebrauch fast verschwunden.
Ich frage mich seit langem, wo dieser schöne Ausdruck wohl tatsächlich herkommen mag.

Liebe Grüße,
Florian Brandt, Gumpendorf, per elektropostalischer Depesche

Lieber Florian,

das von Ihnen erinnerte „stiften gehen“ ist ein Ausdruck aus der Soldatensprache. Synonym mit Soldatendeutsch ist damit der Jargon oder Soziolekt gemeint, der unter Soldaten gesprochen wurde (und wird). Sie dient(e) als ironische Bewältigung des harten militärischen Alltags und war stark von Abkürzungen, Zynismus und Sprachwitz geprägt. Zahlreiche Begriffe fanden den Weg in die Alltagssprache. Sehr wahrscheinlich haben sich im Stiftengehen zwei Begriffe miteinander vermischt. Das Soldatische kannte für den beliebten Kautabak das Wort „Stift“. „Stiften“ oder „priemen“ bezeichnete den Konsum des Kautabaks. Das unerlaubte Entfernen von der Stellung (oder gar der Truppe) mag sich mit der vergleichsweise harmlosen nikotinischen Kaupause vermischt haben.

Wie so oft hat unser Begriff aber eine viel wahrscheinlichere Herkunft aus dem Rotwelschen und Jiddischen. Jiddisch „schiwes“ (fort-, weg-) gehen ist verwandt mit dem rotwelschen (gaunersprachlichen) Adverb „schiebes“, ebenfalls soviel wie „weg“, „fort“. Beide Wortformen sind mit dem westjiddisch Verb „scheffen“ verwandt, es bedeutet weggehen, sich davomachen, abhauen. „Scheffen“ und „stiften“ haben sich wohl im Barras (dem Militär) miteinander vermischt.

Wo unsere deutschen Nachbarn sich verdrücken, verkrümeln oder verduften, sich dünnemachen, verpissen, ne Fliege, ne Mücke machen oder schlicht Leine ziehen, machen Wiener Fliehende “an Schuach” (einen Schuh) und hauen sich (werfen sich), “üwa d’Heisa” (über die Häuser). Den schönsten Ausdruck für den vorzeitigen Abgang hat das Wienerische aber aus der romaňi čhib, der Roma-Sprache entlehnt, aus Romani “pal” (nach, hinter) wurde “Beuli geh’n” (Päule gehen) oder “beulisian” (päulisieren).


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